M
-m
■m •
'■'^■jtuOU^
'^ÄM
Wm
^» 'Cifi
f* »^
•*^^
|k#»*
.»<.
%-. ^'^l'
■ '4
a
*. J%.-/s»>^
' , .-i*'
'^>. -
^^ >
ZEITSCHRIFT
FÜR
DEUTSCHE PHILOLOGIE
HERAUSGEGEBEN
VON
Dr. ernst hopfner und Dr. JULIUS ZACHER
DIKECTOR D. REAIiSCHÜLE Z. HEIL. GEIST PROFESSOR AN DER UNIVERSITÄT
ZU BRESLAU ZU HALLE
ERSTER BAND
HALLE
VERLAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES
1869
Pf
■3 Co 3
^ 3s
6c/. /
VERZEICHNIS DER ME^ARBEITER
welche beitrage zum ersten bände geliefert haben.
Prof. dr. Aug. Anscliütz in Halle.
Gymnasiallehrer dr. Ludw. Bossler in Gera.
Dr. Bertliold Delbrück in Halle.
Gymnasiallehrer dr. 0 s k. E r d m a n n in Graudenz.
Gymnasiallehrer dr. Ge. Gerland in Magdeburg.
Dr. Moriz Heyne in Halle.
Prof. dr. Rud. Hildebrand in Leipzig.
Director dr. Ernst Höpfner in Breslau.
Oberlehrer dr. Oskar Ja e nicke in Wriezen.
Prof. dr. C. Fr. Koch in Eisenach.
Bibliothekar dr. Reinhold Köhler in Weimar.
Prof. dr. Ad albert Kuhn in Berlin.
Staatsrath dr. Leverkus in Oldenburg.
Oberlehrer dr. Aug. L ü b b e n in Oldenburg.
Prof. dr. Ernst Martin in Freiburg.
Prof. dr. Konr. Maurer in München.
Dr. Elard Hugo Meyer, lehrer an der handelsschule
in Bremen.
Prof. dr. Leo Meyer in Dorpat.
Prof. dr. Theodor Mob ins in Kiel.
Dr. Max Rieger in Giessen.
Prof. dr. Ernst Ludw. Roch holz in Aarau.
Prof. dr. Heinr. Rflckert in Breslau.
Prof. dr. Rieh. Schröder in Bonn.
Prof. dr. Wilhelm Wackernagel in BaseL
Prof. dr. Karl Weinhold in Iviel.
F. Woeste in Iserlolm.
Prof. dr. Julius Zaclier in Halle.
INHALT.
Seite
Die deutsche lautversehiebuiig. Von Berthold Delbrück 1
Der tannewetzel und bürzel. Von Karl Wein ho kl 22
Zur gotischen prononünalflexion. Von Leo Meyer 24
Über die norwegische auffassung der nordischen litteraturgeschichte. Von Kon-
rad Maurer 25
Der schuss des wilden Jägers auf den sonnenhirsch ; ein beitrag zur vergleichen-
den ni3'thologie der Indogermanen. Von Adalbert Kuhn 89
Zur Alexandersage. I. Zum Julius Valerius. Von Wilhelm Wackernagel . 119
W. Seh er er, zur geschichte der deutschen spräche; angezeigt von B. Del-
brück 124
Die deutschen zwölfgötter. Von Karl Weinhold 129
Die deutsche lautverschiebung (Forts, und schluss). Von ß. Delbrück . . . 133
Übersicht der mittelniederländischen litteratur in ihrer geschichtlichen entwick-
lung. Von E. Martin 157
Bruchstück eines lateinischen marienliedes mit altfranzösischer Übersetzung. Von
Aug. An schütz 178
Das thiermärchen vom gegessnen herzen. Von E. L. E och holz 181
Zur Charakteristik der deutschen mundarten in Schlesien. I. Von H. Eückert 199
Litterarische, exegetische, grammatische und etymologische beitrage aus dem
bereiche des niederdeutschen. Von F. Woeste 214
über Cynevulf. I. H. Von M. Rieger 215
Ein brief Jac. Grimms 227
Laas, der deutsche aufsatz; angez. von E. Höpfuer 230
Stark, kosenamen, und Methner, einführung in die deutsche Sprachlehre;
angezeigt von G. Gerland 232
Pischons leitfaden und Droese, einführung in die deutsche litteratur; ange-
zeigt von J. Zacher 239
Ein altpreussisches glossar. Von J. Zacher 256
Einladung zur philologenversamlung in Würzburg 1868 256
Corpus juris germanici poeticum. L Kudrun. Von Eich. Schroeder . . . 257
Die neuesten Untersuchungen über die abfassungszeit des Schwabenspiegels. Von
demselben 273
Über den Heliaud. Von Moritz Heyne 275
Die altsächsische bibeldichtung und das Wessobrunner gebet. Von Wilhelm
Wackernagel 291
Bauernwenzel, ziegenpeter, mums. Von Georg Gerland 309
Über Cynevulf. m, IV, V. Von Max Ei eg er 313
Der Seefahrer, als dialog hergestellt. Von demselben 334
Angelsächsich eä (Grimms eä). Yon C. Fr. Koch 339
VI INIL\.LT
Seite
Der storch , nach schweizcrischoiu Volksglauben. Von E. L. E o cli h o 1 z . . . 344
Ein brief von Eud. Weckherlin. Von Ernst Höpfner 350
Zu Schillers Toll. Von Oskar Jae nicke 353
Beriolit über die Verhandlungen der germanistischen sectioii der XX\'I. ])liiIo-
logenversamlung zu Würzburg (1868). Von Ludwig Boss 1er . . . . 354
L. Tob 1er, über die wortzusaiuinensetzung; angez. von G. Gerland . . . 357
Stratniann, dictionary of the Old English lauguage; ang. von Fr. Koch . 364
C. Fr. Koch, bist, gramni. der engl, sin-ache 111, 1. — Codd. Gotici Anibro-
siani ed. Uppström. — Bernhardt, krit. Untersuchungen über die
got. bibelübersetzung; angez. v. Moritz Heyne 371
K. Meyer, die Dietrichssage; angez. von Elard Hugo Meyer 375
Das leben der heil. Elisabeth, herausg. v. Eieger; ang. v. Jae nicke . . . 376
Weinhold, Boie; angez. v. Weinhold 378
C. Fr. Koch, deutsche elemeutargranmiatik. — ■ Eugelien, leitfaden für den
deutscheu Unterricht; ang. von J. Zacher 388
Nordischer litteraturbericlit. I. Von Th. Möbius 389
Bemerkungen zu Otfrid. A^ou 0. Erdmann 437
Ein wunderlicher rheinischer accusativ. A"on E, Hilde br and 442
Die bedeutung der krypta. Von demselben 448
Cornelius. Eine ergänzung zum deutschen wörterbuche. Von Eeinhold Köhler 452
Ein schlechtes tüchlein sein. Von E. L. Eochholz 459
Zwei niederländische lieder aus dem jaln-e 1593. Von W. Leverkus . . . . 465
Ancelmus scal de passio heten. Von A. Lübben . , 469
Zur textkritik des Ludwigsliedes. Von J. Zacher 473
Ein lebensabriss Jacob Grimms 489
Hugo Meyer, Eoland; angez. von A. Kuhn 491
Ger 1 and, altgriechische märchen in der Odyssee; angez. vom Verfasser . 494
Jülg, kalmückische märchen. — Jülg, mongolische märchen. — Jülg, über
wesen und aufgäbe der Sprachwissenschaft; ang. von G. Gerland . . 498
Sach- und Wortregister von Konrad Zacher 501
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG.
Das Problem der deutschen lautverscliiebung ist noch nicht voll-
ständig befriedigend gelöst. Noch neuerdings äussert sich darüber einer
unserer scharfsinnigsten Sprachforscher W. D. Whitney folgendermassen :
the phenomenon is perhaps the strängest and most puzzling of all those
of its kind which the study of language has hitherto brought to light,
and not one of the various explanations offered for it is satisfying to
the mind. (North American Review April 18G5.)
Auch in diesem aufsatz wird nicht eine befriedigende erklärung
der gesammten erscheinuug beabsichtigt, sondern nur versucht , bei einem
teile des gebietes der lautverschiebung das sichere vom unsicheren zu
scheiden. Das Verhältnis der hochdeutschen laute zu den urdeutschen
soll ununtersucht bleiben, mithin nur die sogenannte erste lautver-
schiebung behandelt werden.
In der ersten lautverschiebung nun ist nicht — wie die sache bis-
weilen unklar dargestellt wird — ein Verhältnis der urdeutschen laute
zu denen der verwanten sprachen ausgedrückt, (welche sprachen selbst
sich oft nicht weniger als das deutsche vom ursprünglichen entfernt
haben ,) sondern ein Verhältnis der urdeutschen mutae zu denen der indo-
germanischen Ursprache, aus welchen die deutschen ebenso wie die der
verwanten sprachen entstanden sind. Man muss also, ehe man an die
Untersuchung der lautverschiebung gehen kann , constatieren , welche
mutae denn diese Ursprache hatte. Unter Ursprache aber wird hier ver-
standen derjenige sprachzustand, welcher der ersten trennung der indo-
germanischen sprachen unmittelbar vorhergieng. Da ist es nun bis jetzt
niemand eingefallen zu läugnen, dass die Ursprache in dieser periode
besass: k g t d p. (Wegen des b siehe unten.) Ob sie auch aspiraten
gehabt habe, ist gegenständ der controverse gewesen. Man hat ihr ent-
weder alle aspiraten abgesprochen, oder nur die weichen gh dh bh zuge-
standen, oder endlich weiche und harte: gh dh bh und kh th ph. Die
ganze frage ist, nachdem Gr. Curtius in dem bekannten aufsatze „Die aspi-
raten der indogermanischen sprachen" in Kuhns Zeitschrift 2, 321 flgd.
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. 1
DKLTiRUECK
den gnmd gelegt hat, von Grassmanii, ebenda 12, 81 flgd. , scharf und
unitassend behandelt woi'den, so dass wir unsere leser auf diesen auf-
satz verweisen können. Nach seinen ermittelungen ist unzweifelhaft, dass
vor der spraclitrennung die weichen aspiraten gh dh bh existierten. Nach
Grassmanns sehr Avahrscheinlieher hypothese hätte es auch tenues aspira-
tae , w^enugleich in beschränkter anzal gegeben.
Wir gestatten dieser letzteren anschauung noch keinen bestimmen-
den einfluss auf die anordnung unseres aufsatzes, bemerken aber, dass
wenn sie sich weiter bestätigte, sie die im folgenden vorgetragenen
ansichten von der entstehung der lautverscliiebung nur unterstützen
würde.
Aus diesen mutis der Ursprache k g gh, t d dh, p b(?) bh, haben
sich also die entsprechenden deutschen laute entwickelt, welche in der
allen deutschen dialecten zu gründe liegenden deutschen grundsprache
wahrscheinlich lauteten: kh k g, th t d, ph p b, und im gotischen
lauten: h k g, }> t d, f p b.
Wir beginnen mit den ursprünglichen weichen aspiraten , lassen
dann die tenues folgen, und schliessen mit den mediae.
I. Mediae a s p i r a t a e.
Die mediae aspiratae der Ursprache sind im altindischen (mit
ganz geringen ausnahmen) entweder gebheben was sie waren, oder zu h
verdünnt, im altbactrischen entweder geblieben, oder mediae (oder
weiche Spiranten) geworden, im griechischen tenues aspiratae, (einige
auch blosse mediae ,) im lateinischen f, h, oder mediae, in den s la-
visch-litauischen sprachen mediae, (oder w^eiche spiranteu,) in den
keltischen sprachen mediae, im deutschen mediae. Besonderer
beachtung würdig sind die lautveräuderungen, welche an solchen wur-
zeln und Wörtern eingetreten sind, die ursprünglich zw^ei aspiraten hat-
ten. ■ lieber sie hat Grassmann a. a. o. aufklärungeu gegeben , die sich
jetzt wol allgemeiner anerkennung erfreuen.
Ein classisches beispil, an dem sich viele dieser Verwandlungen
zeigen, ist lat. fundus, gr. nv-d'firjv, alts. bodm, altind. budhnä. Es
muss in der Ursprache zwei aspiraten gehabt haben , und hat also viel-
leicht bhudhna gelautet, obgleich iuan nicht mit Sicherheit sagen kann,
ob das u als uralt anzusehen sei. Im altindischen verwandelte sich aus
scheu vor der dichten folge zweier asp. das bh in b, im griechischen
giengen beide aspiratae regelrecht in ten. asp. über, aus dem vorauszu-
setzenden phythmen wurde mit Verlust des hauches der ersten asp. pyth-
men, im lat. wurde die erste asp. zu f, die zweite zur media, im deut-
schen beide zu mediae.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG
Ursprünglich gh = niecl erdeutsch g.
a) Im anlaut.
Unter den doch so zahlreichen mit g anlautenden gotischen Wörtern
ist zufällig kein einziges, in dem wir diesem g mit Sicherheit ein alt-
indisches gh gegenüberstellen könnten. Leo Meyer in Kuhns ztschrft. 7, 15.
1) g'aggau s. unten.
2) gaits ziege, lat. haedus. vgl. Corsseu , kritische beitrage zur
lateinischen formenlehre, pag. 212. Curtius 183. ^)
3) ahd. g-ans, altn. gas, altind. hausä, gr. x'J^i lat. anser, russ.
giis' gans (u == altem an). Das wort hängt wahrscheinlich zusammen
mit ahd. ginen, gr, xatVfD, womit dann wieder got. duginnan verwant
ist. vgl. Pauli in Kuhns ztschrft. 14, 97. Pott, beitrage von Kuhn und
Schleicher 4, 83. C. 182. Diefenbach, origines europaeae 348.
4) altn. görn f. plur. garnir, eingeweide, altind. hirä' (aus gharä),
darm, gr. xoldö&g, lat. haru in haruspex, lit. zarnä, lett. fa'rna darm.
C. 184. vgl. noch K. Z. 5, 139.
5) gasts gast, russ. gost gast, hit. hostis. Die grundbedeutung
ist: der verzehrende, vgl. Corssen, krit. beitr. 217 flgd.
6) ahd. gelo, nhd. gelb, altind. häri, grüngelb, zendzairi, zairina,
zairita, gelblich, gr. x^ot], xlwQog, lat. helus. Verwant ist auch gras
[und vll. grün (altn. groenn), doch vgl. Kuhn und Schleicher, beitrage
2, 372.] C. 184. ebenso ahd. galla, gr. yßlog etc. C. 185. Max Müller,
lect. 2, 215.
7) gistradagis Matth. 6 , 30 nach der gew. annähme irrtümlich
statt „morgen," altind. hyas gestern (doch vgl. Benfey Sämaveda Gl.
s. V., wonach es auch morgen bedeutet), gr. /^f'g, lat. heri. Das wort
1) Curtius grundzüge der griechisclieii etymologie 2. aufl. Leipzig 1865 sind
mit C. bezeichnet. Citiert ist nach den Seiten. Die übrigen citate stehen in bezie-
hung auf dieses buch, derart, dass die dort angeführte literatur nur bei besonderer
veranlassung hier noch einmal notiert ist. Auch die verglichenen sprachformen sind
mit rücksicht auf C. gewählt, so dass der leser gut thun wird, die grundzüge jedes-
mal , wenn sie citiert sind , nachzuschlagen. Das altindische ist transscribiert nach der
Brockhaus'schen methode , das zend in der dieser sich anschliessenden von Justi
(handbuch der zendsprache, Leipzig 1864). Die russischen Wörter sind nicht nach
der 8chleicherschen art , sondern nach den von Böhtlingk und Wiedemann gemachten
,, Vorschlägen zu einer gleichmässigen Umschreibung russischer eigcnnamen in den
Schriften der (Petersburger) academie" (Nov. 1860. Bulletin III. pag. 158 — 175.)
transscribiert. Dieses systcin hat zunächst den vorteil, sich am nächsten an die von
mir gewählte transscription des sanskrit und zend anzuschliessen, und den weiteren,
mit den zeichen des lateinischen alphabetes auszukommen. Das litauische ist nach
Schleichers methode geschrieben (grammatik 1856), das lettische nach Bielenstein,
die lettische spräche. Berlin 1863.
1*
4 DELBßUECK
muss in idg. zeit mit gli angelautet haben. Eine sichere etymologie
fehlt, vergl. Schweizer, K. Z. 3, 390. C. 183.
8) bi-g'itan finden, gr. yjivöano, lat. prehendo. Sonstige analo-
gieu sind zweifelhaft, C. 179.
9) gairnei begehr (gairiini was C. hat, hat sich seitdem als feh-
lerhafte lesart herausgestellt) , altind. har begehren , sich freuen , gr. yaiQco.
C. 180.
10) gramjan grimmig machen, zend. gram ergrimmt werden,
gr. xQouadog gebrumm, i'uss. gremet' donnern, vgl. Fick, wörterl)uch
der indogermanischen grundsprache. Göttingen 1868. pag. G8.
11) g-redus hunger, russ. golod (aus glad) hunger, altind. gardh
gierig sein. Vorauszusetzen ist in der idg. zeit gh und dh. vgl. Grass-
mann, K. Z. 12, 130.
12) gretan s. unten.
13) g u 1 p gold , altind. hiranya gold , mit abschwächung von a zu i.
Näher steht noch hätaka, wenn es nach Ficks sehr wahrscheinlicher Ver-
mutung (idg. Wort. 66) aus hartaka zu deuten ist; zend zaranya gold,
gr. XQvaog für xqvtoq (Walter, K. Z. 12, 377.), russ. zlato. Die wurzel
ist die von nr. 6. C. 185. vgl. auch Pott, de Lithuano - Borussicae in
slav. lettic. ling. principatu. Halis 1837 pag. 64.
14) guma mann, lit. zmu, lat. homo, als erdgeborener erklärt
C. 180. Eine andere etymologie (von einem idg. ghu verser arroser =
altind. hu) versucht Abel Hovelacque, la theorie specieuse de lautverschie-
bung. Paris 1868 pag. 9. Die wurzel hu ist sicher erhalten in
15) g'iutan giesseu, altind. hu opfer ausgiessen, gr. xv y^ko. Am
genauesten entspricht lat. füd fundo. C. 186. vgl. Aufrecht, K. Z. 14, 268.
b) Im iu- und auslaut.
Bekanntlich geht im gotischen bisweilen das inlautende h in g über,
so in'aigands aus aihands, dessen h durch die etymologie als ursprüng-
lich erwiesen ist. Von diesem in der Specialgeschichte des niederdeut-
schen verlaufenden lautwechsel ist hier nicht die rede, dagegen wird bei
besprechung des idg. k noch einmal darauf zurückzukommen sein.
16) agis (stamm: agisa) angst, 6g ich bin erschrocken. Bis auf
die nasalierung und das suffix a identisch mit altind. ähhas , griech. a/og,
lat. vll. angus-tus; grundform mit gh. C. 174, wo aber das folgende
mit unter dieser nummer behandelt ist. Ebel, beitr. 2, 173.
17) aggvus eng. Identisch mit altind. ahhüs, als adj. eng, als
subst. enge, drangsal; griech. e/Z'^S niit unregelmässigem verlust der
aspiration, während das deutsche regelmässig ist; russ. uzki eng, mit u
für an, C. 174. vgl. auch zu 16 und 17 für das keltische: beitrage 2, 159.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBDNG
18) arg- mit urdeutsclieni g (siehe Grimm s. v.), altind. rigliäy (ri
= ar) zittern, beben, „arg bedeutet wol eigentlich bebend, sei es nun
vor eifer oder aus furcht;" H. Schweizer, K. Z. 6 , 452.
19) bairgan bergen, ksl. bregü ich berge, gr. q^qay in (fgäoGio
einschliessen , altind. barh feist machen, kräftigen, stärken, verstärken,
pari-barh umfangen, umschliessen , munii-e, zend barez wachsen. Die
grundbedeutung , woraus sich alle gebrauchsweisen leicht ergeben, ist: dick
sein (zend: dick werden). Daran schliesst sich im deutschen am näch-
sten got. bairgahei, nhd. berg. Auch baurgs gehört wol dazu. Die
formen erklären sich vollständig, wenn man in der urgestalt des Wortes
zwei weiche aspiraten annimmt, die im deutschen regelrecht beide zu
mediae geworden sind, in den übrigen sprachen die bekannten Wande-
lungen erfahren haben, vgl. auch C. 272.
20) ags. bog" bug, altind. bähii arm, Vorderarm, gr. rcrf/vg,^ zend.
bäzu arm. Das wort der idg. urspr. hatte vorn bh, in der zweiten silbe
gh. C. 177.
21) biugan biegen, altind. bhuj biegen, bhugna gebogen, gr.
q)Evyio^ lat. fugio, russ. begu ich fliehe. Um der gotischen doppelten
media willen schliesst Grassmann auf ursprüngliche doppelte media aspi-
rata. C. 172. Darf man demnach als ur\vurzel bhugh ansetzen, so wäre
eine verwantschaft mit der vorigen (bhagh) wol denkbar.
22) deigan kneten, altind. dih verstreichen, bestreichen, verkit-
ten, salben, gr. d-iyydvii), in abgeblasster bedeutuug, berühren, lat. fin-
gere. Die grundform hatte zwei asp. C. 166. zeiyog und deich ver-
mitteln sich durch zend diz aufwerfen, bedecken.
23) alts. bedriogan verlocken, betrügen, altind. druh, zend druj
trügen, schädigen, kelt. drog. Ebel, beitr. 2, 169. Die ursprüngliche wur-
zelform hatte unzweifelliaft 2 aspiraten (Grassmann, K. Z. 12, 126). Kuhn
1, 179 flgd. bringt dazu noch griech. d^elyto und liugan lügen (russ.
Igat' lügen) , mit abfall des d , und 1 für r. Beide Vorgänge sind wol denk-
bar, vgl. laggs.
24) dugan s. nr. 44.
25) altn. hryggr rücken, gr. qdyig, wahrsch. aus y.Qccyig. C. 314,
wo auch die bedenken gegen diese einzeln stehende deutung angege-
ben sind.
26) ahd. igil mit unverschobenem g, griech. iyivog, russ. iöj.
C. 176.
27) laggs lang. C. 167 stellt laggs mit lat. longus und gr. loyyd^to
zaudern zusammen , und vermutet einen weiteren Zusammenhang mit Wör-
tern wie langueo, lahjä etc., deren wurzelauslaut entschieden eine media
ist; laggs aber verlangt in den übrigen sprachen parallelen mit gh. Eine
DELBRUECK
Wurzel mit g\\ findet sich in dem längst vergliclieiiun altind. dirgliä lang,
dirglul führt nach altindischen lautgesetzen aiif eine wurzel dargh oder dragh,
der wir die bedeutung „sich in die länge ziehen" beilegen müssen. Mit
ihr ist offenbar verwaut dhraj hingleiten , streichen , ziehen (vom v.inde,
vögeln etc.) dragh mid dhraj lassen sich vereinigen zu einer wurzel mit
zwei aspiraten dhragh (vgl. auch Grassmann, K. Z. 12, 127). Von dhragh
oder dhargh mit suffix a ist gebildet dirghä, zend daregha, gr. doXixog, russ.
dolgi, lit. ilgäs. lett. ilgi; mit dem suffix -na ist gebildet altpersisch
draäga und got. lagga, beide mit rücktritt des suff. nasals in den stamm
des Wortes, und das gotische mit abfall des d. Mit derselben wurzel ist
auch d rag an zu vereinigen, dessen bedeutung keine Schwierigkeiten
macht. Die Zusammenstellung mit lat. trahere kann aufrecht erhalten
Averden , w^enn man annimmt, dass trahere aus drahere (älter dhrah) ent-
standen sei , weil dr eine im lat. sehr unbeliebte anlautsgruppe ist (Kuhn
Z. 7, 62).
2«) li g: a n liegen , li gr s lager , gr. Ae'/og , russ. liagu ich werde liegen.
C. 177. Wenn man bei ligrs und As/og die bedeutung .,beilager" als die
ursprüngliche ansehen darf, so wäre altind. langhana beischlaf zu ver-
gleichen, von langh springen, bespringen. Mit diesem lahgh hat A. Fick,
Orient und Occideut3, 379, liugan heiraten zusammengebracht. Doch
macht der vocal Schwierigkeiten, vgl. auch beitr. 2, 112.
29) leihts leicht (für leigt wegen des t), altind. laghü (raghü), gr.
ikayvg, lat. levis, lit. lengvas, russ, liögki leicht. C. 175.
30) bilaigon, altind. rih und lih lecken, liugo aus linghuo, gr.
Isixo), russ. lizat', keltisch ligim (lingo); beitr. 2, 161. C. 177.
31) mag ich kann, russ. mogü ich kann. Das oft citierte altindi-
sche verbum mah crescere existirt nicht, sondern mah heisst, wie man
jetzt aus BR.^) sehen kann: ergötzen, erfreuen, beleben. Dagegen lassen
allerdings die adjectiva mah , mahä, mahänt, mahä', mähi, mahin gross,
und die subst. mahän, mähas, mahitvä, mahitvanä, mahimän, zend maz
gross , mazant gross etc. auf eine wurzel mah gross sein schliesseu , wozu
mag und mahts gehören; ob magus, ist zweifelhaft. C. 299.
32) ahd. nagal mit urd. g. , gr. ow'^, lat. unguis, lit. nägas, lett.
nags nagel. Im altind. nakhä ist das kh höchst wahrscheinlich aus gh
entstanden. Grassman, K. Z. 12, 85.
33) rag in rat, ragiueis ratgeber, raginön Statthalter sein, stellt
Curtius, wie mir scheint mit recht, zu altind. arh wert sein, zend arez
verdienen, wert sein, gr. aqyso. C. 173.
]) Sanskrit - Wörterbuch von Böhtlingk und Roth.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG /
34) rig'u regen, höchst wahrscheinlich aus vrign, worauf griech.
ßqeyiio aus fgexio führt, lat. rigare. C. 174.
35) sigis sieg ist bis auf den Übergang in die a - declination iden-
tisch mit altind. sahas kraft, (sah besiegen), zend hazanh gewalt, raub.
Aufrecht, K. Z. 1 , 355.
36) steig an steigen, altind, stigh (noch unbelegt, aber durch die
verwanten sprachen sicher gestellt), gr. otd%io, lett stigga fussweg.
C. 178.
37) tuggo zunge. Die vergleichung mit altlat. dingua ist alt.
Im altindischen heisst jihva zunge. Dieses könnte aus dighvä entstan-
den sein, wie Leo Meyer 0. u. 0. 1, 620 andeutet (z. b. jyut = dyut
glänzen, jihma schief, schräge, aus dihmä, und dieses aus dahma = (Jo/;t<o
Ilias 12, 148). Aber dem scheint zend hizu zunge zu widersprechen,
das zwar selbst in seiner bildung nicht ganz klar ist, aber mit einem
vorauszusetzenden dighvä sich auf keinen fall vereinigen lässt. Es
scheint vielmehr nebst dem altindischen jihvä von hvä, hu rufen, zu stam-
men. So bleibt also nur die vergleichung von tuggo mit dingua dessen
g aus gh entstanden sein muss. Uebrigens macht selbst hierbei noch
got. u = lat. i Schwierigkeit. Die etyniologie von tuggo ist mithin sehr
unsicher, vgl. Lettner, Z. K. 7, 185. Ebel, beitr. 2, 168 und Lettner,
ebenda pag. 115 anm.
38) pragjan s. unten.
39) gavigan bewegen, vigsweg, altind. vah vehere, griech. o/6o-
(.lai, lat. veho. C. 175.
Unregelmässigkeiten in der Verschiebung des gh sind mit Sicher-
heit nicht nachzuweisen. Zwar entspricht dem altind. ahäm ich das got.
ik, dem altindischen mahänt gross das got. mikils, dem altind. hänu
das got. kinnus , also scheinbar dem ursprünglichen gh ein got. k. Aber
dass diese Wörter keine unzweifelhaften ausnahmen begründen , hat Lett-
ner in seinem gehaltreichen aufsatz „Die ausnahmen der ersten lautver-
schiebung," K. Z. 11, 161 flgd., auf seite 177 nachgewiesen.
Ursprünglich dh = niederdeutsch d.
a) im anlaut.
40) (laddjan säugen, altind. dhä trinken saugen, dhätri amme,
gr. d^i]odai, russ. doit' milch geben. C. 227.
11) dars ich wage, altind. dharsh wagen, zend daresh wagen,
griech. d^aqaog mut. C. 232.
42) daubs taub, verstockt, womit wol dumbs stumm verwant
ist, gr. Tvcplog. Das deutsclie wort weist auf doppelte weiche aspirata.
DELBRUECK
Im griecli. ist nach eingetretener Verhärtung beider iisp. der haucli der
ersten verloren gegangen.
43) (lauhtar (für daugdar)^) tochter, altind, duhitär, zcud. dugdhar
tochter, gr, ^vycarjQ , lit. dukte, russ. dotsch tochter. Die iirform hatte
zwei aspiraten. (lieber die etyniologie spricht zuletzt Beufey, vorwort zu
Fick VII Anm.). C. 233, Zu derselben wurzel gehört nach Grassmanu,
K. Z. 12, 126, auch
■14) dugan taugen, wozu dauhts gastmal. Die bedeutung taugen
lässt sich aus der des altmdischen duh (milchen, melken, nutzen ziehen
und gewähren) recht wol entwickeln. Auch für dugan und duh wäre
also dhugh als wurzelform anzunehmen. Tiuhan und ducere sind mit
altind. duh um so weniger zu vergleichen, als auch das altind. h zum
lat. c und got. h nicht stimmt.
45) (launs dunst, geruch, altind, dhü schütteln, hin und her bewe-
gen , dhümä rauch , zend dunman nebel , dunst , lat. fumus , russ. dyt
hauchen. C. 233.
4G) (laur tor, pforte, gr. d-i-ga, lat. fores, weisen entschieden auf
idg. dh. Keine entscheidung giebt zend dvara tbür , russ. dver' und kel-
tisch dorus. beitr. 2, 161, Der hauch ist im altind. dvä'ra, dvär, dur
eingebüsst, C, 233.
47) ga-deds tat, Aoms urteil, altind. dhä setzen, legen, tun,
zend da, gr. ri&tjfu. C. 228. vgl. auch Fick s. v. dhäman.
48) deigan s, nr. 22,
49) driogan s, nr, 23.
50) drunjus schall, gr, d-Qoog, d-Qijvog. Andere sichere vergleiche
fehlen, Altind, dhran tönen ist unbelegt, und steckt auch nicht in
bheridhrat, worin es Fick 98, nach Bß, unter dhrat, sucht (siehe jetzt
BK. 5, 376).
51) düne. Die älteren niederdeutschen formen, aus denen urdeut-
sches' d folgt, sind bei Grimm s, v, verzeichnet. Die hochdeutschen
formen mit d sind wol aus Niederdeutschlaud , wo allein düuen vor-
kommen, entlehnt. Altmd. dhänvan dürres laud (wol eigentlich vom
winde aufgehäufter sand), samüdrasya dhanvan EY. 1, 116, 4 „an der
wüste des meeres ," d. i. am strande , an der düne. gr. d^lg S-ivog. Ver-
want ist dhänvan bogen, so dass die grundbedeutuug anschwellung,
rundung ist, C. 230. vgl, auch KZ, 2, 236, wo einige combina-
tionen gemacht werden , welche hinter die zeit der Sprachtrennung zurück-
1) altind. duhitär, gr. d-iyürrio, got. daulitar lassen sich nui- aus dhughatar
erklären. Daraus wurde im deutschen zuerst dugapar , dann dugadar (wie fadar) , vll.
dugidar, dugdar , und aus gd entstand ht, wie in niahta aus magda.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG \)
gehen. Für unseren zweck ist das resultat ausreichend, dass das Avort
in der periode der Ursprache , von der hier die rede ist , mit dh
anlautete.
51^) dulps fest (stamm dulpi). Nachweise über bisherige etymo-
logische versuche siehe Grimm wtb. s. v. Es ist nach laut und sinn
identisch mit altind. dhriti (von dhar) 1) das festhalten, 2) ein bestimm-
tes Opfer, also ein sicheres beispiel für das vorkommen der wurzel dhar
im deutschen, gr. d-alia. lässt sich vergleichen, wenn grr i)^aX = dhar,
was Sonne, K. Z. 14, 327 flgd., behauptet.
52) ags. (lynjan oder dynnan tönen, dröhnen, altind. dhvan
tönen, zeud dvän tönen, dhüni rauschend brausend.
b) im in- imd aiislaiit.
5.3) ags. ad Scheiterhaufen, altind. idh anzünden, edha brennholz,
zend aeyma brand, zu einer wurzel id brennen, gr. ca'^w, lat. aedes
feuerstätte. C. 225.
54) ags. beard hart, ksl. bradä, russ. boroda bart, lett. ba'rda
hart. Das litauische barzdä scheint eingeschobenes z zu haben. Diese
formen gewähren keine entscheidung über die ursprüngliche beschaffen-
heit der dentalis, dagegen lat. barba ist mit ihnen nur zu vereinigen
unter der Voraussetzung eines urspr. dh (Corssen , krit. beitr. 201 , wo
auf Lottner, K. Z. 7, 27, verwiesen wird). Um das b zu rechtfertigen,
könnte man eine urforni bhardh annehmen, von übrigens ungewisser
etymologie. Sicher ist nur das d für dh.
55) bindan binden. Altind. bandh binden, zend (wie so häufig auf
einer lautstufe mit dem deutscheu) band, binden, gr. /tsvS^eqog verwan-
ter. Die wurzel ist bhandh. C. 236.
56) bodom s. oben pag. 2.
57) ana-biudan entbieten, alts. anbiodan „entbieten, durch einen
boten wissen lassen" (Heyne Gl. z. Hei. s. v.), altind. budh erwachen,
wissen; das caus. ,, jemand zur besinnuug, zur Vernunft bringen, beleh-
ren, jemand etwas zu wissen tun, mitteilen" (BR. s. v.). Hinsichtlich
der bedeutung macht also die vergleichung von biudan und budh keine
Schwierigkeit. Das zendwort bud heisst auffallenderweise , ausser wittern,
bemerken, erwecken (im caus.), auch riechen, duften. Zur erklärung des
b muss man eine urspr. wurzel mit 2 asp. annehmen, wozu man auch
durch gr. 7tvd-,,7tvvddvof.im genötigt wird, russ. budit' erwecken. Celti-
sche parallelen Ebel, beitr. 2, 174. C. 236.
58) gredus s. nr. 11,
59) hairda heerde, altind. yardhas, yärdha schaar, besonders von
der schaar der marutas gebraucht, zend yaredha art. vgl. Fick, Wör-
y
lU DKhBRUECK
tcrb. o5, der unter „kardh" auch got. haldan, lialdis vergleicht. Sehr
wahrscheinlicTl !
liO) ags. h 5' da 11 verbergen, gr. y.v{^ ytevO-to, altiiid. guh ist aus
kuh = kudh entstanden, vgl. C. 234.
61) liudan wachsen, altind. ruh für rudh aufsteigen, zend rud
emporsteigen, waclisen, russ. rodit' hervorbringen, dazu alts. liudi volk,
leute (Heyne Gl. z. Hei. s. v.) , russ. liud volk. vgl. auch Fick s. v. rudh.
62) ags. nie du niet, altind. mädhu süss, honig, zend madhu
houig, russ. luiöd honig, lit. medüs met. C. 235.
63) m i dj i s mitten , altind. mädhya dass. , zend raaidhya dass., mad-
hema der mittelste, gr. fitooog, lat. medius, russ. mejdu zwischen (die
slavische grundform ist medja (j = deutschem j). Schleicher, beitr. 1, 24).
C. 298.
64) mizdo. Dass zend mizhda lohn, gr. i:iiad-6g lohn, russ.
mizda lohn, verwant sind, Kegt auf der band. C. 235. Das i des zend-
wortes scheint zusammengezogen aus ya, und myazda opferfleisch mit
mizhda identisch zu sein. Diesem worte entspricht nun genau altind.
miyedha opfermahl (vgl. BK. s. v.), das wol aus niyedha gedehnt ist.
Das e entspricht einem as, wie in edhi sei, von as. Auch altind. medha
ist wol dasselbe wort (s. BR.). Das wort scheint zusammengesetzt aus
dhä setzen, geben, und einem substantivum, das „fleisch" bedeutete;
vgl. altind. mähsa, got. mimz, russ. miäso fleisch (vgl. K. Z. 5, 233).
Doch ist das i in myazda und miyedha freilich auffallend. Sollte die
ableitung richtig sein, so ergäbe sich der höchst passende sinn: fleisch-
spende.
65) rauds rot, altind. rudhirä rot, der form nach noch näher alt-
ind. loha kupfer für rodha, was Fick 157 beibringt, gr. sQvd-Qog, lat.
rüber, lett. ruds rotbraun. C. 227.
66) ga-redan sorge tragen, mit schon ziemlich abgeblasster
bedeutung. Die ursprüngliche ist: kräftig sein, Vorrat haben für etwas,
was schon aus den deutschen parallelen (Diefenbach 2, 168) gefolgert
werden kann. Unzweifelhaft wird es durch die treffliche ausführung,
K. Z. 6, 390, wo rä'dhas reichthum , wolstand, kraft, zend rädauh
opfergabe, mit lat. robur (aus rodhus) und mhd. rät schlagend ver-
mittelt wird. Weitere slavische und keltische parallelen s. Ebel, bei-
trage 1 , 426.
67) sidus Sitte, altind. svadhä', gewohnheit, in .der formel sva-
dhä'm änu „nach eigentümlicher kraft, nach gewohnheit," gr. sd-og.
C. 226. Vielleicht celtisch si'd pax; Ebel, biitr. 2, 167.
68) ags. üder euter, altind. ü'dhan und ü'dhar dass., gr. ovd^aQ
dass., lat. über. C. 235,
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 11
69) vadi pfaud, gr. aed-lnv, lat. vadimonium ; von imbekannter
Wurzel.
70) vaurd, lett. wa'rds wort. Das d verhält sich zum lat. b -wie in
ags. beard zum lat. barba. Eine grundform vardha ist vorauszusetzen.
71) ags. veder wetter, eigentlich blitzschlag, altind. vadh schla-
gen, vädhas blitzwaffe, zend vadare, mittel, waffe zum schlagen, töten.
Delbrück, K. Z. 16, 266.
71b) altn. veii^a venari. weidman, altind. vyadh durchbohren (vyath,
beitr. 4, 281), vyädha Jäger, vll. lat. venari aus vednari. Bopp Gl. s. v.
72) vi du V 6 witwe, altind. vidhavä, lat. vidua, altpreussisch wid-
devu, russ. vdova. Kuhn, in Webers iud. stud. 1, 325. Die ableitung
aus vi und dhava (mann) ist zu verwerfen , da nach Böhtlingk - Eoth und
"Weber, in Kuhns beitragen 4, 281, das woit dhava erst aus vidhava
fälschlich erschlossen, und so zu einem eben so unberechtigten dasein
gekommen ist, wje z. b. die wurzel gup hüten aus gopä (kuhschützer,
behüter). Weber a. a. o. bringt vidhavä zusammen mit vidh (vyadh)
durchbohren, dividere, teilen, also die „abgetrennte, einsame."
73) got. triggvs treu, das man gewöhnlich mit altind. dhruvä
vergleicht, könnte mit altind. darh festmachen, befestigen, zusammen-
hängen, zend derezvan das fesseln (worauf auch Fick 85 gekommen ist),
wenn man nicht für darh eine grundform mit zwei aspiraten annehmen
muss. Jedenfalls ist die vergleichung mit dhruvä nicht richtig.
Sichere ausnahmen fehlen in der Vertretung des dh so gut wie in
der des bh. Dass vaurts zu vardh wachsen gehöre, wird jetzt
bestritten; eine sichere etymologie ist indessen noch nicht gefunden;
(doch vgl. Sonne, K. Z. 12, 367 anm.X
Ursprünglich bh = niederdeutsch b.
a) im anlaut.
74) bagms bäum, bagms pflegt gewöhnlich mit bhü vermittelt zu
werden, und soll dann ,,wesen, gewächs" bedeuten. Aber die entwicke-
lung eines g aus u im gotischen ist nicht nachgOAviesen. Wenigstens darf
triggvs nicht dafür angeführt werden. Mir scheint (mit Grassmann)
bagms „der dicke, starke" zu bedeuten, und mit altind. banh caus. befe-
stigen, stärken zu vereinigen, barih hatte ursprünglich zwei aspiraten,
das ergiebt sich aus der parallele von bahii (welches von banh abstammt)
und gr. nayv (Grassmann, K. Z. 12, 121). Dass aber ^laxh von bahü
nicht zu trennen ist, dafür zum beweise vergleiche man bdnhishtha und
TrdxiGTog, bä'dliam und jicr/xc.
75) "bai beide, altind. ubhä'u beide, aus einem vorauszusetzenden
ambhäu, zend uba, gr. cqtq^co, lat. ambo, russ. oba, lett. abbi. 0.265.
12 DKLHRUECK
76) l)al,ns b;ilg, keltisch bolg (Ebel, beitr. 2, 17 .'5.) ist wol mit
lat. follis vevgliclien worden, aber daim ist das g unerklärt. Es scheint
ursprünglich zu bedeuten ,,das bergende," und zu der oben nr. 19 erschlos-
senen Wurzel bliargii zu geliören , so dass balgs mit bairgan verwant ist, wie
haldan mit hairda. vgl. altind. barhis und zend barezis matte , flechtwerk.
77) balvjan quälen, balveins quäl, balvavesei bosheit. Identisch
mit altind. bharv, das nur an zwei stellen des Rigveda belegt ist.
Roth im wl). bringt es etymologisch zusammen mit wurzel bhas, was
lautlich auf grosse Schwierigkeiten stösst, und erklärt es durch kauen,
verzehren. In der einen stelle: agnir jambhais tigitair atti bhärvati „das
feuer mit seinen spitzen zahnen frisst, verzehrt" 1, 143, 5 passt indess
„kauen" nicht, vielmehr verlaugt man eine Steigerung des ätti, also
etwa verzehrt, vernichtet. Ebenso ist in der andern stelle yäh pävakäh
purutämah purü'ni prithü'ny agnir anuyati bhärvan „der flammend viel-
fältig viele flächen verheerend durchwandelt" 6, 6, 2. von eigentlichem
kauen nicht die rede. Man darf deshalb den begrifi" durch feuer verzeh-
ren als den ersten annehmen, und balvjan wird ursprünglich heissen durch
feuer martern, lit. balavöjus toben, sich schlecht aufführen, könnte nur
schwer vermittelt werden ; gr. cpavlng darf wegen seiner beziehung zu att.
(flaiQog nicht herangezogen werden, vgl. Benfey , griech. wurzeil. 1 , 596.
78) banja wunde, gr. cpev , e'/reffvov töten. C. 269. Ebel, beitr.
2, 167; Sanskrit hau und gr. ^eivu sind wol hinzuzufügen. Ein alter
Wechsel der weichen aspiraten ist nicht auffallend; (vgl. nah knüpfen =
nadh und nabh; Böhtlingk - Roth s. v. näbhi.)
79) bausch mundartlich für bauch, s. Grimm s. v. Zwar ist es
nicht ganz sicher, ob das b urdeutsch ist, aber die vergleichung mit
altind. bhähsas ein bestimmter teil des Unterleibes scheint dafür doch
beweisend. Ist got. bansts scheuer zu vergleiclien ?
80) batiza besser, batists der beste. Eine sichere parallele weiss
ich nur im altind. bhadrä erfreulich , löblich , glücklich , günstig , gut , das
nach BR. von bhand „jubelruf empfangen" abzuleiten ist. Dies bhand
mag wieder zusammenhängen mit bhan ertönen, schallen, laut rufen.
81) ags. beän, altn. bann bohne. Grimm s. v. bohue giebt viele
parallelen, die aber nur zum teil sicher sind; gr. rrvavog ist abzuweisen,
da 7T hier aus älterem / entstanden ist (Curtius 480). Aus russ. hob
und lat. faba kann man schliessen, dass auch das deutsche wort ein b
verloren hat. (Grimm, kl. schrift. 3, 157.)
82) bidjan bitten. Grimm s.v. vermutet, dass die ursprüngliche
bedeutuug „ sich neigen" sei, und also verwautschaft mit badi bett. Könnte
man annehmen, dass die wurzel von bodom, bhudh, aus bhadh entstanden
sei, so könnte man bidjan sehr gut davon ableiten. Es heisst etwa
DIE DEUTSCHE LAüTVEBSCHIEBtTNG 13
sich tief maclien , sich neigen. Doch ist auch Zusammenhang mit C. 236
(327) möglich.
83) ags. bifiau beben, wozu Grimm s. v. beben ein got. biban
voraussetzt ; altind. bhi , zend bi erschrecken , gr. (feßofiai , lit. bijaii, russ.
boiat'sia sich fürchten. C. 269.
84) Ibirke. Die diutschen und slav. formen sind bei Grimm s. v.
aufgeführt; altind. bhürja, russ. beriöza birke, offenbar von bharj glän-
zen s. bairhts.
85) bairan tragen, altind. bhar, zend bar, gr. q^^Qco, lat. fero,
russ. brat', keltisch, wurzel bar. Ebel, beitr. 2, 159. Dazu u. a. baris
gerste, nebst far. Mit got. barn kiud vgl. lett. berns kind. C. 270.
86) bairgan s. nr. 19.
87) bairhts (h aus k) hell, offenbar, deutlich, altind. bhärgas,
bhärga glänz (vgl. bhräj glänzen), gr. q^'Aeyco, lat. fulgeo. C. 171. dazu
auch mhd. blic. vgl. Kuhn, herabkunft des feuers etc. s. 9.
88) bei tan beissen, altind. bhid spalten, lat. Andere. q>Eiöo/.iaL
gehört nicht hierher , deim es hat nicht die grundbedeutung „jemand
etwas abzwacken , abbeissen ," sondern eher „ gegen jemand gütig sein."
89) (uf)-blesau blasen lässt sich sicher nur mit lat. flare verglei-
chen (vgl. K. Z. 12, 418). Vielleicht gehört zu dieser wurzel auch
blof) blut, das „aufsprudelnde."
89b) ahd. blao blau, wahrsch. lat. flavus, und ir. blä. vgL Grimm
wtb. s. V. und W. S. three irish glossaries pag. LXIII. London 1862.
90) bodm s. p. 2.
91) bog s. nr. 20.
92) ags. böc in boc - vudu buche , gi: cprjy 6g eiche , lat. fagus buche.
C. 171.
93) altn. brim rauschendes meer, bremse brummendes insect,
altind. bhram umherschweifen , bhramarä biene. Der begriff des lärmen-
den ist im altindischen nicht mehr so deutlich erkennbar wie in den ver-
wanten sprachen, gr. ßQef.i£iv^ ßqovTrj, lat. fremitus. Kuhn, Z. 6, 152.
Verwant hiermit ist jedenfalls
94) got. b rinn an brenne A. Das nn ist assimilation aus nv oder
nu, dem classencharacter. Es bleibt also von bri-nu-an bri als wurzel
übrig , was etwa einem altindischen bhar entsprechen würde. Dies ist in
der bedeutung brennen nicht vorhanden , wohl aber bhur „ züngeln " (vom
feuer), dessen u durch r hervorgerufen sein kann.* Man vgl. aucli C. 273.
95) brauen mit urdeutschem b (s. Grimm s. v.), altind. bhrajj
rösten, gr. cpQvyto, lat. frigo. Kuhn, herabk. d. f. 165.
96) altn. brünn braun, altind. babhrü rotbraun, gr. (pQvvrj kröte.
C. 273.
14 DEI.HRl'ECK
i)7) ags. breäv braue, altind. hliiü, zend brvat braue, gr. o<jp^t'g,
russ. brov' braue. C. 26G.
98) bröl>ar altind. bhrä'tar, zend brätar, gr. cpQcariQ, lat. frater,
russ. brat, keltisch bräthair, brathir. beitr. 2, 159. C. 27o. vgl. Böht-
lingk, Sanscrit - Chrestomathie 28;5.
99) l)üc bauch. Während das altind. bhuj biegen aus einem alten
bhugh zu erklären ist, leitet bhuj gemessen auf einfaches bhug. Denn
büc bauch ist von Pauli, benenuung der körperteile s. IG, gewis richtig
als der geniessende, erfreuende gedeutet worden.
lUO) l>iudan s. nr. 57.
101) Ibiugan s. nr. 21.
102) alts. bium ich bin, altind. bhü, zend bü, gr. ifvco, lat. fu,
russ. hjf sein. C. 273.
I>) im in- und aiislaut.
103) abrs stark, heftig, altind. ambhrinä gewaltig, wozu BR. auch
gr. oßQif.iog stellen.
104) ags. älf, altn. älfr, wofür man mit Grimm s. v. elb ein goti-
sches all>s, jedenfalls ein wort mit b erwarten muss, altind. ribhü, grund-
bedeutung: glänzend, vgl. gr. aXcpog weisse flecken auf der haut, lat.
albus; Kuhn, Ztschrft. 4, 110. C. 2G4.
105) arbi erbteil, arbiiiumja erbnehmer, arbja erbe. Die verglei-
chung mit altind. arbhakä klein, gr. oQcpavog verwaist, lat. orbus, würde
allenfalls für arbja dem sinne nach passen, aber nicht für arbi, das offen-
bar so viel bedeuten muss als „an sich genommenes" und zu gr. ahpävi.o
stimmt. Mithin ist verwant altind. rabh „heftig ergreifen, sich zu eigen
machen." C. 263. Ob arbail)s hierher gehört, ja ob es überhaupt ein
deutsches wort ist, ist doch wegen des wunderlichen Suffixes zweifelhaft.
Wegen celtischer parallelen vgl. Ebel, beitr. 2, 173.
. 106) daubs und dumbs s. nr. 42.
107) graban = yqücfEiv , russ. grebsti graben. lieber das g
später.
108) kalbo s. unten.
109) Hubs lieb, altind. lubh begierig sein. Die eigentliche bedeu-
tung ist wol „heftig an sich reissen," (vgl. auch lubdha und lubdhaka
Jäger,) und verwantschaft mit rabh warscheinlich. Darum scheint auch
got. bi-raubon rauben hierherzugehören, lat. libet, lubet, russ. liubit'
lieben. C. 330, der auch lobon vergleicht.
110) ahd. nebul, alts. nebal, altind. näbhasnebel, dunst, gewölk,
lat. nübes, gr. vecpog, russ. nebo, plur. nebesä himmel. C. 265. vgl. beitr.
2, 164 u. 178.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 15
111) nal)el, mit mdeutschem b, altind. nä'bhi nabel, zend nabi
nabel, verwautschaft , gv. nf.icpalög, lat. umbilicus. Die wiirzel ist nabh
binden; siebe BE. s. v. nä'bhi. C. 266.
112) sibja gemeinschaft vermittelt Kuhn, Z. 4, 370 mit altind.
sabhä' Versammlung.
113) skiuban = altind, kshubh; s. unter k.
114) stabs element, kindheitslehre , eig. stufe, glied einer reihe,
altind. stabh festigen, gr. aors/^icp^g, azi/nßw, lat. stabilire, lett. stabs
pfosten. C. 178.
115) w^eben. Aus alts. vebbi gevs^ebe folgt urdeutsches b. Darum
ist an der vergieichung mit vcpaivco , vpofür aus griechischen mittein eine
ältere w^urzelform faq) erschlossen werden kann , nichts auszusetzen.
Auch an einem altindischen vabh ist wol nicht zu zweifeln, vgl. Auf-
recht, K. Z. 4, 274. C. 267.
Ausnahmen sind auch bei der Verschiebung des bh kaum mit
Sicherheit nachweisbar. In einigen fällen scheint freilich die gotische
tenuis p einem indogermanischen bh zu entsprechen. So steht neben
116) got. greipan das altind. grabh ergreifen, altpers. grab neh-
men, lit. grebti greifen, ksl. grabiti rauben (C. 433), Die volle Identi-
tät der bedeutungen lässt eine abtrennung des .gotischen worts von den
übrigen nicht zu. Das g erklärt sich, wenn man ghrabh als urform
(und zwar als Weiterbildung von bar, ghar) ansetzt, das p ist mir
unklar.
117) Ebenso das p in got. gaskapjan gegenüber dem altind.
skabh (K. Z. 1 , 138). *
II. T e n u e s.
Ursprünglich k = niederdeutsch h.
Dem indogermanischen k entspricht im altind. die gutturale tenuis
k oder die palatale tenuis c oder der palatale Zischlaut 9. Vereinzelt
ist die Vertretung eines indogermanischen k durch altind. h oder p. Im
zend entspricht ebenfalls gutturale oder palatale tenuis , unter gewissen
Verhältnissen tenuis -asp. der gutturalreihe, ferner der palatale Zisch-
laut, vereinzelt die labiale tenuis. Das griechische zeigt für idg. k
meist k (selten zu y erweicht), ferner vc und r. Im lateinischen lin-
den wir c und q, im altslavischen k und s, im litauischen k
und sz, im deutschen h und hv. Die gruppe sk wird besonders
besprochen werden.
a) im aiüaut.
118) altn. ha fr bock, gr. xcm^og eher, lat. capra ziege. C. 132.
Corssen, krit. nachtr. pag. 32. Ebel, beitr. 2, 168.
16 DELBRUECK
119) hafjan heben, gr. KOJTtr] griff, lat. capio, C, 131.
120) liahau hängen, schweben hissen; hinhalten, m zweifei las-
sen, bringt Fick pag. 24 geistreich zu altind. 9ank zweifeln, das ursprfing-
lich „hangen und bangen" bezeichnet habe, wofür er auch 9akuna der
vogel (der schwebende) beibringt, lat. cunctari. Nach C. 638 wäre auch
üy.i'og für xo'/.i'og zuzuziehen.
121) alth. liahsa kniekehle, altind. kaksha versteck, achselgrube,
gl', y.oywvt] hinterteil, lat. coxa hüftbein. C. 141.
122) ags. hän Wetzstein (aus Bosworth), altnord. hein f. schleif-,
Wetzstein, Möbius 174, engl. hone. Damit ist von Pott und Grimm
(C. 14(i) verglichen altind. ^äna Wetzstein, von altind. 9,0, (9yäti) schleifen,
wozu die nebenform 91 schleifen , gr. yuovog spitzstein , kegel , lat. cuneus.
Die vocale sind freilich nicht deutlich, hän würde ein gotisches ai vor-
aussetzen, also ein analoges Verhältnis zu '/.tovog, wie in haims zu xa'/a;.
123) altn. hefna rächen, hefnd räche, altind. 9ap fluchen, 9äpa
fluch. Vielleicht gehört auch got. haifsts streit dahin.
124) liaihs einäugig, lat. caecus blind C. 154, kelt. cuic luscus,
monophthalmus ; Ebel, beitr. 2, 1G8.
125) hails heil, heilsam, gesund, altind. kalja gesund, angenehm,
gr. '/.cdog. haila ist also aus halja entstanden. C. 130.
126) haims dorf, flecken. Die nächst verwanten litauischen Wör-
ter kemas dorf, kaimynas nachbar, szeimyna familie , weisen auf ein i im
stamm, also avoI wurzel 91, womit freilich gr. xc6/.irj schwer zu vereini-
gen ist. C. 134".
127) lialjus stein, altind. 9arkarä griesz, lat. calculus. Andere
vergleiche C. 134.
128) haldan und hairda s. nr. 59.
129) halm, altind. kalama schreibrohr, gY.xalai.tog, lat. calamus.
Freilich sind diese worte von so verdächtiger ähnlichkeit, dass man an
frühe entlehuung (wahrsch. aus dem arabischen) und umdeutschung den-
ken könnte.
130) hals der hals, lat. collum aus colsum? Or. u. Occ. 2, 88.
131) halts lahm vergleicht Fick 35 hübsch mit altind. kürd (aus
kard) springen, das vll. ein s vorn verloren hat. claudus stimmt in den
consonanten. Das au ist noch nicht aufgeklärt.
132) ahd. hamar hammer, altind. d9man schleuderstein, griech.
ay^uov. C. 123. Dazu got, himins, zend a9man 1) stein, 2) himmel,
russ. kamen' stein, vgl. K. Z. 2, 45. und nr 122.
133) gahamon anziehen, altn. hamr, ahd. hämo in lik-hamo.
Die Wurzel lautete idg. wol skam, und ist eine nebenform von sku
bedecken, verwant ist aoj-/.ia, aus ^M/na, für oy.to-f.ia. (K. Z. 17, 238.)
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 17
lo4) ha na hahn, gr. YMvduo, -/Mvcr//], lat. cäuo. C. l'.K). celtiscli
Wurzel can singen; beitr. 2, 156.
135) altn. hanpr, alicl. hanf, wird jetzt (C. lyu) als lehnwort aus
dem lat. canuabis betrachtet, und dieses, nebst xawaßig, als aus dem Orient
geborgt, wo skrt. 9anam übrigens auch noch keine einheimische etymo-
logie gefunden hat.
136) alts. här haar gehört wol zu altind. kesara imd ke^ara haar,
nebst lat, caesaries. Man hätte dann anzunehmen, dass das dentale s
im altind. das ursprüngliche ist, und dass das wort im gotischen etwa
hes hezis gelautet habe. Die wurzel ist unklar.
136b) hardus hart, strenge, zunächst aus harjras (ahd. herti mit
t spricht nicht dagegen, vgl. fatar neben fadar aus fajtar), lit. kartüs,
bitter, streng von geschmack. Fick bringt dazu pag. 34 auch altind.
katü (aus kartu). Die wurzel ist kart schneiden.
137) haubif) haupt. Die deutschen Wörter sind nicht alle unter
einen hut zu bringen, got. haubil), ahd. houbit, alts. hobit, ags. heafod,
fries. häved zeigen, dass ihre grmidform au imd b hatte und etwa hau-
bath lautete. Dagegen altn. höfuS und das jedenfalls verwante hafela
weisen auf hafuth (d?), oder allenfalls habuth; indessen die Identität mit
Caput entscheidet für liafuth. caput aber ist von altind. kapa'la hirn-
schale wol nicht zu trennen, mithin einer wurzel kap zuzuweisen (C. 137);
haubij) dagegen hat Kuhn schon längst (Z. 1 , 137), der sicheren
aualogie von naus tot folgend (aus nahu = vsxv), aus hahubip oder
urdeutsch hahubal) erklärt, hahub- aber entspricht genau dem altindi-
schen kakubh gipfel, kakuha (aus -bha) hervorragend. Das würde nicht
eine wurzel kap, sondern kubh, oder vielleicht kabh, voraussetzen. Im
letzteren falle könnte man damit gr. y.E(fC(h] vereinigen, für das man
sonst eine aspirierung annehmen muss. Das suffix des deutschen wortes
ist dasselbe wie in liubaji.
138) haurn hörn, gr. y.lQag, lat. cornu. C. 136. Dass ags. heorot
hirsch hierher gehört, ist von Leo Meyer 0. u. 0. 1, 197 nachgewiesen.
139) ags. härfest herbst, gr. /.aQTiös, lat. carpo. C. 133.
140) liilpan helfen, altind. kalp in rechter Ordnung sein, gelin-
gen, dienen zu, caus. in Ordnung bringen, verhelfen zu, lit. szelpiü für
jemand sorgen, helfen. Das p in hilpan ist ohne ersichtlichen grund
unverschoben.
141) himins s. unter hamar.
142) heivafrauja hausherr, altind. und zend 91 liegen, gr. xti-
lim liegen. C. 134, Wegen haims s. oben.
143) hairda s. nr. 59.
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. 9
18 DELBEÜECK
144) hairto herz, altiiid., mit auffallendem h, hridaya, hrid herz,
dem h entsprechend im zend z: zuredhaya herz (das dh ist hysterogen),
gr. /MQdi'a, lat. cor, russ. serdtze , kelt. cride. C. 132. Ebel, beitr. 2, 160.
145) liairus schwert, altind. 9ar verletzen, gi: yieiQU) , lat. curtus.
Die Wurzel hat wohl anlautendes s verloren , wie vielleicht (Kuhn Ztschr.
4, 18) auch die Wörter der vorigen nummer. C. 137. 0. u. 0. 2, 87.
146) hlaifs s. unten.
147) hlija zeit, ags. hlin-bed lager, gr. xA/vj^ lager , yMvco leh-
nen, xhoia zeit, lat. clinare, altind. 9ri (Sonne K. Z. 15, 105) ni^rayani'
leiter, gr. y.Xifia^, ags. hläder. C. 138. Auch hlains und hlaiv gehören
wol hierher, vgl. Pfeiffers Germ. 1, 81 flgd.
148) hlifan stehlen, gr. ylinito , lat. depo. C. 138.
149) hliuma gehör, ohr, altind. und zend 9ru hören, gr. xAt'w,
lat. cluo. C, 139.
15.0) hlutrs lauter, gr. xZt'^w spülen, lat. cluere (purgare), cf. cloäca.
C. 139.
151) hneivau neigen, hnaivs niedrig, gr. veiw nicken, neigen,
lat. nuo, coniveo. Eine urform knu oder kni ist vorauszusetzen.
152) ags. hnit nisse, gr. vmv'iq, (y.ovid), böhm. hnida, lit. glindas,
lat. lendes. C. 218.
153) ahd. hnazza nessel, gr. xj'/(Jjj und xWCa dass. Fick 46. Hin-
zuzufügen ist lett. kneft jucken, dessen nebeuform neft das initiale k
abgeworfen hat, was auch Bielenstein, die lettische spräche 1, 210 vom
rein lettischen Standpunkt aus für möglich hält.
154) ahd. hof, gr. x?~^7rog garten, lat. campus. C. 137.
155) alts. ho Im hügel, ags. holni, auch meerflut (das sich erhe-
bende), gr. yiohovog, lat. coUis, celsus, lit. k.'dnas höhe. C. 141.
156) ahd. liraban rabe (aus hravan), gv.yiöqa^, lat. corvus. C. 141.
157) hramjan kreuzigen, gr. y.qi(.ia^ica hange, yQe/.ica>vvfii hänge,
lit. kariü hänge. Eine sichere altind. parallele fehlt. C. 143.
158) ags. hräv leichnam, got. hraiv (stamm hraiva) in hraivadubö,
Grimm Gr. 3, 398. altind. kra vis rohes fleisch, aas, krävya dasselbe, kra-
vyä'd fleischessend, gr. yqeag, lat. caro, cruor, russ. krov' blut. C. 143.
159) ags. hridder sieb, lat. cribrum dass. , altir. glosse: criathar
dass. K. Z. 14, 215. Die wurzel ist die in aqivco enthaltene. C. 143.
160) hrukjan krähen, altind. kruy schreien, kreischen, wehklagen
(auch von vogelgeschrei gebraucht), lat. crocü-e und crocitare. Das k
scheint freilich dem altindischen und lateinischen gegenüber unverschoben.
Aber Lettner, K.Z; 11, 185 macht darauf aufmerksam , dass das griech. x^at//;
diesen Wörtern entspricht. WahrscheinUch existierten also bei diesem schall-
nachahmenden Worte formen mit k und g in der Ursprache neben einander.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 19
161) huljaii verhüllen, niederdeutsch liille „ort über den viehstäl-
len wo gesinde und kmder zu schlafen pflegen " , gr, vxiIlÖ. hütte, lat. cella,
altmd. khäla tenne. Kuhn Z. 5 , 455. C. 121». Mit diesen Wörtern ist verwant
hulistr decke, hulundi höhle. Sie haben, wie ahd. hol zeigt, kurzes u, und kön-
nen also mite. 144(79) nicht vereinigt werden, kelt. parall. Ebel, beitr. 2, 169.
162) ags. b5'd, altniederd. hüd haut, altind. sku bedecken, gr.
G-ytiTog haut, lat. scütum. C. 154. Das s ist abgefallen und das k regel-
recht verschoben.
103) liunds hund, altind. ^van, zend 9pä, lat. canis, lit. szü, kelt.
cü. Beitr. 2, 160. C. 146.
164) hund (nur pl.) hundert, altind. 9atä, zend yata, gr. excaov,
lat. centum, lit. szinitas. C, 126.
165) ahd. liün hüne, riese bringt Gerland , K. Z. 10, 276 flgd, zu-
sammen mit altind. 9vi wachsen, gr. /.v. (C. 144).
166) ags, hydau s. nr. 56.
167) ahd. huosto, ags. hvösta der husten, altind. käs husten, käs
und käsa der husten, lett. käset husten. Pictet, K. Z. 5, 347.
Eine im deutschen nicht seltene lautverbindung ist hv im anlaut
und inlaut, die hier gemeinsam behandelt werden mögen. Sie tritt
u. a. auf in folgenden Wörtern: hvairban wandeln, hvairnei hirnschädel,
af-hvapjan löschen, ersticken, livas wer, hvassaba mit schärfe und
hvassei strenge, hva]}jan schäumen nebst hvapo schäum, hveila weile,
hveilau weilen, altn. hvila ruhen, hveits weiss nebst hvaiteis waizen,
hvilftri bahre, sarg, alts. bi-hwelbian bewölben, ags. behvyl-fan, hvo-
pau sicli rühmen mit hvoftuli rühm, hvota drohuug, wol zu hvas-
saba (Aufrecht, K. Z. 1 , 471), altn. hvalr walfisch, hveöl Scheibe, rad,
hverr kessel, alts. hwelp junges tier; im inlaut: ahva wasser, aihva
in aihvatundi dornstrauch, vielleicht equisetum iTtTtovQig, so dass
aihva pferd bedeutet (Gramm. I^, 50), arhvazna pfeil, brahv das blin-
ken, nehva nahe, leihvan leihen, fairhvus weit. Sie zerfallen in zwei
classeu. In der ersten classe entspricht das hv indogermanischem kv , in
der zweiten einem einfachen k-laut. Zur ersten classe gehören
168) hveits weiss und hvaiteins waizen, zu altind. ^vit, ^veta weiss,
zend 9paeta weiss. Das gotische t stützt vielleicht die unbelegte san-
skritwurzel 9vid.
169) isl. hväsa und hvaesa schnaufen, altind. 9vas schnaufen,
altsl. kvasit' tvf.iovv aufblähen; eingehend erörtert von Kuhn Z. 15, 318.
170) aihva- in aihvatundi, altind. a9va, zend a9pa, gr. 'iTVTrog
aus l'xxog, lat. equus. Keiche nachweise bei Diefenbach Orig. Europ. 337.
Zur zweiten classe gehören, ausser dem höchst interessanten ags.
hvösta (nr. 167), von dem es zweifelhaft ist, ob das v sich nur im
2*
20 DELBEUECK
ao"s. entwickelt hat, oder ob es schon im nrdcutschen vorhanden wai
nnd nur im ags. blieb , das aber das einzige sichere beispiel ist , in wel-
chem deutsches hv einem reinen altindischen k entspricht:
171) altn. livila ruhen, altiud. 91, zend 91, gr. xslfiai, lat. quiesco.
172) hrairnei gehirn (falls nicht livairneins adjectivisch ist, wie
Leo Meyer 0. u. 0. 2, 280 annimmt), altind. 9iras haupt, gr. /«o« und
ycQavlov, lat. cerebrum. C. 182.
173) ahya wasser, lat. aqua, gr. a7r in Bleanänioi , altind. und
zend ap wasser C. 411.
174) leihyan überlassen, altind. ric , gr. hi/rca, lat. linquo. Die
Wurzel rik ist also im deutschen vertreten durch lih lif (af-lifnan) und
aus lif abgeschwächt lib (laibos).
175) neliT, lat. neliya nahe, altind. na9 erlangen , lat. nanciscor,
gr. svsynslv. Das e entspricht wol einem ursprünglichen an , wie bei fleka.
176) sailiTan sehen, ursprünglich: mit dem äuge nachgehen,
altind. sac, zend hac, nebst einer in der vedischen spräche auftretenden
nebenform sap, gr. enof-iai, lat. sequi. Aufrecht K. Z. 1 , 352.
177) ags. hyeöl (die weiteren formen siehe Zacher, runenalphabet
113, flgd.), altind. cakra, zend cakhrarad, gx.v.v-A.koq. Hier könnte man,
wegen des griechischen r, für das griechische eine form kvaklos anneh-
men, (vgl. auch Kuhn herabk. d. f. 54).
178) Das prou. liya ist nicht mit erwähnt worden, weil man zwei-
feln kann, ob man diesen stamm mit altindischem ka oder ku (-= kva)
zusammenstellen soll, welcher letztere in altind. kütas woher? kuha wo
wohin ? knvid ob etwa , küha wo , kvä wo ? hervortritt.
Dem gotischen hv entsprechen also in diesen beispielen die altin-
dischen laute : k c 9 p, die griechischen x 7t, die lateinischen c qu; alle,
mit ausnähme des lateinischen qu, solche laute, bei denen von einem v
nichts zu verspüren ist. Sie sind vielmehr sämmtlich Vertreter des indo-
germanischen k. Um nun die gotischen und lateinischen laute (überein-
stimmend bei saihvan hvila ahva) mit denen der übrigen indogermani-
schen sprachen zu vereinigen, hat man angenommen, dass in der Urspra-
che überall kv stand, dass dies v im lateinischen und deutschen blieb,
in den übrigen sprachen dagegen abfiel, und in der modification des
k - lautes eine spur seines daseins zurückliess (vgl. Grassmann , K. Z. 9 , 1
flgd., Leo Meyer, vergl. gr. 1, 29). Es wird also angenommen, dass das
altindische c 9 p und das gr. tt x durch die einwirkung eines v auf k
entstanden seien. Zum beweise, dass das v eine solche Wirkung üben
könne, darf man natürlich die hier erwähnten formen, deren erklärung
ja eben fraglich ist, nicht verwenden. Man darf auch nicht von erschlos-
senen formen der Ursprache ausgeliend wirkliche formen irgend welcher
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 21
einzelsprachen, z. b. des sanskrit, vermittelst solcher einwirkuiigen eines
früheren v erklären wollen. Yielmelir müste durch wirklich existierende
unzweifelhaft zusammengehörende formen derselben spräche bewiesen
werden, dass z. b. im sanskrit c 9 p aus k durch einwirkung eines v
entstehen kann. Ich kann an dieser stelle auf die dafür beigebrachten
beispile nicht eingehen, befürchte aber keinen widersprach, wenn ich
behaupte, dass ein solcher beweis noch nicht erbracht ist.
Und selbst angenommen der schwer glaubliche fall, es brächte
jemand altindische Wörter bei, die unzweifelhaft zusammengehören, von
denen die eine classe kv , die andere c oder 9 oder p an derselben stelle
des Wortes zeigten, so würde uoch durchaus nicht entschieden sein, dass
das kv als die ältere gestaltung anzusehen sei. Denn wie wäre doch —
um das p, das allenfalls anders erklärt werden könnte, zunächst bei seite
zu lassen — wie wäre doch physiologisch die entstehung eines 9 und c
aus kv zu denken? k wird gesprochen am gaumen, v an den lippen, c
und 9 zwischen diesen beiden articulationsstellen. So wären c und 9
also gewissermassen durch compromiss zwischen beiden mundsteUen ent-
standen, das k wäre etwas nach vorne gerückt, das v etwas nach hin-
ten, in der mitte hätten sie sich getroffen, und so seien entstanden die
laute c und 9. Indessen ein solcher Vorgang, wie der eben phantasierte,
ist nicht wol denkbar. Alle bewegung der konsonauten geschieht in der
richtuug von hinten nach vorn, nicht umgekehrt. Ist einmal ein kv
geschaffen, so dreht man nicht wieder um zum c und 9, vielmehr sind
c und 9 nichts weiter als eine Station des für k bestimmten hauches in
seinem vorrücken nach einer vorderen articulationsstelle hin. Ein sol-
ches vorrücken des k- hauches begann vielleicht schon in der Ursprache
bei gewissen Wörtern. Im sanskrit stellte sich für den in bewegung
befindlichen hauch der verschluss ein an der articulationsstelle von c 9
und p , im griechischen an der von l und /r. Das lateinische und deut-
sche halten die articulationsstelle des k am zähesten fest, (obgleich man
sich leicht überzeugt, dass das k in ka weiter hinten gesprochen wird
als das q in qa,) und bekunden die tendenz des verschiebens des k haupt-
sächlich in der bereitmachung der lippen zur ausspräche des vorderlautes v.
Warum nun das k schon in der Ursprache anfieng zu rücken, ist
bei dem einzelnen werte nicht zu erweisen, im ganzen aber behaupten
wir doch nichts undenkbares , wenn wir meinen , dass das k sich in der-
selben richtung zu bewegen angefangen habe, in der hauptsächlich die
bewegung der consonanten vor sich geht. (Vgl. zu dieser behauptung
auch C. 399).
H^^- (Fortsetzung folgt.) ^' ß^LBEUECK.
22
DER TANNEWETZEL UND BÜRZEL.
Das 54ste fastiiachtspiel in Ad. Kellers samliing ist überschrie-
ben: Hie hebt sich ain guot vasnachtspil von ahn siecht iinr/, den hies
man den Tanaiveschel , der was iiberall in allen teutschen landen, nu
sieht man her nach ivie er vertrihen ward, der siechtag tvas in dem
monat fehruario äö. dorn. etc. qimdringcittesimo quarto decimo. — Das
spiel ist ein prozess gegen Tanawäscliel den poesen man, der gar viel
leut gekränkt hat , dass ein mensch ist siech , das ander tot. Der farende
schiüer, der ritter, die Jungfrau, der kaufmann, die klosterfrau, der
bauer erheben klagen. Tanawäschel sucht sich zu verteidigen, indem
er krankheit und tod auf die unmässigkeit oder das alter der menschen
schiebt. Aber er wird des lebens durch geschöpftes urteil losgesprochen,
und meister Pausenhart schlägt ihm das haupt ab.
Aus den klagesätzen erhellt, dass die krankheit mit mattigkeit
(4:6i), 25), kopfweh (471, 12), heftigem husten und auswurf (472, 1),
und leibweh (472, 18) auftrat. Der ausgang war mitunter tötlich (470,
7. 29. 474, 17).
Geschichtliche nachrichten über diese katarrhale epidemie liegen
zunächst vor in einer Nürnberger und einer Augsburger chronik, beide
zu dem j. 1414 unsers fastnachtspiels. Die Augsburger chronik meldet:
darnach in demselben winter was der bilrczel als iveit die Christenheit
tvas, desgleich in der heidenschaft (Mone, anzeiger 6, 736); die genauere
Nürnberger, leider lückenhaft erhalten, sagt: anno 1414 — do was
Bwischen weichennacht und ostern in allen landen iederman im hopt we,
und hiesz nums den pürczel, oder den taunwecsschel und macht
nieman doran iveder essen noch trincken. (Chroniken der fränkischen
Städte 1, 472). Aus Frankreich haben wir ebenfalls von der epidemie
im j. 1414 künde; sie hiess damals coqueluche, und war so allge-
mein , dass schulen und gerichtshöfe geschlossen wurden. ^) Sehr hef-
tiger husten, appetitlosigkeit , lieber und nierenleiden bilden die erschei-
nungen der auch 1403 , 1411 und 1427 grassierenden krankheit , die nach
vierzehn tagen mit genesung endete. Im j. 1411 hiess sie le Tac und
le Horiou, 1427 Ladendo. ^)
Wir vermögen die krankheit aber ])is in das vierzehnte Jahrhun-
dert zu verfolgen. Schon 1366 durchzog der tanawetzel Süddeutschland,
wie die genealogia princip. austr. (Rauch, Script, rer. austr. 1, 384)
1) Mezeray, abrege de Vhistoire de France 3, 190, citiert bei Hecker, die
grossen volkskrankheiten des mittelalters , herausgegeben von A. Hirsch S. 244.
2) ebd. 245.
WEINHOLD, DER TANNEWETZEL UND BÜRZEL 23
berichtet: MCCCiiij item darnach über zway jar do kam ain tusl^)
uher alle tvelt , das allermenniMich siech ivart, und was an der vase-
naht, die da stachen, den wart so ive das sy ah dem plan miisten zie-
hen; die da tauchen ivolten, den gescliach auch also, gar alte lewt stür-
ben, des andern volJc starb wenig, ettlich siechten sivo ivochen oder drey,
ettlich drey manod. daz geschach über alle tvelt auf ain tag und man
hiez den selben siechtumb den Tanaheczl. Diese epidemie trug nicht
bloss einen katarrhalen, sondern auch einen typhösen character, wie die
beschreibung erkennen lässt. Dasselbe gilt fü]- den aus dem jähre 1387
erwähnten Bürzel, den nahen verwanten des Tanawetzel. In Gas-
sers Augsburg, annalen lesen wir: mira quaedam epidemia hanc urbem
totamque superiorem Germaniam fcorripiebat , qua aegri quatuor vel quin-
que ad summum dies niolestissirais destillationibus laborabant ac ratione
privati instnr phreneticorum furebant, atque inde convalescebant pau-
cissimis ad orcum deniissis. Dazu wird der deutsche name gunbyr-
zelen angeführt. Auch die vorhin benutzte Augsburger chronik (bei
Mone, auzeiger 6, 257) spricht von dieser seuche beim j. 1387: do Team
ain tvetag , den Mct, man den burcsel. der harn in alle stet und in allu
laut und in allu dorfer, und lagen die laut drei tag oder vier, und
stunden dun wider auf es vergiengen alle tag an diser sucht acht bis
sehen personen. ja es meret sich diser bursel von tag zti tag. Hier
wird die krankheit nur als grippe geschildert, ^j Bei Königshofen (s. 303)
heisst dieser selbe siechtag ganser oder burtsel und zeigt sich als husten
und flösse in der helen. Ohne nähere beschreibung scheint eine von
Schmeller b. wb. 1, 204 aus Senders chronogr. angeführte stelle: infir-
mitas generalis vulgo pcrtzel grassabatur. War nun auch die krankheit
nicht gefährlich, so blieb sie doch unbequem, und die Sympathie ward
auch gegen sie angerufen. Dieselbe Münchener sammelhandschrift , wel-
che den merkwürdigen nachtsegen enthält, verzeichnet auch eine formel
contra pircil: stribraras f iob traezon zcorobon connubia iob f et pone
eqv (Konr. Hofmann in den Münchener sitzungsber. phil, philol.
kl. 1867. juni s. 171.)
Tannewetzel und bürzel gehören nach allem diesem zu der sippe
der katarrhalischen seuchen, welche im 14—16 Jahrhundert unter ver-
schiedenen namen durch die europäischen länder zogen, im 16 Jahrhun-
dert besonders Frankreich heimsuchten,^) und nie ganz erloschen. Seit
dem 18 Jahrhundert kam der name influenza oder grippe dafür auf.
1) So lese ich für das lust des druckes: tusel, schwinde!, Fieber. Schmeller 1, 402.
2) Die stelle in Wurstisens Basier chronik 664 stimt zu dieser Augsburger.
3) Hecker - Hirsch a. a. o. 243. 246. Biermcr in Virchows handbuch der spec.
pathol. und therapie 5, 1, 596 f.
21 I'. MEYER, ZUR GOT. PRONOMINALFLEXION
lieber unsere namen seien bemerkungen angefügt.
Wir finden die formen tanabecd, tmmtvcczschel , tanawäschel; daraus
schlicsse ich auf ein echteres tannetvezel. Der zweite teil des composi-
tums ist das in orwezeUn (Heinrich Tristan 5478) nachweisliche demi-
nutiv zu ivetse, heute watsche, backenstreich. Der erste teil scheint mir
ein bis jetzt nicht nachgcAviesenes tanne, die schlafe, wozu wir mit i
und u im stamm die bekannten tinne und ümne besitzen. Demnach
bedeutet fnnneivezel iichlsig vor die schlafe, und wir gedenken der erklä-
rung des französischen namens der epidemie von 1411 le liorion, der
schlag vor den köpf.
Der andere name, hurzel^ wird auch für andere krankheiten ge-
braucht (Grimm, wörterb. 2, 554); genügend vermag ich ihn nicht zu
deuten. Er hat sich übrigens bis heute erhalten, da um Göttingen, so
wie südlich von Halle hürsel der gewöhnliche name des Schnupfens ist.
KIEL. " KARL WEINHOLD.
ZUR GOTISCHEN PEONOMINALFLEXION.
Holtzmann hat mit seiner entdeckung neuer grammatischer formen des
gotischen entschieden kein glück. Was er im achten Jahrgang der Pfeiffer-
schen Germania , Seite 261, über eine bisher für nichts geachtete gotische
weibliche participform nimancls statt des allein richtigen nimandci lehrte,
muste Seite 145 des neunten Jahrgangs derselben Zeitschrift von mii- als
auf einem Irrtum beruhend bezeichnet werden. Nicht besser ergeht es
der nur wenige selten früher von ihm gemachten bemerkmig, dass Timo-
theus 1, 1, 10 in hva eine plm-alform des fragepronomens belegt sei.
Als alle dem, was wir sonst von gotischer pronominalflexion wissen,
gegenüber zu ungeheuerlich ist diese annähme meines wissens bisher
noch von keinem anderen gewagt. Nun steht denn auch sie als ein ent-
schiedener irrthum da. Aus den von Uppströms söhne, dem candidaten
der Philologie Wilhelm üppström aus üppsala mir freundlichst übersan-
ten aushängebogen der neuen ausgäbe der Paulinischen briefe, die jetzt
eben ihrer Vollendung schon sehr nahe gerückt ist , ergiebt sich als rich-
tige lesart der fraglichen Timotheusstelle : jahai hva aljis [nicht aljä]
pizai hailm laiseinai anästandip [nicht andstandanä]. Jenes hva also
ist und bleibt singularform.
DORPAT. I-EO MEYER.
25
ÜBER DIE NORWEGISCHE AUFFASSUNG DER NORDISCHEN
LITERATURGESCHICHTE.
Efterladte Skrifter af E. Keyser. Forste Bind. Nordmsendenes "^idenskabelig-
hed og Literatur i Äliddelalderen. Christiania. P. T. Mallings Forlagsboghandel,
1866; Vm und 588 ss. 8.
In den letzten jähren hat das Studium der einheimischen spräche
und geschichte in Norwegen eine reihe der schwersten Verluste erlitten.
Von den gewaltigen forschern, welche jene vorher so wenig, und zumal
so wenig methodisch betriebene disciplinen in ein paar Jahrzehnten auf
jenen stattlichen höhepunkt gebracht haben, auf welchem sich diesel-
ben jetzt in jenem lande befinden , sind drei in rascher folge gestorben,
Christian Christoph Andreas Lange nämlich (geb. 1810, gest.
1861), Peter Andreas Munch (geb.1810, gest.1863), und Rudolf
Keyser, (geb. 1803, gest. 1864). Der letztere, wenn auch im aus-
lande bei weitem weniger gekannt und gefeiert als der ungleich glän-
zendere Munch, ist doch, wie der älteste unter jenen drei koryphäen,
so auch derjenige gewesen , welchem die beiden anderen gutentheils ihre
richtung verdankten, und er darf somit als der eigentliche Stifter jener viel-
gepriesenen und vielbekämpften, jedenfalls aber hochverdienten schule ange-
sehen werden , welche man als die „ neunorwegische " zu bezeichnen pflegt.
Allerdings ist die zahl der von Keyser veröffentlichten werke keine sehr
bedeutende. Sehe ich ab von einer reihe von quellenausgaben, welche
er mit Munch, oder mit Unger, oder mit beiden gemeinsam veranstal-
tete^), von ein paar berichten über antiquarische funde und über die
antiquitätensamlung der Universität Christiania^), von ein paar Zusam-
menstellungen und Übersetzungen von quellentexten ^) , endlich von
ein paar kleineren abliandlungeu über einzelne punkte der norwegi-
schen geschichte und alterthümer *) , so bleiben nur zwei umfangreichere
1) Norges gcunle Love, hd. I — III, 1846—49; Konüngs- skuggsjä , 1848;
Olafs sagahins helga , 1849; Strengleikar , 1850; Barlaams olc JosapJiats saga, 1851.
2) Annaler for nordisk Oldkyndighed , 1836 — 37, 1838 — 39, 1842 — 48;
Urda, I u. 11.
3) Ueber porgils skaröi , in den Samlinger Hl det norske folks S2}rog og histo-
rie , I, 1833; zur geschichte des königs Signrö Jorsalafari , ebenda.
4) Zur Geschichte des königs Häkon Magnüsson , in der Norsk tidsskrift for
mdenskab og läeratar , I, 1847; über das wappen und die öagge Norwegens, 1842;
über die norwegische kleidertracht der älteren zeit, als beilage zu J. Frichs abbil-
dungen norwegischer nationaltrachten 1847 erschienen; über die religionsverfassung
der nordniänner im heidenthume (1847) ; über die wolniungen und täglichen Verrich-
tungen der nordleute in den älteren zeiten {Norsk tidsskrift I) ; über deren belusti-
2G MAURER
Schriften übrig, nämlich die tiefeinschneideude abhandluug über die her-
kunft und stammverwantschaft der Nordmänner (18.'59)^), und die geschichte
der norwegischen kirche in der katholischen zeit (1856 — 5.s). Aber sehr
irren würde, wer des mannes geistige Wirksamkeit und wissenschaftliche
bedeutung 'lediglich nach diesen wenigen Schriften bemessen wollte.
Ungleich mehr als mit der feder wüste Keyser durch das gesprochene
wort und persönliche anregung zu wirken, und selbst von dem wenigen,
was er im di'uck erscheinen liess, war das meiste von ihm ursprünglich
zum behufe der Vorlesungen ausgearbeitet worden, welche er an der
norwegischen landesuniversität zu halten pflegte. Dabei kann es keinen
schärferen gegensatz geben als den, welcher zwischen seiner art zu
arbeiten und der Munch's l)estaud. Des letzteren litterarisclie productivi-
tät war eine ganz erstaunliche und die zahl seiner Schriften ist kaum
anzugeben, trotz des sehr stattlichen umfanges mancher unter ihnen;
aber gewöhnt wie er war, auf sein fabelhaftes gedächtuis unbedingt zu
bauen, und zugleich seine manuscripte bogen für bogen mit noch nasser
tinte in die druckerei zu senden, liess er sich gar manche Übereilungen,
versehen und Widersprüche dabei zu schulden kommen. Keyser dagegen
pflegte selbst seine vortrage mit einer Pünktlichkeit auszuarbeiten, wel-
che andere für ihre bücher nicht nothwendig finden, und die wenigen
von ihm veröffentlichten werke sind auf das sorgsamste und sauberste
durchdacht und geglättet; er liebte es, immer und immer wider zu
seinen alten arbeiten zurückzukehren, um an ihnen zu bessern und zu
feilen, und selbst nach widerholten revisionen entschloss er sich nur
schwer, dieselben der vollen Öffentlichkeit zu übergeben. Eine folge
zugleich jener ungewöhnlichen Sorgfalt für seine akademischen vortrage
und dieser ebenso selteijen Zurückhaltung im veröffentlichen der eigenen
Studien ist aber die, dass die bekanntschaft mit den leistungen Keysers,
welche dem ausländischen publikum unzugänglich , aber den sämmtlichen
gelehrten Norwegens ganz geläufig waren, gar vielfach in den Schriften
dieser letzteren vorausgesetzt wird; gar manche origüielle ansieht des
mannes ist auf diese weise in die werke anderer übergegangen , ohne dass
doch deren eigentlicher Urheber jemals genannt worden wäre, gar man-
che besondere theorie desselben als feststehend behandelt und nur im
vorbeigehen berührt worden , von welcher doch nirgends eine zusammen-
hängende darstellung und begründung in der litteratur zu finden ist.
gnngen in der vorzeit {ebenda II, 1848); über die entwicklung der norwegischen
gesellschaftsordnung im mittelalter {Nor, lU, 1847).
1) Ursprünglich in den Samlinger VI erschienen, ist diese abhandlung auch
gesondert herausgegeben worden.
DIE NORWEG. AUPFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 27
Einen sehr willkommenen einblick in diese verborgene Wirksamkeit
Keyser's und zugleich einen schlagenden beweis für deren tiefe sowohl
als umfang gewährt aber dessen reicher litterarischer nachlass , mit des-
sen veröft'eutlichung nunmehr glücklich begonnen wurde. Eine bis auf
das jähr 1340 herabgeführte geschichte Norwegens wird so eben von
der gesellschaft zur förderung der volksaufklärung herausgegeben; die
sämmtMchen übrigen theile des nachlasses dagegen hat professor 0. Rygh
unter seine umsichtige obhut genommen, und sollen dieselben in drei
bänden erscheinen , deren erster eine geschichte der altnordischen
litte ratur, deren zweiter eine darstellung der Staats- undrechts-
verfassung Norwegens vor der unionszeit, und deren dritter
eine Schilderung des privatlebeus der alten Norweger bringen
soll. Wie von der geschichte Norwegens nur ein kleines bruchstück
schon früher gedruckt war , ^) so ist auch von dem das privatleben der
Norweger behandelnden werke nur ungefähr die hälfte , ^) und von dem
das staatsieben derselben besprechenden nur der einleitende abschnitt
bereits in einer älteren bearbeitung veröffentlicht gewesen; 2) die litte-
raturgeschichte aber ist für das grög"sere publikum vollkommen neu. Die
abhandlung über die religionsverfassung des heidenthumes scheint der
herausgeber ebenso wie die über die herkunft der Nordmänner und die
andere über Norwegens flagge und wappen darum nicht aufnehmen zu
wollen , weil sich in Keyser's nachlass von derselben keine von der bereits
veröffentlichten verschiedene bearbeitung vorfand, und sogar eine arbeit
über die Verfassung der norwegischen kii'che in der katholischen zeit,
welche derselbe enthält , will darum von der Veröffentlichung ausgeschlos-
sen werden , weil sie in verl)esserter , wenn auch etwas abgekürzter gestalt
in die betreffenden abschnitte seiner kirchengeschichte vom Verfasser
bereits verarbeitet worden sei. Ich möchte indessen wünschen , dass der
letzteren wenigstens noch nachträglich eine stelle vergönnt werden möchte;
eine zugleich ausführlichere und übersichtlichere darstellung des gegen-
ständes derselben wäre auch nach dem in jenem grösseren werke gebo-
tenen immerhin noch für den rechtshistoriker soAVohl als für den kirchen-
historiker von hohem Interesse. — Die herausgäbe jener Schriften hatte
der Verfasser selbst beabsichtigt, nnd sogar bereits deren schKessliche
revision zu solchem behufe begonnen; seine litteraturgeschichte insbeson-
1) Nämlich die oben , s. 25 , anm. 4 , aiigeflilirte erörteruiig der geschichte des
königs Häkon Magnüsson.
2) Vgl. die ebenda angeführten abhandlnngcn über die kleidertracht, die Woh-
nungen und beschäftigungen , sowie über die belustigungen der alten Norweger.
3) Siehe die ebenda angeführte abhandlung über die entwicklung der norwegi-
schen gesellschaftsordnung im mittelalter.
28 MAURER
dere, welclie im jähre 1846 — 47 zuerst entworfen und dann im jähre
1856 — 57 revidiert und theilweise von grund aus umgearbeitet worden
war, hat später noch mehrfache Verbesserungen durch ihn erfahren, so
dass deren abdruck fast wörtlich nach der handschrift erfolgen konnte, und die
vom herausgeber beigefügten (übrigens durch klammern gekennzeichneten)
Zusätze fast nur eine ergänzung der litterarischen nachweise zu erstreben
hatten. Da diese litteraturgeschichte nunmehr vollendet vorliegt, will
ich versuchen über deren reichen Inhalt einigen Ijericht zu geben, zumal
aber den geist und Standpunkt zu prüfen, von welchem dieselbe bestimmt
und geleitet wu'd ; da höchst eigenthümliche grundanschauungen hier zum
ersten male im zusammenhange vorgetragen werden, welche unverkenn-
bar schon früher für eine reihe mehr gelegentlicher äusserungen der ver-
schiedensten norwegischen schriftsteiler massgebend geworden waren,
dürfte eine kritische erörterung derselben in der that um so mehr am
platze sein. Der kürze wegen, und um nicht gesagtes nochmals sagen
zu müssen, erlaube ich mir aber bezüglich der näheren begründung so
mancher einzelnheiten auf einen vertrag „über die ausdrücke altnordi-
sche, altnorwegische und isländische spräche" zu verweisen, welchen ich
im December 18 65 in der hiesigen akademie hielt, und welcher nunmehr
endlich im drucke sich befindet.
Die Ökonomie des zu besprechenden werkes ist eine sehr einfache.
Eine einleitung (s. 3 — 60.) giebt einen geschichtlichen überblick über
die entwicklung der altnordischen litteratur und Wissenschaft, und fasst
die altnordische spräche, dann die schreibkunst , endlich das erziehungs-
wesen noch besonders ins äuge, soweit dieselben auf jenen entwicklungs-
gang bestimmenden einfluss geübt haben. In einem ersten abschnitte,
(s. 61 — 342), wird sodann die dichtkunst und die poetische lit-
teratur behandelt, wobei wie billig die jüngere Edda als ein lehr-
buch der dichterkunst gleich mit besprochen wird. Ein zweiter abschnitt,
(s.' 343 — 530), handelt von der sagenkuude und sagenschrei-
bung, wobei die mythisch - heroischen , die historischen und die romanti-
schen sagen unterschieden, den letzteren aber, etwas wunderlich, auch
die heiligenlegenden beigezählt werden. Ein dritter und letzter abschnitt
endlich, (s. 531^ — 579), bespricht alle übrigen zweige der Wis-
senschaft und litter a tu r, also die theologie, Jurisprudenz und medi-
cin, die geographie, mathematik und naturkunde, endlich die philosophie
und die Sprachwissenschaft, worauf ein regist er (s. 581 — 588) das
werk schliesst. Mir will diese eintheüung , beiläufig liemerkt , keine ganz
glückliche scheinen. Der herausgeber hat dem letzten abschnitte die
Überschrift „die gelehrten Wissenschaften und deren litteratur" gegeben,
weil er meinte , der verf. habe in demselben die fremde wissenschaftliche
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 29
litteratur in ihrem gegensatze zu. den nach entstehung und wesen rein
nationalen litteraturzweigen zusammenfassen wollen. Aber so gefasst
durfte dann nicht nur, was er selber anerkennt, die norwegisch- islän-
dische jurispi'udenz nicht den producten der ausländischen gelehrsamkeit
beigezählt, sondern auch umgekehrt die isländische annalistik, dann die
gesamte übersetzungslitteratur , nicht in dem von den sagen handelnden
abschnitte mit besprochen werden , möge diese letztere nun mit legen-
den, mit ritterromaneu, oder mit wirklich historischen werken sich befasst
haben , von welchen letzteren freilich der Verfasser so gut wie keine notiz
nimmt. Freilich mag ein abriss der Weltgeschichte als Veraldar saga,
mögen paraphrasen Sallusts und Lucans als Bomverja sögur , Übersetzun-
gen der Historia Britonum Geoffroy's von Monmouth oder der Älexan-
dreis des Philippus Galterus als Breta sögur mid Alexanders saga,
und bearbeitungen der geschichtlichen bücher des alten testamentes als
QyÖinga sögur bezeichnet werden; aber zur „rein nationalen" litteratur
des nordens gehören solche werke darum doch nicht. Umgekehrt würde
man nicht nur die nach fremden mustern gearbeiteten annalen, sondern
auch genealogische aufzeichnungen und die au solche sich anschliessende
Landndmahöh , so entschieden nationalen Charakter diese letzteren auch
tragen, in der älteren Zeit kaum zu den sögur gerechnet haben, und
der titel der Skälholter ausgäbe (1688): ,,Sagan landnama" ist sicher
nur ein erzeugnis späteren misverstaudes; „dttvisi" scheidet der erste
grammatische tractat in der jüngeren Edda ausdrücklich von den „fnieöi,^'-
welche Ari |)orgilsson geschrieben hatte , und die vorrede zur Hihigur-
vaka führt „mannfraiM" neben den „sögur" als einen lesenswerthen
gegenständ auf, ganz wie bischof jDorläkur f)örhallsson von seiner mutter
„cettvisi ok mannfrceöi" lernte. Schwankend zwischen dem gegensatze
nationaler und ausländischer bildung, welcher eine nationale gliederung
wenigstens der ersten Wissenszweige gefordert hätte, und zwischen einer
lediglich objectiven gesichtspunkten entnommxcnen Scheidung der einzel-
nen litteraturgebiete , kommt weder die eintheiluiig des werkes noch auch
die behandlung des Stoffes innerhalb seiner einzelnen abschnitte zu voller
ruhe und klarheit; aber freilich fragt sich, ob jener erstere gegensatz
sich überhaupt mit voller schärfe durchführen lasse, da fremde kultur-
elemente schon von den ersten anfangen einer nordischen litteratur au
diese zu durchdringen begonnen haben.
Der Standpunkt, von welchem aus der Verfasser die altnordische
litteraturgeschichte behandelt, ist ein sehr eigenthümlicher. Auf der einen
Seite statuiert er , und zwar in weit schärferer ausprägung noch als diess
bereits von P. E. Müller und seinen nachfolgern geschehen war, die
existenz so zu sagen einer litteratur vor der litteratur, indem er annimmt,
30 MAURER
dass die im 12. und 13. Jahrhunderte geschriebenen werke bereits längst
vorher nach form und Inhalt in der mündlichen Überlieferung gelebt hät-
ten, und dass somit ihre aufzeichnung nur als ein akt der Schreiber-,
nicht der verfasserthätigkeit zu gelten habe. Auf der anderen seite aber
spricht er nicht nur den Dänen und Schweden jeden antheil an der altnor-
dischen litteratur al) , sondern er leugnet auch , hierin von Müller weit
abweichend, deren vorherrschend isländisclien Charakter, um dafür viel-
mehr einen norwegischen zu substituieren, und als ,,gammelnorsk" wird
demgemäss die Avissenschaft und litteratur jener zeit von ihm bezeichnet.
Nach beiden selten hin fordern Keyser's behauptungen eine eingehendere
prüfung heraus; ich glaube dieser aber vorerst ein eingehenderes referat
über seine eigene argumentatiou vorausschicken zu müssen.
Der Verfasser geht aber von einigen allgemeinen bemerkungen über die
entwicklung aller und jeder litteratur aus. Lange vor dem aufkommen
der Schrift, nimmt er an, bilde sich bei den Völkern eine mündliche
Überlieferung aus, welche stets namenlos sei, weil der Urheber jedes ein-
zelnen beitrages zu derselben sich selber in seinem wirken als Vertreter
der gesammtheit fühle, und jedenfalls nm- das von dieser aufgenommene
in der zukunft fortzuleben vermöge; durch dichterische form gefestigt,
lasse diese tradition nur secundär prosaisclie ergänzungen und erläuterun-
gen an die verse sich anschliessen. Komme nun einem volke, dessen
mündliche tradition sich als solche bereits hinreichend entwickelt liabe,
von aussen her die schreibkunst oder doch eine zu umfassenden aufzeich-
nungen brauchbare schreibkunst zu, so handle es sich zunächst nur um
das niederschreiben jener mündlich umlaufenden Überlieferungen , und
bilde sich hierdurch , da die hierfür thätigen eben nur als Schreiber in
betracht kämen, eine verfasserlose litteratur, während erst weit später
einzelne weiter vorangeschrittene es wagten, ihre besonderen geistespro-
dukte als solche niederzuschreiben, und damit zur Scheidung einer wis-
senschaftlich gebildeten classe von dem übrigen volke den grund legten.
Von diesen allgemeinen Sätzen wird sodann die nutzanwendung für die
altnordische litteraturgeschichte gezogen. Da die Nord- und Südgermanen
in religion, recht und sitte ein bedeutendes maass von Übereinstimmung
zeigen, während doch beide hauptzweige des gesamtvolkes zu verschie-
dener zeit und auf 'verschiedenen wegen gewandert, und nach ihrer Wan-
derung mit einander in keinen tiefer greifenden beziehungen mehr gestan-
den seien , nimmt der Verfasser an , dass beide noch vor ihrer trennung von
einander und vor dem beginn ihrer Wanderung einen ziemlich hohen cul-
turgrad erreicht haben müsten. Hieraus folgert er weiter, dass insbe-
sondere die Nordgermanen zahlreiche und umfangreiche Überlieferungen
über götterlehre, Sittenlehre und recht, über geschichte und genealogie
DIE NOE"WEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 31
über die natur und ihre kräfte , die zeit und deren eintheilung u. dgl. m.
aus ihrer Urheimat mitgebracht haben müsten , welche , durch späteren
Zuwachs vermehrt, Jahrhunderte hindurch nur von mund zu mund gegan-
gen seien , ohne je durch die schritt fixiert zu werden. Anfangs habe sich
die dichtkunst jenes stoflfes bemächtigt und denselben in gebundene form
gebracht; später aber babe sich neben der dichtkunst auch eine tradition
in ungebundener form gebildet , und diese habe sich, erst jener dienstbar,
bald von ihr emancipiert, um sie schliesslich an ausdehnung sogar zu
überbieten. In diesen zuständen hätten sich die Nordgermanen bei ihrem
eintritte in die geschichte, also im 8. und 9. Jahrhundert, befunden; in
der nächstfolgenden zeit aber seien sie, zumal soweit der norwegische
zweig derselben in betracht komme, nicht unerheblich weiter entwickelt
worden. Einerseits nämlich hätten die heerfahrten und eroberungen im
Westen der nation fremde culturelemente zugeführt, welche nicht ohne
einfluss auf den fortschritt des geistigen lebens in der heiiuat blei-
ben konnten; andererseits habe die bilduug eines grösseren gesamtstaa-
tes dessen entwickelung einen einheitlichen mittelpunkt beschafft und das
bestreben erzeugt , die bisher zerstreuten wissensschätze zu sammeln und
in verbesserter form allgemeiner zugänglich zu machen. Extensiv wie
intensiv habe sich demnach für die Überlieferung ein sehr erheblicher
aufschwung ergeben; aber da die runenschrift , an deren Ursprung in
einer hinter der trennung der Nordgermanen von den Südgermauen zu-
rückliegenden zeit der Verfasser allerdings festhält, wegen ihres unbeque-
men schreibmateriales zu grösseren aufzeichnungen wenig brauchbar gewe-
sen sei, habe die tradition sich den mündlichen character bewahrt, wie-
wol sie bereits jetzt „eine so abgerundete und bestimmte äussere form"
erlangt habe, dass ilir im gründe nur eine taugliche feder gefehlt habe,
um sofort als litteratur auftreten zu können. Da seien endlich mit dem
christentume die lateinischen schriftzeichen, und zugleich perganient
und tinte als ein handlicheres Schreibmaterial nach Norwegen gekommen,
und damit erst sei hier der gebrauch der schritt überhaupt ein bedeut-
samerer geworden. Für steininschriften zwar habe man die für sie pas-
senden runen beibehalten , und sei der gebrauch , verstorbenen solche zu
setzen, sogar erst durch die christliche sitte veranlasst worden, während
man sich vordem mit der errichtung unbeschriebener hantasteinar begnügt
habe; im übrigen aber habe man, abgesehen etwa von heimlichen mit-
theilungen und den Wunderlichkeiten einiger weniger Schreiber , lediglich
das lateinische aiphabet verwendet, und zumal nur dieses zu litterari-
schen zwecken gebraucht. Freilich habe man zugleich auch die latei-
nische spräche als die gelehrte und kirchensprache aufgenommen, und
diese werde denn auch ganz vorzugsweise als höhndl, d. h. bücher-
32 MAUEEB
spräche, bezeichnet; aber da in England, von woher die meisten mis-
sionäre gekommen waren , die angelsächsische spräche längst neben der
lateinisclieu zu litterarischen zwecken benützt worden war , konnte es
nicht fehlen, dass die fremden sowohl als die einheimischen kleriker,
welche die ersteren mit der zeit ablösten , der Volkssprache auch im nor-
den keineswegs feindselig gegenübertrateu , vielmehr diese ganz wie in
England neben der lateinischen zur Schriftsprache erwachsen und sell)st
für gelehrte zwecke Verwendung finden Hessen. Seit der mitte des 11.
Jahrhunderts seien demnach die nordleute im besitze der mittel gewesen,
um sowohl die Überlieferungen der vorzeit als auch die geistigen erzeug-
nisse der gegenwart durch die schrift fixieren zu können; indessen habe
theils das hängen an der altgewohnten mündlichen Überlieferung und
der noch geringe grad der Schreibfertigkeit, theils auch die zumal dem
klerus obliegende pflicht, vor allem für die nöthigen lateinischen mess-
bücher, breviere, psalter u. dgl. zu sorgen, erst um etwa ein Jahrhun-
dert später eine nationale litteratur aufkommen lassen , während die münd-
liche tradition zu immer höherer Vollendung sich gesteigert habe. Erst
als die letztere mit geistesproducten „so zu sagen überladen" gewesen
sei, sei die schreibkunst für die erzeugung einer einheimischen litteratur
recht wirksam geworden , und habe diese ihren höhepunkt unter könig Ha-
kens des alten langer regieruug (1217 — 63) erreicht. Aber die so voll-
kommen ausgebildete mündliche tradition habe bis in diese zeit herein
fortgewirkt, und sei von der schriftlichen im gründe nur abgelöst wor-
den , ohne dass sich in bezug auf form und Inhalt irgend etwas geändert
habe. „Der niederschreibende brauchte in der regel nur die feder; die
gedanken und werte gehörten der tradition. Da konnte selten oder nie
von einer eigentlichen verfasserthätigkeit die rede sein; Sammler- und
schreib ergeschick war in der hauptsache das einzige erforderliche. Die
litteratur war namenlos, aber dafür im höchsten grade volksthümlich
und erhielt sich auf diese weise den character der tradition in seiner wei-
testen ausdehimng. " Nur soweit die hofdichtung einerseits und die
gelehrtere wissenschaftliche forschung andererseits reiche, habe sich die
persönlichkeit in höherem maasse geltend gemacht; doch sei es auch
beim hofdichter mehr seine angesehene Stellung am hofe bestimmter
fürsteu, und seine bedeutuug als musterlnld für bestimmte kunstformen,
was seinen namen zu erhalten pflegte, und der gelehrte arbeiter hinwi-
derum Averde weniger als Verfasser , denn als gewährsmaun für bestimmte
einzelne ansichten, als berichtiger einzelner Irrtümer, oder höchstens
noch als ordner des von früher her überkommenen steifes genannt. Bei-
des sei auch bereits unter der noch ungebrochenen herrschaft der münd-
lichen Überlieferung vorgekommen, und anderenteils seien auch später
DIE NOBWEG. AÜPFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 33
noch die werke nur gering an umfang und zahl, welche man mit Sicher-
heit bestirnten Verfassern zuzuschreiben vermöge. — Weiterhin unter-
scheidet der Verfasser sodann zunächst was die spräche betrifft, zwei sich
coordinierte hauptzweige des germanischen gesamtvolkes , einen südger-
manischen oder deutschen und einen nordgermanischen, skandinavischen
oder nordischen. Jeder von beiden zerfällt ihm sodann wider in drei
abteilungen, und zwar der deutsche zweig in einen gotischen, hoch-
deutschen und niderdeutschen , der nordische dagegen in einen norwegi-
schen, schwedischen und dänischen stamm. Der gotische stamm, unter
allen der gemeinsamen Ursprache aller Germanen am nächsten kommend,
sei schon frühzeitig verschwunden, der hochdeutsche liege unserer heu-
tigen deutschen Schriftsprache, der niderdeutsche aber dem niderlän-
dischen, dem friesischen, samt allen sonstigen plattdeutschen dialec-
ten, endlich gutenteils auch dem englischen zu gründe; andernteils
dagegen lebe der norwegische in der isländischen schrift- und redespra-
che, sowie in den dialekten Norwegens und der Faröer fort, der schwe-
dische in der Schriftsprache und den dialekten Schwedens, der dänische
endlich in den dänischen dialekten, sowie in der dänisch - norwegischen
Schriftsprache. Die verwantschaft , welche diese drei nordischen sprach-
stämme unter einander verbinde, soll dabei eine ungleich innigere sein,
als die , welche unter den drei deutschen bestehe , und eine weit innigere
auch, als welche irgend einer der ersteren mit irgend einem der letzte-
ren zeige. Unentschieden lässt der Verfasser, ob die sonderung jeuer
drei nordgermanischen stamme bereits zur zeit ihrer einwanderung in
Skandinavien bestanden, oder ob dieselbe sich etwa erst später dadurch
gebildet habe, dass die spräche der Dänen und Schweden sich von der
in Norwegen im wesentlichen erhaltenen gemeinsamen Ursprache allmälig
abgetrennt und selbstständiger entwickelt hätte; dagegen spricht er mit
voller bestimtheit aus, dass jene absonderung jedenfalls zu der zeit
schon längst entschieden gewesen sei, in welcher eine literatur im nor-
den zu entstehen begonnen habe, und er zieht hieraus die weitere folge-
rung, dass die altnorwegische literatur, die isländische mit inbegriffen,
keineswegs ein gemeingut aller Nordgermanen , vielmehr das ausschliess-
liche eigentum Norwegens und der in der geschichtlichen zeit von Nor-
wegen aus bevölkerten länder zu nennen sei. Was sodann das Verhält-
nis Islands zu Norwegen in' bezug auf spräche und literatur betrifft,
so geht Keyser von der annähme aus,- dass die nationale gemeinschaft,
welche von anfang an die Isländer mit den Norwegern verband, trotz
der selbständigen entfaltung des staatlichen lebens auf der insel den-
noch die volle einheit des geisteslebens für beide länder forterhalten habe,
und dass dieses, wie dessen grundlagen aus Norwegen nach Island hin-
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. 3
34 MAURER
übergebracht worden waren, so auch sich hier ganz in derselben rich-
tung und ganz mit densel))en hilfsmitteln weiter entwickelt habe wie dort.
So sei zunächst schon die spräche während der ganzen blütezeit der
literatur auf Island ganz dieselbe gewesen wie in Norwegen. Während
nämlich die spräche der Schweden und der Dänen von anfang an in eine
reihe von dialekten sich getheilt habe, sei das gleiche bei der norwegi-
schen spräche nicht der fall gewesen. Der gruud dieser Verschiedenheit
soll in der grösseren reinheit des blutes der Norweger liegen. Es sei
ein erfahrungssatz , dass die Veränderung einer spräche von innen heraus
stets nur sehr unmerklich und langsam vor sich gehe, während sie sich
leicht und hurtig vollziehe in folge äusserer einwirkungen , zumal ver-
wanter sprachen ; dass ferner die einmal begonnene Zersplitterung in dia-
lekte schnell fortschreite , wenn ihr nicht eine gemeinsame Schriftsprache
einhält thue , welche doch selbst erst nach und nach zu erwachsen pflege,
nachdem zuvor die schrift an die einzelnen dialekte sich angeschlossen
habe. Da nun die Norweger bei ihrer einwanderung keine namhafte
Urbevölkerung vorgefunden hätten, während in Südskandmavien , Jütland
und auf den dänischen inseln eine solche, und zwar von südgermani-
schem stamme vorhanden gewesen sei, habe hier die dialektbildung
schon sehr frühzeitig , und lange vor dem aufkommen einer Schriftsprache
vor sich gehen müssen, Avährend sie dort noch niclit begonnen gehabt
habe, als die lateinischen buchstaben eingeführt wurden. Demgeraäss
sollen denn vom 12. bis zum anfange des 14. jalirhunderts nicht nur die
schriftAverke aus den vier hauptteilen Norwegens wesentlich dieselben
sprachformen zeigen, sondern auch zwischen der Schriftsprache Norwe-
gens und Islands , sowie der übrigen von Norwegen aus bevölkerten lande
sollen nur ganz unbedeutende differenzen bestehen , welche durchaus nicht
genügten um eine dialektverschiedenheit annehmen zu lassen, und nicht
nur für die Schriftsprache soll diese Übereinstimmung gelten, sondern
ganz gleichmässig auch für die redesprache, die spräche also des täg-
lichen lebens. Als beweis aber für diese letztere behauptung soll eben die
gleichheit der Schriftsprache in Island und Norwegen dienen; da nämlich
diese hier wie dort sich erst längst nach der abtrennung Islands vom mutter-
lande ausgebildet habe, setze deren Übereinstimmung nothwendig auch
die gleichheit der redesprache in den verschiedenen teilen dieses letz-
teren voraus, aus welchen die insel ihre bevölkerung erhalten habe, und
zwar nicht nur für die zeit ihrer besiedelung, sondern auch für die spä-
tere zeit bis in das 12. Jahrhundert herab, indem ja eine Schriftsprache,
welche aus der Verschmelzung verschiedener von den einwandereru
gesprochener dialekte sich erst hinterher gebildet hätte , unmöglich so völ-
lig gleich mit einer anderen Schriftsprache hätte ausfallen können , welche,
DIE NORWEG. AUPFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 3S
sei es nun auf demselben wege, oder auch durch die einem einzigen
dialekte auf kosten aller anderen zu teil gewordene bevorzugung gleich-
zeitig in Norwegen entstanden wäre. Aber auch hinsichtlich der gei-
stigen production und insbesondere der literatur l)ehauptet der Verfasser
das bestehen einer ebenso vollkommenen einheit zwischen! dem mutter-
lande und tochterlande , und er meint sogar , dass l)ei den fortwährenden
einwirkungen des einen landes auf das andere Norwegen eher das vor-
wiegend gebende als das vorwiegend empfangende gewesen sei, da der
Isländer zwar Norwegen und seinen königshof stets aufgesucht habe, um
sich zu bilden und zu schulen, und um nicht blos geschliffenere sitten,
sondern auch höhere geistescultur sich anzueignen, der Norweger dage-
gen nie nach Island gekommen sei um m lernen, sondern immer nur
um handel zu treiben. Demgemäss erkennt er zwar die grosse geistige
regsamkeit der Isländer und ilire lust zum lernen sowohl wie zur mit-
teilung des gelernten an; er rühmt ihnen auch eifrige förderuug der
mündlichen tradition nach, und gesteht zu, dass ihnen die schreibkunst
ziemlich gleichzeitig mit den Norwegern zugekommen sei. Aber die
ganze richtung der geistigen entwicklung sei auf Island keine andere,
und das aufblühen der literatur kein rascheres gewesen als in Norwegen ;
vielmehr sei die insel in der zeit ihrer blute wie ihres Verfalles eben
nur dem vorbilde des mutterlandes gefolg-t, und selbst mit der allgemein
europäischen cultur des Südens und westens nur durch dieses in Verbin-
dung gekommen. Freilich habe der Isländer, dem die heimisclien Ver-
hältnisse zu eng wurden , an auswärtigen herrenhöfen sich rühm zu ver-
dienen gesucht, als dichter, erzähler und später 'auch Schreiber so gut
wi(i als tapferer kämpfer, und die Übung habe ihm gewautheit, die
g.ewanth.eit hinwiderum ansehen verschafft sogar in Norwegen selber;
aber von der allgemeinen geistesbewegung , wie sie sich im mutterlande
durch die tradition ausspracli , habe sich seine sei es nun dicliterische
oder erzählende thätigkeit zu keiner . zeit abgetrennt. Für den islän-
dischen skalden sei spräche , dichtform und Vortrag altnorwegisch geblie-
ben, wie sie diess schon vor der entdeckung Islands gewesen waren; der
isländische sagenerzähler aber habe in Norwegen über norwegische bege=
benheiten eben zumeist nur erzählt, was er aus erster oder zweiter band
der norwegisclien tradition entnommen habe, und ein tüchtiges gedächt-
nis sei neben der gäbe, fliesseiid widerzugeben was in der norwegischen
tradition schon eine „mehr oder minder" bestirnte form angenommen
hatte, sein einziges verdienst gewesen. Als man dann später zu schrift-
lichen aufzeichnungen fortgeschritten sei, habe sicli das Verhältnis der
Isländer zu dem geistesleben im norden nicht wesentlich verändert. Wie
früher das gedächtnis und die zunge, so habe man fortan die feder der
3*
36 MAURER
Isländer benützt, und der unterschied sei im gründe nur der gewesen,
dass diese nunmehr auch von ihrer heimat aus zu gunsten des norwe-
gisclien ])uhlikums thätig Averden konnten. Auf dieses bescheidene mass
beschränke sicli die vielgepriesene literarische Wirksamkeit der Isländer,
und so viele isländische männer sich auch als dichter, sagenerzähler,
gescliichtsforscher , dann auch als saraler oder Schreiber einen namen
gemacht hätten, könne doch ihre geistige thätigkeit immer nur als ein
einzelner zweig der norwegischen in betracht kommen. Aber allerdings
habe sich die alte spräche auf Island erhalten, als sie in Norwegen ver-
fallen sei , und habe man dort die alten geisteserzeugnisse noch abge-
schrieben, als hier der gebrauch ihrer spräche schon aufgehört gehabt
habe; ein eigentümliches verdienst um die alte literatur, welches den
Isländern allein und ungeteilt zukomme, liege somit darin begründet,
dass sie es gewesen seien , welche jene durch ihre treue pflege vom unter-
gange errettet hätten. — Das zuletzt bemerkte leitet von selbst zu den
eigentümlichen anschauungen hinüber, welche der Verfasser über den
verfall der literatur im norden ausspricht. Ihren vollen glänz hat diese
nach ihm nur so lange behauptet, als sie im dienste der mündlichen
tradition verblieb ; dagegen habe sie von dem momente an zu kränkeln
und hinzusiechen begonnen, da die schätze dieser letzteren erschöpft gewe-
sen seien. Die vorboten einer krisis sollen sicli bereits am aüsgange des
13. und am anfange des 14. Jahrhunderts verspüren lassen. Der tradi-
tionell überkommene stoft" sei damals bereits ziemlich vollständig aufge-
zeichnet gewesen; für die neu entstehenden geistesproducte aber habe
man, da solche gleich von ihrem Verfasser nidergeschrieben oder dic-
tiert, oder wenigstens, sowie sie nur erst im vortrage die nöthige run-
dung erhalten hatten, aufgezeichnet werden konnten, natürlich nicht
mehr eine mehrere generationen durchlaufende mündliche Überlieferung
in anspruch zu nehmen gebraucht. Die kraft der tradition sei bereits hier-
durch in eben dem masse geschwächt worden, in welchem sich umgekehrt
die persönliche Verfasserwirksamkeit gesteigert habe. Einen weiteren
einfluss habe sodann das hinübergreifen nach ausländischen Stoffen geübt.
Dieses habe begonnen, sowie man erst mit den einheimischen Überliefe-
rungen weit genug vorangekommen war; an der übersetzerarbeit aber
habe sich der volksgeist selbstverständlich nicht betheiligen können, und
sei diese nothwendig ausschliesslich sache der gelehrten kreise geblieben.
EndKch habe in der gleichen richtung auch noch das Umsichgreifen der
gelehrten Schulbildung gewirkt, und das hierdurch bedingte zurücktreten
des gemeinen mannes. Diesem punkte widmet der Verfasser eine einge-
hendere betrachtung, welche originel genug ist, um hier etwas näher
berücksichtigt werden zu müssen. Im heideutume, meint er, seien die
DIE NORWEG. ÄUFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 37
häuptlinge des Volkes zugleich die hauptträger der Überlieferung in recht
und religion, geschichte und dichtkunst gewesen, also auf Island die
goSar, in Norwegen aber die Jiersar und später die lendirmeun, dann vor
allem die könige; andere männer hätten sich kraft inneren berufes zu
ähnlicher geltung aufgeschwungen, und solche speJcingar oder f'röÖir
nienn hätten dann nicht nur als unterhaltende erzähler, dann ratgeber
in öftentlichen wie in Privatangelegenheiten des grösten ansehen s genos-
sen, sondern auch als erzieher der Jugend eine wichtige rolle gespielt.
Ihre häuser seien die schulen gewesen , in welchen Jurisprudenz , geschichte,
religion und poesie gelehrt worden seien, durchaus in praktischer rich-
tung gelernt und gelehrt; von öifentlichen Unterrichtsanstalten dagegen
zeige das heidentum nicht die mindeste spur. Der übertritt zum chri-
stentume habe aber zunächst schon die trennung des priestertums von
der weltlichen häuptlingschaft hervorgerufen, und überdiess auch noch
den religiösen Unterricht, sowie die bildung des klerus zur sache der
kirche gemacht, da diese zur Währung ihrer einheit notwendig auf eine
gewisse conformität mit dem anderwärts üblichen halten muste. Die
bischöfe übernahmen sofort die Überwachung des religiösen Unterrichts,
sowie die prüfung der angehenden kleriker, und wenn auch die ertei-
lung des Unterrichtes selbst zunächst noch ganz Privatsache einzelner
qualificierter geistlicher blieb , so erhielt doch damit das geistliche unter-
richtswesen bereits einen gewissen öffentlichen anstrich, welcher in Ver-
bindung mit der Verschiedenheit der Unterrichtsgegenstände fortan die
geistliche erziehung von der weltlichen schied, welche letztere nach wie
vor ohne alle einmischung der geistlichen gewalt in der altherkömm-
lichen weise betrieben wurde. Allerdings konnte es auch jetzt nocli vor-
kommen, dass ein weltlich gebildeter sich zugleich auch gelehrte geist-
liche kenntnisse erwarb, oder dass umgekehrt ein priester nebenbei auch
in der Jurisprudenz , historik oder poesie sich tüchtig zeigte; beides wurde
gern gesehen und hoch geachtet, ja auf Island, wo die sämtlichen kir-
chen Privatbesitz waren und deren Inhaber, um ihnen selber vorstehen
zu können, oft genug in eigener person die priesterweihe nahmen, blieb
die Vereinigung beider arten des wissens sogar auf lange hinaus ganz
gewöhnlich. Aber doch muste jener gegensatz, einmal begründet, mit
der zeit in beide zweige der erziehung eine ganz verschiedene richtung
bringen. Bald forderte die weitere entwicklung der kirche besondere
schulen, und solclie wurden denn auch auf Island wie in Norwegen
zumal von den bischöfen je an ihren kathedralen errichtet; wenn auch
ihr besuch nicht erzwungen und die private ertheilung des Unterrichts
keineswegs ausgeschlossen wurde, bildeten diese domschulen doch fortan
den Schwerpunkt für die gesamte erziehung des klerus, und da für den
38 MAURER
Unterricht iu den weltlichen Avissenszweigen durch keinerlei ähnliche ein-
richtungen gesorgt war,, ergab sich bald ein sehr fühlbares übergemcht
der geistlichen bildung über die weltliche. Nur die klerikale bildung
erfreute sich fortan des ansehens und namens einer gelehrten, und die
alten spekingar büssteu die frühere achtung ein, wenn sie nicht etwa
zugleich auch JderJcar waren, weshalb denn auch höher stehende män-
ner im 12. und 13. Jahrhundert vielfältig um gelehrte kenntnisse sich
bemühten. In den gelehrten schulen aber wurde ganz wie anderwärts
nur auf latein und theologie werth gelegt, und neben der grammatik,
rhetorik und musik höchstens noch dem kanonischen recht und dem
kalenderwesen einige aufnierksamkeit geschenkt; dagegen fand weder die
nationale rechtskunde, noch die nationale geschichtswissenschaft oder
dichtkunst in dem herkömmlichen Schulunterrichte eine stelle, und die
letzteren beiden disciplinen zumal, welchen nicht dieselbe unmittelbar
practische bedeutung inne Avohnte wie jener ersteren, musten in folge
dessen rasch au bedeutung verlieren, ja diese völlig einbüssen, sowie die
lebendige teilnähme des volks und seiner regenten an ihnen schwand.
Diess sei nun im laufe des 14. Jahrhunderts der fall gewesen, und von
da ab sei denn auch der sieg der gelehrten Schulbildung in Norwegen
entschieden. Aber wenn der Übergang zu dieser letzteren zwar aller-
dings die entwicklung des nationalen geisteslebens in Norwegen unter-
drückt haben soll , so will doch unser Verfasser dieser Schulbildung hier-
für die schuld nicht beimessen. Der Übergang zu einer zeit, in welcher
die mündliche Überlieferung durch die schritt überwuchert und verdrängt
wm-de, und da im zusammenhange damit eine gebildete klasse aus dem
übrigen volke sich aussonderte, um fortan die literatur als ihren aus-
schliesslichen besitz an sich zu reissen, gilt ihm als ein durchaus unver-
meidlicher ; derselbe würde aber nach seiner meinung unter gewöhnlichen
umständen auch nur zu einer vorübergehenden erschlaftung geführt haben,
während bald ein erneuter fortschritt mit einiger änderung seines Cha-
rakters und vielleicht auch seiner richtung dem scheinbaren rückschritt
gefolgt wäre. Auch habe sich die Schulbildung der nationalen litteratur
keineswegs feindselig gegenübergestellt, vielmehr umgekehrt dieselbe
gefördert, durch erweiterung und klärung der begrifte sowohl als durch
Veredelung und abschleifung der landessprache, und was dieselbe gehin-
dert habe , selber mit der zeit ein nationales gepräge anzunehmen , sei
demnach lediglich in umständen begründet, die unabhängig von dem
wollen ujid wirken der gelehrten kreise eingetreten seien. Auf der einen
Seite habe es an höheren bildungsanstalten im lande gänzlich gefehlt,
so dass wer mehr zu lernen wünschte als was die einheimischen dom-
und klosterschulen zu lehren vermochten , ins ausländ , nach Paris etwa,
DIE NORWEG. AUFFÄSS. D. NOED. LIT. - GESCH. 39
oder Orleans, oder Bologna ziehen muste. Dieser mangel habe im ver-
eine mit der abgelegenheit Norwegens von allen centralsitzen der mittel-
alterlichen gelehrsamkeit ein durchaus ungenügendes Wachstum dieser
letzteren zur folge gehabt, und dieselbe vollends verhindert, die durch
die erschlaffung der nationalen literatur entstandene lücke auszufüllen,
was ihr ohnehin schon schwer genug gemacht war , da sie mit ihrer gan-
zen theologisch - philosophischen und kirchlich -juristischen richtung von
haus aus weder national noch gründlich war. Auf der andern seite aber
sei die mit dem übergange von der alten volkstümlichen zu der neuen
gelehrten stufe der literatm* nothwendig verbundene krisis für Norwe-
gen unglücklicher weise in eine so ungünstige periode gefallen, dass die
erkrankte literatur, statt neu belebt aus derselben hervorzugehen, in
derselben nur ihren frühzeitigen tod habe finden können. Schon seit der
mitte des 13. Jahrhunderts habe nämlich der norwegische volksgeist
angefangen zu erstarren. Durch die einseitige machtentfaltung des könig-
tums sei die selbstregierung im lande verkümmert worden; der gemein-
sinn sei abhanden gekommen und mit ihm jene schöpferische kraft der
Volkstümlichkeit, wie sie zu einer fortentwicklung der literatur in
nationaler richtung nöthig gewesen wäre. Eine kurze zeit noch habe
die protection der könige die einheimische litteratur zu halten vermocht;
mit dem tode des königs Häkon Magnussen aber (gest. 1319) sei auch
diese stütze weggefallen, und die wenn auch zunächst nur lose Verbin-
dung, in welche Norwegen nunmehr zu Schweden, und späterhin auch
zu Dänemark getreten sei, habe dessen nationalität vollends erdrückt.
Durch diese union nämlich habe erst die schwedische, dann aber die
dänische spräche in Norwegen eingang gefunden, und auf die dortige
Schriftsprache einfluss gewonnen. Begünstigt durch die bemühungen der
machthaber, die drei verbundenen Völker zu voller nationaler einheit zu
verschmelzen , und nicht gehemmt durch irgend welchen nationalen Avider-
stand des immer tiefer sinkenden Volkes, habe der verfall der einheimi-
schen spräche in Norwegen bereits um die mitte des 14. Jahrhunderts
l)egonnen und an dessen schluss überhand genommen, um im laufe des
15. Jahrhunderts mit deren völligem verkommen als Schriftsprache zu
endigen. Bis gegen den anfang dieses letzteren Jahrhunderts hin habe sich
zunächst neben der dänischen mid schwedischen Schriftsprache, welche
sich damals bereits aus den ursprünglichen dialektsprachen zu einheit-
licher gestaltung emporgearbeitet gehabt hätten, dann neben der auf
Island und annähernd rein auch Avohl im gebrauch einzelner Norweger
fortbestehenden altnorwegischen spräche, auch noch eine neunorwegische
herangebildet, welche erst in schwedischer, später aber in dänischer
richtung von jener abweichend , die eigentliche officielle spräche im nor-
40 M AUßER
wegischen reiche geworden sei, und wenn zwar Schweden aus der union
noch rechtzeitig ausgeschieden sei, um seine spräche vor den Wirkungen
jenes verschmelzungsprocesses retten zu können, habe doch Norwegen , in
der Verbindung mit Dänemark verbleibend , demselben nicht zu widerstehen
vermoclit ; die dänische spräche habe sich auch in Norwegen zur Schrift-
sprache emporgeschwungen, und wenn zwar Norwegen den wortvorrat
dieser ihm fortan mit Dänemark gemeinsamen Schriftsprache auch sei-
nerseits vielfach bereichert , und zumal eine noch durchgreifendere Ver-
deutschung erfolgreich von derselben abgewehrt habe, so sei eben doch
deren vocalsystem und deren ganze grammatische form im altdänischen,
nicht im altnorwegischen begründet. Im zusammenhange mit dem ver-
falle der einheimischen Schriftsprache sei dann auch jene sonderung der
dialekte bezüglich der redesprache eingetreten , welche sich in Norwegen
mit der mitte des 14, Jahrhunderts bemerklich mache, und welche i'.och
jetzt daselbst bestehe; mit jenem durch die allgemeine erschlaffuug des
norwegischen volksgeistes ermöglichten verfalle der einheimischen Schrift-
sprache sei andererseits natürlich auch der völlige und endgiltige unter-
gang der einheimischen literatur entschieden gewesen, und müsse dem-
nach mit ihm die alte, nationale periode der norwegischen literatur-
geschichte als abgeschlossen, dagegen eine neue, durch dänische einflüsse
bestimmte als eröffnet betrachtet werden. Das zusammentreffen also jener
anderweitigen so ungünstigen umstände mit der oben besprochenen inne-
ren krisis der literargeschichtlichen entwicklung des landes sei es gewe-
sen, welches den traurigen verlauf dieser letzteren zur folge gehabt habe. —
Etwas anders , meint der Verfasser , sei die sache freilich auf Island
gegangen. Allerdings sei auch hier die literarische thätigkeit mit dem
Schlüsse des 14. Jahrhunderts ins ötocken gerathen, und seit dem anfange
des 15. Jahrhunderts vollends habe man sich hier fast nur noch mit dem
abschreiben älterer werke befasst; wogegen die originalproducte aus die-
ser zeit nur wenig zahlreich und ohne aUe bedeutung seien. Aber die
abgesonderte läge sowohl als die politische bedeutimgslosigkeit der insel
habe diese vor fremden einflüssen geschützt, und hier habe sich somit
die alte spräche erhalten können; jene Stockung im nationalen und gei-
stigen leben sei darum für Island nur eine vorübergehende gewesen, und
als im 16. Jahrhundert die mit der reformation zusammenhängende bewe-
gung auch dieses land zu neuem leben erweckte , sei sofort auch die hier
erhaltene norwegische spräche Avieder in den dienst der wiedererwachen-
den literarischen thätigkeit getreten. Aber diese neuere literatur in der
alten spräche sei eine ausschliesslich isländische , und gehe Norwegen
nichts mehr an; eben darum falle sie auch über des Verfassers aufgäbe
ganz und gar hinaus.
DIE NORWEG. AÜFFASS, D, NORD. LIT. -GESCH. 41
So der Verfasser. Wende icli mich nunmehr zu einer erörterung
der haltbarkeit seiner neuen aufstellungen , so glaube ich am besten zu
thun, wenn ich den von ihm befolgten gedankengang völlig verlasse,
und als ausgangspunkt für meine besprechung seine äusserungen über
das Verhältnis Norwegens zu den übrigen ländern des ger-
manischen uordens in bezug auf spräche und literatur
wähle. Da kann ich mich nun zunächst mit seiner auseinandersetzmig
über das Verhältnis der Nordgermanen zu den Südgermanen, dann des
norwegischen zweiges der ersteren zu dem schwedischen und dänischen
vollkommen einverstanden erklären , und zumal das ausschliessliche anrecht
des ersteren auf die gesamte sogenannte altnordische literatur erkenne
auch ich als durchaus begründet an ; nur möchte ich gegen eine gewisse
überhebung des norwegischen Selbstgefühles einspräche erheben, welche
sich den dänischen und schwedischen nachbarn gegenüber in nebenpunk-
ten gelegentlich bei ihm geltend macht. Warum soll z. b. gerade die
norwegische spiache der gemeinsamen Ursprache treuer geblieben sein
als die schwedische und dänische, während doch diese letzteren unver-
kennbar in ihren lautverhältnissen mehrfach dem südgermanischen sprach-
zweige, und somit doch wohl auch der mit diesem gemeinsamen grund-
sprache , näher stehen ? Warum sollen ferner gerade die Norweger im
besitze der reichsten und unverfälschtesten Überlieferungen aus der Vor-
zeit gewesen sein , und zwar nicht nur im vergleiche zu dem mischvolke
der Dänen, sondern auch gegenüber dem kernvolke der Schweden? Auf
die grössere reinheit ihres blutes sich zu berufen , wie der Verfasser diess
öfters thut , scheint denn doch mislich , da selbst nach allem dem , was
derselbe in einer früheren arbeit über diesen punkt ausgeführt hat^), die
frage nach der existenz und beschaflenheit der Urbevölkerung in den ver-
schiedenen teilen der skandinavischen halbinsel immerhin noch eine sehr
problematische bleibt; überdiess will mir scheinen, als ob eine vergiei-
chung der rechtsordnung wenigstens der drei nordischen stamme eher
für den schwedischen als für den norwegischen die Vermutung zäheren
festhaltens an der alten Überlieferung begründen würde. — Principiel-
leren bedenken dürfte aber die art unterliegen, wie der Verfasser sich
über das Verhältnis der Isländer zu den Norwegern ausspricht,
und will mir wenigstens seine desfallsige auseinandersetzung in allen
ihren einzelnen teilen ganz und gar nicht einleuchten. Was zunächst
die spräche betrifft, so will ich dahingestellt lassen, ob die dialektbil-
dung wirklich in der älteren zeit in Schweden und Dänemark weiter vor-
geschritten gewesen sei als in Norwegen , und nur im vorbeigehen möchte
1) vgl. Saralinger, VI, s. 450 — 62.
42 MAURER
ich daniuf hingewiesen haben, dass Munch*) umgekehrt eine einheitliche
Sprache in den sämtlichen altschwedischen Sprachdenkmälern mit einzi-
ger ausnähme des Gutalag als „unleugbar" vorhanden betrachtet, und
nicht minder auf dänischem gebiete nur den dialekt des Jytske Lov vou
dem der seeländischen und schouischen rechtsbücher abgetrennt Avissen
will. Ebenso lasse ich uuerörtert, ob die vorhandenen älteren aufzeich-
nungen norwegischen Ursprungs wirklich keinerlei dialektische Verschie-
denheiten zeigen , eine frage , die ganz und gar nicht leicht zu erledigen
ist, da ausser ein paar wenig umfangreichen bruchstücken von rechts-
büchern und einigen wenigen Urkunden keine Schriftwerke erhalten zu
sein scheinen, deren herkunft aus der östlichen reichshälfte , aus den
hochlanden also oder aus Vigen, sich auch nur annähernd sicherstellen
Hesse, Endlich will ich auch nur angedeutet haben , dass die abweichun-
gen, welche die ältere isländische spräche von der norwegischen zeigt,
doch wol etwas bedeutender und principieller sein dürften als dies der
Verfasser wort haben will. Zugegeben nämlich , dass blosse Verschieden-
heiten in der betonung und in der ausspräche einzelner laute, dann im
gebrauche dieser oder jener Wörter zur begründung einer dialektverschie-
deuheit noch nicht genügen , dass es vielmehr , um eine solche annehmen
zu können , feststehender unterschiede in den lautübergängen , den fiexions-
formen, der woi-tbildung oder anderen wesentlichen theilen der formen-
lehi'e bedürfe , so fragt sich eben doch , ob nicht unterschiede dieser letz-
teren art zwischen der isländischen und norwegischen spräche sich nach-
weisen lassen, und zwar unterschiede, welche ganz in derselben weise
auf eine dem schwedischen und dänischen näher stehende gestalt der
norwegischen Ursprache zu schliessen erlauben, wie widerum die ver-
gleichung der norwegisch - isländischen spräche mit der schwedisch - däni-
schen auf eine noch ältere, den sämtlichen Nordgermanen gemeinsame
sprachstufe zurückschliessen lässt, welche diese mit der gemeinsamen
ui'sprache der Südgermanen in nähere Verbindung setzt. 2) Ein genaueres
eingehen auf diesen punkt unterlasse ich schon darum, weil bei der
1) Forn- Swenskans och Forn- Norskans Sx>rukhy(jgnacl , s. XLI-XLII.
2) Hiefür nur ein paar beispiele. Während die schwedisch - dänische spräche
das vr im anlaute festhält, welches die norwegisch -isländische schon sehr frühzeitig
fallen gelassen hat, hält umgekehrt die isländische spräche das anlautende hl, hr,
hn fest, welches das schwedisch -dänische nicht bewahrt hat; in Noi-wegen aber
schrieb man unbedenklich ganz me in Schweden oder Dänemark auch im anlaute ein
blosses 1 oder r. Den tiexionsuinlaut , vermöge dessen ein nachfolgendes u das vor-
hergehende a in ö verwandelt, kennt das schwedische und dänische nicht; im islän-
dischen dagegen ist er, freilich me es scheint erst seit dem 11. Jahrhunderte, völlig
durchgedrungen, und im norwegischen zeigt sich ein schwanken, doch so, dass der
umlaut häufiger zu fehlen scheint. Die Verwandlung des a zu u , welche das Isländi-
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD, LIT. -GESCH. 43
geringen zahl von liandschril'ten , welche in buchstäblichem abdrucke ver-
öffentlicht sind, und bei der Unmöglichkeit, eine grössere menge von
solchen persönlich einzusehen , von mir um so weniger sichere ergebnisse
gewonnen werden könnten, je grösser einerseits das schwanken der nor-
wegischen handschriften in solchen fällen zu sein pflegt, und je häufiger
andererseits die isländischen handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts
dem norwegischen brauche sich fügen. Um so entschiedener muss icli
dagegen den anderen umstand betonen , dass , die richtigkeit der behaup-
tung zugegeben, dass in den aus Island und in den aus den verschie-
denen Provinzen Norwegens stammenden aufzeichnungen die spräche eine
wesentlich gleiche sei, damit doch immerhin nur die gleichheit der
Schriftsprache, nicht aber auch die gleichheit der redesprache als bewie-
sen gelten könnte. Trotz aller ausführungen des Verfassers erscheint es
mir schon von vornherein als undenkbar, dass bis ins 14. Jahrhundert
herab alle dialektbildung in Norwegen gefehlt habe. Mag man nun mit
Keyser^) annehmen, dass der norwegische stamm bereits vor Christi
geburt das ganze Norwegen in besitz genommen habe , oder mit Munch^)
dafür halten, dass nur die feste begründung dieses besitzstandes um das
jähr 500 n. Chr. gewiss , und jeder auf eine frühere zeit gezogene schluss
als unsicher anzusehen sei, immer würde sich bis in das genannte Jahr-
hundert herab wenigstens noch eine periode von 8 — 900 jähren ergeben,
während deren das volk in seinen jetzigen Wohnsitzen gesessen sein
niüste, ohne dass sich in dieser langen frist irgend welche dialektbil-
dung ergeben hätte, und zwar ein volk, welches sogar heutiges tages
noch auf einem areale von 5800 Dmeilen nur etwa anderthalb millionen
Seelen zählt! Allerdings meint unser Verfasser, das beispiel von Island,
welches bei einem flächenraume von ungefähr 1870 Dm. auch nur etwa
70,000 einwohner zählt, und dennoch in den nahezu 1000 jähren, wäh-
rend deren es bewohnt ist, ebenfalls nur sehr dürftige spuren von dia-
lektverschiedenheiten hervorgebracht hat, zeige, dass selbst bei einer
über weite strecken zerstreuten und spärlichen bevölkerung die entste-
hung von solchen wol auf lauge dauer unterbleiben könne; aber dieses
beispil will in keiner weise zutreffen. In Norwegen ist von alters her
der ackerbau eine hauptnahrungsquelle des volkes gewesen, und auf die
Verschiedenheit der besitzrechte an grund und boden war darum hier
schon in der ältesten nachweisbaren zeit die abstufung der verschiedenen
volksklassen gebaut; ein zähes festhalten der einzelnen familien am
sehe iu ableitungssilben durch ein nachfolgendes u bewirken lässt, kennt vollends
auch das norwegische ganz und gar nicht. U. dgl. lu.
1) Samlinger, VI, s. 440—41, und 460 — 61.
2) Det norske Falks Historie, I, l, s. lOB.
44 MAURER
ererbten grundbesitze Avar liiervon die natürliche folge, und dieses spricht
sich denn auch sehr klar in dem Institute des ööal aus, dessen begriff
ursprünglich ein grundstück voraussetzt, welches schon mindestens
fünf geuerationen hindurch in absteigender linie vererbt worden ist , wäh-
rend andererseits auf dem besitze eines solchen der anteil an dem
hoch geachteten stände der hol dar beruht. Auf Island dagegen war der
feldbau nie von irgend welcher bedeutuug, vielmehr von jeher neben
dem fischfange die Viehzucht die wichtigste nahrungsquelle des volkes;
daher denn auch keinerlei einfluss der grundbesitzverhältnisse auf die
gliederimg der stände , keine spur von öbal im rechte des freistaats , und
bis auf den heutigen tag herab kein gedanke an jene anhänglichkeit des
bauern an die ererbte schölle, oder an jenes stolze Selbstgefühl des
grundeigentümers gegenüber dem blossen pachtbesitzer , welche uns beide
so sehr natürlich scheinen. Noch gegenwärtig wechselt der isländische
bauer seinen besitz und seine niederlassung ohne das geringste beden-
ken, ganz wie es ihm der augenblickliche vorteil mit sich zu bringen
scheint, und die ., fahrtage" sind von nicht geringerer bedeutung für die
hauswirthe selbst als für ihre dienstleute. Die bevölkerung ist demge-
mäss in steter boAvegung, und kein bezii'k der insel hat auf die dauer
seine geschlossene einwohnerschaft ; vielmehr ist der Übergang von ein-
zelnen wie von ganzen familien aus einem landesviertel in das andere
noch heute ganz ebenso geAvöhnlich , wie er diess nach dem Zeugnisse
unserer geschichts quellen bereits von der zeit der ersten einwanderung
an gewesen war. Ferner , kaum 60 jähre nach dem beginne der nieder-
lassungen auf Island einigten sich hier die häuptUnge , welche an der
spitze der einzelnen ausiedelungeu standen, über die annähme eines
gemeinsamen landrechtes , sowie über die bestellung gemeinsamer gerichte
und einer gemeinsamen legislative; ein einheitlicher staat Avar damit
gegründet, welcher das land politisch und rechtlich als eine einheit
erscheinen liess, mochte auch das mass seiner consistenz und centralisation
ein noch so geringes sein. In Norwegen dagegen standen sich Jahrhunderte
lang 25 — 30 unverbundene laudschaften als ebenso viele selbständige
Staaten gegenüber, und nur sehr allmälig entstanden die grösseren ver-
bände der landschaft prdndheimur , des Gidaping , Eibslfjap'mg und des
Borgarping , an Avelche sich dann nach und nach auch die länger für sich
stehenden volklande anschlössen. Auch die durch Harald härfagri begrün-
dete alleinherrschaft gewann nicht sofort bleibenden bestand; vielmehr
muste dieselbe noch bis auf die. zeit des heiligen Olafs herab oft genug
der Vielherrschaft Aveichen, und die hochlande zumal standen Aviderholt
sogar unter schwedischer Oberhoheit, was nicht ohne einfluss auf deren
rechtsverfassung geblieben zu sein scheint. Endlich betrachtete sich jedes
DIE NORWEÜ. AUFPASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 45
einzelne volkland, oder doch jeder einzelne dingbezirk selbst noch nach
völliger sicherstelliing der reichseinheit als ein geschlossenes ganzes , und
hatte sein besonderes recht für sich, bis endlich in der zweiten hälfte
des 13. Jahrhunderts ein für das ganze reich gemeinsames landrecht ent-
stand, und dieser Verschiedenheit der provinzialrechte ein ende machte.
Es begreift sich, dass bei jener beweglichkeit der bevölkeruiig und jener
frühen ausbildung eines einlieitlichen Staates mit einheitlicher rechtsord-
nung dialekte sich auf Island nicht ausbilden, oder selbst, wenn bei der
einwanderung vorhanden, nicht auf die dauer erhalten konnten, zumal
da die frühzeitige und kräftige entwicklung einer gemeinsamen Schrift-
sprache auch ihrerseits jeder Zersplitterung der redesprache entgegentre-
ten muste; allein was beweist diess für Norwegen, wo die sesshaftigkeit
der bauerschaft, die politische Zerrissenheit des landes und die trotz der
endlichen bildung eines gesamtstaates noch lange fortdauernde Isolierung
der einzelnen provinzen jeder Verschmelzung der bevölkerung die ernste-
sten hemmnisse bereitete? Sollte hier wirklich eine nahezu vier Jahr-
hunderte dauernde völlige, und eine ziemlich ebenso lange währende
halbe Isolierung der einzelnen landesteile nicht im stände gewesen sein,
jene dialektbildung zu erzeugen, welche dann hinterher innerhalb einer
frist von kaum 150 jähren der blosse einfluss einer lockern politischen
verbmdung mit Schweden und Dänemark, und die auf deren erhaltung
gerichtete speculation einiger Unionskönige zu stände gebracht hätte,
und diess, obwohl während des weitaus grösseren teiles jener erstereu
periode der Spracheinheit die mächtige stütze einer Schriftsprache völlig
gefehlt hatte, welche ihr doch während dieser zweiten periode schützend
zur Seite stand? Da ist denn doch die umgekehrte annähme ungleich
wahrscheinlicher, dass die sonderung der dialekte in Norwegen eine weit
ältere gewesen, und dass die Schriftsprache daselbst zu dem »grade von
einheitlichkeit , welchen sie überhaupt zeigt, nur durch ihren anschluss
an eine einzebie unter diesen mundarten gelangt sei, woneben natürlich
ein untergeordneter einfluss anderer mundarten auf die einzelnen Schrift-
werke je nach ihrem entstehungsorte recht wol bestehen kann; ganz
ebenso ist ja für das angelsächsiche der westsächsische, für das mittelhoch-
deutsche der alemannisch - schwäbische , und für das neuhochdeutsche der
obersächsische dialekt vorzugsweise bestimmend geworden, während au
so mancherlei mitunterlaufenden Provinzialismen doch immerhin zumeist
noch zu erkennen steht, ob eine einzelne aufzeichnung in diesem oder
jenem teile des gesamtlandes entstanden sei. Auffällig bleibt freilich
auch so noch die andere tliatsache, dass die norwegische Schriftsprache
bis ins 14. Jahrhundert herab bis auf jene oben besprochenen, doch
immerhin nur vereinzelten ditt'erenzen auch mit der isländischen zusam-
46 MAUREK
menfiel; ihre erklärung glaube icli iiulessen einfach in dem umstände
suchen vai sollen , dass die schriftspraclie sich auf Island zuerst feststellte,
und von hier aus erst nach Norwegen übertragen wurde.
Der beweis der letzteren thesis nötigt mich , auf die anfange der
isländischen wie der norwegischen Literatur in etwas anderem
sinne einzugehen , als in welchem diess von unserem Verfasser geschehen ist.
Wir wissen aber mit voller bestimtheit, dass auf Island in den Jahren
1117 — 18 das unter dem namen der HafliÖasJcrd bekannte rechtsbuch,
und dass nur wenige jähre später daselbst das ältere christenrecht auf-
gezeichnet wurde; überdiess steht zu vermuten, dass auch schon das im
jähre 1096 entstandene zehntgesetz sofort nidergeschrieben worden sein
Averde. Dass Ari hinn frööi (geb. 1068, gest. 1148) sein Isländerbuch in
den Jahren 1122 — 33 verfasste, erfahren wir ferner aus seinem eigenen
munde, und wenn nicht innerhalb derselben frist, so doch nur um wenige
jähre später muss dasselbe von ihm zu dem uns allein erhaltenen Islän-
derbüchlein umgearbeitet worden sein ; ausdrücklich wird uns aber gesagt,
dass Ari der erste Isländer gewesen sei , welcher in einheimischer spräche
über geschichte geschrieben habe. Widerum erzählt uns die vorrede,
welche den grammatischen traktaten in der jüngeren Edda vorausgesetzt
ist , dass eben dieser Ari , sowie pöroddur rünameistari , für die einhei-
mische spräche zuerst ein aiphabet construiert hätten, welches einerseits
an die 16 zeichen der alten runenschrift, und andererseits an das latei-
nische aiphabet, wie man es beim Priscianus fand, sich angelehnt, jedoch
ungleich zahlreichere lautzeichen als dieses letztere enthalten habe. Wir
dürfen wol unbedenklich jenen pörodd für identisch mit einem J)öroddur
Gamlason halten, welcher im ersten viertel des 12. Jahrhunderts für den
bischof Jon Ögmundarson die domkirche zu Hölar baute , und welcher
während dieser bauführung durch gelegentliches zuhören bei dem den dom-
schülern erteilten unterrichte sich tüchtige kenntnisse m der grammatik
erworben haben soll; er wird sich demnach mit dem isländischen alphabete
wol erst etwas später als Ari befasst haben, und da in dem ersten der
auf jenes vorwort folgenden traktate wirklich der versuch gemacht wird,
das lateinische aiphabet der isländischen spräche anzupassen, und deren
grösserem lautreichtume teils durch aufnähme neuer zeichen, wie etwa
des runischen \) , teils aber durch den alten beigefügte punkte und striche
gerecht zu werden, dürfen wir wol gerade in dieser abhandluug eine
von pörodd herrührende Überarbeitung jener älteren versuche Aris erken-
nen. Möge übrigens pöroddur oder irgend ein anderer gleichzeitiger
Isländer diese schrift verfasst haben, jedenfalls ist deren angäbe wol zu
beachten, dass man eben erst angefangen habe hi der isländischen mut-
tersprache zu schi-eiben , und zu beachten auch , dass der Verfasser neben
DIE NORWEG. AUFFASS. ü. NORD. LIT. - GESCH. 47
den Schriften Aris nur gesetze, genealogische aufzeichnungen und Über-
setzungen kirchlicher stücke als bereits vorhanden nennt. Da derselbe
andererseits seinen versuch einer anpassung des lateinischen alphabetes an
die isländische spräche nur durch die berufung auf das beispil der stamm-
verwanten Engländer zu rechtfertigen sucht, ohne der Norweger auch
nur mit einem worte zu gedenken, so ist denn doch klar, dass zwar auf
Island am anfange des 12. Jahrhunderts eine Schriftsprache sich festzu-
stellen und eine literatur sich zu bilden begann, dass aber in NorAvegen
dazumal von beideni nocli ganz und gar nicht die rede war. Man wird
sich freilich dieser Schlussfolgerung gegenüber auf die gesetze berufen
wollen, welche der heilige Olaf (gest. 1030) in der landessprache habe
schreiben lassen^), oder auf das dem guten Magnus (gest. 1047) zuge-
schriebene gesetzbuch, welches man noch im 13. Jahrhundert in Dront-
heim unter dem namen der Grdgds aufbewahrt haben solP) ; aber beide
legislationen sind einigermassen apokryph , und somit nicht geeignet jenen
einwand zu stützen. Allerdings rühmt eine reihe von quellen die legis-
lative thätigkeit könig Olafs , der ein dienstmannenrecht erlassen , die von
könig Hakon Aöalsteinsföstri gegebenen Frostaphigslöy revidiert und auch
mit dem rechte der hochlande sich beschäftigt, endlich mit bischof
Grimkels beirat das christenrecht geordnet haben solP), und auf ein-
zelne von ihm und bischof Grimkell erlassene bestimmungen berufen sich
sogar gelegentlich die norwegischen legalquellen. '^) Aber mit einziger
ausnähme des mönches Theodorich nennt keine einzige dieser quellen die
spräche, in welcher der könig seine gesetze erlassen habe, und sogar
von deren schriftlicher aufzeichnung wissen ausser ihm nur noch ein
paar von Langebek mitgetheilte kirchliche stücke und vielleicht der däni-
sche Saxo. Bedenkt man nun, dass nicht nur von diesem letzteren, son-
dern aucli von Theodorich, von der Fagurskinna und von dem altnor-
wegisclien liomilienbuche ausdrücklich die fortdauernde geltung dieser
1) So nach dem mönche Theodorich, cap. 16, bei Langebek, scrijjt. rer. Dan.,
V, s. 324.
2) Nach der Heimskrmgla , Magnüss s. göSa, cap. 17, s. 23 der folii)ausgabe,
und nach der Sverris^s., cap. 117, in den FMS., VIII, s. 277.
3) Heiniftlcr., Olafs s. em helga , cap. 55 und 56,- dann 120, s. 60—61 und
179; gefichichtliche sage, cap. 43 und 101, s. 43 — 44 und s. 110, dann FMS., IV,
cap. 58 und 109, s. 108 — 9 und 250, sowie FhUeyjarbök , 11, s. 48 und 192. Fer-
ner die legendarische sage, ca]). 31, s. 23, und die Fagurskinna, §. 98, s. 79.
Endlich die Gammelnorsk Howiliebog, s. 147 — 48, das Fornswenskt legendarium,
I , s. 862 , das stück de S. Olavo , das lübische Passionale und das Breviarium Nidro-
.s/ewse (diese drei bei Langebek , II, s. 530 — 31, .'jSö und 542) , sowie den Saxo Gram -
maticus, X, s. 514 — 15.
4) Gulap. L., §. 10, 15 und 17, Frostap. L., III. §. 1.
48 MAURER
gesetze betont wird, und dass nicht nur jene vorerwähnten kirchlichen
stücke mit diesem homilienbuche augenscheinlich aus derselben quelle
geflossen sind , sondern auch Theodorich , und wohl auch die Fagurskinna
und Saxo ähnliche kirchliche aufzeichuungen vor sich gehabt haben
mögen, so liegt die annähme nahe genug, dass jene fortdauernde gel-
tung der gesetze Olafs, von der solche ältere kirchliche quellen gespro-
chen liatten, ursprünglich nur auf deren materiellen Inhalt hatte bezo-
gen werden wollen , welcher sich ja wirklich , wie jene citate in den spä-
teren rechtsbüchern zeigen, bis in das 12. und 13. Jahrhundert guten-
teils vererbte, und dass erst hinterher einzelne bearbeiter jener älteren
notizen aus misverstand die zu ihrer zeit wirklich vorhandenen, aber
ungleich jüngeren rechtsaufzeichnungen als von dem heiligen Olaf selbst
herrührend bezeichneten, von welchem deren Inhalt ihnen herzustammen
schien. Die worte der Fagurskinna sowohl als des altnorwegischen homi-
lienbuches lassen sich in der that noch recht wohl in jenem unverfäng-
lichen sinne verstehen; Theodorichs ganz isolierte angäbe dagegen würde
selbst dann , wenn man diesen erklärungsversuch für allzu gewagt hal-
ten sollte, um nichts glaubhafter, da ja Olafs gesetze, welche ohnehin,
soviel sich erkennen lässt, vorwiegend mit der regelung der kirchlichen
Verhältnisse sich beschäftigt zu haben scheinen, falls sie überhaupt auf-
gezeichnet wurden, recht wol auch in lateinischer spräche aufgezeich-
net worden sein konnten. Aber auch die schriftliche aufzeichnung der
Frostaplngslög durch könig Magnus , von welcher ohnehin nirgends gesagt
ist , dass sie in der landessprache erfolgt sei , unterliegt ähnlichen beden-
ken. Von vornherein tritt die annähme einer solchen mit der nachricht,
dass schon könig Olaf diese gesetze revidiert habe, in einen auffälligen
Widerspruch, sofern die Übereinstimmung der gesetze des sohnes mit
denen des vaters uns ausdrücklich hervorgehoben wird , und nichts berech-
tigt uns , dem vater die abfassung , dem söhne dagegen nur die aufzeich-
nung dersell)en zu vindicieren ; darüber liinaus fällt aber auch noch auf,
dass nicht nur der Norweger Theodorich von keiner gesetzgeberischen
thätigkeit des köiiigs Magnus weiss , sondern auch eine reihe isländischer
quellen nur erwähnt, dass derselbe, an sein versprechen, den gesetzen
seines vaters gemäss zu regieren, ernsthaft erinnert, die ermahnung
beherzigt und solche fortan beobachtet habe.^) Da regt sich denn der
verdacht, dass jene notiz über die sogenannte Grdgds erst durch den
1) So die Fagursk. §. 131, s. 98 — 99, die Magmiss s. göSa cap. 22, in den
FMS., VI, s. 44 — 45, und jene andere recension dieser sage , welche in die Flateyjar-
hok hineingerathen ist, Bd. III, s. 269 — 70. Die ausdrücke des Ägrip, cap. 30,
in den FMS. , X , s. 402 , sind mehrdeutig.
DIE NORWEO. AUFFASP. D. NORD. LTT. - GESCH. 49
compilator der Heimskringla in deren text aiifgenomraen worden sein
möge, und zwar nur auf grund jener anderen iu der Sverris s. vorgefun-
denen bemerkung; in der Sverris s. aber, welche ja im auftrage eben jenes
königs Sverrir geschrieben worden war, der gelegentlich seiner Streitig-
keiten mit erzbischof Eirikur auf die Grägds sich berufen hatte (1190),
erklärt sich deren zurückführung auf jenen könig recht wohl daraus , dass
es jenem schlauen regenten gerathen erscheinen mochte, durch die bezug-
nahme auf einen so glänzenden, vielleicht von losen volkssagen an die
band gegebenen Ursprung des thröndischen reclitsbuches gegen das von
seinem gegner angerufene kanonische recht ein gegengewicht zu gewin-
nen. Pflegte man doch in Norwegen das ganze mittelalter hindurch die
gesetze des heiligen Olafs als das palladium aller landesfreiheiten zu
betrachten ; ^) warum sollte nicht auch auf die gesetze seines sohnes ein
theil dieses glanzes fallen? — Aber auch in etwas späterer zeit, als die
litterarische thätigkeit auf Island längst in gang gekommen war , wollte die-
selbe in Norwegen noch immer keine rechte wurzel schlagen. Ein Isländer
war der benedictinerabt Karl Jönssou, von welchem könig Sverrir seine
eigene lebensgeschichte schreiben Hess ; ein Isländer auch Eirikur Oddsson,
welcher, wohl im auftrage desselben königs, die geschichte des königs Haraldur
gilli (1130 — 36) und seiner söhne SigurÖur, Eysteinn und Ingi (gest.
1155, 57 und 61), vielleicht auch noch einiger weiterer norwegischer
könige, bearbeitete. Zwei isländische benedictinermönche, Oddur Snorra-
son und Gunnlaugur Leifsson, waren es ferner, welche am Schlüsse des
12. Jahrhunderts, freilich zunächst in lateinischer spräche, die lebensbe-
schreibung des königs Olafur Tryggvason verfassten, und auch der augu-
stinerprior Styrmir Karason (gest. 1245) wai* ehi Isländer, welcher neben
so manchen anderen werken auch eine lebensgeschichte des heiligen
Olafs auf grund älterer,, aber unzweifelhaft auch von isländischer band
herrührender aufzeichnungen schrieb, von deren existenz andererseits
auch unsere legendarische sage dieses königs zeuguis ablegt. Der nor-
wegische mönch Theodorich aber, welcher in den jähren 1176 — 88 sein
lateinisches werk über die norwegische königsgeschichte schrieb, sagt
uns mit dürren Worten, dass vor ihm niemand in Norwegen über den
von ihm behandelten gegenständ geschrieben habe , während er zugleich
ganz ebenso wie der wenig später schreibende Däne Saxo unumwunden
ausspricht, dass die Isländer dazumal im norden als die vorzugsweisen
besitzer alles geschichtlichen wissens gegolten hätten, und er benützt
denn auch oft genug , wenn auch ohne sie namentlich zu eitleren , ältere
1) Vgl. ineinen Artikel „Grägäs" in der Erscli und Gruberschen Encyklopädie,
Bd. LXXVII, S. 102.
ZF.ITSCUU. F. nKUTSCHF Pini.OLOOIIC. 4
50 MAURER
isländische Schriftwerke , während alles , was er von auf Zeichnungen
anführt, denen sich allenfalls ein norwegischer Ursprung zuschreiben
liesse, sich auf einen „catalogus regum norwagiensium ," einige von der
translation und den wundern des heiligen Olafs handelnde stücke, end-
lich auf die bereits besprochenen apokryphen gesetze dieses letzteren
beschränkt, und selbst von jenen erstereu dürftigen aufzeichnungen sagt
er uns nicht einmal , ob sie in lateinischer oder nordischer spräche , und
ob sie von norwegischer oder isländischer band verfasst seien. Nun bezie-
hen sich zwar allerdings die sämtlichen soeben zusammengestellten
Zeugnisse lediglich auf die geschichtschreibuug. Aber es leuchtet denn
doch ein, dass man in Norwegen, wenn sich eine einheimische schrift-
stellerei auch nur eiuigermassen kräftig entwickelt gehabt hätte , die sorge
für die norwegische historiographie sicherlich nicht den Isländern über-
lassen, und dass zumal ein norw^egischer könig sich ganz gewiss nicht
an ausländer gewant haben würde, wenn er zur beschreibung seiner
eigenen lebensgeschichte und der seiner Vorgänger befähigte autoren im
inlande zu finden gewusst hätte; überdies fällt auch noch der andere
umstand verstärkend ins gewicht, dass wir auch ausserhalb der geschicht-
schreibung von irgend welcher in das 12. ,- oder auch nur in den anfang
des 13. Jahrhunderts hinauf reichenden norwegischen litteratur kaum die
dürftigsten spuren nachzuweisen vermögen. Von den nicht geschicht-
lichen sagen, den mythisch - heroischen sowohl als den frei erdichteten,
scheint überhaupt keine vor der mitte des 13. Jahrhunderts aufgezeich-
net worden zu sein, und wenn wir zwar erfahren, dass einzelne unter
ihnen , Avie etwa die sage von Hrömundur Greipsson , schon am anfange
des 12. mündlich im umlaufe waren, so lauten doch auch die desfall-
sigen Zeugnisse nur auf Island, nicht auf Norwegen. Die dichtkunst
ferner, welche im 10. Jahrhunderte in Norwegen noch in voUer blute
gestanden war, finden wir im 11. daselbst bereits völlig in verfall gera-
then. Isländische skalden, nicht norwegische sind es, welche den hei-
ligen Olaf, den guten Magnus, den harten Harald feiern, und gerade
die zahlreichen ehrenlieder, durch welche ihn jene verherrlichten, mach-
ten den letzteren zu einem besonderen freunde und gönner des entlege-
nen freistaates. Es ist eine seltene ausnähme, wenn sich zwischen
hinein etwa auch noch einmal ein einheimischer verskünstler in Norwe-
gen vernehmen lässt, und bezeichnend genug sind es zuletzt fast nur
noch einzelne fürsten, wie etwa könig Harald selbst, oder um ein Jahrhun-
dert später der Jarl Rögnvaldur kali (gest. 1164), welche die dichtkunst,
allenfalls unterstützt von isländischen hofpoeten, betreiben; eine art
höfischer modesache oder nobler passion war deren betrieb in Norwegen
eben so gut geworden, wie dies unser Verfasser selbst (s. 87) bezüglich
DIE NORWEG. AUPFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 51
der dänischen, schwedischen und englischen fürstenhöfe annimmt. In
der zeit also , da in Island und Norwegen eine einheimische litteratur zu
erstehen begann , war eine volkstümliche pflege der poesie in diesem letz-
teren lande jedenfalls schon längst erloschen, und diejenigen gedichte
älterer norwegischer dichter, welche nunmehr zur aufzeichuung gelang-
ten, verdanken diese regelmässig isländischen Schriftstellern, wie etwa
des forbjörn hornklofi lieder auf könig Harald härfagri, <[ie IldlMnarmdl
und das Hdlei/gjatal des Eyvindur skaldaspillir , die EinJiSmdl u. dgl. m.
in der Fagurshinna, HemisJiringla u. s. w. , oder nicht wenige andere
verse norwegischer skälden in der jüngeren Edda uns aufbewahrt sind.
Unter den uns erhaltenen norwegischen rechtsbüchern ferner gehören die
Gulajnngslög , so wie sie uns vorliegen, frühestens dem äussersten ende
des 12., wahrscheinlicher aber erst dem anfange des 13. Jahrhunderts an,^)
und angenommen selbst, dass der uns vorliegenden eine ältere textesge-
staltuug vorhergegangen sei , so liegt uns doch immerhin keinerlei grund
vor, dieser letzteren ein höheres alter als *etwa das letzte viertel des
12. Jahrhunderts zuzuschreiben. Die bruchstücke der EiÖsifjapingslög
und der Borgarpingslög , welche uns übrig sind , in der zeit weiter hin-
aufzusetzen sind wir, so viel ich sehen kann, durch nichts berechtigt;
die Frostajnngslög aber vollends gehören, so wie wir sie haben, erst der
regierungszeit des königs Häkon gamli, also den jähren 1217 — 63 an,
und wie es mit jener älteren, um das jähr 1190 bereits vorhandenen
Grdgds beschaffen war, lässt sich nicht mehr feststellen. Trotz aller
frische der auffassung zeigen dabei diese älteren norwegischen rechtsbü-
cher doch noch eine ungleich geringere litterarisclie gewautheit , als welche
sich so manchen ungleich älteren abschnitten der isländischen compila-
tionen, wie z. b. dem zehntgesetze oder dem christenrechte, nachrühmen
lässt; und ganz ebenso lässt der von einer norwegischen hand in der
ersten hälfte des 13. Jahrhunderts geschriebene haupttext der legendari-
schen Olafs saget liins helga sich nur als eine ganz heillos ungeschickte
compilation bezeichnen , während die von isländischer hand geschriebenen,
etwa 50 jähre älteren membranfragmente einer zu deren herstellung
gebrauchten vorläge ungleich bessere arbeit zeigen. Wenn also Norwe-
gen an zweien hauptzweigen der nordischen litteratur , an der sagenschrei-
1) Ihr text beginnt nämlich mit der Übereinkunft, welclie könig Magnus, oder
vielmehr dessen vater Erlingur jarl , im jähre 11G4 mit crzbischof Ej'steinn sohloss,
und enthält an seinem ende eine wergeldstafel, welche derselbe Bjarui MarJ^arson
verfasst hatte, den die Sverris s. am Schlüsse des 12. Jahrhunderts widerholt nennt,
und den wir im jähre 1223 auf dem herrentage zu Bergen unter die lögmenn gezählt
finden {HäJconar s. gamla, cap. 8ß, s. 325). Ob diese beiden stücke aber nicht etwa
bloss spätere einschiebsei in einen älteren text seien, lässt sich aus den dürftigen frag-
menten einer älteren handschrift, die uns erhalten sind, nicht bestimmen.
4*
52 MAURER
billig und au der dichtkunst, im laufe des 12. jarhunderts sich so gut
wie gar niclit, und an dem dritten, der abfassung von rechtsbücliern,
ebenfalls nur spät mid in ziemlich unvollkommener weise betheiligte,
was bleibt dann für jene frühere zeit an einheimischen literarisclien lei-
stungen noch übrig? Aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein bischen theo-
logie, d. h. einige legenden, homilien u, dgl. m. , obwol ich auch von
solchen kein einziges stück nachzuweisen wüste , welches sich mit einiger
Sicherheit zugleich auf das 12. Jahrhundert und auf einen norwegischen
Verfasser zurückführen liesse, — ausserdem aber etwa noch der Königs-
spiegel und die Streitschrift über die Stellung der kirche zum Staate,
zwei allerdings ganz vortreffliche werke also , welche aber gerade der zeit
eben jenes königs Sverrir angehören, welcher, selber ein Färing, sich
nachweisbar zu der ihm am herzen liegenden officiellen schriftstellerei
isländischer federn zu bedienen pflegte! — Man sieht, eine einfache
Zusammenstellung der einschlägigen quellenzeugnisse führt zu einem ganz
anderen ergebnisse als dem unseres Verfassers. Sie zeigt uns, wie auf
Island zuerst die feststellung einer einheimischen Schriftsprache erfolgte,
indem man mit vielem geschicke, dem vorgange der Angelsachsen fol-
gend, das lateinische aiphabet den eigenen lautverhältnissen anzupassen
wüste, und wie dann diese Schriftsprache, anfangs nur im dienste der
kirche und der rechtsordnimg stehend, und höchstens noch zu ein paar
dürftigen genealogischen aufzeichnungen gebraucht, bereits in der ersten
hälfte des 12. Jahrhunderts vereinzelt zu umfassenderen historischen und
philologischen werken benützt wurde, an welche sich dann bald eine
sowohl mannichfaltigere als reichhaltigere litteratur anschloss. Sie lässt
aber auch erkennen, dass man in Norwegen das ganze 12. Jahrhundert
hindui'ch , von einigen juristischen und theologischen versuchen etwa abge-
sehen , noch gar nichts niedergeschrieben hatte , und dass man sich hier,
wenn man irgend welche litterarische aufgäbe gelöst wissen wollte , dazu-
mal ganz in derselben weise an isländische schriftsteiler zu wenden
pflegte, wie man es isländischen dichtem und erzählern überliess, die
norwegischen könige zu preisen und für die Unterhaltung ihrer höfe zu
sorgen. Es begreift sich leicht, dass unter solchen umständen die auf
Island fixierte Schriftsprache auch für Norwegen maassgebend werden
muste, wenn auch der einzelne norwegische Verfasser oder abschreiber
sich nicht jedesmal von allen norwegischen Provinzialismen frei machen
konnte; das schwanken der in Norwegen entstandenen Schriftstücke in
den meisten punkten , in welchen die isländische sprachform von der nor-
wegischen abgegangen zu sein scheint, dürfte gerade dem umstände zu-
zuschreiben sein, dass in bezug auf sie die Schriftsprache und die rede-
sprache in Norwegen von einander abwichen.
DIE NOR^^EG. ATJFFASS. X>. NORD. LIT. -GESCH. 53
Aber wenn das bisherige gezeigt hat, dass die altnordische Üttera-
tur auf Island, nicht in Norwegen ihren anfang genommen, und dass
dieselbe erst von dort aus und nur in der dort für sie festgestellten
Schriftsprache auf das letztere reich übertragen worden ist, so bleibt
noch immer die andere frage zu erörtern übrig, wieweit denn die
innere Selbständigkeit jener isländischen litteratur gereicht,
oder wie weit dieselbe etwa umgekehrt formell wie materiell von der
angeblich so festen ausprägung der norwegischen tradition abhängig gewe-
sen sei? Die erwägung dieser frage setzt zunächst eine nähere prüfung
der Sätze voraus, welche der Verfasser über den Charakter und die bedeu-
tung dieser tradition im allgemeinen aufstellt, und zu dieser wende
ich . mich demnach zuerst. Da halte ich nun den schluss , welchen Key-
ser aus der priucipiellen Übereinstimmung von recht, religion und sitte
bei den beiden hauptzweigen des germanischen gesamtvolkes auf das
hohe alter einer ziemlich bedeutenden culturstufe derselben zieht, auch
meinerseits für vollkommen begründet; vollkommen einverstanden bin
ich auch mit dem, was der Verfasser einerseits über das hohe alter
und andererseits über die geringere anwendbarkeit der runenschrift
sagt, vermöge deren dieselbe auf den gang der nordischen litteraturent-
wicklung nahezu ohne allen einfluss geblieben ist. Auch ich nehme dem-
gemäss an, dass massenhafte Überlieferungen von mund zu mund gegan-
gen sein müssen, lange ehe man daran dachte oder denken konnte, zu
deren aufzeichnung zu schreiten; aber diese massenhaftigkeit der Über-
lieferung und deren rein mündlichen Charakter zugegeben, ist darum
doch noch keineswegs gesagt, dass dieselbe, an eine bestimmte form
gebunden, in aller mund und zu allen zeiten im wesentlichen gleich-
massig weitergetragen worden sei, und diese vom Verfasser so sehr
betonte annähme will mir in der that nicht nur unerwiesen, sondern auch
unerweislich und ganz und gar unstatthaft erscheinen. Warum sollten
jene traditionen nicht ganz ebenso , wie dies noch heutiges tages zu gesche-
hen pflegt, in individueller mittheilung, und dadurch bedingt in stets
wechselnder form von mund zu mund gegangen sein, und auch ihrem
Inhalte nach zu verschiedenen zeiten und im munde verschiedener per-
sonen die mannigfachsten Wechsel erlitten haben? Allerdings muss in
einer zeit, da die schreibkunst noch nicht oder wenig geübt wurde, das
gedächtnis noch ungleich treuer gewesen sein als in unseren schreibseli-
gen tagen ; allerdings muste ferner , was besonders begabte raänner etwa
über die grenze des gemeinverständlichen hinaus producierten , meist bald
aus dem gedächtnis verschwinden, da dergleiclien von der menge nicht
weitergetragen wurde , und doch auch , weil durch keine schrift fixiert,
nicht wohl auf anderem wesfe den wenigen begabteren auf die dauer
54 MAUllKß
erhalten werden konnte ; allerdings muste endlich der zwischen den gebil-
detsten nnd den ungebildetsten angehörigen der nation bestehende unter-
schied eben darum ein vergleichsweise geringer bleiben , weil ein solcher
nur durch die stetige ansamlung der erzeugnisse hervorragender geister
und deren fortwährende benützung durch andere ähnlich geartete naturen
sich erweitern kann. Aber bei allem dem handelt es sich eben doch
nur um unterschiede des grades, nicht der art. Auch das verlässigste
gedächtnis besitzt immerhin nur eine beschränkte aufuahmsfähigkeit , und
es ist demnach ebenso natürlich, dass je nach der begabung, neigung,
lebensstellung des einzelnen die in ihm lebende ü1)erlieferung nach ihrem
Inhalte wie umfange sich verschieden begrenzte, als dass, da stets neu
sich bildende traditionen an die seite der älteren traten, diese letzteren
auf die dauer nicht neben jenen ersteren fortleben konnten. Ein ewiges
kommen und gehen von altem und neuem müste sich also geltend
machen, vermöge dessen die Überlieferung stets im flusse blieb, und die
erinnerung immer nur auf eine bestimmte reihe von generationen zurück-
reichen konnte, hinter der ihr aller feste umriss und jeder sichere halt
schwand; andererseits aber kam sicherlich auch schon dazumal dem Indi-
viduum wie an der Überlieferung so auch au der geistigen production sein
persönlicher antheil zu, ganz wie umgekehrt auch heutiges tages noch
bis zu einem gewissen grade jeder einzelne ein kind seiner zeit und sei-
nes Volkes heissen mag. Spricht diese flüssigkeit der tradition bereits
ganz entschieden gegen die annähme, dass dieselbe sich nothwendig in
bestimt festgestellter form von geschlecht zu geschlecht fortvererbt haben
müsse, so kann ich auch nicht finden, dass die dichterische Überliefe-
rung, welcher jene bestirnte formelle ausprägung allerdings wesentlich
ist, so schlechthin älter seiQ müsse als die prosaische. Kichtig will mir
vielmehr nur scheinen, dass der harmonische tonfall der gedichte deren
erlernen erleichtert und die festigkeit der gebundenen form die treue der
Überlieferung stützt , während andererseits das gefallen an der künstleri-
schen einkleidung zur folge hat , dass lieder auch wol blos um ihretwillen
noch gern aufbewahrt v/erden , wenn auch das Interesse an ihrem Inhalte
schon längst abgeschwächt oder ganz verschwunden ist. Dass dichteri-
sche erzeugnisse länger als prosaische in der eriimerung zu haften pfle-
gen, und dass somit für uns die dichterische Überlieferung weiter in die
Vergangenheit hinaufreichen mag als die prosaische, erklärt sich hieraus
zur genüge; aber dass jene in früherer zeit als diese begonnen habe, ist
daraus denn doch eben so wenig zu folgern als aus der anderen that-
sache, dass die \nDlksniässige redeweise der älteren wie der neueren zeit
auch in der prosa alliterationen , assonanzen , reime und ähnliche von der
dichtkunst gebrauchte behelfe auch ihrerseits zu benutzen liebt. Mit der
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 55
annähme einer nach form und Inhalt vollkommen fesstehenden mündlichen
Überlieferung fällt aber natürlich auch die ganze weitere ausführuug Key-
sers über das sclavische abhängigkeitsverhältnis , in welchem die nor-
dische litteratur zu dieser Überlieferung gestanden haben soll. In der that
hat der Verfasser denn auch für die einschlägigen behauptungen , auf
denen doch der -ganze Schwerpunkt seiner construction der altnordischen
litteraturgeschichte ruht, keinerlei beweis aus den für diese letztere ver-
fügbaren quellen zu erbringen versucht ; dieselben treten bei ihm vielmehr
nur als allgemeine regeln auf, welche für den gang der litterarischen ent-
wicklung bei allen und jeden Völkern maassgebend sein sollen. Aber
woher stammen diese regeln? Kennen wir denn die anfange der geisti-
gen entwicklung aller, oder auch nur einer grösseren anzahl von Völ-
kern so genau, dass wir aus dieser kentnis jene allgemeinen gesetze
abstrahieren können , ja ist auch nur für ein einziges volk jener vom Ver-
fasser statuierte gang der dinge bewiesen oder beweisbar? — Trete ich
aber von jenem schwanken boden auf das etwas festere terrain der
nordischen vorzeit herüber, so kann ich die frage nach dem Verhältnisse
der einheimischen litteratur zur tradition nicht mehr von der anderen
frage nach dem anfeile der Isländer an eben dieser litteratur getrennt
behandeln , wenn ich nicht in ganz ungebührliche widerholungen und Weit-
schweifigkeiten verfallen will. Ich schicke aber meiner besprechung die-
ser doppelten frage erst noch ein paar bemerkungen über einige einlei-
tende punkte voraus , auf welche der Verfasser gewicht legt , und deren
vorläufige bereinigung mir wünschenswert scheint. Da kann ich nun
zuvördei'st von dem günstigen einflusse nirgends eine spur entdecken,
welchen die begrün düng der alleinherr schaff in Norwegen
auf die entwicklung der tradition in diesem lande geäussert haben soll;
vielmehr will mir sogar scheinen, als ob die Wirkung jenes momentes
auf die Volksüberlieferung eine gerade umgekehrte gewesen sei. Der
gewaltsame bruch Mt allen verfassungszuständen der vorzeit, die Ver-
treibung einer menge der angesehensten männer aus dem lande und der
Untergang einer nicht geringeren zahl anderer, die unruhe endlich, welche
eine reihe von generationen hindurch in Norwegen herrschte, bis sich
die neuen zustände ihrerseits zu consolidieren vermochten, «lassen von
vornherein nichts anderes erwarten, und bestätigt wird diese erwartung
durch den anderen umstand, dass nachAveisbar keine sichere geschichte
über die zeit des schönliaarigen Haralds sich hinaufführen lässt; der
ihm gelungene Staatsstreich hat augenscheinlicli alle erinnerung an die
hinter ihm zurückliegenden zeiten überdeckt und verwirrt, so dass jen-
seits seiner regierungsperiode alles in nebelhaftem dämmerlichte ver-
schwimmt. Ganz unrichtig scheint mir ferner aufgefasst, was der ver-
56 MAUUEß
fasscr über die r e i s c 1 ii s t der I s 1 il n d e r sagt. Allerdings nämlich galt
ilincn das reisen als eine schule der Weisheit ; aber das reisen überhaupt,
nicht etwa bloss, oder auch nur vorzugsweise, das reisen nach Norwe-
gen wurde als solche betrachtet. Man legte eben Averth darauf, fremde
länder und die sitten fremder Völker kennen zu lernen, und als Avenicf
weise galt , wer nicht über Island hinaus gekommen war ; man meinte,
dass der verkehr mit der aussenwelt und der Umgang mit fremden , denen
gegenüber er lediglich auf sich selber gestützt sei, den jungen mann
bilde, während das daheimsitzen niemanden erziehe, und wenn ein neue-
res isländisches Sprichwort sagt: „heimsM er heima-aliS harn," so fehlt
es auch schon in den Hdvamdl und anderen älteren quellen nicht an ganz
ähnlichen aussprüchen. Daneben spielte auch die allen Germanen eigne
lust am abenteuern ihre rolle , und nebenbei speculierte man etwa auf den
rühm oder den gewinn , welchen man durch handelschaft , heerfahrt oder
herrendienst zu erwerben hoffte; endlich betrachtete man auch wol die
höfe angesehener fürsten als die beste schule glatter Umgangsformen und
feiner sitten. Aber nirgends zeigt sich die mindeste spur davon, dass
man in allen diesen beziehungen sein augenmerk mehr auf Norwegen
als auf andere länder gerichtet hätte, und wenn zwar jenes reich aller-
dings ohne vergleich am häufigsten besucht wurde, so war dies doch
nur eine folge seiner geographischen läge, der zwischen diesem lande
und Island bestehenden stamgemeiuschaft , endlich der vielfachen ver-
wantschaftlichen anknüpfungspuukte , welche hier mehr als anderwärts
dem Isländer sein fortkommen erleichterten, ganz und gar nicht aber eine
folge irgend welcher besonderen gelegenheit zur erweiterung seines Wis-
sens, die ihm hier im gegensatze zu anderen ländern geboten gewesen
wäre. Ebensowenig ist die andere behauptung richtig, dass lediglich
Norwegen es gewesen sei , welches die Verbindung Islands mit
der gesamten cultur des christlichen äbendlandes vermit-
telt habe. Zu Herford in Westfalen hatte bereits bischof Isleifur gelernt,
und in Sachsen auch dessen söhn , bischof Gizurr, seine geistliche erzie-
hung genossen. In Frankreich studierte Ssemundur frööi, und doch wol
auch bischof Jon Ögmundarsou, der jenen wider nach Island heim brachte.
In Paris ui^d in Lincoln lernte bischof |)orläkur Jörhallsson , in England
auch bischof Fall Jönsson, und wenn die HüngurvalM von Hallur Teits-
son, der im jähre 1150 zu Utrecht starb, erzählt, dass er allerwärts auf
seinen reisen die landessprache gesprochen habe wie ein eingeborener,
oder wenn die Skirlimga von Gizurr Hallsson berichtet, dass derselbe in
Koni besser augesehen gewesen sei als irgend welcher andere Isländer,
so zeigt auch diess , dass es keineswegs an directen Verbindungen Islands
mit dem ferneren auslande fehlte. Wurde doch die isländische kirche
DIE NORWEG. ADFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 57
erst am eingange des 12. Jahrhunderts aus dem alten metropolitan ver-
bände mit Bremen , und erst um die mitte desselben Jahrhunderts aus
dem neueren mit Lund gelöst, um schliesslich dem neugegründeten nor-
wegischen erzbistume untergeben zu werden; nach der beseitigung aber
jener unmittelbaren kirchlichen Verbindung der insel mit dem süden hör-
ten wenigstens die wallfahrten isländischer männer nach Italien, Spanien,
Jerusalem nicht auf, und das Reichenauer nekrologium mit seinen zahl-
reichen namen von angehörigen der „Hlslant terra'-'' zeigt, wie frühe
schon ein massenhafter derartiger verkehr mit der fernen insel sich gebil-
det hatte. Ausserdem wurden auch die handelsfahrten nach Dänemark
und zumal nach England nicht aufgegeben , und so wenig es je an den
höfen von Schweden oder Dänemark, der Orkneys oder der Ostmannen-
fürsten in Irland an isländischen hofdichtern und reisläufern fehlte, so
wenig kann es auch im entfernteren auslande je an isländischen kleri-
kern und Studenten gefehlt ha1)en. Die behauptung, dass die Isländer
all ihr wissen und ihre ganze geistige bildung lediglich aus Norwegen
zu beziehen genötigt gewesen seien, erweist sich demnach als ebenso-
wenig begründet , wie jene annähme einer besonders vorteilhaften einwir-
kung des norwegischen alleinkönigtumes auf die einheimische tradition.
Soll aber nunmehr des Verfassers cardinalsatz ins äuge gefasst wer-
den, dass die isländische litteratur nicht nur nicht früher begonnen und
keinen rascheren aufschwung genommen habe als die norwegische, son-
dern dass sie auch keine andere richtung verfolgt habe als diese und
fortwährend von der norwegischen tradition abhängig geblieben sei, so
glaube ich, während in der ersteren beziehung einfach auf das oben
schon bemerkte vermesen werden darf, in der zweiten beziehung am
zweckmässigsten zu verfahren, wenn ich die verschiedenen hauptzweige
der nationalen litteratur gesondert betrachte. Daist nun freilich bezüg-
lich der älteren gedieht e vollkommen richtig, dass die mündliche Über-
lieferung für deren spätere aufzeichnung massgebend war, und auch bei
solchen liedern , welche erst zu einer zeit entstanden , da man mit der
fedcr umzugehen bereits gelernt hatte, mag wol nur sehr ausnahmsweise
der dichter selbst zugleich auch der Schreiber gewesen sein. Aber nur
zum geringeren theile sind solche lieder je als ein für sich bestehendes
ganzes, oder auch als bestandteile von liedersamlungen auf uns gekom-
men ; ungleich häufiger dagegen sind sie nur , sei es nun im ganzen oder
auch in blossen bruchstücken , in umfassendere prosawerke eingestellt
erhalten, in welchen sie dann als belege für einzelne behauptungen des
Verfassers, oder auch wol nur als ein gern gesehener schmuck seiner
darstellung in l)etraclit kommen. Zum beweise dieser thatsache genügt
eine einfache Verweisung auf die mehrzahl der Islcndinga sögur und
58 ' MAURER
Noregs Jcom'mga sögur , dann auf die Jarla sögur und die jüngere Edda ;
niemand wird aber allen diesen werken darum ilire Originalität abstrei-
ten Avollcn, weil in dieselben derartige belegstücke aus der miludlicben
tradition wörtlich binübergenommen worden sind. Die meisten der uns
crlialtenen gedichte sind überdies nachweisbar von isländischen skälden
gedichtet, und selbst unter denen, welche älteren persönlichkeiten in den
mund gelegt werden, gar viele erst hinterher von isländischen sagen-
schreibern ganz in derselben weise verfertigt worden, wie etwa Thucy-
dides oder Tacitus ihre beiden selbstverfasste reden halten zu lassen
pflegen; beiderlei verse dürfen dann natürlich nicht benützt werden, um
der isländischen poesie ihre Selbständigkeit zu bestreiten, welches auch
bei deren ersterer kategorie das Verhältnis des aufzeichnenden zur münd-
lichen Überlieferung gewesen sein möge. Mit gedichten aber , deren ent-
stehung man nach ort und zeit nicht sicher zu stellen vermag , darf von
vornherein nicht argumentiert werden, und gilt dies insbesondere auch
von den liedern der sogenannten älteren Edda samt allen den anderen
stücken , welche die neuere zeit denselben zuzugesellen beliebt hat. Schon
ihrer zahl und ihi-em umfange nach sind diese zu wenig bedeutend , um
für unser urteil über den gang der litterarischen entwicklung im norden
massgebend werden zu können , und überdiess bedarf deren alter und her-
kunft trotz aller Vertrauensseligkeit, mit welcher man auch bei uns noch
an deren uralt heidnischem Ursprünge festzuhalten pflegt , in sprachlicher
wie in sachlicher beziehung noch viel zu sehr einer sorgfältigen prüfung,
als dass sich auf sie zur zeit irgend ein sicherer schluss bauen Hesse.
Unser Verfasser freilich hält die entstehung der sämtlichen eddalieder in
einer hinter Harald härfagri zurücldiegenden zeit, also vor der mitte des
9. Jahrhunderts , für bewiesen, und meint, dass die mehrzahl der auf den
heldenkreis der Völsungen und Gjukungen bezüglichen lieder jedenfalls
nicht nach dem beginne dieses Jahrhunderts, das HgndluljöÖ nicht nach
der- ersten hälfte des 8. , und die VÖluspd nicht nach dem 5. Jahrhun-
dert gedichtet sein werde (s. 269); aber einer der gründlichsten kenner
der alten nordischen poesie, GuÖbrandur Vigfüsson, erklärt umgekehrt
den grösten theil der lieder von den Völsungen für nicht vor dem 11. oder
12. Jahrhundert, Shirnismdl, IiarharÖsljö& und Lokasenna wenigstens
nicht vor dem ende des 10. Jahrhunderts gedichtet, — die SölarljöS,
welche Keyser an der grenzscheide des heidentums und Christentums
entstanden glaul)t (s. 259) , sezt GuÖbraudur etwa in den anfang des
14. Jahrhunderts lierab/) — wie weit endlich die Unsicherheit in dei-ar-
tigen Zeitbestimmungen heutiges tages noch geht, zeigt sich sehr schla-.
1) Vgl. die vorrede zu seiner ausgäbe der Eyrhyygja , s. XXXVII, Anm. 1.
DIB NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 59
gend darin, dass der Gimnarsslagur noch immer von vielen ohne anstand
als ein echtes und gerechtes eddalied hingenommen wird , obwol derselbe
erst in der zweiten hälfte des vorigen Jahrhunderts von dem gelehrten
propste sera Gunnarr Pälsson (gest. 1791) gedichtet ist, und dass unser
Verfasser selbst, meines erachtens mit vollem rechte , sich geneigt erklärt,
den von den meisten unbedenklich den eddaliedern zugezählten Hrafna-
galdur Odins für das werk irgend eines isländischen poeten aus dem
18. Jahrhunderte zu halten, welcher mit der nachahmung der alten dicht-
weise sein spiel getrieben habe (s. 262). In der that wird es kaum gelin-
gen, über das alter und die herkunft derartiger dichtungen zu sicheren
ergebnissen zu gelangen, ehe die sämtlichen erzeugnisse der älteren nor-
wegischen und isländischen poesie in kritisch gesichteten texten zu einem
gesamtwerke vereinigt vorliegen , und überdies die je nach ort und zeit
in sprachlicher und metrischer beziehmig sich ergebenden abweichungeu
einigermassen festgestellt sind ; glücklicher weise brauche ich aber auf
diesen meinen Studien olmehin fernliegenden punkt hier nicht weiter ein-
zugehen, da es für meinen zweck sehr gieichgiltig ist, ob die nichtsehr
grosse zahl der nachweisbar von norwegischen skälden gedichteten gesänge
noch durch hinzurechnung von ein paar eddaliedern erhöht werden dürfe
oder nicht. Dagegen glaube ich noch ausdrücklich darauf hinweisen zu
sollen, dass es denn doch zu weit gegangen ist, wenn unser Verfasser
auch die unzweifelhaft von isländischen skälden gedichteten lieder ledig-
liglich darum nicht als selbständige geistesproducte gelten lassen will,
weil deren spräche und dichtform bereits bei der ersten besiedelung
Islands aus dem mutterlande mitgebracht worden sei. Es fehlt nicht an
beispilen selbständiger neuerungen, welche von isländischen dichtem in
metrischer beziehung vorgenommen wurden, i) und jene gelehrte behand-
lung der dichtkunst, wie sie die jüngere Edda uns kennen lehrt, ist
lediglich auf Island, nicht auch in Norwegen nachweisbar; ganz abge-
sehen hiervon wird aber niemand dem einzelnen dichter darum mangel
an Originalität vorwerfen wollen , weil er in der spräche und im metrum
seines volks und seiner zeit dichtet, und wird andererseits die gieichheit
von spräche und metrum bei den isländischen und norwegischen dichtem
überhaupt zwar den ausschlag geben können , wenn es gilt , beide als
eine masse den dänischen und schwedischen, oder vollends den südger-
manischen dichtem gegenüberzustellen, aber ganz und gar nicht die
möglichkeit ausschliessen , dass in engerem rahmen jene wieder von die-
sen geschieden werden mögen, wenn diess die Verschiedenheit der zeit,
1) Vgl. z. b. was die .>üngcrc Edda, Hattutal , iir. 35 (ed. Ariiam. T, s. G46)
von porvaldur vcili, eiuciu i«läiidischeii dichter des 10. jahrliuiiderts, erzählt.
60 MAUEER
in welclior liier und dort die diclitkunst blühte, oder irgend welche
andere umstände rätlilich machen. — Gehe ich sodann 7A\ der vom Ver-
fasser so gut wie gänzlich ignorierten Jurisprudenz über, so ist die
Selbständigkeit der entwicklung Islands Norwegen gegenüber, und zu-
gleich das walten eines frei schöpferischen geistes neben aller festigkeit
der tradition gar nicht schwer zu beweisen. Wohl wird uns berichtet,
dass das erste isländische landrecht nach dem muster der Gulapingslög
eingerichtet gewesen sei; aber es wird auch nicht verschwiegen, dass
gleich von anfang an gar vielfältig dieses muster verlassen wurde , indem
man allerlei zusätze, auslassungen und Veränderungen an demselben
beliebte , und überdiess wissen wir ja , dass in der heidnischen wie in
der christlichen zeit dieses ältere landrecht schritt für schritt durch
neuere gesetze umgebildet oder auch weiter entwickelt wurde. Wir
haben ferner zwar allerdings allen gruud anzunehmen, dass das soge-
nannte zweite isländische landrecht, die HafUdashrd, eigentlich nur in
einer dem römischen edictum perpetuum vergleichbaren aufzeichnung dei"
wichtigsten theile der uppsaga, d. h. des dem gesetzsprecher obliegen-
den feierlichen rechtsvortrages bestund , und manches spricht dafür,
dass auch von den norwegischen provinzialrechteu einige , vielleicht durch
schwedischen einfluss bestimmt, in ähnlicher weise entstanden sind;i)
aber wenn wir hierin in der that einen sehr eigentümlichen einfluss der
mündlichen Überlieferung auf die schriftliche fixierung des rechtsstoffes
zu erkennen haben, so ist doch weder zu leugnen, dass neben der upp-
saga auch den ngmceli, d. h. neu gewillkürten gesetzen, eine sehr erheb-
liche bedeutung zukam, noch auch zu übersehen, dass selbst auf die
feststellung jener ersteren der jederzeit regierende gesetzsprecher einen
sehr erheblichen einfluss äusserte, sodass also auch sie neben dem con-
stanten einen sehr flottierenden bestandteil hatte, üeberdiess zeigte sich
der juristische geist des Volkes neben der gesetzgebung und den officiel-
len rechtsvorträgen auch noch in privatarbeiten juristischen inhaltes thätig,
und wenn diese zwar zumeist nur das sammeln , ordnen und glossieren
des vorhandenen rechtsstoffes , sowie etwa die construction für den rechts-
verkehr passender formein oder die entwerfung von buss- und wergelds-
tafeln ins äuge gefasst haben mögen, so scheint es doch auch nicht an
einzelnen erzeugnissen einer sich freier bewegenden Jurisprudenz gefehlt
zu haben , und liegt sogar schon in jenen unvoUkommueren arbeiten eine
weit über das niass einer blossen aufzeichnung der tradition hinausge-
hende thätigkeit begründet. Jedenfalls erscheint das recht des isländi-
schen freistaates, so wie es uns in den sagen sowol als in der soge-
1) Vgl. )ueiiieii artikel über die Grägäs , s. 53 — 55.
T>m NORWEG. AUFFASS. T>. NORD. LIT. - GESCH. 61
uaunten Graugans entgegentritt, als ein dem norwegischen gegen-
über durchaus selbständiges, wenn auch eine zwischen beiden beste-
hende enge verwantschaft nicht zu verkennen ist. Die staatliche sowol
als die gemeindliche Verfassung ist auf Island eine völlig andere als in
Norwegen, und selbst das kirchenrecht hat sich hier und dort gar sehr
verschieden gestaltet. Das isländische strafrecht weicht sehr erheblich
von dem norwegischen ab , wie denn zumal das compositionensystem und
theilweise auch das Strafsystem in dem letzteren ziemlich entwickelt ist,
während in dem erstereu das System der friedlosigkeit eine weitaus über-
wiegende herrschaft behauptet. Im gerichtlichen verfahren ist auf Island
der gebrauch der Popularklagen ebenso ausgedehnt, wie in Norwegen
beschränkt, und hinsichtlich des beweissystems ist dort der geschwornen-
beweis massgebend wie hier der beweis durch eidhelfer ; überdiess ist die
anwendung der ausserstaatlichen gerichte im isländischen rechte durcli-
aus anders geregelt als im norwegischen, und die sehr verständige ein-
richtung eines obersten gerichtshofes , der in fällen einer urteilsschel-
tung nach einfacher mehrheit der stimmen entscheidet, nur dem erste-
ren bekannt. Im privatrechte zeigt das isländische recht nicht nur,
wie frülier schon bemerkt, von dem für Norwegen so überaus wichtigen
Stammgüterrechte keine spur, sondern es ist auch das eheliche güter-
recht , dann wider das Institut der Vormundschaft hier und dort sehr ver-
schieden entwickelt, und das gebiet der verwantschaftlichen sowol als
der öffentlichen armenpflege hat nur auf Island eine sorgsamere ausbil-
dung gefunden, u. dgl. m. Ja sogar die juristische terminologie ist
vielfach eine andere in Island als in Norwegen, und ausdrücke, wie
z. B. frjalsyjafi, liornüngr, hrisiingr, lanändm, hjriir, ntlegS, vdpnatali
u. dgl. m. haben in den norwegischen legalquellen eine ganz andere bedeu-
tung als in den isländischen. Die Selbständigkeit der juristischen ent-
wicklung Islands gegenüber Norwegen ist durch derartige differenzen
schlagend erwiesen; da aber ein gemeinsamer ausgangspuukt für beide
rechte unzweifelhaft angenommen werden muss, kann deren verschiedene
gestaltung im 12. und 13. Jahrhundert nur das product eines späteren
abgeheus des einen oder des anderen , oder beider von jenem ursprüng-
lichen ausgangspunkte gewesen sein, womit dann widerum von selbst die
wenigstens theilweise unal)hängigkeit wenigstens des isländischen, und
vielleicht auch des norwegischen rechtes von der tradition bewiesen ist, —
Hinsichtlich der sagen Schreibung endlich, bezüglich deren der Ver-
fasser seinen Standpunkt ganz besonders eifrig zu verfechten gesucht liat,
vermag ich seine beweisführung ebenfalls in keiner weise überzeugend zu
finden. So fehlt zunächst seiner ganzen darstellung der thätigkeit und
des Wirkens der „sagamänner," trotz alles details, mit welchem er sie
62 MAURER
sclnldevt und trotz aller lebliaftigkeit der färben, mit welchen er sie
ausmalt (s. 399 — 471), alle und jede quellenmässige begründung. Es
sind recht anmutige phantasiestücke, welche er uns über die „histori-
sche schule" am hofe des schönhaarigen Haralds und seiner nachfolger,
dann wider ül)er die allmälige entstehung geschlossener sagen über ganze
königsreilien aus älteren biographien einzelner könige, und dieser letzte-
ren aus noch älteren erzählungen über einzelne geschichtliche Vorgänge
vorträgt, u. dgl. m. ; aber von irgend welcher überzeugenden beweisfüh-
rung bezüglich ihrer geschichtlichen Wahrheit ist nichts zu entdecken.
Das zwar kann natürlich keinem zweifei unterliegen, dass wie jede
geschichtschreibung , so auch die isländisch -norwegische in soweit von
der älteren tradition abhängig sein muste , als sie ihren stoff , soweit sie
ihn nicht etwa in ganz unhistorischer weise durch eigene erfindungen zu
ergänzen suchte , nur aus jeuer zu entnehmen vermochte , und nicht min-
der ist auch das selbstverständlich, dass diese tradition, soweit nicht
etwa ausländische Schriftwerke wie des Ähho Floriacensis ]}<^ssio S. Ead-
mundi , des Guilelmus Gemeticensis historia Normamiorum ^ des Ada-
mus Bremensis gesta Hammenburgensis ecclesice pontificum oder des
Honorius Augusiodnnensis imago mundi benützt werden konten, bis in
das 12. Jahrhundert herein eine lediglich mündliche, von da an dagegen
theils eine mündliche, theils eine schriftliche war. Aber ganz und gar
nicht folgt hieraus, dass jene mündliche tradition irgendwie an eine
bestimte form gebunden war , und dass nicht vielmehr jedem einzelnen
Sagenschreiber überlassen blieb, durch einzelne fragen bei einzelnen
unterrichteten personen seinen stoff zusammen zu bringen , und diesem dann
eine form zu geben , wie sie ihm selber beliebte ; diesen punkt aber , auf
welchen doch geradezu alles ankomt , hat Keyser ganz und gar unbewie-
sen gelassen. Man betrachte sich einmal die art, wie der erste islän-
dische geschichtschreiber , Ari hinu frööi , seine gewährsleute citiert. Hin-
sichtlich der amtsperioden der einzelnen gesetzsprecher beruft er sich,
soweit dieselben hinter seiner eigenen erinnerung zurücklagen, auf die
angaben des gesetzsprechers Markus Skeggjason, welcher in den jähren
1084 — 1107 im amte war, und er fügt bei, dass dieser die über sein
eigenes gedächtnis hinausfallenden thatsachen von seinem bruder pörarinn,
von ihrer beider vater Skeggi, oder auch von anderen kmidigen männern
erfahren habe, welchen sie sein grossvater Bjarni hinn spaki erzählt habe,
dessen erinnerung bis zu dem gesetzsprecher förarinn (950 — 69) zurück-
reichte.^) Auf den gesetzsprecher ÜlfheÖinn Gunnarsson, (1108 — 16)
1) Islenäingahök , cap. 10, s. 15 — 16. Da wir aus der Lanändma, V, cap. 5,
s. 291 und cap. 11, s. 309 wissen, dass Bjarni mit den gesetzsprechern porkell niäni
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 63
beruft er sich ferner bezüglich der ersten einrichtung des Alldinges, so-
wie bezüglich der Ordnung der bezirksverfassung der insel.^) Auf seinen
pflegebruder Teit , einen söhn bischof Isieifs , bezieht er sich hinsichtlich
des herganges bei der gesetzlichen einftthrung des Christentums auf
Island, bei welcher dessen gi'ossvater , Gizurr hinu hviti, eine hauptroUe
gespielt hatte, und er verfehlt nicht gelegentlich eines incidenzpunktes
ausdrücklich hervorzuheben, dass Teit seine künde von einem augenzeu-
gen habe;^) ferner bezüglich • der ausländischen bischöfe, welche Island
besucht hätten, und bezüglich der geschichte bischof Isieifs selbst;^)
endlich noch bezüglich einiger angaben über die Uliljötslög, so wie in
bezug auf die berechnung der zeit, in welcher die einwanderung nach
Island begonnen habe.^) lieber die weihung des Gizurr Isleifsson bezieht
er sich auf dessen eigenen bericht; ^) hinsichtlich der missionsthätigkeit
Dankbrands auf Island beruft er sich aber auf die angaben seines pfle-
gevaters Hallur |)(5rarinsson , welcher sich noch daran zu erinnern wüste,
wie er selber im jähre 999 als dreijähriges kind von dem deutschen prie-
ster getauft worden war , und von demselben Hallur hatte er ^ auch man-
cherlei berichte über die regieruugsgeschichte des heiligen Olafs erhal-
ten, mit welchem jener wol bekannt, und eine zeit lang sogar in
geschäftlicher Verbindung gewesen war.*') HinsichtKch der zeit, in wel-
cher die besiedelung Islands begann, wird ausser dem schon genanten
Teit auch noch die |)uriÖur in bezug genommen, welche ihren vater,
den berühmten Snorri goöi, noch gekannt hatte, der im jähre 1031 als
66jähriger greis verstorben war, und von welcher Ari auch noch über
andere punkte aufschluss erhalten haben soll ; '^) ferner Aris vaterbruder,
porkell Gellisson , w^elcher letztere auch hinsichtlich des aufkommens der
landaurar ^ sowie hinsichtlich der zeit als gewährsmann citiert wird, in
welcher Grönland colonisiert wurde, und zwar letzteres mit der bemer-
kung, dass derselbe seine kenntuiss in Grönland selbst von einem manne
(970 — 984), porgeirr LjosvetningagoiSi (98.5 — 1001) und Skapti poroddsson (1004 —
1030) verwant war , und mit dem letzteren genealogisch auf gleicher linie , hinter
dem zweiten aber nur um ein glied und hinter dem ersteren nur um zwei glieder
zurückstand, ist seine genaue kenntnis sehr begreiflich.
1) Islenäingahöli , cap. 3, s. 6, und cap. 5, s. 9.
2) ebenda, cap. 7 , s. 10 und 12.
3) ebenda, cap. 8, s. 13, cap. 9, s. 15.
4) ebenda, cap. 2, s. 5, und cap. 1, s. 4; vgl. auch über Teit als gewährsmann
Aris den prolog, welcher der Heimskringla nnä einigen bcarbcitungcn der isolierten
Icbensbeschreibung des heiligen Olafs vorgesetzt ist.
5) ebenda, cap. 10, s. 15.
G) ebenda, cap. 9, s. 15; vgl. ferner den erwähnten prolog.
7) ebenda, cap. 1, s. 4; prolog.
64 MAURER
erhalteil habe, welcher selber unter den ersten ansiedlern daselbst gewe-
sen sei.^) Hinsichtlich der bestinmmng des Jahres, in welchem könig
Olafur Tryggvason gefallen und das Christentum auf Island gesetzlich
eingefülirt worden sei, beruft sich Ari auf Sffimundur frööi, und bezüg-
lich eines dem ostviertel Islands angehörigen Vorfalles auf einen gewis-
sen Hallur ürffikjason;^) ist endlich meine Vermutung richtig, dass eine
im anhange zur jüngeren Melahök und im eingangscapitel zur älteren
recension der pörSar s. hreöii gleichmässig enthaltene stelle aus der uns
verlorenen älteren recension der Islendhigdboh geflossen sei, so hat Ari
in dieser auch noch den J)orm(5(5ur allsherjargööi, bei dessen lebzeiten
die gesetzliche einführung des Christentums erfolgt war , als gewährs-
mann für die formel angeführt , mittelst deren in der heidnischen zeit die
hegung des alldiuges vorgenommen worden war. Ausserdem wissen wir,
dass Ari hinsichtlich der norwegischen königsgeschichte sich gutenteils
auf die erzählungen des Oddur Kolsson , eines enkels des SiÖu - Hallur,
stützte, welcher selber wider auf die aussagen eines gewissen J)orgeirr
afraöskollur sich berief, der schon am Schlüsse des 10. Jahrhunderts zu
NiÖarös im Drontheimischen gelebt hatte, ^) und wider anderer gewährs-
leute scheint derselbe sich in der ersten ausgäbe seiner IsIcndmgalöJc
in bezug auf den einfall der Jömsvikingar in Norwegen bedient zu haben.'')
Man sieht, bei den verschiedensten leuten, die er für wol unterrichtet,
verständig und wahrhaftig hielt, suchte Ari sich sein wissen zusammen,
soweit seine eigene persönliche ermuerung nicht mehr reichen wollte,
und selbst auf die gewährsmänuer seiner gewährsmänner erstreckte sich
dabei noch sein behutsam prüfender blick. Dabei suchte er über rechts-
geschichtliche fragen zunächst aufschluss bei den gesetzsprechern ; über
kirchengeschichtliche thatsachen erkundigte er sich bei seinem pflegevater
Hallur, der noch selber den Dankbraud gesehen hatte, oder bei ange-
hörigen des für die isländische Mrchengeschichte so bedeutsamen hauses
der MosfeUingar ; bezüglich der grönländischen geschichte wante er sich
an leute, die in Grönland, und bezüglich der norwegischen an solche,
die in Norwegen gewesen waren, und welche dessen könige persönlich
gekannt, oder doch mit alten, wohlerfahrenen männern im lande genauen
verkehr gehabt hatten. Immer sind es also nur einzelne thatsachen,
welche Ari einzeln erfragte, je nachdem gerade ein einzelner gewährs-
mann über diesen oder jenen punkt wohl unterrichtet war; in alle weite
ist aber daran nicht zu denken, dass er „nach form und Inhalt" bestimmt
1) ebenda, cap 1, s. 4, und s. 5; cap. 6, s. 9.
2) ebemla, cap. 7, s. 13, und cap. 3, s. 6. ■
3) vgl. den mehrerwähnten prolog.
4) vgl. die Flateyjarhök , l, s. 194.
DIE KOßWEG. AUFFASS. D. KOKl). LIT. -GESCH. G5
abgeschlossen in der mündlichen Überlieferung umlaufende erzählungen
vor sich gehabt, und nur als Schreiber aufs pergament gebracht hätte.
Allerdings rechnet unser Verfasser auch seinerseits den Ari weniger zu
den eigentlichen sagenschreibern , als zu den gelehrten geschichtsfor-
schern (s. 436 — 40), und er bemerkt auch, dass derselbe seine islän-
dischen gewährsmänner immer nur für einzelne geschichtliche anga-
ben anführe, und nicht als zusammensetzer ganzer sagen bezeichne;
indessen will er doch in bezug auf |)orgeirr afräÖskoUur eine ausnamc
machen, und dieser wenigstens soll ein ächter und gerechter sagamanu
gewesen sein , wenn auch vielleicht zugleich noch ein kritischer geschichts-
forscher. Was den Verfasser bestimmt, bezüglich seiner diese ausnamc
zu machen, soll nun aber lediglich der umstand sein, dass bezüglich
seiner gesagt wird „m Oddr nam at porgeiri afräbslcoll ; " in diesem
„nam" soll nämlich ausgesprochen liegen, dass es nicht einzelne, unzu-
sammenhängende berichte gewesen seien, welche Odd bei ][)orgeir einge-
zogen habe, sondern dass er aus dessen mund eine bereits vollständig
geformte sage gelernt habe (s. 424). Das ist denn doch etwas viel gefolgert.
Kichtigist allerdings, dass „nema" lernen bedeutet, und je nach den umstän-
den auch speciell auswendig lernen bedeuten kann; aber diese letztere, engere
bedeutung ist keineswegs die allgemein oder auch nur vorzugsweise gütige.
Die bekannten werte der schrift, (Matth. 11, 29,) übersetzt die Sverris s..
cap. 20 s. 54 (und ähnlich die porldJcsbishups s., cap. 6 , s. 268): „ncmi per
afmer, pviat eh em litilldtr oJc mjüldyndr i lijarta," und man braucht den
ausdruck ganz unbedenklich sogar in bezug auf fertigkeiten , die ihrer natur
nach jede möglichkeit eines auswendiglernens ausschliessen , (vgl. z. B. ab
nema siöu, ipröttir, himndttu, fjolhjngi); warum soll demnach derselbe an
unserer stelle nicht einfach bedeuten können, dass Odd sein geschicht-
liches wissen bei J)orgeir in ungebundenster weise erworben habe, ganz
wie derselbe prolog dem Ari selber nachrühmt, dass er Avissl)egierig
{ndmgjarn) gewesen sei, imd seine kenntnisse von alten, erfahrenen män-
nern erworben (numit) habe, oder wie eine andere stelle der Heims-
kringla^) die von Ari angeführten gewährsleute als leute bezeichnet, von
denen er künde erlangt (frceöi af numit) habe? In ganz ähnlicherweise
wie Ari verfahren aber auch noch Oddur und Gunnlaugur, sofern beide
neben den ihnen bereits vorliegenden Averken Ari's und Stemunds, dann
etwa noch eines sonst nicht nachweisbaren priesters Rufus (RauÖur?)
sich auf eine reihe namentlich genannter gewährsmänner berufen. Aus
der zahl der angeführten lässt sich entnehmen , dass auch von ihnen jeder
einzelne nur für einzelne theile der erzählung citiert werden wollte, wenn
1) Olafs s. ens hehin , cap. 180 , s. oll).
zi;iTsruii. p. ])i:uTSCin: imiilol. 5
6Ü MAURER
auch die sorgiUlt, mit welcher Ari seinen betreffenden gewährsraann bei
jedem einzelnen punkte nannte, hier nicht beobachtet und in folge des-
sen ein nachgehen im einzelnen nicht möglich ist; jedenfalls schliesst,
ganz abgesehen sogar von der zahl der in bezug genommenen gewährs-
leute , schon die öftere bezugname auf verschiedene , sich widersprechende
berichte, sowie die ganze, vielfach mehr legenden- als sagenmässige
haltung der darstellung jede möglichkeit der von P. E. Müller aufge-
stellten annähme aus,^) dass die beiden mönche nur mit wenigen betrach-
tungen vermehrt und ins lateinische übersetzt hätten, was ihnen bereits
in zusammenhängender erzählung vorgetragen worden sei. Ebenso war
das verfahren derjenigen Verfasser kein anderes, welche in der zweiten
hälfte des 12. Jahrhunderts die geschichte ihrer eigenen oder der der
ihrigen unmittelbar vorhergehenden zeit schrieben. Eirikur Oddsson,
dessen werk uns freilich nicht in unveränderter gestalt erhalten ist, beruft
sich neben seinen eigenen beobachtungen auf den norwegischen landheri-n
Häkon niagi und dessen söhne, — auf den Hallur porgeirsson , einen
dienstmann des königs Ingi, — auf den Einarr Pälsson und die Guörföur
Birgisdöttir , beide ebenfalls aus Norwegen, — endlich auf den propst
Ketill an der marieukü-che zu Aalborg. Also auch hier wieder dieselbe
berufung auf einzelne gewährsmänner für einzelne thatsachen, und nicht
die entfernteste spur davon, dass Eirikur eine „nach form und Inhalt"
bereits fertige erzählung nur einfach nidergeschrieben habe ; wenn es von
Häkon, und wider von Hall heisst, sie seien dabei gewesen, als der-
selbe diese oder jene Vorgänge aufgezeichnet habe , so kann daraus selbst
bei der strengsten auslegung dieser werte doch höchstens nur gefolgert
werden, das Eirikur hin und wieder im beisein seiner gewährsmänner
sich vorläufige notizen niderschrieb,^) aber ganz und gar nicht, dass
derselbe sein gesamtes werk sich habe in die feder dictieren lassen, wo-
gegen ja schon die thatsache entscheidend spricht, dass für verschiedene
theile der erzählung verschiedene gewährsleute angeführt werden, und
darunter manche, wie z. b. der propst Ketill, nur für ganz vereinzelte
umstände. In ähnlicher weise schrieb der abt Karl Jönsson nach den
prologen zuv Sverris s. den ersten theil dieser sage unter den äugen des
königs Sverrir und nach dessen angaben , deren zweiten theil dagegen auf
grund der erzählungen, und theilweise auch schriftlichen aufzeichnungen
von augenzeugen, imd ausserdem zeigen sich auch wol noch Urkunden
und sonstige denkmäler gelegentlich benützt; wir dürfen hiernach aller-
dings annehmen, dass der könig auf den Inhalt und die färbung der
1) Nordisk Ticlsskrift for Oldkyadujhed , l, s. 42,
2) vgl. die Worte: „er ritat var fyrsta sinne,'' in den F. M. S., VII, s. 339.
DIE NOEWEG. AUFPASS. D. NORD. LIT. - GESCH. G7
sage massgebenden einflus geübt, und zumal dafür gesorgt haben werde,
dass keine ihm allzu ungünstigen züge in dieselbe hinein kommen möch-
ten, aber darum sind wir doch noch keineswegs befugt, mit dem Ver-
fasser (s. 449) anzimehmen, dass ihm der isländische abt im gründe nur
als Schreiber gedient habe. Die ersten geschichtlichen werke , welche die
nordische litteratur aufzuweisen hat , sind demnach augenscheinlich erzeug-
)iisse einer ganz individuellen verfasserthätigkeit, und es gilt dies eben
sowohl bezüglich derjenigen werke, welche die geschichte der norwegi-
schen könige vor dem jähre 1130 behandeln, die nach dem verf. (s. 434
flg.) bereits „ihre vollständige form im mündlichen vortrage erhalten
und in dieser vorher gegebenen form aufgezeichnet" worden sein soll,
als auch bezüglich jener andern, eine spätere zeit behandelnden, Avelche
von augenzeugen dem einzelnen angeblichen Verfasser nur in die feder
dictiert sein sollen. Dieser ausgesprochene character gerade der ältesten
geschichtswerke will aber ganz und gar nicht zu Keysers behauptung
stimmen, dass jene literatur ihren ausgangspunkt von der aufzeichnung
der in der mündlichen Überlieferung umlaufenden sagen genommen, und
erst hinterher zu einer freier und selbständiger gearteten verfasserthätig-
keit gediehen sei, P. E. Müller, welcher die abhäiigigkeit der islän-
dischen geschichtschreibung von der tradition ^zuerst zu einem giauljens-
artikel gemacht hat, hatte das misliche dieses umstandes bereits richtig
erkannt; aber er hatte den aus demselben herzunehmenden einwendungen
durch die behauptung zu begegnen gesucht , dass Ari gar nicht der erste
geschichtsclireiber , sondern nur der erste geschichtsforscher Islands gewe-
sen sei, und dass jedenfalls viele, ja vielleicht die meisten Islendinga
sü(jur und Norcgs konünga sögur bereits „spätestens im laufe des 12.jahr-
Ivunderts" aufgezeichnet worden seien. ^) Die von ihm versuchte beweis-
führung darf nun freilich als vollkommen mislungen bezeichnet werden,
da einerseits die von ihm angeführte stelle der Sturhmga, II, cap. 38
s. lOG — 7 von ihm falsch gelesen und gründlich misverstanden worden
ist-'j und die gleichfalls von ihm angeführte vorrede der Hi'mgurvala uns
nur sagt, was wir ohnehin schon wissen, dass nämlich einzelne sagen
am ende des 12. Jahrhunderts bereits geschrieben waren, andererseits
aber die schon mehrfach angeführte grammatische abhandlung in der
jüngeren Edda ausdrücklich feststellt, dass gegen die mitte desselben
Jahrhunderts weitere geschichtliche aufzeiclinungen als Aris scliriffcen
noch nicht vorhanden waren , und auch der prolog der Ucimskr'mgla und
geschichtlichen Olafs s. ens helga zwischen geschichtschreibung und
1) a. a. 0., s. 31 — 3G, und 40—41.
2) vgl. Guöbraiids anmcrkung- m den Anncücr for nordülc Oldlcyndiphcd,
1861, s. 236 — 37.
68 MAURER
gescMchtsforschung bei der erwähuung dieser letzteren nicht scheidet.
So wagt denn auch Keyser, obwohl er an der falschen lesung und aus-
leguug jener stelle der Sturlünga auch seinerseits festhält, doch nicht
dem Ari den rühm, der erste isländische geschieh tschreiber gewesen zu
sein, abzustreiten, und er beschränkt sich auf die behauptung, dass von
ihm der anstoss zu einer massenhaften aufzeichnung der mündlich umlau-
fenden sagen , und vielleicht auch der erste versuch einer solchen ausge-
gangen sei, während die sagenschreibung im engeren sinne des Wortes
nach seiner meinung vorzugsweise der mitte und der zweiten hälfte des
12. Jahrhunderts zufiel (s. 439 — 40 und 441); eben darum kommt er
aber auch über den widersprach in keiner weise hinaus, welcher darin
liegt, dass er eine freiere verfasserthätigkeit erst als eine spätere ent-
wicklungsstufe der geschichtlichen litteratur gegenüber einer Ursprünge
lieh sclavischen abhängigkeit derselben von der mündlichen tradition
auffassen will, und doch sich genötigt sieht, an die spitze eben dieser
litteratur einen mann zu stellen , welcher , wenngleich mit den beschränk-
testen mittein operierend, doch die selbständige historische forschung
im eminentesten masse vertritt ! — Gehe ich aber von jenen ältesten
werken zu der grossen masse jener anderen herab , welche erst dem ende
des 12., dann dem 13. und 14. Jahrhundert ihre entstehung verdanken,
so finde ich auch bezüglich ilirer die auffassung Keysers in keiner weise
bestätigt. Soweit solclie werke die Zeitgeschichte behandeln, wie dies
z. b. bei nicht wenigen der bischofssagen , bei der Hrafns s. Sveinhjarn-
arsonar und der Ärons s. Hjörleifssonar , bei einem guten theile der
Sturlünga, dann bei der Hakonar s. gamla und Magmiss s. lagahcetis
der fall ist, berufen sie sich auf die unmittelbare kenntnis ihrer Verfas-
ser oder auf diesem vorliegende Urkunden eben so gut wie auf das Zeug-
nis namentlich genannter oder ungenannter gewährsmänner , und nichts
berechtigt uns zu der annähme, dass es mehr als einzelne angaben über
einzelne Vorgänge gewesen seien , welche der sagenschreiber diesen letz-
teren verdankte, und welche er dann erst seinerseits mit dem, was er
aus anderweitigen quellen entlehnte, zu einem ganzen verband und in
eine ihm selber gefällige form brachte. In denjenigen sagen dagegen,
welche von längst vergangenen Zeiten handeln, wie dies bei der weitaus
grösseren zahl derselben der fäll ist, kehrt zwar neben der berufung auf
ältere Schriftwerke ebenfalls noch die bezugnahme auf mündliche erzäh-
lungen wider, nur dass jetzt seltener als früher die gewährsmämier
genannt werden; aber auch bezüglich ihrer fehlt aller anhaltspunkt für
die annähme, dass solche erzählungen grösseren umfanges, und dass sie
an eine bestimmte, geschlossene form gebunden gewesen seien. Die
klage, welche der prolog zur HeitnsJcringla und zur geschichtlichen
DIE NORWEG. AüFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 69
/
Olafs s. ens helga über die gefahr der Verderbnis ausspricht, welcher
die mündliche Überlieferung im gegensatze zu den skäldenliedern ausge-
setzt sei, spricht sogar sehr bestimmt gegen die annähme, dass die
sagenerzählung auch ihrerseits in fest abgegrenzter form aufgetreten sei,
und andererseits ist auch Keysers versuch, die sagen mit den liedern
durch die behauptung in engere beziehungen zu setzen, dass die hofdich-
ter zugleich die vorzugsweisen träger der sagenkunde gewesen seien, und
dass die prosaische geschichtserzählung ursprünglich nur accessorisch an
den von den skäldenliedern ihr gebotenen Stützpunkt sich angeschlossen
habe , (z. b. s. 402 — 3.) , in keiner Aveise begründet. ^) Eine unbefangene
vergleichung der verschiedenen quellen unter sorgsamer beachtung der
zwischen ihnen bestehenden altersunterschiede würde meines erachtens
vielmehr gerade umgekehrt zeigen, dass in den ältesten geschichtswer-
ken des nordens verse überhaupt nicht angeführt werden, es sei denn
dass sie zur geschichtserzählung selber gehören, wie diess z. b. bei den
bekannten spottversen der fall ist , welche Hjalti Skeggjason am alldinge
gegen die heidnischen götter aussprach, oder bei der schmähenden Stro-
phe, welche Stefnir J)orgilsson auf den Sigvaldi jarl dichtete; dass dann
später die benützung von versen zur ausschmückimg der darstellung auf-
kam, ab^- freilich giitentheils von versen, die der Verfasser der sage
selber erst zu diesem behufe gedichtet hatte ; dass endlich die benützung
älterer lieder zum beweise der geschichtlichen Wahrheit des erzählten
anfänglich nur sehr vereinzelt und schüchtern auftritt, bis endlich in der
ersten hälfte des 13. Jahrhunderts die gebrauchsweise derselben geradezu
ins System gebracht wird , und zwar wie es scheint durch Snorri Sturlu-
son, Avelcher selbst poet und gelehrtester kenner der dichtkunst, zu einer
derartigen Verwendung der alten liederschätze ganz vorzugsweise befähigt
und berufen war. Die art, wie der mehrerwähnte prolog zur Heims-
kringla über eine derartige benützung der skäldenlieder zu zwecken der
geschichtlichen forschung sich ausspricht, zeigt deutlich, dass diese
anwendungsweise derselben zu der zeit , da die betreffenden worte geschrie-
ben wurden, noch völlig neu war, und wir dürfen uns an dieser Über-
zeugung auch dadurch nicht ii-re machen lassen, dass diese neuere weise
der liederbenützung hin und wider auch schon in ältere quellen, (wie
z. b. die Olafs s. Tryggvasonar Odcls) durch Interpolationen hineinge-
tragen sich findet; in der that konnte das bedürfiiis, nach den liedern
als geschichtlichen documenten zu greifen, sich nicht wol vor einer zeit
ergeben, welche von den zu erzählenden begebenheiten bereits weit genug
abstand, um dieselben durch ein zurückgehen an der band bestimmter
1) vgl. was Möbius in seiner abhaudlung über die ältere isländische saga, s. 6,
über diesen punkt sagt.
7t) jiAumcu
eiiizeliR'V gewälirsmäniicr iiiclit nielir erreichen zu köimen. Ganz ver-
kelirt ist es aber vollends, wenn der Verfasser nun sofort alle die liof-
dicliter, deren verse irgendwie zu historischen zwecken sich benützt fin-
den, zu sagamännern machen will, und auch das ist nicht richtig , wenn
er aus dem beinamen hinn frööi, welcher dem ^jö(5ölfur hvinverski beige-
legt wird , auf dessen besondere geschichtskenntnis schliessen will (s. 420).
Die Worte frööur, fra}öi deuten auf das wissen überhaupt, nicht aber auf
eine bestirnte art des wissens, und wenn der geschichtskundige speciell
daemafrööur heissen mag , wird der rechtskundige , genealog , Zauberkünst-
ler, verskundige als lögfrööur, settfroöur, margfröSur, kvseöafrööur be-
zeichnet; so mag denn auch das einfache frseöi ,das eine mal, wie im
prologe der Heimskringla , das geschichtliche wissen bezeichnen, — ein
andermal, mit heilög frseöi gleichbedeutend, das christlich - religiöse ^ ^)
wie denn noch heutzutage auf Island Luthers kleiner katechismus diesen
namen trägt , — wider ein andermal ein zauberlied , ^) oder auch ein lied
schlechthin,^) und wenn einmal von einer Unterhaltung mit neuen ,,frseSi"
die rede ist,'^) sind die gedichte wenigstens mit inbegriffen. Stüfur skäld,
welcher dem könige Harald harSräÖi an einem abende erst 30 flokkar
vorgetragen, dann aber erklärt hatte, noch eben so viele dräpur und
darüber zu können, wird von diesem als „mikill frseöimaö* a kva3Öi"
und als „kvaiöafröör maör" gerühmt;^) warum sollte l>jöÖölfur nicht aus
demselben gründe hinn fröÖi heissen können? Widerum scheint mir nur
wenig zu des Verfassers ansieht zu stimmen, dass widerholt von der bil-
dung von sagen über lebende männer gesprochen wird. So wird einmal
erzählt, dass sich über des Bolli Bollason tapferes auftreten auf seiner
reise im nordlande sofort neue sagen bildeten, und dass dadurch die
achtung, deren er genossen, sehr gestiegen sei;'^) ein andermal sprechen
zwei knaben zu einem sie begleitenden manne, sie seien begierig darauf
am dinge die mächtigeren häuptlinge zu sehen, über die es grosse sagen
gebe;') der Grönländer porgrimur trölli erzählt in seiner heimat einmal
eine sage, welche die tödtung des Jjorgeirr Hiivarsson durch ihn selber
betraf;^) eine sage, Avelche die heerfahrten des königs Haraldur haröraöi
1) z. b. iin puroalds p. viöförla, cap. 6, s. 45; FlhTc., II. s. 348.
2) s(J im porflnns p. Tcarlsefnis , cap. 3, s. 109, und in der Verjtamshviba,
^.tr. 8.
3) so z. b. in der Grettis s. , cap. 52, s. 119: „frreöi pat er Grettis fcersla
het," und öfter.
4) Vigaijlüuis s., cap. 24, s. 385.
5) FMS., VI, cap. 110, s. 391 — 92.
6) Laxdtela, cap. 88, s. 362.
7) so die kürzere Gisla s. Smssonar , s. 'A — 55.
8) Fösthrceöra s., cap. 9, s. 87 — 88 (Huiiksbök).
DIE NORWEG. AÜEFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 71
behandelte (lUfarar saga Haralds Jcommgs) wurde von dem Isländer
HalldöiT Snorrason, des königs begieiter, im hause des Eiuarr pamba-
skelfir,^) und von einem andern Isländer namens |)orsteinn fröSi sogar
vor dem genannten könige selbst erzählt.^) Da lässt sich denn doch
nicht annehmen, dass unter derartigen sagen „nach form und Inhalt"
bestimmt festgestellte erzählungen zu verstehen seien ; vielmehr kann man
wol nur an der form nach völlig ungebundene erzählungen denken , welche
jeder einzelne beliebig in der ihm zusagenden form vortrug, wogegen
natürlich dem Inhalte nach alle erzählungen, welche denselben gegen-
ständ betrafen, eben darum auch eine gewisse ähulichkeit mit einander
zeigen musten. Gerade jeuer Halldörr, welcher könig Haralds reise-
sage in Einars haus erzählt haben soll, brachte nach der Ileimshrlngla
zuerst die nachricht über dessen fahrten nach Island,^) und auch J)or-
steinn antwortet auf des königs frage, woher er über diese so genauen
bescheid wisse, dass er eben diesen Halldörr jähr für jähr am aUding
davon habe erzählen hören; wer wollte aber glauben, dass Halldörr , der
uns überall als ein rauher kriegsmann derbsten Schlages geschildert Avird,^)
sich damit befasst habe, eine kunstgerecht stylisierte sage zusammenzu-
setzen, und diese dann jähr für jähr am alldinge herzusagen, bis sie
endlicli porsteiun stück für stück auswendig gelernt hatte ? Der umstand
aber , auf welchen Keyser so ungemein viel gewicht legt , dass wir näm-
lich von den wenigsten älteren Schriftwerken die Verfasser kennen, und
dass somit die altnordische litteratur , und zumal sagenlitteratur grösten-
teils eine namenlose sei, dürfte denn doch eine ganz andere als die von
ihm nach dem vorgange von Möbius^) versuchte erklärung fordern und
zulassen. Wir wissen, dass die um das jähr 965 entstandenen HdJcon-
arnial von Eyvindur skäldaspillir gedichtet wurden, während der dich-
ter der um höchstens zwei Jahrzehnte älteren und ungleich kraftvolleren
Eiriksmdl uns unbekannt ist; und doch wurde auch dieses letztere lied
auf bestellung gemacht, und war somit auch seinerseits ganz gewiss
kein unmittelbares erzeugnis des „volksgeistes." Wir kennen den Ari
I)orgilsson als den Verfasser der Islendingabök ; aber der Verfasser des
um 70 — 80 jähre jüngeren Königsspiegels, oder des diesem ungefähr
gleiclizeitigen AneMoton Sverreri wird uns nirgends genannt, während
doch beide werke viel zu sehr den Stempel einer scharf ausgeprägten
1) Flhk., III, s. 428 — 29.
2) FMS., VI, cap. 99 , s. 355 — 56; den uaiueii des erzählers iieimt nur die
Morhinskinna.
3) Haralds s. harördda, cap. 9, s. 63.
4) vgl. seine personalbeschroibimg in den FMS., VI, cap. 46, s. 250.
5) a. a. 0., s. 13— 14.
72 MAüRER
verfasserindividualität imd den character von gelegenheitsschriften an sich
tragen, als dass wir in ilmen nur aufzeichnungen alter volkstraditionen
erkennen könnten. Oddur Snorrason wird uns als der Verfasser der
legendarisclien biographie des königs Olaf Tryggvason genannt; den Ver-
fasser der legendarisclien Olafs s. Jims lielga kennen wir dagegen nicht?
und docli sind beide werke offenbar ganz gleichen Schlages und ihrem
grundstocke nach ziemlich gleichzeitig entstanden. Widerum erfahren
wir, dass Bjarni Maröarson der Verfasser jener wergeldstabelle war,
welche den Gulaphigslöy angehängt ist; verschwiegen bleibt uns dage-
gen, von wem dieses rechtsbuch selber herrühre, wälirend doch die
gleichzeitige berücksichtiguug älterer und neuerer bestimmungen in dem-
selben und die hervorhebung ihrer widerspräche auch bezüglich seiner
auf einen in sehr individueller weise arbeitenden Verfasser schliessen
lässt. U. dgl. m. Man sieht, Zufälligkeiten sind hier unverkennbar mit
im spiele; im übrigen aber ist denn doch klar, dass in einer zeit, in
welcher die litterarische Wirksamkeit, zumal beim gebrauche einer nur
wenig verbreiteten spräche , nothwendig auf ziemlich enge kreise beschränkt
bleiben muste, für den Verfasser selbst nur wenig grund vorlag, sich
ausdrücklich als solchen 7AI nennen, oder auch nur, wie diess ja ebenfalls
vorkam, in versteckterer weise als solchen zu bezeichnen, selbst wenn
ihn nicht die eigene bescheidenheit , oder andere mehr zufällige gründe
zur wähl der anonymität bestimten,^) — klar überdiess auch, dass bei
dem vorzugsweisen gewichte, welches man der samlung eines möglichst
vollständigen Stoffes, und bei dem geringen werthe, welchen man dem
gegenüber (bei prosawerken) der form seiner Verarbeitung beizulegen
pflegte, die einzelnen werke durch fortwährende einschiebsei, zusätze,
anhänge , oder auch Veränderung ihrer anordnung und einteilung zumeist
rasch ihre ursprüngliche gestalt einbüssen musten, wobei dann der name
des ursprünglichen Verfassers leicht selbst da in Vergessenheit gerathen
mochte, wo derselbe sich genannt, oder wo man ihn doch anderweitig
gekannt hatte. Nicht darum also sind uns die Verfasser so mancher
werke unbekannt geblieben, weil sie sich selbst nicht als deren urheber,
sondern nur als die aufzeichner einer schon längst vor ihnen existieren-
den arbeit betrachteten, sondern aus dem ganz anderen gründe, weil
dieselben aus bescheidenheit oder aus anderen gründen es nicht für der
mühe werth hielten , sich selber zu nennen , oder auch weil ihr name
bei widerholter Überarbeitung ihrer werke, wo er genannt gewesen war,
oft ausfiel , und wo diess nicht der fall gewesen war , oft ungenannt blieb,
1) Avie das letztere z. b. nach s. 3 des Königsspiegels bei dessen Verfasser der
fall war.
DIE KORWEG. AUFFASS. D. NOED. LIT.- GESCH. 73
wenn nicht etwa gar das überarbeitete werk als ein selbständiges und
neues weiter lief, ohne auch nur der von dem Überarbeiter benützten
vorlagen zu gedenken. Endlich geht es auch nicht an, den unvoUkomm-
neren und mehr fragmentarischen Charakter, welchen die eine ältere zeit
behandelnden sagen im vergleiche mit den eine spätere behandelnden
zeigen, "vvie unser Verfasser will (s. 417), auf die allmälige entwicklung
der sagenkunst von einer niedrigeren zu einer hölieren stufe zurückzufüh-
ren. Ich wenigstens kann mir die mündliche Überlieferung der vorzeit
unmöglich so vollkommen schulgerecht discipliniert vorstellen, dass jede
tradition nicht nur in festgeschlossener form zur weit gekommen, son-
dern aucli in dieser Jahrhunderte lang ohne alle änderung weitergetragen
worden wäre, unberührt durch jeden einfluss der steigenden bildung und
des wechselnden geschmackes ; glücklicherweise bietet sich mir aber auch
sofort eine ganz andere und ungleich einfachere erklärung für jene Ver-
schiedenheit im Charakter der verschiedenen sagen dar. Es ist oben
bereits darauf aufmerksam gemacht worden, dass selbst das geübteste
gedächtnis doch nur eine gewisse masse von stoflf bewältigen könne , und
dass somit, wenn im laufe der zeiten demselben sich mehr und mehr
neue Überlieferungen aufdrängei^, dafür ältere in entsprechendem masse
fallen gelassen werden müssen , so lange nicht die schrift der mündlichen
tradition zu hilfe kommt. Eine unausbleibliche folge dieser thatsache
ist nun aber die, dass die erinnerung an die der zeit nach näheren
begebenheiten stets eine frischere , genauere und zumal auch detailliertere
sein wird als die an weiter zurückliegende Vorgänge, und wenn zwar
die hervorragendere bedeutsamkeit oder die eindringlichere erscheinungs-
form einzelner thatsachen von dieser regel einzelne ausnahmen begrün-
den mögen, so sind doch auch diese ausnahmen wider an gewisse, nur
etwas weiter gezogene schranken gebunden. Nicht eine allmälige Stei-
gerung der sagenkunst liegt also der grösseren Vollständigkeit der auf die
späteren zeiten bezüglichen sagen zu gründe, sondern umgekehrt eine
allmälige abschwächung der erinnerung an die entlegeneren zeiten, ver-
möge deren der spätere geschichtschreiber sich auf ein um so dürftige-
res raaterial beschränkt sah, je weiter er mit seiner forschung in die
vorzeit zurückzugreifen suchte. — Die form freilich der sagenschreibung
ist unzweifelhaft durch den gebrauch des mündlichen Vortrags bestimmt;
hieraus aber folgt doch nur, dass der gewohnheit, sagen zu schreiben,
die gewohnheit, sagen zu erzählen, vorhergegangen ist, und dass die
durch die letztere grossgezogene darstellungsform auf die erstere sich
hinübervererbte , aber in alle weite nicht , dass jede emzelne sage bereits
ganz ebenso mündlich erzählt Avorden war , wie sie später nidergeschrie-
ben wurde, und dass, wie Keyser annimmt (s. 415), der zusammensetzer
74 M AUEER
der einzelnen sage der regel nacli eine ganz andere person Avar als deren
Schreiber. Setzt doch aucli die eiukleidnng eines romans in die form
von l)riefen den gebrauch des briefschreibens , und das schreiben einer
hauspostillc den gebrauch des predigens voraus, ohne dass doch irgend
jemand hieraus Avird folgern wollen, dass jene romanbriefe sofort auch
nur getreue abschriften wirklicli geschilobener briefe , und diese postillen-
predigten genaue copien Avirklich gehaltener predigten sein müsten!
Allerdings will unser Verfasser (s. 418) auch noch aus dem anderen
umstände auf die abhängigkeit der sagenschreibuug von der mündlichen
tradition schliesen, dass sich, wo immer uns mehrfache bearbeitungen
eines und desselben Stoffes erhalten sind, unter diesen regelmässig sehr
auffällige Übereinstimmungen neben nicht minder auffälligen abweichun-
gen vorzufinden pflegen. Aber dergleichen deutet meines erachtens eben
doch nur darauf hin, dass von diesen mehrfachen bearbeitungen entweder
eine die andere benützt, oder dass beide mittelbar oder unmittelbar
gleichmässig aus einer dritten quelle geschöpft haben; ob aber letzteren-
falls diese ältere quelle eine mündliche oder schriftliche gewesen sei;, ist
damit noch keineswegs gesagt. Für nicht wenige fälle lässt sich nach-
weisen, dass es eine schriftliche und nicht eine mündliche quelle war,
welche benützt wurde. Wenn z. b. eine reihe von stellen unserer Islend-
ingahöh in der Landndma ganz gleichmässig widerkehrt, so erklärt sich
dies einfach daraus, dass die ältere, uns verlorene redaction jener erste-
ren, Avie uns die Haulisböh andeutet, zugleich die erste grundlage die-
ser letzteren gebildet hat. Wenn die FagursJcimia , §. 188, s. 126 — 27,
und die Heimskringla , Haralds s. harcirdda, cap, 36, s. 95 — 96, mit
fast gleichlautenden Avorten über könig Haralds persönlichkeit und seine
beziehungen zu Island sich aussprechen, so ist diess ebenso gut aus der
gemeinsamen benützung eines älteren geschichtswerkes zu erklären , als
die widerkehr derselben werte in den FMS., VI, cap. 54, s. 265 — 66,
und der FlhL, III, s. 343 — 44, auf eine benützung der Heimskringla,
oder ihrer vorläge zurückweist. Wenn im Agrip , cap. 17, s. 394 — 95,
dann bei Tlieodoricli , cap. 14, s. 322, eine fromme floskel über könig
Olaf Tryggvason's tod fast Avörtlich ebenso widerkehrt, Avie bei Oddur,
cap. 60, s. 60 (ed. Munch), so lässt sich auch dies nur aus der benützung
dieses letzteren Schriftwerkes für die beiden ersteren erklären. Die
massenhaften Übereinstimmungen, Avelche sich zwischen den späteren
abschnitten der Heimsliringla, der FagursJclnna, des Agrip und einiger
in deni^JfÄ, VII, gedruckten sagen ergeben, deuten auf dB,s Hrgggjar-
styhlci Eirihs als die gemeinsam benützte quelle, u. dgl. m. Lässt sich
docli auch die Aviderholte aufut^dime verschiedener Versionen einer und
derselben erzählung in ein und dasselbe schiiftwerk, ohne dass die iden-
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 75
tität des zu gründe liegenden Vorganges von dessen Verfasser erkannt
worden wäre, nur aus einem gedankenlosen absclireiben älterer bttcher,
nicht aus einem combinieren verschiedener mündlicher erzählungen erklä-
ren; die letzteren, die der Schreiber doch unmöglich alle zu gleicher
zeit vor sich haben konnte, hätten sich unwillkürlich in dessen köpfe
ausgleichen müssen.^) Umgekehrt können wir in einigen wenigen fällen
nachweisen, dass trotz der benützung derselben mündlichen Überlieferun-
gen seitens verschiedener Schriftwerke in diesen dennoch sehr verschie-
dene darstellungen der betreffenden Vorgänge sich vorgetragen finden.
So ruft z. b. die Fagtirsl-inna, §.61, s. 49, das zeugnis einiger in der
Jömsvikingaschlacht mitkämpfender Isländer an, welche die künde von
derselben mit heimgebracht hätten , und sie nennt den Vigfüs Vigaglüms-
son, die brüder Skümr und I)6rÖr örvhönd, des porkell auögi söhne,
und in der einen ihrer handschriften auch noch den Tindr Hallkelsson ;
die JömsviMnga s., cap. 42, s. 127 — 30, und cap. 49, s. 158, beruft
sich ihrerseits ebenfalls anf die ersteren drei männer, denen sie nur
noch den Einarr skälagiam, wie es scheint irrtümlich, beifügt, während
den Tind ebenfalls wider nur eine ihrer recensionen nennt. Aber trotz
dessen geht die darstellung der schlacht in beiden quellen weit ausein-
ander, natürlich nicht, wie unser Verfasser wunderlich genug annehmen
will (s. 421 — 22), weil die FagursMnna die norwegische, die Jömsvi-
Mnga s. dagegen die isländische tradition über dieselbe enthielt , sondern
Aveil trotz der gleichheit der in letzter Instanz benützten gewährsmänner
1) Auch liiefür ein paar beispiele. Oddur erzcählt, cap. 28, s. 31, dieselbe
gescliiclitc von einem gewissen Hroaldur zu Goöey, welche er, cap. 42, s. 42, von
einem gleichnamigen manne im Moldafjöröur berichtet. Die legendarische Olafs s.
enshelga erzählt einen Vorfall, der sich zwischen könig Olaf und dem isländischen dich-
ter Gizurr svarti begeben haben sollte, in cap. 90, s. 67 zum zweiten male, nachdem
sie ihn in cap. 85 , s. 64 , bereits mit nur wenig veränderten umständen erzählt gehabt
hatte. In die kurze erzählung , welche die älteren fragmente dieser sage , cap. 75,
s. 95, und mit ihnen übereinstimmend die Fagurskinna , §. 107, s. 88, über könig
Olafs flucht aus dem Slj^gsfjöröur in die hochlande geben, schiebt deren haupthand-
sclirift, cap. 71, s. 55 — cap, 75, s. 58, ein langes stück ein, welches augenschein-
lich mit einer bereits in cap. 33 — 39, s. 23 — 28 eingestellten erzählung zusammen-
hängt, und das eben erst erzählte verlassen der schiffe zum zweiten male berichtet.
Die jüngeren handschriften der He'msliringla erzählen in der 3Iugnms s. bcrfcetta,
cap. 15 — 16, s. 216 — 19, von einer doppelten schlecht bei Foxerni, und ihnen folgt
die Krukliinskinna und das jüngere Hryygjarstyklci, VMS., VII, cap. 27 — 28,
s. 55— 59; dem gegenüber weiss aber die Fagurskinna , §.237, s. 156 — 57, der von
der MorkinskiiiHd benützte text und die älteste handsclu-ift der Ifeiinskrüigla , die
sogenannte Kringla , nur von einer einzigen schlacht bei dem genannten orte, wäh-
rend das Ägrip, cap. 42, s. 413, und Theodorich, cap. 31, s. 338 — 39 noch weiter
abliegen. U. dgl. m.
76 MAUEER
die von iliiieu gleiclimässig herstanunende Überlieferung im munde ver-
schiedener erzähler ein sehr verschiedenes aussehen gewonnen , oder auch
weil die Verfasser der beiden schriftlichen aufzeichnungen beim wider-
geben der gehörten erzählungen sich ziemliche willkürlichkeiten erlaubt
hatten. Uebereiiistimmungen in der wortfassung deuten demnach, (von
Versen natürlich immer abgesehen) wo sie nicht rein zufällig sind, auf
die benützung schriftlicher quellen; die benützung gemeinsamer münd-
licher traditionen dagegen führt nicht nur nicht zu solchen, sondern sie
gestattet sogar immer noch ein weites auseinandergehen sogar in bezug
auf den Inhalt der erzähluug. Endlich aber möchte ich auch darauf noch
aufmerksam machen, dass schon der umfang der meisten unserer sagen
jede möglichkeit ausschliesst , dass dieselben jemals so wie sie uns vor-
liegen mündlich vorgetragen worden sein könnten. Au könig Haralds
reisesage erzählte J)orsteinn die vollen 13 abende des julfestes, und doch
beträgt der ihr gewidmete theil der Haralds s. harSrdÖa in der Fagur-
skinna nur wenig über ^4, in der Heimshringla aber und den FMS. gar
nur knapp ^e <l6i' ganzen sage; wer wollte nun kraft und geduld zum
erzählen und hören des ganzen haben? Es wii'd wohl ein hoffnungs-
loses unternehmen genannt werden müssen, wie Möbius diess an der
Vigaglüms s. versucht hat, auszuscheiden, in wie vielen und in welchen
stücken jede einzelne sage zum gegenstände von erzählungen gemacht
worden sein möge, und wird wol je nach der lust und gelegenheit des
orts und der personen bald mehr, bald weniger, bald so, bald anders
erzählt worden sein; aber so viel steht denn doch fest, dass sagen wie
die Njdia oder LaxdcEla, die Olafs, s. helga oder Olafs s. Tryggvasonar
unmöglich zu irgend einer zeit so erzählt worden sein können, wie sie
schriftlich auf uns gekommen sind. — Zum Schlüsse habe ich noch
einen blick auf die Stellung zu werfen, welche die Isländer im gegen-
satze zu den Norwegern in bezug auf die sagenschreibung einnahmen,
welcher punkt im bisherigen ziemlich ausser äugen gelassen werden
muste. Da ist nun zunächst so viel vollkommen klar, dass die ganze
masse der Islendmga sögur , die kirchlichen mit eingeschlossen, lediglich
ein erzeugnis isländischen fleisses gewesen sein kann. Was hätte norwe-
gische Verfasser bestimmen können, sich mit der geschichte der für sie
sehr wenig bedeutsamen insel zu befassen, und wie hätten sie überdiess
zu jener detaillirten lokal- und personalkenntnis in isländischen dingen
kommen können, welche in allen jenen sagenwerken sich ausspricht?
Will man nicht etwa das ehrenlied hierher ziehen, welches Eyvindm*
skäldaspillir auf die Isländer dichtete, oder mit unserem Verfasser (s. 466)
den ritter Hauk Erlendsson aus einem Isländer zu einem Norweger
DIE NOEWEG. AÜPPASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 77
machen, 1) so findet sich in der that nirgends eine spur davon, dass
man sich in Norwegen mit der geschichte der insel beschäftigt hätte.
Aber au(ih bezüglich der Noregshonünga sögur steht die sache meines
erachtens nicht anders, was auch miser Verfasser dagegen auszufüliren
sucht. Durch fast alle diese sagen zieht sich eine ganz vorzugsweise
berttcksichtigung der geschicke isländischer männer hindurch, welche
irgendwie mit dem norwegischen hofe in berührung kamen, und zwar
handelt es sich dabei ganz und gar nicht blos, wie Keyser die sache
darstellt (s. 413), um episoden, bezüglich deren eine spätere einschaltung
in eine ältere sage angenommen werden könnte, sondern oft genug um
notizen, die in den ganzen gang der erzählung so fest verwebt sind,
dass sie augenscheinlich mit zu deren ursprünglichem bestände gehört
haben müssen. Ebenso ist es zu viel gesagt, wenn Keyser behauptet
(s. 413), die anschauungen und urteile über begebenheiten und perso-
nen in den betreffenden sagen seien stets die des norwegischen Volkes,
nicht die der Isländer. Allerdings wird in der regel der fremde nicht
nur dann, wenn er im auslande dienst nimmt oder sonst sich einbür-
gert, die auffassung der eingeborenen über die dortigen Verhältnisse sich
aneignen, sondern auch bei kürzerem aufenthalte seine beurteiluug der-
selben wesentlich durch das urteil und die Stimmung der eingeborenen
bestimmen lassen , und insoweit werden denn auch die isländischen sagen-
schreiber ilire königssagen gutentheils mit Zuhilfenahme norwegischer
brillen geschrieben haben. Aber ganz anders stellt sich die sache, so
wie ausnahmsweise Specialinteressen Islands in frage kommen, oder auch
nur in solchen Interessen begründete speciell isländische Sympathien und
antipathien; in solchen fällen macht sich regelmässig sofort der speci-
fisch isländische Standpunkt geltend, der möglicher weise von dem nor-
wegischen weit genug abliegen kann. So vergisst Aveder die Fagur-
skinna noch irgend eine der anderen bearbeitungeu dev Haralds s. harS-
rdSa gelegentlich der Charakteristik dieses königs zu erwähnen, dass
und warum er der Isländer besonderer freund gewesen sei, und welche
wohlthaten er ihrem lande erwiesen habe. Die verschiedenen bearbeitun-
geu der Hdkonar s. herÖihreWs versäumen weder das lob einzuregistrie-
ren , welches Gregorius Dagsson der isländischen tapferkeit erteilte , noch
auch ausdrücklich hervorzuheben, dass seit dem tode des königs Eysteinn
Magnüsson kern norwegischer häuptling den Isländern so freundlich gesinnt
gewesen sei wie er. 2) Wenn der Isländer pörälfur sterki als der einzige mann
1) vgl. hierüber Jon porkclsson, Nolckur hlöö ür Ilaukshök, s. III— VI.
2) Heimslcr., cap. 3 und 14, s. 380 und 39«; FMS., VII, cap. 3 und 15,
s. 254 und 273. Die Fagwskimia ist liier defect.
78 MAURER
gerüliint wird, welcher sich an kraft mit könig Häkon Aöalsteiusföstri habe
messen können/) so war diess sicherlich ein isländisches mid kein norwegi-
sches urteil, u. dgl. m. Widerholt wird ferner in diesen sagen darauf hin-
gewiesen, dass diese oder jene personen die erste künde von den erzählten
Vorgängen nach Island gebracht hätten , und der prolog zur geschichtlichen
Olafs s. ens heJga entschuldigt an seinem Schlüsse das öftere besprechen
isländischer mänuer in der sage sogar ausdrücklich damit , dass es Islän-
der gewesen seien, welche als äugen- und ohrenzeugen der betreffenden
Vorgänge die nachricht von denselben heimgebracht hätten, Avelche sich
dann von ihnen aus weiter verbreitet habe; wofür das, wenn der sageu-
schreiber selber ein Norweger und aus norwegischer Überlieferung zu
schöpfen im stände gewesen wäre? Die nicht unbedeutende lokalkennt-
nis aber, welche die meisten der hierhergehörigeu sagen, (nicht alle und
nicht in allen punkten !) m bezug auf Norwegen zeigen , kann nicht auffallen,
wenn wir bedenken, welche grosse zahl von Isländern sich fortwährend
in Norwegen aufhielt, und welche gute gelegeuheit diese, mochten sie
nun als kaufleute oder als hofdichter und dieustleute des königs im lande
sein, haben niusten , um mit diesem genaue bekanntschaft zu machen.^)
Von geradezu ausschlag gebendem gewichte sind endlich die oben bereits
besprochenen äusserungen des mönches Theodorich. Nicht nur das geht
nämlich aus seinen werten unzweifelhaft hervor, dass zu seiner zeit noch
kein eigentliches werk über die einheimische geschichte in Norwegen
geschrieben war, sondern auch dafür macht seine stete berufimg auf die
Isländer als die oberste autorität in fragen der norwegischen geschichte,
sowie seine fleissige benützung der bereits vorhandenen isländischen
geschichtsbücher vollen ))eweis, dass zu seiner zeit sogar die mündliche
Überlieferung hinsichtlich der älteren einheimischen geschichte in Norwe-
gen bereits so gut wie gänzlich erloschen war. Vergeblich müht sich
unser Verfasser (s. 407 — 8 und 443 — 45) ab , den werth dieser äusse-
rungen Theodorichs herunterzusetzen; vergeblich kommt er immer und
immer wieder auf seine lieblingstheorie zurück , vermöge deren z. b. Snor-
ris Ynylinga s. „in der hauptsache" ein werk des pjööölfur hviuverski
sein soll, da die kurzen angaben seines liedes „ unzw^eifelhaft " von einer
ausführlicheren prosaischen erzählung begleitet gewesen seien, welche
„offenbar" die grün dlage jener sage gebildet habe (s. 420 — 21), — ver-
möge deren ferner die lebensbeschreibungen der beiden Olafe „mit vol-
1) Heimskr., Häkonar s. gööa , cap. 30, s. 157; Fac/urskinna §.25, s. 14;
jüngere Olafs s. Tryggvusonar , cap. 28 {FMS., \, s. 43 imd Flhk., I, s. 60).
2) Unter könig Magnus berfietti z. b. sollen einmal hi Niöarös allein gleich-
zeitig 3G0 Isländer gewesen seiii ; FMS. , VII , cap. 16 , s. 32 , und Gimnlaiujs Jons s.
heJga, cap. 9, s. 221.
DIE NOKWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 79
lern rechte" wesentlich als ein werk jenes |)orgeirr afräöskollur sollen
gelten können (s. 425), ii. dgi, m. Sicherlich hätte Theodorich, der sich
ja au mehrfachen stellen seines werkes als ein geborener Norweger zu
erkennen gibt, das einziehen mündlicher nachrichten bei einheimischen
sagamännern nicht versclimäht, Avenn es zu seiner zeit solche in Nor-
wegen gegeben hätte, und sicherlich lieber bei seinen laudsleuten sich
raths erholt als bei fremden, wenn nur bei jenen dieselben aufschlüsse
wie bei diesen zu finden gewesen wären. Es kann auch gar nicht schwer
halten, den grund dieses frühen erlöschens der tradition in Norwegen
aufzufinden. Er liegt üi der unruhigen zeit, welche bereits durch die
kriege des heiKgen Olafs , des guten Magnus und des harten Haralds,
dann wider durch die fortwälnenden heerfahrten des baarfüssigen
Magnus, zuletzt aber, und am durchgreifendsten, durch die langwierigen
bürgerkriege über das land gekommen war, welche mit könig SigurÖs
des Jerusalemfahrers tod los])rachen; ganz wie vordem die von könig
Harald hilrfagri bewdrkte staatliche revolution haben auch diese ewigen
kämpfe den Zusammenhang der gegenwart mit der Vergangenheit gelockert,
den blick von der letzteren abgezogen und eben damit auch die erin-
nerung an dieselbe ausgehen lassen. Aber mit der gescliiclitlichen Über-
lieferung der vergangenlieit scheint auch die neigung und befähigung zur
beschäftigung mit der Zeitgeschichte ertödtet worden zu sein , und wenn ich
kein einziges werk über die ältere einheimische geschichte nachzuweisen
vermag, welches in Norwegen in der landessprache geschrieben worden
wäre , ^) so steht die sache für die spätere zeit um nichts besser ; noch in
der zweiten hälfte des 13. Jahrhunderts wante sich könig Magnus laga-
bcetir an den Isländer Sturla J)örÖarson, um seine eigene und seines
Vaters lebensgeschichte schreiben zu lassen,^) und die königssagen, wel-
che könig Häkon gamli airf seinem todbette sich vorlesen Hess, waren
die Sverris s. und die ebenfalls von isländischer liand geschriebene
FagursJdnna. ^)
Ich übergehe die nicht geschicli fliehen sagen, da bezüglich
ihrer entstehungszeit und herkunft der einzelneu aufzeichnungen ungleich
1) Eine scheinbare ausnalime Lüdet die legeudarisclie Ohtfs s. cns helfja , wie
sie in unserer hauptliandschrift vorliegt; aber sie ist eine höchst rohe conipihition
aus älteren niaterialien , die, wie die noch erhaltenen menibranfragmente zeigen,
isländischen Ursprungs waren, und kann somit kaum als ein selbständiges werk in
betracht kommen , gesetzt auch , dass ihr zusammensetzer ebenso ein Norweger war
wie ihr Schreiber.
2) Stmiämja, X, cap. 17 und 18, s. 306.
3) Flhk. , III , s. 220 und 230. Bezüglich der FafiursJcinna lässt die angäbe
über den titel und die begreuzunir des vorgelesenen werkes kainii einen zweit'el.
80 MAURER
schwerer festzustellen ist, und bemerke nur im vorbeigehen, dass wenn
einmal der isländische priester Ingimundur Einarsson als ein tüchtiger
sao-enmann gerühmt und von ihm erzählt wird, wie er im jähre 1119 bei
einem gastmalile die sage von Ormur Bäreyjarskäld erzählt habe, sofort
auch beigefügt wird, dass er am ende der sage ein von ihm selber
gedichtetes lied habe folgen lassen, — dass ferner, wenn bei derselben
gelegenheit ein anderer tüchtiger erzähler, der bauer Hrölfur von Skälm-
arnes, die sage von Hröniundur Greypsson zum besten gab, dabei aus-
drücklich bemerkt wird, dass er dieselbe selber zusammengesetzt habe;^)
wenn dabei erzählt wird, dass dieselbe sage auch dem köuig Sverrir
vorgetragen worden sei , und wenn uns noch eine Saga af Hrönmndi
Greypssyni erhalten ist , so ist damit doch noch keineswegs gesagt , dass
beide mit der von Hrölf erzählten mehr als den Inhalt geraein gehabt
haben, und von der uns vorliegenden ist diess sogar höchst unwahr-
scheinlich,^) so dass auch von hier aus auf ein dauerndes fortleben münd-
lich überlieferter sagen in bestimmt ausgeprägter form nichts zu schlie-
ssen ist. Ebenso unterlasse ich es, auf die sonstigen zweige der
litte rat ur einzugehen, deren erzeugnisse ohnehin an zahl wie bedeutmig
ungleich geringer sind, während dieselbe Schwierigkeit einer sicheren
bestimmung von ort und zeit ihrer entstehung auch bei ihnen widerzu-
kehren pflegt. Ich beschränke mich lediglich auf die bemerkung, dass
wir auch bezüglich ihrer zu der annähme berechtigt sind, dass die islän-
dische litteratur ein ähnliches übergewicht über die norwegische und eine
ähnliche Unabhängigkeit von dieser behauptet haben werde wie bezüglich
der bisher erörterten litteraturgattungen. Keyser freilich nimmt auch hier
1) Sturlünga, I, cap. 6, s. 9 und cap. 13, s. 23.
2) Da P. E. Müller, Sagab., 11, s. 555 — 56, das gegenteil annimmt, und auch
sonst vielfach auf die Hrömundar s. ein besonderer wertli gelegt Avird, bemerke ich
folgendes. Keine liandscbrift der sage reicht meines wissens über das ende des
17. Jahrhunderts hinauf (vgl. Ariviclsson, FörtecTcning , s. 92, und F.A.S., II,
s. Xn — XIII) , und deren text zeigt worte , die kaum in ächten quellen vorkommen,
(z. b. soddan, d. h. dänisch: saadan , cap. 3, s. 868, und cap. 4, s. 370; sMlTcr als
Scheltwort , cap. 4 , s. 370 , was in norwegischen gesetzen und Urkunden erst seit dem
14. Jahrhundert, offenbar nach deutschem muster, vorkommt); derselbe ist übel in
sich zusammenhängend und bezeichnet weder den Hrauugviö als berserk, noch den
Olaf als liösmanna konüug , wie diess die Starlünga thut, wogegen sich letztere
bezeichnung in der Grims s. lodinlcmna , cap. 2 , s. 154 widerfindet. Die angäbe der
art, wie präinn in cap. 4, s. 371 seiner begegnung mit Sieming erwähnt, stimmt nicht
zu dem, was die Hervarar s. , cap; 3, s. 416, über diese sagt, und Sajmingur wird
hier anders bezeichnet als dort; die namen des vaters und der Schwestern köuig Olafs
werden in der Göngu- Hrölfs s. , cap. 38, s. 362—63, anders angegeben als in
unserer sage, obwol jene sich aiif die Hrömundar s. Gi'eypssonar ausdi'ücklich bezieht,
u. dgl. m.
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 81
wider das gegentheil an; aber er inaclit es sich leicht mit seiner beweis-
führung. Soweit nur irgend möglich vindiciert er den einzelnen von ihm
besprochenen werken unmittelbaren norwegischen Ursprung, und zwar
nicht blos solchen, bei welchen wirklich gewichtige gründe für denselben
sprechen, wie dies z. b. heim. Königsspiegel und ÄneMoton Sverreri der
fall ist ; geht aber diess nicht an , so muss wider die schon so oft bespro-
chene theorie herhalten, wonach die isländische litteratur eigentlich nur
aus aufzeichnungen altnorwegischer Volksüberlieferungen bestehen soll.
Sogar Giilfaginning , das erste stück in der jüngeren Edda soll „ein in
mündlicher Überlieferung aufbewahrtes giaubenssystem aus dem heiden-
tum selbst, eine systematische Zusammenstellung der lehrsätze des asa-
glauben" enthalten,^ ,, wie diese in ungebundener rede zur erklärung und
Vervollständigung der uralten glaubeusgedichte vorgetragen wurden"
(s. 70; vgl. s. 107 — 8)^), und wenn die IsIencUngahök, cap. 4, von einer
Verbesserung des kalenders erzählt, die auf Island im laufe des 10, Jahr-
hunderts durch |)orsteinn surtur durchgeführt worden sei, so soll auch
diese , freilich mit der litteratur in keiner directen beziehung stehende
entdeckung eigentlich nur eine widerbelebung in Vergessenheit gerathe-
nen altnorwegischen wissens gewesen sein! (s. 562 — 63). Zu so verzwei-
felten auskunftsmitteln zu greifen, ist nicht jedermanns sacho; wer sich
aber dazu nicht entschliessen will oder kann, dem bleibt meines orach-
tens in der that nichts anderes übrig, als das Zugeständnis, dass das
isländische volk, wenn es auch seine spräche und melrik, die form sei-
ner sagenerzählung und zum theil auch die sagenstoflfe wie den rechts-
stoff" ihren grundzügen nach aus der alten heimat in Norwegen mit
herübergenommen hatte , doch alle diese keime erst seinerseits und durch-
aus selbständig entfaltet und litterarisch verwerthet habe, während man
in Norwegen in der zeit, da eine einheimische litteratm- auf Island sich
zu bilden begann, an deren entwicklung sich noch gar nicht, und auch
in der späteren zeit nur in sehr geringem umfange betheiligte. Höchst
charakteristisch ist in der letzteren beziehung, dass man in dem letz-
teren lande selbst zu der litterarisch thätigsten zeit von dem eigentlichen
nationalen geistesleben sich durchaus abwendete, um nach fremdländi-
schen Stoffen und mustern zu greifen. Die altherkömmliche dichtkunst
überliess man isländischen skälden, und selbst die abfassung norwegischer
königsgeschichten übertrug man sagenkundigen Isländern, um höchstens
ein paar unumgängliche rechtsbücher , ein paar kirchliche erbauungs-
1) Wegen der liier nochmals aut'f^'ewärmten bezugnahnie auf Arngrimur hcröi
und dessen berufung auf ,,nostra nionunienta," in welchen Sdnimnäur fröüi als der
erste Verfasser der Snorra-Edda , vgl. meinen artikel über die Gräfjäs, s. 98,
Anni. 86.
ZEITSCHH. F. DKUTSCHi: PUILOL. Q
82 MAURER
Schriften, diu nicht minder zum täglichen bedarfe gehörten, dann etwa
ein paar kirchenstaatsrechtliche streit- und gelegenheitsschriften selber
zu verfassen, soweit man sich nicht etwa auch dabei wider der hilfe
isländischer männer bediente; aufs eifrigste dagegen war man bestrebt,
allerlei ritterromane und legenden aus fremden sprachen in die einhei-
mische zu übersetzen, oder auch fremde sagenstoffe in einheimischer
spräche zusammenzustellen und zu bearbeiten. Allerdings benützte man
auch zu solchen Übersetzungen hin und wider isländische hilfsarbeiter,
wie denn z. b. Brandur Jönsson, der spätere bischof von Hölar , im auf-
trage des königs Magnus lagabsetir sowol die Alexandreis des Philippe
Gautier, als auch eine reihe von stücken der Vulgata aus dem lateini-.
sehen übersetzte ; der regel nach scheint man sich aber norwegischer federn
bedient zu haben, und jedenfalls war der geschmack au derartiger litte-
ratur lediglich dem norwegischen hofe eigen, während man auf Island
noch lange an den nationalen Stoffen festhielt , und erst spät der gleichen
ausländischen mode sich anbequemte. So liess könig Häkon der alte die
Ivents s. und die Luis der Marie de France aus dem französischen über-
setzen, und die Duggdlsleida aus dem lateinischen; für ihn übersetzte
der mönch und spätere abt Robert die sag a af Tristram oklsodd, sowie
die EUs s. , und unter seiner regierung scheinen auch die sagen über
Dietrich von Bern und seine genossen auf grund von erzählungen han-
sischer kaufleute zusammengestellt worden zu sein, deren rohe bearbei-
tung mich eher aut einen norwegischen als isländischen arbeiter schliessen
lässt. Die Barlaams s. oh Josaphats soll könig Häkon der junge selber
übersetzt haben, und ist darunter doch wohl eher könig Häkons des
alten gleichnamiger söhn (gest. 1257), als könig Häkon Sverrissou zu
verstehen (1202 — 4). König Magnus lagabsetir (1263 — 80) liess, wie
bemerkt, die Alexanders s. und die GyHnga sögur übersetzen. Unter
könig Eirikur Magnüsson (1280 — 99) soll Herr Bjarni Erlingsson einen
abschnitt der Karlamagnus s. aus dem englischen haben übersetzen las-
sen, und auch die Übersetzung der Blömsturvalla s. aus dem deutscheu
wird , wiewol fälschlich , auf denselben herrn zurückgeführt. König Häkon
Magnüsson endlich (1299 — 1319) liess einerseits eine biblische geschichte
und eine samlung von heiligenlegenden auf grund lateinischer vorlagen
bearbeiten, andererseits aber auch eine reihe von ritterromaueu aus dem
französischen und griechischen übersetzen. U. dgl. m. Diese unnationale
richtung des litterarischen geschmackes in Norwegen lässt sich übrigens
leicht erklären. Sie beruht einesteils auf dem bereits erwähnten umstände,
dass eine nationale litteratur, wie sie auf Island im laufe des 12. Jahr-
hunderts herangewachsen war , sich hier in folge der fortwährenden bür-
gerkriege, welche gerade um jene zeit das volk verwildern Hessen und
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH. 83
dessen gauze kraft verzehrten, nicht hatte bilden können; anderntheils
aber auf der weiteren thatsache, dass auch Norwegen, durch einen ausge-
dehnten handel zumal mit Deutschland und England in lebhaften vermehr
gebracht, als mächtiges reich in die geschicke der übrigen länder ver-
flochten, endlich durch wechselheiraten seines königshauses mit den
regierenden familien des Südens und westens verbunden , ungleich früher,
unmittelbarer und massenhafter den einflüssen der für das ganze abend-
land massgebenden culturströmungen ausgesetzt sein muste, als das,
vermöge seiner nach mittelalterlichem masstabe gemessen ganz abnor-
men verftLSSung der ritterlich - religiösen romantik ohneliin sehr unzugäng-
liche, arme und entlegene Island. Es ist also in letzter Instanz das
bewegtere und reicher entfaltete staatsieben, welches in Norwegen der
selbständigen literarischen entwicklung sich ungünstig erwies; es ist die
politische bedeutungslosigkeit Islands, welche das nordische geistesleben
gerade hier eine ruhige und gesicherte Zufluchtsstätte finden liess!
Wende ich mich aber schliesslich zum verfall der litte ratur
im norden, so will mir auch in bezug auf diesen Keysers auffassung
ganz und gar nicht befriedigend vorkommen. Betrachte ich nämlich
zunächst den gang der dinge auf Island, so finde zwar auch ich, dass
im laufe des 14. Jahrhunderts daselbst eine gewisse erlahmung der litte-
rarischen thätigkeit sich geltend machte , auf welche die Unterwerfung
der insel unter die norwegischen könige mir nicht ohne einfluss gewesen
zu sein scheint; aber diese erlahmung äusserte sich meines erachtens
nicht so sehr, wie der Verfasser annimmt, in einer Verminderung der
litterarischen production , als vielmehr in einer Veränderung ihrer richtung
und wenn man will Verschlechterung derselben. Nur die einheimische
Jurisprudenz verfiel gänzlich , seitdem das landrecht ein norwegisches
geworden war. Die dichtkunst dagegen wante sich nunmehr theils geist-
lichen Stoffen zu, theils romantischen. Die sagenschreibung beschäftigte
sich theils mit der Umarbeitung der älteren geschichtswerke , die man
zumal durch allerlei ein Schaltungen zu vervollständigen suchte , theils mit
der heiligenlegende oder auch mit völlig ungeschichtlichen stoifen, moch-
ten diese nun der älteren einheimischen sage oder dem auslande entlehnt
sein; hinsichtlich der Zeitgeschichte dagegen tritt seit dem 14. Jahrhun-
dert an deren stelle die annalistik. U. dgl. m. Erst seit dem anfange
des 15, Jahrhunderts scheint sich neben der Veränderung auch eine erheb-
liche Verminderung der litterarischen production ergeben zu haben, wie
denn namentlich die annalenschreibung um diese zeit mit einem male
wider abbricht; aber man kennt ja die durchaus localen gründe dieses
Stillstandes, und weiss, dass sie lediglich in der furchtbaren Verödung
des landes durch eine reihe der schrecklichsten seuchen zu suchen sind,
6*
84 MAIIRKR
welche damals in vascliev foli>-e dessen ))evölkerung lichteten. In den jäh-
ren 1401-- 4 gieng der schwarze tod ii])er das land, m welchem nicht
weniger als zwei drittel der hevölkermig der ganzen insel nmgekommen
sein sollen; kaum 50 priester sollen im ganzen bisthum Skälholt die
seuche überlebt haben, mid an der einzigen kirche zu Kirkjubaer will
man im jähre 1403 bis zu 675 leichen, die zur bestattuug kamen,
o-ezählt, die übrigen dann aber ungezählt gelassen haben. Im jähre 1430
folgte eine blatternepidemie , an welcher widerum gegen 8000 menschen
o-estorben sein sollen, und in den jähren 1493 — 95 kam eine zweite
o-rosse seuche, welche im bistum Hölar nur 20 priester übrig gelassen
haben soll , so dass deren jeder an 5 — 7 kirchen den dienst zu versehen
o-enötigt war; geringere epidemien, die dazwischen zum öfteren eintra-
ten, lasse ich unbesprochen.^) Solche heimsuchungen musten natürlich
auf die litterarische thätigkeit hemmend wirken; aber völlig unterbrochen
wui'de dieselbe keineswegs. Von der Lilja des mönches Eysteinn Asgrims-
son (gest. 1361) zieht sich durch die marienlieder des Löptur riki (gest.
1432), und des sera Jon Pälsson mit dem beinamen Mariuskäld (gest.
1472) eine ununterbrochene kette geistlicher lieder herab bis zu den
NiÖiirstigningarvisur mid der Pislarminning des letzten katholischen
bischofs der insel, Jon Arason (gest. 1550). Die zahlreichen rimnr
brechen nicht ab, mögen dieselben nun mythisch - heroische stoffe behan-
deln wie die JJrymlur oder Yölsüngsrinmr, oder geschichtliche und legen-
denhafte, wie etwa die Shdld- Helga riniur oder die Olafsrima des
Einarr Glisson, oder auch völlig erdichtete, wie z. b. die höchst origi-
nelle SMiia rima. Björn Einarsson aus dem VatnsfjörÖur (gest. 1415)
beschrieb seine ausgedehnten reisen , welche ihn einerseits nach Grönland,
andererseits aber bis nach Rom, St. Jago de Compostella und Jerusalem
geführt hatten. U. dgi. m. Ueberdies lebte die schriftstellerei sofort
wider in weiterem umfange auf , sowie das land , und zumal dessen geist-
lichkeit, von jenen schweren schicksalsschlägen sich wider einigermassen
erholt hatte, und wenn zwar die kirchliche bewegung, welche um die
mitte des 16. Jahrhunderts die insel erfasste, widerum eine neue richtung
in deren litteratur brachte, indem diese sich nunmehr sehr vorwiegend
auf bibelübersetzungen , geistliche lehrbücher und tractate, sowie dich-
tung oder Übersetzung evangelischer kirchenlieder warf, so trat doch mit
dem ende des 16. Jahrhunderts, nachdem wider einige ruhe in die gemü-
ter zurückgekehrt und das dringendste kirchliche bedürfnis befriedigt
war, auch das weltliche element wider in seine rechte ein, und jetzt
begann jenes widererwachen der alten nationalen litteratur sich zu voll-
1) Vgl. Jon Esvolin, I.^lamh ärhahir , T. s. 125; IL s. 24; II, s. 127.
DIE NORWEG. AUFFASS. D. NORD. LIT. -GESCH. 85
ziehen , welches , wenn auch anfangs nicht ganz frei von fremden einwir-
kungen gebliehen und zumeist nur durch die lateinischen Schriften des
gelehrten propstes Arngrimur Jönsson vertreten, doch rasch genug sich
populär zu machen wüste, und schon in der ersten hälfte des 17. Jahr-
hunderts sehr gefeierte und auf lange hinaus nachwirkende werke in der
landessprache zu tage förderte , unter denen es genügt an die zahlreichen
Schriften des vielkundigen bauern Björn Jönsson von Skarösä (gest. 16G5)
zu erinnern. Es ist wunderlich, dass Keyser, welcher doch selber jähre
lang auf Island sich aufgehalten hatte ^ und somit auch das spätere gei-
stige leben auf der insel sicherlich genau genug kannte, dieses fortleben
der alten spräche auf derselben und deren fortwährende anwendung zu
litterarischen zwecken im gegensatze zu dem raschen und völligen ver-
falle von spräche und litteratur in Norwegen nicht schärfer hervorgeho-
ben und nicht tiefer gewürdigt hat, als dies in seinem werke geschehen
ist. Hier wie dort gab es gleichmässig domschulen mit ihrer mittelal-
terlich beschränkten erziehung, und der Übergang von einer lediglich
volkstümlichen zu einer individueller gearteten gelehrtenlitteratur, welcher
nach seiner meinung für die norwegische litteratur so verhängnisvoll
geworden sein soll, muste denn doch auf Island ebenso gut gemacht
Averden wie in Norwegen. Die erschlaffung des volksgeistes ferner war,
soweit das staatsieben reicht, auf Island unter der norwegischen und
dänischen herrschaft leider gottes keine geringere als in Norwegen, und
bis auf den heutigen tag herab hat die insel an deren nachwehen noch
mehr als genug zu tragen. Endlich musten auch die politischen bestre-
bungen der Unionskönige auf Island ziemlich in gleicher weise wie auf
Norwegen drücken, und wenn wir ihnen überhaupt jene sprachschulmei-
sterliche bedeutung beimessen wollen, wie solche etwa in unseren tagen
die bemühungen des nationaldänentums in Schleswig an sich trugen, so
muste die isländische wie die norwegische spräche unter ihnen gleich-
mässig leiden. Woher nun die Verschiedenheit der Wirkung bei dieser
gleichheit der Ursachen? Offenbar hat der Verfasser ein sehr wirksames
weiteres moment ausser ansatz .gelassen, und in der that vermöge seiner
ganzen auffassung der nordischen litteraturgeschichte ausser ansatz lassen
müssen, den umstand nämlich, dass die litterarische thätigkeit in Nor-
wegen selbst in ihrer besten zeit eine nur sehr wenig intensive, und
zumal eine nur sehr wenig nationale gewesen war. Diese thatsache muss
bereits wol im äuge behalten werden, wenn es gilt, den verfall der ein-
heimischen spräche in Norwegen richtig zu würdigen. Offenbar fühlt sich
unser Verfasser selber in bezug auf diesen punkt nicht ganz sicher, da
er bemerkt, der hergang bei jenem verfalle sei mit einem dichten und
vielleicht undurchdringliclien schleier bedeckt (s. 39); mir meinerseits
86 MAURER
aber will geradezu uubegieiflich scheinen, dass eine völlige Verdrängung
der einheimischen Schriftsprache und eine tiefgreifende dialectische Zer-
splitterung sogar der redesprache sich binnen kaum 150 jähren ledig-
lieh durch den einfluss einer politischen union mit den beiden nach-
barreichen hätte ergeben können, wenn diese Zersplitterung nicht vor-
her schon angebahnt, und wenn jene Schriftsprache in Norwegen über-
haupt volkstümlich und so zu sagen bodenständig gewesen wäre.
Vollkommen begreiflich wird mir dagegen, dass die Schriftsprache
jenen fremden einflüssen erlag, wenn ich daran festhalte, dass dieselbe
von anfang an aus Island nach Norwegen herübergekommen, und zu
eigener litterarischer production hier zu allen zeiten nur in sehr
beschränktem masse verwendet worden war; begreiflich auch, dass die
norwegischen dialecte, der stütze dieser Schriftsprache beraubt, sofort in
schroffster weise auseinanderhelen , wenn ich mich daran nicht beirren
lasse, dass die dialectische Zersplitterung in Norwegen uralt , und selbst
im 13. Jahrhundert nur mühsam durch die recipierte Schriftsprache im
zäume gehalten worden war. Zeigt sich doch auch bei uns in Deutschland
die sonderung der dialecte in erhöhtem grade in der zeit wirksam , da die
alemannische mundart ihre geltung als hofsprache eingebüsst, und die
obersächsische ihre geltung als kanzleisprache noch nicht völlig errungen
hatte. Von einem verfalle der einheimischen litteratur in Norwegen
kann aber, meine auffassung des litterargeschichtlichen Verhältnisses die-
ses landes zu Island als begründet angenommen, ohnehin nur in sehr
beschränktem sinne gesprochen werden, sofern ja eine eigentliche nor-
wegische litteratur von einiger bedeutung schon früher nicht existiert
hatte. Der abfall von dem geschmacke an der isländischen, allerdings
dem norwegischen volksgeiste durchaus stamverwanten , dichtung und
sage zu der süd- und westeuropäischen ritterromantik und der kirchlich
gelehrten Schulung war ja ohnehin bereits seit dem anfange des 13. Jahr-
hunderts im gange gewesen; warum sollte ihn da nicht die spätere hin-
neigung der höheren Massen zu der schwedischen oder dänischen hof-
sprache vollenden , indem sie auch die Sprachgemeinschaft mit Island für
diese aufhob? War es doch nicht so fast eine einheimische litteratur,
welche man aufgab , als vielmehr ein Wechsel in dem gefallen an zweien
fremden, welcher sich vollzog, so dass es dem nicht tiefer dringenden
blicke gleichgiltig erscheinen mochte, ob man sich an isländischen
drdpur und sögur, an übersetzten englisch -französischen ritterromanen,
oder an den schwedischen Eufemia-visor ergötzte.
Die grundanschauungen , von welchen der Verfasser sich bei seiner
behandlung der altnordischen litteraturgeschichte leiten lässt, sind hier-
mit erörtert. Ich habe geglaubt, denselben von anfang bis zu ende ent-
DIE NORWEG. AÜFFASS. D. NOED. LIT. - GESCH. 87
gegentreteu , und um so entschiedener entgegentreten zu müssen, je
mehr bei der hohen autorität Keysers selbst und bei der weiten Verbrei-
tung, welche dessen ansichten in den neuereu norwegischen geschichts-
werken gefunden haben , ein nachtheiliger einfluss auf die auslebten auch
bei uns in Deutschland zu befürchten ist. Aber ich möchte nicht, dass
die schärfe dieses meines Widerspruches in den äugen meiner leser die
tiefe achtung verdunkele , welche ich , wie vor Keysers gesamter persön-
lichkeit, so auch insbesondere vor dessen hier in frage stehendem werke
hege. Nicht nur dem anfänger kann dieses letztere wegen seiner eben
so warmen als lichtvollen und übersichtlichen darstellung zu ernstem,
einlässlichem Studium nicht genug empfohlen werden, sondern auch der
kundigste und belesenste wird aus demselben im einzelnen manche will-
kommene belehrung schöpfen, auch wo er mit des Verfassers grundge-
danken sich nicht einverstanden erklären kann, und häufiger noch sich
freuen , hier in klarer , wolgeordneter Zusammenstellung das material ver-
einigt zu finden, welches sonst nur mühsam aus den verschiedensten
quellen- und litteraturwerken zusammenzusuchen wäre; über die beiden
Edden zumal wüste ich nirgends das wissenswerthe so übersichtlich und
angenehm lesbar zusammengetragen nachzuweisen, als dies in unserem
werke der fall ist. Darüber hinaus aber ist es zumal ein sittliches
moment , welches dieses letztere auf mich einen ganz besonders wolthuen-
den etndruck machen lässt , und um dessentwillen ich demselben vor allem
die eingehendste beachtung und allgemeinste Verbreitung wünschen möchte.
Ich habe widerholt auf die kühnen, aller quellenmässigen begründung
mangelnden constructionen des Verfassers, und hin und wider auch auf
ganz Avunderbarliche auskunftsmittel hinzuweisen gehabt, zu welchen
derselbe greift , wenn es gilt , seine theorien irgend welchen spröden quel-
lenangaben gegenüber zu halten. Wie ich wird wohl auch jeder andere
leser seines buches, welcher, an den rivalitäten der verschiedenen nord-
germanischen stamme unbetheiligt , an dessen Studium ohne Voreingenom-
menheit herantritt, aus dessen lectüre den eindruck davontragen, dass
für Keysers ganzes System ein allzu überreiztes nationalgefühl massge-
bend geworden sei. Aber rein unmöglich ist bei allem dem , dass ii-gend
jemand auch nur für einen augenblick den verdacht schöpfe, es möge
dabei eine auf die Verherrlichung des eigenen volkes bewusst berechnete
tendeuz im spiele sein , oder überhaupt irgend etwas gemachtes mitunter-
laufen. Nirgends wird darauf hingearbeitet, den leser, ich sage nicht
zu täuschen, sondern auch nur zu blenden oder zu überraschen, —
nirgends eine der eigenen meinung im wege stehende quellenstelle ver-
schwiegen, oder einem zu erwartenden einwände aus dem wege gegan-
gen; selbst bei den gewagtesten auslegungen und hypothesen des ver-
88 - MAURER, DIE NORWEG. AÜFFASS. D. NORD. LIT. - GESCH.
fassers leuchtet überall dessen grundehrlicher glaube an seine eigenen
lehrsätze und dessen wenn auch nicht immer glückliches , so doch jeder-
zeit gleich unbestechliches streben nach voller und reiner geschichtlicher
Wahrheit aus seinen werten hervor. Es steckte augenscheinlich neben
aller schärfe seines Verstandes eine tiefpoetische anläge in Rudolf Key-
ser, und diese war es, welche in Verbindung mit seinem ungewöhnlich
Avarmen Vaterland sgefühle ihn in naivster weise über alle Schwierigkeiten
sich hinwegsetzen liess, wenn es galt seine Überzeugungen von der ver-
gangenen grosse seiner heimath, so wie er sie verstand, durchzuführen.
Gerade diesem poetischen schwunge seiner gedanken und dieser patrioti-
schen wärme in deren vortrage ist der mächtige einfluss zuzuschreiben,
welche dessen lehren in seinem vaterlande zu einer zeit gewannen , da
die endliche befreiung von dem drucke einer Jahrhunderte lang fortge-
setzten fremdherrschaft das nationalgefühl in Norwegen aufs äusSerste
gesteigert hatte, — ein einfluss, welcher hinwiderum bei der redlichkeit
und dem pflichttreuen ernste der forschung, welche für des mannes
eigene arbeiten so charakteristisch sind, auch auf die ganze von ihm
gegründete schule in der günstigsten weise wirken muste. Jene aus-
wüchse eines seinem innersten kerne nach durchaus wolberechtigten nor-
dischen nationalstolzes werden sich bei kälterem blute von selbst abstrei-
fen, und auch in Norwegen wird man mit der zeit einsehen, dass hier
ganz ebenso wie in Schweden oder Dänemark das bewegtere staatliche
leben und die höhere politische bedeutung des reiches die entfaltung
einer selbständigen litteratur mit einziger ausnähme des rechtsgebietes
verhinderte, während Island umgekehrt seine litterarische blute durch
die vollste politische bedeutungslosigkeit erkaufen muste. Aber auch
dann wird die förderung unvergessen bleiben, welche Keysers ebenso
fleissige als schwungvolle arbeiten dem Studium der altnordischen sprä-
che, litteratur und geschichte, und damit der pflege der eigenen Volks-
tümlichkeit gewährt haben, und die anerkennung wird dem trefflichen
manne unversagt bleiben, dass selbst da, wo er irrte, aus seinen Irr-
tümern mehr zu lernen gewesen sei, als aus so manchen ungleich vor-
sichtigeren , aber auch bei weitem weniger selbständig durchdachten und
warm gefühlten besprechungen des gleichen gebietes.
MÜNCHEN, 12. JULI 1867. KONRAD MAURER.
89
DER SCHÜSS DES WILDEN JÄGERS AUF DEN
SONNENHIRSCH.
EIN BEITRAG ZUR VERGLEICHENDEN MYTHOLOGIE DER INDOGERMANEN.
Die sagen erzählen uns bekanntlich in grosser Übereinstimmung,
wie der wilde Jäger sich die ewige jagd statt des himmels gewünscht
habe, m betreff der jagd aber, bei der er den wnnsch gethan, weichen
sie mehrfach von einander ab. Hackelbergs eberjagd nimmt unter den
sagen dieser art eine hohe Stellung ein und Jacob Grimm so wie andere
haben ihre bedeutung nachgewiesen. Ihr stellen sich eine reihe anderer
sagen zur^seite, die nicht minder bedeutend sind , imd, wie im folgenden
dargelegt werden soll, auf eben so uralte anschauungsweisen zurückdeu-
ten. Es sind die sagen von der jagd auf hase und hii'sch , durch die
der wilde Jäger seinem Verhängnis entgegen geführt wird. "Wir begin-
nen mit der darlegung des Stoffes, und stellen, da dieser zug jedenfalls
ebenso alt als bedeutsam ist, diejenigen sagen voran, in welchen die
Verwünschung ohne erwähnung des gejagten thieres wegen der jagd am
Sonntag oder festtag eintritt.
In der gegend von Kohlstedt an der Egge erzäblt man, Hackel-
berg müsse darum ewig jagen, weil er an einem hohen festtage gejagt
habe (westf. sag. 2 , 6 n. 1 1). Zu Velmede und Eisborn erzählt man,
der ewige Jäger habe am sonntag gejagt und müsse darum ewig jagen;
ebenso in der gegend von Marsberg (westf. sag. 2, 10 n. 18; 11 n. 26)
und Frankenau in Hessen (ebd. 2, 11 n. 22). Der Böddenjäger hat
sonntags unter der kirche gejagt und ist darum^ verwünscht ewig zu
jagen (ebd. 2, 12 n. 27). Das weltschjägerle hat immer sonntags gejagt
und muss darum geisten (Meier, schwäb. sag. n. 125). Der buchjäger
hat an keinen gott geglaubt und sonntags während der kirche sich immer
mit der jagd belustigt, dafür muss er nun ewig jagen (ebd. n. 130. 2).
Ein edelmann hat am ostertag ein wildbrät ha])en wollen und hat seine
diener ausgeschickt, ihm eins zu erjagen. Sie sind aber unverrichteter
Sache heimgekehrt, deshalb hat er sie furclitbar bedroht und zum zwei-
tenmal weggeschickt; da sind sie aber nicht widergekehrt und jagen
seitdem unablässig (westf. sag. 1 , 25 n. 28). Der Hodenjäger hat am
heil, ostertag gejagt, darum ist er verwünscht ewig zu jagen (ebd. 1,
95 n. 95).
In dem verfallenen schlösse 't öle horch bei Engelrading hat der
Jäger de Joe gewohnt, der die jagd so leidenschaftlich liebte, dass er
sogar am heiligen ostertag auf die jagd gieng und sich vennass , er wolle
einen hasen erlegen , der ihm zu gesiebt gekommen , solle er auch ewig
90 KUHN
jagen müssen. Da ist's alsbald mit ihm in die luft gegangen und seit-
dem jagt er ewig (westf, sag. 1, IK» n. 116). — Der Jäger in Bernkes
jachte hat an einem ostertag einen hasen gejagt und ist deshalb ver-
dammt ewig zu jagen (ebd. 2, 13 n. ol). — Die engelske jagd muss
in Münsterland darum in der fastenzeit umziehen, weil der wilde Jäger
am feiertag hat einen hasen erlegen wollen (westf. sag. 2, 13 n. 33).
So müssen auch der Türst, welcher auch der nachtjäger heisst (Lütolf
sag. d. fünf orte s. 462), und die Sträggele ewig jagen, weil die letztere
an ihrem namensfest, das auf einen freitag in der fastenzeit fiel, eber-
tieisch essen wollte, und deshalb ihren buhlen zur jagd bewog (Lütolf
s. 28. b).
Zwei dänische sagen schliessen sich an die vorstehenden an , indem
edelleute sich von ihrer jagdlust so verblenden lassen , dass sie am char-
freitag oder ostertag jagen; da erscheint ihnen der teufel in g estalt
eines hasen und sie finden im eifer der jagd ihren tod (Thiele Danm.
folkes.2 2, 78. 1, 238).
An die stelle des hasen als gejagten thieres tritt nun mehrfach ein
hirsch; so jagt der wilde Jäger, der sich ewig zu jagen gewünscht, schon
in einem alten meistergesang einem hirsch nach (Grimm, DS. n. 308),
ebenso bei Lyncker (hess. sag. n. 18). Ebenso jagt in einer, Avenn auch
erst dem 17. oder 18. Jahrhundert augehörigen, doch unzweifelhaft echte
sagenzüge enthaltenden saga könig Odhiu einen mit goldringen geschmück-
ten hirsch, durch den er in das reich der Hulda gelockt wii"d.^) Beson-
ders ist der gejagte hirsch ein solcher, der ein hrusifix zwischen dem
geweih trägt. So erzählt eine sage aus Westfalen (westf. sag. 1, 122
n. 136): der Jäger Go'i ist ein so leidenschaftlicher jäger gewesen, dass
er selbst der hohen festtage nicht geschont , und , als er einmal am stil-
len freitag auf der jagd gewesen und nichts hat erjagen können, gesagt
hat , er müsse heut noch ein wildbrät haben und sollte es ein hirsch mit
einem kruzifix sein. Da ist ihm sein vermessener wünsch sogleich erfüllt,
und ein schöner hirsch mit mächtigem geweih und zwischen demselben
ein kruzifix hat vor ihm gestanden, er hat losgedrückt und das thier ist
zusammengesunken. Als aber das blut aus der wunde geströmt ist, da
ist reue über ihn gekommen und er hat es mit der band zurückhalten
wollen , aber nun ist es zu spät gewesen und er muss darum ewig jagen.
Zum andenken an die ruchlose that hat man ihn, wie er das blut mit
1) P. E. Müller, sagabibliothek 1 , 364 hat: .,var han bleveii lokket af en med
Guldringe prydet Hioit til en afsides Egn." Laclimanns Übersetzung lautet: ,,war
er von einem ins gedränge gezerrten liirsche in eine entlegene gegend verlockt
worden." Offenbar ist „ins gedränge gezerrt" nur ein arger druckfehler für „mit
goldringen geziert."
DER SCHUSS AUF DEN SONNENHIBSCH 91
der hand zurückzuhalten bemüht ist, abgebildet und dies bild vor der
Stadt Kecklinghausen aufgestellt. — In einer andern westfälischen sage
(westf. sag. 1, 180 n. 193) verfolgt ein böser graf einen liirsch und als
er ihn endlich erreicht, erblickt er zwischen dem geweih ein schönes
goldenes kreuz. Der hirsch war Christus, welcher jetzt zum grafen
sagte: „Nun sollst du jagen bis an den jüngsten tag." Der graf
ist der wilde Jäger. — Andre sagen (westf. sag. 1 , 315 n. 357,
nordd. sag. 250 n. 281) berichten gleichfalls von dem schuss auf den
hirsch mit dem leiden Christi, die eine nennt aber ausdrücklich als den
Jäger den heil. Hubertus, welcher bekanntlich nach der legende durch
die erscheinung des hirsches zur reuigen umkehr bewegt wurde; diese
legende von der begeguung des hirsches ist aber, wie Wolf (beitr. 2,
112) nachgewiesen hat, in der älteren fassung des lebens dieses heiligen
nicht vorhanden und erst aus der volkssage und dem mythus, wie dies
so häufig geschehen , in die heiligensage übergegangen. Und in der that
zeigt die weite Verbreitung der sage vom gejagten hirsch ohne erwäh-
nung des heil. Hubertus, wie vertraut der stoff" dem volke gewesen sei
und wie leicht daher ein solcher Übergang war; so wird auch die Stiftung
des klosters Preetz in Holstein und der wallfahrtskapelle in der Jagd-
matt bei Erstfelden, Kt. Uri, auf sie zurückgeführt (Mülleuhoff, schlesw.
holst, sag. n. 134. Lütolf, sag. d. fünf orte n. 483), und ähnliches berich-
tet auch die legende von der gründung des klosters Lehnin (mark, sag.
n. 73), nur dass diese sich in ihrer fassung mehr den dänischen sagen
von der hasenjagd anschliesst. Einen letzten niderschlag der sage zeigt
die erzählung westf. sag. 1, 186 n. 204 von schmallenberger Jägern, die
während der hochmesse jagen, und durch das erscheinen des hirsches
mit dem kruzifix von ihrem frevel abzulassen bewogen werden.
Auf das innigste verwant mit der sagengruppe vom schuss auf den
hirsch mit dem kruzifix ist die vom freischützen ; beide schützen richten
ihr geschoss auf den crucifixus, wodurch jener zum wilden Jäger, dieser
zum nie fehlenden schützen wird ; beider eigenschaften vereinigt Wuotan,
der einmal an der spitze der wilden jagd steht, dann den nie fehlenden,
immer in seme hand zurückkehrenden speer Gungnir besitzt. Die frel-
kugel wird nun aber auf doppelte weise erlangt, entweder dadurch , dass
der schütze die an die wand oder an einen bäum geheftete oblate trifft,
und sich selbst nicht durch die an die stelle der oblate tretende leibliche
erscheinung des gekreuzigten warnen lässt (vgl. beläge in westf. sag. 1,
340 n. 376 und vgl. noch Birlinger, schwäb. sag. 1 , 424 n. 64!) und
Wucke, Werrasag. 2, ö'J), oder dadurch, dass er die oblate in die büchse
ladet und von da ab nicht mehr fehlt. Ausser dem schuss auf die oblate
wird dann auch drittens noch der auf die sonne genannt, wie ich zu
92 KUHN
westf. sag. 1 , 34U 11. ;J70 iirtcligewiesen liube und vor mir schon Wolf,
beitr. 2, 19 f. getlian hatte; man vgl. noch zu dem dortigen material
Mülhause (die urreligion des d. Volkes s. 38): „Um ein freischütz zu wer-
den und in besitz der sogenannten freikugeln zu gelangen, muss man
auf die sonne, den moud und auf eine geweihte hostie schiessen. Tre-
ten hierbei die erforderlichen bedingungen ein (diese bestehen darin, dass
aus der sonne drei blutstropfen herabfallen und die hostie sich in den
persönlichen Christus verwandelt, auf den geschossen werden muss), so
ist man ein freischütz." Von diesem schuss auf die sonne oder den mond
sehen wir hier noch einstweilen ab, in jenem auf den gekreuzigten kom-
men also der wilde Jäger und der freischütz überein, daher fallen sie
denn auch in einigen sagen geradezu zusammen. So wird in der sage
bei Müllenhoff s. 366 n. 492, die übrigens wol nicht ohne ausschmückun-
gen des erzählers ist (vgl. MüUenhoffs anmerkung s. 368), wenngleich
sie viel altertümliches enthält, der Jäger, der den freischuss erlangen
Avill durch ausfülirung des ihm vom teufel angegebenen Verfahrens (schuss
mit der oblate gegen die sonne), zum tvilden jäger und eine jütische
sage bei Thiele (D. f.^ 1, 319 f.) erzählt, wie Schatzgräbern ein schlan-
ker, grüngekleideter Jäger erschien, gefolgt von einem schützen und
einer ungeheuren menge wind- und dachshunde, deren bellen sie so in
schrecken setzte , dass sie sich eiligst entfernten. Dieser jäger wird graf
Otto genannt, und er jagt in den Bollerguts- undKosenvolds-wäldern mit
juchzen, rufen und hundegebell, wie einige sagen, weil er sich bei sei-
nen lebzeiten Jcein andres hininielreicli geivünscJit , nach andern weil er
einmal das hrot vom altar genommen und es aus seiner hücJise geschos-
sen haben soll. Ebenso spricht eine andre mitteilung bei Thiele (D. f.^
2, 112) die enge Verbindung zwischen freischützeu und wildem jäger
aus: „Um den freischuss zu erlangen, d. h. stets zu treifen worauf man
zielt, legt man gewisse gebete oder geheime werte unter die krautkam-
mer in der büchse.^) Andre bewirken dasselbe, indem sie den ivind an
einem donnerstag morgen in den lauf wehen lassen. Solche freischützeu
stehen im paM mit dem bösen oder dem tvilden jäger und sei es, dass
sie gegen osten oder westen schiessen, so bringt ihnen ihr schuss stets
die eine oder andre beute. — Auf dem edelhofe Thiele in Jütland war
einmal ein alter schütze , welcher oft auf der jagd , besonders wenn er
etwas angetrunken war, die büchse hinterwärts herauszustecken und sie
abzuschiessen pflegte und das nie that, ohne dass auf seinen schuss ein
stück wild gefallen wäre." Diese letzte mitteilung hat schon in einem
wesentlichen punkt ganz heidnische färbung, indem sie den freischuss
1) Vgl. die runen auf Gungnirs spitze, Sigrdrifumäl 16.
DER SCHUSS AUF DEN SONNENHIRSCH 93
nicht mehr durch die geweihte oblate , sondern dadurch, dass der wind
des heidnischen feiertags in die büchse weht, erlangen lassen. An diese
heidnische weihe des büchsenlaufs schliesst sich die christliche in Pod-
lachien, welche Woicicki (übersetzt von Lewestara s. 155) mitteilt, wo-
nach der Jäger am dreikönigstag , wenn ein fluss oder teich durch den
priester zum Jordan geweiht ist, ihre geladenen gewehre halb ins wasser
stecken. Diese gewehre werden Jordansflinten genannt und man kann
niemals mit ihnen das ziel verfehlen. So verbindet auch endlich die
schwedische sage christliches und heidnisches, wobei doch das letztere
bei weitem überwiegt. H3^1ten-Cavallius (Wärend och Wirdarne 1, 215 f.)
erzählt nach dem heutigen Volksglauben in Schonen: Oden als nächt-
licher Jäger fährt entweder zu fuss oder zu ross daher, ein Jagdhorn an
der Seite und einen speer, oder in den jüngeren sagen eine büchse, in
der band. Er ist ein könig der vorzeit, welcher auf diese art so lange
die weit steht dahin fahren oder jagen muss, zur strafe für seine vielen
und grossen Sünden, während er hier auf erden lebte. Aber unter die-
sen Sünden war die grösste , dass er die jagd über alles liebte , so dass
er , um nur jagen zu können , sich nicht einmal die seit Hess die heilige
messe zu hören. Ausführlicher als Hylten - Cavallius berichtet Dybecks
Runa 1844 s. 33 über Odhin, sein untergegangenes schloss und seine
Umwandlung zum wilden Jäger. Bei Röstanga in Schonen liegt ein see,
der der Odensee (Odensj0) heisst. „Hier geht, sagt ein älterer bericht-
erstatter, unter dem gemeinen mann eine alte sage, dass zur heidenzeit
hier im kirchspiel ein herrenhof gewesen ist, der Odifis hof geheissen
hat und da belegen war, wo jetzt der Odensee ist." Ein berichterstat-
ter aus diesem Jahrhundert erzählt: „Ein mann, der Oen heisst, hatte
in frühereu zelten sein schloss an der stelle, wo jetzt der Odensee ist.
Er begab sich eines sonntagsmorgens , gefolgt von seinen hunden, auf
die jagd. Damit er um so sicherer treffen könne, hatte er sich ivein
aus der hirche verschafft, den er in den flintenlauf goss. Aber so wie
er den ersten schuss that, versank das schloss, wasser stieg aus der
tiefe und bildete den Odensee. Man sah wie Oen mit seinen hunden in
die wölken empor fuhr und denselben aublick hat man seitdem oft in
der gegend gehabt, so z. b. im j. 1824." Aus dem berichte des Verfas-
sers des aufsatzes in der Runa ist noch zu bemerken, dass man bei hel-
lem wetter das dach des versunkenen Schlosses noch in der tiefe zu
sehen meint. Das erinnert au das glänzende schilddach von ValhöU. —
Während hier der schuss aus der frevelhaft gefeiten büchse den alten
gott mit seinem schloss versinken und ihn dann zimi wilden Jäger wer-
den lässt, berichtet die hannoversche sage vom ritter Tils (westf. sag. 1,
317 n. 359), der seinen Jäger an einem christtage zum schuss auf den
94 KUHN
liirsch mit dem krucitix treibt, dass sein schloss darüber untergegangen
sei und er nun in dem versunkenen schlösse an einem steinernen tische
sitze, durch den sein weisser hart hindurchgewachsen ist (Harrys niders.
sag. 1, 6 n. 2 , vgl. Grimm, myth. 880).^)
Wenn in den beiden behandelten sagengruppen der schuss auf den
hirsch mit dem krucifix und auf die hostie ein ganz christliches dement
7Ai sein scheint, während der schütze sich durchweg als die gestalt eines
heidnischen gottes verräth und so auch ganz unzweifelhaft in mehreren
sagen, namentlich der zuletzt besprochenen schwedischen, bezeichnet wird,
so finden wir denn endlich auch noch eine dritte sagengruppe, in wel-
cher das ziel des Schusses nicht mehr ein christliches ist, sondern ein
allem anschein nach heidnisches, das der ältesten anschauung des natur-
dienstes entstammt, das ist die sonne (daneben auch der mond, sowie,
ob christlich, ob heidnisch? gott). Wir haben schon oben (s. 91 ff.) einige
beispiele davon kennen gelernt und fügen hier noch einige bei. Ein
Jäger bei Eauenberg thut die drei freischüsse so, dass er auf ein tuch
kniet und das erste mal gegen die sonne, das zweite mal gegen den
mond und das dritte mal gegen gott schiesst; da fallen drei blutstropfen
vom himmel auf das tuch und seitdem geht er mit gewehr, büchsen-
ranzen und Jagdhund um. Bader, bad, sag. s. 348 n. 393. Ein anderer
Jäger schoss bei der Sommersonnenwende um mittag in die sonne, da
fielen drei tropfen blutes herab , die musste er aufbewahren und jeder
schuss gelang ihm. Man hat den Jäger später noch oft, zwei hunde zur
Seite und einen auf dem schoos, am wege sitzen sehen. Das herabfal-
lende blut war der fahrsamen (farnsamen.). (Bechstein, thür. sagenb. 2 , 18
n. 161 ,^) vgl. auch herabk. d. feuers 221). Ein andrer erhält vom teu-
fel eine wurzel und thut nun drei Schüsse gegen die sonne, grade auf
1) Die beiden sagen darf man unLedcnklicli mit einander verbinden und die
schwedische so ergänzen, dass der schuss auch in ihr ursprünglich auf den hirsch
erfolgt sei. Uebrigens ergibt die beschreibung und abbildung des Odensees auch in
der beschaffenheit des sees und seiner Umgebung eine grosse ähnlichkeit mit dem
Tilsgraben ; beide sind von geringem umfang, sind sehr tief, haben ganz grün aus-
sehendes Wasser und sind von steilen felswänden umschlossen. Dabei wird auch vom
Odensee wie vom Tilsgraben die sage von dem grossen fisch erzählt (er hat äugen
wie grosse schalen) , der nicht gefangen und fortgebracht werden darf (Kuna a. a. o.
s. 34**). Auch von der messung der tiefe beider wird erzählt (Harrys a. a. o), doch
mit verschiedenem resultat; zu der schwedischen version, nach welcher beim herauf-
ziehen des seiles ein widderhorn statt des hinabgelassenen pflugeisens an demselben
erscheint, stimmt eine dänische sage bei Thiele, D. f.- 2, 15, statt des widderhor-
nes erscheint ein pferdeschädel ebd. 2, 6 und bei Niederhöffer mekl. volkss. 2, 105.
2) Ich bemerke , dass bei Bechstein die kleinen zusätze am schluss nicht in den
thür. sag. 3, 188 stehen.
DER SCHTJSS AUF DEN SONNENfflRSCH 95
iu die höhe gegen den lieben gott und auf einen steinernen bildstock
und erhält so täglich drei sichere schüsse. Wolf, hess. sag. n, 124. Der
ewige Jäger im Buhwald bei Neuenbürg , der auch als schimmelreiter,
seinen eigenen köpf unterm arm tragend, gesehen wird, hat einst im
frechen Übermut gegen die sonne geschossen und muss deshalb umge-
hen. Meier, schwäb. sag. s. 115 n. 126. 1. In der umgegend von Freu-
denstadt erzählt man, der ewige jäger habe in der Weihnacht oder char-
freitagsnacht (!) gegen die sonne geschossen, worauf blut herabgeflossen sei.
Dies blut habe er in einem tuche aufgefangen und bleikugeln damit
benetzt; mit solchen kugeln habe er alles treffen können, was er nur
habe erreichen wollen. Seien die kugeln verschossen gewesen, so habe
er einen frischen schuss gegen die sonne gethan. Dafür muss er nun
jagen und zieht mit hmidegebell und jagdgetöse in der ganzen weit
umher. Meier, schwäb. sag. s. 116 n. 126. 3. Ein jäger in Luzeru schoss
einen hirsch mit einer freikugel , die er grade im lauf stecken hatte , weil
er aber dem schusse auf ein blosses thier nicht zuvor den zauber gelöst
hatte , muss er nun selbst in thiergestalt in den Wäldern umgehen. Auch
erzählt man, da er alle thiere zu bannen verstand, so habe er nicht
mehr nach ihnen, sondern mit freikugelu gegen die sonne geschossen;
darauf seien ihm die blutstropfen auf die band gefallen und er erlahmte.
(Rochholz, aarg. sag. 2, 51 n. 280. Die sage hat manche Unklarheiten),
Was endlich vom einzelnen schützen erzählt wird, überträgt eine elsäs-
sische sage auf ein ganzes heer. Bei Ruffach im Oberelsass ist ein gro-
sses thal, das man das ochsenfeld nennt. In diesem thale soll vor vie-
len hundert jähren unter kaiser Karl ein kriegsheer gestanden haben,
das in allen schlachten gesiegt hatte, aber dadurch mit samt sehiem
anführer so stolz und übermütig geworden war, dass es eines tages
aus allen kanonen und gewehren zumal gegen den himmel feuerte. Und
das geschah auf befehl des anführers. Kaum hatten sie aber losgeschos-
sen, so versank das ganze heer in die erde. Alle sieben jähre sieht man
es an demselben platze, wo es versunken ist, wider zu pferde exercieren.
Meier, schwäb. sag. s. 122 n. 137. 1.
Ehe wir zu einer prüfung des so gewonnenen materials der sagen
weiter gehen, wenden wir uns zu einigen in den indischen brähmanas
enthaltenen mittheilungen , die mit unseren sagen im engsten Zusammen-
hang stehen. Schon bei einer früheren gelegenheit (zeitschr. f. vgl.
sprachf. 4, 22) habe ich auf den mythos vom Prajäpati und semer toch-
ter und dem ihn verwundenden Rudra aufmerksam gemacht und die ähn-
lichkeit desselben mit dem durch den Kronos entmannten Urauos berührt.
Jetzt liegt uns ausser der dort obenhin besprochenen form der sage
noch eine ausführlichere vor, die im ganzen vollständig zu der vor-
96 KUHN
stehend besprochenen sage vom wilden Jäger stimmt, aber zugleich
zeigt, dass jene früher angedeutete ähnlichkeit sich nur zum theil
aus gleicher mythischer anschauung erklärt , also vorläufig auf sich
beruhen mag.
Die erzählung des (yatapatha-brähmana 1. 7. 4. 1 (ed. Weber p. 73)
lautet folgendermassen : „ Prajäpati hatte ein äuge auf seine tochter gewor-
fen (den himmel oder die üshas); „ich will mich mit ihr paaren" so
dachte er und wohnte ihr bei. Das war den göttern einärgernis, „dass
er so seine tochter, unsere Schwester beschreitet," so (redeten sie). Die
götter sprachen zu dem gotte, der da über die thiere gebietet: „gegen
die festgesetzte Ordnung handelt er, da er seine tochter, unsere Schwe-
ster beschreitet, schiesse auf ihn." Da spannte Eudra seinen bogen auf
ihn und schoss auf ihn und die hälfte seines samens fiel zu boden. So
war das nun. Darum hat der seher in bezug darauf gesagt: „Als der
vater seiner tochter beiwohnte, sprengte er bei der begattung seinen
samen auf die erde" (Rv. 10, 61, 7). Das ist nun die auf den Agni
und die Maruts sich beziehende liturgie , darin wird das erzählt , wie die
götter den samen weiter förderten" u. s. w.
Noch an einer anderen stelle erwähnt das ^atapatha - brähmana den
schuss auf den Prajäpati (2, 1, 2, y) und sagt, dass das mrigagirsha
der köpf desselben sei (etad vai prajäpateh ^iro yan mriga9irsham) , der
mit dem aus drei theilen bestehenden pfeile verwundet wurde (yatra vä
enam tad avidhyaris tad ishunä trikändene 'ty ähuh). Säyana gibt dann
zu dieser stelle in seinem commentar dieselbe legende; die einzige von
Weber benutzte handschrift desselben hat aber zahlreiche fehler, daher
ist der Wortlaut nicht überall ganz sicher herzustellen, doch ergibt sich
im ganzen so viel, dass Prajäpati sich in eine schwarze antilope
verwandelt (krishnamrigarüpam ästhäya) und so seiner ebenfalls zu einer
antilope gewandelten tochter (mrigibhütäm) nahte , worauf die götter einen
zornigen mann schufen und der ihm mit dem pfeil den köpf spaltete;
köpf und pfeil flogen aber in die luft empor und werden dort als Stern-
bilder stehend gesehen (ishuh 9ira9ce 'ty etad ubhayam antariksham ut-
plutya nakshaträtmanä 'vasthitam samdri9yate).
Ausführlicher berichtet das Aitareya - brähmana 3, 33 denselben
mythos: „Prajäpati hatte ein äuge auf seine tochter geworfen ; den him-
mel, so sagen einige, die üshas, so andre. Ein ri9ya ward er und
suchte die zu einer rohit gewordene auf. Ihn sahen die götter. „Uner-
hörtes wahrlich thut Prajäpati," so sprachen sie. Sie suchten einen solchen,
der ihn schädigen sollte. Einen solchen fanden sie nicht unter sich. Die
furchtbarsten gestalten, welche sie hatten, die vereinigten sie zu einer.
DER SCHUBS AUF DEN SONNENHIRSCH 97
Diese vereinigten wurden jener gott. ^) Deshalb enthält sein name das wort
bhüta; es gedeiht, wer also diesen seinen namen weiss. Die götter spra-
chen zu ihm: „Prajapati hier hat unerhörtes gethan, triff ihn." Er
sagte es zu, sagte aber zugleich: „ich verlange aber einen wünsch von
euch!" — „Verlange ihn," sagten sie. Da sprach er den wünsch nach
der Oberherrschaft über die thiere aus. Das ist sein mit (dem worte)
thier verbundener name ; reich an thieren (vieh) wird , wer diesen seinen
namen kennt. Da spannte er den bogen und traf ihn. Als er getroffen
war, sprang er aufwärts (an den himmel); diesen nun nennt man mriga
(das wüd), der aber, welcher der mrigavj^ädha (wildjäger) war, das
wurde eben der (nämlich das gleichnamige sternbild), und die, welche
die rohit war, das wurde die rohini (name eines Sternbildes), was aber
der aus drei theilen bestehende pfeil war, das wurde der aus drei thei-
len bestehende pfeil (name eines stembildes). Der same aber, der dem
Prajapati entflossen, lief (hinab) und ward ein see. Die götter sprachen:
„Dass dieser same des Prajapati nicht verloren gehe (idam me mä
dushat)." Weil sie sprachen , „ dass dieser same des Prajapati nicht ver-
loren gehe," ward er ein mädusham, das ist des mädusha mädusha-thum.
Dies (wort), welches eigentlich mädusham ist, spricht man mänusham
(das menschliche) in mystischer weise, denn die götter lieben das my-
stische.
Den samen umgaben die götter mit feuer , die Maruts erschütterten
ihn, aber Agni (etwa: das elementare feuer), Hess ihn nicht zur bewe-
gung kommen. Sie umgaben ihn mit Agni Vai9vänara (hier etwa: lebens-
feuer), die Maruts erschütterten ihn, Agni Vai9vänara Hess ihn zur
beweguug kommen. Was nun von diesem samen zuerst aufleuchtete,
das ward jeuer Aditya. Was das zweite war, das ward Bhrigu, den zog
Varuna zu sich, darum heisst Bhrigu Väruni (d. i. söhn des Varuna),
Was zum dritten etwas erglänzte, das wurden die Adityas. Was koh-
len waren, das wurden die Angirasas; die verlöschten kohlen, welche
wieder aufleuchteten, wurden Brihaspati. Was (ganz verglommen) koh-
lenstaub war , das wurden schwarze thiere , was rother lehm , das wurden
rothe. Was asche geworden, das vertheilte sich mannichfach als hirsch,
büffel , rehbock , kameel , esel und als alle die thiere , die rothbraun sind.
Zu diesen sprach jener gott: „Mein ist dies, mein ist was an der stelle
zurückgeblieben^" Sie baten ihn mit jenem verse um verzieht , welcher
dem Rudra geweiht ist: „möge es dir gefallen, o vater der Maruts,
trenne uns nicht vom anblick der sonne; du, o held, mögest unserni
1) Aus scheu vor dem verderbliclien Eudra spricht mau seinen uameu nicht
aus; vgl. d. schluss. ^
ZEITSCHR. F. DEXJTSCUE PHILOLOGIE. 7
98 KUHN
rosse gnädig sein." So soll mau sprechen, nicht abhi nah, dann wird
jener gott kein nachsteller gegen die gescliöpfe. „Nachkommenschaft
mögen wir erleben, durch nachkommen, o Eudriya," so soll man sagen,
nicht Rudra, aus scheu vor diesem namen. Oder man möge auch blos
sagen: „möge er uns gnädig sein."
Ehe wir zu einer vergleichuug dieser brähmanas mit den deutschen
sagen übergehen , müssen noch einige punkte erörtert werden. Zunächst
steht, schon durch den fast wörtlich übereinstimmenden eingang beider
erzählungen, soviel fest, dass in beiden derselbe mythos behandelt wird,
nur dass je nach den Überlieferungen der betreffenden schule und den
zwecken der brähmanas (deren hauptaufgabe darin besteht , die religiösen
gebrauche durch das in liedern und sagen überlieferte leben der götter
zu begründen), abweichungen eingetreten sind. Die erste dieser abwei-
chungen ist die, dass das Aitareya die gestaltverwandlung des Prajäpati
imd seiner tochter zu n9ya und rohit angibt , während das (^atapatha
an der hauptstelle nichts davon meldet, doch sahen wir, dass es dieser
Verwandlung an einer anderen stelle erwähnt, durch welche wenigstens
die Wandlung des Prajäpati in einen mriga auch für das (^atapatha br.
unzweifelhaft wird. Während ferner das Aitareya- brähmana die götter
über die Vermischung des Prajäpati mit seiner tochter nur in die worte
„unerhörtes wahrlich thut Prajäpati" ausbrechen lässt, legt ihnen das
^atapatha - brähmana den ausdruck „dass er seine tochter, unsre Schwe-
ster beschreitet" in den mund, bezeichnet also den sittlichen grund
genauer, der die götter zum zorne bewegt. Wenn ferner das ^atapatha-
brähmana die götter an den gott, der über die thiere gebietet (yah
pa9Ünäm ishte), die aufiforderung richten lässt, auf den Prajäpati zu
schiessen, also damit, wenn auch mit scheuer Umschreibung, unzweifel-
haft den Rudra bezeichnet, dessen häufig vorkommender namen pa9U-
pati, herrscher der thiere, ist und nachher den namen Rudra als den
des schützen ausdrücklich nennt, so ergibt sich aus der darstellung des
Aitareya -brähmana zwar unzweifelhaft dasselbe, aber für die eigentliche
erzählung und die erklärung des rituals wird der name des Rudra ver-
mieden, da schon das blosse aussprechen seines namens verderben brin-
gen kann; er ist jedoch auch im text durch die bezeichnungen „sein das
wort bhüta und das wort pa9U enthaltender name " schon deutlich genug
bezeichnet, denn damit sind die beinamen Rudra's Bhüiapati, herr der
wesen, namenthch böser wesen und gespenster, und Pa9upati, herr der
thiere , gemeint. Während ferner das ^atapatha den Rudra bereits als von
den göttern anerkannten herrn der thiere bezeichnet, lässt ihn das Aita-
reya erst den wünsch danach aussprechen und legt den göttern die gewäh-
rung • bei , nachdem er auf ihr verlangen , den Prajäpati zu verwunden,
DER SCHUSS AUF DEN SONNENinESCH 99
eingegangen ist, wie er denn überhaupt in diesem brähmana erst als das
gescliöpf der götter erscheint, in dem sie alle ihnen eigenen züge und
eigenschaften der furchtbarkeit vereinigen. Man darf aus der ganzen
darstellung verniuthen , dass die erzählung des Qatapatha die ältere sei,
da sie die einfachere und natürlichere ist, während die des Aitareya,
da sie auf bereits entwickelterer mythenbildung beruht, als einer jünge-
ren zeit augehörig anzusehen sein wird, ohne dass jedoch darum der
wesentliche Inhalt der Aitareya -erzählung ebenfalls jüngerer zeit anzu-
gehören brauchte.
In betreff der Verwundung und des Samenausflusses stimmen dann
beide erzählungen überein , wenden sich dann aber nach verschiedenen
selten auseinander, da sie verschiedene zwecke verfolgen; die weitere
erzählung des (^'atapatha konnte hier unberücksichtigt bleiben, dagegen
musten wir die des Aitareya aufnehmen, wie sich weiter unten zeigen
wird. Wenden wir uns nun zu einer vergleichung der erzählungen der
brähmanas und unserer sagen.
Ich habe schon bei früheren gelegenheiten nachgewiesen, dass Eudra,
an dessen stelle später Indra getreten ist, in seinen grmidzügeu mit
Wuotan als wildem Jäger übereinstimme; beide sind die götter des Stur-
mes und ursprünglich auch der nacht , weshalb Wuotan häufig in Deutsch-
land, aber auch in Schweden (vgl. AVäreud och Wirdarne v. Hylten
Cavallius s. 215) den namen nachtjäger führt. Über einige ihrer gemein-
samen züge, namentlich auch über das besondere wesen des Eudra ver-
gleiche man Grohmanns aufsätze in der zeitschr. f. vgl. Sprachforschung
10, 271 f. 12, 69 f. Sie werden beide bei fortschreitender entwicklung
der religiösen an schauungen an der spitze einer schaar ilmen gleicher
wesen gedacht, welche bei den Indern Eudras oder Maruts heissen, wes-
halb Eudra auch pitä marutäm, vater der Maruts, genannt wird, welche
aber bei uns als wüthendes beer, wilde jagd, nachtvolk und unter anderen
namen auftreten. In dem vorliegenden mythos erscheinen beide einzeln,
ohne die sonst gewöhnliche begieitung. Dagegen geht uns hier beson-
ders an , dass die ausrüstung , in welcher Eudra gewöhnlich erscheint,
die mit pfeil und bogen ist (Ev. 2 , 33 , 10 arhan bibharshi säyakaui
dhanva), der letztere wird golden genannt (Ath. 11, 2, 12, dhanur
bibharshi haritaiu hiranyayam), weshalb er auch die beiwörter der mit
schönem pfeil und bogen versehene erhält (svishu und sudhanvan Ev. 5,
42, 11).^) Freilich erscheint Odhin gewöhnlich nur mit dem Speer aus-
gerüstet, aber der eigentliche bogengott (boga äs) üllr ist längst von
Wolf (beitr. 1, 145) und ganz besonders von Simrock (myth.^ 318 ff.)
1) Mau vgl. die liiblms, die sühne des glcicliiiainiyeii Sudluuivau.
100 KUHN
als ursprünglich mit Odhin identisch nachgewiesen und wir dürfen daher
auch ihm diese ausrüstung zuschreiben, und um so mehr als auch der
in englischen volksgebräucheu auftretende Hooden (der dann zum Robin
Hood geworden), ebenfalls mit pfeU und bogen ausgerüstet erscheint
(über Wodan als gott mit pfeil und bogen vgl. besonders Pfanneuschmid
in Pfeiffers Germ. 10, 14 fl\) Dabei sei denn gleich hier bemerkt, dass
Wolf (a. a. 0.) den UUr im heiligen Hubertus nachzuweisen bemüht war
imd auch Simi'ock diese ersetzung des nordischen gottes durch den hei-
ligen nicht unwahrscheinlich findet (s. 321). Ferner vergleicht sich Rudra
als manu im schwärzlichen oder schwarzen kleide (purushah krishua^aväsi,
die passende färbe des nächtlichen himmelsgottes oder des im stürme
daherschreitenden), wie er in einer andern weiter unten zu erwähnenden
erzählung erscheint , mit Ot5in als heklumaSr , der diesen namen von sei-
nem dunkelblauen oder schwarzen mautel (hekla blä) führt; man vgl.
auch den Apollo vv/izl ioixwg der Ilias. Endlich erscheinen Rudra und
der wilde jäger in gleicher weise von wilden hunden begleitet; der wilde
Jäger hat bekanntlich deren zwei, auch drei, zuweilen mehrere, die sich
durch klaffen und gier auszeichnen; von Rudras hunden heisst es, dass
sie lärmen, gierig schlingen und grossen rächen haben (rudrasyai' laba-.
kärebhyo 'sanisüktagilebhyali idam mahäsyebhyah fvabhyo akaram namah
Ath. 11, 2, 30.) Wenden wir uns nun zur betrachtung des Schusses,
so unternimmt ihn Rudra nach beiden erzählungen zur sühnung der
durch Prajäpati verletzten sittlichen Ordnung der götter, welche den
Umgang mit der eigenen tochter verbietet; dies motiv scheint aber erst
ein speciel brahmanisches , obwol ich nicht leugnen will, dass es schon
in der indogermanischen urzeit erdacht sein könnte , da zwar die geschwi-
sterehe , doch , wenn ich mich recht erinnere , nicht die Vermischung der
eignen altern mit den kiudern in unseren mythologieen auftri'^t. Die
deutsche sage jedoch weiss von diesem motive nichts, sondern sie legt
im gegenteil dem schütten, nicht dem geschosseneu die frevelthat bei,
indem sie ihn am sonntag oder festtag jagen und selbst vor der erschei-
nung des hirsches mit dem kruzifix nicht zmiickschrecken oder indem sie
ihn die hostie , oder nach der schwedischen sage den abendmahlswein zu
seinem schusse verwenden lässt. Dagegen treffen die indische und deut-
sche erzählung in einem andern punkte in dem grundgedanken sichtlich
überein. Nach der deutschen sage wird nämlich der schütze in folge
des Schusses entweder zur strafe zum wilden jäger, er muss ewig jagen,
oder er wünscht sich nach den sagen, die von einer solchen einzeljagd
nichts wissen, für sein theil himmelreich ewig jagen zu dürfen, oder er
verwünscht sich selbst im eifer das gejagte thier zu erlangen zu ewiger
jagd. Das stimmt doch merkwürdig mit dem wünsche des Rudra über-
DER SCHUSS AUF DEN SONNPNHIRSCH 101
ein, dass er für seinen scliiiss die herrschaft über die thiere erlan-
gen möge.
Mau könnte nun zweierlei hiergegen einwenden, nämlich, dass das
wort payii thier in der regel nur die hausthiere , namentlich kleinvieh,
bezeichne , und dass Eudra pa9upati daher zwar herr der zahmen , aber
nicht der wilden thiere sei, dass der wilde Jäger dagegen in der regel
nur wilde thiere jage ; allein die ursprüngliche auffassung beider gotthei-
ten hat diesen unterschied offenbar noch nicht gekannt, wie mehrere
umstände klar ergeben.
Was nämlich den ersten einwurf rücksichtlich des Eudra papupati
betrifft, so wird pa^u auch ganz im allgemeinen von allen thieren
gebraucht, was ausser einigen für diese bedeutung angeführten stellen
im Petersburger Wörterbuch schon am deutlichsten die mehrfach wider-
kehrende bezeichnung grämyäh und äranyäh pa9avah haus- und wald-
oder wilde thiere ergibt. Dann aber geht auch aus dem zweiten theil
der obigen erzählung des Aitareya deutlich hervor, dass seine herrschaft
sich auch über die wilden thiere erstreckt, da er seinen ansprach auf
alle aus der asche von Prajäpati's samen hervorgegangenen sowol wil-
den als zahmen thiere erhebt und erst durch ausdrücklichen verzieht
auch götter und menschen daran theilhaftig werden lässt. Er verzichtet
aber auf diese herrschaft nur dem gegenüber, der seine macht anerkennt
und heerdenreichthum als ein geschenk von ihm ansieht, wie dies auch
aus der erzählung von Näbhänedishtha (Ait. B. 5. 14) hervorgeht.^) End-
lich aber heisst es auch in einer stelle des Ath. 11, 2 , 24 ausdrücklich,
dass ihm die thiere des waldes und alle vögel angehören.^)
Auch der zweite der oben angedeuteten einwürfe hat allerdings die
regel, dass der wilde Jäger nur wilde thiere jage für sich, doch sind
noch die deutlichen spuren vorhanden, dass diese beschränkung nicht
ursprünglich sei. Zunächst findet sich auch beim wilden Jäger , wie beim
Rudra dem Näbhänedishtha gegenüber, deutlich ausgesprochen , dass ihm
auch der ansprach auf rinder und rinderheerden , somit also herrschaft
darüber zustehe. So wird dem Helljäger (nordd. sag. n. 310, 3) alljähr-
lich eine kuh aus dem stalle gelassen, die von ihm selbst schon vorher
kenntlich gemacht ist; sobald sein zug naht, verschwindet sie und kehrt
1) Vgl. Haugs Übersetzung p. 324, wo mitgeteilt wird, dass Säyana sage,
zufolge einer andern 9äkhä sei der im text erwähnte mann im schwarzen kleide (puru-
shah krishnafaväsi) Rudra.
2) tubhyam äranyäh i)a9avo mrigä vane hitä liansäh suparnäh 9alnmä vayänsi.
Der erste päda des verses ist durch ausschcidung von nirigäh, welches das meti'um
stört, zu emendiren; es ist augenscheinlich als glosse für äranyäh pa9aYah in den
text gekommen.
102 KUHN
nie zurück. — Daran schliesst sich eine dänische sage eng an, nach
welcher Volhncr (könig Waldemar) mit seinen hunden eines abends auf
dem hofc eines bauern erscheint und ihn zwingt das vieh aus den stäl-
\en zu lassen. Als dies geschehen ist, fallen Vollmers hunde darüber
lier und verschlingen es, Vollmer aber entschädigt die bäurin durch in
die schürze geworfenes feuer, welches am andern tage zu gold wird.
Thiele, Daum, folkes.^ 2, 116. IV. Näher an die erste sage schliessen
sich noch die sagen vom nachtvolk, das in der sennhütte einkehrt, dort
eine kuh schlachtet und verspeist und sie nachher aus haut und knochen
wieder lebendig macht. Das umfangreiche material hier ganz beizubrin-
gen, würde zu weit führen, ich verweise auf Mannhardt, germ. myth.
77 f. 710. und namentlich Rochholz , aarg. sag. 2, 383 — 85. Grade für
uns aber ist es höchst bedeutsam , dass neben den so geschlachteten und
wiederbelebten kühen auch gemsen auftreten, Zingerle, tir. sag. n. 45
s. 35. Die gemsen sind die kühe der Fangen und seligen ib. n. 102 s. 66,
Alpenburg, mythen s. 8, sag. s. 205. — Ebenso entschieden tritt der
ansprach des gottes auf die rinderheerden in einer schwäbischen sage auf.
Zu Lustnau in Schwaben wollte der wilde Jäger, der dort Ranzenpuffer
heisst, nicht leiden, dass man bei einer Viehseuche, wo alles vieh in den
wald getrieben wurde, um es tot zu schlagen und zu vergraben, ein
sehr schönes kalb schlachtete, um es zu verzehren. Als man es den-
noch that, kam zuerst ein die leute umspringender schwarzer hund und
als er verschwunden war , brach ein gewaltiger stürm los , nach dem der
Ranzenpuffer erschien, das geschlachtete fleisch forderte, das ihm gehöre,
und einen der widerspänstigen todtkrank schlug. Meier, schwäb. sag.
s. lli n. 124. 4. Hier, tritt der wilde Jäger ausserdem vollkommen dem
Rudra und Apollo gleich auf, indem er die seuche über die heerde her-
einbrechen lässt und nicht duldet, dass ein anderer des nur ihm gehö-
rigen fleisches der rinder sich bemächtige; vgl. die obigen erzählungen
aus dem Aitareya. Wie er so seuchen über die heerde y-erhängt, so
bringt er dann auch andrerseits wieder gedeihen über dieselben; so
gewährt die einkehr des schweren wagens, d. i. der wilden jagd, einer
frau in Pressburg besonderes gedeihen in ilireni viehstand (Schröer, z. f.
d. myth. 2, 191»). Ebenso segnet der wilde Jäger Herodis ein haus durch
reichliche milch und butter, weil man seinen dort zurückgelassenen hund
gut gepflegt hat (westf. sag. 1, 2 n. 3).
Dann aber finden sich auch sagen, in denen der gott nicht wilde,
sondern heerdeu zahmer thiere vor sich her treibt. Wie schon in den
obigen sagen vom Heihaus sich vermuten lässt, dass die verschwin-
dende kuh ins wilde beer mit aufgenommen wird und fort zieht, so
heisst es auch vom Türst, dass er den alpenhii-ten die kühe fortnehme
DER SCHÜSS AUF DEN SOKNENHIRSCH 103
und hoch in die wölken führe und dass sie entweder nie oder am dritten
tage halbtot und ausgeniolken zurückkommen, Bechstein, deutsches
sagenb. 15. Wolf, beitr. 2, 149. Die stelle darüber bei Cysat lautet:
„Das ist der höllische oder teuflische Jäger, den man den Türst nennt.
Der macht sich auf mit seinem, gejägde bei einbrechender nacht, treibt
und verwirret das arme vieh, welches zerstreut durcheinander laufet und
ergaltet. Er bläst sein jägerhorn und die armen thiere müssen erschei-
nen. Bald sind da seine höllischen Jagdhunde und stolpern daher auf
drei beinen, bellen holil und unnatürlich und zerstreuen das vieh, wel-
ches geängstigt den menschen zuläuft" (Lütolf, sag. d. fünf orte 28 n. 3. a.).
So erklärt es sich denn auch, wenn der zug des wilden heeres noch
gradezu als durch die lüfte brausende Viehherde erscheint. So hören
leute zwischen Eoding und Fronau im walde etwas , wie wenn eine lieerde
vieh, grosses und Meines, nebst hundeu beisammen wären und einen ent-
setzlichen lärm machten. (Schönwerth, aus der Oberpfalz 2, 153 n. 2),
Auf Falster hören leute eines abends ein gewaltiges brüllen und blöken,
so dass sie glauben, fremdes vieh sei auf ihre weide gekommen. Als
sie hinauskommen ist nichts da, aber sie hören immer noch das brüllen
und blöken und dazwischen den ruf: „ho, hoi, herum, herauf," oder
„lioi, hallo, hoi, hoi, hoi!" und es war ihnen auch als vernähmen sie
klang von viehglocken. Sie lassen sich noch weiter verlocken, bis sie
merken, dass der rossjäger (hossejaveren=horsejageren) sie genarrt habe.
Denn der rossjäger hat in alten zelten in den Wäldern sein Unwesen
getrieben, wo man deutlich Jäihe, Mlber und schafe und dazwischen den
ruf hören konnte: „Jioi, hallo! tvillst du mit? hoi, hoi, hoi!''' Und
dann fuhr es davon wie ein wind und nahm alles mit sich, sowol men-
schen als thiere. Wenn jemand merkte, dass die jagd ihm entgegen-
kam, muste er sich nieder auf die erde werfen u. s. w. Grundtvig,
gamle danske minder 2, 54. s. 91 f. Hier erscheint also der wilde Jäger
unzweifelhaft heerden von rindern und schafen vor sich her treibend.
Beiläufig ist es von hohem Interesse zu sehen, wie die von ihm gespro-
chenen Worte „willst du mit" in einer westfälischen sage widerkehren,
wo Herodes sie seinem zurückgebliebenen huude zuruft (westf. sag. 1, 1.
vgl. auch noch ebd. n. 33. a. b. s. 35 jQf.). — Auch Schwaben kennt
einen mit seiner heerde durch die luft ziehenden schäfer, den man um
Bartholomäi (wo auch sonst der wilde Jäger seinen imizug wieder beginnt)
oft schon acht tage hinter einander in den lüften gesehen hat. (Birlin-
ger, volksth. 1, 16 n. 17. Meier, schwäb. sag. n. 106 s. Ü5). Zum (rin-
derhütenden) riesen ist der wilde Jäger, wie Odhin mehrfach sonst in
schwedischen sagen, geworden. Im kirchspiel Auimskog liegt eine rie-
senstube, in welcher vor zelten ein riese wohnte, der viel vieh hatte,
104 KUllN
clas er nacJits auf die weide trieh. Man hörte dann sowohl helle als
dumpfe glockeii (bade fmarc och gröfre) und das bellen der hirtenhunde.
Das Volk klagte zwar über den knappen heuertrag im herbst, aber der
riese schaffte, dass sie zur julzeit für jedes eingefahrene fuder drei fuder
hatten. (Djbeck, Kuna 1843. 4, 34 n. 39.) Der riese zeigt sich hier
für die in anspruch genommene weide in ähnlicher weise dankbar wie
Herodes in der obigen hannoverschen sage und schon dadurch würde sich
die ansieht, dass er Odhin sei stützen lassen; noch viel schlagender thut
dies aber der zug von den hellen und dumpfen, feineren und gröberen
glocken, der die Viehherden desselben unzweifelhaft als der wilden jagd
gleichstehend erscheinen lässt. Denn die deutschen sagen berichten mehr-
fach von den hunden des wilden Jägers, dass der eine fhi, der andre
grof belle, westf. sag. 2, 6 n. 9. 2, 12 n. 35, vgl. Schambach -Müller,
feiii und grob s. 347. Schönwerth 2, 149 gro und glöna = grob und
fein, 153 groh und Mar, ebenso Bechstein, thür. sagenb. 2, 91 n. 220;
hell und rauJi, Bü-linger 1, 15 n. 13; beim vorÜberzug des Türst hört
man das bellen grosser und Meiner hunde, Lütolf s. 29. c, andre sagen
der eine hmid belle gif, der andre //a/", nordd. sag. u. 150, westf. sag. 2,
12 n. 25. So berichten nun auch die Svenska folkets seder (Stockholm
1824) s. 56, dass man nachts zuweilen zwei vögel höre, von denen der
eine gröber (gröfre), der andre feiner (finare) schreit. Diese werden
Oens (Odens) jagd genannt , denn es klingt wie von Jagdhunden, Diese
zum theil wörtlichen Übereinstimmungen machen es wol gewiss , dass die
rinderheerden des riesen der wilden jagd vollständig gleich zu setzen
sind, ebenso wie die vorangehenden nachweise wol nun keinen zweifei
mehr lassen, dass der wilde Jäger nicht allein wilde thiere, sondern
zahme vor sich her treibe und an ihnen seinen anteil habe.
Nachdem wir nun die gleichheit der schützen und der ihnen zuste-
hejiden gebiete ihrer thätigkeit nachgewiesen haben, wenden wir uns zu
dem thiere, auf welches der schuss gerichtet wii-d. Das Aitareya erzählt,
wie oben berichtet wurde, Prajäpati habe sich in einen ri9ya verwan-
delt, seine tochter in eine rohit; beide namen bezeichnen das männchen
und Weibchen einer antilopengattung, welche Wilson dict. s. v. the white-
footed or painted antüope nennt. Säyana erklärt das wort in dem com-
mentar zum Aitareya durch riyyo mrigavi^eshas | tathä cä 'bhidhänakära
aha I gokarnaprishatainar9yarohitä9 camaro mrigäh, woraus wir nichts
weiter als die gattung des thieres, nämlich mriga, erfahren; dagegen
sagt er in dem commentar zu (^atap. br. 2 , 1 , 2 , 9 , dass Prajäpati
die gestalt eines krislinamriga angenommen , womit vielleicht der krishna-
säro mi-igah oder die bunte antilope gemeint ist. Die weissfüssige gehört
nun zum geschlechte der hirschartigen thiere und die ihr nächst ver-
DER SCHUSS AUF DEN SONNENHIRSCH 105
wante schwarzfüssige autilope , von der icli allein eine abbildung ausfin-
dig machen konnte, zeigt, das gehörn ausgenommen, im körperbau eine
so grosse ähnliclikeit mit imserem liirsch, dass beide sehr wohl als
ersatzthiere für einander eintreten konnten. Ich muss jedoch bemerken,
dass ich durch vermittelung meines verehrten freundes Mr. Stokes in
Calcutta eine auseinandersetzung über verschiedene mriga's von Bäbu
Eäjendralala Mitra erhalten habe, welcher sich dahin erklärt, dass hier
nicht an die whitefooted antilope gedacht werden könne, sondern vermu-
tet, dass damit the blue bodied Nügou gemeint sei, welche Vermu-
tung noch dadurch besondere stütze erhält, dass bei diesem das männ-
liche und weiblicbe thier von verschiedener Farbe sind (The female of
the Nilgou is of a red hroivn colour without auy shading of blue over
it, which is the peciüiar characteristic of the male) und daher sich die
benennung der thiere mit verschiedenen namen und des weiblichen mit
dem der „rothen" in der Aitareyastelle erkläre. Ob nun aber der hirsch
oder die antilope oder der nilgou grösseres anrecht auf ursprünglichkeit
in dem mythos habe , kann hier nicht weiter untersucht werden ; die
entscheidung wird wesentlich von der bestimmung des landes abhangen,
wo sich der mythos zuerst bei den Indogermanen bildete. Wichtig ist
aber noch der name des thieres; ri9ya m. wäre mit dem gewöhnlichen
Übergang von r in al gothisches alheis m. (bei Caes. alces , Paus. ah/.ai\
da aber im Ath. 4, 4, 5 auch ein adj. är^a, mit der bedeutung,
„dem antüopenbock gehörig," vorkommt, welches auf ein dem i'i9ya
gleichbedeutendes ri9a zurückführt, so stimt dies genau zu dem mit
epenthetischem a gebildeten und in die schwache deklination übergetre-
tenen ahd. elaho, mhd. eich stm. , elhe swm., altn. elgr m. mit media
statt Spirans (Björn hat auch ein fem. ilgja) und ags. eolli. Das wort
mit ahd. rech (altn. rä, ags. räh) zusammenzustellen, wie Weber, zeit-
schr. f. vgl. spr. 6, 320 gethan, hindert der lauge vokal. Uebrigens
braucht schliesslich wol kaum bemerkt zu werden, dass durch die glei-
chung von ri9a, ri9ya und eich Sicherheit in betreff des gemeinten thie-
res nicht erlangt wird, da solche namen von jedem der indogermanischen"
Völker vielfach auf die ihnen später bekannt gewordenen ähnlichen thiere
übertragen wurden.
Der vom Rudra getroffenen ri9ya ist nun aber der gott Prajäpati;
wir müssen daher diesen zunächst etwas näher ins äuge fassen. Prajä-
pati bedeutet herr der geschöpfe und tritt erst in den Überlieferungen
der brähmanas bedeutende!- hervor, während er in den liedern des Rigveda
kaum schon als selbständiges wesen, sondern als ein bciwort des zeu-
genden , schöpferischen Sonnengottes Savitar (d. i. der zeugende , treibende)
erscheint, der wie Freyr als ein friedlicher und segensreicher gott auf-
106 KUHN
tritt. Diese eiitwicklung des Prajäpati aiis dem älteren Savitar tritt
nocli melirfach klar hervor; so heisst es in einer stelle des C^'atapatha-
brahmana (bei Weber omina und port. s. 392) 12, 8, 5, 1: „dem Savi-
tar opferten die früheren dieses thier, jetzt opfert mau es dem Prajä-
pati, denn Prajäpati ist ja Savitar." Im Taittiriya-brähmana 1. 6. 4. 1
lieisst es : „ Prajäpati wurde Savitar und schuf geschöpfe. " Da ist also
das Verhältnis zwar umgekehrt, aber die natur des schöpferischen Savi-
tar gewahrt; übrigens wird er im selben brähmana dann auch noch zum
Varuna, wie ja die eutwicklung der götter in diesen Schriften dahin
geht, die alten götter in den einen Prajäpati, den späteren Brahma auf-
gehen zu lassen. Die stellen in den liedern des Rigveda , in denen Pra-
jäpati unzweifelhaft gleich Savitar ist, sind wenig zahlreicli, ausdrück-
lich wird aber Savitar so genannt Rv. 4, 53, 2 „des himmels stützer,
Schöpfer der weit " (divo dhartä bhuvanasya prajäpatih) , an ein paar stel-
len wird Tvashtar, d. i. der bildner, was eigentlich dasselbe ist, auch
Savitar genannt; Rv. 3, 55. 19. „Der göttliche bildner, der zeugende,
allgestaltige nährte die geschöpfe und zeugte sie mannichfach; diese
wesen alle sind sein" (devas tvashtä savitä vi9varüpah puposha prajäh
purudliä jajäua | imä ca vi9vä bhuvanäny asya). Rv. 10, 10, 5 kehren
dieselben vier worte vereinigt wider. Eine aus den veden geschöpfte
Charakteristik des gottes mit reichem Stellennachweis findet sich in den
Contributions to a knowledge of the vedic theogony and mythology by
J. Muir p. 66 ö". (abdruck aus den abhandlungen der Royal Asiatic
Society of Great Britain and Ireland 1865).
Wenn nun aber der schuss nach der indischen erzählung einen gott
trifft, und die deutsche ihr gleich stehen soll, so muss dasselbe auch in
dieser der fall sein und das macht schon der umstand, dass der hirsch
mit dem kruzifix, die hostie, der bildstock, der liebe gott abwechselnd
als gegenständ des Schusses genannt werden, fast gewiss, und die aus-
drückliche nennung der sonne daneben lässt kein bedenken darüber , dass
der schuss dem zum hirsch gewandelten Freyr, unserem Pro, gegolten
habe. Simrock hat bekanntlich zuerst (Bertha, die Spinnerin, s. 77 tf.),
dann in seiner mythologie, s. 353 fif., sowie Wolf (beitr. 1, 105 f.)
die Vorstellung der sonne als eines hirsclies mit Sicherheit nachgewiesen,
sowie dass derselbe dem Freyr heilig gewesen sei, weiteres material
haben dann Pröhle in seinen unterharz. sag. s. 187 f., Zingerle, Oswald-
leg. 93 ff. und Rochholz, aarg. sag. 2, 189 ff. beigebracht; noch die
spätere volkssage in Dänemark kennt den hirsch des königs Frode, der
an Freys stelle getreten; er trug eine kostbare goldkette um den hals,
auf welcher die worte standen: „schütze mich, köuig Frode schützte
mich" und wurde angeblich erst unter der regierung Christian des vier-
DEK SCHÜSS AUF DEN SONNENHIRSCH 107
teil (!) gefangen (Thiele, D. f.^ i, 16); vgl. eine ganz entsprechende
deutsche sage von einem hirsch mit goldnem halsband, den kaiser Karl
gefangen. Grimm, D. S. 440. Thiele fügt auch noch in der anmerkung
hinzu, dass Holck in der Beskrivelse af kunstkammeret 27 hinzAifüge,
Karl VI. von Frankreich solle einmal einen hirsch gefangen haben mit
einer kette um den hals , worauf gestanden habe : hac Caesar me dona-
vit. Zacher (goth. alph. 88) hat nun ferner gezeigt, dass der name der
in den Niederlanden Sint Jans euel genannten epilepsie auf Fro und den
ihm geheiligten eich zurückzuführen sei. Über den namen des Fro sagt
nun Grimm (myth. 102) mit recht: „noch im mittelalter scheint in den
Zusammensetzungen mit vron etwas schauerliches, altheiliges zu liegen;
ich erkläre mir daraus die Seltenheit und das baldige verschwinden des
ahd. fro, selbst die grammatische Starrheit des frono; es ist als habe
man darin noch heidnischen nachhall gewittert." Wenn nun aber die
kirche mehrfach , wo sie heidnisches nicht ganz zu bannen im stände war,
so verfuhr, dass sie es auf den christlichen gott oder auf die heiligen
fibertrug, auf wen konnte der name des allerfreuenden Fro besser über-
tragen Averden als auf die sonne des neuen glaubens Christus, von dem
z. b. in der spräche des nordens ausdrücke gebraucht werden , wie dög-
lingr solar fröns, der könig des sonnenlandes , oder miskunnar, rettlsetis
söl , die sonne des mitleids , der gerechtigkeit (Egilsson s. v. söl) , oder
von dem es im Heliand heisst 3125: „wuröun imo is wangun liohte,
blikaudi so thiu berhta sunna," ,, seine wangen wurden leuchtend, glän-
zend wie die strahlende sonne," während die sonne andrerseits wider
dem höchsten gotte verglichen wird: „die sonne sah ich, sie war so
schön, als sah ich gott den schöpfer selbst" (Solaii. 41, Simr.: der text
hat göfgan guö, deum Optimum, maximura), Christus wird daher auch
im althochdeutschen vorzugsweise mit dem worte fro bezeichnet und in
bezug auf ihn ist uns das wort allein in frohnleichnamsfest selbst heut-
zutage noch erhalten. In unserer sage muste sich daher der hirsch des
Fro auf christlichem gebiete wie von selbst zu einem fronhiru^ mit dem
bilde des gekreuzigten gestalten und dadurch der sage einen auf den
ersten blick von dem ursprünglichen mythos so weit verschiedenen Cha-
rakter aufprägen, die von dem schaffenden gotte ganz absali und nur
den verfolgten leidenden ins äuge fasste. Diese anscheinende Verschie-
denheit trifft aber die gleichstehenden gottheiten Prajäpati und Freyr
nicht, denn an beiden tritt auch die schöpferische kraft ganz besonders
hervor, und wenn zahlreiche stellen der brähmanas die ganze scliöpfung
auf die verschiedenen Zeugungen des Prajäpati zurückführen, so passt
das recht eigentlicli zu der Überlieferung Adams von Bremen (Grimm,
myth. 193), der da sagt: tertius est Fricco pacem voluptatemque lar-
108 KÜHN
gieiis mortalibus , cujus etiam simulacrum fingunt ingenti priapo; si nup-
tiae celcbrandae sunt, sacriJicia offenmt Fiiccoiii. Diese eigenscliaft des
gottes liat aber in der Wirksamkeit des tagesgestirns ihren grund und wie
zalilreiche stellen der Veden berichten, dass die sonne die feuchtigkeit
der erde mit ihren strahlen anziehe, um sie dann als regen Avieder auf
die erde herabströmen zu lassen (sie heisst davon noch den späteren dich-
tem ganz gewöhnlich an9upa, ra^mipa, die durch strahlen trinkende),
so sagt Suorri 24 von Freyr: „er ist der trefflichste unter den Äsen.
Er herrscht über regen und Sonnenschein und über das Wachstum der
erde , und ihn soll man anrufen um fruchtbarkeit und frieden ; er regiert
auch über den Wohlstand der menschen." Wir sehen aus allen diesen
Zügen , dass die beiden götter unserer sage in ihren grundzügen überein-
stimmen.
Fragt man aber, wie grade der hii-sch dazu komme, der sonne
verglichen zu werden, so ist es wol zunächst das zackige geweih, wel-
ches dazu geführt hat, denn hörner und strahlen fallen dem vedi-
schen sanskrit noch vielfältig ganz zusammen; dass sie aber wesentliches
attribut der sonnenthiere gewesen seien (beim eher treten zahne und
borsten dafür ein) , geht daraus hervor , dass dem sonnenross ebenfalls
ganz gegen seine natürliche gestalt goldene hörner beigelegt werden,
Rv. 1, 163, 9: goldhörnig ist es, erz sind seine füsse, Indra schnell wie
der gedanke stand ihm nach (hiranj^ayringo ayo asya pädä manojavä
avara indra äsit). Genau so werden der sogenannten kerynitischen binde,
wir werden besser sagen dem kerynitischen hirsch, eherne laufe und
gol (Ines (/eiveih gegeben (vgl. Preller, gr. myth. 2, 197). Ebenso wird von
deiiÄditijas im Ait. Brähm. 4, 17 erzählt, dass sie als rinder ein gros-
ses Opfer vollziehen, um hörner und klauen zu erhalten. — Ein zwei-
tes moment ist dann die Schnelligkeit des hii'sches, welche deshalb aus-
drücklich auch dem sonnenross beigelegt wird (ßv. 1, 163, 1), indem
gesagt wii'd, dass es die flügel des falken und die Schenkel des hirsches
habe (^yenasya pakshä harinasya bähü).
Es bleibt aber noch ein wesentlicher unterschied der beiden mythen
zu erwägen; während nämlich in der indischen sage der gott in Verbin-
dung mit einem weiblichen, wir wollen kurzweg sagen, zur hindin ver-
wandelten wesen in Verbindung auftritt, weiss die deutsche anscheinend
nichts von einem solchen, doch sind noch spuren nachweisbar, dass auch
sie dem deutscheu glauben nicht unbekannt war. Phillips hat in seiner
Schrift über den Ursprung der katzenmusikcn (Freiburg i. Br. 1848. 8)
dem altheidnischen gebrauche des cervulum seu vitulam facere s. 38 ff.
(vgl. die von Simrock, Bertha die Spinnerin s. 81. aus Wasserschieben,
die bussordnungeu der abendländischen kirche angeführten stellen) eine
DER SCHUSS AUF DEN SONWENHIßSCH 109
eigne Untersuchung gewidmet, welche ergibt, dass es bei Franken und
Angelsachsen sitte war, sich als hirsch oder färse, oder altes weib
(vitula, andre la. vetula, vecula, vegula, vehiculo) zu vermummen; die
stelle aus den pönitentialbüchern des Theodor von Canterbury c. 27 §.19
(Ancient laws and Institutes of England p. 293) lautet: Si quis in calen-
das Januarii in cervulo aut vetula vadit, id est, in ferarum habitus se
communicant (leg. commutant) et vestiuntur pellibus pecudum et assu-
munt capita bestiarum; qui vero taliter in ferinas species se transfor-
mant, III annos poeniteant, quia hoc daeraoniacum est. Dazu vergleiche
man den ausspruch des heil. Eligius (Phillips s. 28. n. 1) : NuUus in
calendis Januariis nefanda aut ridiculosa, vitulos aut cervulos aut jotti-
cos (al. ultericticos) faciat. Am ausführlichsten wird von diesen vermura-
mungen in drei dem heil. Augustinus zugeschriebenen predigten gehan-
delt, die, obwol untergeschoben, doch der ersten zeit des Christentums
unter den Franken, dem sechsten oder siebenten Jahrhundert angehören
und durch ihren eifer zeigen, wie tief die sitte unter dem volke wurzeln
muste. Da heisst es, S. Augustini opp. ed. Bened. T. V. App. p. 164:
„Hinc itaque est quod istis diebus Pagani homines perverse omnium rerum
ordine obscoenis deformitatibus teguutur, ut tales utique se faciant qui
colunt, qualis iste qui colitur. In istis enim diebus miseri homines, et
quod peius est, aliqui baptizati, sumunt formas adulteras, species mon-
struosas , in quibus quidem sunt quae primum pudenda , aut potius doleuda
sunt. Quis enim sapiens poterit credere, inveniri aliquos sanae mentis,
qui cervulimi facientes, in ferarum se velint habitum commutare. Alii
vestiuntur pellibus pecudum, alii assumunt capita bestiarum, gaudentes
et exultantes, si taliter se in ferinas species transformaverint, ut homi-
nes non esse videantur. " An einer andern stelle sagt er, „ib. p. 165:
„ Sic enim fit ut stultae laetitiae causa , dum observantur kalendarum dies
aut aliarum superstitionum vanitas, per licentiam ebrietatis et ludorum
turpem cantum, velut ad sacrificia sua daemones invitentur." und fer-
ner, ib. p. 165: „Quid tam demens quam incompositis motibus aut
impudicis carminibus^) vitiorum laudes inverecunda delectatione cantare?
indui ferino habitu et caprae aut cervo similem fieri cet. ?" Sodann
a. a. 0. p. 166: „Quicunque ergo in kalendis Januariis quibuscunque
miseris hominibus sacrilego ritu insanientibus potius quam ludentibus
aliquam humanitatem dederint , non hominibus sed daemonibus se dedisse
cognoscant. Et ideo si in peccatis eorum participes esse nou vultis, cer-
1) Vielleicht sind die worte hires rüneta hmtün in daz öra , toiläu noh,
hintä? ' das bruclistück eines solchen gcsanges. Müllcnhoff (MüllonhofF u. Schcrer
denkm. VI.) hält sie für ein fragment eines heispiels , Wackernagel für ein Sprichwort.
110 KÜHN
vulum sive juvencara (var. lectt. sive anulas — sive aniculara — sive agni-
culain), aiit alia quaelibet portenta, ante domos vestras venire non per-
mittatis." Endlich werden in der dritten predigt die Christen aufgefor-
dert, diejenigen der ihrigen zu züchtigen, von welchen sie wahrnehmen,
dass sie „illam sordidissimam turpitudinem de hinnicula (var. lect. ani-
cula) vel cervula exercere" (ib. p. 30ü).
Aus diesen nachrichten geht mit Sicherheit hervor , dass um die
zeit der zwölften (ad oder in calendas Januarias) vermummungen in
einen hirsch , oder in hirsch und hindin , oder eine färse , oder eine alte
statt fanden, bei welchen man gaben sammelnd von haus zu haus zog
und die durch die dabei vorkommenden unzüchtigen darstelluugen , welche
von gleich unzüchtigen liedern begleitet waren , den höchsten zorn der
geistlichkeit zu erregen im stände waren. Es scheint vor allem aus der
obigen mitteilung am schluss hervorzugehen, dass hier eine begattung
von hirsch und hindin dargestellt und durch gesungene lieder weiter in
ihrem lieidnischen Charakter erläutert wurde. Eines Schusses und eines
schützen wird freilich nirgends erwähnung gethan , nm- die darstellung
der jottici (wenn die lesart richtig ist) , nach dem oben angeführten aus-
spruche des heil. Eligius, Hesse etwa auf den als riesen dargestellten
Wuotan (vgl. oben s. 103) schliessen. Vergleicht man aber dazu die von
mir in Haupts zeitschr. V, 474 über einige englische gebrauche in den
zwölften (vgl. jetzt auch Brand -Ellis populär antiquities of Great Bri-
tain and Ireland p. 474. 492) beigebrachten nachrichten, wo Wodan als
reiter mit pfeil und bogen in den bänden dargestellt wird und sechs
andre personen, mit rennthierhäuptern auf den schultern , einen tanz auf-
führen, so gewinnt die Vermutung dadurch noch weiteren halt. Dabei
Avill ich aber nicht unterlassen zu bemerken, dass jene hirschlarven nur
für das Frankenreich und England bezeugt sind und über dieselben im
eigentlichen Deutschland die nachrichten fehlen, weshalb es Weinhold
(weihnachtsspiele s. 28. n. 3) sehr kühn nennt, wenn Wolf aus diesen
hirschlarven Schlüsse auf denFrodienst mache (beitr. 1, 105); doch dass
sie auch hier vorhanden waren, ist einigermassen durch die in den zwölf-
ten in hirschgestalt gebackenen kuchen iu Steiermark (Weinhold a. a. o.
s. 26), in der Schweiz am Bertholdstage (Kunge, Bertholdstag s. 15)
wahrscheinlich; wenn ferner fastnachts- und zwölftengebräuche sich oft
nahe berühren, so wird für jene wenigstens durch Geilers worte: „habent
larvae procul dubio originem ex gentiHtate: „sicut et der hirts et das
wild wyb von Geispitzen (GeisboltshQim) ," sowie durch die anführuug
Runge's aus den missionsreden des heil. Pirminius (gest. 754): „laufet
nicht herum als hirsche oder alte weiber, weder in den fasten noch in
andern zeiten" die hirschmaske im alemannischen gebiete gesichert und
DER SCHÜSS AUF DEN SONNENHIRSCH 111
aus den obigen anzeiclien auch für diese walirscheinlich (vgl. Rocliliolz,
aarg. sag. 2, 196).^)
Ehe ich eine erklämng des so bei Indern und Germanen bis auf
den zuletzt besprochenen zug fast übereinstimmenden mythos gebe, bedarf
noch die indische fortsetzung desselben, wonach die beim schusse betei-
ligten in Sternbilder verwandelt werden, einer näheren besprechung. Ich
habe in der obigen stelle des Aitareya die wörtliche Übersetzung mitge-
teilt, aber zum bessern Verständnis schon die notwendigsten erklärun-
gen dem text in klammern beigesetzt. Hang hatte in seiner im jähre
1863 in Bombay erschienenen Übersetzung das gleiche verfahren befolgt
und, wie es schien, auf den commentar gestützt einige astronomische
andeutungeu zugefügt. Da die erklärungen des Säyana hier olfenbar von
Wichtigkeit waren, wante ich mich an meinen verehrten freund Stokes in
Calcutta, durch dessen gefällige Vermittlung ich von dem bereits oben
s. 105 genannten gelehrten herausgeber mehrerer vedischen Schriften Bäbu
Räjendralala Mitra eine abschrift des commentars des betreffenden capi-
tels des Aitareya erhielt, wofür ich beiden männern hier meinen wärm-
sten dank zu sagen mich verpflichtet fühle. Den commentar des ganzen
abschnitts mitzuteilen ist hier nicht der ort, ich gebe daher nur die
betreffenden stellen des textes, denen ich die Übersetzung beifüge: „ri^ya-
mrigarüpah sa prajäpatir viddhali sann ürdhvamukha utpräpatat (cod. udapr»)
prakarshena utpatanam akarot | tam etam utpatitam ri^yamrigarüpam pra-
jäpatim äkä9e drishtvä sarve eva te janäh mriga ity äcakshate | rohin-
yärdrayor nakshatrayor madhye 'vasthitam mriga^irshanakshatram katha-
yanti nakshatrarüpena nishpanna ity arthah | ya u eva yas tu rudra
mrigavyädho mrigaghäti sa rudra äkä9e dri^yamänah , sa u eva lokapra-
siddho mi'igavyädha äsit ; yä duhitä rohitä rohidraktavarnä mrigi se 'yam
äkä9e rohininakshatram abhüt; yä eva yä tu rudrena preritä ishus tri-
kändä anika^alyatejanam ity avayavatrayopetä sä eva sai' va lokaprasid-
dhä kändatrayopeta ishur väno' bhavat." „Prajäpati, als er in der gestalt
eines ri^yathieres verwundet war, sprang auf, machte einen hohen sprung;
den so in die höhe gesprungenen Prajäpati in der gestalt eines ri9ya-
thieres am himmel sehend nennen alle leute „das wild" (miiga). Das
in der mitte zwischen den gestirnen Rohini und Ardrä stehende gestirn
Mriga^irsha (antilopenkopf) sehen sie dafür an, d. h. es (das wild) ist
ein gestirn geworden. Der Rudra nun aber, welcher der wildjäger, der
1) Ich darf nicht unterlassen zu bemerken, dass Zacher die liier besprochenen
gebrauche auf einen der legende von der heil. Genovefa zu gründe liegenden mythos
bezogen ; die ausdrücklich hervorgehobene turpitudo sordidissinia , die mit der cervula
getrieben wird, sowie die unzüchtigen lieder Hessen mich die beziehung auf unsern
mythos vorziehen. Immerhin können aber beide in naher berührung stehen.
112 KUHN
wildvernichter, der, Kudra am himmel gesehen, war der bei den leuten
bekannte wildjäger; welclies die tochter, die rotlie, die rothfarbige anti-
lope war, diese wurde am himmel das gestirn Rohini, was aber der vom
Rudra abgeschossene dreiteilige pfeil war, der aus den drei theilen
auika, ^alya und tejana bestand,^) das wurde der den leuten bekannte
aus drei theilen bestehende pfeil."
Der Süryasiddhänta nun, dessen Übersetzung von Burgess im Jour-
nal of the American oriental society VI. 141 ff. Whitney mit treiflichen
und ausführlichen erklärungen versehen hat, gibt uns weitere nachrich-
ten über diese Sternbilder. Whitney bestirnt dieselben a. a. o. p. 329
dahin, dass Rohini gleich dem gestirn der Hyaden, mriga oder mriga-
9irsha oder mriga^iras die von den sternen X, ^^ (/'^ gebildete gruppe
im köpfe des Orion und mrigavyädha, welcher auch schlechthin lubdhaka,
der Jäger, heisst, der Sirius sei. Der dreitheilige pfeil findet sich im
Süryasiddhänta nicht; ein blick auf die Stellung des Sirius = mrigavyä-
dha 7Ami mriga^irsha und der rohini macht es sehr Avahrscheinlich , dass
die drei sterne im gürtel des Orion, möglicherweise aber auch die drei
dunkelen , die das schwert bilden , damit gemeint waren ; ersteres nehmen,
auch die herausgeber des petersburger Wörterbuchs s. v. ishu an. Auch
germanische bezeichnungen des Oriongürtels haben die dem pfeilschaft
verwante Vorstellung eines stabes, vgl. Grimm, myth. 689. Die gestirue
Rohini und Mriga^irsha gehören ausserdem zu den nakshatras oder Sta-
tionen der mondbahn, die Weber in zwei umfassenden abhandlungen
behandelt hat, aus denen ich noch die namen „herz des Prajäpati" (pra-
jäpater hridayam) für die Rohmi und „die drängenden, treibenden"
(invakäs) sowie „die blinde" (andhakä) für mriga9irsha entnehme. (Weber,
nakshatras 2, 370). Dass die namen dieser Sternbilder nebst der sich
daran knüpfenden sage auch noch der epischen zeit geläufig gewesen
seien, geht aus einer stelle des Mahäbhärata (3, 16020), die Weber
anfükrt, hervor. Rävana will die Sita entführen und lässt darum den
Marica sich in eine antilope verwandeln (ratnayringo mrigo bhütvä rat-
nacitratanüruha : wenn du eine antilope mit edelsteingeweih und edel-
steinbuntem feil geworden), und so das verlangen der Sita nach ihrem
besitz erwecken, die darauf den Räma zur jagd auf das thier antreibt;
er nimmt bogen und köcher und verfolgt es „wie Rudra die sternanti-
lope" (anvadhävan mrigam rämo rudras tärämrigam yathä). Noch eine
1) spitze, Schaft und schärfe, Haug übersetzt shaft, steel aud point, vgl. Ait.
br. 1 , 15 , wo ausser denselben bestandteilen noch die parnäni , das gefieder , genannt
werden, die drei theile sind daher hier wol spitze, schaft, gefieder, wie auch Säyana
zu der oben s. 96 aus dem ^atap. brähm. angeführten stelle erklärt (patradäru9al-
parüpävayatrayopetene' shunä).
DER SCHÜSS AUF DEN SONNENHIIISCH 113
andere erinnerung an den mythos hat sich in der epischen sage erhal-
ten, wo erzählt wird, dass Pändu einst einen rishi, der sich in der
gestalt eines mriga mit einer mrigi begattete , erschoss , worauf der rishi
über ihn den fluch aussprach , dass ihn der tod in gleicher weise ereilen
solle. P^ndu enthält sich deshalb des Umgangs mit seiner gemahlin,
da er aber um zum himmel zu gelangen männlicher nachkommen bedarf,
so heisst er sie mit den göttern Dharma , Väyu und Indra Umgang pfle-
gen, und sie bringt ihm so die söhne Judislithira , Bhimasena und Arjuna
(Vgl. die nachweise im Petersburger wb. s. v. Kunti, namentlich
Mahäbh. 1 , 4562 ff.)
Wenn wir nun diese Sternbilder au einer stelle des himmels linden,
wo auch die Griechen eine jagd sahen, so wird man das doch nicht dem
blossen zufall zuschreiben können. An der stelle des antilopenkopfes der
indischen Überlieferung finden wir nämlich den köpf des Orion, des
bekannten Jägers , der selbst in der unterweit noch dem waidwerk nach-
hängt; seine jagd galt, nach den verschiedenen Überlieferungen, bald
dem grossen baren , bald den plejaden , bald dem löwen oder dem hasen ;
der allgemeine ausdruck für die ganze stelle des himmels war „ die jagd."
(Eratosthenes Cataster. .34. AayLoög, • oirvöi^ laxiv b Iv xri 'Aalov/tievt]
xvvrjyla eiged-elg. vgl. Voss Arati phaen. .326 — 31) und dem Jäger waren
noch zwei hunde (man denke an die zwei hunde als gewöhnliche beglei-
ter des wilden Jägers und an die hunde des Rudra, oben s. 100), der
y.vcov und der yrgoxkov beigegeben. In der indischen Überlieferung ist
das bild etwas anders gewendet, denn an der stelle des hundes (Sirius,
canis major) steht der jäger, während der antilopenbock den oberen tlieil
des Orion , die rohini dagegen die rechts daran angränzende gruppe der
Hyaden bildet, während die gruppe zur linken des Orion den an die
Hyaden erinnernden namen ärdrä , die feuchte , führt. Dies sternbild ärdrä
führt auch den namen bähu arm, oder bähü , die beiden arme, was
Whitney a. a. o. auf die beiden vorderfüsse des antilopenbocks beziehen
will, was nach dem Sprachgebrauch allerdings ebenfalls möglich ist;
doch wäre dann der köpf kaum im annähernd richtigen verliältnis gedacht.
Indess mag das dahingestellt bleiben; bemerkenswerth ist aber noch,
dass die nebengestirne der ärdrä oder bähü den namen „die jäger" (mri-
gayavas) und „ der treftschuss " (vikshäras, nach Säyana vi^ishto lakshya-
vedhas, eine ausgezeichnete durchbohrung des ziels) führen (Weber , uaksh.
2, 387). Bei dem namen „die blinde" (andhakä -= mriga9irsha) wird
man lebhaft an die Wendung des Orion erinnert, da diese sterne den
köpf desselben bilden , sowie daran , dass Odhin in dänischen und schwe-
dischen sagen als ein blinder riese auf einer einsamen insel oder in einer
felsenhöle verzaubert sitzt. Ferner fülirt dus mriga9irsha auch den
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. 8
114 KÜHN
nameii iiivakäs (s. o. s. 112) „die drängenden," (doch kommt daneben auch
ilvakä und ilvalä vor). Wenn nun der bei den Griechen zu füssen des
Orion stehende hase lebbaft an die hasenjagd auch unseres wilden Jägers
erinnert, so könnte man bei „den drängenden" auch wohl au die glos-
sen eburörmig, eburöring u. s. w. denken (Grimm, myth. G8y), durch
Avelche Orion übersetzt wird, und, sofern das wort richtig als „eberhau-
feu" gefasst wird, an die eberjagd des wilden Jägers erinnern. Denn
dass derselbe nicht immer blos einen eher, sondern auch eine ganze
heerde jagend gedacht wurde, geht aus den sagen hervor, die von mir
in den westfälischen sagen 1, 324 ff. besprochen sind.
Aber noch ein umstand ist zu erwähnen, der auch den heiligen
Hubertus in directe verbindmig mit dem hundsgestirn zu setzen scheint.
Wenn dies gestii-n zuerst in der morgendämmerung erscheint, so bringt
es bekanntlich die heisseste zeit des Jahres, die nach ihm genannten
hundstage, mit sich, und man sah daher die hundswut als seine wii'-
kung an. Plin. 18, 68. Sentiunt id maria et terrae, multae vero et
ferae , ut suis locis diximus. Neque est minor ei veneratio quam descrip-
tis in deos stellis. accenditque solem et magnam aestus obtinet causam,
id. 2 , 40. Canes quidem toto eo spatio maxume in rabiem agi non est
dubium (vgl. Preller , gr. myth. 1 , 355 f.). Was von dem hunde galt,
wird daher auch ursprünglich von dem gotte , dem er zugehörte , gegolten
haben, und wir wissen ja, dass Kudra, eben jener mrigavyädha, thieren
und menschen allerhand seuchen sendet, dass er aber auch die heilmit-
tel dagegen besitzt. Der heilige Hubertus wurde nuu und wird noch als
Schützer gegen die hundswut verehrt; nach der legende hatte ihm näm-
lich ein engel eine stola und einen goldenen Schlüssel vom himmel
gebracht und ihn dadurch zum nachfolger des heiligen Lambert auf dem
bischöflichen stuhl zu Lüttich bestimmt. Die eisen nun , mit denen man
die wunde, die der biss eines tollen hundes hervorgebracht, ausbrannte,
wurden gesegnet, und mau nannte sie hubertusschlüssel. Sie wurden und
werden unter diesem namen noch in mehreren kirchen aufbewahrt. Einem
frommen jägerglauben zufolge sind ferner die hunde , die mit eüiem sol-
chen Schlüssel auf der stirn gebrannt werden, vor der schrecklichen
krankheit sicher.
In Köln und anderswo trägt man am tage des heiligen kleine riem-
chen weissgegerbten und mit rother färbe bespritzten leders am knopfloch ;
manche tragen sie auch stets bei sich als ein mittel gegen wütende hunde
und überhaupt gegen wütende thiere. Endlich wird auch die zu Andain
aufbewahrte stola des heiligen zu gleichem zweck benutzt, indem sich die
Wallfahrer die stirnhaut einritzen und in die wunde eine pai-tikel derselben
legen, was als das kräftigste heilmittel gegen alle wilden thiere gilt.
DER SCHtTSS AUF DEN SONNENHIRSCH 115
(Wolf, beitr. 1, 146. Reinsberg - Düringsfeld , Calendr. Beige 2, 242 f.).
Hiernach scheint also auch der heilige Hubertus oder vielmehr sein Vor-
gänger Wodan als Sirius seine stelle am himmel gehabt zu haben.
Versuchen wir nun zum schluss eine deutung des mythos. Wir
haben bereits oben gesehen, dass sowol im Prajäpati als im Fro der Son-
nengott erkannt werden müsse und dass somit der mythos, wie es in
einzelnen sagen noch deutlich durchblickt, von einem schusse des wilden
Jägers auf die sonne handelt. Die Verwundung des thieres kann also
nichts als eine lähmung oder Schwächung der kraft des tagesgestirnes
sein, die sich als eine dreifache denken lässt, entweder wird die sonne
durch wölken verborgen, oder durch die nacht, oder ihre kraft nimmt
ab, indem sie sich auf ihrer bahn von der Sommersonnenwende zu der
des winters bewegt. Die erste erklärung anzunehmen, hindert uns die
in den indischen nachrichten unzweifelhafte beziehung auf die Sternbilder,
für die zweite dagegen lässt sich erstens geltend machen, dass bei der
begattung des antilopenbocks mit der rohini die letztere von der indi-
schen, bereits alten Überlieferung als himmel oder Ushas erklärt wird;
die sonne vermählt sich also mit dem himmel oder der Ushas , die , wie
es zuweilen geschieht, auch die abendröthe bedeuten kann: dann zwei-
tens, dass aus dem zurückgebliebenen, mit feuer durchgiühtem samen
des Prajäpati, in dem man doch kaum etwas anderes als den mit feuer-
glut übergossenen morgen- oder abendhimmel erkennen kann, eine neue
sonne (äditya) und überhaupt alle Sonnengötter (ädityäs) , sowie alle son-
stigen leuchtenden wesen, namentlich auch die als sterne glänzenden
Augirasen sowie Bhrigu und Brihaspati hervorgehen. Diese neugeburt
weist uns denn aber auch , wie mir scheinen will , unbedenklich auf die
in gluten vergehende abendsonne, die zwar von dem tödtenden pfeile
getroffen ist , aber ihren glänz nicht nur in dem gestirnten himmel fort-
leben lässt, sondern auch mit dem neuen tage neu ersteht. Die entste-
hung der menschen und der thiere aus diesem glutsamen schliesst sich
daran an, in sofern der lebensfunken nach uraltem glauben nicht nur
vom himmel stammt, weshalb auch Prometheus ihn von dort herabholt,
sondern auch ebendahin zurückkehrt. Auf die gleiche auffassung von
der vernichteten und neu erstehenden sonne bei den Germanen weisen
denn auch andere züge, wie ich meine, deutlich hin. Die Hackelberg-
sage lässt den wilden Jäger einen eher erlegen, durch dessen verwun-
denden zahn er nachher selbst seinen tod findet. Der eher ist aber wie
der hirsch das thicr des Freyr, thier und gott fallen der ältesten zeit
zusammen, Wodan als nachtjäger vernichtet also die sonne. ^) Daran
1) In diesem zusammenhange scheint es doch nicht so unerlaubt, den eher
der von Notker angeführten strophen als den des Freyr anzuerkennen und so erklärt
8*
116 KUHN
schliesst sich nach meiner ansieht der mythos vom nordischen Saehrim-
nir , in welchem ich das erlegte thier sehe ; Odhin und seine helden ver-
speisen es, ursprünglich nur zur nachtzeit, und immer wächst er wider;
der sonneneber kommt täglich wieder neu herauf. Eine andere Ver-
sion, welche doch auf eins hinausläuft, lässt die zwerge, das im abend -
und morgenroth schmiedende volk der väter, den eher wieder herstel-
len; sie weiss nichts von seiner erlegung, erzählt aber wie Sindri eine
Schweinshaut ins feuer wirft und den goldborstigen eher hervorzieht, den
nachher Freyr erhält. Skaldsk. 35. Diese auffassung stütze ich nament-
lich durch die gleichstehende sage von der durch das nachtvolk verspeis-
ten kuh. Die kühe, schon bei den Indern bald als wölken, bald als
strahlen erklärt, sind ursprünglich, wie ich durch mehrfache gründe
nachweisen kann, hauptsächlich die lichten wölken des tageshimmels, die
mehrfach gradezu in sonnengestalten übergehen, wie namentlich die 350
rinder des Helios zeigen, die in abgerundeter zahl die tage oder sonnen
des mondjahres darstellen. Dass sie dann auch zu regenspendenden wöl-
ken werden , ist natürlich und zeigt sich vielfach in mythen und gebrau-
chen. Das nachtvolk schlachtet die kuh und am morgen ist sie , da haut
und knochen unverletzt geblieben (der dunkle nachthimmel mit den
weissgiänzenden sternen) , wieder neu belebt da. Das nachtvolk ist aber
nur eine andere gestalt des wilden heeres und der bezug des rindes auf
die sonne ergibt sich auch daraus, dass es dem Freyr heilig war und
dass es selbst seinen namen Freyr trägt. So fasse ich jetzt auch die in
der Zeitschrift f. vgl. sprachf. 4, 113 von mir besprochene sage von den
indischen Ribhus , die wie sie ihre alt gewordenen altern himmel und
erde über nacht wieder jung machen , auch aus der haut eine kuh bil-
den. Den gleichen gedanken sprechen endlich auch die sagen aus, nach
welchen der wilde Jäger pferdekeulen als braten herabwirft, denn in den
vedischen liedern schon und zahlreich in den brähmanas tritt die sonne
als ross auf, und aus dem opfer dieses sonnenrosses ist das grosseste
indische opfer, das rossopfer (a9vamedha) hervorgegangen. Wie die
erlegung von sonneneber und sonnenrind am abend, wird die deutsche
Vorstellung daher auch die des sonnenrosses gekannt und es den wilden
nachtjäger einst haben jagen lassen, und nachdem er es erlegt, wird er
sich mit seinen genossen daran erlabt haben, wird auch denen, die ihm
jagen halfen , zum lohn ihren braten herabgeworfen haben. Eine dunkle
erinnerung dieser Vorstellung zeigt noch der oben beigebrachte dänische
name des wilden Jägers, hossejaveren = horsejageren , dem ich jetzt auch den
sich denn auch der gebrauch des praesens zur genüge. Vgl. MüUenboff und Scherer,
denkmäler s. 320.
"DER SCHUSS AUF DEN SONNENHIRSCH 117
früher von mir anders erklärten namen des hassjägers , wie der wilde Jäger
im hildesheimischen heisst, anreihen möchte (nordd. sag. n. 281 vgl. s. 500).
Wenn wir nun aber auch nach den vorstehenden auseinandersetzun-
gen annehmen dürfen, dass die erlegung des thieres ein ausdi-uck für das
verschwinden der sonne am abend sei, so ist doch der mythos damit
noch nicht in allen seinen punkten erklärt, es bleibt in der deutschen
sage der umstand zu erklären, warum das thier an einem sonn- oder
festtags) gejagt wii'd, in der indischen der, weshalb die ganze scene unter
die Sternbilder am himmel versetzt wurde. Verbinden wir beide umstände,
so kommen wir zu der erklärung, dass der schuss an einem der für die
Sonnenbahn entscheidenden tage, der als festtag galt, statt fand und
das wird denn der der sommer- oder Wintersonnenwende gewesen sein.
Hatten wir nun aber recht, den schuss als eine lähmung der kraft des
Sonnenwesens aufzufassen, so könnte zunächst nur die Sommersonnen-
wende gemeint sein , denn mit dem eintritt der Wintersonnenwende beginnt
ja wider die zunähme des lichtes und der wärme. Und das scheint mir
auch der ursprüngliche gedanke gewesen zu sein , der aus derselben Vor-
stellung entsprang , nach welcher Herakles , als ihn auf seinem zuge nach
Erytheia Helios zu heiss brannte, den bogen auf ihn spannte, wofür
ihm der gott, der seine kühnheit bewunderte, den sonnenbecher schenkte.^)
Darauf deutet doch auch wol unzweifelhaft der glaube, dass der heilige
Hubertus die hundswut zu heilen vermöge, und die mit rother färbe
besprengten Stückchen weissen leders wurden doch wol einst als der
haut des erlegten thieres angehörig, oder sie vertretend, angesehen.
Aber die entwicklung des gedankens scheint dann weiter dahin gegan-
gen zu sein, dass das endliche resultat des Schusses, die scheinbare Ver-
nichtung der sonnenkraft am jahresschluss , die erlegung des thieres erst
auf die Wintersonnenwende verlegt wurde , in die zwölften , wo die sonne
vollständig zu ruhen scheint, weshalb sich nach allgemein germanischem
glauben dann kein rad drehen darf. Mit dem aufhören dieser zeit tritt
die Schöpfung in neues leben, da wird dann aus dem samen des Prajä-
pati der neue Aditya, da werden seine übrigen elf genossen geschaffen.
Dieser gedanke muss den Indern und Germanen schon gemeinschaftlich
1) Wenn in den oben mitgeteilten sagen neben sonn- und festtag im allge-
meinen noch besonders der charfreitag oder ostertag genannt wird, so scheint mir
doch darauf bei der erklärung des mythos kein gewicht zu legen , da die aixsstattung
des hirsches mit dem kruzifix in der christlichen sage leicht grade auf diese zeit
führen mochte.
2^ ApoUod. '2, 5, 10. I^tnuaivöiutrug Jf vno 'J/ki'ov xaia zt]V no^tCnv , xo
To^ov inl röv d-sov ivhfivtv ' 6 <^h jriv dvti^iiav ctvzov ßavjUKffag /Qvaeov eSujxe
(f^nag, iv cp tov 'ilxfavor ^tiniquas. Vgl, Pherekydes b. Athen. XI p. 470. C.
118 KUHN
gewesen sein, denn das sternbild Mriga9irsha ist dasjenige, in welchem
der volle niond im danach genannten monat märga^irsha erscheint und
dieser entspricht unserem november-december, die vermummungen in
hirsch und binde und die mit ihnen geübte turpitudo (s. o. s. 109) fallen in
oder ad calendas Januarii , mithin um die zeit der zwölften , die mit dem
ausgang des märga9irsha zusammenfällt, wobei noch zu berücksichtigen
ist, dass auch der uame des folgenden monats in Indien mit unserem
m^thos in augenscheinlichem Zusammenhang steht, indem er Taishya
heisst, nach einem schützen Tishya, der zugleich als stern am himmel
stand und dem altbaktrischen Tistrya, welches der Sirius ist, gleichsteht
(vgl. Weber naksh. 2, 290 u. Spiegel Avesta 3, XXI f.); Tishya erscheint
aber auch ausdrücklich als beiname des Kudra, so dass also beide auf-
einander folgende monate, von denen der erste den herbst schliesst, der
zweite den winter anfängt, den namen jener vom sternbild des hir-
sches oder antilopenbocks , dieser vom Jäger tragen und mithin die
erlegung des thieres offenbar in diese zeit, d. h. in die unsrer zwölften,
verlegen.
Fassen wir nun die resultate unserer Untersuchung noch einmal
kurz zusammen , so ergibt sich , dass Indern und Germauen ein mythos
gemeinsam war, nach welchem der als hirsch oder hirschähnliches thier
auftretende Sonnengott von dem ihn als jäger verfolgenden sturmes- und
nachtgott, der noch übereinstimmend der wildjäger oder wilde Jäger
genannt wird, verwundet oder erlegt wird. Wahrscheinlich erscheint,
dass dies geschieht , wenn er sich mit einer göttin , die dem leuchtenden
götterkreise angehört, vermählt und vermuthlich ist diese der abend-
himmel oder die abendröthe. Wahrscheinlich ist ferner, dass die Ver-
folgung schon mit der Sommersonnenwende beginnt und endlich mit der
Wintersonnenwende, wo sonne und heller himmel in gemässigten und
nördlicheren gegenden meist verschwunden sind, ihr ziel, die erlegung
des thieres, erreicht. Sicher ist die Versetzung der im mythos thätigen
gottheiten unter die Sternbilder bei den Indern, sehr wahrscheinlich bei
den Griechen, nur dass sich nicht volle Sicherheit über das gejagte thier
ergibt; kaum abweisbar ist auch bei den Deutschen die gleichstellung
des heiligen Hubertus mit dem indischen sternbilde mrigavyädha als Sirius,
so dass wir bei allen drei Völkern die kenntnis des sonnenjahrs vor ihrer
trennung voraussetzen dürfen und dass sie das leben der im jähre wal-
tenden götter mit dem eintritt der sonne und des mondes in bestimte
sternbUder in Verbindung brachten. Dieser entwickelteren Vorstellung
vorangegangen ist offenbar die ältere, wonach das sönnenthier, eher,
rind, pferd, allabendlich von den nachtgeistern erlegt oder geschlachtet
und aus haut und knochen wieder neu geschaffen wurde. Diese vorstel-
DER SCHUSP AUF DEN SONTJENHIESCH 119
lung konnte hier nur kurz angedeutet werden und soll seiner zeit in ihrer
ganzen ausdehnung dargelegt werdeh.
Schliesslich muss ich noch zwei punkte obenhin berühren. Der
eine ist der, dass Wuotan = Odhin uns in diesem Sagenkreise zum theil
in ganz anderer gestalt erscheint, als er uns in den altnordischen gedich-
ten entgegentritt, dass aber die heutige volkssage des nordens uns im
ganzen dieselbe gestalt bietet. Die Übereinstimmung beider, selbst in
kleinen zögen, gibt uns die gewähr ihrer echtheit und ursprünglichkeit
und die Übereinstimmung mit dem indischen mythos zeigt, dass sie die
ältere entwicklung bewahrt hat, aus der erst die der eddischen lieder,
die zum theil sein wesen ganz umgestaltet hat, hervorgegangen ist.
Der zweite pnnkt ist die bedeutung, welche durch unsere verglei-
chungen die mythen der brähmanas gewinnen. Man hat diese bisher oft
als reine erfindungen oder als blosse zusammenfügungen einzelner andeu-
tungen vedischer lieder bezeichnet. Theilweise sind sie gewiss sowol das
eine wie das andere. Hier tritt uns aber ein mythos entgegen , von dem
im Kigveda , wenigstens soviel ich weiss , nichts weiter erscheint , als die
oben s. 96 mitgeteilte strophe (Rigv. 10, 61, 7), „als der vater seine
tochter beschritt, sprengte er bei der begattung seinen samen auf die
erde." In den brähmanas tritt uns nun aber ein vollständiger mythos
entgegen, der durch seine Übereinstimmung in dem hauptinhalt mit der
deutschen sage zeigt, dass sein Inhalt ein urindogermanischer ist, und
dass die andeutung im liederveda die kenntnis dieses mythos als bekannt
voraussetzt, dass aber die erzählung der brähmanas nicht etwa erst aus
dieser andeutung zusammen gestoppelt ist. Wir dürfen daher die mittei-
lungen der brähmanas durchaus nicht als reine erfindungen und combi-
nationen aus den andeutungen der lieder ansehen, sondern müssen ihnen
durchaus eine erhebliche bedeutung neben den liedern zugestehen. Sie
enthalten die unzweifelhaft neben den liedern einhergehende, allerdüigs
oft genug zu priesterlichen zwecken umgestaltete volkssage und sind des-
halb mehrfach von ebenso grosser bedeutung als jene lieder.
BERLm, IM JANUAR 1868. A. KUHN.
ZUK ALEXANDEKSAGE.
I.
ZUM JULroS VALERIUS.
Zacher hat die zuletzt in Halle versammelten germanisten mit einer
editio princeps der Epitome des Julius Valerius begrüsst , und dies
geschenk war bei der bedeutung, die das genannte werk für die mittel-
alterliche Alexanderdichtung, auch für die deutsche hat, wol angebracht
120 W. WACKERNAGEL
und wogen der ait, wie die anziehende arbeit liier erledigt worden,
doppelten dankes wertli. Ich möchte, was mich betriflft, die dankbarkeit
durch einen nach zwei selten hin gerichteten bei- und nachtrag zu
bethätigen suchen. ^
I.
Wie Zacher auf s. 111 flg. der Epitome und schon vorher in seinem
Pseudocallisthenes s. 33 flg. bemerkt hat, ist der ursprüngliche, noch
unverkürzte text des Julius Valerius nur in zwei oder drei handschriften
bis auf uns gelangt, einer Pariser des vierzehnten, einer Mailänder des
neunten und einer Turiner schon des sechsten oder siebenten Jahrhunderts,
nur ist gerade diese älteste durch die kaum absichtslose Verschuldung
Angelo Mais völlig unlesbar geworden und eigentlich vernichtet. Wie
sich aber von selbst versteht , hat es einst der handschriften mehr gege-
ben, und wirklich auch besitzt die mittelalterliche samlung zu Basel in
ihrer palseographischen abteilung (1 , 28) wenigstens noch ein l)ruchstück
einer vierten. Es besteht dasselbe aus zwei zusammenhängenden perga-
mentblättern , zwischen denen jedoch zwei andere fehlen ; das format ist
ein kleines folio, die band eine feste, saubere des elften Jahrhunderts,
abkürzungen nicht selten , aber lauter übliche.
Im sechszehnten Jahrhundert muss dieser Julius Valerius noch voll-
ständig beisammen gewesen sein: ich schliesse das aus den randbemer-
kungen, die damals zwei bände den Worten leui uherif (III, 12) bei-
gegeben haben, zuerst die eine f. leuis vberibus, darunter sodann die
andere rede Iceui uheris. Im siebzehnten aber war die handschrift
bereits zerstört, und es diente dies doppelblatt, von dem nun auch oben
ein stück weggeschnitten wurde, als Umschlag amtlicher schriftsachen :
auf einer leeren stelle der ersten seite steht wider von damaliger band
JDlenhcimifclie Almufen Rechnung. Dienheim liegt in der Eheinpfalz,
unweit Oppenheim.
Das vordere blatt beginnt mit den Schlusszeilen des zweiten buches :
gern (so) et marito clignum foret, id enim uxore faciente nichil fore quod
magif eJJ'ct alexandro placUurum. Atque hif ita inftitutif et facti/
ordinatoque omni regno perfarum in posum ducit exercitum. Hierauf
ein freier räum von dem maasse zweier zeilen, welchen nun jene dien-
heimische aufschrift füllt , und mit einem roth gemalten grösseren Ä der
anfang des dritten buches: Aquarum que indigentissimas u. s. w. : also
die gleiche lückenhaftigkeit hier wie in dem texte von Mailand und in
dem zweiten worte noch eine entstellung, in dem dritten aber eine berich-
tigung desselben. Die weiteren abweichungen sind folgende: als grund-
lage der vergleichung nehme ich Mais zweite ausgäbe, Classic, auctorum
tom. YII, pg. 169 sqq.
ZUM J. VALERIÜS 121
B. in, c. 1, z. 3. examnihu/ — falangia 5. coUoqtiia 6. ad
perfarum (wie Mais handschrift: er selbst mit unnöthiger änderung ad
Fersas) 8. grelle 10. infeftibuf 11. bellica — urgeretur
13. cupidinif 14. fi tarnen 18. eontionatur. Vnuf mihi deni-
que est 22. 23. habeto 23. 24. eorumque {bella fehlt) decreftif
25. adteßimini nichil
2 , 3. uictoria ediixerim Hiemit scUiesst die Vorderseite des ersten
blattes ; die rückseite beginnt mit
2, 14. 15. tantem aur,ej' idem — iiobif ita 16. foUtario
17. ita sane libenfque 19. inulla perictda prolabamini 22. Hif
auditif haud dubie cunctof pariter et penitentiam fatigebat. 24. fe fe
3, 2. Uteri/ 4. Incurfanti tibi infeftantique 5. mee — dico-
que ufique (aus tibi geändert) 6. nicJiil 7. arguere — adcausa
8. hortari que 10. iuuari aut afpirauerit 12. g-w^s fehlt; e^
mdli 13. Quippe qui non 14. uerum deof etiam 15. audatiam
18. inrumpentem 20. i^e a&/re 22. gentibuf urbibufque ad illa
muri 23. si grecia ueftra nobif 24. gwo wa^o/ subacta indif (mit
a und b aus indif fubacta gebessert) 25, wo?*i/ eft die letzten worte
dieser seite und des ersten blattes. Das zweite beginnt jetzt mit
11, 9 — 12. mortuof fed et eof numerari non oportere quoniam
iam effe definant quippe pluref pronunciari oportere eof quof uideaf
quam illof fcilicet quof neque oculi ulli uel neque ratio confpicentur.
Poft querit ex alia 13 — 16. morf. Vitam effe refponfum eft. quod
folif quoque ferventior orientif uigor. marcentior uero uiferetur occiduuf
ortum que Jiominif effe quo uiuitur contraque 17. spatiosius fehlt.
18. mare fehlt; continetur. — quonam (aus quenam geändert) 19. beftiä
20. pronunciant 21. inlexiffet 22. eaque aliif 24. 25. 27. quid
perinperium fibi — iniufta audatia (wie auch die Mailänder hand-
schrift: Mai ändert abermals ohne noth) 28, 29. nichilque cunctanti
— ordi dine 31. forciantur. — nata fehlt.
12, 1. fcifcitare 2. 3. eft de eo quod omniuidenf 5. etiam
fehlt. 7. permixtio — Icuarem mage parcium (so mit a und b aus
parcium mage gebessert) 8. lactorum geändert in lactarum 10, 11.
religioni — preferre leuaf. Mit quid sihi schliesst die Vorderseite die-
ses zweiten blattes; die rückseite beginnt mit
13, 5, 6, Jioc ortif flabrif inpellentibuf cederent. gigni quif
7, quanta funt 8. Nichil 9, repperiaf qui cunctif actif — caufa
11. fed quod 13. quicquid de labore profecero. 15, 16. fortuna-
rum que difpar ratio glorie que 17. modof 18. defiderari —
promtior 18. 19. hominis fehlt. 20. Punkt vor Desideratorum
122 W. WÄCKERNAGEL
21. ceddere 28. condicionem 24. metiuntür. — uelleßhi 25. penef
26, trän/mittat ad ceterof.
14, 1. 2. Hif talibufqiie fe fe timc alexander öblectauiffent exi-
miter 3. inuiif loci/ indicaf afperitate 4. De quo Idbore hoc (das
D grösser und vorgerückt 5. uti uel maximo 6. 7. eique literdf —
Opere precium 8. 9. g'^t^ ci*m una tcllerauerint 9. Punkt vor Fer
literaf 10. incefßm. Nam cetera 11. hracmanaf 12. par-
/mce gebessert aus perfiace 13. 14. Sclüuss des bruchstückes mit
den Worten Situf fitidocl arduuf et ad proniunctoria.
Ohne den werth dieser blätter aus irgendwelcher Vorliebe höher
anschlagen zu wollen, als sie verdienen (sie strotzen von den fehlem
eines kenntnis- und gedankenlosen copisten), glaube ich doch, sie ver-
dienen , zumal handschriften des Valerius so selten sind , berücksichtigung.
Und an mehr als einer stelle verbessern sie falsche oder bestätigen sie
richtige lesarten der Mailänder handschrift, und auch wo sie mit unrich-
tigen zusammenstimmen, hat das für die geschichte und die kritik des
textes seine brauchbarkeit.
Die ausgäbe C. Müllers im Arrian von Dübner habe ich bei vor-
stehender vergleichung nicht mit herzugezogen, weil nii-gend ersichtlich
ist, inwieweit ihre abweichungen von dem Maischen texte, welchen sie
doch der hauptsache nach zum gründe legt, auf der Pariser handschrift
oder aber auf freier emendation beruhen.
n.
Auch von der Epitome hat die Basler mittelalterliche Sammlung
(Pateogr. 1 , 59) ein bruchstück , ebenfalls nur zwei pergamentblätter in
kleinfolio : aber es steht auf denselben mehr als auf den unter I. bespro-
chenen, sie ersti'ecken sich von I, 41 bis 11, 20: die schrift ist eine
zierlich kleine und sehr eng gehaltene, darum auch in zwei spalten
gebrachte des zwölften oder vielleicht erst des dreizehnten Jahrhunderts.
Es sind diese blätter früherhin als einband, ich weiss nicht Avelches
bucheS; verwendet gewesen: dabei ist von beiden ein nicht unbeti'ächt-
liches stück oben sowie von der äusseren spalte des zweiten der gan-
zen länge nach die hälfte verloren gegangen. Der jetzige Inhalt der acht
spalten ist: bl. 1, sp. a. exitits Zacher 34, 7 — qui in 36, 1; sp. b.
igitur 36, 13 — infit 38, 6; sp. c. fos et eius 38, 17 — excidimus
40, 6; sp. d. fumenda 40, 19 — exer- 41, 28; bl. 2, sp. a. improho
42, 13 — infeftus 44, 5; sp. b. ohiecit 44, 18 — expectare 46, 11;
sp. c. cedenta- 47, 7 — uidenfque 48, 20; sp. d. Lamentattone 49, 12 —
tandem 51, 1. Folgendes die abweichungen von Zachers ausgäbe; die
erheblicheren schliessen sich zumeist entweder an H oder an L an.
ZUM J. VALERIUS
123
34, 12. animoßis 14. conpreliendit 16. ponti mit oben nach-
getragenem ti 17. quos hellum inditos 21 ac contracto fehlt.
35, 2. adfcamandrium 3. ut 4. locü 5. acquifitis 6. .cte.
ohne wiZia 8. i'Waw fehlt; rex milesfiue grecus 11. Von hier an
längs dem rande mit rother schrift De expugnatione theharum. 14. ius-
sere fehlt. 16. ad JiaecJ hec et mit a und h umgestellt. 17. 0 fehlt.
18. helU.
36, 14. Jwc carmine 15, marcium 17. euaferant 19. Mr&em
redintegrare ohne /a^a 20. hiikifcemodi
37, 3. aggreditur 4. foUempne 5. alexander uti 7. mwwe-
rare^ aus numeraret gebessert. 8. dithomacus 11. m6e^7 *w(le^
12. »Hc7*i7 omnium foret 13. negare 15. g^tis esse^ nomine fehlt,
aber es heisst 16. gwew we 16. cUtomacum 17. dediffe. Addi-
ditque 19. imperante] tempore 20. intelligens 21. 2^^^ fehlt,
precone iubet redifficari
38, 2. inuenerat cUiitJ fuit 3. /^^ 5. «(/i^?fr fehlt. 6. hin-
ter Mi/?^ roth Epistoha alexandri. ad athenienfes. 18. o fehlt. 20.
Ulis te fcrihit
39, 3. noftrlf iuffis 6. hinter poteritis roth Ora^^o efchinis.
Darauf absatz und grösseres rothes Q 7. cetum 9. wie/«? 11. i^re-
ceptif ohne gtte 14. a/A^w^ arißotilis 15. reuerentiam condignam
18. heniuolentiam 19. «6 fehlt, efchines 20. hinter exorituR roth
Onatio demadis. dann absatz und" grösseres rothes ^ 21. timiditate
22. <2'Mi femper
40, 1. 2. ^wm ciMM o?^w 2. persuaseris fehlt. 3. iw fehlt.
4. aciemque ue 5. gt^ia uertimus lacedemoniaf — chorinthios.
6. mcinctiofque 21. FA«s ewiw (das weitere bis temperatissima weg-
geschnitten). 23. 24. weg'MC aurum contemplationem prefenti commodo
negligendum.
41, 1. w^ j)M^e 3. fumenda — inprohanda 4. demoftenes
u. s. f. 7. assem^ wf^^^fe fehlt. 12. plateas 13. infinuantque
mandata fuaßonem demoßinis. 15. hinter te?m roth Litter e alexandri
ad athenienßs. darauf absatz mit grösserem rothem S 16. coMhendo
19. inohedientie 20. /WttcZ 22. uno — marcioquc — menia
24. hoßica oßentatio 27. Cumque 28. am fuss der spalte roth
Profectio alexandri in lacedemoneß
42, 14. iufßt — militis. 20. ßmper ammirari 21. exiatruf
43, 2. fm hostis. 3. we ducihus 5. uendicantem aus uindi-
cantem gebessert. 5. 6. omnef incitat. 10. cignum non nullif
11. magnitudinem — rigorem pcruium fhimen 13. /e/e cw/n armif
14. /wc factum 15. ^mwc fehlt. 17. neniorum — ut mox exfpirabilis
12'4 \V. WACKERNAGEL , ZUM J. VALERIUS
45, 1. adconpre (das übrige abgeschnitten), 3. cattfam S. ß
niecum fortima magis (der schluss des Satzes weggeschnitten) 13. pri-
mum 18. uiri
46, 1. maiorif 4. inter nuntio 7. quij Et 9. sese] fe cffe
47, 7. cedenta- (schluss weggeschnitten) 12. pocula noftra
ahlata 15. hintev principihiis weggeschnitten, dann que fuos conui-
uio — quodcunque 19. fedata eft [mitigata — regis weggeschnitten)
Silentium ohne que
48, 3. fe fibi 8. confulit 16. ihij fibi
49, 13. hinter modum roth Epistola darii. ad alexandrum. Absatz
und grösseres rothes D 14. Conpetentiuf — miferationem 15. Uli/
18. benivolentie
50, 4. w die Hinter talia roth Epistola darii. ad porum regem
indorum Sodann absatz und grösseres rothes 31 6. michique 11.
hucefidam 12. accideratque 13. m fehlt. 14. Von hier an längs
dem rande roth De interfectione darii. 22. Itaqiie
BASEL. W. WACKERNAGEL.
LITTERATUR.
Wilhelm Scherer. Zur geschichte der deutschen spräche. Berlin. Franz
Duncker 1868. 492 selten.
Der Verfasser des vorliegenden buches hat sich die aufgäbe gestellt, die eigen-
tümlichkeiten, durch welche sich unsere spräche von ihren Schwestern unterscheidet,
zu schildern, den Zusammenhang dieser eigentiunlichkeiten unter einander aufzudecken,
und auf die motive in charakter und geschichte des deutschen volkes hinzuweisen,
welche diese und keine andere gestaltung der spräche hervorgerufen haben. Den
ablaut rechnet er nicht mit zu diesen charakteristischen eigeuheiten, widmet ihm aber
auf Seite 7 — 31 eine vielfach anregende besprechung. Das hauptstreben dieses
abschnittes ist gerichtet einerseits auf gewinnung chronologischer bestimmungen in
der geschichte der deutschen conjugation , andererseits auf erklärung der sogenannten
guna - erscheinungen. Dem entwurf einer geschichte der deutschen conjugation , wie
ihn der nachtrag pag. 469 am kürzesten mid klarsten aufstellt, vermag ich nicht
beizustimmen. Licht kann in diese geschichte (und, beiläufig gesagt, in die geschichte
des e und ö) erst kommen , wenn man die frage beantwortet : Warum werden die verba
nach der analogie von faran (wui-zel far) in bezug auf die vocale anders behandelt,
als die verba nach der analogie von niman (wurzel nam)? Was Scherer (pag. 15)
darüber sagt, weist uns auf den rechten weg, genügt aber noch nicht. Man gewinnt
eine wie es scheint genügendere beantwoi-tung durch genaue befolgnng der gotischen
lautgesetze. In den verbis niman bleibt das a der wurzel nur im sing, praet. erhal-
ten , also nur dann , wenn vor der Wurzelsilbe eine reduplicationssilbe abgefallen ist.
Daraus darf man die folgerung ziehen, dass die verba faran und genossen einst im
praesens reduplicierten. Ein blick auf die verwanten sprachen bestätigt diese folge-
rung. Dass Standern = altind. sthä reduplicierte , ist allgemein bekannt. FreUich
LITTERATÜR 125
ist die formation von standan nicht ganz durchsichtig. Das got. faran entspricht
dem altind. par (nicht cur) mit dem praes. inparti , pipruti. Bei vahsjan = altind.
vaksh ist einstige reduplication nicht unwahrscheinlich, (vgl. Benfey. glossar zum
Sämaveda s. v.) Andere verha wie hlahjan, slahau, sakan könnten recht wol als
intensiva mit reduplication aufgefasst werden. Dass sich die reduplication bei allen
Verben dieser übrigens nicht zahlreichen classe (Gr. 1-, 841) noch nachweisen lasse,
darf man nicht verlangen , denn immerhin ist auch möglich , dass einige verba fal-
scher analogie gefolgt sind. Wie nun das perfectum dieser verba lautete, als sie
noch im praesens reduplicierten , wage ich nicht zu reconstruieren. Das aber scheint
mir einleuchtend , dass för neben faran nur entstehen konnte , als es schon nam neben
niman gab , d. h. als sich schon die anschauung fixiert hatte , dass das perfectum im
Singular schwereren vocal habe als das praesens. Aus för nun entstand forum, das
ohne dies vorbild nicht zu begreifen wäre. Legt man, wie Scherer thut, eine form
fafarum zu gründe , so muss man feram , nicht forum erwarten. Wenn diese ansieht
über die verba faran richtig ist , so gestaltet sich bei Scherer manches wesentlich
anders. Besonders erweist sich e als alleinige sogenannte ersatzdehnung des kurzen
a, und tritt dadurch in bedeutsame analogie zum lateinischen und altindischen e.
Auch auf dem gebiete dieser sprachen fordert manche aufstellung Scherers eine
präcisere fassung. Um fregi zu erklären , wird pag. 14 angenommen , dass der spräche
das missverstandene muster von cepi vorschwebte. Aus einem vorauszusetzenden
ßfregi soll nämlich durch abfall der reduplication fregi, und durch angleichung an
cepi langes e entstehen. Aber die vorausgesetzte form fefregi scheint unlateinisch.
sto und spondeo , welche in der reduplicationssilbe doppelconsonanz haben,
lehren, dass nicht fefregi, sondern frafagi als urform anzusetzen ist, woraus fregi
wurde , wie cepi aus cacapi. Ob hierbei Verdünnung des zweiten a zu i angenom-
men werden müsse, ist zweifelhaft. Unnötig, oder wol besser unrichtig, ist eine
solche annähme für ähnliche altindische formen, wie sie Scherer pag. 10 macht, wo
er meint, das e in formen yfiQ petimä sei aus a -\- i entstanden. Böhtlingk, Sanscrit-
chrestomathie pag. 280 anm. warf schon 1845 die oratorische frage auf: wie oft geht
nicht ä in e über ? und man braucht nur an formen wie bödhete aus bodha - äte zu erin-
nern, um sich zu überzeugen, dass nicht jedes aus concretion von vocalen entstan-
dene e auf a -{- i zurückweist. Ferner ist ja bekannt (Scherer pag. 430 anm.) , dass
e ersatzdehnung aus kurzem a ist. vgl. edhi, sei, aus asdhl. So ist auch das e in
perfectformen -wie petimä zu fassen. Die regel bei Max Müller lautet: ,, wurzeln wie
pat , d. h. wurzeln, in denen a zwischen zwei einfachen consonanten steht, und
welche den anfangsconsonanten in ihrer reduplicationssilbe ohne Veränderung wider-
holen , ziehen solche formen wie papat vor den accentuierten endungen in pet zusam-
men." Als Vermittlungsform zwischen papat und pH hi papt , und nicht pa-at oder
gar pa-it anzusetzen. Denn wenn der consonant zwischen zwei d ausfallen konnte,
warum nicht zwischen zwei i oder u, warum also nicht analoge formen z. B. von
tud? Dass aber der ausfall eines a leicht erklärlich ist, hat Scherer pag. 26 treff-
lich auseinandergesetzt. Bopp und mit ihm Scherer (pag. 16) scheinen also unrecht
zu haben, wenn sie puptimä und petimä als schwesterformen ansehen, petimä ist
vielmehr eine tochterform von paptimä.
Mit lebhafter freude begrüsse ich den in nr. 2 dieses abschnittes angestellten
versuch einer erklärung der guna-erscheinungen, und sehe mit befriedigung , dass
Scherer Schleichers ansichten über diesen punkt nicht theilt, namentlich die zweite
Steigerung vom deutschen fernhält. Den satz: „die gunavocale ai und au sind aus
dehnungen von i und u entsprungen," unterschreibe ich und registriere dankbar den
126 LITTERATUK
gewinn, den die sprachforsclmng- aus dieser behandlung der guna-erscheinungen
unzweifelhaft ziehen wird.
Dagegen haben mich die auf seite 32—91 gegebenen ausführungen über das
wesen der lautverschiebung . in der nichts anderes gefunden wird, als eine erleich-
terung der articulation , nicht überzeugt. Gewiss bin ich mit Scherer darüber ein-
verstanden, dass phj^siologische betrachtungen eine wichtige rolle bei der erklärung
dieses Vorganges spielen müssen, aber man wird auch zugeben, dass sich physiolo-
gisch vieles als möglich denken lässt, was doch im gegebenen falle nicht wirklich
ist, und dass daher die thatsachen nie so zurechtgelegt werden dürfen, wie sie phj--
sioloo-isch am leichtesten erklärt werden können, sondern dass der thatbestand erst
nach anderer methode festgestellt sein muss , ehe man ihn durch physiologische
behandlung erläutert. Dass im vorliegenden falle die methode der wechselseitigen
erhellung (pag. 63) angewendet werden muss, ist klar. Nur möchte ich mich nicht
an das althochdeutsche zur aufklärung wenden. Es mag in der verschiedenen rich-
tung unserer studien liegen, wenn ich Scherers ausruf: „um wie viel klarer in allen
ihren einzelheiten steht die hochdeutsche Verschiebung vor uns, als die germanische "
(pag. 63), nicht zustimmen kann. Wie schlimm ist es doch, wenn man sich noch,
wie auch Scherer thut, mit ausdrücken wie „strengalthochdeutsch" behelfen muss,
statt einer geographischen bezeichnung! Wie vieles ist z. b. noch unklar in der
hochdeutschen behandlung des inlautenden germanischen h (Lottner, K. Z. 11, 188)!
In wie vielen punkten mag das ahd. im bezug auf die ausspräche der consonanten
schon lässiger geworden sein, als das älteste germanisch! Ich glaube vielmehr die
aufklärung ist zu holen aus den übrigen indogermanischen sprachen , und der anfang
der erklärung ist zu suchen in der älteren germanischen , nicht in der jüngeren hoch-
deutschen Verschiebung. Ist dieser grundsatz richtig, so muss man als erste frage
die aufwerfen: was für erscheinungen , die der germanischen lautverschiebung analog
sind , findet man in den verwanten sprachen ? Da hat man denn , wie bekannt , für
die Verwandlung der weichen aspirata (oder wie man das ding sonst nennen mag),
zahlreiche, für die aspirierung der tenuis mehrere analogieen. Diese beiden erschei-
nungen können also im deutschen jede für sich, unabhängig von einander eingetreten
sein. Die analogieen fehlen aber gänzlich für die Verwandlung der media in die
tenuis. Das ganz singulare, verwunderliche und exorbitante dieser Verwandlung
möchte uns nun die physiologische betrachtung gern wegdisputieren, aber ich glaube
ohne erfolg. Die media ist — um Ebels treffliche terminologie anzuwenden — ein
dnicklaut, die tenuis ein stosslaut. Zur hervorbringung eines stosslautes gehört mehr
kraft als zur hervorbringung eines drucklautes. Folglich ist trotz alledem und alle-
dem die Verwandlung der media in die tenuis eine erhebung oder Verstärkung. Eine
solche erhebung oder Verstärkung aber ist gegen alle analogie. Folglich kann dieser
Vorgang nicht isoliert aufgefasst werden, sondern muss mit den beiden anderen in
Verbindung gesetzt werden. Ich bleibe daher im allgemeinen bei der auffassung ste-
hen , wie sie Georg Curtius und nach ihm Grassmann uns gelehrt haben.
Es folgt (92 flg.) eine besprechung der germanischen auslautgesetze, zuerst der
consonantischen , dann der vocalischen. In bezug auf die consonanten erfahren West-
phals bekannte gesetze manche modification (vgl. IIB.). Das sogenannte hilfs-a in
hvata , nimaina u. s. w. , das nach Westphal unmögliche endconsonanten schützen
soll, indem es sie inlautend macht, wird ganz entfernt. Bei dem pronomeu soll es
entstanden sein aus einem zusatz am, wie im altindischen idäm, beim verbum aus
einem am, das dem griechischen äv, altindischen «* gleich sein soll, und auch im
got. als u auftritt. Das ist sehr geistreich. Zuzustimmen oder zu widersprechen
LITTERATUR 127
wage ich nicht. Ferner soll Westphal geirrt haben, als er besondere gesetze für
schliessende doppeleonsonanten aufstellte. Es handelt sich nur um die gruppen ns
und nt (pag. 96). Von diesen bleibt ns; nt — was aber selbst wider aus uridg. nti
entstanden sein kann — wird n [nemun, grundform nanumunt pag. 106). Diese
Vorgänge formulierte Westphal so: „von ursprünglich auslautenden doppeleonsonan-
ten hat das gotische a) blos diejenigen geduldet, deren zweiter consonant ein s ist;
b) von allen übrigen muss der zweite abgeworfen werden. Scherer meint: ob einem
endconsonanten ein vocal oder anderer consonant vorhergeht, ist gleichgiltig. Unbe-
queme laute schwinden ohne rücksicht auf ihre Vorgänger (pag. 107). Aber warum
schwand nun nicht nach abfall des t auch das ii in nemun, da n doch auch ein
unbequemer laut ist? Darauf antwortet Scherer: ,,weil das auslautsgesetz nur ein-
mal wirkt." Also in der beseitigung des t hat sich die kraft des gesetzes verbraucht,
und gegen das n kann es nun nichts mehr ausrichten? Das ist doch eine unleben-
dige auffassung. Man wird sich die sache wol so zu denken haben, dass das n sich das
t assimiliert3 , und also, wenn der anlaut des folgenden Wortes es erlaubte, eine
Zeitlang ein doppel-«, also nemunn, gesprochen wurde, das dann natürlich nicht
abfallen konnte , wie ein einfaches n. Das sanskrit weist uns deutlich auf diesen
weg, der erklärung, wo z. b. äsan. sie waren, vor einem vocal zu äsann wird, also
noch das gedächtnis an seine entstehung aus äsant bewahrt. — Den kennern deut-
scher dialecte empfehlen wir den abschnitt über die behandlung des auslautenden
s im Ost- und westgermanischen zui' prüfung (besonders 113 und 164). — Das
vocalische auslautsgesetz , bei dessen behandlung allerhand schwierige fragen mehr
angerührt, als ausgeführt werden, erhält sclüiesslich folgende fassung: ,,das germa-
nische befehdet i und a als letzte vocale des wortes. Daher verlieren sich die ein-
fachen kürzen i, a gänzlich aus der endsilbe, und di^ ai, ii {i) werden zu ä, a, i.
Später verkürzen sich auch da und « zu d und a. " Woher nun — das ist die
hauptfrage — diese feindschaft gegen das a und % in der letzten silbe , während das
M ungestört bleibt. Das kommt — sagt Scherer — von der Stellung, die die letzte
silbe in der wortmelodie einnimmt. Jeder vocal hat seinen eigenton, wie neuerlich
Helmholtz so schön nachgewiesen hat, das i den höchsten, das w den tiefsten. Nun
attrahiert die höhe oder tiefe des tons, welche einer bestirnten silbe in der rede
beiwohnt, den vocal mit entsprechendem höheren oder tieferen eigenton. Die höhe
und tiefe , welche einer silbe in der rede beiwohnt , hängt ab von ihrem Verhältnis
zum accent. Denn im wesen des germanischeu accentes liegt tonerhöhung. Der ger-
manische accent aber liegt auf der Stammsilbe , diese wird also hochbetont , die end-
silben sind tieftonig. Ist es ein wunder, dass die spräche in tieftonigen silben
vocale mit hohem eigenton {a , i) nicht duldet, dagegen nichts daran auszusetzen
findet, wenn in tieftonigen silben vocale mit tiefem eigenton (iC) stehen?
Das wäre in flüchtigen zügen etwa der gedankengang der an anregenden
betrachtungen besonders reichen aufsätze von 113 — 146. Aber woher denn weiter
die fesselung des accentes an die Stammsilbe? Diese hängt, wie sehr hübsch aus-
einandergesetzt wird (155 — 160). ziisammen mit dem leidenschaftlichen sinn unserer
nation überhaupt, und im speciellen mit der sitte der alhteration , bei der die bedeut-
samen Stammsilben naturgemäss durch den ton über aUe anderen erhöht werden musten.
Und hier sind wir an dem punkte angelangt , wo alle bisherigen einzelbetrach-
tungen sich zum ganzen runden. Die alliteration bewirkt bindung des tons auf die
Stammsilbe und erhöhung des tons — daher das accentgesetz. Das accentgesetz
bewirkt eine gewisse wortmelodie — daher das vocalische auslautgesetz. Das accent-
gesetz und das vocalische auslautsgesetz rücken die vocale in den Vordergrund der
spracharbeit. Diese unbewachte zeit machen sich die consonanten zu nutze und voll-
ziehen die lautverschiebung. Denn das wesen der lautverschiebung ist erleichterung
der articulation. Also an der alliteration hängt alles. Die alliteration aber ist nicht
möglich ohne buchstabenkenntnis , und die buchstaben sind un germanisch. Ich
präcisiere kurz meine abweichende auffassung. Die lautverschiebung ist nicht erleich-
terung der articulation, folglich nicht gegeben durch das vorwiegen der vocale im
sprachbewusstsein. Damit ist die geschlossene kette durchbrochen. Wir führen nicht
mehr die eigentümlichkeitcn der germanischen lautform auf einen historischen aus-
gangspunkt zurück. Zwar den Zusammenhang zwischen accent und vocalischem aus-
lautgesetz möchte ich zugeben , aucli den zwischen alliteration und accent. Aber laut-
verschiebung, alliteration, und, wie wir nun Iduzufügen können, consonantisches aus-
128 LITTERATUB
lautgosetz und ablaut sind neben einander hergehende eigentünilichkeiten des germa-
nischen, und von jeder nuiss besonders untersucht werden, ob ihre quellen in der
gemein- arischen oder der germanischen zeit liegen.
Aus dem nun folgenden aufsatz über die verbalendungen hebe ich nur eins her-
vor, nämlich die ganz neue anschauung über die flexion der wurzel fla oder dad.
Letztere form hält Scherer für unzulässig. Er geht von der form da aus , und ver-
mutet als Urformen für -da, -dct^, -da einen alten aorist dhäm, dhüsi, dhät. Mit
übergehung anderer vielfältiger Schwierigkeiten erwähne ich nur, dass das e in der
conjugation sich uns oben als stets aus ersatzdehnung entstanden erwiesen hat. Wir
dürfen es auch bei des nicht anders fassen. Zur erklärung der formen gehe ich aus
von dem plural dedum , dedup , dedan. Wie nemum , nemiip, nenum aus nanamum,
nanamnp , nanamun entstanden ist , so führt dedum , dedup , dedun klärlich auf dada-
dum , dadadiip , dadadiin , mithin auf eine wurzelform dad , die selbst wieder durch
alte reduplication aus da entstanden ist. (vgl, Bopp, sanskritgr. §. 333.) Auf diese
form dad geht auch der singular zurück. Aus (na)nam , (na)namt, (na)nam muss
man schliessen (da)dad, (da)dast, (da)dad. Aus dad in der Isten und 3ten person
wurde nun da wie hva aus hvat. Anders steht es mit der zweiten. In der Isten
und 3ten stand der accent offenbar auf der Wurzelsilbe. Wie nun, wenn er in der
zweiten auf der reduplicationssilbe stand.'' Aus dädast oder (nach analogie von vissa)
dädass wurde dann regelrecht dess und mit abfall des einen s nach dem langen
vocal des. So würden sich auch die ahd. zweiten pers. des praet. erklären. Den ihnen
eigentümlichen vocal haben sie nicht vom conjunctiv, sondern wie der conjunctiv
erhalten. Vielleicht erlüelten sie durch Vermischung mit dem conjunctiv das i, doch
ist das noch nicht sicher ausgemacht. Aber ist denn ein solches wechseln des accen-
tes in der zweiten person praet. möglich? Nicht nur möglich, sondern höchst wahr-
scheinlich, wenn wir wenigstens dem sanskrit folgen dürfen, das in der 2ten pers.
sing, des praet. den ton auf jede silbe des wortes legen kann. (Bopp, sanskr.
gr. pag. 290 anm.) Schwierigkeiten macht — um nichts zu verschweigen — bei die-
ser ganzen entwickelung nur die entstehung von ss aus st im auslaut. Doch wäre
vielleicht auch abfall des t nicht unmöglich.
Wir haben hiermit den Verfasser erst durch die liälfte seines buches beglei-
tet; der folgende teil geht noch weit mehr über die gränzen des germanischen, und
nach meiner meinuug nicht selten über die gränzen des wissbaren hinaus. Zu
bekämpfenden bemerkungen fände sich hundertfach — mehr als zu bestätigenden —
veranlassung. Indess hat sich meine anzeige schon allzusehr ausgedehnt, und auf den
zweiten theil zurückzukommen findet sich wol noch später gelegenheit.
Sollen wir schliesslich in aller kürze angeben, was wir an diesem buche —
das niemand , der sich für deutsche grammatik interessiert , ungelesen lassen wird —
der besondern beachtung empfelilen möchten, so ist dies zunächst das unternehmen
einer wirklich historischen Sprachbetrachtung , wie sie unseres wissens noch nirgend
so ernstlich angestrebt ist, sodann die herbeiziehung der physiologie und akustik,
wodurch besonders der vocalismus viele und dankenswerte aufklärung erlialten hat,
die theilung des deutschen in ost- und westgermanisch, die betrachtungen über den
acCent, die Schilderung des weichlichen Charakters der ahd. spräche (137 flgd.), dabei
besonders der abschnitt über die mouillierten laute (143) und viele einzelnheiten, die
nicht alle aufzuzählen sind.
Ich scheide für diesmal von dem Verfasser mit grossem danke für vielfältige
anregung. und dem wünsche, dass es ihm gefallen möge, auf die in dieser anzeige
teils begründeten , teils angedeuteten zweifei einzugehen , damit durch gegenseitige
Prüfung und berichtigung vielleicht eine einigung zu stände komme. Noch bemerke
ich, dass ich zu meinem oben s. 1 — 21 gedruckten aufsatze über lautverschiebung
Scherers buch noch nicht benutzen konnte.
HALLE. B. DELBRÜCK.
Halle, itruck der Waisenliaue-Buchdrucke
DIE DEUTSCHEN ZWÖLFGÖTTER.
Zu den vielen fragen , welche die mythologie aufwirft , gehört auch
die nach der systematischen ausbildung des germanischen götterglauben.
In dem bunten Wechsel und der reichen fülle der grossen und kleinen
göttlichen mächte verkennt man den zug nach einigung und stätigkeit
nicht. Von dem urriesen der skandinavischen kosmogonie bis zu der
jüngsten zeit, da Odin Allvaters gestalt erhält, brechen versuche her-
vor, die Vielheit der einheit zu nähern. Schon die gruppenbildungen
bekunden das streben nach samlung des zerstreuten und nach einer
systematischen Ordnung, wie systemlos auch uns sie erscheinen mag.
Die trilogien und dodekalogien finden wir in den religionen der
meisten höher entwickelten Völker. Die trilogien sind gewöhnlich drei-
stralungen aus der ältesten naturkraft und deshalb von hohem alter.
Die zwölfzahlen dagegen ergeben sich als jüngere und künstliche bildun-
gen, welche darum in ihrer Zusammensetzung schwanken. In trilogien
und dodekalogien finden nur männliche gottheiten aufnähme.
Die germanische mythologie kennt das zwölfgöttersystem. Aller-
dings ist es nur für die Skandinavier verbürgt, allein diess genügt für
die annähme, dass auch die Deutschen es besassen oder doch besessen
haben können. Eine Untersuchung möchte nicht unnütz sein.
Das früheste urkundliche zeugnis für die zwölfzahl der germani-
schen götter giebt die stelle der Hyndluliod:
Väru ellifu -^sir taldii-,
Baldr er hne vid banapüfu.
Es beginnt damit die sogenannte Völuspä hin skamma, welche Bugge
als älteren theil von dem genealogischen gedieht ausscheidet. Indem
Bugge dieses in das 9. Jahrhundert setzt, gewinnen wir für den mytlii-
schen theil ungefähr das achte, wohin Munch die ganzen Hyndluliod
stellte. Im achten Jahrhundert wenigstens war also die dodekalogie im
norden fest begründet. Damals und so lange das heidenthum noch blühte,
sprach man ohne weiteres von den zwölf äsen, und Snorri Sturluson
erzählte daher in seinem euhemeristischen bericht über die mythische
zeit in der Ynglingasaga, dass die menschen dem Odin und seinen zwölf
häuptlingen opferten und sie god nannten (c. 7), und berichtet von der
Asenburg, worin Odin als Oberhaupt samt den zwölf hofgoden, welche
diar geheissen wurden, gebot (c. 2).
Odin ist also das haupt; ihm zur seite stehen hier zwölf götter,
wie ja in allen dodekalogien die zahlen 12 und 13 schwanken, je nach-
ZEITSCHR F. DEUTSCHE PUII.OLOGIK. 9
130
KARr- WRINTIOLD
dem das oberste glied mit- oder abgereclmet wird (Grimm, rechtsalter-
thümer 217). Die ältere zahl ist jedoch zwölf, wie jener vers der klei-
nen Völuspa und eine stelle der Gautreksaga (fornaldars. 3, ;}2) lehren.
Die uamen der zwölf götter linden wir an drei stellen der Snorra-
edda: Gylfaginning c. 20 flgd. , Bragaroedur c. 55 mid Skaldskapar-
mäl 75.
Gyifag.
Bragar.
Skaldsk.
Odinn
Yggr •
|)6rr
J)6rr
J)6rr
Baidur
Yngvifreyr
Mördr
Niördr
Vidarr
Freyr
Freyr
Baldr
Tyr
Tyr
Vali
Bragi
Heimdallr
Heimdallr
Heimdallr
Bragi
Tyr
Hödr
Mördr
Vidarr
Vidarr
Bragi
Vali
Vali
Hödr
UUr
üllr
Hoeuir
Forseti
Forseti
Forseti
Loki
Loki n
Loki
Die nahe verwantschaft der ersten und zweiten reihe fällt in die
äugen; der zahlenunterschied (14 : 12) entsteht dadurch, dass in der
zweiten Odin weggelassen ist und auch Baidur fehlt, den Gylfaginning
als anhang zu Thor behandelt. Die reihe ist aber ursprünglich dieselbe
und auch die gruppe der Skalda kommt aus der gleichen quelle, wie
durcheinander auch die namen geworfen sind, anfang und schluss stehen
fest, nur die mitte wechselt. Die Zahlendifferenz (13 : 14) kommt davon,
dass üllr in der Skalda weggelassen ist.
Gemeinsam allen dreien sind, wenn wir von Odinn (Ygg) absehen:
Thorr, Niördr, Freyr, T}t, Heimdallr, Bragi, Vidarr, Vali, Forseti, Loki.
Baidur und Hödr stehen in 1 und 3.
üllr in 1 und 2.
Hoeuir nur in 2.
Da nun Baidur als zwölfter as durch Hyndluliod 28 gesichert wird,
so erhalten wir als die zwölf götter nach dieser quelle
Odinn, Thorr, Niördr, Freyr, Tyr, Heimdallr, Bragi, Baidur,
Vidarr, Vali, Forseti, Loki,
1) In der Raskschen ausgäbe ist Loki hier ausgelassen.
DIE DEUTSCHEN ZWOLPGOTTER
131
Hierzu tritt als dreizehnter Ullr oder Hödr , scheinbar mit gleiclier
berechtigung , während für Hoeuir der anspruch in der jüngeren zeit
ebenso schwach ist, als er für eine ältere durch seine stelle in einer
sehr alten trilogie wächst.
Man erkennt leicht die Zusammensetzung der zwölf aus verschie-
denen Gruppen:
1) die drei skandinavischen landasen Odin, Thor, Freyr; dem letz-
teren verbinden wir seinen vater Niördr, dessen Verjüngung er ist;
2) Tyr, Heimdali, Bragi; am besten in 2. geordnet, in 3. tiefer
gestellt und durch Niördr sehr ungehörig unterbrochen. Den beiden
alten elementargöttern ist der greise Odinssohn gesellt;
3) die gestalten des Baidurmythus : Baidur , Hödr , Vidar , Vali ;
4) der gott der gerechtigkeit Forseti, und der böse dämon Loki;
5) so weit sie in rechnung kommen, die beiden alten elementar-
götter Ullr und Hoenir.
Es sind sonach wesen verschiedener dynastien und perioden ver-
einigt: eigentliche äsen und wanen, riesische abkömmlinge, elementare
und ethische bildungen. Von den höheren gottheiten ist nur der halb
vergessene Hoenir nicht recht zur geltung gekommen ; ganz ausgeschlos-
sen blieben die allzu riesischen Oegir und Mimi, so wie die Tliorssöhne
Modi und Magni, welche sehr junge persouificationen sind.
Auf den zwölfkreis sind die mythen von Baldurs tod und vom
Weltuntergänge von grosser Wirkung gewesen: die sonst wenig bedeuten-
den Vidar und Vali stehen in allen drei reihen , Baidur und Hödr in den
beiden hauptsächlichen 1 und 3. Wir dürfen daraus schliessen, dass
diese dodekalogie zusammengesetzt ward, als der glaube an das götter-
uud weltende schon bestund. Wir können freilich nicht sagen, in wel-
chem Jahrhundert sich diese folgenschwere Überzeugung, die aus sitt-
lichem gründe entsprang, bildete; indessen berechtigen die spuren des
Weltuntergangsmythus in deutschen sagen zur annähme, dass derselbe
schon vor bekehrung der ersten festländischen Deutschen zum christen-
thume entwickelt war. Damit gewinnen wir für entstehung des germa-
nischen ZAVölfgöttersystems eine ungleich ältere zeit als die der ersten
urkundlichen bezeugung im achten Jahrhundert.
Dagegen dass die zwölf götter mit den zwölf monateu zusammen-
hiengen, wie neuerlich wieder W. Schwartz. (Ursprung der mythologie 17)
unter ausdehnung des satzes auf das fest der wintersoinienwende (die
zwölften) behauptete, habe ich mich schon in meiner abhandlung über
die deutsche jalntheilung s. 15. ausgesprochen. Niclits weist darauf,
dass die zwölf monatgötter des eudoxischen kalenders von den Germanen
9*
132 WEENHOLD, DIE DEUTSCHEN ZWÖLFGÖTTER
iu umdeutuug angenommen wurden, oder dass die Germanen selbst auf
ein göttliches patrociniuui für jeden monat verfallen wären.
Wii" haben vorhin aus der allgemeinen ähnlichkeit und der viel-
fachen genauen Übereinstimmung der skandinavischen und deutschen
mythen von vorn herein auf eine zwölfzalil auch der deutschen götter
geschlossen. Freilich können wir keinen genügenden beweis dafür bei-
bringen, allein die Vermutung durch die in manchen volkssagen erschei-
nenden geisterhaften zwölf männer unterstützen. Die gruppe wird sich,
wenn sie bestund, von der nordischen wahrscheinlich in manchen glie-
dern unterschieden haben, da schon die niederdeutsche trilogie des ach-
ten Jahrhunderts Thuner, Woden, Saxnot, in der die taciteische Mercu-
rius, Hercules und Mars (Germ. c. 9.) wiedertönt, ein anderes glied als
die skandinavische Odin, Thor und Freyr enthält. Bestimmte Zeugnisse
haben wir ausser jenen di-eien in Deutschland nur für den zweigeschlech-
tigen Nerthus , für Fro , Balder - Phol und Fosite ; ausserdem ist ein deut-
scher, wenigstens ein sächsischer Wuldor (Ullr) mit ziemlicher Sicher-
heit aufzustellen. Aber für die deutschen Loki, Heimdali, Bragi, Hoe-
uir, Widar, Wali müssen erst frische und reine quellen springen, so sehr
auch die Sunna, Sinthgunt und VoUa des Merseburger Spruches für das
leben selbst der untergeordneten gottheiten in Deutschland reden.
Eine frage bietet sich endlich: ob zwischen der drei- und der
zwölfzahl nicht vermittelnde gruppierungen lagen? Wir wissen, dass sie-
ben und neun beliebte reihen schufen, und können namentlich auch aus
deutschen volkssagen sieben und neun geisterhafte wesen vielfach nach-
weise n(Grimm, mythol. 392. Simrock, mythol. §§. 59. 107. Panzer
1, 312. Rochholz, sagen aus dem Aargau 1, 312. Kuhn, westfäl.
sagen 1 , 333). Nun nennen die Grimnismal bei aufzählung der götter-
häuser neun götter ausser drei göttinnen, nämlich
J)6rr, Ullr, Freyr, Hröptr, Baldm-, Heimdali, Forseti, Mördr,
Vidarr.
Ullrs nennung ist für sein anrocht auf den platz in der dodekalo-
gie nicht zu übersehen. Andrerseits beweist das fehlen Tys und Lokis,
dass diese neunzahl für keine systematische gruppe gelten kann. IJeber-
haupt haben die hepta- und ennealogien kaum tiefere bedeutung für die
oberen gottheiten gehabt. Auch der dodekalogie können wir nur den
geschichtlichen werth zusprechen, die götter zu nennen, welche beim
abschluss des germanischen religionssystems als die wichtigsten galten.
Sie ist gewissermassen ein staatskalender aus der regierung des letzten
götterkönigs der Germanen.
KIEL, JULI 1867. KAEL WEINHOLD.
133
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG.
(Fortsetzung und schluss.)
h) h im in- und auslaut.
179) ahana spreu, lat. acus, -eris spreu. Lottner K. Z. 7, 179.
180) all ja 11 glauben wähnen, alima geist bringt Leo Meyer K. Z.
14, 84 zusammen mit r)o-f7£(7/>«< ahnen aus hyqaad^ai. Dazu altind. äkshi
äuge, zend akhsh sehen, die auf eine wurzel ak weisen. Verwaiit ist
damit C. nr. 627 und augo aus auho und dies aus ahvo, wo hv für den
reinen k-laut, den noch ksl. oko zeigt, eingetreten ist. lettisch azs
äuge aus azis (wurzel ak).
181) ahd. ahsa achse, altind. äksha dass. , gi-. a^iov , lat. axis,
ksl. osi, lit. aszis. C. 344. Schleicher ksl. 39. Verwant sind ahsel und
lat. äla.
182) ah tau acht, altind. ashtän, zend astan, gr. oxtw, lat. octo.
C. 149. Das t ist erhalten, vgl, pag. 142.
18.S) aihan (aihands) haben, altind. 19 verfügen über, mächtig sein.
K. Z. 10. 311.
184) eich. ahd. elaho elho, altind. ri9ya (aus arkya) hirsch. Kuhn,
beitr. 2, 374. vgl. Max Müller lectures 2, 361. Sachliche nachweise
bei Diefenbach, Origines Eur, 222.
185) alli's tempel, lat. arx, gr. a.'kah/.Eiv abwehren, altind. raksh
schützen, also eigentlich „sicherer ort," nicht etwa „hain."
186) auhns ofen, altind. ä9na stein. Aufrecht K. Z. 5, 135.
187) auhsa ochse, altind. ukshän stier (befruchter, von uksh, nicht
von vah), zend ukhshan stier.
188) ahd. delisala heil, hacke (s. Grimm s. v. dechsel), altind.
taksh behauen, verfertigen, gr. Tiyv^] rUtwv, lat. texo textor. C. 198,'^
189) fall an fangen, ergreifen s. n. 291.
190) faihu vieh s. n. 293.
191) flahtom dat. plur. von flahta oder flahto, flechte hat Ebel
K. Z. 6, 217 und nach ihm Schmidt 16, 434 mit gr. nlimo, lat. plico
plecto, altind. parc (mengen, mischen, in Verbindung setzen) zusammen-
gebracht; got. fall^an falten ist wol (mit Schmidt a. a. 0.) davon zu tren-
nen und zunächst mit altsl. pleta, inf. plesti (Lottner K. Z. 11, 189)
zusammenzustellen. Doch siehe auch C. 151. Fick wörterb. s. v. partä.
192) fr a ihn an fragen, altind. pra9nä, frage Streitfrage, lat. pre-
cari procare procus freier , lit. praszaü verlangen. Das altindische prach
fordern, fragen (aus prask) steht wol für praksk, vgl. zend pare9.
19.3) jühiza jünger, jüggsjung, jünda Jugend, „got.juggs, ebenso
wie lat. jtivencö jung enthält das suffix ka, gg aber trat für das zunächst
134 DELBRÜCK
erwartete nli ein wegen des widerstrebens der gotischen spräche gegen
die letztere lautvcrbindung , die man im comparativ jühiza durch aus-
stossen des nasals vermied, im subst. junda fehlt das gutturale suffix,
allen drei formen liegt das altind. yün aus yuvan zu gründe." Leo Meyer
K. Z. 6, 7. yün ist aus yimn contrahiert (Benfey vollst, gr. pag. 311),
lit. jaunas jung, ksl. junti. Noch uncontrahiert zend yavan, altind. comp,
und sup. yaviyans und yavishtha, vgl. auch C. 519 und im bezug auf
keltische parallelen beitr. 2, 162.
191) liuliaj) licht, lauhmuni blitz, altind. und zend ruc leuch-
ten, gr. levy.og, lat. lux. C. 147.
195) nahts nacht, altind. na9 oder nak (nur in der euphonisch
veränderten form nag erhalten), näkta näkti nacht, gr. rt'f, lat. nox,
lit. naktis, lett. nakts. C. 149.
I95i>) ahd. salis messer, lat. secare schneiden, altind. chä nach
Ascoli's feiner bemerkung aus skä = sak K. Z. 16, 207.
196) saihs sechs, altind. shash, zend khshvas, gr. f^, lat. sex.
C. 345.
197) ahd. spehon spähen, altind. spa9, l)sehe, 2) sitbst. späher,
zend 9pa9 1) schauen, 2) späher, gr. (j/J/hoi^im, lat. specto. C. 153.
198) svaihra Schwiegervater, altind. 9va9ura, zend qa9ura, gr.
txvQog, lat. socer, ksl. svekru, keltisch hveger. Ebel beitr. 2, 164.
C. 126.
199) tahjan hin und her reissen, altind. dan9 beisson, zend da9,
gr. dccKvio beissen. C 124.
200) ags. tä, ahd. zehä, gr. öäy.rvXog, lat. digitus aus dicitus.
C. 124, wo taiho zu streichen ist.
201) taihsvs rechts, altind. daksha tüchtig, geschickt, däkshina
tüchtig , rechts , zend dashina dexter , kelt. dess rechts, beitr. 2 , 161.
gr. öe^ing, lat. dexter. C. 212.
202) taihun zehn, altind. und zend dä9an zehn, gr. df/.c(, lat.
decem. C. 125.
203) tarhjan auszeichnen, eigentlich sehen lassen, altind. dar9
sehen, alts. torht glänzend. C. 125.. zend dare9 sehen, gr. dc-Qy.nficd.
Fick 85. in bezug auf das celtische s. Ebel beitr. 2, 167.
204) teihan zeihen, altind. di9, gr. öeUvvi.u dUrj, lat. dico vgl.
die trefflichen ausführungen von Sonne K. Z. 15, 82. taikns gehört nicht
hierher sondern zu tij = stij (Grassmann K. Z. 12, 137).
205) tiuhan ziehen, lat. duco. Die vergleichung mit altind. duh,
wofür wir oben die urform dhugh erschlossen, passt weder nach laut
noch bedeutung.
DIE DEUTSCHE LAÜTVEßSCHIBBÜNG 135
200) pah an schweigen, lat. tacere, vielleiclit ist altind. tii9 (nebeu-
fonii von tusb) , beschwichtigen , zu vergleichen , das dann aus ta9 tak ent-
standen sein müsste. Leo Meyers bemerk. K. Z. 14, 83 ist hiermit unvereinbar.
207) {j reih an drängen, bedrängen, eigentlich drehen, foltern.
Am nächsten steht lat. torqueo , altind. tark nachdenken heisst wol eigent-
lich volvere animo (Schweizer K. Z. 12, 302). C. 411.
208) vahsjan wachsen, altind. vaksh dass. , zend vakhsh dass.,
gr. tn^cmo. C. 344.
20\)) veihs (stamm: veihsa) flecken, altind. ve9a haus, gr. ol/oc;,
lat. vicus, keltisch fich municipium, pagus Ebel, beitr. 2, 165. Das
deutsche wort ist durch ein zweites suffix weitergebildet. C. 149.
ünverschoben bleibt das k in der lautgruppe sk. Das indogerma-
nische sk erscheint im altindischen als sk, skh, ksh, kh, ch, c, s (savya),
im griechischen entspricht (Jx, ax, x, x? b, <J {avldcü, au)f.ia), im lat.
sc oder c, im deutscheu ist entweder das s abgefallen und das k ver-
schoben (s. hüd , gahamon , hinkau) oder die ganze gruppe erhalten.
210) skadus schatten, altind. chad bedecken (über die erhaltung
des d später). Regelrecht verschoben ist das k in den zu dieser wurzel
gehörigen Wörtern , welche das initiale s abgeworfen haben , altn. höttr
hut, engl. hat. Lottner, K. Z. 7, 180. Zu der nahe verwanten wurzel sku
bedecken gehört alts. skio decke, bedeckter himmel, gr. o/uu, ahd.
skiu-ra scheuer. Zu einer auch aus anderen formen zu erschliessenden
wurzel skam gehört skaman sih sich schämen, eigentl. sich bedecken.
Delbrück, K. Z. 17, 240.
211) skaidan scheiden, altind. chid abschneiden zerreissen, zend
9cid dass. , wo 9c nach zendischeu gesetzen für sk steht , gr. oyiil.io spal-
ten , lat. scindo. Über das d später. C. 222. vgl. scheit und lett. skaida
Span, scheit.
212) alts. skakan erschüttert werden, beben wird von Kuhn Z.
3, 129. mit khaj umrüliren , das zwar selbst unbelegt aber dm'ch khaja
rührlöff"el gesichert ist, zusammengestellt. Nahe verwant ist ohne Zwei-
fel khaiij hinken, womit unser hinken identisch ist. K. Z. 16, 319.
213) altn. skald dichter vergleicht Lottner K. Z. 11, 200 mit alt-
ind. chändas (aus skandas) lied, vers, mit erhaltenem d wegen des sk.
Ist diese vergleichung haltbar, so wird man auch mit Kuhn Z. 4, 35.
ags. sculdor zu altind. skandhas schulter stellen dürfen (zu n für 1 vll.
vana: wald.)
214) skal bin schuldig, eig. ich fehlte (und muss wieder gut
machen), altind. sklial sündigen (grundbedeutung schwanken), lit. skola
schuld, lat. scelus. Ist die wurzel sphal mit der Avurzel skhal nah verwant.
136 DELBRÜCK
SO o-ohört auch C. ur. 558 hierher. Dagegen ist zu trennen got. skilja
fleischer, das zu einer wurzel skar gehört, welche C. 136 behandelt, und
deren grundbedeutung schneiden ist, während sich für unsere Wörter
aus altind. skhal die bedeutung ausgleiten ergiebt.
215) alts. skap gefäss, fass, got. skip sind von gi: oy.d(fog oycmpt]
schaff, schiff unmöglich zu trennen. Sie bezeichnen, wie axä^ctoj graben
beweist, das ausgehöhlte. Weil sich nun hier griech. cp und deutsch p
begegnen , setzt Grassmann ph als ursprünglich. Aber man wird lat.
scabo doch auch nicht trennen können, was auf media oder media asp.
schliessen lässt. Es liegt hier einer der fälle vor , welcher zeigt , dass die
geistvolle Grassmannsche ansieht, soweit sie die ursprünglichkeit der
teuuis asp. betrifft, doch noch zweifeln unterliegt, vgl. C. 153.
216) skatts geldstück, altmd, skhad spalten, gr. OKeddvwiia ayj-
Sog tafel, blatt. Heyne Heliand Gl. s. v. skat, Müllenhof bei C. 222.
217) us-skavs vorsichtig, nüchtern, viell. altind. kavi weise,
dichter, gr. xoc'w ^voaxoog, lat. caveo. C, 140. vgl. auch beitr. 2, 260.
Zu derselben wurzel bringt Kuhn
218) skauns schön (3, 433), also eig. „angesehen" wie altind.
dar9atä schön zu dar9 sehen.
219) ahd. sciluf schilf, lat. scirpus, gr. ^lip flechtwerk. C. 316.
220) af-skiuban von sich schieben, altind. kshubh in bewegung,
aufi'egung gerathen. Sonne bringt dazu nicht übel den ^larcfog als
Schieber. K. Z. 10, 187.
221) spai-skuldrs Speichel, skuldrs bringt Leo Meyer 0. u, 0.
I, 520 sehr treffend zu altind. chard (aus skard) ausspeien, sich erbre-
chen , dessen d dem Verschiebungsgesetze nicht widerspricht. Dadurch erle-
digt sich Grimms abteilung in spais - kuldrs oder spaisk-uldrs. Gr. 2, 332.
Von inlautendem sk wäre etwa zu nennen:
222) fisks (stamm: fiska), lat. piscis. Wegen celtischer paralle-
len -vgl. K. Z. 3 , 67 mit W. S. three ir. gloss. pag. LH.
223) alts. malsk stolz, übermütig, got. untila - malsks , altind.
mürkha stumpfsinnig , dumm , unverständig , nach altind. lautgesetzen
aus marska (vgl. pürna von par) entstanden, vgl. auch Leo Meyer 0. u. 0.
I, 526.
Das sk als praesenszusatz bleibt ebenfalls unverschoben. So in ahd.
224) wunscan wünschen neben altind. vähch wünschen, was aus
vansk entstanden ist, und auf die wurzel van (Venus venerari etc.)
zurückgeht, ebenso in
225) ahd. miskan mischen. Das altind. denominativum mi9ray
mischen und miksh mischen, das griechische aus k erweichte ;' m /niy-
vv/.a, das lit. miszti mischen weisen auf eine wurzel mik, das keltische
DIE rEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 137
vielleicht auf noch älteres mak. Das auslautende k dieser wurzel ist im
lat. misceo aus micsceo (nach der zweiten!) im ahd. miskan aus miks-
kan, wol auch im keltischen vor dem sk verdrängt. Das griech. fdoyoj
hätte eine analoge erweichung im zusatz-k erfahren, wie iilyvv(.ii im
stammhaften k. C. 300. Ebel beitr. 2, 164.
Als unregelmässig erhaltene k im anlaute führt Lottner in seinem
oft citierten aufsatze (K. Z. 11) an: got. quairrus, quainon, quipan, altn.
kringla, kynda. Aber got. quairrus sanftmütig braucht nicht zum lat.
cicur gestellt zu werden, sondern kann — und dies ist Bopps ansieht —
ebenso gut zu jar zerreiben, mürbe machen gestellt werden, quainon
ist et.ymologisch unklar. qui})an darf mit kath wol nicht mehr verglichen
werden , seitdem Böhtlingk und Roth wieder darauf aufmerksam gemacht
haben, dass eine würze! kath in sanskrit nicht existiert, sondern nur ein
denominativum kathay, was schon Schlegel auf katham ,,wie" zurückge-
führt habe mit der bedeutung „ das wie eines ereignisses darlegen." Warum
altn. kringla kreis nicht als sichere ausnarae anzusehen sei, hat Lottner
selbst a. a. o. 185 ausgeführt. Etwas andere bewantnis hat es mit
„ altn. kynda anzünden , engl, kindle (lat. ac - cendo , candeo , skr. cand
glänzen, wovon candra mond)." Für candra mond erscheint nicht sel-
ten die ältere form 9candra (s. BR. s, v.) das heisst ursprünglich skan-
dra. Das verbum möchte also auch im deutschen ursprünglich mit
unverschobenem sk angelautet haben , und erst spät sein s verloren haben.
Dass sich unter dieser Voraussetzung auch die erhaltung des d erklärt,
werden wir später sehen. Andere angeblich unverschobene k sind im
laufe unserer Untersuchung erledigt worden, so taikns (nr, 204) und
vraiqvs (nr. 391). "Wirklich un verschoben scheint das k in
226) alts. vikan weichen neben gr. hUto C. 125 und wol auch
227) aquizi neben acus acutus a9 scharf sein etc. Auch einige
inlautende altnordische k, die Lottner a. a. o. 186 beibringt, sind viel-
leicht unverschoben. Als resultat ergiebt sich, dass das k, wenn es
allein stand, im inlaut selten unverschoben geblieben ist, nie im anlaut.
Bisweilen soll auch die alte tenuis im anlaut zur media geworden
sein. Dafür führt Lottner a. a. o. 187 an: dragan und gretan. dragan
ist s. V. laggs (n. 27) erklärt.
228) gretan wird von Lottner herbeigezogen unter der Voraus-
setzung, dass es zu altind. krand donnern, prasseln, brausen, brüllen
gehört. Indess diese vergleichung ist nicht zweifellos. Bühler in Benfey's
0. u. 0. 2, 340 vergleicht die altind, wurzel hrad oder hräd, welche,
wie aus ihren ableitungen zu schliessen ist, etwa denselben sinn hat wie
ki-and, und dem consonantenverschiebungsgesetz nicht wiederspricht. Auf
denselben gedanken ist Grassmann K. Z. 12, 134 gekommen. Bedenk-
138 DELBEÜCK
lieh ist nur dass das e im praesens des verbums in mehreren sicher erklär-
baren verben nicht dem blossen ä der verwanten sprachen entspricht, denn
flokan ist == plango , tekan = tango , (und slepan nicht =- svap). Indessen
sollte auch gretau mit hräd nicht ohne weiteres zusammenzustellen sein,
so ist darum die vergleichung mit krand nicht weniger unrichtig.
Ursprünglich t gleich niederdeutsch th.
a) im aulaut.
Das idg. t ist im altindischen und zend zu t oder th geworden,
im griech. , lat. , slav, , litauischen zu t , im niederdeutschen zu th.
22!)) J>a- pronominalstamm enthalten in l^ata Itan par etc. altind.
ta - , gr. /.o -.
230) J)agkjan denken, altlat. tongere, verglichen von Aufrecht
K. Z. 1 , 353.
231) pah an schweigen s. nr. 206.
232) paho thon stellt Schweizer K. Z. 8, 451 zu nr. 237.
233) uf-panjan ausdehnen, alts. penian, altind. tan dehnen, zend
tan ausstrecken, führen, gr. xiiro), lat. tendo. Dazu altn. thunnr dünn.
C. 100. vgl. beitr. 2, 165.
234) ])aurban bedürfen (stamm parf). von den meinungen über
dies vei'bum , welche Pauli in seiner schrift über die praeteritopraesentia
zusammenstellt, scheint mir die Lottners die richtige, Avelcher parf mit
russ. terpet' leiden vergleicht.
235) J)aurnus dorn vergleicht Bopp Glossar s. v. trina mit die-
sem altind. Avort und russ. tern dorn (was vielleicht aus dem scliwedi-
schen entlehnt ist?) vgl. beitr. 2, 375. wol zu C. nr. 239.
236) paurp dorf, feld, land cymr. treb vicus, wol auch lat. turba,
gr. TCQi-})^ (Lettner K. Z. 7, 178); lat. tribus, was Ebel K. Z. 6, 423 dazu
gestellt hatte, will Corssen K. Z. 13, 179 getrennt wissen.
237) ags. pävan tauen, viell. aus thähvan, gr. t;/;xw schmelzen;
freilich ksl. taiati tauen. C. 197.
238) at-J>Jnsan herziehen, ziehen, alts. l^insan ziehen, altind.
tahs hin und her ziehen , schütteln , lit. tasyti ziehen. Ein altes fre-
quentativum von tan.
239) alts. I>im schwarz, dunkel (oder subst.), nhd. dämm er und
finster (vgl. K. Z. 15, 238), altind. tämas finsternis, zend. tenianh
finsternis, lat. tenebrae, lit. tamsä dunkelheit, ksl. tima finsternis,
keltisch temel obscuritas. Ebel, beitr. 2, 165.
240) |)airh. Klar ist die wurzel tar durchschreiten. Der Bildung
nach am nächsten steht wol altind. adv. tiryiik in die quere; vgl. L.Meyer
K.Z. 5.370.
DIE DEUTSCHK LAUTVEKSCHIEBUNG 139
241) ga-pairsan verdorren, altind. tarsh dursten, zend tarshna
durst, gr. r^Qao/iai trocken werden, lat. torreo dörren. C. 202.
242) altn. l>i()r ochse s. n. 184.
243) I>iuda volk, osk. tovto, umbr. tutu gemeinde, lettisch tauta
volk, altir. tuath. Die wurzel ist erhalten in altind, tu valere, suffix ta
mit speciell gotischer Senkung des tli in d. Ob piu}) gut damit zusam-
menhängt, ist zweifelhaft. C. 204.
244) J)ius knecht kann für pihus stehen, wie naus für nahus =
na^us vty.ig. Dann ist in alts. pegn das g aus h erweicht. Als wurzel
stellt Grimm, s. v. degen, tak auf, dessen a in Jmis zu i verdünnt ist,
welches aber im griech. tsavov deutlich zu tage tritt. C. 198. Dann
bedeutet pius der heranwachsende „puer."
245) prafstjan trösten, altind. tarp satt werden, gemessen, gr.
TtQJUt). C. 202.
246) präg Jan laufen, gr, TQtyjo. Grassmann K. Z. 12, 81. Ebel
beitr. 2, 167. vgl. Diefenbach Orig. Europ. 332.
347) p reih an s. nr. 207.
348) ags. preägan [»rcan (Gr.) drohen, altind. tarj drohen, lat.
torvus (K. Z. 13, 454). Das g scheint unregelmässig erhalten.
249) preis drei, altind. tri, zend thri, gr. tQslg, lat. tres, ksl,
tri. C, 203.
250) us-priutan beschweren, belästigen, schmähen, lat. trudo,
lit. trüdnas, ksl. trudü, yiorog; vgl. auch Fick 73,
251) altn. pröask wachsen, gedeihen, lat. turgeo, besprochen von
Regel K. Z. 10, 138.
252) pu du, altind. stamm tva, gr. ir, lat. tu du, lit. tu du, ksl.
ty du. C. 198.
253) pulan dulden, ertragen, altind. tul, gr. ili^rai , lat. tuli.
C. 199.
254) purs riese, gr. ti()(jtji'(')g, eig. baumeister, ksl. tvoriti schaf-
fen, altind. tvar eilen. Sonne K. Z. 10, 105. vgl. C. nr. 273.
255) püsundi tausend und ksl. tysasta, (lit. tukstantis) gelten als
einer der stärksten beweise für die nahe beziehung des slavischen und
deutschen. (Schleicher, beitr. 1, 14). Vielleicht aber ist das deutsche
wort aus dem slavischen entlehnt. Sclierer, zur gesch. d. d. spräche 456.
b) im in- und auslaut.
Die mit {» anfangenden suftixe I)a (idg ta) \n (ti) }tu (tu) l»va (tva)
l)ara (tara) sind nur erwähnt, wunn sie an vergleichbare Wörter angefügt
sind, so dass das gesammte wort aus idg. zeit zu stammen scheint, oder
140 DELBRÜCK
wenn sie wiederum andere suffixe hinter sich haben. Das letztere ist der
fall bei
256) alpeis alt, stamm alpja, zu alan aufziehen, lat. alere, gr.
avalvog. C. 320. Das erste bei
256^') anpar ein anderer, litauisch äntras der andere. Das altin-
dische äntara bedeutet 1) innerlich , 2) verschieden. Es scheint demnach
geteilt werden zu müssen in zwei gleichlautende aber dem sinne nach
verschiedene formen. In der einen entspricht das an dem an in anpar,
in der anderen dem gr. h {Ivi6qc<), lat. in, deutsch in. Aus dem-
selben stamme, aber mit anderem comparativsuffix , ist anya der andere
gebildet, nach Kuhn beitr. 1, 367.
257) bropar bruder s. n. 98.
258) falpan s. n. 191.
259) -faps herr, stamm fa{)i, altind. päti, zend paiti herr, gr.
ftooig, lat. potis, lit, päts gatte. C. 254.
260) finpan finden, s. nr. 312.
261) frapi verstand, einsieht, lit. prantd ich merke, prötas ein-
sieht, lett. präts verstand, viell. interpretari. CurtiusK. Z. 4, 237.
262) lipus glied, lat. artus. Als älteste form wäre etwa erg-tu
anzusetzen, woraus sich die scheinbare metathese des vocals erklärt. Die
Avurzel ist ar. C. 305.
263) mip mit. Für die urdeutsche periode ist mati oder mapi
anzusetzen. (K. Z. 4, 142). Sicher verwant gr. /netd, vll. altind. smat.
C. 189.
264) munps mund. „Der deutsche ausdruck mund gehört mit
lat. mentum kinn zusammen, und letzteres scheint die ursprünglichere
bedeutung bewahrt zu haben, denn die Wörter gehören zu lat. eminere
hervorragen, so dass sie also einen hervorragenden teil des gesichts be-
zeichnen, was für das kinn besser passt, als für den mund" Pauli, kör-
pernamen 11.
265) nipjis vetter geht höchst Avahrscheinlich auf ein idg. naptia
(gr. veipio in aveipiog) zurück, so dass man ausfall eines f vor |) anneh-
men muss. Ausser der von C. 241. angeführten literatur vgl. noch Ben-
fey, 0. u. 0. 1, 232 flgd.
266) quip US bauch, laus - q u i J» r s nüchtern , altind. jathära bauch,
dessen verwantschaft , mit der zweiten form auch dem suffix nach, ein-
leuchtend ist. Das altind. th ist, wie gr. ynoiiiQ zeigt, entstanden aus
st, wir müssten also auch im got. quist- voraussetzen. Wider die son-
stige gewohnheit ist abei- in unserem werte t zu th verschoben und das
s vor th ausgestossen , wol weil das th schon zischend gesprochen wurde.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 141
Für den aulaut ist dieser fall bekanntlich häufig; vgl. altn. I)iör neben
stiur.
267) saps satt, lat. satur und satis sind augenscheinKch verwant.
Die Wurzel ist wol erhalten im altind. san „zur genüge erhalten, spen-
den," lit. sötus satt, ksl. sytu satt.
268) tunpus zahn, altind. danta, zend daiitan, gr. odocg {oSovt),
lat. dens, lit. dantis zahn, kelt. det beitr. 2, 161, Das u im suffix ebenso
wie bei fotus. C. 219.
268b) vairpan werden, altind. vart sich wenden, vartis haus (ort
der einkehr) , lat. vertere, lit. vartyti hin und her wenden. Die littera-
tur siehe bei Diefenbach, got. wört. s. v.
269) disvinpjan worfeln, zerworfeln. Die vergleichung mit lit.
vetyti worfeln , die schon Diefenbach hat , scheint einleuchtend. Dadurch wird
aber das verhältniss zu got. vinds , für das auch älteres {) vorauszusetzen
ist, unklar, vgl. Schleicher, Donaleitis Gl. pag. 323. Fick 167. Lottner,
K. Z. 7, 165. Wenn man eine wurzel vat als Weiterbildung von vä (va)
annehmen darf, so ist auch vipon schütteln verwant.
Erhalten bleibt das t in der anlautsgruppe st. Wird aber wider
den gewöhnlichen gebrauch das t zu p verschoben, so fällt das s ab.
270) Stabs s. n. 114. Vielleicht gehört hierhin auch staua. K. Z.
2, 458.
271) stains stein, fels, gr. oria kiesel. C. 194.
272) stand an stehen, altind. sthä, gr.iaTtji.u, lat. sto, ksl. statu.
C. 191.
273) staut an stossen, altind. tud, lat. tundo. Das s nur im
deutschen erhalten. C. 204.
274) stairno stern, ved. stäras sterne, sanskr. tar und tärä, zend
9tare stern, lat. Stella, gr. aiJitjQ. Die wurzel ist wol star ausstreuen
und die sterne „the strewers of light." Max Müller, lectures 2, 68.
275) stairo die unfruchtbare, altind. stari' unfruchtbare kuh, gr.
GTÜqci, lat. sterilis. C. 193.
276) ags. stearn staar, gr. (/-»a^, lat. sturnus. C. 319.
277) steigan s. n. 36.
278) stigqan (stamm: stagq) stossen, us-stiggan ausstechen.
Eine grosse anzal deutscher vergl. Dief. 2, 322 flgd., gr. oiiy in Griyi.ia
OfiCiü, lat. di-stinguo, russ. stegät' stechen. Im altind. tij ist das s
abgefallen, In stigqan ist idg. g regelrecht verschoben , in stiggau erhal-
ten, wegen des st, worüber später. Hierher auch mit später abgefal-
lenem s : taikns. Auliallend ist im got. verbum das stammhafte a gegen-
über dem i in den verwanten sprachen und den nominalbildungen wie
stiks und taikns. C. 195.
142 DELBRÜCK
27:t) stilaii (still) stdiloii. Tu bezug auf den uii- und auslaut
stiumit imi- gr. oitoi'«) bc'vau))eii. C. 11)3. Das altiiid. steiia (e = ä?)
dieb fühlt zusammen mit tayü, stäyu auf eine wurzelform stä, womit
Pott und Beufey ttiidoiua verglichen haben und ksl. taiti ■KQvmeiv.
280) straujan ausbreiten, altind. star, zend ^tar streuen, hin-
legen, gr. aroQivvufu, lat. sterno, ksl. streti. 0. 1!)5. Dem u in der
deutschen form entspricht das lat. in struo, instrumentum. Corssen,
beitr. 71.
281) striks strich, lat. tergere, strigilis. Corssen, beitr. 437.
282) ahd. strit streit, altl. stlis, streit.
283) altn. stynja seufzen, stöhnen, altind. stan, tönen, donnern,
ksl. stenati stöhnen. C. 193.
281) stiur stier, kalb, altind. sthüra stark, gr. rcwQog, lat. taurus.
Mit abfall des s und regelrechter Verschiebung des t altn. l)ior. Die
Wurzel ist stu, stark sein, eine nebenform von stä. C. 198. Dazu
gehört wol auch stiviti geduld, „ standhaftigkeit."
Inlautendes st ist erhalten in
285) fast an festhalten, ksl. postii, vipit/a, verwant mit altind.
pastya haus und hof (feste ansiedelung) , lat. postis. Benfey , 0. u. 0. I, 35.
28G) gasts s. n. 5.
287) In svistar Schwester ist das t wol eingeschoben, wie im
ksl. sestra. Alle übrigen indogerm. sprachen, in denen das wort vor-
handen ist, haben nur s: altind. svasar, zend qahliar, lat. soror, lit.
sesu, gen. sesers. vgl. auch beitr. 2, 101. Ganz denselben fall haben
wir bei:
288) ahd. stroum neben ksl. struja fluss. Dagegen altind. sru,
lit. sravju fliessen, gr. oqv {ßai/tQQooi;). C. 316. Es ist also wahrschein-
lich in diesen beiden v>förtern der einschub in slavo- deutscher Zeit erfolgt.
Doch vergleiche man wegen svistar Spiegel , beitrage 5 , 369.
Als beispiel von ausnahmsweiser erhaltung des t ausser-
halb der gruppe st pflegt man anzuführen:
289) tekan berühren, neben tango, gi: maydip. Ein entsprechen-
des wort im sanskrit ist nicht aufgefunden, vgl. Grassmann K. Z. 12, 134.
Sicher ist die erhaltung des t in ah tau, raihts, naht (octo, rec-
tus, nocti), wo die Verschiebung offenbar unterlassen ist, weil 1) hinter h
schwer zu sprechen ist. Anders half sich die spräche bei einem ähn-
lichen falle in nijtjis (nr. 265.). Wahrscheinlich ist die erhaltung des t
in ahd. anut ente gegenüber lat. anat. C. 284.
Ueber Vertretung eines t durch d später.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 143
ursprünglich p == niederdeutsch f.
Dem indog. p entspricht im altindisclien p, bisweilen ph (das aber
wol durch einfluss eines s aus p geworden ist) , im altbactrischen p , unter
gewissen Verhältnissen f, im griechischen /r, bisweilen q), im lat. p, im
altsl. p, im lit. p, im deutschen f.
a) im aulaut.
290) fadar vater, altind. pitär, zend patar, gr. yruTi'jo , lat. pater.
C. 243. kelt. athir. beitr. 2, 159. lieber das d später.
291) fahan fangen gehört zu der im zend vorhandenen, im alt-
ind. aus pä^a „schlinge" erschliessbaren wurzel pa9 „festbinden," lat.
paciscor. Im gr. ist k zu g erweicht, yctjy -i'v-ui. Dazu, vermittelt
durch den begriif „passen," auch faheps freude und mit Senkung des h
zu g: fagrs schön. C. 241.
291b) ahd. fahs haupthaar, ytc'xw kämmen, /dxog vliess, lat.
pecto. C. 150.
292) faian und fijan hassen hat Aufrecht K. Z. 3, 200 flgd. mit
altind. piy schmähen, geringschätzig begegnen, verhöhnen, lat. pejor
pessimus, schön vermittelt.
293) faihu vieh, altind. payu, lat. pecu, altpreussisch peku, was
man wol mit Benfey 0. u. 0. I, 35 als das „angebundene" (oder wenn
der deutsche begrifl" dem urspr. näher kommt) als das „eingefangene"
zu verstehen hat.
294) filu-faihs sehr mannichfach, bifaihon übervorteilen bringt
Pott K. Z. 6, 11 zu y/o/x/Aot; bunt, wechselnd, verschmitzt. Dies gehört
zu altind. pi9 schmücken, auszieren, putzen. Wahrscheinlich muss man
auf diese wurzel pi^ auch altind. pi^una hinterbringer, Verräter, ver-
läumder zurückführen, während BR. es zu spa9 stellen.
295) fairzna ferse, altind. pärshni f. zend päshna m. gr. jTTtQva,
ksl. plesna planta pedis, vgl. noch K. Z. 3, 325.
296) fairguni berg vergleicht Grimm, Myth. I, 150 bekanntlich
mit altindisch pärjanya (Bühler 0. u.O. I, 214 flgd.), lit. Perkunas, lett.
Pehrkons, slav. Porun. Das g erklärt sich nur, wenn man annimmt,
dass es aus h in gotischer zeit entstanden (wie aigands aus aihands).
Dann wäre die Verschiebung gegenüber dem litauischen regelrecht. Das
altindische j muss aus k erweicht sein. (vgl. beitrage 4, 277.) Als wur-
zel wäre par9 BR. IV, 588 anzusehen.
297) ahd. falo falb, altind. palita, grau, gr. noluK, lat. pallidus,
lit, pälvas. C. 244.
298) falpan s. n. 191.
144 DELBRÜCK
299) fiina stück zeug, gr. tt^/voc,* gewebe, lat. pannus. Die Wur-
zel besass urspr, warscheinlich ein s, das sich in alid. spaiman erhalten
hat. C. 248.
300) faran gehen (wol ursprünglich: hindurch, hinüber kommen),
altind. par hinüber führen, gr. yreQixco, lat. porta. C. 245.
301) ags. fearn, ahd. faram, farn. Kuhn, herabk. des feuers
pag. 219 weist nach, dass farn genau das verschobene altind. parna feder,
kraut ist; „in der that lässt sich kaum eine pflanze finden, für welche
der begriff des skr. parna in seiner ursprünglichen bedeutung als blatt
und feder in seinem ganzen umfange passender wäre," vgl. auch ksl.
pero feder, worüber Miklosich s. v. nachzusehen ist.
302) fastan s. n. 285.
303) faur = altind. puras, faura = altind. purä; Kuhn, Ztschr.
3, 240.
304) favai wenige, lat. paucus, paulus, pauper. Eine sichere
aualogie aus dem altindischen ist hierfür so wenig wie für das wahr-
scheinlich verwante gr. jTavw beigebracht. C. 244.
305) ags. fäm, engl, foam, nhd. feim mit anderem suffix, altsl.
pöna. Schleicher, ksl. 58. altind. phena schäum, feim. Dies weist auf
sp im anlaut, daher lat. spuma zu vergleichen, das mit dem deutschen
im suffix stinmit. Die wurzel ist wol nr. 341,
306) alts. fethara feder, wofür man mit Grimm s. v. ein got.
fipra voraussetzen kann, altind. pattra feder, wurzel pat fliegen. Die
übrigen verwanten s. bei Grimm, vgl. auch Kuhn, herabk. 178 anm.
307) mhd. vert, fert, anno praeterito , bringt Grimm, wörterb. 3,
1548 unmittelbar mit altind. paniti, gr. TraQvai, im vorigen jähre, zusam-
men , so dass man etwa ein got. fairup zu vermuten hätte. Interessant ist
diese vergleichung besonders deshalb, weil paruti, 7iiQvoi uralte com-
posita sind. C. 248.
308) ahd. fesa spreu, altind. pish zerreiben, zerstampfen, zermah-
len, zeud pish reiben, schlagen, pistra das malen, gr. nxloöio, lat. pinso,
lit. pestä die stampfe, vgl. Lottner, K. Z. 7, 21.
309) filleins von feil, prutsfill aussatz, gr. nilla haut, lat.
pellis. C. 244.
310) filu viel, altind. puru (aus paru), zend pouru, gr. TTolvg,
lat. plus. C. 253.
311) fimf fünf, altind. pancan, zend pukhdha quiutus (u aus an)
russ. piät, gr. tt^vts^ aeol. it^uTe, lat. quinque. C. 408.
312) finpan (fanp) finden, erfahren. Die urgermanische bedeu-
tung dieses verbums war „ zu etwas gehen ," wie Lottner , K. Z. 5 , 398
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 145
und 11, 190 nachweist. Damit hängt zusammen altind. path, „pfad,
weg ," dem mr nr. 344 noch einmal begegnen werden , und wol auch
altind. pat fliegen, dahin eilen, sich richten auf, geraten in. C. 190.
313) ahd, firzu, altind. pard, gr. 7t€Qdof.iai, lat. pedo, lett. pe'rdu.
C. 221.
314) fisks s. nr. 222.
315) ahd. fiuhta flehte, gr. /revy.r] flehte, lit. puszis flehte. C. 150.
vgl. auch Kuhn, beitr. 2, 374.
3 IG) mild, vis e Hin penis, altind. päsas , gr.Tteog, lat. penis, lett.
pist coire cum femina. C. 245.
317) flahtom s. nr. 191.
318) flekan beklagen. Genau stimmt lat. plango. Für dieses, so
wie gr. 7Th]OOio stellt C. 250 eine wurzel nlaY. auf. Das deutsche ver-
langt jedenfalls ein ursprüngliches g.
319) ahd. flins stein, gr. Trh'vd-og, lit. plytä ziegel. C. 251.
320) ahd. floh, „jenes thier, dessen hofleben unser grosser dich-
ter verherrlichte, hat einigen anspruch auf einen hohen Stammbaum,
denn es findet sich lat. pulex, ahd. floh, sl. blocha, lit. blussa." Kuhn,
Webers ind. stud. 1 , 344. Das slavische und litauische wort passen
nicht im anlaut, dagegen ist mit Curtius 366 gr. i^>vXlce hinzuzufügen.
321) ags. folm band, gr. Ttalce/LU], lat. palma. C. 242. Pauli,
Über die benennung der körperteile bei den Indogermanen , Berlin, Dümm-
1er 1867 pag. 20 vergleicht hübsch altind. päni band, das für parni ste-
hen könnte. Die wurzel vermutet er in par füllen, denn päni, folm etc.
hätten zuerst die hohle band bezeichnet, keltische parall.: Ebel, beitr.
2, 164.
322) fotus fuss, altind. päd, pa da fuss. Das genau entsprechende
altind. pädü ist ein a. ?.., dem BK. die bedeutung „bahn" geben; gr.
Ttovg, lat. pes, lett. peda fussohle etc. Reichliche nachweisungen C. 220.
323) fral3i s. nr. 261.
324) frijon lieben, altind. pri lieben, priya lieb, zend (ebenfalls
mit f.) fri lieben, ksl. prijati TtQovosiv, lit. pretelius freund (vgl. ahd.
friudil). Interessante keltische parallelen Ebel, beitr. 2, 172.
325) frius frost, kälte ist schon lange mit altind. prush, das
brennen bedeuten soll, vereinigt, und es ist dann auf die gleichen
schmerzlichen Wirkungen, die grosse kälte und grosse hitze hervorbrin-
gen , hingewiesen, prush ist zwar nur in der bedeutung träufeln , spritzen
belegt, aber das verwante oder identische plush heisst brennen. Dazu
bringt dann Froehde, K. Z. 14, 454 noch pruina, prurio, prurigo, jtvq-
o6g, TtvQQog, jvvQOsko.
ZEXTSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. 10
14G DELBRÜCK
326) foua feuer. Das o ist in diesem worte entstanden wie in der
ersten pers. dualis (K. Z. 2 , 180) aus av. So kommen wir auf eine
Wurzel fav, welche ihrerseits auf altes pav oder pü weist. Eine wurzel
pü ist im altind. vorhanden und heisst „ hell sein , flammen " (siehe Grass-
mann, K. Z. 16, 184, dem man gegen BR. recht geben muss). Abge-
leitet davon ist pävakä hell , flammend, glänzend. Nach Grassmanns
meiming sind hiermit auch verwant gr. nvQ, ahd. fiur.
327) ahd. furh und furhi (Graff 3, 684), lat. porca. K.Z. 7, 164.
328) fulls voll, entstanden aus fulua, wie noch das litauische
pilnas voll zeigt. Gleich ist das altind. pürnä , das aus parna entstanden
ist. zendperena, wurzel par, wozu filu, unser: volk, russ. polk, menge,
lett. pulks häufen, menge (vgl. Pott, de linguarum letticarum cum vici-
nis nexu. Halis 1841.) C. 249.
329) füls faul, altind. und zend pü faul sein, gr. nvO^io, lat. püs,
lit. püti faulen, lett. put stinken. C. 257.
330) ahd. füst faust wird mit gr. nvyf.iiq, lat. pugnus, ksl. pesti
faust zusammengestellt. Aber weder ist die wurzel recht klar, noch die
bildung des deutschen und slavischen wertes. C. 258.
b) in- und auslautend.
Das aus p verschobene inlautende germanische f ist im got. nicht
selten zu b gesenkt, andererseits erscheint im altn. und ags. nicht selten
f, wo wir im gotischen regelrechtes aus bh entstandenes b finden. Über
diese beiden erscheinungen wird später noch zu sprechen sein. Jetzt
seien nur die fälle erwähnt, in denen in- oder auslautendes f sicher
aus p verschoben ist.
331) af, afar, altind. und zend apa von -weg, gr. anö^ altind.
äpara der andere, gr. rjTreQOTreveiv. C. 238.
332) hafr s. nr. 118.
333) hlifan s. nr. 148.
334) ahd. niftilä nichte, altind. napti', zendnapti, s. nr. 265, wo
schon erwähnt ist, dass in nipjis der labial ausgefallen ist, celt. necht.
beitr. 2, 168.
335) hlaifs brot, oder mit Senkung des f hlaibs. Die slavischen
Wörter, wie ksl. hlöbn, sind mit Lottner, K. Z. 11, 173 als entlehnt
anzusehen. Dagegen hält Pott, Wurzel Wörterbuch I, 14 lit. klepas (das
ich nur aus dieser anführung kenne), und lett. klaips für verwant und
bringt sie unter die wurzel 9rä backen, kochen, caus. 9rapayati.
336) altn. sofa schlafen, altind, svap, gr. oTrvog, lat. somnus
sopor, lit. sapnas, lett. sapnis, träum. C. 260. vgl. Ebel, beitr. 2, 164.
slepan stimmt wegen des 1, e und p nicht.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 147
Erhalten ist das p durchgehend in der gruppe sp,
337) ahd. sparon sparen. Damit verwant altind. spar retten
(ßv. 1, 161, 5), ein lit. sparus sparsam führt Curtiiis, K. Z. 3, 416 an.
Im lat. parcus, parcere ist s abgefallen. (Corssen, krit. beitr. 457.)
338) ahd. spehom ich spähe, altind. spa9 s. nr. 197.
339) got. spinnan, ahd. spannan, grmidbed. ziehen, gr. OTtdu).
C. 245. vgl. nr. 299 s. v. fana und Corssen, krit. nachtr. 114.
340) ags. spie in spic-hüs (Wright, Gloss. p. 58), speck stellt
Kuhn , Z. 3 , 324 zu sphigi' hüfte (schwellender teil).
341) spei van speien. Über dieses wort spricht ausführlich Grass-
mann, K. Z. 11, 11. Es vergleicht sich mit lit. spiäuti, lat. spuo, gr.
TCTvio und altind. shthiv, welche beiden letzteren formen ebenfalls auf
den anlaut sp zurückzuführen sind. vgl. nr. 305.
342) ags. sporn, sporn, altind. sphar und sphur stossen, vibrie-
ren, altb. 9par mit den füssen treten , gr. a-onaiQco, lit. spirti ausschla-
gen, lett. spe'rt mit dem fusse stossen. Die wurzel ist sehr schön behan-
delt von C. 259, wo auch „spreu" und „springen" ihr mit recht zuge-
wiesen werden.
343) ags. spovan gedeihen, sped glück u. a. gehören nach Leo
Meyers recht wahrscheinlicher annähme zu altind. sphäy schwellen, fett
sein. (K. Z. 8, 270). vgl. lett. spet vermögen. Ein einfaches anlauten-
des p ist wider die regel erhalten in
344) ags, päd pfad = altind, path pfad, gr. närog (Grassmann,
K. Z. 12, 134).
Für den inlaut scheint ein sicheres beispiel
345) got. vairpan = gr. I^^ijttuv , Leo Meyer, K. Z. 15, 5.
Einige weniger sichere sehe mau bei Lottner, K. Z. 11, 185. Davon
dass altes p im anlaute als b erschiene, findet sich kein beispil. Die
beispile für diesen Vorgang im inlaut gehören unter die in der spe-
cialgeschichte des deutschen vollzogenen herabsenkungen aus f zu b.
Der erwähnung wert ist noch , dass m"d. ph bisweilen idg. k ent-
spricht, so dass wir einen organwechsel anzunehmen nicht umhin kön-
nen. Für den anlaut haben wir diess anzunehmen in
346) fidvor vier neben altind. catvaras, zend cathware, gr. zv-'a-
oaqsg {TtiavQsg), lat. quatuor, ksl. öetyiije, lit. keturi, die alle gutt.
oder deren Vertreter im anlaut haben. Die entartungen des gutturals
sind jedenfalls in jeder spräche für sich vorgegangen.
347) fimf, dessen zweites f einem alten k-laut entspricht, wie
aus altind. pancan, gr. /revre {n^ircs), lat. quinque, lit. penki zu erse-
hen ist. C. 408.
10*
148 DELBRÜCK
318) aflifiiau übrig bleiben, wozu mit gotischer herabsenkung
des f zu b auch laibos gehört, altiud. ric, gr. lelmo, lat. linquo.
(C. 106.) Ecgelreclit entspricht dem altind. ric got. leihvan, wie ur. 174
ausgeführt ist.
;U"J) vulfs wolf, altind. vrika, zend vehrka wolf, lit. vilkas, ksl.
vlüku wolf, lat. lupus, gr. Atxog. C. 148.
m. M e d i a e.
Ursprünglich g = niederdeutsch k.
Das alte g ist im altindischeu vertreten durch g und j (dscha) , im
altbaktrischeu durch g j z' z, im griechischen durch / ß, im lateini-
schen durch g gu (v), im altirischen durch g, im altslavischen durch
g z, im litauischen durch g z, im gotischen durch k qv (v).
a) im aulaut.
350) kalbo kalb. Das ahd. p in chalp und das ags. und alts. f in
cealf , calf sprechen durchaus nicht gegen die annähme eines urdeutschen
b. Somit stimmt altind. gärbha dem laute nach vollkommen, ebenso
dem sinne nach, da es „mutterschooss, embryo, neugeborenes, junge
brut" bezeichnet, gr. ßqlcpog, ksl. zrebe puUus. C. 420. Demnach ist
kein grund von dieser vergleichung wieder abzugehen und mit Hilde-
brand s. V. Wörter zu vergleichen, die lautlich nicht passen.
351) kalds kalt, lat. gelidus, altind. jala kalt, starr (jala n. was-
ser). Diese Wörter gehören vielleicht zu der wurzel jar aufreiben , schwä-
chen, wozu u. a. yriQaq das alter. Die kälte ist das tote, hiems iners,
der „wirkungslose."
352) altn. kalla rufen, altind. gar anrufen, preisen, gir stimme,
rede, gr. yrjqvg stimme, lit. gärsas stimme. Lettner, K. Z. 11, 1G5.
353) kann ich weiss, altind. jnä wissen, zend zan erkennen, ksl.
znati kennen, wissen, gr. yiyvwGY.o), lat. gnosco. Die vermittelung zwi-
schen dieser wurzel und der des zeugens (altiud. jau etc.) liegt in dem
begriffe des herankommens. vgl. C. 163 und beitr. 2, 162.
354) kaum körn, frucht, weizen, lat. granum, ksl. zrüno körn,
lit. zirnis erbsen. Lettner, K. Z. 7, 164. gr. yvqiq feines mehl. C. 161.
Die wurzel ist im altind. jar (zerreiben) erhalten.
355) kaurs schwer, gewichtig (stamm kaum), altind. gurü aus
garu, wie gäriyans schwerer zeigt, gr. ßceqcg, lat. gravis. Kam-u ist aus
karu durch assimilierung des a (kum, kauru) geworden; dazu kaurjös
2. Cor. 10, 10. Ebel, K. Z, 5, 308.
DIK DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 149
356) kebse. Der ursprüngliche sinn des wortes ist wol kaum
sclavin , sondern sicher heischläferin. Das altn. kefsir , das Hildebrand s. v.
anführt , wenn es überhaupt hierhergehört , bewiese doch nur , dass kebse
auch sclavin, nicht dass es zunächst sclavin bezeichne. Zu verglei-
chen ist altind. jabh neben yabh coire cum femina, das den lauten nach
genau stimmt, vgl. K. Z. 1, 126.
357) altndd. kela kehle. Hildebrand s. v. vergleicht altind. gala,
hals, kehle, lat. gula. Die wurzel ist erhalten im altind. gar verschlin-
gen, wozu gr. ßoQ in ßißQCüamo ßoqä frass, lat. (g)vorax, ferner gur-
gulio, gurges etc. C. 419.
358) kinnus kinn, backe. Die Übereinstimmung von gr. ytvvg
kinn, lat. geua und unserem wort beweist, dass im altind. hanu das
h aus g entstanden ist. Auffallend ist das doppelte n. Pauli (benen-
nung der körperteile bei den Indogermanen.) setzt eine urform ganju
voraus.
359) kiusan wählen, altind. jush, zend zush lieben, gern haben,
gr. yeveoS-ai kosten, lat. gustare. C. 162.
360) alts. klioban, ags. cleofan unser klieben, klob, wofür man
ein got. kliuban erwarten dürfte, ist am nächsten zu vergleichen mit
altind. jrambh gähnen (die kinnbacken aufreissen), welches selbst wider
verwant ist mit der weitausgedehnten wurzel gaf, gamf, die Kuhn Z. 1,
123 behandelt.
361) kniu knie, altind. janu, in Zusammensetzungen -jhu, zend
zhnu, gl-, yövv, lat. geuu. C. 164.
362) altndd. kranc kranich, gr. yiqavog, lat. grus, lit. gerve.
C. 161 und in bezug auf das celtische Ebel, beitr. 2, 167.
363) kuni geschlecht, altind. jan zeugen, gr. ylyvoitiao, lat. gigno
C. 160, altind. jäntu und zend jantu genossenschaft. vgl. beitr. 2, 161.
363b) ags. cü kuh, altind. go, nom. gaüs kuh, gr. ßovg, lat. bös,
ksl. govedo grossvieh. C. 419.
ib) in- und auslautend.]
364) airknil)a gute art, reinheit, altind. arjuna hell, rein,
räj glänzen, zend räz, gr. ccQyi'jg etc., lat. arguo. Schweizer, K. Z. 15,
315 zu C. 157.
365) akrs acker, altind. ajra flur, gr. ayQog, lat. ager. C. 157.
366) ahd. anko butter, lat. unguen, unguentum. Im altind.
stammt von der wurzel anj salben ä'jya die butter, das opferschmalz,
ahjas salbe miscliung, davon der instr. aiijasä eig. „wie geschmiert,"
d. h. schnell, und Leo Meyer mag recht haben,* wenn er damit got.
150 DELBRÜCK
anaks plötzlich , sogleich , zusammenbringt. (K. Z. 6 , 10.) Kuhn , Z.
1 , 384.
;j67) aukan mehren, lat. augeo, lit. i'iuga wachse. C. 171.
368) boc s. nr. 92.
369) brikan brechen, lat. frango, mit Verlust des r altind. bhanj.
brechen. Dasselbe verhältniss bei
370) brükjan brauchen, lat. frui (frugi), das schon syntactisch
nicht von altind. bhuj geniesse zu trennen ist (Delbrück, ablativ localis
Instrumentalis pag. 65). Auffallend ist, dass im lat. neben der r-form
auch eine form ohne r (fungi) vorzukommen scheint, und ebenso im
deutschen, wenn wenigstens bauch (ags. büc), wie Pauli a. a. o. 16
sehr wahrscheinlich macht, zu bhuj gemessen gehört.
371) flekan s. nr. 318.
372) juk joch, paar, altind. und zend yuj verbinden, gr. tevyvvi.u
^vyov , lat. jungo, jugum, ksl. igo joch, lit. jüngas joch. C. 166.
373) mikils gross. Das k dieses Wortes macht Schwierigkeiten,
wenn man auf die nr. 31 pag. 6 angeführten altind. formen sieht, welche
auf urspr. gh deuten. Indessen gr. fiiyug und lat. magnus verglichen mit
unserem worte weisen doch auf urspr. media , so dass man am besten tut
eine wurzel mit med. asp. und eine mit med. von wesentlich gleicher
bedeutung neben einander anzunehmen, vgl. Lottner, K. Z. 11, 177.
C. 294. Fick 133.
374) miluks milch (aus milks?). k ist nicht suffix, da das' wort
offenbar mit altind. marj abwischen , abreiben , zend marez wischen , kel-
tisch wurzel malg, beitr. 2, 163, gr. a/nilyco, lat. mulgeo verwaut ist.
C. 168. Das altslavische mleko muss man wol mit Lottner, K. Z. 11,
172 für entlehnt aus dem deutschen halten.
375) ags. nacod, got. naqual)S nackt, altind. nagna nackt, ksl.
nagu, nackt, lit. nugas. (Schleicher, ksl. 49). nndus hält Leo Meyer (ich
kann nicht mehr finden wo) für zusammengezogen aus nogvidus. kelt.
nochtchenn nudus capite. Ebel, beitr. 2, 172. Eine unsichere etymo-
logie giebt Corssen, krit. beitr. 101.
376) reiks herrscher, altind. in Zusammensetzungen -räj herrscher,
lat. rex. Eine erörterung dieser Zusammenstellung: Kuhn in Webers ind.
stud. I, 332. C. 169.
377) rakjan in ufrakjan recken, strecken, altind. arj (3te plur.
riüjate) recken, strecken, gr. oQsyoj, lat. rego. C. 169.
378) tekan s. nr. 289.
379) pagkjan s. nr. 230.
380) altn. I)ekja decken, altind. sthag decken, gr. arsyio decken,
TcVogdach, lat. tego, lit. stegiu ich decke. C. 170. vgl. Ebel, beitr. 2, 165.
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 151
381) vakan wachen. Am nächsten steht lat. vegeo, vigil. Ver-
want ist aukan und was damit zusammenhängt, s. oben nr. 367.
382) vaurkjan wirken. Unzweifelhaft ist der Zusammenhang mit
zend varez wirken, tun, was nicht, wie Justi tut, mit altind. varh ver-
glichen werden darf. gr. fegy in sQyov etc. (Leo Meyer, K. Z. 15, 7
flgd). Nicht ganz sicher ist ein altindisches wort zu vergleichen. C. 165
K. Z. 6, 317.
Neben dem reinen k erscheint wiederum , wie neben dem reinen
h ein v , und zwar muss man wie bei hv , so auch hier zwei arten des
kv (qu) unterscheiden. Das v ist entweder aus idg. zeit mitgebracht,
oder in germ. zeit entstanden. Für das erste weiss ich nur ein beispiel
383) alts. qualm gewaltsamer tot, ags. cvealm, alts. quäla mar-
ter, unser quäl, quälen neben altind. jvar fiebern, sich betrüben und
jval glühen, brennen. (Bopp, gl. s. v. jvar).
Die andere gruppe ist zahlreicher. Hinsichtlich der erklärung des
kv in dieser verweise ich auf das über hv gesagte.
384) quairnus mühlstein in asilu - quairnus gehört zu der oben
(nr. 354) besprochenen familie der wurzel jar, zerreiben , identisch ist
russ. jiörnov mflhle , vgl. auch ir. bröo a quem W. S. three irisch glos-
saries pag. XXVIIL
385) quens und qiiino weib, altind, jani weib, im comp, auch
-jäni, zend ghena, gr. yw^, altpreussisch gana, ksl. zena frau, keltisch
ben, ban frau. beitr. 2, 159 und W. S. three ir. gloss. XXVIII, natür-
lich zu Jan C. 160.
386) quiman kommen, altind. und zend gam gehen, lat. venio,
gr. ßaivco. C. 415.
387) quius lebendig, altind. jivä lebendig, jiv leben, zend jivya
lebendig, gr. ßiog, ßinio etc., lat. vivere, vivus, ksl. zivü lebend, lit.
gyvas lebendig, kelt. biu, beo. beitr. 2, 160. C. 418.
388) qui|)us s. nr. 266.
Von inlautenden qu wären etwa zu erwähnen
389) riqiiis finsternis, zunächst aus raquis durch assimilation,
wie das gleichbedeutende altn. rök beweist, das sein ö dem im altnord.
hinter k weggefallenen u (v) verdankt, mit altind. räjas finsterniss schon
von Bopp (gl.) verglichen. Wegen des oft herangezogenen gr. sqeßog
vgl. C. 421.
390) stigqiian s. nr. 278.
301) vraiqus schräg, krumm, altind. vrijinä krumm, trügerisch,
lat. valgus. Im griechischen gaißög (aus fgaiyog) erklärt C. den diph-
thongen als aus foäyiog entstanden. Derselbe Vorgang ist im got. anzu-
nehmen (vraiqva aus vraqvja , vgl. hails). Auch eine form mit suff, -na,
162. DELBRÜCK
(dessen n a])er in den stamm des wortcs übergetreten ist) , wie im altind.,
ist erhalten im ags. vrence , trug. Aufrecht, K. Z. 12, 400.
Ursprünglich d = niederdeutsch t.
a) im anlaut.
392) tagr trähne, gr. öcckqv, lat. dacruma. Das g ist also spe-
ciell gotisch statt h. C. 124. vgl. beitr. 2, 160.
393) tahjan s. nr. 199.
394) taihsvs s. nr. 201.
395) taihun s. nr. 202.
396) (ga)tairan zerreissen, altind. dar bersten, zerreissen, gr.
dsQO) schinden, lit. diriü ich schinde. C. 212.
397) gatamjan zähmen, altind. dam zahm sein, zähmen, gr.
da/iida), lat. domare. ga-timan geziemen würde danach heissen „zahm
sein," bequem sein für jemand (dat). Doch scheint die mhd. coustruct.
(Grimm , gr. IV, 225) diese auifassung allerdings nicht zu bestätigen.
398) tarhjan s. nr. 203.
399) ags. täcor schwager (mit k, das aus blossem v entstanden
ist?), altind. devär (und devara), besonders jüngerer bruder des mannes,
lat. levir (mit auffallendem e), gr. datjg, lit. deveris schwager, ksl.
deverl schwager. Wenn das deutsche k wirklich später entstanden ist
und nicht auf eine urform mit gv weist, so ist div als wurzel anzuneh-
men, und der schwager heisst der „tändler," der jüngere bruder, der
mit der frau spielt, während der mann auf arbeit geht. Ein zug aus
einem indogermanischen idyll, den man sich sicherer ausmalen könnte,
wenn das ags. k nicht wäre.
400) timrjan zimmern, gr. öefieiv bauen. Davon ist nicht zu
trennen gr. dnf.wg haus, folglich auch lat. domus, ksl. domü und altind.
damä. Bß. s. v. damä leugnen zwar diese verwantschaft , indem sie
sagen, dass das wort damä im sanskiit keine andere ableitung habe als
von dam „zahm sein." damä bezeichne daher ursprünglich den ort, wo
der mann unumschränkt herrscht. Aber es ist ja durchaus nicht erfor-
derlich, dass jedes sanskritwort seine ableitung im sanskrit habe. So
gut wie Wörter anderer sprachen durch ein sanskritwort aufschluss über
ihre grundbedeutung erhalten, müssen es auch sanskritwörter sich gefal-
len lassen, z. b. durch griechische erklärt zu werden. Ich bin also der
ansieht, dass man durch gr. öef-iw und timrjan gezwungen sei, auch für
altind. damä den grundbegriff „gebäude" aufzustellen. Ob die wurzel
„zahm sein" (nr. 397) sich durch die begriffe still stehen, fest sein etc.
schliesslich auch noch mit di/uco vermitteln lasse, ist zweifelhaft, beitr.
2, 160.
DIE DEUTSCHE LAÜTVEESCHIEBUNG 153
401) ags. Tives däg, worin Tives = altind. diväs, gr. JiHq, Wur-
zel div leuchten, dazu auch altn. tivar. Grimm, myth. 1 , 175 flgd. Eine
ausführiiche erörterung der-wurzel div: K. Z. 11, 4 flgd. vgl. auch beitr.
2, 161.
402) teihan s. nr. 204.
403) triggvs s. nr. 73.
404) triu bäum, altind. und zend dru holz, gr. d^vc, eiche, ksl.
drüva ^Aa, kelt. daur quercus. beitr. 2, 160. Nahe stehen auch alt-
ind. dä'ru holz, gr. öö^v. Die wurzel ist die nr. 396 erwähnte. Kuhn,
Z. 4, 84 flgd. Vgl. auch beitr. 2, 375 und lett. darva theer.
405) tuggo s. nr. 37.
406) tuuthus s. nr. 268.
407) tiuhan ziehen ist längst mit lat. ducere verglichen worden.
Das altind. duh passt dazu nicht wegen des h im auslaut, und weil es
höchst wahrscheinlich früher zwei aspiraten hatte. K. Z. 12, 126.
408) tvai, altind. dva, gr. ovo, lat. duo, ksl. duva, lit. dii.
C. 215.
b) in- und auslautend.
409) bei tan s. nr. 98.
410) fotus s. nr. 322.
411) gaits s. nr. 2.
412) giutan s. nr. 15,
413) gretan s. nr. 228.
414) hairto s. nr. 144.
415) itan (at) essen, altind. ad essen, gr. I'dw, lat. edo, lit. edmi.
C. 216. celtisch ithim edo vgl. Lottner, beitr. 2, 315 anm.
416) ahd. knoto knoten, lat. nodus aus guodus. Lottner, K. Z.
7, 187.
417) ahd. nest. Das altind. nidä ist unzweifelhaft richtig aus
ni-sad niedersitzen gedeutet worden. Wir haben also auch in unserem
deutschen wort ein altes compositum anzuerkennen. Das ksl. gnezdo hat
vorn einen, wie es scheint, bedeutungslosen zusatz. Dieselbe contrac-
tion wie das altind. zeigt lat. nidus. Benfey , griech. wurzell. 1 , 446.
Böhtlingk - Eoth s. v. Ebel, beitr. 2, 168.
418) ags. reo tan weinen (wurzel rut), altind. und zend rud wei-
nen, lat. rudo, ksl. rydati weinen, beklagen, lit. rauda weliklage. vgl.
Lottner, K. Z. 7, 20.
419) Sit an (sat) sitzen, altind. sad, zend had, gr. %6og, sitz, lat.
sedeo, lit. sedmi. C. 216. kelt, wurzel sad. Ebel, beitr. 2, 165.
ir>4 DELBRÜCK
420) staut an s. nr. 273.
121) y litis mild, altind. svädu süss, gr. f]dvg, lat. siiävis, lit. sal-
diis, lott sa'lds süss. C. 206.
42 Ib) altn. sveiti scliweiss, altind. svid schwitzen, gr. iölco, 'lÖQcog,
lat. südare. C. 218.
422) vait ich weiss, altind. und zend vid, veda ich weiss, gr.
ßiö oida, lat. Video, lit. veizdmi sehe, ksl. videti sehen. Ueber das
hierher gehörige got. veitvods s. 0. u. 0. 2, 341 und 730 flgd. C. 217.
423) vato wasser, altind. ud quellen, gr. vöioq, lat. imda, ksl.
voda wasser. C. 224.
Ursprünglich b = niederdeutsch p.
Ob die idg. gnmdsprache ein b hatte, ist auch nach den ausfüh-
rungen von Bickell, K. Z. 14, 425 flgd. und den aufstellungen von Fick
in seinem idg, Wörterbuch noch zweifelhaft. Von anlautenden deutschen
p hat sich bis jetzt noch keins der vergleichung mit einem b in andern
idg. sprachen fügen wollen. Zwar ist got. paida rock mit /?«/V?; (Hero-
dot 4, 64) verglichen worden, was lautlich (d aus Ji) und begrifflich sehr
wol angienge. (vergl. Wackernagel, Haupts Zeitschr. 6, 297.) Stutzig
macht nur das finnische paita (lappisch paidde) derselben bedeutung.
Nach Schiefners (brieflicher) mitteiluug sind die finnischen Wörter wahr-
scheinlich aus dem gotischen entlehnt. Die Goten könnten aber paida
auch erst von einem anderen volke entlehnt haben, wie die Griechen
vielleicht ßatzr]. Ueber die Verbreitung des woiies in deutschen dialec-
ten vgl, noch Lexer , kärntisches Wörterbuch s, v. pfät. Von auslautendem
p = b in andern idg. sprachen ist nur ein sicheres beispiel bekannt,
nämlich das oben (nr. 236) besprochene paurp. Doch fehlt hier die
asiatische parallele.
Dass eine urspr. media im deutschen als aspirata erschiene , ist wol
nicht behauptet worden. Dagegen führt Lottner , K, Z, 11, 197 nicht wenige
fälle von erhaltung der media an. Sie werden zum teil beseitigt durch die
Grassmannsche livpothese von der ursprünglichkeit zweier weicher aspiraten.
Dies ist der fall mit gredus (nr. 11), bairgan (nr. 19), wurzel drug (nr. 23),
deigan (nr. 22) , dauhtar (nr. 43) , bindan (nr. 55), biudan (nr. 57), Vielleicht
gilt dasselbe von gods (KZ. 12, 129), dags (K. Z, 12, 125), drygge
(K. Z. 12, 131), welche drei beispiele ich oben nicht angeführt habe, weil
ihre etymologie nicht ausser allem zweifei steht. Als zweite gruppe von
ausnahmen fassen wir zusammen stiggan (nr. 278), altn. strengja neben
lat. stringere (Lottner, a. a. o. 201), skald (nr, 213), skaidan (nr. 211),
DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG 155
skadus (nr. 210) -skiüdrs (nr. 221), imd vielleicht scyndan (Lottner a. a.
0. 201). Es ist einleuchtend, dass in diesen 6 fällen die unversehrte erhal-
tung der anlautsgruppe st oder sk die conservierung auch der übrigen
laute des wertes befördert hat.
Nach diesen abzflgen bleiben von den Lottnerschen ausnahmen noch
folgende :
gagga, gras, gilpan, gala, diups, dails, gavi, draumr,
welche von Grassmaun, K. Z. 12, 131 tigd. in dieser reihenfolge besprochen
sind. altn. mergr mark mit altiud. majjan zu identificieren und dies aus
marjan zu erklären, ist zwar sehr verlockend, aber wegen des altsl. mozgü
unmöglich. Darum ist die Vermutung nicht abzuweisen, dass auch dem
g von mergr ein altes gh entspreche. (Pauli, körpernamen pag. 25).
Vgl. noch E. Kuhn, K. Z. 17, 234, wobei zu bemerken ist, dass Justi
s. V. merezu fälschlich altind. marjü herbeizieht. In fairguni ist das
g oben (nr. 296) anders erklärt. Das gr von graban neben yQt'afw hat
offenbar eine lange geschichte hinter sich. Die Vermutung ist sehr wahr-
scheinlich, dass der ursprüngliche anlaut sk war, dass das k nach
abfall des s sich zu h (im gr. 7) verschob und dass dieses h (-/) sich
im deutscheu und griechischen unabhängig von einander zu g (/) senkte.
Eine solche Senkung von h zu g ist zwar im deutschen sonst nur im
inlaut nachweisbar, aber auch wol bei grids neben schreiten anzu-
nehmen , wenn man nicht vorzieht grids mit gardh (aus ghardh) zu ver-
einigen, vgl. Rigveda 4 , 38 , 3. Die übrigen ausnahmen Lottuers sind
etymologisch nicht ausser zweifei. Ein sicheres beispiel schien uns
nr. 248 in {)reägan vorzuliegen. So viel lässt sich mit bestimmtheit
sagen, dass eine regelwidrige erhaltung der media sehr
selten ist.
Nicht eigentlich hierher gehört die rein deutsche Senkung von
aspiraten zu medien.
In nicht wenigen fällen nämlich entspricht der inlautenden tenuis
der verwanten sprachen im gotischen eine inlautende media. Unter den
bis jetzt besprochenen Wörtern sind mehrere, bei denen das gotische
zwischen media und aspirata schwankt, so faginon neben fahel>s,
laibos neben aflifnan, sads neben sal)S, hlaibs neben hlaifs,
fal)S neben fadis, tigus neben taihun, juggs neben juhiza. In
allen diesen fällen weist die etymologie nach, dass die aspirata der
durch das gesetz geforderte laut, die media erst eine abschwächung
daraus ist. Dasselbe ist der fall in vielen fällen, wo das gotische nur
mehr die media aufweist, wie fadar, firtvor, hund, sibun, tag-r,
paurban, piuda, nadrs neben natrix u. a. mehr. Man hat hier
156 DELBRÜCK, DIE DEUTSCHE LAUTVERSCHIEBUNG
oftcnbar überall anzunehmen, dass die aspirata im inlaut eine weichere
ausspraclic hatte, also zur weichen aspirata wurde und dass diese sich
zur media schwächte.
Da ich diese erscheinung später ausführlicher zu behandeln hoffe,
begnüge ich mich für jetzt mit den angeführten Wörtern.
Es liegt nicht in der absieht dieses aufsatzes, die theorie des laut-
verschiebungsgesetzes ausführlich zu erörtern, doch mögen die nächstlie-
genden folgerungen ganz kurz bezeichnet werden.
Am meisten analogie in anderen sprachen hat die in einer blossen
lautschwächung bestehende Verwandlung des alten gh dh bh in g d b.
Man wird daher recht thun, mit Curtius, Lottner, Grassmann in dieser
Verwandlung den anfang der ganzen bewegung zu erblicken.
Die Verwandlung des k t p in kh th ph hat im griechischen und
altindischen vereinzelte analogieen. Sie mag ihren grund haben in
einem besonders grossen kraftaufwand bei der ausspräche dieser tenues.
Berücksichtigi man die Vorliebe der Germanen für alliteration , so darf
man vielleicht annehmen, dass zunächst die initialen tenues von dieser
Verschiebung ergriffen sind und dass diese dann die in- und auslauten-
den nach sich gezogen haben.
Ohne analogie ist die hebung der mediae zu tenues. Diese erschei-
nung kann also als eine isolierte nicht begriffen werden. Sie muss wol
dienen, „um das gestörte gleichgewicht der laute wieder herzustellen."
(vgl. ausser den angeführten aufsätzen von Curtius, Lottner, Grassmann
auch Arendt, K. Z. 12, 443.). — Als die mediae zu tenues verschoben
wurden, müssen die aus den mediae aspiratae entstandenen mediae noch
etwas in der ausspräche gehabt haben, was sie von den alten echten
mediae unterschied. Sonst wäre eine Vermischung in der Verschiebung
unvermeidlich gewesen.
IIALLE, JANUAR 1868. B. DELBRÜCK.
157
ÜBERSICHT DER MITTELNIEDERLÄNDISCHEN LITTE-
RATÜR IN IHRER GESCHICHTLICHEN ENT WICKELUNG.^)
Von den übrigen germanischen nationen steht uns Deutschen keine
so nahe , wie die niederländische, ünsre niederdeutschen dialecte , nament-
lich das westfälische, stimmen so sehr mit dem holländischen überein,
dass der des einen kundige das andere versteht. Nur die Schriftsprache
scheidet, die nach den Staatsgrenzen hier holländisch, dort hochdeutsch
ist. Mit recht lassen daher die ethnographen die sprachliche oder natio-
nale grenze mit der politischen zusammenfallen. 2) Im mittelalter bestand
weder eine solche reichsgreuze , noch auch eine Nieder - und Oberdeutsch-
land gemeinsame feste Schriftsprache : die niederdeutschen dialecte wurden
nicht nur gesprochen , sondern auch geschrieben. Eine sprachliche Schei-
dung des mittelniederländischen vom mittelniederdeutschen kann daher
nur auf unbedeutenden, unsicheren kennzeichen beruhen, kann nur einen
allmähligen Übergang, keinen scharf abweichenden zusammenstoss nach-
weisen.
Und doch hat der erbauer des gewaltigen germanischen sprachen-
hauses, J. Grimm, das mnl. vom mnd. getrennt: wegen der unvergleich-
lich grösseren menge , bedeutung und reinheit der sprachquellen in den
alten Niederlanden gegenüber den übrigen niederdeutschen ländern. Es
ist also die ütteratur, nicht die spräche, welche diese trennung recht-
fertigt. Während in Niederdeutschland bis ins fünfzehnte Jahrhundert
nur verhältnismässig wenige und noch dazu meist von der hochdeutschen
litteratur abhängige litterarische erzeugnisse vorhanden sind, finden wir
in den Niederlanden vom 13. Jahrhundert ab eine reiche fülle von Schrift-
werken, die fast durchaus vom hochdeutschen einflusse frei sind, dafür
aber einen unmittelbaren Zusammenhang mit der französischen litteratui-
haben. Wol zeigen sich viele Übereinstimmungen mit der mhd. litte-
ratur in dem Charakter der gesamten perioden wie in den einzelnen
erscheinungen ; allein diese Übereinstimmungen sind theils aus der
ursprünglichen Stammesgemeinschaft zu erklären , theils aus dem schon
im mittelalter mächtig hervortretenden zusammenhange der europäischen
bildung. Vergleichen wir also das mnl. mit dem mhd., so finden wir
nicht sowol ein gegenseitiges einwirken, als eine ziemlich gleichmässige
entwickelung.
1) Diesem aufsatze liegt, hie und da erweitert und durch die helegstellen
ergänzt, ein Vortrag zu gründe, der auf der XXV. iihilologenversanindung zu Halle,
October 1867, gehalten worden ist.
2) Z. b. H. Kiepert in seiner Völker- uud Sprachenkarte von Deutschland und
den nachbarläudern, Berlin 18G7.
158 MARTIN
Dieser parallelismus niuss uns nun freilich an sich schon ein genü-
gendes intercsse für das mnl. erwecken, und in der that ist es auch die
deutsche philologie , welclie zAicrst auf die Wiederbelebung der mnl. litte-
ratur nachhaltigen eintluss geübt hat. Denn was im vorigen Jahrhundert
B. Huydecoper mit seiner ausgäbe des Melis Stoke (1772), dann im
anfange des neunzehnten J. A. Clignett mit seinen beitragen (1819) gelei-
stet hatten, stand vereinzelt, ohne mitarbeiter, ohne nachfolger. J. Grimm
nber mit seiner grammatik, dann 1834 mit seinem Reinhart Fuchs liess
in Deutschland und in den Niederlanden die Wichtigkeit der mnl. litte-
ratur klar erkennen. Neben ihm arbeiteten H. Hoflfmann und F. J. Mone.
Ihre anregungen fanden zuerst in Belgien fruchtbaren boden, wo die
flämische bewegung in der Wertschätzung ihrer alten litteratur einen
mächtigen anhält fand. J. F. Willems, mit dem sich Ph. Blommaert,
C. P. Serrure, J. H. Bormans, F. A. Snellaert u. a. verbanden, gab
eine fülle der bedeutendsten quellen heraus. Aber diese arbeiten trugen
zum theil trotz ihrer grossen Verdienste das gepräge des dilettantismus.
Anders ward dies, als auch in Holland das Studium des mnl. aufkam
und sich im ausgesprochenen anschlusse an die deutsche altertumsfor-
schung strenge methode und umfassende gesichtspunkte aneignete. Vor
allen andern sind hier W. J. A. Jonckbloet und M. de Vries zu nennen,
um welche sich bald ein kreis von jüngeren mitarbeitern scharte.
Jonckbloet hat auch die erste umfassende und eingehende mnl.
litteraturgeschichte geschrieben (Amsterdam 1851 — 55 , 3 Bde.) und in
dieser die resiütate fremder und eigener forschung gesammelt, scharf-
sinnig geprüft und mit warmer liebe dargestellt. Allein das erste werk
dieser art konnte nicht abschliessend sein. Jonckbloets ansichten sind
zum theil zu kühn oder zu künstlich, so dass er sie in manchen und gar
nicht unbedeutenden punkten seitdem selbst zurückgezogen hat. Dazu
kommt, dass in den inzwischen verflossenen zwölf jähren eine anzahl
wichtiger quellen neu veröffentlicht worden sind, z. b. in dem Vader-
landsch Museum voor nederduitscJie Letterkunde Oudheid en GescJdedenis
van C. P. Serrure, D. I—V. Gent 1855 — 63; dass ferner neue Unter-
suchungen höchst belangreiche aufschlüsse gegeben haben: ich nenne
nur die einleitung von de Vries zu der neuen ausgäbe von Maerlants
Spieyhel historiael. Es wird also wol der mühe wert sein, das gesamt-
bild der mnl. litteraturgeschichte im neugewonnenen lichte zu betrachten.
Der grund, weshalb die Niederlande im nuttelalter eine eigentüm-
liche und bedeutende litteratur erzeugten , ist in den politischen Verhält-
nissen zu suchen. An der grenze deutscher zunge gelegen, in beständi-
ger freundlicher und feindlicher Wechselbeziehung zu Frankreich erlang-
ten diese lande frühe eine Selbständigkeit , deren ausdruck eben die erhe-
ÜBERSICHT D. MNL. LITTERATUE 159
bung ihrer spräche zur litteratursprache ward. Als die länder, welche
an dieser besonderen eutwickeliing tlieil nahmen, muss man ansehen und
hat man schon im mittelalter augesehen die beiden grafschaften Flan-
dern und Holland und das herzogtum Brabant. Flandern ist der eigent-
liche kern und der ausgangspunkt dieser entwickelung. Natürlich; denn
es war räumlich am weitesten vom eigentlichen Deutschland entfernt und
noch dazu politisch von anfang an vo]i diesem getrennt. Der begriinder
der grafschaft, Balduin I. war der Schwiegersohn Karls des Kahlen und
dessen lehnsmanu. Allerdings ward unter Otto dem Grossen (941) ein
stück Flanderns, das land von Waas zwischen Gent und Antwerpen zum
deutschen reich geschlagen, aber der grössere theil überwog doch auch
später und gab dem ganzen eine vom deutschen reiche fast ganz unab-
hängige Stellung. Bis zum ende des XII. Jahrhunderts war mit dem flä-
misch redenden theile auch noch eine grosse strecke mit französischer
bevölkerung verbunden: Arras war damals die hauptstadt des ganzen.^)
Allerdings kam dieser französische theil, das Artois, 1191 an Philipp
August; allem noch immer war mit dem deutschredenden Flandern der
waUonische Hennegau verbunden. So bildete Flandern einen staat, der
zwischen Deutschland und Frankreich in der mitte stand und während
des dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts diese unabhängige Stellung
durch die englische allianz stützte. Während der kreuzzüge war Flan-
dern in rittertum und handel fast allen nationen vorausgekommen. Hier
zuerst, und zwar unter den reichgewordenen bürgern, fand der nieder-
ländische dialect höhere Wertschätzung und litterarische anwendung.
Freilich machte gegen das ende des dreizehnten Jahrhunderts die durch
gewalt und list vordringende herschaft Frankreichs, dem sich seit 1305
die grafen ganz hingaben, dieser nationalen blute so ziemlich ein ende.
Wenn auch die städte einzelne glänzende siege davon trugen, besonders
1302 in der sporenschlacht bei Courtray, dann in den vierziger jähren
Gent unter Jacob van Artevelde sich frei erhielt, so verkümmerte doch
in diesen beständigen Innern und äussern kämpfen die flandrische dich-
tung seit dem beginne des vierzehnten Jahrhunderts.
Nicht viel fester als in Flandern erscheint die Verbindung mit
Deutschland in HoUand und dem damit verbundenen Seeland. Zwar
hatte noch graf Wilhelm II. die deutsche königskrone angenommen;
allein seit seinem tode gegen die Friesen 1256 wandten sich seine nach-
folger fast ausschliesslich den kämpfen mit den nächsten nachbarn, Frie-
1) Ueber die französische litteratur Flanderns s. C A. Serrure, Geschiedenis
der nederlandsche en fransche letterkunde in het graefschuf Fluenderen van de
vroey.ste tijden tut uen het einde der reyerimj van Iiet huis van Buryondie. Gent 1855.
160 MAKTIN
seil und Flamingen , uiul <leii iniicrn Verhältnissen zu. Auch hier blüh-
ten trüli die stüdte auf, aber die bäuerliche, Viehzucht und fischfang
treibende bevölkerung gab Holland namentlich gegenüber Flandern das
eigentliche gepräge. Zwischen den grossstädten und der landbevölkerung,
die sich an die reste des adels anschloss, entbrannte seit der mitte des
vierzehnten Jahrhunderts der langjährige , blutige kämpf der Kabeljauws
und Hoeks. Damals waren nach dem tode Wilhelms IV. bei Staveren
1345 dessen neflfen, die söhne Ludwigs des Baiern, erst Wilhelm, spä-
ter Albrecht zur regierung in Holland gekommen und dadurch eine enge
Verbindung dieser lande mit Deutschland hergestellt, die auch in der
spräche und litteratur stark hervortrat. Diese Verbindung wurde jedoch
gänzlich abgeschnitten, als Albrechts enkelin Jacobäa durch Philipp von
Burgund verdrängt ward 1428 (f 1436). Das burgundische haus hatte
schon 1384 Flandern, 1406 Brabant geerbt. Damit ward das französi-
sche die spräche der herscher und übte auf die Schriftsprache überhaupt
den sfrösten und schädlichsten einfluss. Die kurze und nur sehr schwache
Verbindung mit Deutschland durch Maximilians I. Vermählung mit Maria
von Burgund konnte dies nicht ändern.
Das dritte laud, das zur mnl. litteratur beitrug, war Brabant. Es
war unter herzog Gotfried dem Bärtigen im zwölften Jahrhundert aus
dem früheren Niederlothringen herausgewachsen. Hier waren die deut-
scheu einflüsse stets am stärksten , wie sich auch in der litteratur zeigen
wird. Doch überwogen immer noch die beziehungen zu Flandern und
so sehen wir von Jan I. bis zum HL, 1260 — 1355, hier eine reiche,
durchaus mnl. litteratur erblühen, die zwischen der frühereu flämischen
und der späteren holländischen vermittelte, ebenso wie in der baukunst
und später in der maierei Flandern begann, Brabant fortsetzte, Holland
beschloss. ^)
Die angrenzenden lande dagegen, namentlich Geldern, kann man
für das mittelalter nicht von Deutschland trennen. Aus dem Limburgi-
schen stammt bekanntlich der vermittler zwischen dem französischen und
dem deutscheu rittergedicht , Heinrich von Veldeke. Kein im heimat-
lichen dialect scheint er nur seine erste arbeit, die legende von Serva-
tius, gedichtet zu habeh: sie ist auch das einzige unter seinen werken,
welches später noch in den Niederlanden angezogen wird, in Maerlants
1) K. Sclmaase, Niederländisclie briefe. Stuttgart und Tübingen 1834. Ein-
leitung. „In Holland ist die nialerei des siebzehnten Jahrhunderts, in Brabant die des
sechzehnten bis auf Rubens, in Flandern die Eicksche schule des fünfzehnten einhei-
misch ... In architectonischer beziehung lernt man in Holland nur späteres , in
Brabant die letzte und reichste , in Flandern eine frühere periode des gotischen baues
kennen."
ÜBERSICHT D. MNL. LITTERATUR IGl
Sp. hist. IIL partie, 5. buch, 22. cap., v. 77 — 84. Indem sich aber
Heinrich von Vekleke später an die hochdeutsche litteratur anschloss,
lässt er vermuten, dass es in seiner zeit, in den siebziger und acht-
ziger Jahren des zwölften Jahrhunderts noch keine mnl, litteratur gab ;
denn sonst würde ihm diese allerdings verwanter gewesen sein. Auch
lässt sich wol erklären , Avarum erst der anfang des dreizehnten Jahrhun-
derts diese litteratur hervorbrachte. Der adel , der bis dahin vorherschte,
schloss sich in Flandern und Brabant ganz der französischen bildung,
auch in der spräche an.^) Im zwölften Jahrhundert blühte am hofe der
flandrischen grafen die nordfranzösische poesie: Dietrich vom Elsass
schützte damals Chrestien de Troies und Eaoul de Houdenc; um die
mitte des dreizehnten war Heinrich III. von Brabant nicht nur der gön-
ner des französischen dichters Adenez le Boi, sondern er dichtete selbst
französisch. Als Vertreter der französischen courtoisie waren daher die
Niederländer seit dem anfang des dreizehnten Jahrhunderts in Deutsch-
land hochverehrt. Vla3men galt für feine rede und feines benehmen.
Vlseminc heisst bei Neidhard und Geltar ein moderitter; dieselbe bedeu-
tung hat im Helmbrecht „einSahse oder Brabant." Unter den sprachfor-
men, die damals gerade nach Oestreich drangen, sind die deminutiva auf
kin die zahlreichsten.^)
Einen ganz andern Charakter aber zeigt die mnl. litteratur und
zwar von anfang an. Ein durchaus bürgerlicher grundzug geht durch
alle ihre er Zeugnisse hin. Fast durchaus gehören die dichter dem bür-
gerstande an , fast durchaus dichten sie für den bürgerstand. Wo adlige
in betracht kommen, sind es meist die fürsten selbst, welche bürger-
freundlich gesinnt waren. In dieser betheiligung der bürge]- an der lit-
teratur ist aber ein gewisser Wechsel zu beobachten , welcher die perioden
der mnl. litteraturgeschichte von einander scheidet. Anfangs schliessen
sich die stoffe und die jjehandlungsweisen an die beim adel beliebte
französiche dichtung an; der städter strebt selbst nach der bildung des
ritters, aber er will sie in nationaler form sich aneignen. Die roman-
tische erzählung herscht vor. Diese periode geht etwa von 1200 bis
1270. Dann aber findet der dichter einen seinem stände geniässeren
Stoff, er bearbeitet das lehrgedicht. Jacob von Maerlant, der in seinen
1) J. (iriinm, Rciiihart Fuchs s. LXXVIII. Tin Reiiiardus, der im iiünlliciu'ii
Flandern um 1150 entstand, „ist die ansieht, vielleicht nach den früheren Vorbildern
geblieben, dass die feineren, höfischen thiere französisch reden." Vgl. Reinaert de
Vos, herausg. von J. Willems v. 3673, wo die königin französisch spricht. Merk-
würdig, dass Jan van Helu von sich selbst sagt: Ic bin des fransitys niet wel
ineester.
2) W. Wackernagel , altfranzösische lieder und leiche s. 194 anm.
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. XI
102 MATITIN
jui;-eii(l;n-l)eitoii nocli au der frülievon richtung tlicil genommen hatte,
oröttnet diese periode mit seiner Reimbibel; sie wird beschlossen durch
Jan de Clerc , der ] 3G5 starb. Dann sinkt die dichtiing hcral) 7Air sproke,
dem kurzen gedieht meist allegorischer darstellung, womit iierunizieliende
Sprecher die höfe zu untei'halten suchen. Daneben her gehen in dieser
periode aber nocli die nachläufer der vorhergehenden zeit, die ritter-
lichen erzählungen und die lehrgedichte , und andererseits die Vorläufer
der folgenden , das Volkslied und das Schauspiel. Die herschaft des bur-
gundischen hauses seit 1430 gibt der poesie der rederijkers ihre eigen-
tümliche ausbildung. Damit aber erstirbt sowol die eigentlich erzeu-
gende kraft der nationalen dichtung, als auch die spräche selbst ein
fremdes gepräge annimmt. Die seitdem beginnende periode des ül)er-
gangs zur neuzeit wird man am besten bis 15(37 ansetzen, bis zum ein-
zuge Albas und dem befreiungskriege der Niederlande, welcher seit IGOO
etwa die zweite blute der niederländischen dichtung in Holland erzeugte.
Allerdings haben die niederländischen litterarhistoriker grossenteils
den anfang ihrer nationallitteratur etwas früher anzusetzen gesucht als hier
geschehen ist; sie nehmen wenigstens das ende des zwölften Jahrhunderts
in ansprach. Allein die gedichte, die sie dahin verlegt haben, rechtfer-
tigen diese annähme nicht. Es gehört dazu namentlich der Brandaen,^)
dessen reime allerdings von den an sich nicht gerade strengen mnl.
denkmälern abweichen, aber zugleich ein niederdeutsches vorbild durch-
schimmern lassen , welches in der that , wenn auch in späterer Überlie-
ferung, erhalten ist (Romantische und andere gedichte in altplattdeut-
scher spräche. Herausg. von P. J. Bruns. Berlin 1798). Mit noch
weniger grund wird dem zwölften Jahrhundert zugeschrieben das aus
dem französischen übersetzte Miserere des Gielis van Molhem, einem
doife in der nähe des klosters Afflighem.^) Das original des Rinclus de
Moliens soll allerdings um 1180 gedichtet sein; 'allein die Übersetzung
mit ihren kunstvollen , sauber gereimten Strophen sowie mit ihrem didak-
tischen Inhalt gehört einer späteren periode der mnl. litteratur an. End-
lich hat Willems , und früher auch Jonckbloet, in seiner litteraturgeschichte
und in seiner ausgäbe, den Reiuaert ins zwölfte Jahrhundert verwiesen,
d. h. das werk, welches in der comburger handschrift erhalten ist, und
nur die anklage des fuchses vor dem löwen bis zum tode des hasen und
der rückkehr des Avidders zum hofe erzählt. Neuerdings, in seiner etude
1) Wegen der ausgaben vergleiche man Hoffmanns Übersicht der mnl. dichtung
2. ausgäbe. (Bd. I der Horae Belgicae.) Hannover 1857. Nur die wichtigsten inzAvi-
schen erschienenen werke sollen angeführt werden.
2) Gedruckt in Serrure's Vaderlandsch Museum 3, 225 — 286.
ÜBERSICHT D. MNL. LITTERATUR 163
sur le romau de Eeuart (Groningen 1863) hat Jonckbloet jedoch diese
annähme selbst zurückgezogen, weil das original, die zwanzigste branche
des roman de Eenart, erst im anfang des dreizehnten Jahrhunderts gedich-
tet sein könne. Viel später aber kann die niederländische bearbeitung
auch nicht sein, da sie in den gedichten aus der zweiten hälfte des Jahr-
hunderts öfters citiert wird. Diese bearbeitung ist nun freilich dem ori-
ginal weit überlegen , ebenso sehr bewunderungswürdig in der auswahl
und auordnung des stoflfes wie in ihrem gleichmässigen , freien, treffen-
den ausdrucke. Der Eeinaert ist unstreitig der gipfel der thierdichtung
wie das weitaus beste erzeugnis der mnl. litteratur, eine wahrhaft klas-
sische leistung und durchaus würdig in die weltlitteratur überzugehen,
lieber den dichter wissen "wir nur wenig. Er nennt sich selbst Willem,
der den Madoc gedichtet habe. Dies gedieht führt auch Jacob van Maer-
lant neben dem Eeinaert an , indem er am Schlüsse der reimbibel von
seinem werke sagt: dit nes nid Mcuhcs drooni no Reinaerts no Artus
hoerden. Allein der Madoc selbst ist nicht erhalten, und nur aus dem
names lässt sich erkennen, dass er eine welsche sage behandelte. Ebenso
wenig aber lässt sich aus dem namen Willems etwas näheres über seine
person entnehmen, i) Nur das ergeben die örtlichkeiten des gedichts,
welche ohne zweifei von ihm erfunden sind , dass er in der gegend nörd-
lich von Gent int soete lernt van Waes (v. 2263) heimisch war.
In die erste periode der mnl. litteratur gehört also der Eeinaert
allerdings. Gehen wir zu den übrigen werken jener zeit über, und zwar
zunächst zu den erzählenden gedichten , so werden wir vom Standpunkte
der hochdeutschen litteratur aus vor allem nach gedichten aus der deut-
schen heldensage fragen. Eine blute des deutschen volksepos in nieder-
rheinischer gegend und selbst in den Niederlanden muss um das elfte
Jahrhundert allerdings stattgefunden haben. Denn wenn auch die von
E. Eückert versuchte localisierung der Nibelungensage im wallonischen
Henuegau und in Brabant ohne zweifei verwerflich ist, so weist doch
die Gudrunsage sicher nach niederländischem gebiete, an die Scheide-
mündung. Hier lag der Wülpensand, hier sassen in der zeit der späte-
ren Karolinger die Dänen des liedes, die erst in späterer zeit auf der
jütischen halbinsel gesucht wurden. Allein weder von der Gudrun noch
von anderen zweigen der deutschen heldensage haben sicli in der nieder-
ländischen poesie spuren gezeigt. Die wenigen namen aus der helden-
1) In Serrures vaderlaiidsch muscum 2, 251 wird auf einen magister Wilhel-
nius physicus hingewiesen, der 1198 als zeuge neben Seger, dem kastelan von Gent
erscheint. Nach den vortreftlichen juristischen kenntnissen des dichters würde man
eher auf einen andern stand rathen.
11*
104 MARTIN
sa^e (lio in dieser vorkomineii , krmnen leicht der niederrheinischen dich-
tung entlehnt sein; und es ist merkwürdio-, dass sie gerade bei den
dichtorn dos grcnzlaudes Brabant sicli finden, z. b. in Aen Kinderen van
Llnihorch des Hein van Brüssel. Im dreizehnten Jahrhundert muss die
alte heldensage in den Niederlanden so gut wie erloschen gewesen sein.
Daher kam es auch , dass die Nibelungen wörtlich übersetzt wurden und
zwar nach der gemeinen lesart. Eine eigentümliche , an die spielmanns-
poesie erinnernde beliandlung zeigt ein an die heldensage wenigstens anstrei-
fendes gedieht, wovon, wie von der Nibelungenübersetzung, nur bruch-
stücke erhalten sind: das gedieht vom baren Wisselau, ^) der, von Ger-
nout in die bürg des riesenkönigs Espriaen geführt, dort die furchtbarste
Verwüstung und Verwirrung anrichtet. Dieser fast mährchenhaft gewor-
dene Überrest der heldensage erhielt sich wahrscheinlich nur durch die
anlehnung an die in den Niederlanden überaus beliebte sage von Karl
dem Grossen.
Das abgerundetste gedieht aus der Karlssage ist Carel ende Ele-
(jast,'^) wie Karl auf befehl eines engeis zum raube ausziehend imValde
mit dem von ihm verbannten Elegast zusammentrifft und auf der gemein-
samen raubfahrt gegen Eggeric van Eggermonde erfährt, dass dieser,
sein günstling, hochverräterische plane hegt, die nun durch einen
gerichtlichen Zweikampf Elegasts mit Eggeric vereitelt werden. Die
sage war auch von französischen dichtem behandelt worden, und darauf
bezieht sich wol das Zeugnis des Albericus Trium fontium; doch weist
in dem mnl. gedieht der uame Elegast auf ursprünglich deutsche sage.^)
Die übrigen gedichte aus der Karlsage sind dagegen wol sämtlicli als
Übersetzungen aus dem französischen anzusehen. So das Kolandslied, der
Sachsenkrieg, und besonders zahlreich die romane, welche den kämpf der
Karolinger gegen ihre vasalleu schildern: Reinout van Montalbaen oder
die Heemskinderen, Malagijs, Garijn van Montglavie, Aubrj der Bur-
gondier, Roman der Lorreinen, Hugo von Bordeaux, Laidoen. In den
meisten dieser gedichte weist der frische, volkstümliche ton und theil-
weise die rohheit der sittlichen begriffe auf den geschmack eines frühen
Zeitalters, ohne dass sich jedoch ein bestimter anhaltspunkt für die
Zeitfeststellung böte. Dagegen lassen sich mit Sicherheit in die erste
periode verweisen die bruchstttcke des Willem van Oringhen, aus dem
1) Abgedruckt in Serrures vaderlandsch museum 2, 253 Üg.
2) Beatrijs en Carel ende Elegast. Middenneclerlandsche Gedichten uitg. en
toegelicht door W. J. A. Jonckbloet. Amsterdam 1859. Das mnl. gedieht benutzte
der compilator des Karlmeinet; s. Bartsch, über Karlmeinet s. 76 flgd.
3) (rastun Paris, histoire poetique de Charlemagne. Paris 18G5. s. 817 flgd.
und die recension dieses werks von Bartsch, Pfeiffers Germania 11, 224 flgd.
ÜBERSICHT D. MNL. LITTERATUR 165
Moniage Guillaume übersetzt; das werk wird von Jacob van Maerlaut
erwähnt nnd als sein dichter Claes van Haerleni Verbrechtensone bezeichnet,
wahrsclieinlich der Nicholaus van Haarlem, der 1199 zuerst urkundlich
erscheint. Nicht ohne Wahrscheinlichkeit vermutet Jonckbloet (Geschie-
denis 1, 324), dass die kreuzzüge des grafen Wilhelm von Holland 1191
und 1217 die abfassung des werkes veranlassten. Ob dagegen von der
brabantischen sage vom schwanenritter Elyas, die Maerlant ebenfalls
erwähnt, eine poetische bearbeitung vorhanden war, lässt sich weder
behaupten noch verneinen.
Höfischer als in den Karlromanen ist der ton der gedichte aus dem
Artussagenkreise. Als das beste dieser gedichte wird der Walewein von
Penninc und Pieter Vostaert angesehen: zwei namen, so bürgerlich wie
man sie nur finden kann. Auch ist es nicht sowol das ritterliche ideal
wie in den hochdeutschen gedichten , worauf sich das interesse und die
kunst der dichter richten, sondern eine ganz phantastische mährchen-
welt: ein schach, das durch die luft fliegt, ein todter ritter, der zum
dank für seine bestattung den beiden befreit. Auf eine andere weise
stimt der stoff des gedichts zur bürgerlichen anschauung im Ferguut,
einer bearbeitung des roman de Fregus von Guillaume de Normandie
(um 12o0). Ein bauernsohn, allerdings von adliger mutter geboren,
wird von Artus zum ritter geschlagen und verrichtet die grösten hel-
dentaten. Weniger verdienst hat der grosse roman von Lancelot, in
Avelchen fünf andere romane hineingearbeitet sind: Moriaen, die wrake
van Kagisel, die ridder metter mouwen , Torec, Percheval.^) Den Artus-
gedichten sind in ihrer richtung die sagen verwant, w^elche die ritter-
liche minne verherlichen : die Melusinensage in Parthenopeus und Melior,
wovon nur bruchstücke erhalten sind, und Floris und Blancefloer von
Diederic van Assenede. Mit diesem namen betreten wir einigermassen
festen boden. Diederic erscheint, und zwar einigemal als clerc der grä-
fin Margarethe von Flandern bezeichnet, zwischen 1262 und 1290 in
Urkunden. Er mag also, wenn wir seine dichtung als ein jugendwerk
ansehen, um 30 jähre etwa später als der Schwabe Konrad von Flecke
gedichtet haben; doch kannte er dessen werk ohne zweifei gar nicht,
da er sich enger als dieser an das französische vorbild anschliesst.
Ebenfalls in die mitte des dreizehnten Jahrhunderts fallen die jugend-
gedichte Jacobs von Maerlant, gröstenteils übei'setzungen französischer
gedichte über sagen des klassischen altertums: sein Trojanerkrieg nach
Beneoit de S. Maure, nur in bruchstücken , sein Alexander^) nach Gau-
1) Vielleicht gehört zu dieseiu cyklus noch De liiddcr inet de knr, in frag-
menten erhalten und abgedruckt im Vaderlaudsch Mus. 4 , 309 — 323.
2) Alexanders yeesteii nui Jacob van Dlacrlanl inet iideidiia/ Varianten van
I(i6 MARTIN
thier de. Chastillon, vollständig erhalten. Jonckbloet hatte früher das
letztere werk in das jähr 124(1 gesetzt; seine gründe zu widerlegen,
Avürde üherHüssig sein, da er selbst später^) zugestanden hat, dass es
etwa 10 jähre später gedichtet sein möchte. Jn der that wird pahst
linioconz IV. als verstorben (1251) erwähnt. Diese Zeitbestimmung ist
um so Avichtigcr, als Maerlant im Alexander verschiedene andere werke
erwähnt, Avelche demnach früher gedichtet sein müssen; seinen eignen
Trojanerkrieg, dem er später den daraus abgekürzten und mit einer ein-
leitung, dem prieel van Troyen versehenen des Seghere Dieregodgaf an
die Seite stellt; ferner die sagen von Artur, Walewein, Carel, Ettels
Orloghe van den Hünen, Floris, Partonopeus. Ein drittes Jugendgedicht
Maerlants ist uns bis jetzt vorenthalten, das buch von Merlins prophe-
zeihungeu oder die Historie von dem Grale, nach Kobert de Borron.
Neben der weltlichen erzählung blühte auch die geistliche auf.
Brandaen ist schon genannt. Eine aus dem lateinischen übersetzte evan-
gelienharmonie ist das gedieht Van den levene ons heren. Durch flüssige
erzählung wie durch weiche moral zeichnet sich die legende von Bea-
trijs aus, einer nonne, die das kloster verlässt um einem Verführer zu
folgen, reuig zurückgekehrt aber findet, dass ihre stelle inzwischen von
der h. Jungfrau ausgefüllt worden ist zum danke für den von ihr früher
geweihten dienst.
Vielleicht gehören in die erste periode endlich auch einige didak-
tische gedichte : zunächst die einftich und frisch erzählten , mit den thier-
namen des Reinaert wolbekannten fabeln, welche als Esopet bezeichnet
werden. Maerlant bemerkt in seinem Spieghel historiael (1283 — ^1290),
dass die äsopischen fabeln schon von Noydekijn und Calfstaf bearbeitet
seien ; ob wir in unsern fabeln die arbeit eines dieser beiden dicliter vor
uns haben, steht dahin. Auf jeden fall kann dieser Noydekijn nicht der
dichter dieses namens sein, von welchem eine anzahl allegorischer spro-
ken erhalten sind. Ebenfalls didaktischer tendenz und klassischen
Ursprungs ist der Dietsce Catoen , aus welchem ein spruch schon im
Floris citiert wird.
Diese didaktische richtung, welche in der ersten periode nur spär-
lich vertreten ist, gewinnt in der zweiten völlig die Oberhand. Wahr-
heit wird nun die hauptanforderung und das hauptziel der dichtung. Jan
Boendale (Lekenspieghel o, 15, '.») verlaugt drei stücke vom dichter:
1) dass er ein grammarijn sei, d.h. gelehrt, besonders formell gebildet;
hss. ucnteckeningen en (ßossarhim op het gezag van Jiet staetshestimr . . voor de
eerste munl uitg. door F. A. Sndlaert. I). I. II. Brnssel 1860. 61.
1) Auf dem niederländischen congress zu Brügge, dessen Verhandlungen mir
leider hier nicht zu geböte stehen.
ÜBERSICHT Tl. MNL. LITTERATÜR 167
2) dass er wahrhaft sei ; 3) dass er ein ehrsames leben führe. Die dich-
ter, als Clerks mit einer gewissen wissenschaftlichen bildung versehen,
treten gegen die menestrele, die boerders auf. Die romanhaften erzäh-
lungen , in denen z. b. Karl der Grosse nicht immer im günstigsten lichte
erschien, wurden der bezeugten gescliichte gegenüber gestellt und als
lügenhaft verdammt. Maerlant klagt sich später selbst an sich mit
lügen beschmutzt zu haben, womit er gewiss die aus Beneoit de S.Maure
entlehnten ausschmückungcn des Trojanerkriegs meint. Mit diesem absehen
vor dem erdichteten verbindet sich der nationale Widerwille gegen das
französische; die scone valsche tvalsche poeten sind es, die Maerlant ver-
drängen will; und in der that sehen wir nun lateinisclie quellen an die
stelle der französisclien treten. Endlich werden auch die stoffe andere
als die bisher behandelten. Einmal wird die Sittenlehre nun mit vorzüg-
lichem eifer in verse gebracht, und zweitens ist es die realität, die
geschichte und die naturkunde, die den nicht immer gerade passenden
gegenständ für die dichtung abgibt. Auch in Deutschland ist gegen
ende des dreizehnten Jahrhunderts eine ähnliche richtung vorhersehend,
ich erinnere nur an Oesterreich, wo die Satiriker und Chronisten durch
tüchtige kräfte vertreten sind.
Als der anfänger und siegreiche durchführer dieser richtung ist
Jacob von Maerlant in seiner späteren , umfangreichen poetischen thätig-
keit anzusehen. Eben auf diese riclitung bezieht sich das lob Jan Boen-
dales, welcher Maerlant den ehrennamen eines vaters aller „dktschen
dichteren" gibt. Ueber seine lebensumstände sind wir jedoch fast imr
durch seine eignen Schriften unterrichtet. Der name Maerlant bezeich-
net ohne zweifei seine heimat. Welcher von den zahlreichen orten die-
ses namens, der Avegen seiner bedeutung „Mohrland, Alluvialland" gerade
in den Niederlanden mehrfach vorkommen musste, damit gemeint ist,
war lange unentschieden, km meisten für sich hat das von Versnaeijen
und C. A. Serrure nachgewiesene Maerlant zwischen Brügge und Blan-
kenberghe. Sehr zweifelhaft ist dagegen, ob eine noch nicht genügend
emendierte stelle im Alexander (1, 1094), an welcher Bruxambacht, das
amt von Brügge, vorkommt, ebenfalls auf die heimat des dichters zu
beziehen ist. Zu Maerlant hatte Jacob noch seinen Trojanerkrieg gedich-
tet. Im Merlijn soll er sich als Jacob de Coster van Maerlant bezeiclv-
nen , was freilich ebenso gut ein familienname als die bezeichnung eines
amts sein könnte. Später war er schöppenschreil)er in der stadt Damme,
die im dreizehnten jalirhundert noch in voller blute stand. Dort ist
heute noch im rathause sein bild zu sehen; früher war auch sein grab-
denkmal in der kirche vorhanden, mit einer Inschrift, die an sich unver-
ständlich und allmälig unleserlicli geworden, im. siebzehnten Jahrhundert
168 MARTIN
(hiliiii gedeutet wurde, dass der diclitor im jalire 130(» gestorben sei.
Trotossor de Vries hezAveilblt die riclitigkeit der lesuiig und meint, Maer-
l;int habe l)abl nach dem abscblusse seines unvollendeten Spieghel histo-
riael, also etwa 120 4 sein lebensende erreicht.
Maerlaiits lehrgedichte sind nun die folgenden: 1) Der Naturen
Blocvw oder Bestiaris,^) eine naturgescliichte nach Thomas Cantipraten-
sis, dessen vor 1256 vollendetes buch der dichter von Albertus Magnus
erhalten hatte. Schon früher hatte, wie Maerlant bezeugt , Willem Uten-
hove, priester zu Oudenaerde, denselben gegenständ behandelt, aber nach
dem französischen. 2) Die BljmhijheP) nach derHistoria scholastica des
Petrus (,'omestor (um 1150), welche in Deutschland bekanntlich schon
um die mitte des Jahrhunderts von Rudolf von Ems , als auch , und zwar
enger anschliessend, von dessen thüringischem nachahmer benutzt wor-
den war. Maerlants werk besteht aus zwei abth eilungen , dem alten und
dem kürzer behandelten neuen testament, an welches letztere sich die
erzählung von der Zerstörung Jerusalems nach Josephus anschloss. Die
Rijmbijbel gibt das anfangsdatum der zweiten periode der mnl. littera-
turgeschicMe : sie ist im frühjalir 1271 beendet. 3) Der Spieghel histo-
riael^) nach dem 1256 vollendeten speculum liistoriale des Vincentius
Bellovacensis. Ausserdem benutzte Maerlant noch Seneca, die asceti-
schen Schriften des Martinus von Braga, und von geschichtschreibern
Jordanes, Orosius, Paulus Diaconus , Martinus Polonus, Galfridus Mone-
mutensis, Albertus Aquensis und wahrscheinlich verschiedene Chroniken
für Flandern , Holland und Brabant. Denn sein Interesse ist von dem
des Vincentius wesentlich verschieden. Dessen clericale tendenz war ihm
fremd; er wollte seine mitbürger über die geschichte und zumal über
ihre eigene aufklären. Um so mehr sah er sich veranlasst, die bei Vin-
centius ausführlich liehandelten kirchlichen abschnitte abzukürzen, als
seine frühere bearbeitung der heil, geschichte in der Reirabibel von den
geistlichen als unerlaubte mitteilung ihrer geheimnisse bezeichnet und
gerügt worden war. Als er sah , dass er das ganze speculum nicht bear-
1) Der Ndtnren Bloeme ran Jacob van 3Iaerl(i»t , met inleid i lu/ , Varianten
van hss. aenteekeningen en glossarium op gezacj van het (louvernement . . . vour de
eerste mael niUj. door J. H. Burnums. D. I. Brüssel 18x7.
2) Rijmbijhel vanJacuh 'van Maerlant , niet voorrede Varianten van hss.aen-
teckeninf/en en fjlossariuni op last v((ii het (jonvernement . . . uitfj. door J. David.
D. I—III. Brüssel 1858. 59.
3) Jacob van Maerlants Spiefihcl historiael met de frafiinenten der later toe-
f/evoegde gedeelten betverkt door Philip Utenbroeke en Lodewijc van Veithein , van
Wege de Maatschappij der nederlandschc letterkunde te Leiden uitg. door M. de
Vries en E. Vertvijs. D. I—III. Leiden 1863.
ÜBERSICHT D. MNL. LITTERATUR 169
beiten konnte, übersprang er von den vier partieen, in die er den stoff
verteilt hatte, die zweite, die eigentlich ganz aus legenden bestehende
geschichte von Nero auf Gratian, und wante sich sofort zur folgenden
zeit. Die dritte partie beschloss er mit Karl dem Grossen; die vierte
konnte er nur bis auf die zeit Heinrichs V. von Deutschland führen, da
ihn an der fortsetzung wahrscheinlich altersschwache oder krankheit ver-
hinderten. Die erste partie ist 1283 gedichtet, die dritte 1284, die vierte
wahrscheinlich bis 1290. Das werk blieb aber nicht unvollendet. Zuerst
füllte Philip Utenbroeke aen den Dam, d. h. zu Damme, die zweite partie
aus, wovon jedocli nur bruchstücke erhalten sind, zu welchen wahr-
scheinlich auch die legende von Barlaam gehört. Dann setzte 1315 herr
Lodewijc van Velthem, pastor zuerst 1301 zu Sichem, 1313 zu Veltheni
(beides dörfer in Bral)ant) die vierte partie fort bis 1250 ungefähr und
fügte noch eine fünfte hinzu, die sich bis 1316 erstreckt und durch die
Weissagungen Daniels, Merlins, der Hildegard und des abts Joachim
würdig beschlossen wird. Lodewijcs arbeit kann sich an Sorgfalt des
Inhalts wie der form nicht mit dem Maerlantschen werke messen; frei-
lich ist auch dies nicht über eine trockne chrouikschreiberei hinausge-
kommen. Wie sehr Maerlant jedoch den wünschen seiner Zeitgenossen
entgegen kam , ergibt sich daraus , dass er seinen Spieghel im auftrag
des grafen Floris V. von Holland verfertigte, wie auch seine Keimbibel
dem erzieher des grafen Floris, herrn Niclaes van Kats, aber noch als
einem jungen menschen, gewidmet war. Auch in Utrecht hatte Maer-
lant freunde. Für bruder Alaerd in Utrecht ül)ersetzte er das leben des
heil. Franz von Assisi, das Bonaventura 1261 geschrieben. Es ist dabei
von Interesse für den unterschied der mnl. dialecte, dass Maerlant sich
entschuldigt, wenn er als Fläming worte gebrauche, die seinen lesern
ungewohnt wären. Noch nähere beziehungen zu Utrecht zeigt eine reilie
anderer gedichte, die durch ihre metrische form (13zeilige Strophen mit
zwei reimen, einem einsilbigen und einem zweisilbigen: aabaabaabaabb)
und durch ihre dialogische einkleidung sich auszeichnen. Man bezeich-
net sie nach dem anfang des ersten als Wapene Martijn.^) Martijn ist
nämlich der mit Jacob sich unterredende, ohne zweifei eine wirkliche
persönlichkeit, aber noch nicht nachgewiesen. Die beiden ersten dieser
gediclite stammen wol noch aus der vorigen periode , da Jacol) sich sel))st
als diener der minne bezeichnet, sowie er seinen Alexander einer Iran
Gotile zu liebe gedichtet hatte. Der eigentliche gegenständ wenigstens
des ersten Wapene Martijn ist allerdings der zustand der Avelt, der ver-
1) Jacob van Maerlaiits Wapene Martijn inet de vervolpen kritisch uitg. en
toegelicht door Eelco Vericijs. Akademisch Proefschrift. Beventer 1857.
170 MARTIN
fall von trou und IVitHlon, die ungereclite anmassung des adels. Von
Wichtigkeit für das Verhältnis zu Deutschlund ist dabei die beziehung
auf den Sachsenspiegel und auf dessen erklärung der leibeigenschaft.
Das dritte gedieht handelt nicht mehr von weltlichen dingen , sondern
von der dreieinigkeit und kommt zum Schlüsse, dass es vergeblich und
schädlich sei, darüber zu grübeln. AVelchen eindruck gerade diese
gedichte machten, ist nicht nur daraus zu ersehen, dass sie ins latei-
nische von Jan de Bukelare und ins französische übersetzt wurden, son-
dern auch aus der nachahmung,. die sie anregten. So wurde das erste
gedieht mit beibehaltung der reime parodiert und ironisch Schmeichelei
und betrug angepriesen im sogenannten Verkeerden Martijn. Ein viertes
Wapene Martijn in neunzelmzeiligen Strophen wurde im jähre 1299 von
Hein van Aken verfasst.^) Noch öfter wurde die dialogische form nach-
geahmt. Ohne diese , aber in der dreizehnzeiligen strophe desWapene Martijn
hat Maerlant der Kerken Klaghe und Van den Lande van Overzee gedich-
tet, letzteres eine auftbrderung zum kreuzzuge nach dem falle von Ackers
1291. Beide gedichte erinnern im ton und im stoft' an ähnliche des
trouvere liustebuef, ohne jedoch aus diesem übertragen zu sein. End-
lich gehören wol noch in die letzte zeit des dichters die Disputacie van
onser frouwen ende van den h. Cruce, die Clausulen van der Bible u. a.
kleinere stücke. Nicht erhalten ist uns eine legende von S. Clara, die
Maerlant in seinem Franciscus erwähnt. Mit unrecht liat man ihm dage-
gegen zugeschrieben Tboec van den houte, von dem Holze des Kreuzes,
und die Heimelijcheit der Heimelijclieden , eine auf Aristoteles zurückge-
führte Sittenlehre.
Mit Maerlant hatte die poetische production Flanderns so ziemlich
ihr ende erreicht; in Holland und Brabant aber regte sein beispiel erst
an. Nach den im kloster Egmond vorhandenen, auch von Maerlant
benutzten quellen schrieb Melis Stoke eine lieimchonik von Holland bis
zum jähre 1305. Selten erhebt er sich über trockne annalistik; doch
ist namentlich die ermordung des bürgerfreundlichen Floris V. durch den
adel und der krieg gegen Flandern nach der schlacht von Courtray leben-
dig geschildert. Das buch war erst für Floris bestimmt, ward aber nach
dessen tode seinem nachfolger Jan gewidmet.
Reicher erblühte die litteratur in Brabant. Hier hob Jan I. mäch-
tig das Selbstgefühl seiner landesgeuossen. Er selbst war — eine in den
Niederlanden alleinstehende erscheinung — minnesänger. Acht lieder
sind von ihm erhalten , freilich in halbhochdeutschen formen , in der Pari-
1) Serrures Vaderlandscli Museum 4, 55 — 00.
PBEÜSICHT PER MNL. LITTERATUR 171
ser liederhandsclirift.^) Ebenso tüchtig wie als sänger zeigte Jan sich
auf dem schhichtfelde. Durch den sieg bei Worringen 1288 behauptete
er Limburg gegen eine coalition rheinischer fürsten. Diese glänzende
waffenthat, welche ebenso wie die sporenschlacht bei Courtray auch der
östreichische chronist Ottacker erwähnt, feierte bruder Jan van Heelu
oder van Leeuwe, dem heutigen Leau im ostende von Brabant, wahr-
scheinlich ein deutschordensritter : er wollte mit der erzählung von den
grossthaten des lierzogs seiner Schwiegertochter Margarethe von England
geschmack fiir die niederländische spräche einflössen. Mehr im stil der
alten Karlromane ist dagegen der Grimbergsche Oorlog , ein bericht über
die kämpfe Arnolds von Grimberghen, einem nördlich von Brüssel gele-
genen Städtchen, gegen die lehnsherlichkeit Gotfrieds des Bärtigen um
1140. Dieselbe historische richtung finden wir endlich bei dem würdig-
sten nachfolger Maerlants , bei Jan ßoendale , genannt de Clerc , geboren
zu Tervueren um 1290, gestorben zu Antwerpen 1365. In Antwerpen
war er clerc der stadt und, wie aus Urkunden hervorgeht, auch mit wich-
tigen diplomatischen geschäften betraut. Er schrieb Brabantsclie gee-
sten,2) den ersten grösseren theil bis ins 5. buch vor dem jähre 1315,
und zwar die di'ei ersten bücher mit oft wörtlicher benutzung des Spie-
ghel historiael; später setzte er sein werk fort bis 1350, wozu vielleicht
aucli ein bericht über die schlacht von Crecy gehört. Selbständig ist
dagegen das buch Van den derden Eduwaerde, worin der englisch -fran-
zösische feldzug 1338 — 1340 behandelt wird.
Jan nahm aber auch die geradezu didaktisch« richtung Maerlants
wieder auf in zwei grösseren werken, der Teesteye und dem Lekenspie-
ghel, denen man em drittes, das 1345 eutstandene Dietsce Doctrinael
mit unrecht angereiht hat. Der Lekenspieghel ist eine samlung alles des-
sen, was ein laie von kirchengeschichte und Sittenlehre wissen solle,
würdig und bedächtig, in der Sittenlehre aber auch den weltlichen vor-
tlieil hervorhebend. Ganz anders und viel interessanter ist das andere
gedieht, wenigstens nach dem, was bis jetzt davon gedruckt ist.^) Tee-
steye ist Überzeugung, meinung. Jan bekennt sich rückhaltlos zu den
demokratischen ideen, die damals namentlich in den flandrischen städten
ihre Verwirklichung zu finden schienen. Obgleicli selbst geistliclier, stellt
Jan doch die ehe weit über das cölibat und schilt die anmassung des
1) Vou Hoffmaiin in Pfeiffers Germania 3, 154 in ninl. formen umgesetzt,
wobei ein neuntes lied mit recht wegfiel.
2) Daraus schöpfte der conipilator des Karlmeinct; s. K. Bartscli, über Karl-
meinet s. 385.
3) Bloemlczinc) idt middclnederlandsche Dichters bijeenverzamcld door E. Ver-
tvijs. B. I—IV. Zutfen (1858 — 07). 2, 163 — 181.
172 MARTIN
clerus ebenso wie die des adcls. Diese ansichton eilialten durch die
dialogische form - Jan unterhält sich mit Wouter — nur grössere
schärfe und lebendigkeit. Alles dies lässt annehmen , dass die Teesteye
rrülier gedichtet ist, als der Lekenspieghel , den Jan 1:515 — i:^25 ver-
tasst hat. Beide gedichte sind herrn Regier van Liefdale (zwischen Brüs-
sel und Löwen) gewidmet, der Lekenspieghel in einigen handschriften
auch Jan IIl. von Brabant. Mit der bisher verfolgten richtung Jans
stünde es im harten widersprach , wenn er den ilim in einigen litteratur-
geschichten beigelegten Karlroman von Ogier wirklich verfasst haben
sollte. Allein an einer gewissen stelle dieses roraans wird Jan de Clerc
allerdings genannt, aber nicht als Verfasser, sondern nur als Urheber
eines angeführten Spruches.^)
Ausser Jan Boendale fand die didaktische richtung Maerlants noch
andere, aber nicht gleich hochbegabte nachfolger. Ein werk dieser art
ist der Mellibeus , nach dem lateinischen werke des Albertanus von Bres-
cia zwischen 1345 und lö55 verfasst und dem herzog Jan III. zugeeig-
net.^) Gegen das ende der periode dichtete auch Jan de Weert, clerc
van surgie, in Yperen sein Meuwe Doctrinael oder Spieghel der Sonden,
sowie eine nachahmuug des Wapene Martijn, ein gespräch zwischen Jan
und Rogier in dreizehn zeiligen versen. Vielleicht gehören noch andere
didaktische werke dieser zeit an, die Dietsce Lucidarius u. a.
Neben der lehrdichtung, die Maerlant eingeführt, verschwanden
jedocli die anderen gattungeu nicht völlig. So ist das gedieht von der
Burggräfin von Vergi, eine minnegeschichte ganz nach dem sinne Got-
frieds von Strassburg, nach einer französischen quelle 1315 gedichtet.
Hier ist ferner besonders der dichter Hein van Aken oder von Brüssel
zu nennen. Als Verfasser des vierten Wapene Martijn weist er sich dadurch
aus, dass er darin den Hugo von Tabarien, welcher Saladin in der rit-
tertugend unterweist, als sein werk anführt. Ferner übersetzte er den
1) Heidelberger Hs. 363, Bl. 202*: Nu eiqjfingen sie den lone Den sk an
manigem guttes fr und Dazu voren hatten verdient: Das besaite Ine nu ogier der
starck. Noch bringent gern böse werk Bösen Ion an vnd In. Ein man solte vor-
hin besehen sin beginn So ivas tvurd do gelich Und dann solte er es vort gelich
AI dar halten zu dem fine. Wenn es ist al verlorne injne , Gilt am anfang und
am end quaet , Das ist alles ein verlorn staet: Daran nemme ein ieglicher sin
gemerk. Dis lernet uns Johann wol der der ick, Der manige stund versleyss
sine synne Umb gar einen cleynen geivynne Von gaben und von einigem gut. (Bl.
202*'): Sust .schlug ogier mit stoltzem mut Die qiiaden von hertzen feil. Herr Pro-
fessor de Vries , dessen gute ich während eines aufenthaltes in Leiden in hohem masse
erfahren liabe, zeigte mir eine stelle von ähnlichem inhalte im Lekenspieghel h. lU,
cap. 3, V. 289—302.
2) Gegen 400 vv. gedruckt in der Bloemlezing von Verwijs 2, 203 flgd.
LBER8ICHT D. MNL. LITTERATI'R 173
um 1300 von Jelian de Meung vollendeten roman de la Rose als Spie-
gliel der Minne. ^) Könnte man diese gedieh te noch gewissermassen als
didaktisch ansehen, so gehört dagegen der 1280 bis 1817 gedichtete
roman von den Kinderen van Limborch ganz der phantastischen erzäh-
lungspoesie an. Es ist ein eigentümliches gemisch von wälschen, anti-
ken und deutschen namen und geschichten, vielleicht original, obwol
Hein sich auf ein wälsches buch beruft.
Auch der von Maerlant geschmähte, von Jan Boendale aber als
lehrreich anerkannte lieinaert fand in der mitte des vierzehnten Jahrhun-
derts seine fortsetzung in dem Zweikampfe Reinaerts mit Isegrijn. Die
erwähnung der donnerbüchsen gibt die Zeitbestimmung, während der ort
sich nicht mit gleicher Sicherheit feststellen lässt. An poetischem werte
steht die fortsetzung bedeutend unter dem älteren werke Willems, ohne
jedoch einzelner treffender züge zu entbehren. Eine verkennung der
eigentümlichen bedingungen dieser dichtart zeigt sich in dem einmischen
äsopischer fabeln , wobei der Esopet benutzt worden ist.
Mehr im sinne Maerlants war die legendendichtung. Eine reihe
derartiger gedichte ist nur liruchstückweise erhalten , darunter ein mehr
didaktisches, Vander biechten, welches Martijn von Thorout als Verfasser
nennt. Die legenden sind zum theil in Eename bei Oudenaarden um
1290 gedichtet: so Maria in Egipten und Zosimus, Eustachius, Agatha,
Catharina, Werner u. a. Aus dem benachbarten Affiighem stamt das
Leben der h. Lutgardis von Willem.^) Eine samlung von legenden über
apostel, märtyrer, bekenner und heilige frauen ist die Historien bloeme.
Eigentümlich durch geschmacklose wortwiderholung ist die legende von
Theophilus. Endlich hat im jähre 1367 Gillis de Wevel aus Brügge,
ein junger geistlicher , die legende von S. Amand gedichtet.
Diese legendendichtung setzte sich auch noch in die folgende periode
fort, die von 1305 — 1430 angesetzt worden ist. So die h. Christina
vom Minderbroeder Gheraert nach dem lateinischen des Thomas Can-
tipratanus; so ferner die aus legende und roman wunderbar gemischte
geschichte Seghelijns von Jerusalem von Loy Latewaert. Auch die didak-
tischen dichtungen blieben nicht ganz ohne nachfolge: dahin gehört die
Naturlmnde des Heelals von Gheraert van Lieuhout, verschiedene Sitten-
lehren unter dem titel Heimelijcheit, Chroniken von Brabant und Flau-
1) Die Hose van Heinric van Aken met de frafpiienteii, der kveede vertaUtifj,
van tvege de Maatscliapinj der nederlundadie Letterkunde te Leiden uiiy. d. E. Ver-
tvijs. 's Gravenhage. 1868.
2) Herausgegeben von Borrnans in -der Dietsce Warande. lijdschrift voor
nederlandsche oudheden en nieutcere kanst en letteren , bestimrd door J. A. Alber-
dinxjk Thijiii. IJ. 1 — V. AmMcrdam. 1855 — GO in hd.:].
174 MARTIN
(ItM-n. Iiiiter diesen werken nimt der Minnen Loop von Dirc Potter
einen vor/iigliclien nui_o- ein. Der dicliter liattc im auftrage der liollän-
disclien grafeii selbst Italien bereist und benutzte ausser Ovid und der
Fabliauxpoesie auch Bocaccio. Sein werk behandelt in vier büchern die
tbörichte und die verständige, die unerlaubte und die erlaubte minne,
und erläutert die minnelehreu durch beispiele, die zum tlieil gescliickt
erzählt werden. Das gedieht ist nach 1417 entstandeu; der dichter
starb 1428.
Die hauptgattung aber, die in der dritten periode geübt wurde,
war die Sproke , das kurze gedieht theils erzählenden , theils urtheilen-
den inbalts. Zugleich aber treten nun dichter anderen Standes als die
bisherigen auf. Es sind nicht mehr die bürger, die sich früher an roma-
ncn ergötzt , dann gelehrsamkeit und Sittenlehre behandelt hatten ; son-
dern fahrende sänger oder sprekers, die an den höfen herumziehend ihren
miterhalt suchen. Und zwar ist es namentlich der holländische hof, der
eine reihe derartiger dichter auf längere oder kürzere zeit aufnimmt. Da
Holland in dieser zeit von den bairischen fürsten regiert wurde, drang
auch in die spräche dieser dichter, wie 4n die Dirc Potters, eine anzahl
hochdeutscher formen und ausdrücke ein. Ja, aus den hofrechnungen
geht sogar hervor, dass bei herzog Albrecht auch Sprecher aus West-
falen und aus Heidelberg auftraten. Aber schon früher muss ein der-
artiger besuch des holländischen hofes stattgefunden haben , da graf Wil-
helm IV. (f 1345) in halbhochdeutschen gedichteu beklagt wird.^) Ein-
heimische sprekers werden in ziemlicher anzahl genannt, so 1338 Wil-
lem van Delft, 1358 Jan Dille; erhalten sind gedichte dieser art beson-
ders von Augustijnken van Dordt, der 1350 — 70, und noch zahl-
reicher von Willem van Hillegaersberch bei Kotterdam , der 1383 — 1408
blühte. Vielleicht das interessanteste dieser gedichte ist Willem's „hoe
dierste partien in Hollant quamen,'' vom kabeljauscheu Standpunkt aus.
Die meisten werke dieser dichterlingsgenossenschaft sind allegorisch.
Austijnkens Schepje schildert , wie ein schiff Sekerheit mit seinem mäste
Volherdeu , mit seinen tauen , den kindern der frau Trouwe u. s. w. aus-
gerüstet aus der bürg der frau Ehre abfährt. Ein andermal in den „ ses
faerwen " werden diese auf die lebensalter gedeutet. Dergleichen gedichte
waren in der zweiten hälfte des vierzehnten Jahrhunderts ja auch in
Deutschland an der tagesordnung , und der Lassbergische liedersaal sowie
die handschrift der Hätzlerin geben sehr nahe parallelen. Ebenso wie
hier die deutschen sind auch die niederländischen Sproken in starken
samlungen vereinigt , wovon die Hultheimische handschrift , jetzt in Brüs-
1) S. zeitsclir. für deutsches altertliuiu 13, 3G1; und vgl. ebd. 371; 1,-241.
t'BERSTCHT D. MNL. LITTERATUR 175
sei, die bedeutendste ist. ^) Hier lernt man auch brabantische und
flämische dichter dieser art kennen. Jan Cnibbe von Brüssel beklagt 1383
Wenzel, den letzten Jierzog von Brabant, 1384 Ludwig von Male, den
letzten grafen von Flandern. Ein Fläming dagegen ist Boudewijn van
der Lore, der um dieselbe zeit die Magb et van Gent dichtete, eine alle-
gorische darstelluug des siegreichen Widerstandes, den die stadt gegen
Ludwig von Male geleistet hatte. Andere gedichte desselben Verfassers
sind scherzhaft- satirischen Inhalts, z. b. „ Achte personen wenschen ," eine
parodie von „Vier heren wenschen," worin Gontier, Geernot, Rudeger
und Hagen auftreten.
Neben dieser spruchpoesie kommen aber schon in dieser periode
zwei andere, mehr volkstümliche gattungen auf, die jedoch zu rechter
blute erst im folgenden Zeitraum gelangen: das Volkslied und das Schau-
spiel. Von der zweiten gattung ist aus dem vierzehnten Jahrhundert nur
eine samlung in der Hultheimschen handschrift erhalten. Es sind zehn
stücke, theils „abele Speien," d. h. ernste, romantische dramen, theils
„Sotternien," possen in dem derben geschmack, der aus den niederlän-
dischen genrebildern zur genüge bekannt ist. Um daher bei der erste-
ren gattung stehen zu bleiben , so stellt z. b. der Lanseloot dar , wie der
held auf den rath seiner mutter die schöne , aber niedriggeborne Sandrijn
überwältigt und dann schimpflich verstösst, wie sie umherirrend doch
noch einen edlen mann findet und dann den reuevollen Lanseloot zurück-
weist und in' Verzweiflung enden lässt. Weniger die noch ziemlich unbe-
hilfliche dramatische form, als gewisse winke und andeutungen zeigen,
dass diese stücke zur aufführung bestimt waren und daher vermutlich
keineswegs allein standen. Die zuhörer werden ins spiel hineingezogen,
sie werden am Schlüsse der tragödie ermahnt nicht weg zu gehen, da
man noch eine Sotternie aufführen werde. Wie auch für diese dramatische
gattung sich eine fast gleichzeitige parallele im deutschen fastnachtspiel
findet, bedarf kaum der erwähnung.
Die volle ausbildung und überaus fruchtbare behandlung des nie-
derländischen dramas fällt freilich erst in die folgende Übergangsperiode,
welche zwar zur mnl. zeit strenggenommen nicht gehört, aber docli in
ihren hauptersclieinungen charakterisiert werden mag. Im XV. und XVL
Jahrhundert nahm das niederländische drama eine wendung, die bei allen
inneren Verschiedenheiten äusserlich einen vergleich wol zulässt mit der
Übung einer anderen dichtungsgattung derselben zeit in Deutschland. Die
1) Eine genaue Beschreibung und Inhaltsangabe (214 nuniniern) findet sicli in
Serruves vaderl. raus. 3 , 139 — 1G4.
17G MARTIN
Rederijkkamers /) seit dem beo-imi der burgundischen herschaft officiel
organisiert, haben in der that manche iUmlichkeit mit den deutschen
meiötersingern. Wie diese waren sie als eine gilde vereinigt; wie diese
wetteiferten sie mit ihren dichtungeu; wie die meistersiuger hatten sie
künstliche bestimmiingen, deren pedantische ausführung sie über die
inluiltslere ihrer gedichte hinwegsehen liess. Aber während die mei-
stersinger die ritterliche lyrik fortsetzten, schlössen die Rederijkers sich
an die französischen mysterien an. Ihre ernsten stücke, Speien van Sinne,
stellten durch personen aus der heiligen geschichte, den märtyreriegen-
den, oder aus der antiken sage, gewisse moralische gemeinplätze dar. Dane-
ben übten sie, und mit mehr beifall, die Kluchteu; und verliehen auch
den Speien van Sinne durch übermässige pracht reize , an denen die kunst
keinen theil hatte. Während ferner die meistersiuger einer gegen den
andern um die wette stritten, waren es hier die kammern, die mit ein-
ander wetteiferten und zwar um sehr materielle preise. Allerdings haben
die Rederijkers auch ausserhalb des dramas sich versucht; aber in for-
men , die sclavisch den Franzosen nachgeahmt waren , dem rondeau oder
triolett , der bailade u. s. f. Bezeichnend ist der titel , den sich der Ver-
fasser ihres lehrbuchs, Mathijs de Casteleyn beilegt: er nennt sich excel-
lent poete moderne. In der politisch - religiösen richtung aber , die die
Rederijkers im XVI. Jahrhundert einschlugen, lassen sie sich wieder mit
den meistersingern vergleichen : sie wurden die eifrigsten Vertreter der
reformation und ihre Speien van Sinne dienten auch den weiterfortge-
schrittenen neuerem, z. b. Heinrich Niclaes zur eiukleiduug ihrer ideen.
Von den auf uns gekommenen stücken in der art der Rederijkers sei nur
das älteste genannt, die eerste bliscap van Maria, ^) welches- 1444 zu
Brüssel aufgeführt wurde und einen abriss der ganzen heiligen geschichte
enthält.
Erfreulicher als diese in allegorie und reimkünsten aufgehende
dichtung ist uns das Volkslied aus dem XV. und XVI. Jahrhundert. Hier
ist der Zusammenhang mit Deutschland vollständig hergestellt. Ret
ivaren tivec hoyüncsklnderen oder Waer sal Ic mi henen keren, ic arm
hroederlijn, oder Ick tvil te lande rijden, sprach meester Hildebrant —
aUe diese lieder sind ja als deutsche Volkslieder wolbekannt. Natürlich,
dass nicht alle lieder gemeingut waren ; namentlich die politischen lieder
hatten gröstentheils nur für einzelne landschaften Interesse. Solche lie-
der finden sich auch in den Niederlanden früh, wenn schon die gedichte
1) G. D. J. Schotel , Geschiedenis der Eederijkers in Nederland. D. I. II.
Amsterdam 1862. 64.
2) De eerste hliscap van Maria, misteriespel van het jaer 1444, met eene
inleiding over suurtiielijke speien en iiiet ophelderinyen door J . F. Willems. Gent 1845.
ÜBERSICHT D. MNL. LITTERATÜR 177
der Sprekers eigentlich abgerechnet werden müssen. Aus dem anfang
des XIV. Jahrhunderts stammt das lied „van den Kerels," der nationalpar-
tei in Flandern, sowie das Jan III. von Brabant in den mund gelegte
Ic hen die hertoghe van Brabant^ hi den ever hen ic genant.^) Noch
zahlreicher sind diese lieder aus dem XV. und XVI. Jahrhundert über-
liefert; in der späteren zeit mit den geistlichen liedern der reformation
in inniger Verbindung.
Neben der erzeugenden thätigkeit geht im XV. und XVI. Jahrhun-
derte eine erneuernde her. Die alten romane und sonstigen dichtungen
von dauerndem Interesse wurden vielfach in prosa oder wenigstens in
jüngere sprachformen umgesetzt. Das wichtigste beispiel dieser Umar-
beitungen ist der Reinaert des Heinric van Alkmaer, welcher nach der
im nd. Reineke erhaltenen vorrede schuUehrer des herzogs von Lothrin-
gen war. Früher wüste man nicht, wie diese notiz bei dem nd. werke
zu erklären sei , bis sich bruchstücke eines alten niederländischen druckes
fanden, der unzweifelhaft die im Reineke übersetzte erneuerung enthielt.
Diese erneuerung war freilich ebenso wie das original durch die aus
jener hervorgegangene prosa verdrängt worden. Aehnlich wurden auch
Carel ende Elegast, das Rolandslied, Floris, Maerlants Wapene Martijn
und Spieghel historiael, die Schlacht bei Woeringen, die Kinder von
Limburg, Lanseloot ende Sandrijn in mehr oder weniger umgearbeiteten
texten gedruckt. Ein zeugnis für das Interesse, welches die älteren nie-
derländischen gedichte damals auch in Deutschland fanden , sind die Umar-
beitungen des Johann von Soest. Gebürtig aus Unna in Westfalen, lernte
er in Flandern als sänger, und übersetzte in Heidelberg, wo er seit 1471
lebte, den Ogier, Reinout, Malagijs und die Kinder von Limburg in ein
abscheuliches gemisch von hochdeutsch, niederdeutsch und niederländisch.
Jene niederländiscben erneuerungen bewiesen und sprachen es zum
theil offen aus, dass die spräche der alten texte veraltet war. Der unter-
schied des mnl. vom nnl. ist freilich fast nur in wortgebrauch und satz-
fügung bemerklich, nicht aber, wenigstens nur unwesentlich , in laut -und
beugungslehre. Jene alten bedeutungen aber stimmen so sehr mit dem
mhd. überein, dass man, von hier aus in das mnl. eindringend, einen
grossen Vorschub hat. Es ist zu wünschen, dass, wie wir Deutsche im
mnl. manches finden, was unser bild des germanischen geistes ergänzt, so
auch die Niederländer ihrerseits nicht versäumen mögen , die im mhd.
vorliegenden analogien 7A1 ihrer alten spräche und litteratur aufzusuchen.
HEIDELBERG. ERNST MARTIN.
1) Die historischen Volkslieder der Deutschen vom 13. bis IG. Jahrhundert,
gesammelt und erläutert von R. v. Lilicncron. I. Leipzig 18G5. S. 31. 3G.
ZBITSCHU. F. DKUTaCUE I'HILOL. 12
178
BRUCHSTÜCK EINES LATEINISCHEN MARIENLIEDES
MIT ALTFRANZÖSISCHER ÜBERSETZUNG.
Im einbände eines französischen werkes aus dem XVI. Jahrhundert,
(Les Oeuvres poetiques d'Amadis Jam}^ , Paris 1577), welches sich frü-
her in der bibliothek der frau von l>urchardi zu Gross - Cotta in Sachsen
befand, ist uns eine lateinische hyrane auf die Jungfrau Maria mit alt-
französischer Übersetzung erhalten, welche sowol in hymnologischer als
in sprachlicher hinsieht von Interesse ist und welche sich auch in den
neueren Sammlungen der hymnen von Daniel, Moue und Morel nicht
findet. Das Pergamentblatt in Quartform, auf welchem der hymnus
ursprünglich gestanden, ist für die zwecke des einbandes in der mitte
zerschnitten worden und es sind dadurch einige Strophen verloren gegan-
o-en. Dem Charakter der schrift nach wird die handschrift eher in das
XV. als in das XIV. Jahrhundert zu setzen sein.
1. Sanctitatis tocius femiua,
muiidi princeps et celi doraüia,
servis tuis relaxa crimina
et eorum mentes illumina.
2. 0 fenmie qui es plaine de toute saiiitete,
du monde la princesse , du cid la poestö,
a tes sergens relache[s] leurs grandes iniquites
et leurs' cuers eulumine de parfaite equite.
3. Vitis vera extende palmitem
tuum ad nos, ut eum comitem
habe(a)mus vi(t)aeque limitem
4. Ex te virgo iiatus est filius
puer Jesus, qui (quo) nichil dulcius,
quem rogamus omnes attencius
ut sit nobis per te propicius.
5. De toy virgc tres pure est le Als de dieu nez,
qu'il n'est rien si tres doulz, Jesu est appelez,
de quel iious requcrons tous ciisamble avuez
quo propice uous soit i)ar tes grandes bontez.
6. Vas excelsi, opus inirabile,
Stella celi, Signum spectabile,
per tc nobis fiat possibile,
quod rogamus et impetrabilc.
BRUCnSTÜCK EINES LATEINISCHEN MARTENLIEDES 179
0 clere aube journee de lumiere tres pure,
qui des pechiez destrais la tenebre obscure,
en qui trestout le monde s'esiouist sans mesure,
soyes siir nous veillant en nous preiiant en eure.
Mons sublimis, salutis speculum,
via vite, morum spectaculum,
que in celo regnas in seculum,
Cliristianum deifende populum.
0 montaigne tres haute, mireour de sauvemcut,
voye de bones meurs, de vie atendement,
qui en ciel et en siecle regnes sans flnement
10. Du tres digne lignaige de Juda es yssue,
envcrs le tres haut roy tres puissant es eslue,
contrain notre couraige qu'il ne demeure en anue,
et en la fin nous niaine en ciel dessus la nue.
11. Sola virgo, que cuncta(s) hereses
interemis et frangis carceres
captivorum, respice pauperes
et fac eos ad vitam celeres.
12. 0 virge siugulaire , qui toutes heresies
destruis et toutes chartres brises et deraolies
des poures enchartrcs regardes et deslies,
et yceux a la vie perdurable ralies.
Wie in anderen bereits gedruckten hymnen, so ist auch hier die
französische bearbeitung des lateinischen liedes eine freiere , doch schliesst
sich dieselbe, soweit die lateinischen originalstropheu vorliegen, stets
noch an den lateinischen text an. Aehnliche, wenn ancli noch freiere
altfranzösische bearbeitungen lateinischer hymnen finden sich bei Mone,
lateinische Hymnen des M. A. bd. I s. 108, bd. II s. 214 und bei Daniel,
Tbesaurus hymnologicus bd. II s. 245.
Die bilderreiche spräche des hymnus ist nicht ohne einzelne anklänge
an andere marienlieder. Mundi princeps (str. 1) wird die Jungfrau Maria
auch in dem hymnus bei Mone 11, s. 328 nr. 533 v. 4 genannt. Zu Vas
excelsi (str. 5) ist zu vergleichen vas virtutis , Morel (Lateinische Hym-
nen des M. A., Einsiedeln 1867), s. 117 nr. 184 v. 14, ferner vas vir-
tutum, Mone H, s. 375 v. 113, vas mellis, Mone II, s. 424 v. 55, vas
decoris et honoris, vas coelestis gratiae. Mono II, s. 426 v. 1, vas sin-
ceritatis, Wackernagel, Deutsches Kirchenlied bd. I s. 190 str. 5. Via
vitae (str. 7) kelirt wieder bei Morel s. 122 nr. 193 v. 43; sola virgo
12*
180 ANSCHÜTZ, BRUCHSTÜCK EINES LATEINISCHEN MARIENLIEDES
(str. 9) bei Moue II s. 828 nr. 533 v. 5 und II s. 42G v. l'J , ferner bei
Wackernagel I s. 104: 0 siugiüaris femina, sola virgo puerpera. lute-
remere hereses (str. 9) klingt wieder in einem lied auf die heil. Anna,
Daniel I, s. 288 nr. 350 v. 11 (ut haereses interimat).
Der französische text gibt in sprachlicher hinsieht zu einigen bemer-
kungen veranlassung.
Poeste (str. 2), doraina, vom lat. potestas , findet sich hier ganz in
derselben bedeutung wie das italienische podestä. Diez , etymolog. Avör-
terbuch II, s. 52 notirt provenz. podestat, poestat, span. potestad. Zu
den zahli-eichen belegstellen für das franz. poeste mögen noch hinzuge-
fügt werden:
Par bataille resoit prove
Li quels ara la poeste,
bei Wace, roman de Brut (XII. Jahrb.), li erausgegeben von Le Roux de
Lincy, v. 12,134. Ferner la real poeste und poeste ou autre office im
Livre de jostice et de plet (XIII. jahrh.) herausgegeben von Eapetti, Paris
1850, (vgl. Anschütz in der krit. zeitschr. f. rechtswissenschaft des aus-
lands bd. XXIII, s. 247) s. 335. 336.
Virge (str. 5 und 12) für vierge, prov. verge, vergi, virgi (Ray-
nouard, lexique roman V, s. 507) findet sich häufig, vgl. Bartsch, alt-
französische Chrestomathie, glossaire s. 675.
Aube journee (str. 7), die morgenröthe, lat. alba dies, von albus
hell, heiter; meist findet sich aube ohne den zusatz journee, so bei Diez,
etymolog. wörterb. II s. 12, Bartsch, chrestom. s. 140 z. 2, s. 405 z. 5.
S'esiouist in str. 7 würde dem lateinischen se exgaudet entsprechen.
Anue (str. 10), neufranzösisch ennui, vom lat. in odio, ital. noja; vgl.
Diez s. V. noja.
Chartres (str. 12), gefängniss, kerker, von carcer, Diez II, s. 245.
Enchartres, gefangen, eingekerkert, könnte vielleicht auch gelesen wer-
den enchaities, denn chaistivoison im Livre de jostice et de plet s. 247
ist die Übersetzung von captivitas im Corpus juris civilis 1. 1 §. 1 D. de
usis et legitimis XXXVIII, 16 und ebenso ist captivitas in §. 4 Inst,
de jure pers. 1 , 3 im Conseil de Pierre de Fontaines (XIII. jahrh.) ed.
Marnier, Append. s. 499 §. V mit chetivoison übersetzt. Indess ist die
lesart enchartres in sprachlicher hinsieht und mit liicksicht auf das vor-
hergehende chartres vorzuziehen.
HALLE. AUG. ANSCHÜTZ.
181
DAS THIERM^RCHEN VOM GEGESSNEN HERZEN
LITTERATÜRGE SCHICHTLICH BETEACHTET VON E. h. BOCHHOLZ.
I.
Immer noch schwankt die frage, wie viel des in den poesien des
deutschen und romanischen mittelalters behandelten dichtungsstoffes
abendländisches eigentum sei oder morgenländischer abkunft. Zwar
schien sie durch J. Grimms umfassendes werk über Reinhart Fuchs so
weit entschieden zu sein, dass wenigstens unser germanisches thiermär-
chen für selbständig und frei von entlehnungen aus der antiken und
orientalischen fabel gelten konnte; doch seitdem unser altmeister abbe-
rufen ist von seinen einheimischen quellen und seine in die tiefe gegan-
genen forschungen nun mehr und mehr in die breite laufen , ist es , als
sollten wir uns gerade denjenigen theil der nationalen tradition, den wir
für den ursprünglichsten zu halten bereits so gute gründe hatten, am
meisten bestreiten lassen. Denn auch in der litteratur ist der seeweg
nach Indien aufgefunden und droht, wie es schon bei entdeckung des
geographischen gieng, den altgesicherten einheimischen besitz und Wohl-
stand in fremde bände zu spielen. Es lässt sich dieser grosse Vorgang
selbst an einem ganz kleinen , aber ausreichenden beispiele erkennen. Es
liegt bis jetzt ein märchenkreis von thiermärchen vor, aufgesammelt in
der Vorzeit des abend- und des morgenlandes , deren einzelne glieder
beiderseits und untereinander geschwisterähnlichkeit haben. Ihr überein-
stimmender Charakterzug besteht in der list des thierkönigs, eines der
thiere, dem er bereits früher nach dem leben gestellt und wunden bei-
gebracht hat, abermals an sich zu locken, um ihm zu der früheren Ver-
stümmlung auch das herz aus dem leibe zu nehmen ; sodann in der
gegenlist eines dritten , der des erschlagenen thieres herz vorweg nimmt
und selber aufzehrt. Der erste, ein unumschränkter herr, wird durch
den dritten , seinen schwachen aber listigen diener , nicht blos um den
verhofFten genuss gebracht, sondern muss sich zum ende auch noch über
den grund der vollkommnen ergebnislosigkeit seiner grausamkeit ironisch
belehren lassen. So weit gleichen sich die beiden märchengattungen in
ihrem allgemeinen Inhalte; höchst verschieden aber sind sie nach ihrer
poetischen Verkörperung oder nach ihrem künstlerischen darstellungsver-
mögen. Denn das orientalische begnügt sich ein apolog zu werden, und
kommt also damit der äsopisclien fabel am nächsten. Das abendländi-
sche' d. h. germanische, macht jedoch seine apologische form nur zum
dienenden gleichnisse und beiwerke einer daran gebauten epischen erzäh-
lung. Jenes ist didaktisch , dieses wird heroisch und humoristisch. Im.
182 aocHHOLz
naclifolgenilcn wird versucht^ eleu vorhin beschriebenen charakterzug eines
auf zwei Weltteile verteilten und in beiden sich gleichenden tliiermär-
chens nach den ältesten Zeugnissen zusammen zu stellen, deutschen und
orientalischen; mit kürzerer fassung in der altdeutschen litteratur, weil
hiefür die germanistischen arbeiten reiclüich vorliegen und bekannt sind;
eiulässlicher in den orientalischen stotfen, die uns entfernter stehen und
noch weniger gekannt und abgeklärt sind.
In Fredegars chronik aus dem VIT. Jahrhundert findet sich folgen-
des thiermärchen in Zusammenhang mit einem abenteuer der deutschen
heldensage gebracht. Der zum thierkönige erwählte löwe hat den hii--
schen bereits einmal in mörderischer absieht augegriffen und dieser ver-
mag mit Verlust seines geweihes ihm noch zu entfliehen. Doch der ver-
schlagene fuchs weiss ihn zum zweiten male zum löwen zu bringen, wo
er getödtet und zum frasse zerwirkt wird. Als hiebei der fuchs das herz
heimlich wegschluckt und von den übrigen thieren dem könige als der
dieb angegeben wird, erwidert der beschuldigte, dass der hirsch gar
kein herz gehabt habe , weil er sonst nach seiner ersten bei hofe bestan-
denen lebeusgefahr gewiss nicht wieder eben dahin zurückgegangen wäre.
Hieran knüpft Fredegar die gothische sage von Dietrich, Dieters söhne.
Dieser liebling des byzantinerkaisers Leo ist auf der Gothen bitte nach
Italien gesant und hier, nachdem er Otachern besiegt hat, zum Statt-
halter ernannt worden. Doch die neider untergraben ihn bei hofe und
er wird zurückberufen. Zwar hat ihn dorten sein freund Ptolemäus so
zu rechtfertigen gewusst, dass jener befehl zurückgenommen wird; doch
als die Verleumdung der höflinge von neuem anhebt und die abberufung
abermals ergeht , so sendet Dietrich , anstatt heim zu kehren , vorerst
boten an den freund, ihn um weiteres verhalten zu befragen. In ihrem
beisein erzählt hierauf dieser bei hofe jenes märchen vom hirschen, der
zweimal vor den löwen gefordert, das erste mal das geweih verlor, das
zweite mal aber zerrissen und samt dem herzen aufgezehrt worden war.
Dietrich errieth den sinn, blieb in Italien und gelangte hier zur königs-
krone.
Der folgende erzähler ist (mit übergehung Aimoins, der den eben
berichteten stoff blos ausschreibt) der Tegernseer mönch Froumund im
X. Jahrhundert. Er nennt seine erzählung nur eine parabola , weil er sie
mitten in eine begebenheit aus der Urgeschichte der Baiern einflicht;
aber er beruft sich selbst dabei auf „alte lieder" (J. Grimm, Reinhart
Fuchs pag. L.) , deren epischer Charakter auch noch im mönchslatein fühl-
bar bleibt. Sein bericht lautet auszugsweise also. Ein sendbote des
römischen kaisers hatte beim baiernherzog Dieto den zins einzuverlangen
und war von diesem ohne geld und mit einer wenig ehrerbietigen ant-
D. THIEEM^KCHEN V. GEGESSN. HERZEN 183
wort fortgeschickt worden. Als sich hierauf Dieto auf den rath der
freunde selbst nach Korn begab , empfieng ihn der kaiser scheinbar freund-
lich, lud ihn hierauf mit wenigen begieitern zu sicli, liess sie da über-
Avältigen, und nachdem man ihnen zusammen stirnlocke und hart ver-
stümmelt und das gewand über dem knie abgeschnitten hatte, schickte
er sie mit solchem höhne gleichfalls heim. Allein der herzog, der aus
der noth eine tugend zu machen wüste , erhob in Baiern diese ungewohnte
tracht zum Verbrüderungszeichen aller gegen die liömer, sammelte ein
beer, schlug sie und war damit gerächt und zinsfrei. Doch abermals
nach Jahren erschien bei ihm der kaiserliche legate, den zins nur als
blosse ehrensache fordernd. Da liess Dieto den gesandten festnehmen
und dem kaiser folgendes märchen melden: Als der bär im lande regierte
und alle thiere seiner gestrengen herschaft gehorchten , hatte sich der ein-
zige hirsch nicht unterzogen und konnte bei seiner behendigkett nicht
zur rechenschaft gezogen werden, lieber diese Widerspenstigkeit hatte
der fuchs tadelnd sich geäussert und war vom hären beauftragt worden,
dass er den hirschen berede, zur huldigung herbeizukommen. Sobald
er ihn nun zur pfalz des baren gebracht hat, springt dieser auf ihn los,
zerkratzt und zerbeisst ihn und nur der schnellsten flucht verdankt der
hirsch sein leben. Als darauf der fuchs zum zweiten male und aus dem
gleichen grmide zum hirschen kam, sprach dieser: Ich habe schon ein-
mal mein lehrgeld bezahlt. Verbleibe der bär bei sich und den seini-
gen, ich werde mich vor seiner falschen band frei zu halten wissen.
,Gut denn, schloss Dieto dieses sein märchen, ich selbst bin dieser
hirsch, und werde weder den kaiser ferner besuchen, noch ihm zins
geben!"
J. Grimm fügt bei: Fromunds Dieto ist Fredegars Dietrich, beide
erzählungen weisen auf gotische sage, jene bezieht sich ausdrücklich auf
lieder. Da in Fromunds erzählung der hirsch gerettet entkommt, so
muss hier auch der zug des herzessens mangeln.
Betrachten wir nun denselben stoflf nach der darstellung in der
kaiserchronik , deren redaction von Lachmann um 1160 gesetzt ist. Als
kaiser Severus erfuhr, dass niemand im ganzen reiche ihm die gebühr-
liche ehre verweigere , ausser der herzog Adelger zu Baiern , liess er die-
sen nach Rom kommen und ihm hier zur demütigung das gewand bis
zum knie und die stirnlocke vom haupte wegschneiden. Doch der her-
zog hatte einen alten dienstmann in seinem gefolge und auf dessen rath
geschah es, dass sich die dreihundert ritter, die mit ihm hergekommen
waren, alle gleichfalls haar und gewand bescheren, wie es denn in der
Baiern gewohnheit heisst: Was einem zu leide geschieht, das müssen
wii- allesamt mit dulden. Als der kaiser dies und zugleich denjenigen
184 ROCllUOLZ
erfulu-, der den rath erteilt, verlangte er jenen alten dienstman für seine
eigene hoflialtung und erhielt ihn. Der herzog kehrte hierauf in frie-
den heim, sante aher boten voraus und befahl allen sehien Untertanen,
die leheusrecht oder rittersnamen haben wollten, dass sie sich gleichfalls
das haar vornen aus- und das gewand abschnitten. Es stund uiclit lange
an, so war die freundschaft zwischen dem kaiser und dem herzog zer-
gangen und Adelger wurde wieder nach Eom geladen. Da sandte er
heimlich einen boten dahin zu seinem alten dienstmann, zu erforschen,
ob er kommen solle. Der alte verweigerte die runde antwort, weil er
nun nicht mehr des herzogs, sondern des kaisers diener sei, trat jedoch
des andern tages mit dem Baiernboten vor Severus und erbat sich , dass
er hier eine fabel erzählen dürfe , die folgender massen hiess : Ein hirsch
frass einem manne das kraut aus dem garten und wurde von ihm darüber
zweimal nach einander verstümmelt, erst an einem ohre, dann am
schwänze. Schmerzt dichs, sagte der mann, so kommst du mir nicht
wieder! Als aber dem hirsch die wunden geheilt waren und er seine
alten schliche wieder streichen wollte, hatte der mann inzwischen den
garten mit netzen umstellt, fieng das thier und stiess ihm den spiess
durch den leib. Nachdem er ihn zerwirkt hatte und einen augenblick
bei Seite gegangen war, frass ein lauernder fuchs des hirschen herz weg.
Der mann entdeckte den unbegreiflichen mangel und schlug darüber die
bände zusammen; sein weib aber antwortete: das hätte ich dir zuvor
sagen wollen, dass der hirsch gar kein herz gehabt, sonst würde
er nach verlust von ohr und schwänz nicht noch zum drittenmal in den
garten gekommen sein. — Der zuhörende Baiernbote kehrte hierauf mit
dieser unverstandnen geschichte heim, doch als er sie dem Adelger
berichtete, liess sich dieser nicht zum zweiten male nach dem feindse-
ligen Rom verleiten, behielt das herz am rechten flecke, zog dem Avel-
schen beer entgegen , schlugs , erlegte den kaiser und machte seitdem
die welsche mark bairisch.
Dieselbe reihe von Verstümmelungen, wie hier der hirsch, erleidet
der eher in GestaEomanorum (ed. Adalb. v. Keller, cap. 46), worauf er
gleichfalls ohne herz gefunden wird. Der hergang ist folgender.
Der könig Trajanus zu Rom war ein grosser gartenfreund. Sein
gartenwächter sah einen eher einbrechen und die bäume umwühlen,
stellte ilini nach und konnte ilim das linke ohr abhauen. Lautschreiend
entrann das thier. Bald hernach war es abermals da, wurde wieder
erreicht und verlor dabei das rechte ohr. Nichts desto weniger kam es
zum drittenmal in den garten und der Wächter hieb ihm auch noch den
schwänz ab. (Die deutsche ausgäbe der Gesta nennt hiefür das Hin-
terteil). Beim vierten und letztenmal wurde er endlich mit dem
D. THIERM^RCH. V. GEGESSN. HEEZEN 185
spiess zusammengestoclien und dem hofkocli für die tafel überbracht.
Nun ass der könig von jedem thiere das herz lieber als ein anderes
stück; der koch aber fand beim zurichten des ebers dessen herz beson-
ders fett und verzehrte es. Als der eher auf die tafel kam , suchte der
könig das herz vergebens, liess darüber den koch befragen und erliielt
zur autwort , das thier habe keines gehabt. Jetzt wurde der koch selbst
herein gerufen, um seine behauptung zu erweisen; dieser sprach: Ein
jeder gedanke kommt aus dem herzen; daraus folgt denn, dass wo das
nachdenken fehlt, auch kein herz sein kann. Jener eher, wenn er ein
herz gehabt hätte, würde wol darüber nachgedacht haben, als ich ihn
zuerst im garten traf und das linke ohr ihm abhieb. Dies hat er aber
nicht gethan, sondern ist das andere und dritte mal wieder gekommen
und hat das rechte ohr und den schwänz verloren. Hätte er also auch
nur den theil von einem herzen gehabt, so hätte er an ohr und schwänz
gedacht; und so beweise ich aus diesen drei gründen, dass er gar kei-
nes hatte. — Grässe in seiner Übersetzung der Gesta fügt hierüber s. 65
die naive Schlussbemerkung bei: „Selbsterfunden und casuistischen
inhalts." Die deutschen Gesta dagegen machen folgende nutzanwendung,
s. 71: Unser herr Christus ist der gärtuer und pflanzt in des menschen
herzen schöne fruchtbäume, diese aber unterwühlt der weltmensch als
ein eberschwein. Nun warnt ihn der herr wiederholt , indem er ihm erst
das linke ohr nimt: seine freunde; hierauf das rechte: seine kinder;
dann das hinterteil: das ist die ehefrau. So sucht er zuletzt am
jüngsten tage das herz, allein da steht der teufel dabei und spricht, die-
ser mensch habe gar keins gehabt , sonst würde er die zehn geböte nicht
gebrochen haben. So wird alsdann der herr um eine seele beraubt.
Derselben quelle bedient sich Burkhard Waldis (Esopus, edd. H.
Kurz 1, 169) in der fabel: Vom Bawren vnd wilden Schweine. Der
bauer überbringt einen erlegten eher dem gutsherrn zu dessen hochzeit
und berichtet auf die frage, wo denn des ebers herz geblieben sei: dies
thier habe all seiner tage keins im leibe gehabt. Sonst würde es , nach-
dem ihm erst das eine , dann das andere ohr abgehauen worden , sicher-
lich aus dem haberfelde weggeblieben sein und schliesslich sich nicht
noch mit dem schweinspiesse haben niederstechen lassen. Durch diese
dreifaclie unbelehrbarkeit sieht sich der fabulist veranlasst, dem refor-
mierenden geiste seiner zeit gemäss, auf die sittenlosigkeit des clerus
überzuspringen, und sein bauer schliesst daher mit folgender handgreif-
lichkeit ab:
Vnd sprach: ich hab daheim ein magt,
Die hat mir mehr denn einmal gsagt
Mit vieler vm fastenden bericht,
Das sie der ])turriier otft anficht,
186
ROCIIHOLZ
Und ist zu.jr in stall gescliloffcn,
Darin ich jn dreymal betroffen
Und jn mit brügeln wol zerschlagen ;
Hats aber niemand dörifen klagen.
Denuocht konipt er offtnials herwider,
Biss ich jn schlag zuletzt darnider
Und jni abhaw ein arm oder beiu.
Dies sind in chronologischer folge die ältesten nnd hauptsächlich-
sten redactionen des deutschen thiermärchens vom gegessnen herzen,
doch nicht die ältesten im deutschen mythus überhaupt, da in diesem
das verspeisen des thierherzens zum zwecke der Sättigung, der zaube-
rischen heilung und Weissagung bis in die germanische götterge schichte
hinaufreicht. Wir müssen daher notwendig auch von dieser letzteren
nach angäbe der zweiten Sigurdharkvidha fafnisbana hier kurz erwälmung
thun. Die drei eddaischen götter Odhinn , Hoeuir und Loki sind zusam-
men auf der Wanderung, erblicken an einem flusse eine otter und Loki
wirft sie todt. Während nun Hoenir mit des thiers Zubereitung l)eschäf-
tigt ist und Odhinn ausruht, entwendet Loki das halbgebratene herz.
Wir erfahren also schon hier, dass Loki, der gott des lichtes und feuers,
theils indirect in der rolle des meisterkoches auftritt (denn Hoeuii- ist
dafür falsch angesetzt), theils direct die rolle des meisterdiebes spielt.
Sein angemessenster Stellvertreter ist daher im thierepos, der gleich der
feuerlohe rothe, räuberische, boshafte und berückende fuchs, der gleich-
falls das wetter kocht und braut, das herz des erlegten thiers entwen-
det und durch dessen genuss die gäbe allgegenwärtiger Weisheit erhält.
Er heisst Eaginohard = Reinhart, ein ratgeber, und sprichwörtlich gilt
von ihm: kaum genant, komt er gerant. Als die drei götter hierauf
in Hreidmars hause einkehr nehmen und den balg der gegessnen otter
mitbringen , erfahren sie , dass diese otter Hreidmars söhn und der bru-
der von Fafnir und Regln gewesen sei und sich in thiergestalt in jenem
flusse beim zwerg Andwari aufgehalten habe. Letzterer aber ist Odhinns
eigner hortreicher söhn , und um die verlangte mordbusse für den erschla-
genen vollständig aufzubringeii , ist Odhinn genöthigt, Andwaris gold-
schatz bis auf den allerletzten ring herbei holen zu lassen. Der über-
wältigte zwerg verflucht jeden zum tode , der fortan diesen ring besitzen
würde , und dieser fluch erfüllt sich alsbald an Hreidmar und dessen söh-
nen. Diese ermorden des goldschatzes wegen erst den vater und verfol-
gen dann sich gegenseitig. Bruder Fafnir hat sich in einen schuppigen
lindwurm verwandelt und hütet so seinen sdiatz ; gegen ihn ruft der bru-
der Regino den Sigurd zu hilfe , der den drachen dann mit einem gefeie-
ten Schwerte durchstösst. Regino schnitt Fafnirs herz aus, damit es
Sigurd ihm brate, und entschlief darüber; inzwischen ass Sigurd das
D. THIEEM^RCH. V. GEGESSN. HEEZEN 187
herz selbst, ward auf diesen genuss plötzlich allwissend, erkante, dass
der schlafende Kegino räche gegen ihn brüte und erschlug auch ihn. So
hatte nun Sigurd nach dem genusse des drachenherzens gold, Weisheit
und königtum zugleich erworben. Dieselbe reihenfolge von glücksfäl-
len ist auch im kindermärchen (Grimm nr. 60) an den heimlichen genuss
eines seltnen thierherzens geknüpft; wer herz und leber vom goldvogel
isst, heisst es, der wird anfangs jeden morgen ein goldstück unter dem
kopfkissen finden und zuletzt könig werden. Als daher der reiche gold-
schmied diesen vogel seiner hausfrau zu braten gibt und sie die zwei
kinder des armen besenbinders dazu stellt, den spiess zu drehen, naschen
sie ein paar in die pfanne abfallende Stückchen, herz und leber, arglos
weg. Darüber werden sie in die weite weit hinausgestossen, kommen
aber mit ihrem heckethaler zu immer grösserem reichtimi und werden
zuletzt des königs Statthalter, eidam und thronfolger.
In den eingangs erzählten vier märchen schon war zu erkennen,
dass die sage vom gegessnen herzen viermal paraJjolisch in eine histo-
risch-politische beziehung eingekleidet war. Entweder der könig der
thiere oder ein volkskönig hat seinen nebenbuhler bis zur körperlichen
Verstümmelung bekämpft und geschwächt, nun will er ihm auch noch
das letzte, das herz aus dem leibe reissen. Stets aber wird der über-
mächtige durch einen dazwischen tretenden schwächeren um den verhoff-
ten letzten erfolg gebracht; eben dieses so hartnäckig ertrachtete herz
wird nicht ihm, sondern einem ganz andern zu theil, der unvermutet
sich einmischt, und jener hat mit allem nur sich und sein eignes haus
zu gTunde gerichtet. So wird es auf den kämpf der heidnischen götter-
dynastieen, so auch auf den zwischen gott und dem teufel gleichmässig
angewendet. Odhinn muss seinen eignen söhn bis auf den letzten gold-
ring ausplündern lassen, um nur das wergeld für den voreilig erschla-
genen Otur erlegen zu können, dessen gebratnes herz nicht einmal ihm,
dem göttervater, zugekommen, sondern von Loki voraus weggeschnappt
Avordeu war. Fafnirs herz wird ausgeschnitten und gebraten , um Regi-
nos bruderhass damit zu ersättigen , doch nicht er kanns geniessen , son-
dern der fremde Sigurd, der, sobald er davon gekostet hat, im schla-
fenden Regino den todfeind erkennt, ihn erschlägt mul dessen gesam-
ten hört an sich zieht. Selbst wenn gott und teufel sich am jüngsten
gerichte um eine seele streiten und der herr noch des armen Sünders
herz zu gewinnen sucht , behauptet der satau , dieser mensch habe nie-
mals ein herz gehabt, und maclit so den himmel um eine seele ärmer.
Auf diesem gebiete der politischen intriguc bewegt sich ursprünglich
das deutsche thierepos, denselben inlialt geben die vorerwähnten thier-
märchen zu erkennen.
1H8 Rot'iiiioLZ
n.
Untersuclicn Avir nun , ob nicht ein älmliclies grundverhiiltnis , wie
(las im deutsehcn thierinävclieii ist, aiicli im orientalisclien thiermärclien
und Avo möglich an demselben märcheustoffe erkennbar ist.
Die sanskritische märchensamlung ^!ukasaptati (die siebenzig erzäh-
lungen des papageien) bezeichnet Benfey in seiner Übersetzung des Pan-
tscliatantra 1, 423 als eines jener Sammelwerke, durch deren Verbreitung
vorwaltend die indischen märchenstoffe weiter nach dem westen gelangt
sind, und theilt aus der zu Petersburg liegenden handschrift die 64. erzäh-
lung mit, die fabel vom äffen und dem meerungeheuer. Sie lautet im
auszuge so.
Der affeukönig hat sich vor einem reichsnebenbuhler auf einen bäum
geflüchtet und bei dieser bewegung fällt eine der fruchte ins wasser hinab.
Durch das entstandene geplätscher angelockt , kommt das meerungeheuer
herbei und verzehrt sie; hierauf lädt es zum scheinbaren danke dafür
den äffen ein , des meerthiers rücken zu besteigen und zu ihm in sein
haus auf besuch zu kommen. Der äffe springt hinab, sieht aber seine
übereiltheit sogleich ein und weiss seine angst nicht zu verbergen, dass
der falsche gastfreund ihn verschlingen werde. Dies bemerkt das unge-
lieuer und spricht: Ah, freund, warum erschrickst du? Und der äffe
erwidert doppelsinnig: Mein herz habe ich droben am bäume auf einem
zweige liegen lassen. Das thörichte seeungeheuer denkt bei sich : Warum
nimmt er das herz nicht mit? He, äffe, spricht es, hole dein herz und
gell dann mit mir. Der äffe sprang nun auf den zweig zurück, über-
häufte das ungeheuer mit vorwürfen und dieses muste allein nach hause
zurückkehren. Dies märchen, vom affeukönig überspringend auf die
regentenweisheit, schliesst mit folgender lehre:
Welcher könig, wenn not dränget, besitzet gegenwart des geists,
Der kann sich aus gei'ahr retten, gleichwie der atfe aus der flut.
Dem leser zu lieb unterbrechen wir momentan den laufenden gedan-
ken, um auf das aus der kaiserchronik erzählte märchen und dessen
ül)ereinstimn]ung mit diesem orientalischen zurückzudeuten. Die voran-
stehende lehre der indischen Sloka bezieht sich mittels des affenherzens
auf die politische läge des affenkönigs, der durch einen thronprätenden-
ten verdrängt ist und durch ein seeungeheuer aus seiner freistätte hin-
weg gelockt werden soll. Das altdeutsclie bispel, das der alte ratgebe
über das hirschenherz erzählt, warnt den vom römischen kaiser verrä-
terisch eingeladenen herzog Adelger, nicht zum zweiten male zu fol-
gen, und die erzählte fabel thut bei Adelger die gleiche Wirkung:
D. THIERM^RCHEN V. GEGESSN. HEEZEN 189
duo der herzöge daz spei vernam,
er sprach , ist daz ich selbe herze han,
Romaere vindent hi ainen hosen chouf!
Diejenigen forscher, welche den äsopischen fabelstoffen , soweit sol-
che in orientalischen märchen vorkommen , strengweg die priorität zueig-
nen, wollen in jener scene, da der afle sich verführen lässt, auf dem
rücken des Ungeheuers sich ins meer zu begeben, eine blose kopie der
griechischen, fabel vom äffen auf dem rücken des delphins erkemien.
(Aesop, Für. 242). Doch in diesem falle, wie Benfey ausdrücklich ent-
gegnet, würde dann die griechische originalfabel gerade das beste der indi-
schen kopie entbehren, nämlich jenen vernunftgehalt und ausweg, durch
welchen der äffe sein leben listig rettet, indem er vorgibt, er habe sein
herz auf dem bäume gelassen. Der weg aber, den diese indische fabel
nach Westen eingeschlagen hat, ist litterargeschichtlich bereits nachge-
wiesen. Sie spann sich nämlich weiter zu einer fabelkette aus , die in
den sanskritischen texten des Pantschatantra und im südlichen Pantscha-
tantra des Dubois gleichmässig enthalten ist. Sie gieng über in die ara-
bische Übersetzung der fabeln Bidpais, aus dieser ums jähr 1262 durch
Johann von Capua in die lateinische, wurde als Beispiele der Weisen 1483
zu Ulm deutsch übersetzt und gedruckt, und steht seither auch in den
romanischen samraelschriften. Sie nimmt folgende wendung.
Nachdem der äffe sich auf seinen bäum zurückgerettet hat , erscheint
das seeunthier wieder und sucht ihn von neuem zu bewegen, sich ihm
anzuvertrauen. Da ruft der äffe (in Bidpais fassung): Oho, glaubst du
denn, dass ich sei wie der esel, von dem der schakal gesagt, dass er
kein herz und keine obren habe? Und hierauf erzählt er ihm diese
neue fabel :
Der löwe Karalakesara (d. h. die schreckensmähne , kaiserlocke)
liegt wundenkrank und gelähmt darnieder. Durch den schakal (er ist
der indische Stellvertreter des fuchses) lässt er den esel Lambakarna
(grossohr) zu sich einladen in der absieht ihn zu fressen. Dieser erscheint,
augelockt durch das vorgeben, hier drei junge eselinnen zu treffen, die
ihn zum gemahl begehren. Beim anblicke des löwen entspringt er jedoch
und dieser mit lahmem fusse kann ihm nur noch einen tritt versetzen.
Hierauf macht mau dem entkommenen weiss, eine jener drei liebebrün-
stigen eselinnen sei's gewesen, die in leidenschaftlicher begier den flie-
henden zu umarmen, nach ihm ausgeschlagen habe und nun aus gram
sich todt zu hungern drohe. Dies wirkte; der esel liess sich überreden,
gieng abermals zum löwen und wurde umgebracht. Wälirend nun der
kranke löwe, bevor er seine mahlzeit hält, sicli hinab an den fluss zum
bade begibt, hat der gierige schakal herz und obren des esels aufge-
100 EOCHHOLZ
zehrt. Der herscher entdeckt den raub, er, der keine speise berührt,
die schon von einem andern thiere angefressen worden, spricht: Böse-
wicht, welch unziemliche that, dass du oliren und herz gegessen und
nun alles zu einem blossen Überbleibsel gemacht hast! Der schakal ant-
wortet : 0 herr , sag das nicht ! denn dieser esel hatte weder obren noch
herz. Aus diesem gründe ist er, nachdem er hieher gekommen und bei
deinem anblicke vor schrecken davongelaufen war, dennoch wieder zu-
rückgekehrt. Dem löwen schien diese rede glaubwürdig, „Wer gekom-
men und entkommen, und nachdem er des leuen kraft gesehn, dennoch
zurückkehrt, ist ein thor, der weder herz noch obren hat." (Benfej^'s
Pantschat. 2,295).
Hiemit hat das orientalische thiermärchen eine wendung genom-
men, bei welcher es gänzlich in eins mit dem occidentalischen zusam-
menfliesst. Das neue motiv ist hier der augeblich oder wirklich erkrankte
löwe und das zu seiner genesuug erforderliche, entweder angeblich oder
wirklich heilsame opferthier. Wir kommen hier aus der alten volkspoe-
sie in das bereich der gleichalten volksmedicin. Bei Babrius 95 und bei
Aesop. Für. 356 liegt der löwe krank, der fuchs muss nahrung für um
suchen , weiss ein thier zum zweiten mal herbei zu locken , frisst aber,
als es getödtet ist, vorschnell das herz weg und antwortet dann dem
löwen mit dem bekannten witze. Bei den Griechen ist das verlockte thier
ein hirsch, weU er ihnen das Sinnbild der feigheit war; ein hirschenherz
haben, macht Achilleus dem Agamemnon zum Vorwurf , II. 1, 225. Doch
mit dem thierherzen allein war die griechische heilkunst so wenig als
die indische befriedigt. In allen übrigen sanskrittexten der vorhin erwähn-
ten fabel ist das zur heilung des löwen benöthigte thier abgeschlachtet,
dennoch nüssling-t der plan, denn herz und obren desselben werden
unerwartet vermisst. Nach derselben auffassuug formt sich auch die
griechische. Hier wird der hirsch das zweite mal zu kommen bewogen
mittels der Vorstellung , dass der löwe schon beim ersten male ihm etwas
wichtiges habe anvertrauen wollen , und um seine aufmersamkeit zu erre-
gen, habe er ihn freundlich beim obre gefasst. In Dübois' Pantscha-
tantra - recension verlangt der kranke löwe „zur heilung" herz und obren
eines esels und frisst dann beides wirklich auf, so dass die bezweckte
fabelpointe ganz verloren geht und nichts als des esels dummheit resul-
tiert. In Bidpais fabeln (aus dem arabischen von Ph. Wolff 1 , 242)
schickt der kranke löwe den schakal auf die eselsjagd mit den worten:
diese räude ists, die mir beschwerden macht, und es gibt kein anderes
heil mittel als das herz und die obren eines esels. Benfey erkläii
diesen umstand damit, dass sich eben an die auffälligen obren des esels
die lehre anknüpfen Hess, wer nicht rath annimmt und nicht rechtzeitig
D. THIERM^RCHEN V. GEGESSN. HERZEN 191
hört, müsse fühlen. Dies scheint mir in mehrfacher beziehung unzurei-
chend zu sein. Denn erstlich ist es seit ältester zeit bei den hirtenvöl-
kern des morgen- und abendlandes brauch, die hausthiere am obre zu
zeichnen und ihnen nach dieser verschiedenartigen marke namen zu
geben. In Max Müllers Übersetzung der Hitopadesa ist der name der
katze Dirghakarna und Dadhikarna, langohr und milchohr (pag. 25. 78).
Das kameel , welches Tschitrakarna heisst , buntohr , lässt sich durch mit-
leid bewegen , den kranken löwen zu besuchen ; als es da die listio-en
Worte der höflinge unbesonnen nachredet, die sich wechselweise um die
ehre streiten, wer das leben für den erkrankten lassen solle, wird es
beim wort genommen, zerrissen und verzehrt (pag. 168). Ausserdem
aber passt irgend ein anders geehrtes thier unter jener voraussetzuno-
nicht mehr in diesen gedaukenzusammeuhang , gleichwol muss es in der
fabel an des esels stelle treten und derselben körperteile verlustig wer-
den. In Fredegars fabel verliert der hirsch erst das geweih, alsdann
das herz ; in derjenigen der kaiserchronik verliert er ein ohr , hierauf den
halben schwänz, schliesslich das herz; der eher (Gesta Komanor.) ver-
liert beide obren nach einander, dann den schwänz und das leben. Diese
Ohrenverstümmelung, welche esel, hirsch und eher erleiden, hat in der
morgenländischen sage den bestimten zweck eines daraus zu gewinnen-
den heilmittels, auf welche schon Grimm, Rh. F. CCLXXVI ausdrück-
lich verweist. Untersuchen wir daher noch diese mittel, deren in den
erzählten märchen das erkrankte thier zu seiner genesung bedarf. Sie
führen in die Vorstellungen einer unermesslich fernen vorzeit zurück.
Wenn nemlich in der indischen fabel der reichsnebenbuhler das
seeungeheuer aussendet , damit es ihm den affenkönig herbei bringe , des-
sen herz er verzehren will, so begegnen sich in dieser fabelgrundlage
zwei Systeme; das religiöse, an die thiermetamorphose und seelenwande-
rung sich knüpfende, und das medicinische. Was das erstere betrift't,
so ist bekanntlich gott Buddlia in einer seiner früheren existenzen selbst
einmal affenkönig gewesen , weswegen die geschwänzte affenrace für hei-
lig gilt , so dass die regierende familie der stadt Purbundr sich jetzt noch
durch den titel „die geschwänzte liana" auszeichnet, weil sie vom affen-
fürsten Hanumän abzustammen behauptet. Friedreich, Symbolik 380.
Die medicinische benutzung des affenfleisches im Orient sodann , wo jetzt
noch affenfett gegen brandwunden angewendet wird , stützt sich auf die
autorität des grossen indischen thierarztes Sulivähana (Benfey 1. c. 1,
502 , 503) und wird ausserdem ver])ürgt durch Plinius , Aelian und Hora-
pollo, aus deren Schriften bereits Grimm, Eh. F. CCLX die einschlägi-
gen stellen zusammengestellt hat. Doch den theoretischen grund dieses
heilverfahrens hat uns selbst wenigstens erst Selig Gasse 1 entwickelt
\92 ROCHIIOLZ
hl seinem bemerkenswerten aufsatze Zum Armen Heinrich (Wei-
marer Jahrb. 1, 412), und wir bedienen uns hier seiner worte. „Von
dem fieber Avar in alter und neuer zeit bekannt, dass man es mit ähn-
liclien mittohi, als seine natur und Ursache ist, heile, ünmässiger zoru
zieht, wie Horapollo bemerkt (II, cap. 38, pag. 99) das fieber nach sich
und psychische aufregungen befördern es. Die fabel vom fieber des löwen
liat in dieser ansieht ihren Ursprung. Ihm erregt der mensch den fie-
berzoru. Wenn aber der sage nach das thier durch affenfrass vom fieber
sich lieilt, so geschieht ihm wie dem menschen, denn der aife ist dann
das ähnliche medicament für ein übel, das der Mensch verursacht.
Statt daher die homöopathische natur der fiebercur zu bezeichnen, zeich-
nete man erstens den zorn unter dem bilde eines löwen , der die eigenen
jungen mit dem schweife schlägt, sodann die heiluug unter dem symbo-
lischen bilde des löwen , der den äffen frisst. Und unter demselben bilde
haben die Aegypter einen sich vom fieber heilenden menschen dargestelt:
hie enim febre correptus, si simiam voraverit, protinus convalescit. Aus
arabischen uachrichten theilt Vincenz von Beauvais folgendes mit: der
löwe bekommt das fieber durch den anblick des menschen; er leidet
immer am viertägigen fieber und dann sucht er besonders affenfleisch,
um geheut zu werden. (Speculum naturale, lib. 20, 74). Der nachah-
muugstrieb des afien und seine menschenähnlichkeit ist der grund, dass
affenfleisch ein übel heilt, welches der mensch hervorrief." So weit
Selig Cassel.
Es unterscheidet aber die mediciu den animalischen körper nach
der besondern heilsamkeit, die sie seinen einzelnen gliedern und Organen
beilegt, und stellt dann haupt und herz, als den sitz des lebens, oben
an. Daher der zug vom herzessen in thiermärchen und sage. In den
böhmischen Volksmärchen von B. Nemcova (Prag 1855. XL 38 — 56)
heisst es: Wer das herz isst, findet goldstücke, wer den köpf, wird
könig. Gleiche züge aus serbischen und russischen märchen führt Benfey
an (I. c. 1, 215. 2, 531). Hieher gehört die mhd. erzählung das herz,
nr. XI in v. d. Hagens gesamtabenteuer , nebst den ergänzungen, welche
nachträglich Liebrecht in Pfeiffers Germania 1, 260. 4, 372 zu dieser
novelle geliefert hat. „Ich bringe dir das herz eines widehopfes, spricht
die amme zum kaiser ; das legst du deiner gattin auf die brüst , wenn
sie schläft, fragst sie dann was du wissen willst, und sie wird dir die
Wahrheit sagen." Tausend und eine Nacht, übersetzt von Weil , 12, 705.
In der mittellat. fabel de cervo, qui cor non habuit (Mone, Anzeiger 4,
360) bleibt des löwen krankheit unheilbar, wenn man ihm kein hirschen-
herz herbeischafft. Das sagenhafte hohe alter, das man dem thier bei-
schrieb, verleiht seinem herzen magische Wirkung.
D. THIERM^RCH. V. GEGESSN. HERZEN 193
Limge und leber, sprachlich unzertrennlich, bleiben auch im mär-
chen gepaart und bilden da die Stellvertreter des zauberkräftigeu her-
zen s. Gemäss einer zur altklassischen zeit verbreitet gewesenen ansieht
dient ziegenlunge gegen epilepsie, Aesop. Für. 262. Bei Plinius 8, 50:
capras nee unquam febri carere Archelaus auctor est. Eine ziege räth
dem esel sich epileptisch zu stellen, wird aber sodann darüber selbst
geschlachtet. Benfey 1. c. 1, 502. Ebenso räth der wolf dem fieber-
kranken das fleisch des bocks an. Rh. F. CCLX. Mythologie 1125. Ben-
fey zeigt, wie in der sanskritfabel dasselbe meerungeheuer, das nach
des affenkönigs herzen begehrt, das andere mal (in Dübois Pantscha-
tantra-Recension) die leber desselben verlangt. Die psychische bedeu-
tung, die das alterthum der leber als dem Ursprungsorte melancholischer
kranklieitsformen beischrieb, hat Friedreich entwickelt in der Geschichte
der Pathologie und therapie der psychischen krankheiten, 1830. Die
phrase, es ist ihm eine laus über die leber gekrochen, verleg-t grillen
und Ungeziefer in die Innern Organe des grillenfängers. Im Reinaert
erinnert der fuchs an die Verdienste seines heilkünstlerischen vaters, der
den alten könig einst durch eine wolfsleber geheilt habe; und dieser
behauptnng wörtlich sich anschliessend, heisst es im Reineke de Vos mit
dem Koker, Wulffenbüttel 1711 (2 b. 11 kap. s. 236):
— — — wyl gj ghenesen,
so mot dat yiimmer eutlyk wesen
eynes wulves lever van seven jaren :
Here, hiran moghe gy nicht sparen,
de schole gy eten , efte gy synt doet.
Der diesem rathschlage mit zuhörende wolf beruft sich vergebens
auf den umstand , dass er noch nicht einmal fünf jähre alt ; er muss mit
in die küche und sich die leber ausnehmen lassen:
de konnynch ath se un glienas
van aller krankheyt, de in eme was.
Das Sprichwort, der Schwab muss allzeit das leberle gessen han
(Eiselein, Sprich w. s. 416), bezieht sich auf die gutmütigkeit des einen
volksstamraes, auf den die andern ihre thorenstreiche schieben; das
damit gemeinte märchen kommt aber schon unter bischof Heriger von
Mainz, er regierte vom jähre 912 an, zur anwendung, dem ein aben-
teurer seine reise durch himmel und hölle erzählt und wie er da neben
dem mundschenk Johannes und dem meisterkoch Petrus gestanden. Auf
des scherzenden bischofs zwischenfrage an den fahrenden, was er denn
selber an der himmelstafel zu essen bekommen , antwortet jener : Tcli
ZKITSCHK. P. DEUTSCHE PHILOLOOIE. 13
1<)4 ROCIIHOLZ
lauerte in einem wiukcl, bis ich die hinge wegmausen konnte, dann
scliol) ich mich :
Angulo uiio I Partem piümonis | Fiirabar cocis.
Grimm, Lat. Ged. des X. u. XL jh. 344. Die Übertragungen dieser die-
berei auf verschiedene stände , confessionen und volksstämnie haben heute
noch kein ende erreicht. Petrus, auf der Wanderschaft mit dem herrn
das mahl zurüstend, beisst lüsternd dem brathülmlein ein bein ab; der
landsknecht, mit Petrus in der schenke übernachtend, schnappt vom
gebratnen huhn die leber weg; der schwabe mit dem lieben gotte, oder
bruder Lustig mit Petrus wandernd , isst vom gebratnen lamm das herz
vorweg. Grimm, KM. nr. 81 und bd. 3. Der kroate Dane, mit Petrus
und dem herrn durch die wälder ziehend, thut dasselbe: Kletke, mär-
chensaal2, 37. Die neueste anwendung • vom jähre 1867 findet sich bei
A. Peter, Volksthümliches aus Schlesien 1, 136 und lautet also. Als
Christus das osterlamm mit den seinigen zu essen bestimte, hatte er
den Ischariot zum koch bestellt und ihm aufgetragen , des lammes inge-
räusch besonders zuzurichten. Judas kaufte ein schwarzes lamm, berei-
tete es auftragsgeraäss zu , behielt aber das herz für sich. Als der hei-r
bei tische nach diesem fragte, erwiderte der jünger, schwarze lämmer
hätten kein herz. Christus nahm hierauf geldmünzen hervor, theilte sie
in 13 häuf eben und übergab jedem jünger eins. Da nun ein häuflein
ül)rig blieb, fragten sie, wem dieses bestimmt sei, und der herr ant-
wortete: demjenigen, der das herz gegessen hat. Sogleich griff der geld-
sriericfe nach den münzen und hatte sich verraten.
Der heil- und glücksstein, aus dem nachmals der stein der wei-
sen wird, zeitigt sich im Innern, namentlich im herzen und gehirn sol-
cher thiere , denen man ein hohes Icbensalter beischreibt und die deshalb
dann selbst wieder zu schatzhütendeu thieren gemacht werden. Vom
Juwel, das die schlangen im haupte tragen, bei Plinius der heilkräftige
Draconites, redet die Hitopadesa, übersetzt von M. Müller, s. 34; den
edelsteiu im haupte der alternden kröte, erwähnt Shakespeare As you
like 11 , 1 ; er hiess Bufouites, In der Stirnhöhle des langlebigen elephan-
ten findet sich die kostbare perle: Somadeva, übersetzt von Brockhaus
2, 188. Im köpfe des hahnes entsteht der liebesstein Alectorius. Der
wanderstorch trägt bei seiner jährlichen widerkehr einen köstlichen stein
mit sich, den er armen frauen in den schoss fallen lässt (Wolf, niederl.
sag. nr. 41); dieses thieres althd. name ist daher otivaro, schätzebrin-
ger. Unter diese reihe gehören auch die äsopischen fabeln vom bahn,
der seine gefundene perle für ein haferkorn, und den edelstein ebenso
für ein gerstenkorn hingibt. Phädrus 3, 51. Boners fabel nach Avian 33.
D. THTERM^.RCH. V. GEGESSN. HERZEN 195
Haupt, ztsclir. 7 , 381. lu der fabel des vöglein s lehren, sagt die
ledig gewordene lerche dem vogelsteiler, sie trage einen wunderstein im
magen, grösser als ein straussenei (Haupt, ztschr. 7, 348), oder einen
faustgrossen wunderstein im herzen (Lassbergs liedersaal, ur. 167).
Fast alle hier bereits aufgezählten gründe, die das einzelne thier
für den cultus , für die dichtkunst und heilkuust vorwiegend empfehlen,
treffen beim hirschen zusammen, allein zu ihrer ausführliche ji darstellung
ist hier kein räum mehr. Wie sich in der griechischen mythe die göttin
in gestalt der hirschkuh opfert, um die fürstentochter vom tode zu ret-
ten, so bietet sich gott Buddha erbarmungsvoll dem könig von Benares
an der stelle einer trächtigen hirschkuh zur speise dar. Benfey 1, 183.
Odhinn legt sich in Gylfagiuning den namen des hirschen Thror bei, und
sein nachbild, der heilige Oswald , befreit und entführt in gestalt des gold-
hirschen die braut. Zeugnisse genug, dass eben dieses thier in ältester
heiligung stand und deshalb sogar noch in chiistlicher Symbolik eine
bevorzugte figur war. Wegen seiner auf altchristlichen grabmälern vor-
kommenden abbildung bemerkt Ambrosius , im sechsten sermon zu psalm
118, der hirsch sei die figur Christi selbst, wobei er wahrscheinlich
sagen will, des ewiglebendeu. Denn von dieses thieres langlebigkeit
heisst es in Wolfs DMS. nr. 295, drei hirschenalter gehen auf das eines
drachen, welches ausmacht 2130 jähre. Die medicinisch verwendeten
körperteile des thieres: haut, uuschlitt, zahn und gehöru, gelten dem
Volke auch jetzt noch als besonders heilkräftig und lassen einen schluss
zurückmacheu auf den grund ihres Vorkommens sowol in den frühesten
Volksbräuchen als auch in den ältesten fabelstoften. Das cervulum facere,
ein neujahrsspiel, welches bei Galliern und Deutschen gleichmässig im
schwänge war und wobei man in umgehängten hirschfelleu vermummt
umher lief, kann keinen andern sinn gehabt haben, als dass man die
frische thierhaut, die in der fabel der kranke löwe umschlägt zur hei-
luüg , sich umhieng , wenn man sich gegenseitig langes leben neu an-
wünschte. So werden auch in Strickers rolandslied die leichen der bei
Ronceval gefallenen in hirschhäute genäht und nach Kerlingen gebracht.
Kindermörderischeu königen wird (KM. nr. 31. 76) das schlaclitopfer
heimlich entzogen und statt der verlangten Wahrzeichen des vollbrachten
mordes lunge und leber, oder äugen und zunge einer hirschkuh vorgewie-
sen. Dies sind aber eben jene theile, folgert Grimm, myth. 50, welche
als die edleren beim opferbrauche den götteru dargebracht wurden, wäh-
rend man das feil zugleicli an den bäumen aufhieng. Es sind dieselben
theile, fügen wir hinzu, welche in constantor formel dem zum opfer
bestirnten thiere der fabel abgefordert werden, mid hier eben kommen
wii-, zum Schlüsse dieses aufsatzes, auf die oft sinnwidrig lautenden ver-
13*
19G RoriiiioLz
stüniinolungcii ziiviick , dio das faheltliier erleidet. Wenn nämlich die
knrzscliwänzige aifcngattung beim fuchs bitten lässt , ihr einen theil sei-
nes Schwanzes abzugeben (altd. fabel fohe und aflen, in Haupts ztsclir. 7,
352), oder wenn reineke den schwänz verloren hat und heimkehrend den
scinigen dies als neue mode anempfiehlt, so ist sinn und witz hier ein-
leuchtend. Wird aber die gleiche strafe der Schwanzverstümmelung auch .
an hirschen und ehern vollzogen, so ist dies für die fabel ein zeichen
stattgehabter entlehnung und entstellung , denn statt des Schwanzes kann
d5ch nur die hirschenkeule gemeint sein. So heisst es in der kaiser-
chronik von dem gartenbesitzer , welcher dem hirschen nachstellt:
er erreichet im den zagcl,
er sluocli in im halben abe.
Nicht so incorrect, sondern zu humoristischem zwecke dienend ist,
wenn dem mutz und kurzschwanz, dem hären, ein ähnliches widerfährt,
und die lachlust reizt es , wenn dem Isengrim beim fischfang der schwänz
ins eis einfriert und ritter Birtin diesen halb abhaut:
ouch clagite sere Isingrin
den vil liebin zagil sin.
Mit grund wird daher in der fabel vom gefressnen herzen, welche
Liebrecht aus den gedichten des spanischen priesters de Hita nachweist
(lebt um 1350), ein geschwänzter esel statt des ungeschwänzten hir-
schen um seine hinterzier kürzer gemacht. Pfeiffers germania 4, 371.
Ganz andere gründe aber scheinen vorzuwalten, wenn ein kurzohriges
thier, wie der hirsch, ebenso am obre gezeichnet wird wie der esel.
Hier liegt alttypisches vor und behält auch sehr spät noch seine poeti-
sche dauerhaftigkeit. Die morgenländischen novellen über den schah
Behram und seine geliebte Diliram waren im 16. Jahrhundert aus dem
persischen übersetzt in italienischer bearbeitung zu Venedig erschienen:
Peregrinaggio de tre figliuoli del Ke di Serendippo. della Persiana nell'
Italiana lingua trasportato. Dieses werk fand zu Venedig der basler
Johann Wesel und übersetzte es, Basel 1583. Das grundmotiv ist der
auf einen, schuss durch den hinterlauf und das ohr geschossene hirsch.
Dieser so durch lauf und ohr doppelt getroffene hirsch erscheint auch
schon in Egenolfs Sprichwörtern (1582. Bl. 322), Gödeke, grundriss 1,
370, Wie muss man nun aber die naturtreue und die ausdauer dieser
alten Sinnbilder der fabeldichtung bewundern, wenn man ihnen ebenso
im volksepos wieder begegnet. Da ist jenen zwei baiernherzogen Dieto
und Adelger bereits durch kaiserliche Übergewalt locke und hart ver-
stümmelt und das gewand bis zum knie abgeschnitten; doch als sie die
D. THIERM^BCH. V. GEGESSN. HERZEN 197
fabel hören, wie der hirsch, nachdem er schon ohr und schwänz einge-
büsst hat, zum dritten auch noch ums herz gekommen ist, da fassen
sie ein herz und befreien sich und ihr volk von der fremden tyranuei.
Ein Verständnis dieser sinnbikler muss bei unserm volke lange ange-
dauert haben, da selbst noch der asketische sinn der mönchsweit an
ihnen herum getändelt hat. Deshalb folgert jene schon erwähnte stelle
in den deutschen Gesta Eomanor. also: Wenn gott der herr einen welt-
menschen warnen wolle , so schneide er ihm zuerst die obren ab , näm-
lich seine freunde und kinder; sodann aber das hinterteil, und dies sei
die ehefrau. Auch hier fällt das gleichnis, so widerwärtig es ist, nicht
aus der Wahrheit, denn zur beschimpfenden strafe pflegte man Übeln
frauen den zopf zu kürzen und die lange rockschleppe abzuschneiden.
Neben englischen und französischen statutarrechten hat Grimm (RA. 711)
dies Strafverfahren aus dem seligenstadter sendrecht nachgewiesen, wel-
ches über die frau, die ausserehelich geboren hat, verfügt: man sal ir
har binden an dem haubet und ir rock binden abesniden. Es war dies
nicht etwa ein vereinzelt gebliebenes Sonderrecht, nach kriegsbrauch des
altertums wurden auch kundschafter mit derselben strafe belegt. Als
David seine knechte zu den Ammonitern sendete , um sie nach dem tode
ihres königs zu trösten , sprachen letztere zu Hanon , ihrem herrn : darum
hat er seine knechte gesant, dass er die stadt erforsche und
erkunde. Darauf beschor Hanon den knechten Davids den hart halb
und schnitt ihnen die kleider halb ab bis zum gürtel , und Hess sie gehen.
2. Sam. 10, 3. 4. Braucht es nun noch eines ferneren beweises, dass
diese an kundschaftern vollzogene schimpfliche strafe des kleider - und
haarabschneidens mit der von der fabel behandelten haupt - und schwanz-
verstümmelung und mit dem märchen vom gegessnen herzen schon im
altertum zusammentraf und dass sie in eben dieser Vereinbarung zu wei-
teren fabeln zusammengefügt worden ist, so hat man hiefür folgende
fabel vom wildesei und dem fuchse, in tausend und einer nacht. Weil
3, 917:
Ich traf gestern einen todten wildesei , erzählt ein fuchs dem anctern,
und habe mich an dessen herz so satt gegessen , dass ich seit drei tagen
nicht hungre. lieber dies wort dachte der andre fuchs bei sich: Icli
muss doch auch einmal ein eselsherz essen, um satt zu werden. Allein
er erkrankte inzwischen und konnte vor schwäche sich nicht mehr schlep-
pen. Da sah er hart vor seiner höhle einen todten esel liegen, den die
Jäger durchs herz geschossen hatten. Sie hatten ihm den pfeil aus dem
herzen ziehen wollen, aber der scliaft bracli ab und die eiserne spitze
blieb drin stecken. Heisshungrig frass der fuchs das herz mit der pfeil-
spitze, diese blieb ilini im rächen und brachte ihn dem tode nahe. —
198 UOCimOiy, , II. 'llllURM.l'mCH. V. fiEOKSSN. UK.RZF.N
Moral Sil tz: Ein weiser köiiig- wird über seine feinde siegen, doch ein
o-owalltliiitiger sieh und seine unterthanen ins verderben stürzen, es wird
ilnn ergelien wie jenem könige, der allen reisenden vier fünfteil ihres
besitzes nahm, jenem wanderer aber, der gar nichts besass, auch noch
sein kleid vom leibe zog. Als dieser sich darüber l)eklagte, sprach der
köniof : Wer h e i s s t dich als f r e m d e r meine s t a d t betreten!
Du beklagst dich, dass wir dein kleid genommen, morgen
will ich dir auch das leben nehmen.
Das hier gewonnene resultat stellt sich von selbst heraus. Der
älteste zustand , in den das thiermärchen zurückweist , ist der barbarisch
geführte parteigängerkrieg, der im thierreiche über die frage der thron-
folge ausgebrochen ist. Brun, der nordische thierkönig, ist abgesetzt,
sein nachfolger Nobel liegt gefährlich erkrankt, die beiden parteihäup-
ter fuchs und wolf speculieren bereits auf die znkunft. So lange Nobel
noch am leben ist, müssen sie sich gegenseitig bei diesem zu ruinieren
suchen. Keinhart versucht es als der ratgewaltige, als des königs intri-
ganter leibarzt. Isegrim trotzt dem ränkeschmied , indem er seinen
unsichtbar machenden eisenhelm, seine lebenbeschützende tarnhaut trägt.
Eben diese haut lässt daher Reinhart dem könige zu heilsamen umschla-
gen verordnen , so unterliegt der wolf und wird lebend aus der haut
geschunden. Eachgier und al)erglauben führt zu weiteren greuelu. Der
erlegte feind wird gliedweise getödtet, das herz ihm ausgerissen und
versclilungen. Doch da die list zuletzt überall meister bleibt über die
blind dreinschlagende rohheit, so muss auch die intrigue schlauer ange-
legt und der sieg vernünftiger ausgebeutet werden. Nun nimt man
dem unterlegnen statt der schwarte nur die locke, statt haut und haar
nur das hemd, statt des leiblichen herzens nur die herzhaftigkeit , und
man muss sich dabei wol vorsehen , dass der so gedemütigte nicht unter
der band sich wieder in den sieger verkehrt. Bis zu diesem ziele füh-
ren die hier erzählten märchen. Sie haben sich aus rohen mordkämpfeu
veredelt zu geistigen wettkämpfen, und dies schon seit so undenklich
langer zeit, dass diese thiermärchen, wo wir sie betreffen mögen, im
Orient wie im Occident, bereits als kleine fertige kunstwerke feststehen
auf dem fussgestelle der novelle oder des apologs.
AAKAU. E. L. KOCHHOLZ.
199
ZUR CIIARACTERISTIK DER DEUTSCHEN MUNDARTEN
IN SCHLESIEN.
I.
Karl Weinholds gross angelegtes unternehmen einer historischen
grammatik aller deutsclien hauptdialecte ist neuerdiiigs durch das erschei-
nen des zweiten theiles, der bairischen grammatik, um einen bedeuten-
den schritt weiter gefördert Avorden. Es ist kein zweifei, dass für die
gesamte deutsche dialectkunde mit diesem werke eine neue epoche begon-
nen hat. Alles frühere, so weit es wissenschaftlich überhaupt noch
])rauchbar ist, geht nicht über die tendenzen monographischer behand-
lung hinaus. Hier aber ist zum ersten male versucht das ganze mate-
rial in zusammenhängenden fluss zu bringen. Vielleicht hätte sich die
fruehtbarkeit der ergebnisse, die mau diesem Standpunkt verdankt, noch
anschaulicher und bequemer herausstellen lassen, wenn der Verfasser,
anstatt sein material in eine reihe von Stammesgrammatiken mit localer
begränzung zu vertheilen, es lieber unter gemeinschaftliche grosse sach-
liche rubriken gebracht hätte. Unbedenklich durfte dabei die disposition
der grammatik Jacob Grimms zu gründe gelegt werden, denn wenn
diese auch in dieser oder jener art dem einen oder dem andern mangel-
haft erscheinen mag, so hat sie doch den vorzug, übersichtlich, und noch
mehr den, allgemein gekannt und practisch verwertet zu sein. Aller-
dings würden wu- bei Weinhold auf jene äusserlich so gut markierte abge-
schlossenheit der einzelnen theile verzichten müssen, auch mag es für
manche zwecke angemessener sein , wenn man das ganze sprachbild eines
dialectes zusammen findet und sich das herumsuchen unter den verschie-
denen rubriken, vocalismus, consonantismus etc. durcli ein weitläufiges
werk hindurch sparen kann.
Jedenfalls wird die dialectforschung sich von jetzt ab immer weni-
ger mit einer „blossen beschreibung der heutigen Verhältnisse" begnü-
gen dürfen. Auch sie wird „den kern ihrer arbeiten" in der veran-
schaulichung des „geschichtlich grammatischen stoftes" melir und mehr
zu finden haben. Und es ist dafür gesorgt, dass ihr das material nicht
so bald ausgehe, wenn sie nur erst besser versteht es herbeizuschaifen.
Denn gewiss ist es leichter und anmutiger, dem volke von heute seine
lebendige spräche von den lippeu abzulauschen , als aus den dürren blät-
tern der handschriften und Urkunden einzelne fetzen zusammenzutragen,
die so, wie man sie auCratt't, in den meisten fällen kaum brauclibar sind
und erst durch ein compliciertes und oft selir intricates restitutiousver-
fahren wider zugerichtet werden müssen.
200 II. RÜCKERT
Tniincrliin wird eine gewissenhafto und umsichtige beschreibung des
boutigcii spraclistaudcs willkommen sein, ohne auf eigentlich wissenschaft-
liche bedeutung anspruch machen zu dürfen. Nur muss eine solche in
jedem falle anders angelegt und durchgeführt sein, als z. b. noch neue-
stens die betreffenden capitel der so weitschichtig angelegten „Bava-
ria." Gerade hier hätte man von der nachwirkuug des sinnigsten und
gründlichsten forschergeistes , der sich je mit diesen dingen beschäftigt
hat, etwas ganz anderes erwarten sollen. Konnte den manen Schmellers
wirklich auf seinem eigenen heimatboden kein würdigeres denkmal errich-
tet werden? — Diese unabweisbare frage gibt zu allerlei gedanken
anlass. Wenn man diesen fall nicht blos in seiner Vereinzelung, son-
dern im Zusammenhang mit andern im wesen gleichartigen erscheinun-
gen auf andern gebieten der Wissenschaft erwägt , so muss man sich mit
einer gewissen resignation sagen, dass die macht des wissenschaftlichen
fortschrittes , ja selbst der lebendige einfluss einer ihn verkörpert dar-
stellenden persönlichkeit doch viel schwächer sind, als mau gewöhnlich
annimt, und dass auf dem felde der deutschen sprachkunde es schwerer
als auf jedem andern zu sein scheint, den selbstgefälligen dilettantismus
in seine schranken zurückzuweisen. Darum wird es geraten sein, sich
von der täuschung fernzuhalten, als würde die nächste zeit sich durch
eine besonders rege arbeit in wirklicli wissenschaftlichem sinne auf dem
gebiete der deutschen dialectkunde auszeichnen. Der anstoss dazu, den
Weinholds grosses werk gibt, wird nur langsam Avirken und von den
meisten, die überhaupt ein gewisses Interesse für den gegenständ haben,
noch auf lange hin kaum empfunden werden , wenn sie auch sein buch,
wie üblich, eitleren. Haben ja doch auch die herren Sebastian Mutzl,
Magnus Jochem und Dr. Haupt, deren federn sich an der Charakteristik
der mundarten der drei hauptstämme des bairischen reiches zu versuchen
für gut fanden , Schmeller oft genug citiert. Einstweilen wird man schon
das als ein unschätzbares practisches resultat begrüssen dürfen, dass die
historisch - genetische methode der Sprachforschung zum ersten male auf
das ganze gebiet übertragen worden ist, wo sie bisher nur auf unschein-
baren ausschnitten zur anwendung gekommen war. Dann aber, was
eben so viel wert ist, dass sich nunmehr eine deutliche Übersicht über
das , was bisher wirklich brauchbares geleistet war , gewinnen lässt. Denn
es versteht sich von selbst, dass der einzelne, der die gesamtheit aller
deutschen dialecte darzustellen unternimt, den beruf des selbständigen
forschers mit dem des blossen samlers verbinden muss. Niemand wird
ihm zumuten, dass er noch andere als die vorhandenen und bekannten
quellen benützt, so weit seine arbeit ausschliesslich auf der schriftlichen
Überlieferung beruht; und so weit er die lebendige spräche berücksichtigt.
DEUTSCHE MÜNDAKTEN IN SCHLESIEN 201
wird er auch nur in einem eng begränzten kreise im stände sein, sich
selbst sein material herbeizuschaffen, nämlich da, wo er lieimatberechtigt
ist. Dazu gehört aber mehr, als dass sich jemand zufällig einige jähre
in Baiern , Franken oder Thüringen aufgehalten' und der spräche des Vol-
kes wolwollend seine aufmerksamkeit zugewant hat: man muss, so
will es uns wenigstens scheinen, in dem betreffenden dialecte geboren
und erzogen sem, um ihn vollständig auch nur als samler und sichter
bewältigen zu können.
Es werden nunmehr auch sicherer als bisher sich innerlialb der
grösseren dialectcomplexe jene kleineren bezirke abscheiden lassen, die
ebenso wie jene eine in unabsehbare ferne zurückweichende geschichtliche
begründung haben und sie auch durch die Wissenschaft nachgewiesen
erhalten müssen. Denn mit sechs grösseren stammesdialectgruppeu ist
es allein noch nicht gethan, wenn diese selbst nicht wider in organische
einzelgiiederungen aufgelöst werden können. Welche entschiedene Indi-
vidualitäten z. b. innerhalb des gemeinsamen alemannischen typus und
zwar von unvordenklichen Zeiten her ! Wollte man alles , was der hoch-
alemannischen, der oberschwäbischen, der elsasser und der niederschwä-
bischen mundart an charakteristischen eigenheiten zukomt, auf einen
häufen zusammenbringen und daraus das bild des alemannischen dialec-
tes gestalten, so würde ein formloses ungeheuer heraus kommen, dem
jede sprachliche lebensfähigkeit abgesprochen werden müste; um den all-
gemeinen typus des ganzen zu construieren, wodurch wider alle diese
gliederungen vor dem auseinanderfallen in empirische einzelheiten geschützt
werden, muss das einzelne in seiner localen und zeitlichen begränzung
sorgfältig beachtet werden, aber immer so, dass es seine begründung
durch das ganze erhält. Und so stuft sich das leben des dialects in
immer kleineren kreisen bis zu beinahe mikroskopischen gebilden ab, die
von der Sprachforschung freilich nicht alle auf einmal und mit gleicher
Intensität l)eachtet werden können. Aber es soll auf sie in dem allge-
meinen Schema, das sie aufstellt und nach welchem sie operiert, rück-
sicht genommen werden. Das fachwerk muss so gefügig und reichhaltig
eingerichtet sein, dass auch die kleinste individualität am passenden orte
Unterkunft und Verwertung finden kann.
Stebt aber einmal für das ganze die methode der historisch - gene-
tischen forschung fest, so lässt sie sich ohne weiteres auch auf alles ein-
zelne, sei es noch so klein, übertragen. Nur möge liier auf einen Avich-
tigen, aber wie uns sclieint noch wenig beachteten punkt liingewiesen
werden. Je mehr die deutsche dialectforschung sich zur erkenntnis der
geschichtlichen entwickelung unserer dialecte erweitert und vertieft , wozu
sie jetzt so erfreulich hinstrebt, desto mehr wird sich herausstellen, dass
202
II. mCKEKT
der bercicli der inonioiitc, welclie auf die fort- und uiubikUmg aller liiei-
licr gehörig-eu ersclicinungou gewirkt haben über das blos sprachliehe
leid im engeren sinne hinaus greift. Auch eine wahre Sprachgeschichte
oder geschichte einer spräche , oder einer sprachlichen erscheinung kann
sich nicht blos mit der betrachtung der einflüsse zufrieden geben , welche
aus dem naturleben der spräche aljzuleiten sind. Sie wird, versteht sich
vorsichtig und nacli genau geprüfter und festgestellter methode , auch in
die culturgeschichte zu greifen haben und aus ihr einen grossen tlieil
ihrer erklärungen holen. Sie wird dies um so mehr thun müssen, je
mehr sie in jene engsten kreise des sprachlebens hinabsteigt. f]s wird
sich zeigen, dass die grossen typen unserer dialecte sich in der haupt-
sache nach den ihnen immanenten eigentlich sprachlichen gesetzen ent-
wickelt haben, aber selbst diese doch nur in der hauptsache. Auch sie
sind nämlich wenigstens von einem, in diesem sinne ausserhalb ihrem
eigentlichen bereiche liegenden momente, von der Schriftsprache wesent-
lich beeinflusst. Aber je genauer man das individuelle innerhalb des
typus untersucht, desto prägnanter werden die spuren der anderweitigen
bestimmenden kräfte. So wunderlich es z. b. auf den ersten blick erschei-
nen mag, den eiufluss der confession in sprachlichen dingen als einen
hauptfactor in rechnung zu ziehen, so wohlbegründet erweist es sich
doch, wie jeder aus eigener beobachtung sich überzeugen kann, sobald
wir es mit den kleineren und kleinsten producten eines dialects zu thun
haben.
Hat ja doch sogar das zufälligste und fernst abgelegene, was nur
überhaupt gedacht werden kann, die politische oder staatliche grenz-
linie, ähnliche einflüsse auf die localdialecte nicht blos, sondern auch
auf jene mittleren giuppen geübt und übt sie noch fortwährend. Auf
tausend canälen strömten von einer hauptstadt, neben und mit anderen
anregenden, umgestaltenden oder zersetzenden oinflüssen, auch neue sprach-
liche demente und keime nach allen selten. Sie behalten ihre lebeus-
kraft auch da, wo sie auf einem grundverschiedenen boden abgesetzt
werden; und wenn sie es auch niemals, soweit wenigstens die bisherige
erfahrung reicht, dahin bringen, wohin es die exotischen pflanzenkeime
unter der begünstigung unbekannter aber unwiderstehlicher Verhältnisse
so oft bringen, dass sie die einheimische Vegetation überwuchern oder
verdrängen, so gelingt es ihnen doch oft, nicht bloss ein parasitisches
dasein neben den organischen gebilden des bodens zu führen, sondern
diese dauernd und gründlich umzugestalten. Ihre nachwirkungen kön-
nen noch lange und in gewissem sinne für immer, wenn sie einmal in
fleisch und blut des dialectes verwandelt sind , fortdauern , nachdem
jenes anlass gebende Verhältnis aufgehört hat. Unter einer menge von
DEUTSCHE MUNDARTEN IN SCHLESIEN 203
beispielen, die hicfüi- zu geböte stehen, möge nur auf die einflüsse der
städtischen nürnberger mundart hingewiesen werden. Seit länger als
sechszig jähren ist die alte reichsstadt und das von ihr beherschte land-
gebiet von der politischen karte verschwunden, ebenso lange hat das
letztere zeit gehabt sich von den sprachlichen einflüssen seiner natür-
lichen Umgebung wider ungehindert durch irgend eine grenzscheide
durchdringen zu lassen. Und dennoch ist es noch heute verhältnis-
mässig leicht in jedem auch noch so abgelegenen winkel des alten reichs-
städtischen gebietes den typus des nürnberger stadtdialects wider zu
erkennen, trotzdem dass auch dieser inzwischen sehr bedeutende modifi-
cationen erfahren hat. Denn es reicht schon hin, dass sich eine bevöl-
kerung, wie es hier geschehen ist, innerhalb eines halben Jahrhunderts
mehr als verdoppelt und zwar meist durch auswärtigen nachschub, um
zu begreifen, dass auch der ortsdialect ein wesentlich neuer geworden
sein muss. Selbstverständlich modificiert sich der einfluss dieses ehemals
liauptstädtischen dementes hier wie anderwärts nach der basis, auf die
er wirkt und es ergeben sich auf diese art innerhalb einer gewissen
gemeinsamkeit doch wider die mannigfachsten Variationen: die mundart
ist, bei aller ihrer nürnberger färbung, doch eine ganz andere, je nach-
dem sie den eigentlich fränkischen theilen des ehemaligen Stadtgebietes ange-
hört, oder je nachdem sie zu jener merkwürdigen Übergangsstufe aus dem
fränkischen in den bairischen dialect gerechnet werden muss , die man am
besten als die mundart des Nordgaues bezeichnet. Ohne zweifei ist es nicht
leicht, gerade diese seite der sprachgeschichtlichen aufgäbe genügend zu
behandeln , doch dürfte sie durch die fruchtbarkeit ihrer resultate und schon
durch den lebensvollen reiz, den jedes culturgeschichtliche problem vor
allen andern voraus hat, reichlich lohnen. Einstweilen würde es sich
empfehlen, wenn man als Vorbereitung für die entlegeneren und dunkle-
ren gebiete der Vergangenheit , das äuge für das , was sich in der gegen-
wart in dieser weise so zu sagen handgreiflich vollzieht , schärfen wollte.
Ein beobachter, dessen exacte und nüchterne haltung selbstverständlich
vorausgesetzt wird, kann innerhalb eines menschenalters hier zu den
interessantesten resultaten gelangen, aus denen sich wenigstens die
methode und die gesetze für die ältere periode ableiten lassen , denn diese
bleiben auch hier immer dieselben und nur das material ist einem ewi-
gen Wechsel und einer scheinbaren tausendgestaltigkeit unterworfen.
Man sieht, es wird der deutschen dialectkunde hiemit viel zuge-
mutet, und darunter manches, wofür die allgemeini; deutsche Sprach-
wissenschaft selbst nocli sehr wenig oder bcinalie nichts auf ihrem eige-
nen gebiete geleistet hat. Denn zu einer wirklichen Sprachgeschichte,
deren methode und ziel so leiclit zu bestimmen sind, ist docli so gut
204 H. RÜCKEET
wie nichts vorgearbeitet. Aber es ist in jedem falle gerathen grosses
/u fordern, wenn man auch nur bescheidenes erhalten will und ausser-
dem möchte es gelegentlich von directem practischem erfolge sein , wenn
strebsame kräfte, die sich durch einen gewissen allgemeinen Instinkt zu
diesem gebiete hingezogen fühlen, sofort die ganze grosse und tiefe, den
vollen geistigen gehalt des feldes zu übersehen gelegenheit finden. Es
kann dies, wie uns dünkt, nur erhebend imd anspornend wirken, denn
soviel weiss jedermann heut zu tage, avo das gesetz der arbeitsteilung
von allen dächern gepredigt und in allen gestaltungen des materiellen
und geistigen Schaffens verwirklicht ist , dass einer allein nicht alles thun
und für alles aufkommen soll. Es ist zugleich das kräftigste hemmnis,
respective abschreckungsmittel, für dilettantisches gebahren, dem der natur
der Sache nach nicht leicht ein anderes gebiet der Wissenschaft so stark
ausgesetzt ist, wie dieses. Seitdem die deutsche philologie „schwer"
geworden, sind die dilettanten und pfuscher verschwunden oder treiben
in unschädlicher abgeschiedenheit ihr metier. Gerade so wird es auch
hier werden, wenn sich nur erst die Überzeugung verbreitet hat, dass
sich auch hier ohne schweiss nicht ernten lässt.
Es schien uns nötig, mit diesen Vorbetrachtungen dem gegen-
stände, welchem diese blätter gewidmet sind, seine rechte stelle und
seine beziehuug zu dem grossen ganzen, aus dem er nur einen sehr Idei-
nen ausschnitt darzustellen hat, anzuweisen. Denn das unfertige und
sporadische des ganzen wird niemand besser würdigen, als wer selbst an
einem theile sich abmüht, der erst dann, wenn das ganze wenigstens in
einigermasseu fertiger gestalt vorhanden ist, auch etwas in sich fertiges
werden kann. Und wenn auch keine eutschuldigung für die mängel der
forschung und Verarbeitung daraus hergeholt werden soll, so begreift
es sich doch, dass auch diese auf einem fast ungebahnten wege ganz
andere Schwierigkeiten zu überwinden haben, als da, avo eine fortge-
setzte und zusammenhängende thätigkeit direct nach einem ziele hin jeden
einzelnen gleichsam von selbst in den rechten schick bringt. Bei alle-
dem schien es doch erlaubt und ratsam, den geringfügigen beitrag, der
hier zum weitern ausbau der deutschen dialectkunde gegeben werden
kann, nicht zurückzuhalten. Sein gegenständ ist an sich jedenfalls geeig-
net, ein gcAvisses allgemeines Interesse zu beanspruchen und die art sei-
ner behandlung könnte, Avenn sie nur einigermasseu die ihr zu gründe
liegenden gesichtspunkte durchzuführen und zu beleben versteht, nach
manchen selten anregend Avirkeu. Es Avärc schon ein zufriedenstellendes
ergebnis, Avenn entweder innerhalb desselben kreises, oder ausserhalb
desselben der hier unternommene versuch mit besseren kräften durchge-
führt Aviirde. An material dazu fehlt es nirgends, ja es ist Avahrschein-
DEUTSCHE MUNDARTEN IN SCHLESIEN 205
lieh anderwärts reicliliclier und ergiebiger 7A\ finden, als in dem bezirk,
auf den diese arbeit durch zufall und al)sicht verwiesen war.
Denn es handelt sich hier um die Charakteristik einer jener mittle-
ren gruppen, deren oben erwähnung geschehen ist, und zwar ist es eine
solche , die durch ihre territoriale ausdehnung ebenso sehr wie durch ihr
specifisches wesen unmittelbar auf die eigentlichen grossen hauptabtei-
lungen der deutschen dialecte zu folgen berechtigt ist. Niemand wird in
dem wissenschaftlichen sinne, in dem das wort „stamm" von der lin-
guistik angewant zu werden pflegt, von einem schlesischen stammes-
dialect zu sprechen sich veranlasst finden. Selbst jene kindische Spiele-
rei mit diesem terminus , die vor etwa zwanzig jähren noch alberner und
ungenierter als gegenwärtig getrieben wurde , hat wohl einen stamm und
stammeseigentüralichkeiten bei den Reuss - Greizern und Hessen - Hombur-
gern , aber nichts derartiges bei unseren deutschen Schlesiern zu entdecken
vermocht. Das volk wie seine spräche haben sich, und zu ihrem heile,
von jeher damit begnügt, als ein glied in ein grösseres ganze eingeord-
net oder untergeordnet zu sein.
Demgemäss fehlt denn auch der name des schlesischen dialectes in
dem Schematismus, den Weinhold für seine darstellung der deutschen
hauptdialecte aufgestellt hat. So weit er überhaupt dort berücksichtigt
werden kann , wird es ohne zweifei in Verbindung mit dem thüringischen
dialecte geschehen , zu dem er , wie allgemein angenommen wird , in dem
nächsten verwantschaftsverhältnis steht, oder schwächer ausgedrückt,
in näherem als zu irgend einem der anderen hauptdialecte. Es Hesse
sich freilich noch über die berechtigung des thüringischen dialects zu
einem solchen primat innerhalb einer weitausgedehnten Sphäre streiten.
Denn selbstverständlich müssen die gruppen der osterländischen, der
meissnischen und lausitzer mundarten in dasselbe Verhältnis der Unter-
ordnung zu ihm gebracht werden, wie die deutsche Volkssprache in Schle-
sien. Dieselben berühren sich in den entscheidenden punkten noch näher
mit jenem und sind insofern noch mit besserem rechte als blosse zweig-
mundarten jener stammundart aufzufassen. Zugegeben , dass wenig darauf
ankörnt, wie ein solcher Schematismus angelegt ist, wenn er sich nur
als geeignet erweist, die resultate der wissenschaftlichen arl)eit Idar und
übersichtlich in sich aufzunehmen , so ist es doch gerade auf unserm
felde wünschenswerth , dass er nicht dazu führt, verjährte Irrtümer und
Unklarheiten zu stützen und einer richtigeren und sachgemässeren auffas-
sung der grundvorhältnisse den weg zu verlegen. Darum möchte es nicht
überflüssig sein zu bemerken, dass für eine solclie Überordnung des thü-
ringischen dialectes eigentlich nur ein einziger und zwar blos ein doctri-
neller grund vorgebracht werden kann. Nämlich der, dass es der ein-
206 H. RÜCKKRT
zige in dieser ganzen gruppe ist, dev sich auf ursprüu glich deutschem
boden gebildet und entwickelt hat. Die andern sind ohne ausnähme
durch colonisation entstanden, jedenfalls ohne nennenswerte ausnähme —
denn die alte Streitfrage, ob sich reste der deutschen bevölkerung inmit-
ten der slavischen Überflutung erhalten, ist noch keineswegs so voll-
ständig zum nach teil dieser lieblingsh3^pothese der schlesischen patrioten
des vorigen und vorvorigen Jahrhunderts entschieden, wie man nach
den apodictischen äusserungen Stenzels jetzt allgemein anzunehmen
geneigt ist.
Vorausgesetzt, dass es mit der stammestümlichen , autochthoni-
schen ursprünglichkeit des thüringischen dialectes seine richtigkeit hätte,
so wäre doch noch immer erst zu beweisen , dass die andern mitteldeut-
schen mundarten direct aus ihm hervorgegangen seien. Aber die erste
Voraussetzung trifft schon nicht einmal völlig zu, denn im wesentlichen
liegen die ethnographischen Verhältnisse auf dem boden Thüringens nicht
viel anders, wie in dem notorischen colonisationsgebiete östlich von der
Saale. Eechnet man das politisch und kirchlich früher bestimt abge-
trennte Osterland nach jetziger gewohnheit zu Thüringen, so erhält dies
für nahezu die hälfte seines urafanges, also auch des gebietes, aus wel-
chem die Zeugnisse für den dialect entnommen werden müssen, ehie
ursprünglich undeutsche grundlage. Denn das Osterland ist wenig-
stens in einzelnen strichen viel entschiedener und dauernder mit slavi-
schen dementen durchsetzt , als der gröste theil der später , aber rascher
imd gründlicher germanisierten landschaften östlich von der Pleisse und
Zwickauer Mulde bis an und über die heutige polnische landesgrenze.
Kecbnet man aber nach streng geschichtlicher tradition das Osterland
ab, so bleibt dem dialect eines deutschen hauptstammes ein sehr schma-
les gebiet übrig, das seltsam mit den weit gedehnten flächen der andern
contrastiert. Man vergleiche die schölle landes zwischen Werra und Saale,
dem Thüringer wald und höchstens dem abfall des Harzes mit den gren-
zenlosen räumen , welche dem sächsischen dialecte zufallen oder die dem
bairischen und dem alemannischen angehören. Das gebiet des fränki-
schen berühren wir al)sichtlich nicht, weil es uns nicht ganz klar ist,
was der Verfasser der grammatik der deutschen mundarten darunter ver-
steht. Sollte er, wie es uns allein richtig scheint, den begriff fränkisch
in der geschichtlich und ethnographisch l)egründeten weitesten ausdeli-
nung fassen, so würde sich das räumliche Verhältnis des thüringischen
zu dem fränkischen etwa so, wie das einer abgetrennten kleinen insel
zu einem ganzen coutinente gestalten. Ueberdies würde aber auch nicht
einmal iimerhalb jener engsten gränzen die thüringische mundart auf
unvermischt deutscher OTundlag-e rulicn. Die Saale ist zwar immer als
DEUTSCHE Ml'NDARTEX IN SCHLESIEN 207
politische grenze gegen das slavische element behauptet worden, aber
nicht als ethnographische. Bis an die äusserste westgrenze des thürin-
gischen Stammes und durch sein ganzes mittleres kernland hindurcli
reicht, wie sich neuerdings immer deutlicher herausstellt, eine zwar
nicht festgeschlossene, doch in ihren gliedern sich nahe berührende kette
von slavischen ansiedelungen. So lange man sie für ergebnisse einer
späteren zeit hielt, so lange man in ihnen methodische colonisationen
einzelner grossen grundbesitzer der karoliugischen zeit sehen wollte , wie
solche aller orten in Deutschland bis hinauf nach dem alpenlande Ale-
manniens versucht wurden, mochte man daneben die deutsche art
der eigentlichen landesbevölkerung ungefährdet denken. Es zeigt sicli
aber bei genauerer prüfung, dass es viel ältere und selbständige colo-
nien sind, die im unmittelbaren zusammenhange mit der gesamten sla-
vischen masse hinter ihnen entstanden und wie ihre äussersten Vorposten
gelten müssen. Solche blutmischung innerhalb einer deutschen Volks-
gruppe würde aber auch in der that noch nicht die möglichkeit ausschlie-
sen. dass sich in ihr ein wahrer, ächter sprachtypus gestalten konnte,
dem Avir in linguistischer hinsieht genau dieselbe innere berechtio-uno-
wie denen zugestehen , die sich innerhalb ungemischter Volksgruppen ent-
wickelt haben, üeberdies gilt ja das, was von dem thüringischen bevöl-
kerungselement ausgesprochen wurde, im wesentlichen auch für die mei-
sten andern sogenannten kerndeutschen stamme, nur dass in Thüringen
die mischuugs Verhältnisse nach zeit, ort und zahlengrösse sich genauer
bestimmen lassen als anderwärts, Wüsten wir von der innern geschichte
der Alemannen, von ihrer ausiedelung in dem zehentlande, in Helvetien
und in der Germania prima etwas mehr als ein paar kriegsgeschichtliche
notizen, so würden wir, ganz ähnlich wie in Thüringen, die langdauern-
den einflüsse einer trotz aller stürme zahlreichen fremdartigen bevölke-
rung und ihrer spräche auf das deutsche element nicht blos in einigen
allgemeinen endergebnissen feststellen können. Dasselbe gilt vielleicht
nur noch in ausgedehnterem masse für den l)airischen stamm. Aber
weder hier noch dort wird man aus diesen ethnographischen und kul-
turgeschichtlichen Prämissen sich zu dem Schlüsse berechtigt halten, dass
ihr sprachlicher Organismus dadurch in seiner natürlichen reiuheit und
gesundheit beeinträchtigt worden sei. Was man aber hier gelten lässt,
das wird man unter gleichen Voraussetzungen auch anderwärts nicht in
abrede stellen dürfen. Es wird sich gelegenheit finden von diesem für
unsere zwecke wichtigen satze noch weitern gebrauch zu machen, einst-
weilen wollen wir ihn nur in erinnerung gebracht haben.
Denn wollte man sich auf die blutreinheit eines stammes aus-
schliesslich steifen und davon aucli die reine Organisation seiner sprach-
208 H. RÜCKERT
bildciuleii tliätigkeit abhängig machen, so käme man zuletzt zu den
abenteuerliclien faseleien des danisierten Engländers Stephens. Er ver-
fährt von seinem Standpunkte aus nur consequent, wenn er in der
gesamten hochdeutschen Sprachbildung eine hässliche und , wie er es fasst,
bösartige abirrung von dem eigentlich germanischen typus erblickt , weil
sich die hochdeutschen Völker ihr deutsches blut nicht rein zu bewahren
verstanden haben. Ihre blutmischung mit Kelten und Romauen hat ihre
physische und geistige anläge vergiftet und in folge dessen auch ihre
spräche. Auch hier ist es unmöglich gewesen , dass etwas neues unter
der sonne geschehe oder ausgetüftelt werde, denn es ist ja noch nicht
so lange her , dass man , freilich ohne alle polemischen und tendenziösen
nebenabsichten , die gesamte hochdeutsche lautverschiebung ganz einfach
durch eine Übertragung der keltischen gesetze über den consonantenwech-
sel im anlaut vollständig erklärt zu haben behauptete. Wir verweisen
auf die in Deutschland wenig bekannte abhandlung des deutschen dr.
Ch. Meyer in den Three linguistic dissertations read at the meeting of
the British association in Oxford (1847) by Chev. Bunsen, dr. Ch. Meyer
and dr. Max Müller, London 1848, wo man p. 313 die nähere ausfüh-
rung dieser seltsamen hypothese finden kann, die, wie zu ihrer wenig-
stens theilweisen rechtfertigung bemerkt werden mag, einigermassen als
erklärende parallele für das bekannte Notkersche gesetz des wechseis
zwischen organischer media und ihrer Verhärtung in die entsprechende
teuuis durch den einfluss harter auslaute dienen darf, aber zu nichts
weiterem.
Trotzdem also, dass wir das „ kerndeutschtum " des Thüringer
dialectes in diesem sinne unbedenklich in den kauf geben , würde ihm wie
seinen brüdern eine viel höhere berechtigung , die für die Sprachwissen-
schaft allein entscheidet, noch immer bleiben. Er könnte auch ohne
frage selbst wieder durch unmittelbare filiation eine reihe subordinierter
muudarten gezeugt haben, unter denen er für die Sprachforschung eine
centrale Stellung einnähme. Aber diese Voraussetzung trifft wenigstens
auf dem specialgebiet der schlesischen deutschen spräche keineswegs zu.
Sie widerspricht den thatsachen, aus denen die äussere geschichte der
germanisierung des landes und die gründung der deutschen spräche
daselbst construiert werden muss, sie widerspricht aber noch mehr dem
innerlicheren und lebendigeren Zeugnisse, das der schlesische dialect
selbst von seinem ersten auftreten bis zum heutigen tage von sich
ablegt.
Es ist hier nicht der ort die germanisierungsgeschichte Schlesiens
des breiteren darzustellen. Wenige andeutungen mögen genügen um
die hauptzüge des Sachverhalts festzustellen. Obgleich damit nichts
DEUTSCHE MUNDARTEN IN SCHLESIEN 209
eigentlich neues gesagt werden soll, so dürfen sie doch wol hier platz
finden, weil die erfahrung lehrt, dass gerade hierin veraltete irrtümer
und unklares halbwissen auch bei vielen, die sich für sachverständig hal-
ten, weit verbreitet sind. Die deutsche bevölkerung Schlesiens, worun-
ter selbstverständlich hier nicht die gesamte deutsch sprechende, son-
dern die dem blute und der abstammung nach deutsche gemeint ist,
stellt ursprünglich das bunteste gemisch aus sehr vielen deutscheu stam-
men dar, das nur gedacht werden kann. Niederdeutsche und hochdeut-
sche demente gehen in ihr durcheinander, wie überall auf dem grossen
colonisationsgebiet östlich von der Elbe seit dem 12, Jahrhundert. Das
numerische verhältniss der beiden lässt sich nicht einmal annähernd fest-
stellen, und wenn einige thatsachen darauf hinzuweisen scheinen, dass
die niederdeutschen colonisten wenigstens während der periode der eigent-
lichen besiedelung und Verdeutschung des landes das übergewicht hatten,
so sprechen wider andere für das gegenteil. So ist es gewiss beach-
tenswert, dass das sächsische recht überwiegend von anfang an geltun o-
gefunden hat, und noch mehr, dass es das fränkische an mehr als
einem orte später verdrängte. Wenn man aber erwägt, dass sich dieses
selbige sächsische recht auch anderwärts in landschaften verbreitete und
ausschliesslich herschend wurde, deren hochdeutscher Stammescharakter
unzweifelhaft ist , wie es in ganz Thüringen geschah , ja sogar noch über
die natürliche Scheidewand des Südens und nordens, über den Thürino-er
wald hinaus, beinahe bis zur damals noch nicht erfundenen Mainlinie , so
verliert dies moment alle beweiskraft für die herkunft und abstammung
einer bevölkerung. Oder sollten etwa auch in Neisse und anderwärts,
wo früher fränkisches recht galt, die leute aus Franken zu Sachsen
geworden, oder von den Sachsen aus ihren fränkischen häusern hinaus-
geworfen worden sein? Wer die culturgeschichtliche bedeutung der
damaligen hauptstadt des ganzen norddeutschen binnenlandes , der stadt
Magdeburg, nach ihrer ganzen tragweite kennt , weiss sich den seltsamen
Vorgang anders zu erklären. Magdeburg war nicht blos das centrale
handeis- und industrieemporium für Schlesien, sondern auch die mutter-
stätte der rechtsbiklung und rechtsbelehrung. So wenig wie die Intimi-
tät des materiellen Verkehrs eine Identität des blutes voraussetzt, ebenso
wenig wird die Identität des rechts dafür etwas beweisen dürfen. Die
Magdeburger Schöffen wüsten auch recht gut, dass ihr heimisches nieder-
deutsch in Schlesien nicht verstanden wurde oder wenigstens nicht geläu-
fig war. Alle ilire, oft so umfänglichen rechtsbelelirungen der verschie-
densten form, die nach Schlesien giengen, sind in dem gewöhnlichen mit-
teldeutsch abgefasst, d. h. in einem hochdeutsch, wie man es damals
ausserhalb der grenzen des eigentlichen Oberdeutschlands in dem weiten
ZEJTSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. " 14
210 "• RÜCKERT
gebiet von der Mosel al) durcli Hessen, Thüringen und die Marken des
reiclis als aequivalent der melir oberdeutscli gefärbten eigentlichen Schrift-
sprache, die wir mittelhochdeutsch zu nennen pflegen, in gebrauch hatte.
Zu hause, und für solche gegenden und orte, in denen, wie mau in Mag-
deburg damals freilich besser wissen konnte, als wir heutzutage, säch-
sische oder überhaupt niederdeutsche ansiedier wohnten, kam naturge-
mäss das heimische niederdeutsch in einer gelind verallgemeinernden
erhebung über den magdeburger localdialect zm* Verwendung.
Mit recht hat mau die thätigkeit der kirchlichen Stiftungen des
landes fiir seine germanisierung immer hoch angeschlagen, aber auch
daraus lässt sich nichts entscheidendes für diesen unseru nächsten zweck
entnehmen. Allenfalls könnte man in dieser Sphäre eher eine gewisse
präponderanz von dementen zu finden vermeinen, die wenigstens nicht
niederdeutsch gefärbt waren. Die thüringischen Cisterzienser in Leubus
und die wallonischen Augustiner auf dem Sande in Breslau und bald
noch in vielen andern klöstern sprechen nicht dafür, dass der übrige
klerus, soweit er aus dem westeu mit einwanderte, aus Sachsen gekom-
men ist. Aber man darf auch nicht zu viel gewicht auf diese geistlichen
einflüsse da legen, wo es sich nur um die bestimmung der nationahtät
unter den einwanderern handelt. Im vergleich mit dem wahrhaft über-
schwängliclien ströme der weltlichen colonisten war die zahl dieser geist-
lichen leute samt allen ihren angehörigen eine sehr geringe, und es liegt
kein urkundlicher beweis für die hypothese vor, dass sie die von ihnen
neu angesetzten dörfer und höfe mit leuten aus ihrer heimat zu bevöl-
kern bemüht gewesen wären. Man sieht aus allen Zeugnissen, dass sie
nahmen, wen sie fanden und wer zu passen schien.
Erwähnt muss noch werden, dass der niederdeutsche theil der schle-
sischen ansiedier selbst wider sowol sächsischen, wie rhein- und west-
fränkischeu geblütes war, ja selbst die Friesen sind nicht ganz ausge-
schlossen von dem ehrentitel der gründer und Stifter des deutschen Vol-
kes in Schlesien. Aller Wahrscheinlichkeit nach überwog unter diesen
auch sprachlich so scharf individualisierten niederdeutschen bestandteilen
die fränkische masse , wie nicht blos einzelne urkundliche notizen , sondern
auch das verhältnismässig häufige vorkommen von Ortsnamen mit entschie-
den flaemischem, niederrheinischem oder holländischem gepi'äge darthun.
Es würde nicht möglich sein, in dieser Sphäre etwas entsprechendes zu gun-
sten der sächsischen einwanderung anzuführen. Und wenn, wie fast als
gewiss zu betrachten ist, die zahlreichen urkundlichen erwähnungen der
teutonici, der mansi teutonici und des jus teutonicum auf jene Westfran-
keu bezogen werden müssen , so sinkt die wagschale noch viel tiefer zu
gunsten der niclit aus Sachsen stammenden Niederdeutschen.
DEUTSCHE MUNDARTEN IN SCHLESIEN 211
Wie dem auch sein mag, so bleibt doch immer für das niederdeut-
sche bevölkerungselement unter den ureinwanderern räum genug. Säch-
sisch oder niederrheinisch, es ist immer nicht thüringisch, wenn man
nicht etwa die vielberufenen Toringi oder Thuringi von den münduugen
der Scheide auch hier ihre escamotage treiben lassen will.
Das oberdeutsche residuum al)er mag der zahl nach so gross oder
so gering gewesen sein, als man anzunehmen beliebt, denn die wenigen
notizen der ältesten schlesischen geschichte lassen hiefür allen möglichen
hypothesen räum — auf keinen fall stammte es ganz oder nur vorwie-
gend aus Thüringen. Ausser jenen schon berührten zusammenhängen
zwischen gewissen geistlichen Stiftungen Thüringens und Schlesiens ist
hier wenig zu finden, was thüringische reminiscenzen erweckt. Einige
Ortsnamen, wie der öfters vorhandene Naumburg, möchten auf den ersten
blick an das jetzt bekannteste Naumburg in Thüringen oder vielmehr
im Osterlande gemahnen. Aber eine stadt zer Nuwenburg zu nennen,
lag überall so nahe , wie zer Nuwenstat , und es bleibt für die beziehung
auf Thürigen in diesem falle nichts übrig, als der immerhin beachteus-
werthe lautvorgang, der hier wie dort aus dem iu des mhd. oder ü des
mitteldeutschen ein nhd. au gestaltet hat. Das ist aber, wie die gram-
matik des dialectes ergibt, nicht etwa ein singulärer fall. Dgr schle-
sische dialect liebt , und zwar schon in seinen spät mittelalterlichen denk-
lern, jene diphthongische erweiterung des ü für iu mehr als irgend ein
anderer mitteldeutscher, der thüringische nicht ausgenommen.
Gewiss ist es, dass viele andere hochdeutsche landschaften noch
weniger ein urkundlich beglaubigtes recht beanspruchen können , ihr con-
tingent zu der grossen colonisation an der Oder gestellt zu haben. Denn
dass gelegentlich in orts- und personennamen die schwäbische stammes-
angehörigkeit, in letztern auch die bairische angedeutet wird — in Orts-
namen geschieht es, soviel uns bekannt, niemals — will nicht viel besa-
gen. War ja doch damals zum mindesten der theil des deutschen Vol-
kes, Avelcher ein städtisches leben führte und städtische gewerbe trieb,
ebenso wanderlustig, ebenso wenig in seine ringmauern gebannt, wie
dies etwa in unsern tagen der fall ist. So wenig wie heute ein gel)ore-
ner Schwabe oder Baier, der an der Oder sesshaft geworden ist, ein
seltenes phänomen genannt werden darf, so wenig auch im 13.. und 14.
Jahrhundert. Aber solche einzelne Zugvögel bilden noch keinen schwärm:
sie haben sich damals wie jetzt erst unter eine nur entfernt verwante
masse verloren, ohne in ihr andere spuren als die des namens zu liiu-
terlassen.
Dagegen weisen mancherlei anzeichen darauf liiii, dass aus den
nord- oder ostfränkischen gegenden eine massenhafte und langdauernde
14*
212 H. RÜCKERT
einwanderung stattgefunden hat. Die vorsieht, die auf solchem unsichern
gebiet doppelt geboten ist, erheischt es nur diese ausdrücke zu gebrau-
chen. Im Zusammenhang mit andern momenten könnte man leicht geneigt
sein , sie nocli zu erweitern und geradezu zu behaupten , dass der gröste
tlieil der deutschen bevölkerung Schlesiens im mittelalter aus den bezeich-
neten gegenden stammt. Dafür spricht nicht blos die volkstümliche tra-
ditiou, wenn sie auch allein fiir sich in den äugen der strengen for-
schung nicht viel bedeuten will, sondern vielerlei kultur- und sittenge-
schichtliche parallelen, die am ungezwungensten durch eine leibliche
Übertragung erklärt werden.
Besonders auf dem platten lande tritt der Zusammenhang zwischen
dem fränkischen und dem schlesischen Volksleben jedem, der für solche
dinge sein äuge geschärft hat, unzweideutig entgegen. Die anläge der
dörfer ist, soweit sie sich noch als altertümlich erkennen lässt, hier
wie dort dieselbe, desgleichen die des gehöftes und seiner einzelnen
theile samt ihrer inneren eiurichtung, die flureintheilung und das System
der bewirtschaftung. Auch soweit die heutigen sitten und gebrauche,
aberglaube und sage noch einen altertümlichen Untergrund haben, der
freilich hier noch mehr wie in andern landschaften des Innern und nörd-
lichen Deutschlands von einer gewaltigen masse moderneu Schuttes über-
lagert und versteckt ist, wird man unwillkürlich immer zuerst an ent-
sprechende bildungen auf jenem gebiete erinnert. Dass sich auf ihm
manches frischer und deutlicher erhalten hat als hier im osten, beweist
noch nichts gegen die alte Zusammengehörigkeit. Und wenn in den
Städten dieses fränkische element sich weniger hervorthut , so erklärt sich
das von selbst aus den grossen practischen bedürfnissen , die ihre anläge
und innere gestaltung nach allen Seiten hin bestimten. Sie sind hier
wie anderwärts in dem östlichen colonisationsgebiete unseres mittelalters
nach einer und derselben Schablone entworfen. Das vorbild dazu konnte
so wenig aus Franken, wie aus Thüringen oder einer andern westlichen
landschaft geholt werden. Es entstamt einzig dem practischen geiste
unseres damaligen bürgerstandes und hat sich, wie bekannt, aufs treff-
lichste bewährt: es ist eine freie und originelle Schöpfung, die natürlich
nicht die angeborenen grundzüge des deutschen wesens dieser zeit, und
man kann hinzusetzen aller zeiten , verläuguet, aber sie enthält nichts
von specifischen und abgeschlossenen landsmannschaftlichen reminiscen-
zen, am wenigsten von thüringischen.
Man dürfte diesen thatsachen unbedingte beweiskraft einräumen,
wenn sie durch entsprechende urkundliche notizen unterstützt würden.
Aber an solchen fehlt es bisher, und es hat nicht den anschein, als wenn
die gegenwärtig auch in Schlesien so rüstig begonnene systematische
DEUTSCHE MÜNDARTEN IN SCHLESIEN 213
durchforschung des gesamten archivalischen materials diese empfindliche
lücke ausfüllen könnte. Die documente, aus denen man die gründung
und besiedelung der verschiedenen orte erfährt, beschäftigen sich aus-
nahmslos mit ganz anderen gegenständen als mit einer registriernng der
landsmannschaftlichen herkunft der colonisten. Denn wer kam, war will-
kommen , gleichviel wo er herstamte , wenn er nur die genügenden
garantien rüstiger arbeitskraft und bürgerlicher Avohlanständigseit zu bie-
ten vermochte.
Für unsere zwecke können wir den mangel eines stricten urkun-
denbeweises zugeben, ohne dadurch in unserem kreise gestört zu wer-
den, unsere Urkunden entnehmen wir anderswoher, und finden sie da
zum glück reichlich, deutlich und von unanfechtbarer glaubwürdigkeit.
Die schlesischen Sprachdenkmäler des mittelalters ebensowol wie die
lebendige Volkssprache der gegenwart geben uns auf alle hier einschla-
gende fragen und zweifei genügende auskunft.
So ersehen wir daraus, um die resultate vorweg zusammenzufas-
sen , zwei hauptthatsachen , für welche wir aus den übrigen Urkunden für
die besiedelungsgeschichte des landes keinen oder doch nur einen halb
und halb genügenden aufschluss gewinnen. Die erste ist, dass die deut-
sche Volkssprache in Schlesien von dem momente an, wo wir sie urkund-
lich fixiert vor uns haben , eine ebenso einheitliche , organisch gefügte
gliederung dai'stellt, wie nur irgend eine andere der deutschen landes-
mundarten damaliger zeit innerhalb der älteren Wohnsitze unseres Vol-
kes. Was für das mittelalter gilt, gilt selbstverständlich auch für die
spätere und heutige zeit. Die zweite noch wichtigere thatsache ist,
dass diese schlesische mundart schon in ihren ältesten Zeugnissen die
engste verwantschaft mit andern mitteldeutschen und vorzugsweise mit
der ostfränkischen beurkundet, ohne doch einer eigenartigen bildimg zu
entbehren, die ihr das recht giebt ebenso selbständig und ursprünglich
zu heissen, wie die andern zeitlich älteren.
BRESLAU, JAN. 1868. H. EÜCKERT.
214
I.ITTEBARISOIIE EXEGETISCHE (UIAMMATISCIIE UND
ETYMOLOGISCHE BEITRÄGE AUS DEM BEREICHE DES
NIEDERDEUTSCHEN.
Claws Bilr.
Weder bei Höfer (Claws Rür), nocli bei Goedeke (Griindrisz) ist
erwähnt: „M. Bado, Mindensis, quondam discipulus Erasmi Roterod.,
vir magno ingenio praeditus, descripsit pontificioruni sacrificiüorum nequi-
tiam in libro dicto Clawes Buer, qui primo editus est 1523." Herrn.
Hamelmann opera genealogico - historica. Lemgo 1711 p. 231.
Kalkofeu- Comoedie.
Die dem scliillerschen „Gang nach dem eisenhammer" zu grmide
liegende crzählung ist wahrscheinlich als nd. fastnachtspiel in einer aus-
führung vorhanden gewesen, die der fassimg in „Der seien troist"
und der bei Gryse entsprach. So lässt sich vermuten nach einer mit-
theilung in Fahne's dortm. chronik s. 144: „(1501) fastelabend wurde in
Dortmund ein spiel dargestellt, genannt Kalkoffens-Comoedie, ^
Avorin der treue knecht gerettet und der falsche ritter verbrannt wurde."
1) Der hg. merkt an: „Kalkoffen war der Verfasser."
Mwestf. de reimen teiu.
In einem jener lieder, welche die Soester fehde hervorrief, heisst
es bei Liliencron bist, volksl. I, 86 v. 4: de hiissen mosten de reimen
fein un schoten an de niuren. Der hg. hat das „riemen ziehen" der
büchsen nicht erklärt. Manchem leser jener samlung dürfte daher fol-
gendes nicht unwillkommen sein.
„i)e reimen tein^' ist bildlicher ausdruck für öffnen, hier für öff-
nen wollen, zu öffnen versuchen. Zum Verständnisse: An west-
fälischen bauerhäusern wird die in die nieder- oder dehlentür eingelas-
sene kleine tür durch eine starke klinke von innen verschlossen. An
dieser klinke ist ein riemen befestigt, der durch ein höher liegendes
l)ohrloch nach aussen geht. Zieht man draussen an diesem riemen, so
hebt sich die klinke — falls dieselbe nicht durch eine andere Vorrich-
tung festgemacht ist — und die tür ist geöffnet. Will man (wie zur
nachtzeit) sichern verschlus haben, so zieht man den riemen ins haus.
Zu der zweckmässigen einrichtung des altwestfäl. bauerhauses gehörte
auch diese eben so einfache und leicht herstellbare, als bequeme und
sichere weise des verschlusses.
ISERLOHN. F. W0E8TE.
(Wird fortgesetzt.)
215
ÜBEE CYNEVULF.
I.
Indem Leo (in der abliandlung Quae de se ipso Cynevulfiis tradi-
derit. Hai. 1857.) uns das erste rätsei des codex exoniensis als eine
charade auf den namen Cynevulf betrachten lehrte, liess er doch noch
viel zu deren befriedigender erklärung vermissen. Aber auch nach dem,
was Grein in seiner bibliothek der ags. dichtung, Dietrich in Eberts jahrb.
f. roman. und engl. lit. 1, 241 ff. und in Haupts ztschr. 11, 459 berich-
tigt haben, scheint mir eine erneute sorgfältige betrachtung des merk-
würdigen gedichtes nicht überflüssig.
Grosse Schwierigkeit macht sofort der anfang. Um Leos von Diet-
rich mit recht verworfener auffassung zu geschweigen, so übersetzt der
letztere: „meinen leuten ist als gäbe ein mann ihnen eine gäbe, sie
pflegen sie aufzunehrnen, wenn er zur schaar komt." Das zu ratende
wort wäre hienach cyti = cynn genus, worunter man die gefolgsleute zu
verstehn hätte, die von ihrem Jddford gaben zu ihrem unterhalt erwar-
ten. Es wäre also in diesem theil des rätseis das erste zu ratende wort
für sich allein berücksichtigt, während in den drei andern theilen jedes-
mal eine bedeutung dieses wertes in ihrer Wechselbeziehung zu vidf
erscheint: ein Verstoss gegen die concinnität, den mau von einem guten
dichter nicht erwarten darf. Oder „ sollte das ganze wort das sprechende
sein, so würde auch der wolf als einer bezeichnet sein, der freilich
unfreiwillige unterhaltsgabe aufnimt, wenn er zur herde komt;" doch
dies lässt Dietrich mit recht „dahin gestellt," eine solche subsumption
des raubenden wolfes und der beschenkten gefolgsmannen unter dem
begriffe des nehmens wäre wunderlich gezwungen und wenig zutreffend;
der begriffliche rahmen wäre zu weit sowol als zu dünn. Indes scheint
mir das wort cyntt in diesem zusammenhange nicht recht passend. So
sehr die begriffe der mannen und der mage in einander fliessen, so sind
doch die letztern nicht als solche, sondern nur insofern sie zum dienst-
gefolge ihres verwanten gehören, berechtigt gaben zu erwarten, und es
läge daher näher auf dryJd als auf ajnn zu raten. Überdies müste
man, um das e des namens Cynevulf heraus zu bringen, die form cynne
raten, erliielte aber dann ein n zu viel.
Vielleicht finden andre eine dem dichter und der dichtart ange-
messene Zweideutigkeit darin, dass dieselben werte v'dlaä Ivy liine äpec-
aan gif he on frreät cymed in völlig verschiedenem sinne den zweiten
und den siebenten vers bilden. Ich fühle mich auch dadurch ermutigt,
die Schwierigkeiten, die uns der anfang des rätseis bietet, mittelst einer
216 RIEGER
atlietese zu beseitigen. Ich glaube dass die mit 7 und 8 gleichlauten-
den verse 2. und 3 nur einem schreiberirrtum ihr dasein verdanken. Das
rätsei hat in der that nur drei theile, v. 1 ist nur die einleitung zu
V. 1 — 7. Sein sinn ist „meine leute sind zum kämpfe bereit," nach
der z. b. aus Nib. (Lachm.) 1958. 2067 erhellenden heldensitte, durch
geschenk vor dem kämpfe die mannen anzufeuern, und die zu ratende
bedeutung ist hier bereits cwne, audaces, Avelclie der redend eingeführte
erste theil des compositums Cynevulf, northumbrisch ausgesprochen,
füglich als „seine leute" bezeichnen darf. Ich übersetze also: „meinen
leuten ist als ob mau ihnen gaben spende. Ein wolf ist auf einer au
(d. i. in einem theile des wertes), ich auf der andern. Fest ist das
eiland, mit sumpf umgeben, es sind kampfrauhe männer da auf der au:
sie wollen ihn empfangen, wenn er gegen die schaar ankomt."
Die zweite bedeutung des mit vulf zusammengesetzten wortes ist
richtig als „weib, ehefrau" erkannt, aber nicht ganz zutreffend mit
nhumbr. coen = cven ausgedrückt worden. Der schluss des rätseis lehrt,
dass der dichter das auslautende e im ersten theil semes namens keines-
wegs überhört: man hat also auf coene = cvene zu raten, das durch
got. quinö, ahd. quenä, mhd. Jcone gefordert wird und im rätsei 73, v. 1
wirklich überliefert, von Grein freilich durch einen circumflex uukent-
lich gemacht ist. Die misverständnisse Leos in bezug auf dögode und
hogum finden sich bei Grein berichtigt, dagegen fehlt auch er in der
Verbindung der sätze, wie er sie durch die Interpunktion andeutet. Ein
komma hinter sät, ■ ein kolon hinter hilegde ziehen alles gesagte in eine
Situation zusammen, der es dadurch an klarheit fehlt. Es ist vielmehr
die des einsam sich härmenden weibes zu unterscheiden von der des
schmerzlich süssen abschiedes, dessen sich die Sprecherin erinnert, indem
sie ihren härm um den abwesenden schildert. Auch das kann ich nicht
billigen, dass Grein in seinem glossar vkUi'istum als adjectiv zu vemim
versteht, sich also Leos „weitgehende sehnsuchten" aneignet; einfacher
und natürlicher versteht man es als Substantiv und trennt es von venum
durch ein komma. Ich übersetze demgemäss: „durch die weiten reisen
meines Vulf, dm-ch die vergeblichen hoffnungen auf ihn (auf seine rück-
kehr) habe ich lange weile (denn das intransitiv dögian == alts. dogon
muss am ende zu düg und dogor, dies, gehören, was schwerlich eine
andere bedeutimg an die band gibt, während diese den transitiven ädo-
gian und gedegan, sustinere, wol zu grimde liegen kann), wann es reg-
nerisches wetter war^) und ich weinend sass. So oft mich der kampf-
eifrige (zum abschied) mit bogen (d. i. mit den gebogenen armen)
1 Bei Grein steht durch intimi väter statt veder.
ÜBER CYNEVCLF 217
umschlang, erfüllte es niich niit wonne, war es mir doch auch leid.
Vulf, mein Vulf, das harren auf dich hat mich krank gemacht, dein
seltnes kommen, nicht mangel an nahrung."
Ich kann diesen theil des rätseis nicht verlassen ohne dem gedan-
ken räum zu geben, dass wir hier einen herzenslaut aus des dichters
eignem familienleben vor uns haben. Während er als sänger seinem
gewerbe und den freuden des hoflebens nachgieng, mochte die treue
hausfrau manche zeit zubringen , die Ursache gab , ihr solche worte in den
mund zu legen und ihr auf diese weise im prolog des rätselbuches ein
heimliches denkmai zu setzen.
Vor dem dritten theile des rätseis fehlt das v. 3 fälschlich ge-
setzte ungelice is tis , obgleich hier sehr nötig , da man sonst bei uncer
V. 16. 19 noch an die cmne und ihren Vulf zu denken in gefahr ist.
Man darf es unbedenklich ergänzen. Die dritte mögliche bedeutung des
ersten wortes ist coen = cm, piuus, taeda; hier aber bleibt das aus-
lautende e übrig, das daher als drittes element des zu ratenden wortes
besonders angeführt werden muss. Dies geschieht unter dem bild eines
hundes, der mit richtigem hundenamen (GDS. 468) Eädvacer oder
northumbrisch Edvacer (s. z. b. die urlmnde Oifas von 774, bei Kemble
cod. dipl. anglos. n. 122, sowie Bouterwek Vier evang. s. cxxi) genant
wird; und zwar bezeichnet ilm das zum raten aufgegebene erste compo-
sitionswort, dem das ganze rätsei in den mund gelegt ist, als sein und
des andern wortes junges , wobei natürlich beider bedeutung für den
augenblick vergessen und nur ihre äussere laut- und schriftgestalt ins
äuge gefasst ist. Leo verstand die worte Eddvacer uncerne earne livelp
als object zu hireä, vulf daher als subject und gehyrest pu als object-
lose frage. Greins interpunction hat dies berichtigt, die frage „hörst
du" fordert zum object das e, das man hier rathen soll. Indes Hesse
sich dieser forderung gerecht werden, indem man das fragezeichen hin-
ter Eddvacer setzt, worauf immer noch uncerne earne hvelp als
object zu Urea übrig bliebe und die frage gehyrest pu auf das geschrei
des vom wolf entführten jungen hundes könnte bezogen werden. Durch-
schlagend scheint mir jedoch die erwägung, dass nur die umgekehrte
construction die erforderliche congruenz zwischen bild und sache her-
stellt: denn das e wird nicht durch vidf mit dem holze, d. i. mit coen
verbunden (oder zu ihm hingetragen), es verbindet vielmehr vidf mit
coen. Einverstanden bin ich auch , wenn Grein nach vuda den satz nicht
wie Leo schliesst, sondern ein komma setzt, denn uncer giedd geador
kann kemem verb ausser bircd untergeordnet werden. Gleichwol über-
setze ich V. 18 mit Leo so, dass der erste der beiden mit pät begin-
nenden Sätze einen hauptsatz bildet, und muss daher, um v. 19 appo-
218 BIEGER
sitiousweise zu 17 construierön zu können, v. 18 als parenthese betrach-
ten. Sie will ohngefälir sagen: „es ist nicht leicht eine charade zu
machen," drückt dies aber launig durch die affirmation aus, es sei leicht
zerlegen was nie vereinigt war; die thätigkeit des charadendichters wird
mit recht ein zerlegen genannt. Bei Grein dagegen erscheinen beide
Sätze mit pät relativ zu tmcer gledd, wodurch wenigstens der zweite
widersinnig wird, denn die werte coen und vulf sind und waren ja in
dem zu ratenden namen vereinigt. Ich übersetze: „hörst du Eadvacer,
unsern zornigen Avelf? er trägt den wolf zum holze, (das zerlegt man
leicht was nie vereinigt war) unser rätselwort zusammen."
Noch aber befriedigt dieser letzte theil des rätseis nicht, so lange
man bei dem, was er von Eadvacer, wolf mid holz sagt, nur an die
Vereinigung zweier werte zu einem compositum denken darf; es fehlt
das reale poetische leben, wie es jedem der beiden frühern theile ein-
gehaucht ist. Ein hund, der einen überwältigten wolf zu einem bäume
oder allenfalls nach dem walde schleppt, ist eine ganz willkürliche Vor-
stellung: er sollte ihn vor die füsse seines herrn schleppen oder auf der
stelle tot beissen. Das gesagte hat nur sinn, wenn man dabei an die
werte , nicht wenn man an ihre bedeutung denkt. Diesem mangel würde
abgeholfen, wenn man eine sitte voraussetzen dürfte, gefangene wölfe
wie Verbrecher aufzuhängen. Vuäu, die Umschreibung von cm, bedeu-
tete dann ein galgtreöv. Warg ist wolf und im abgeleiteten sinne Ver-
brecher, warum sollte nicht waragtrco (Helj. 166, 21), nord. vargtre
(Hamdism. 16) zunächst und eigentlich als Avolfsholz zu fassen sein?
Bekannt ist die sitte des altertums, menschen mit wölfen aufzuhängen und
dadurch die hinzurichtenden als toarge oder der wölfe gleichen zu bezeich-
nen (RA. 685 f.); diese sitte erscheint um so begründeter, wenn es bei
hirten üblich war, den vierfüssigen räuber um seiner selbst willen am
galgen büssen zu lassen. Auch der wolf, der vor Odhins westlicher saal-
thür hängt (Grimnism. 10) und den Simrock Myth.^ 103 „schwer zu deu-
ten" findet, erklärt sich, wenn der aufgehangene wolf als ein jenem gotte
dargebrachtes opfer galt. Dass wenigstens das aufhängen die form war,
unter der man gerade ihm opfer brachte, lehrt uns die merkwürdige
stelle Hävam. 139, und so oft wir (wie Oros. 5, 16. Tac. ann. 1, 61.
Saxo gramm. ed. Müller 1 , p. 26) von aufgehängten kriegsgefangnen
lesen, werden wir dem siegesgotte gebrachte opfer in ihnen zu sehen
haben. Der wolf aber , sein kriegerischer liebliiig unter den tieren , muss
wol als ein so schickliches opfer für ihn erscheinen, wie der gefangene
kriegsfeind.
Ich lasse zum schluss den text des rätseis, wie ich ihn herstelle,
folgen.
ÜBER CYNEVTJLF 219
Leöduvi is minum svylce htm mon läc gife.
vulf is on iege, ie on öäerre.
fast is pät eglonä, feniie hioorjien.
sindon välreöve veras par on ige:
villaä hy hine äpecgan gif he on preät cymed.
ungelice is üs.
Vulfes ic mines vidlästum, venum dögode,
ponne hit väs renig veder and ic reötugu sät.
ponne mec se headucäfa bogum bilegde,
väs ine vyn tö pon, väs me hvädre eäc lää.
Vulf, min Vulf, vcna ine pine
seöce gedydon, June seldcymas,
murnende möd, nules meteliste.
ungelice is üs.
gehörest pü Eädvacer , uncerne earne hvelp?
bired vulf tö vada,
(Jini mon ende tösUted , platte ncefre gesomnod väs)
uncer giedd geador.
II.
Dass Cynevulf in der mimdavt dichtete, die man northumbrisch
nennt, aber eigentlich angliscli oder nordenglisch nennen sollte, hat Diet-
rich, nachdem er es früher gegen Leo bestritten, in den abliandlungen
Kynevulfi poetae aefas (1860) und De cruce Ruthwellensi (1865) zu völ-
liger genüge erwiesen. In der Inschrift des kreuzes von liuthwell und
in der nortliumbrischen aufzeiclmiing des rätseis von der brünne haben
wir zwei reste des echten textes seiner gedichte, alles übrige ist ins
westsächsische umgeschrieben und zwar, wie die Inschrift von Ruthwell
zeigt, nicht ohne starke Veränderung. Hieraus sehen wir, dass er in
der seine rätsei eröffnenden charade nicht nur aus rätselnot, sondern
weil es seine mundart mit sich brachte , seinen namen Ccenevulf spracli.
Dann ist aber auch anzunehmen, dass er ihn ebenso sprach, wo er ihn
in runen seinen gedichten einflocht. Die rune yr , die wir hier lesen,
ist sonach nur durch die Umschreibung ins westsächsische bedingt, und
wir haben, um den vom dichter gewollten sinn zu gewinnen, an ihrer
statt die rune eäel, nhumbr. ceäü, herzustellen. Dies vorausgesetzt ver-
suche ich die erklärung der betreffenden stellen in Elene und CHst zu
revidieren. Die stelle der Juliana (Grein, bibl. 2, 70) bleibt ausser
betracht; Leos versuch, aucli hier den runen begriffsworte unterzulegen,
ist von Dietrich mit recht zurückgewiesen worden.
Zum Verständnis der runen im epilog der FAene (Grein 2, 185) liat
Leo den Schlüssel gegeben, indem er v. 12.^)7 säe nicht als pwjna, son-
dern als eine ungewöhnliche Schreibung für secy, vir, auffasste. Grein
hätte diesen Schlüssel nicht verschmähen sollen. In den vorhergehenden
220 RIEGER
verseil sagt der dichter: icli gedachte oftmals des kreuzes, ehe ich die
Avuiulorgeschiclite von ihm enthüllt (d. i. mitgetheilt) hatte, wie ich sie
in büchern gekündet fand. Fährt er nun fort ä väs säe da pät, so
könnte dies nach Grimm (Andreas und Elene s. 160) heissen „immer war
streit, zweifei," über die geschichte nämlich, ehe ich sie enthüllt hatte:
gewis wenig wahrscheinlich bei einem publicum, das auf eine darstel-
lung der saclie in der Volkssprache angewiesen war. Oder „immer war
kämpf bis dahin ," nämlich in meinem gemüte , es fehlte mir an innerem
frieden; aber dies wäre ein dunkler ungenügender ausdruck für den
zustand, den bereits die verse 1243 — 45 erschöpfend geschildert haben.
In beiden fällen steht das he in 1259 völlig in der luft. Man könnte es
nur auf das durch die erste rune angedeutete wort cen beziehen, und
mag man dies nun als fackel oder, wie in der charade, als kienbaum
verstehn, so bleibt es gleich sinnlos, dass em in der methalle kleinode
empfangen habe. Unerlaubt aber wäre es, mit Grimm durch diese erste
rune, oder, da auch die zweite keinen wortsinn ergibt, durch die beiden
ersten den ganzen namen Cynevulf angedeutet zu sehen, da hiezu das
epithet drusende nicht passen würde und da alle folgenden runen hier
den sinn ihrer namen haben. Nebenbei wäre die construction des satzes,
der dem subjecte cm die bestimmung cnyssed cearvelmum und dem prä-
dicat gnornode den nebensatz mit pedh vorausschickt , stilwidrig. Einen
richtigen sinn und einen der ags. poesie gemässeu satz erhalten wir nur
wenn wir übersetzen: „immer war der mann bis dahin von sorgendrang
erschüttert, eine sinkende flehte, obgleich er in der methalle kleinode
empfieng, apfelförmiges gold."
Es darf nicht wunder nehmen, dass der dichter, der bisher in
erster person sprach, sich auf einmal als „den mann" einführt, denn er
gibt jetzt das rätsei seines namens auf: „der mann" ist der, den man
aus .den nun folgenden runen buchstabieren soll. Der formelle anstoss
der Schreibung säe ist nicht gross genug um ein hindernis zu bilden:
sec für secg wenigstens setzt derselbe codex im Andreas v. 1227. Cen
wird von Leo sowol wie von Grein für taeda genommen, ich glaube mit
unrecht. Die sinkende fackel ist kein bezeichnendes bild, sondern die
ausgebrannte. Darum wollte sich Leo mit einem zerfallenden kienspan
helfen, der aber durch drusende schwerlich angedeutet sein kann. Ein
durch den stürm halb aus der wurzel gehobener, dem umfallen naher
bäum scheint das richtige bild für den von cearvelmum erschütter-
ten mann.
Ich komme zur zweiten rune. Was Leo aus ihr zu machen suchte
kann ich mit hinweisung auf Greins jeden zweifei ausschliessende erklä-
rung des runennamens edr (Bibl. 2 , 353) , welchem Leo tjr hier gleich-
ÜBER CYNEVULF 221
stellen wollte, übergelm. Grein erklärt in der anmerkung zu unserer
stelle wie im glossar fjr frischweg durch bogen, ohne den sinn anzuge-
ben, den die stelle so erhält. Sollten wirklich die Augeisachsen den
nordischen namen der rune für y^ der sie noch dazu eine von der nor-
dischen ganz abweichende gestalt geben, mitsamt dem r des nominativs
als fremdwort sich angeeignet haben? Kaum glaublich, zumal da sie
die ags. form für ijr , eöh = eöv , w = ahd. twa eibe , schon zur bezeich-
nung der rune für eo verwenden. Aber das runenlied muss ja auskunffc
geben. Sie lautet:
Rl hyä ääelinga and eorla gehväs
vyn and vyrämynd, hyä on vicge fäger,
fästllc on färelde, fyrdgeateva sum.
Aus dieser beschreibuug auf den begriff bogen zu raten scheint
mir eine völlig unzulässige Zumutung. Zwar ist der bogen ein kriegs-
geräte, aber inwiefern ist er fest oder dauerhaft auf der reise? Dies
würde, eben wie der Inhalt der drei ersten halbverse, auf jede andre
waflfe passen; auf den bogen passt es am wenigsten, da er durch die
feuchtigkeit an Schnellkraft verliert. Gar nicht passt „am" oder „auf
dem rosse schön," denn der bogen ist kein zierrat sondern eine waffe,
und das nicht des reiters , sondern des fussgängers. Versuchen wii- dage-
gen den begriff goldmünze der beschreibuug anzupassen, da Lye, ich
weiss nicht aus welcher quelle, yre als gleichbedeutend mit ora, uncia
aufführt. Wissen wir, dass an schnüren hängende goldbracteaten zum
schmucke der menschen dienten, so können wir aus unsrer stelle ent-
nehmen, dass derselbe schmuck auch bei rossen angewant wurde. Auch
bei den Verkehrsverhältnissen jener zeit konnte das gemünzte geld als
Wanderer von einer band zur andern gedacht und seine dauerhaftigkeit
auf dieser steten reise hervorgehoben werden; ebenso treffend war schon
damals die bezeichnung als rüstzeug zum kriege. Für die drei ersten
halbverse bedarf es keines Wortes, um diese lösung zu rechtfertigen.
Einwenden lässt sich nur, dass die rune in den angelsächsischen alpha-
beten eben nicht yre sondern i/r heisst. Yre entspricht genau dem nor-
dischen eyrir und bildet mit diesem die älteste aneignung des lat.
aureus; als eine jüngere ist das bekannte ora zu betrachten. Wie nun
neben diesem im northumbr. priestergesetz ör gebräuchlich erscheint, so
könnte auch neben yre eine abgegriffene form yr gegolten haben, die
man wegen des gleichklanges mit dem nordischen namen der rune vor-
zog. Die vollständige form hat wenigstens das runenalphabet des Hra-
banus Maurus bewahrt. Dieser, der alle lateinischen buchstaben runisch
ausdrücken und benennen wollte, konnte für y natürlich nicht aus dem
222 MEGER
deutschen rat schaffen und entnalim dem angelsächsischen ein alter-
tümlich oder noithumbrisch auslautendes f/ri, das in mehreren auf-
zeichimngen hmjri, in der von W. Grimm, Wien. Jahrh. XLIII, s. 2:5
mitgeteilten Pariser aufzeichnung besser hyre geschrieben wird; das h.
ist dabei so bedeutungslos wie bei Ms und hur für is und ur.
Man verzeihe diese abschweifung. Wir erhalten also für El. 126U
den sinn „er trauerte um geld," dessen dem dichter nämlich doch nicht
so viel zufloss als er brauchte, obgleich er in der methalle seinen ver-
dienst hatte, Dass gnornian so gut wie cvänian und die Gr. IV, 612 ff.
aufgeführten verba mit dem accusativ verbunden werden könne, dürfte
wol nicht bezweifelt werden. Lassen wir aber den dichter, wie Avir nach
der gewonnenen einsieht müssen, northumbrisch reden, so erhalten wir
den edleren und schicklicheren sinn „ er trauerte um die heimat ," von
der er durch sein gewerbe getrennt war, und das gegenbild zu der ein-
samen, sich nach ihrem Viüf sehnenden hausfrau des rätseis.
Grimms Übersetzung der folgenden werte „not war sein gefährte"
ist unmöglich; Leo und Grein lesen mit recht ein compositum nydge-
fera. Was dies bedeute wird von Grein niclit erklärt ; Leo versteht „ der
uuglücksgefährte" als apposition zu ?/r, welche construction natürlich
mit seiner auslegung von yr hinfallt. Aber auch die Übersetzung „uu-
glücksgefährte" wird durch die analogie der composita mit nyä nicht
bestätigt, die vielmehr auf „gefährte aus not, gezwungener gefährte"
oder auf „gefährte in der not" führt. Nehmen wir die erste dieser
bedeutungen, so erhalten wir folgende Übersetzung: „notgedrungener
gefährte ertrug er Ijeklemmende sorge, geheime angst (wofür rhetorisch
„enges geheimnis" gesagt ist), wo vor ihm das ross (durch die rune eli
bezeichnet) die meilenpfade mass, mutig sprang, mit Zieraten aus draht
geschmückt." Damit würde sich der dichter als unberittenen begleiter
eines zu rosse einherziehenden reichen heil'en darstellen. Vielleicht ist
es aber auch gestattet, gefera nach analogie von gebyrgea gemäla gepafa
gevyrhta hier ohne copulative kraft des präfixes statt als consors itine-
ris nur als viator aufzufassen. Dann wäre der sinn des compositums
wi(^ der von nydfara Exod. 208 „der notgedrungene wanderer;" wir
würden es eng zu dem vorhergehenden verb construieren , hinter ihm ein
komma setzen und die willkommene Übersetzung erhalten; „um die hei-
mat trauerte der notgedrungene wandrer, es ward ihm eng ums herz
wo vor ihm ein ross die meilenpfade mass" u. s. w. Der anblick des
rosses, das ihn schnell an den ort seiner Sehnsucht tragen könnte, erfüllte
den heimwehkranken wandrer mit wehmut. Wer mit Leo före lesen und
„auf der reise" verstehen wollte, müste das ausbleiben der präposition
durch ähnliche beispiele wahrscheinlich machen, wozu wenigstens der
ÜBER CYNEVULF 223
einzige mir erinnerliche , von Grein und mir selbst emendierte fall in
Vidsiths lied v. 3 nicht hinreichen dürfte. Dieselbe beweispflicht hat
wer mit Grimm und Grein (im glossar) dem fore die bedeutung vormals
gibt ; denn in den übrigen stellen , die Grein unter diese bedeutung bringt,
drückt es nichts anderes als corani aus.
Man könnte einen Widerspruch darin finden, dass Cynevulf zuerst
von seinem reichlichen Verdienste spricht und ihm dann doch die bequem-
lichkeit eines reitpferdes fehlt. Aber es ist gar nicht nötig, hiebei an
einerlei Zeitpunkt in seinem leben zu denken, und nur natürlich, wenn
es ihm bei seinem ge werbe das eine mal gut, das andre mal schlecht
ergieng.
Der nun folgenden rune ven will Grein die bedeutung venu = vynn
unterlegen; ohne not: es ist die der Jugend eigne glückliche Zuversicht
des lebens gemeint. „Der wahn ist geschwunden, die freude mit den
jähren; die Jugend ist verwandelt, der alte wolstand (mit ihr)."
Viele Schwierigkeit hat wider die rune iir gemacht. Nach Grimm
verträte sie bedeutungslos den buchstaben , was sich aus oben angege-
benen gründen nicht billigen lässt. Leo versteht 6r geld , ohne zu bewei-
sen, dass 0 und ü in der nmndarfc unseres dichters einander vertreten.
Grein macht aus iir ein nicht belegtes, mir unbekanntes adverb für
quondam, das überdies neben geära ein pleonasmus wäre. Dietrich
schlug vor ein andres mit u beginnendes wort zu lesen , d;wa uppe , las-
civia; aber so gut dies dem sinn nach wäre, ich kann nicht glauben
dass der dichter sich solche Substitutionen erlaubte. Sie würden das
ganze kunststück zu nichte machen, dessen Schwierigkeit und bravour
eben darin besteht, die namen der sämtlichen runen, die zusammengele-
sen werden sollen, im Stabreim und in passendem zusammenhange vor-
kommen zu lassen; wer ihnen andre werte mit demselben! anlaut unter-
schöbe, würde die sache sich selbst unrühmlich leicht, dem leser oder
hörer unbillig schwer machen. Etwas ganz anderes ist es doch, wenn
El. 789. 1090 die rune vm für valdend steht: dies ist lediglich ein im
betreffenden zusammenhange gar nicht miszuverstehendes compendium des
Schreibers.
Der auer ist das vornehmste jagbare wild und stellt daher figür-
lich für die jagd, die Cynevulf als eine hauptfreude seiner hingeschwun-
denen jugend hervorhebt, Leo behauptet zwar, ich weiss nicht mit wel-
chem gründe, in England habe es nie auer gegeben. Sollten nicht
angelsächsische fürsten, wenn dieses thier ihrem lande wirklich fehlte, es
der jagd wegen vom continent aus eingeführt iiabon? Dass es wol
bekannt war zeigt wenigstens die beschreibung im runenliede. „Der
auer war eliemals des Jugendstandes belustigung; nun mükI die jahrtage
224 RIEGER
von einer frist zur andern fort geschritten , die lebenswoune dahin gegan-
gen, wie wasser (die rune lagu) zergleitet, beschleunigte fluten. Ver-
mögen (die rune feoh) ist jedem (nur) geliehen unter dem himmel; des
landes schätze zergehn unter den wölken dem winde vergleichbar"
u. s. w.
Ich gehe zu der stelle im Crist (l)ei Grein 1, 169) über. Hier
wird die erste rune von Leo als ein apokopiertes cene, auclax, aufgefasst,
„dann erzittert der kühne," wenn er den könig reden hört u. s. w.
Grein schliesst sich dem an, aber dass jene apokope der spräche Cyne-
vulfs gemäss sei, wäre noch zu erweisen. Auch ist es ganz unnötig,
für cm hier einen andern sinn zu suchen als den es im runenalphabet
hat. Musten wir in der Elene bestreiten , dass von der flehte , auch wenn
sie allegorisch verstanden wird, gesagt werden könne was in den näch-
sten versen folgt, so bin ich hier der meinung, dass der dichter voll-
kommen berechtigt ist fortzufahren: „sie hört den könig reden." Es ist
ein allgemeines dichterrecht, für Vorgänge, die das menschliche gemüt
erregen , der stummen natur ein mitgefühl zu leihen. Wenn ein bekann-
tes Volkslied alles laub und gras trauern lässt, „als Jesus in den gar-
ten gieng und sich sein bittres leid anfleng;" wenn Cynevulf selbst Cr.
1128 ff", (zwar auf grund einer homilie Gregors) in langer ausführung
die theilnahme der stummen creatur an Christi leiden schildert und dabei
1170 auch der bäume nicht vergisst, so kann gewis auch die flehte als
stattlicher Vertreter des Pflanzenreiches mit den menschen vor der stimme
des weltrichters erbeben.
„ Er spricht grimme werte zu denen , die ihm vormals in der weit
übel gehorchten, während yr und nyd aufs leichteste trost flnden konn-
ten": so übersetze ich mit Leo, während Grein die beiden runennamen
als von fröfre abhängige genetive fasst. Wir können aber schwerlich
genetive brauchen, die sich in der form vom nominativ unterscheiden,
und das würde wenigstens der von nyd , wenn auch nicht der von yrmäo,
miseria, was Thorpe dem yr unterzuschieben vorgeschlagen , Grein ange-
nommen hat. Ich beziehe mich hier auf das , was ich über solche Unter-
schiebungen oben gesagt habe. Mit yr selbst ist nun offenbar gar nichts
anzufangen und auf den ersten blick auch nichts mit dem von des dich-
ters mundart geforderten oeäil. Aber wenn es nicht erlaubt sein konnte,
dem namen der rune andre Wörter gleiches anlautes unterzuschieben,
so konnte der dichter sicherlich seine kunst beweisen und zugleich den
Scharfsinn des lesers- erproben, indem er mit dem namen der rune
den siim eines gleichlautenden wortes verband. Es ist dasselbe spiel,
das Cynevulf in der charade auf seinen namen treibt. Welches hier
passende wort könnte nun in jener mundart mit mW gleichgelautet haben?
ÜBER CYNE^TLF 225
Das Eordenglische oe, auch oi gesclirieben , erscheint in einigen
fällen auch an der stelle von kurzem iL Beda schreibt Olsc und Ois-
clmjas für Äse und Äscinr/as, OidUwaJd für Äectehvald; der glossator
des Durhamer evangelieubuches huoecter, Jmoectre, doeg (Bouterwek, Vier
evang. CXXVI ff.); in Kembles cod. dipl. nr. 35 finde ich Hodilredus
und Oedilrcedas sogar als namen eines Ostsachsen ; in den Epinaler glos-
sen (Mones anz. VII, 153) voeffsas vespas; im registr. Matth, 15 (bei
Bouterw. s. 279) sloegende perciitienti. Es findet sich ferner die nort-
hunibrische Unterdrückung des anlautenden v nicht nur vor n, sondern
auch vor oc , wenn ich auch nur das eine beispiel ocg für veg in der
glosse zu registr. Matth. 61J beizubringen weiss. Cynevulf selbst erkennt
wenigstens die Unterdrückung des inlautenden v vor oe (s. Bouterw. cxxxv)
an, indem er den ersten theil seines namens als uxor zu raten aufgibt.
Hieuach lässt sich wol für vädl , mendicitas , eine ausspräche und schrei-
lumg oedl oder vielmehr ocdil denken, denn das northumbrische liebt
die gedehntere form und noch der glossator des codex von Rushworth
schreibt aiäulo für ädlo morbos (Bouterw. glossar s. v.); aber auch der
cod. exon. gewährt im Phönix v. 612 veäel. Ein consonantischer unter-
schied besteht nicht, da das northumbrische nach langem wie nach kur-
zem vocal gern d für d setzt (Bouterw. cxlii), oeäü also auch oedü
lauten konnte. Man könnte also übersetzen: „während armut und not
aufs leichteste trost finden konnten." Dies wäre keine tautologie; tif/d
ist eigentlich fessel und kann im sinne von gefangeuschaft verstanden
werden: in carcere (eram) et non visitastis me Matth. 25, 43.
Man könnte oedü auch als ädl morhus verstehn, dem sinne nach
ebenso gut. Das eben citierte aktido, Avofür auch (edulo geschrieben
sein dürfte, beweist, dass das wort im northumbrischen zur trübuug des
vocals neigte; für langes ce wird aber m öfter als für kurzes geschrie-
ben, auch die Epinaler glossen geben ein beispiel mgliimelci dhinga =
omnimodo. Aber der ableitungsvocal in aiäulo widersteht der gieich-
setzung mit (edil, wie auch in dem zweimal (Cr. 1320. Psalm. 106, 4)
von Grein verkannten zu ädl gehörigen verb üdolian , deficere.
Es fehlt hierauf die rune eh. Während in den nordenglischen
Urkunden die Schreibung Coemmlfus herscht, buchstabiert unser dichter
in den drei übrigen fällen seinen namen mit einem die zweite sil1)e bil-
denden e. üeberdies fehlt zu dem satze in'v. 803 das subject. Man
hat also grund genug, nach 803 einen ausgefallenen vers, der die rune
für e enthielt, anzunehmen. Greins herstellung jedoch, on l>am M /'<^-
lan däge engla drgJdcn, ist nicht gerade einleuchtend. Es wäre erst
zu beweisen, dass die mundart sich des ableitungsvocales in cgcful so
beliebig entschlagen konnte; auch fand Grein in seinem glossar aus der
ZRITSCUH. F. DEUTSCm; PUILOLOGllO. 1«^
226 KTEfiEK, i'r.F.R Ci-NEVT^LP
o-anzen a£>-g. poesie Icein rf)cfnl oder codk, neben dem gewöhnlichen egcsful
und egeslic einzutragen. Ich wüste nicht welches andre wort hier in frage
kommen könnte als nglfpca, wofür auch äglmca und andrerseits aUceca
(Beov. (UC). 989) geschrieben wird, also ählcpca und nach northumbrischer
weise clilceca ohne zweifei denkbar ist. Eine Übertragung dieser häu-
figen bezeichnung der teufel auf die verdammten aus der menschheit,
die der teufel gesellen sind, scheint mir nichts anstössiges zu haben,
und ich ergänze daher hinter v. 803 päm M l(ecum cngla dryJiten, oder
(ilmilit'ig god oder calra sq/ppend, wie nun der zweite halbvers gelau-
tet liaben mag.
Die folgende rune erscheint wider mit ihrem gewöhnlichen namens-
sinne: „die hoffnung ist dahin auf der erde zierden," d. h. die hoffnung
ihrer ferner zu geniessen. Auffallend ist nur der gebrauch von vhi als
masculinum und wol seo für ^e zu bessern. Mit diesen werten l)ahnt
sich der dichter den Übergang zur beschreibung des weltbrandes: jene
hoffnung ist dahin, weil die erde selbst zerstört wird.
Die rune für u wird von Leo wider als 6r, pecunia, aufgefasst und
seine erklärung lautet: pecunia, quae ab hac insula undis secluditur (in
transmarinis partibus), divitiae terrae diu et avide a me adpetebantur.
Er sieht darin eine audeutung, dass Cynevulf seinen erwerb auch als
Seefahrer, vielleicht als Seeräuber gesucht habe. Grein hilft sich aucb
hier durch die annähme des adverbs ür = oUm; Dietrich auch hier
durch Unterschiebung eines wertes von gleichem anlaut, nämlich nfan
desuper. Ich beziehe mich hierüber auf das oben gesagte. Meines
bedünkens erscheint der auer abermals als Vertreter der thierwelt , die der
dichter, wo er von der sündflut spricht, wol statt aller andern coräan
frätva ins äuge fassen darf, und die apposition fcoh on foldan = pemts
in campo erklärt und verallgemeinert zugleich diesen sinn. Nur muss
man longe nicht mit diu übersetzen, sondern als gegensatz zu dem in
die Zukunft deutenden Jwnne für longe cer nehmen, wie Exod. 557 vile
nü gelcestan pät he longe geltet.
Der sinn der rune für l ruft keinen zweifei hervor ; was feoh bedeute
ergibt sich aus der auffassung von ür.
DARMSTADT, JAN. 18G8. M. RIEGER.
227
MISCELLEN UND LITTERATUE.
Ein brief Jacob Grimms.
Das naclisteliende sclireiben Jacob Grimms, dessen mitteiluiig wir der
gute des lierrn bnchhändlers dr. S. Hirzel in Leipzig verdanken, ist ein actcnstück
zur geschiclite des ,, Deutschen Wörterbuches," und verdient schon deshalb in
einer germanistischen zeitsclirift aufbehalten zu werden. Wir ersehen aus ihm, dass
Jacob Grimm ernstlich beabsichtigte, im wörterbuche eine durchgreifende Verbes-
serung der hergebrachten neuhochdeutschen sogenannten rechtschreibung einzuführen.
Nur die erwägung, dass irtümer und verurteile um so zäher und eigensinniger haf-
ten, je älter und unverständiger sie sind, und dass also ein so entschiedenes vorge-
hen gegen eine seit Jahrhunderten eingewurzelte fehlerhafte gewohnheit der Verbrei-
tung und Wirkung des Wörterbuches unverhältnismässigen abbrach thun würde , konnte
ihn bewegen, von solchem vorhaben abzustehen und sich darauf zu beschränken, in
der vorrede des Wörterbuches (1, liv — Lxn) die notweudigkeit einer bis auf den
grund gehenden Verbesserung klar und eindringlich darzulegen. Die erfüUuug der
am Schlüsse des briefes ausgesprochenen Weissagung, dass, „wenn neues politisches
heil über uns aufgeht," das publicum „schneller iiachgeben," und eine „neue Ortho-
graphie" sich herstellen lassen werde, ,, die im zerrissenen ermatteten Deutschland
nichts bewerkstelligen konnte ," erscheint uns nun schon um ein gut theil näher
gerückt, als man vor 20 jähren erwarten konnte. Ist es aber nun gelungen, nach-
dem Deutsehland kaum zur grössern hälfte politisch geeinigt war, eine auf rein ver-
nünftiger grundlage beruhende einheit des maasses und gewichtes herzustellen , dann
dürfen wir uns auch einer auf eben so vernünftigen grundsätzen erbauten durchgrei-
fenden und allgemein anerkannten Verbesserung der deutschen rechtschreibung um so
sicherer getrösten, weil diese reform viel geringere materielle Schwierigkeiten zu
überwinden haben würde als jene. eed.
An die berühmte Weidmann' sehe Buchhandlung. Leipzig.
Bevor zur ausarbeitung des Wörterbuchs nun geschritten werde, ist ein ent-
sclilufs über die zu befolgende Schreibweise zu fassen, welche auf den gehalt und die
anordnung des werks grofsen einflufs haben mufs. Ich kann, nachdem ich in der
grammatik dargestellt habe, wie unrichtig, barbarisch und schimpflich die heutige
Schreibung ist, es nicht über mich bringen, sie in einer das ganze der spräche umfas-
senden arbeit dennoch beizubehalten und fortzupflanzen.
Es wäre fast allen übelständen abgeholfen , wenn sich , in der hauptsaehe , zu
dem mhd. brauch zurückkehren liefse , wodurch auch die Scheidewand zwischen gegen-
wart und vorzeit weggerissen und das lebendige studium unsers altcrtlmms unsäglich
gefördert würde.
Wie selir die jetzige Orthographie im argen liegt, hat man bereits im vorigen
jli. eiiizusehn angefangen und ist verscliicdcntlich auf den besseren weg cinzngehn
bemüht gewesen.
Schlözer ist ein rühmliches beispicl, es gebrach ihm nur an grammatischer
einsieht, aber viele seiner mutig gewagten änderungen sind untadcUiaft und richtig
abgesehn.
Auch Voss gicng in einzelnem )nit gutem grund voran und man hätte meinen
sollen, dafs sein ansehn und der cindruck seiner viel verbreiteten scliriften von nach-
15*
228 EIN BRIEF ,1. GRIMMS
Alles oder das meiste scheiterte an dem pedantischen sinn der Deutschen, die
jeder edlen neucrung einen häufen kleinlicher gründe entgegen zu setzen gewohnt sind.
Unter den Spaniern hat die academie in auffallenden , wesentlichen stücken die
rechtschreibung geändert und jedermann sich den getroffnen anordnungen willig
gefügt, so dafs jetzt die spanische spräche eine musterhaft einfache und leichte Schrei-
bung besitzt.
Nur in wenigem ist bei uns die Verbesserung vorgedrungen und namentlich
das unnöthige Y verbannt worden.. Adelung scheidet noch sein und f^eyn und noch
heute schreiben leute aus den früheren jähren ihr bey , frey , ohne doch die allge-
mein werdende herschaft des hei, frei aufhalten zu können.
Auch die Verbannung der einfältigen grofsen buchstaben aus den Substantiven
gibt wenig anstofs mehr und wird darum um sich greifen.
Mein grundsatz war bisher allmälich und sparsam vorzurücken, in büchern
wo man etwas ganz anders vor hat als die rechtschreibung, fällt jede ab weichung
vom brauch störend auf, und mitten in der grammatik kam es mir noch nicht darauf
an. ich hofte, dass man den gelinden vorschritt begünstigen und nachahmen würde;
jeder meiner änderungen giengen bereits ältere gewähren voraus , z. b. schif, hof-
nmig schrieben ausser Voss schon manche vor ihm. doch ist mir darin zaghaft oder
gar nicht gefolgt worden und man kehrte immer lieber auf den alten fleck zurück,
als mit vorzuschreiten.
Jetzt beim Wörterbuch mufs kühn vorangegangen oder ganz die band abgelas-
sen werden.
Das Wörterbuch soll die deutsche spräche auf eine höhere stufe ihrer entwick-
lung empor heben; es soll nicht im staub stehen bleiben, sondern ihn abschütteln
und in reine luft dringen wollen.
Folgende Umwälzungen in der bisher geltenden Schreibung scheinen mir noth-
wendig und unabweisbar.
1) Das dehnende H wird verworfen, es stört die natürliche Ordnung aller
Wörter. Avie , ahne soll vor amme , söhn vor sommer , führen vor für aufgezählt wer-
den, da doch M dem N vorausgehen mufs und der Schwede son hinter sommar , der
Däne sön hinter sommer folgen lässt. das Verhältnis der wurzeln wird dui'ch zwi-
schentritt des ganz unwesentlichen H getrübt. Nicht anders wird TH verschwinden
und dem natürlichen T weichen, bei Adelung geht talg dem thal, thun dem tugend,
thor dem tochter weit voraus, da doch die natürliche folge wäre tal talg, tugend
tun, tochter tor. Ln 16 jh. findet sich auch geschrieben khün für kühn, rhat für
rath, mhüe für mühe, was sich nachher wider verlor; gleich falsch und noch falscher
ist der anlaut TH. Nur da bleibt H wo es einem organischen H oder W entspricht,
wie in sehn fliehn iveh ivehen ehe mühe.
2) Das dehnende IE schwindet, schon jetzt schreiben viele das richtige
gibt für giebt und niemand wird sich dem siht stilt f. sieht stiehlt weigern, zumal
diese formen nun mit ifst , nimmt in die reihe treten, vil, zil etc. haben gleich
wenig bedenken und stehn wie mir dir, wofür mier dier dem viel ziel entsprechen
würde, zu erwägen bleiben die praeterita schien mied blieb, doch würde auch hier
die Schreibung schin mid blib dem ritt griff gerecht werden, gerathen aber die deh-
nenden IE in bann, so heben sich die organischen IE desto vortheühafter und man
wird sich gewöhnen in ziehen fliehen lied (verschieden von äugen - lid) den diphthong
deutlicher auszusprechen , weshalb auch Hecht lux zu schreiben, nicht aber wird blei-
ben , da schon frühe ieht nicht zu iht niht geworden ist. ich gebe auch nach licht
zu lassen.
EIN BRIEF J. GRIMMS 229
3) Auch die dehnenden geminationen unterdrüclde ich gern, und schriebe
bar, her, mer f. baar, lieer, meer , doch sind ihrer wenige, wogegen andere gemi-
nationen des vocals die organische länge ausdrücken: haar leer, weit häufiger dafür
dehnendes H eingedi'ungen ist : jähr toahr ehre lehre ohr. das letzte kann nicht länger
geduldet werden ; soll nun jaar loaar eere oor an dessen stelle treten oder jar war
ere or? was mir besser zusagt, da wir auch schon waren erant , schwer mhd. swcere
setzen. Freilich kann eingewandt werden , dass her exercitus und her huc , mer mare
und mer magis dm-ch die Schreibung von einander abstehen sollten ; ich komme hierauf
zurück.
4) Geminie rte consouanz verdient erhaltung, zum dank dafür, dafs sie
uns den kurzen vocal rettete, nur auslautend und inlautend vor T könnte sie sich
nach mhd. weise vereinfachen, noch im 17 jh. schrieb man nicht selten al sol kan
man solle Jconte und ich wäre dieser regel nicht gram , lasse mich aber überstimmen.
FF in solchen fällen ist mir ein greuel, weil scMf = schiph^yh sich etwa ausnimmt
wie dachch oder netztz für dach netz, im inlaut lässt sich schiffe aussprechen.
5) Kitzlich ist das SZ = ß und schon ahd. wurde das weiche z oder § durch
zs, mhd. hin und wieder zz z,z, durch SZ oder ZS ausgedrückt, da wir das harte Z
in - und auslautend mit TZ , also zwei buchstaben bezeichnen , wäre auch SZ , wie
jedermann den buchstaben nennt, erträglich, und er darf weder ein polnischer buch-
stabe noch laut gescholten werden, wir trennen CH, warum nicht SZ? die bezeich-
nung durch /"s, so sehr sie um sich gegriffen hat, ist schlecht weil nichts sagend,
und schon darum zu verdammen, weil sie sich nicht in der majuskel ausdrücken
läfst. ich mufs also auf SZ sz , das uns auch den Ursprung aus Z und die nähe des
S anschaulich macht, bestehen. SS im auslaut ist unstatthaft, viele mhd. auslaute
z, und inlaute z,s, sind aber nhd. in S und SS übergetreten: Benecke bemühte sich
hreifs aus kreis herzustellen, schrieb aber nicht ameifse noch weniger aufs oier ivafs
= mhd. it^ wa§. Schon ahd. galt Hessi , mhd. Hesse Hessen = Chatti, warum
sträuben wir uns nhd. wasser essen zu schreiben? die regel hat Adelung, dünkt
mich , recht gehandhabt , dafs im inlaut nach langem vocal SZ, nach kurzem SS zu
schreiben, d. h. nach langem vocal ein etwas dickerer consonant als nach kurzem
auszusprechen sei. wir sind unbefugt nach mhd. regel loafser efsen (eigentlich gäbe
wa§§er ez,z,en tvafsfser efsfsen) herzustellen, so wenig wir efs wafs für e§ wa^
schreiben; der unentbehrliche unterschied zwischen das und dafs lehrt eben, wie
für die conjunction der dickere laut haftete, für den artikel sich gleichfalls in S
auflöste.
Das sind die hauptsachen , woran mir gelegen ist: es gibt noch manche andere,
von geringerer bedeutung, die sich leichter entscheiden. Unsere guten herrn Verle-
ger, wenn sie dies gelesen haben, werden erschrecken und bedenklich sein; ja die
weit wird schreien über die neuerungen in der Schreibung und anfangs geneigt sein
den stab darüber zu brechen.
Ich habe mich nicht geweigert in andern büchern mit dem ström zu schwim-
men, sogar diese zeilen sind in der alten Orthographie niedergeschrieben: aber der
Verfasser eines deutschen Wörterbuchs vernichtet unmittelbar seine mühsame arbeit
und würdigt sie herab, wenn er sich den fehlem ergibt, die allein die Unwissenheit
und lange verkennung unserer Sprachgesetze hegen konnte. Es mufs in der vorrede
umständlich und umständlicher als hier geschah über die noth wendigkeit der refor-
mation geredet werden; machen vernünftige gründe eindruck, so steht zu erwarten,
dass das publicum allmälich, oder wenn neues politisches heil über uns aufgeht,
schneller nachgeben und das werk auch eine neue Orthographie heranführen wird, die
230 LAAS, DER DKUTSCHE AUFSATZ
im zerrirsencii ermatteten Doiit.scliland nichts bewerkstelligen konnte. Dann mag
selbst rlic erfahrne Verzögerung dem Wörterbuch zu statten konnnen, damit es gerade
mit dem beginn unseres umgestalteten öffentlichen lebens zusammen treffe. Alle vor-
geschlagnen abänderungen der Schreibung laufen darauf hinaus, die spräche durch
das ausscheiden schleppender buchstaben rascher, behender zu machen und mit der
Orthographie der meisten uns verwandten Völker in einklang zu bringen, das Wör-
terbuch, ^Yenn es gelingt, wird dadurch an ansehen und Verbreitung gewinnen.
Noch ein wort über den pedantischen grundsatz keine gleichlautigen fonnen
für verschiedne bedcutungen zu leiden, alle sprachen , die griechische und lateinische
mit einbegriffen , besitzen genug dergleichen Wörter und gerathen nie in Verlegenheit ;
das leben der rede, der Zusammenhang hebt alle zweifei. Schrieb man im 13 jh.
unbedenklich sin sui und sin esse , so sollen wir auch kein sein und seyn unterschei-
den wollen, so wenig -wir legen pouere und gelegen positus in der schritt sondern.
darum taugt die iriiterscheidung nichts zwischen «üjV^er contra lüie^Ze?- rursus , zwischen
loar fui und loalir verus u. s. w.
(BERLIN, IM APRUi 1849.) JACOB GRIMM.
Dr. Ernst Laas, Der deutsche Aufsatz in der ersten Gymnas ialklasse
(Prima.) Berlin, Weidmaunsche Buchhandlung. 1868. (Preis 1 thlr.)
Neben der festen umgränzung des lehrstoffes nnd der sichern durchbildung der
lehrniethode , welche innerhalb des gymnasial - Unterrichts der classischen philologie
und der mathematik zu gute kommen, fällt das vielerlei des gegenständes und eine
tastende, subjectivem ermessen und gelüsten masslos nachgebende behandlung an dem
lehrfach des deutschen auf, obwol demselben nach seiner bedeutung für den Organis-
mus des gymnasiuras die anerkennung der gleichberechtigung mit jenen discipliuen
längst zu theil geworden ist. Elemente der historischen grammatik, altdeutsche lec-
türe, lectüre neuerer litteraturwerke , poetik, litteraturgeschichte , logik und Psycho-
logie , freie vortrage , versification , aiifsatz — alles das sind materien , die erlaubter
oder vorgeschriebener raassen in den deutschen stunden der obersten gymnasialklassen
behandelt werden. Und so verschiedener auffassung unterliegt zur vergrösseruug des
Übels widerum jedes einzelne von jenen gebieten, dass nach beiden selten hin das
gesunde mittelniass, worauf die Vielheit der objecto selbst hinweist, aufs bedenklichste
überschritten und z, b. in der einen anstalt gotische grammatik und lectüre getrie-
ben wird, während auf der andern vielleicht die elementarsten begriffe der histo-
rischen grammatik unbekannt bleiben, dass man hier die deutschen stunden eines
ganzen Semesters oder mehrerer ausser dem aufsatze nur der logik widmet, während
anderswo widerum die Schülerschaft kaum bis zur Unterscheidung von umfang und
Inhalt eines begriffes gedeilit; dass in der einen schule fast nur noch Lessing gele-
sen, in einer andern sorgfältig geleiteten widerum sogar ein nichtclassiker wie ('lau-
dius für eine geeignete semesterlectüre gehalten wird; dass es schulen gibt, wo
in sämtlichen deutschen stunden kaum einmal ein schüler zu zusammenhangender
äusserung gelangt, während in andern in alter tradition das curiosum fortlebt, dass
die schüler mit ihren sogenannten freien vortragen ein drittel sämtlicher lehrstunden
ausfüllen.
Die Ursachen dieses misstandes liegen nur zum kleineren theile so offen da,
dass nicht von ihrer Untersuchung und erkenntuis die wesentlichste beihilfe für seine
bcseitigung erwartet werden dürfte. Von einer derartigen Untersuchung aber Averden
die Interessen der deutschen philologie aufs wesentlichste initberührt werden. Ihi-e
LAAS, DER DEUTSCHE AUFSATZ 231
beziehuugen zur schule überliaupt , zum deutschen uuterricJite vor allem sind unbe-
stritten. Wie aber stellt es wol mit einem aus Wissenschaft und praxis gleich sehr
liervorgediehenen versuche dieselben fest zu stellen? Sollten nicht sofort einige der
wichtigsten selten des deutschen unterriclYts der herschenden Unklarheit entrissen wer-
den, wenn es gelänge zu ermitteln, wie weit nunmehr die deutsche philologie, wie
sie dermalen ist, dem gymnasium nutzbar zu machen , nach Avelchen selten der Uni-
versitätsunterricht in dieser Wissenschaft vielleicht auszudehnen sei , ob es sich nicht
empfehle, anstalten der Vermittlung zwischen Avisseuschaft und schule, wie sie in
seminarien für französisch und englisch, für mathematik, für allgemeine pädagogik
bereits mit glück versucht , auch zum frommen zukünftiger deutschlclirer anzustreben,
wie es denn endlich mit dem praktischen erfolge der unzweifelhaft woldenkenden
fürsorge der gesetzgebung auf dem gebiete der prüfungsreglements , der lehrpläne
u. s. w. bestellt sei V Es sind dies fragen , für deren erörteruug sich die spalten die
ser Zeitschrift berufenen männeru der Wissenschaft und der schule immer gern öffnen
werden und deren lösung unausgesetzt im äuge zu behalten wünsch der heraus-
geber ist.
Aus diesem wünsche erscheint auch eine kurze erwälmung der monographie
gerechtfertigt, welche Dr. Ernst Laas soeben über den deutschen aufsatz iii der
ersten gymnasialklassc veröffentlicht hat. ,,Der dienst am deutschen aufsatz" ist
nach Laas die höchste und wichtigste der aufgaben des deutschlelu-crs in prima. In
ihm findet demgemäss die unter das fach des deutschen fallende Vielheit der gegen-
stände einheit und mitteljurnkt. Wie dieser grundgedanke des buches der pädagogi-
scheu klarheit, so macht seine durchführung der philosophischen bildung des Verfas-
sers ehre. Dabei ist ganz besonders zu loben , dass die k;aft logischer entwickelung
Laas nirgends verleitet, aus den schranken des durchführbaren herauszutreten. Es
sind eben erfahrungen und ertrage des Unterrichtes, aus denen dieses handbuch
erwachsen ist; nie verliert der Verfasser die reife und das wissen der schüler, eher
einmal die knappheit der Stundenzahl aus dem äuge, was um so weniger ein schade,
da eine immer gi-ündlichere erwägung der aufgaben des deutschen Unterrichts nach
seiner gewiss von vielen getheilten meinung auch die frage einer Vermehrung der
Stundenzahl immer ernstlicher hervordrängen wird. Es ist nicht möglich hier den
interessanten gedankengang zu widerholen , auf welchem der Verfasser bei der erkennt-
nis von wesen und zweck des deutschen aufsatzes anlangt. In der hauptsache wird
demselben die reproduction der auf der schule zuzuführenden nationalen bildungsele-
mente als aufgäbe überwiesen. Unter denselben steht , wie billig , dem Verfasser die
nationale litteratur voran, und wenn uns ihre Verwertung für den aufsatz wie die
der litteratur überhaupt, in dieser monographie unverhältnismässig stark betont
erscheint, so kann Laas doch keineswegs der Vorwurf gemacht werden , dass er den
religiös - sittlichen und politisch -patriotischen fond, den die Jugend auf unsern gym-
nasien vor allem andern gewinnen soll , verkannt oder übersehen luibe. Blit der Ver-
arbeitung der neueren deutsclien litteratur, wie Laas sie in lebendiger veranschau-
lichung vorschlägt und recht eigentlich dem lernbegierigen lehrer wie schüler vor-
macht, wird man im ganzen nur einverstanden sem können; die ältere zeit kommt
hier nur in wenigen paragraphen zur besprechung, — ist doch nach des Verfassers
absieht das mittelalter der kern , um den sich alles , was in ober - secunda in den
deutschen stunden getrieben wird, herum legt, und unser buch Avill prhna dienen.
Der grössere theil des starken bandcs enthält eingehende besprechung von
,, aufgaben, die aus dem unterrichte oder der privatlcctüre stammen." Diese mate-
rialien zu deutscheu aufsätzen werden , so steht zu hoffen , durch die gcdiegenheit des
232 STARK, KOSENAMKN
gohaltcs und die strenge nietliudc iliier anläge aus den liiinden der lelirer , welche
nicht ähnlich, wie Laas selbst, die deutschen theuiata aus dem ganzen des eignen
Unterrichtes und der schule zu gewinnen wissen , endlich jene unbeschreiblich seichten
hill'sinittel entfernen, welche als ein trauriges Zeugnis für den stand des deutschen
Unterrichts in Deutschland noch neuerdings in inuner neuen auflagen und fortsetzun-
gen erscliicnen sind.
BERLIN. E. HÖPFNER.
Die kuseuamen der Germanen, eine Studie von (Ir. Franz Stark. Mit drei
excursen: 1) über zun amen, 2) über den Ursprung der zusammen-
gesetzten namen, 3) über besondere friesische namensformen
und Verkürzungen. Wien, Tendier & C. 1868. 191 selten. (Preis 2 thlr.)
Der Verfasser dieser überaus fleissigen arbeit bezeichnet dieselbe als Vorarbeit
für ein germanisches uamenbuch, welches er in wissenschaftlich genügender Vollen-
dung noch vermisst. Und sicher war für die hypokoristischen namenformen , fast die
häufigsten und jedenfalls die schwierigsten, bis jetzt nur beiläufiges geschehen, es
fehlt gerade hier zumeist eine auch nur einigermassen vollständige samlung der for-
men und noch mehr an einer wirklich kritischen betrachtung und sichtung derselben.
Der herr Verfasser hat nun die kosenamen aus allen Jahrhunderten und nicht bloss
aus hoch - und niederdeutscher , angelsächsischer und altnordischer spräche zusammen-
gestellt: auch auf die französischen, spanischen, italienischen hypokoristischen Umfor-
mungen deutscher eigennamen ist er eingegangen, Das quintilianische plus habet
operis quam ostentationis kann er mit vollstem rechte von seinem buche sagen, das
in knappester form ein sehr reiches material (wie dcf index von I — XII ausweist)
verarbeitet. Folgen wir zunächst dem zu bahnen höchst mühevollen , jezt aber auch
für minder gerüstete gangbar gemachten wege, der uns eine reiche fülle des beleh-
renden neuen bieten wird. Alle einfachen namen sind (s. 10) Verkürzungen und zwar
hypokoristische Verkürzungen ursprünglich zusammengesetzter eigennamen ; dieser ein-
fachen namen wird nun eine ziemlich reiche anzahl aus allen deutschen stänmien
und vom 5. Jahrhundert an zusammengestellt, und zwar zuerst solche welche den
ersten, dann solche welche den zweiten bestandteil der composition aufgegeben haben.
Einzelne wie Burgundofaro , welcher name als Faro und als Burgundo verkürzt vor-
komt, gehören zu beiden Massen. Dieser samlung, welche keineswegs vollständig
ist und nur zahlreiche beispiele bieten soll, folgt dann s. 19 f. die besprechung
der .änderungen, welche die einfach verkürzten namen, und zwar immer nur
an der auslautenden (einfachen oder doppelten) cousonanz des stammes erlitten
haben: diese, in den verkürzten namen oft als inlaut erscheinend, wird bisweilen
geradezu verdoppelt , z. b. Ricca = Eigilda , Sicco = Sibertus , Sifridus (wie ja ahd.
gern einfache consonanz zwischen vocaleu verdoppelt wird s. 20); häufiger (s. 21 f.)
aber zeigt sie nur den schein der Verdoppelung, indem doppelte stanuuschliessende
consonanz gern sich assimiliert, was an verschiedenen cousonanteugruppen , deren
erster laut stets 1 n r oder h ist, in zahlreichen beispielen nachgewiesen wird. —
Aber auch fernere Verkürzungen erleiden diese schon durch Verkürzung entstandenen
namen , da sie 1) (so meist romanische und friesische formen) den schlussconsouant der
Wurzel (k h d g 1 n) verflüchtigen, wie Huon, Huo = Hugo (s. 37); oder 2) namen
mit consonantischer ableitung diese entweder oder den vor ihr die wurzel schliessen-
den consonauten abwerfen , z. b. s. 41 von ragin Eagfridus , s. 4G. Aalram für x\.dal-
ram. Alle diese hj-pokoristischen formen können nun deminutiou erleiden, die drei-
facher art ist, je nachdem ihr einfache, veränderte oder verkürzte hypokorismeu zu
ST^VRK, KOSENAMEN 233
gründe liegen (s. 53); sie erfolgt durcli den vocal i, durch 1 k z lin und chin. Auch
diese deminutiva erleiden nun wieder verschiedene Verkürzungen (65) , zunächst durch
causfall des vocals der deminutivendung , welcher oft den Verlust des consonantischen
Wurzelauslautes mit veranlasst, so namentlich in friesischen namen und in angel-
sächsischen. Bei den deminutiven mit k und 1 sch^vindet , wenn der auslaut der Wur-
zel ein kehllaut ist, dieser oft und der vokal der deminuierenden endung bleibt (74),
z. b. Aiko für Agiko u. s. av. Ebenso geschieht es bei den mit z deminuierenden
Worten, nur dass vor diesem z auch w 1 n (m) und r des stanimes häufig weichen.
Von s. 90 an bespricht der Verfasser nun die widerholte deminution , indem 1) die erste
unverkürzt bleibt und dann noch (doch nur die bildungen mit 1, z und in) durch i
weiter verkleinert wird, z. b. Siutili; oder 2) die erste deminution ist verkürzt und
dann sind die deminutiva auf 1 k z einer zweiten deminution fähig. Nachdem nun
alle die vom vollen namen im auslaut abfallenden stamme und die welche bleiben oder
abfallen zusammengestellt sind , nach einigen bemerkungen über alter und Verbreitung
der hypokoristischen einstämmigen formen , folgt dann s. 103 die besprechung der
zweistämmigen kosenamen, die zwar nicht so zahlreich, für die erkentnis aber durch
die in ihnen meist herschende contraction ganz besonders schwierig sind. Denn alle
zweistämmigen hierher gehörigen formen sind entweder einfach zusammengezogen
oder zugleich zusammengezogen und verkleinert. Die contraktion, die sie erleiden,
ist dreifacher art : indem entweder der erste theil des componierten namens hauptsäch-
lich (unverkürzt oder verkürzt) bewahrt wird und vom zweiten theil nur der anlautende
(auslautende s. 104 ist druckfehler) consonant ; oder 2) (133) der zweite stamm hauptsäch-
lich gewahrt wird und vom ersten nur der an- oder auslautende consonant erscheint,
eine seltene und mehr der gelehrsamkeit angehörende contractionsweise ; oder 3) (114)
indem beide stamme in der zusammengezogenen form gleichmässig vertreten sind.
Die Verkleinerung dieser zusanmiengezogenen namen (141) findet sich nur durch 1 k z
(ableitungen auch mit -n , -t) und nur von den contrahierten namen , welche den ersten
stamm bewahrt haben. Auch diesen zweiten theil des wei'kes schliesst der Verfasser
mit der betrachtung der zusammengezogenen namen nach zeit und ort ihres Vor-
kommens.
Dieser rahmen wird nun belebt durch eine reiche fülle von beispielen, deren
jedes einzelne, wie es uns bei Stark vorliegt, ein genaues historisches luid etymo-
logisches Studium voraussetzt. Als besonders wertvoll möchten wir die besprechung
und erklärung der schwierigen zusammengezogenen formen bezeichnen, da hier gar
manches sprachrätsel seine erledigung findet; und es ist kein beispiel, wo nicht
wenigstens bedeutende fingerzeige der erklärung gegeben werden. Man wird mit
herrn Stark nicht rechten dürfen , dass er nicht das ganze reiche material , das ihm
zu geböte stand, gegeben hat, da er ja kein germanisches nainenbuch selbst, son-
dern nur eine studie dazu, nur die erläuterung der hypokoristischen namenverände-
rung in ihren principien geben wollte. Und in dieser erläuterung sowol wie in der
methodischen classiflcierung , sowie ferner in der genauen beobachtung der einzelnen
formen bei der bestimmung , wohin sie gehören , gerade in dieser naturwissenschaft-
lichen schärfe der beobachtung und der methode möchten wir einen hauptvorzug die-
ses buches sehen, der uns den lebhaften wünsch aussprechen lässt, dass der Verfas-
ser auf diesem felde, das des ausbaues noch so sehr bedarf, bald neue ernte halten
wollte. Namentlich wichtig wird es sein , wenn er ganz durcliführt, was er in dieser
Studie schon anbahnt , eine möglichst strenge Scheidung keltisches und germanisches
sprachgutes, welches jetzt noch vielfach in den eigennamen durcheinander gewirrt ist.
Und fast noch wichtiger ist die andere Vorarbeit , welche der Verfasser für nötig
234 STARK, KOSENAMEN
hält: fTCuauo darstellung der veräiulerungen , welche gerinanisclic iiaiacnslormeu in
romaiiisehor und griechisch-römischer zunge erfahren haben , denn liieraus wird neben
der namenforschuug auch die Sprachwissenschaft im allgemeinen die reichsten fruchte
ernten.
Indes, so wichtig diese arbeiten sein Averden: das ist doch zu viel gesagt,
wenn der Verfasser behauptet (vorwort) , dass zu einem Avissenschaftlichen germani-
schen namenbuch bis jetzt alles, auch jede Vorarbeit vermisst werde. Mag auch För-
stemauns namenbuch manche und nicht unbedeutende schwächen haben : in vieler
weise hat er das rechte getroffen und gerade zu etymologischer Verarbeitung ist seine
samlung und Zusammenstellung wertvoll. Und ist Potts namenbuch nicht eine unschätz-
bare Vorarbeit für jeden, der speciel sammeln will? Allerdings ist Potts werk auf
sehr weite gesichtspunkte berechnet. Aber wenn hen* Stark in vorliegender studie,
welche nur die deutschen hypokoristischen namen besprechen soll, sich mit recht
nur aufs deutsche beschränkt, so wii'd ein germanisches allgemeines namenbuch ganz
unmöglich sein ohne sprach- und sittenvergleichung. Gar vieles was bei uns dunkel
ist, Avird sich aufhellen von Eom, Griechenland, Asien her; wie ja das Pott im ein-
zelnen schon gezeigt hat. Und in einem stück scheint uns die beschränkung des
herrn Verfassers auch für diese studie zu knapp: allerdings erwähnt er einzelne nhd.
namenbildungen , aber er engt sich vielfach zu sehr aufs niittelalter ein. Gar man-
ches sjjrachgesetz — denn diese gesetze dauern und wirken lange — wird seine
erläuterung in modernen erscheiuuugen finden; oder entgegenstehendes nhd. muss
widerlegt, entkräftet werden, wenn es nicht der arbeit schaden soll. Ein beisj)iel
mag klar machen , was wir wollen. Der herr Verfasser stellt die behauptung auf,
die einfachen namen seien alle hypokoristisch (s. 10 excurs. 2). Hier hätte man nun
den beweis schärfer gewünscht. Herr Stark gibt uns zahlreiche beispiele (s. 12 — 19),
aber hier musten alle einstämmigen formen angeführt und als ursprünglich mehrsil-
big dargelegt Averdeu, da jedes einzelne nicht erwähnte beispiel die regel umstossen
kaim. Auch die Art , Avie diese beispiele gegeben Averden , ist gar zu knapp ; da heisst
es Vulfus = Hunulfus Jörn, c 54 (und so die übrigen beispiele) , während hier der
leser gleich den vollen beweis finden muste , dass Avirklich VuLfus dort gleich Hunul-
fus sei und ferner, dass wirklich nirgends Wulf als einstämmiger eigenname vor-
komt. Und auch die behauptung, Avelche Avir s. 57 lesen, dass ein überblick über
die namengebilde der vorliegenden schrift schon deutlich bcAviese , die Germanen hät-
ten schon beim ersten erscheinen in der geschichte ihre namen aus zAvei Avörtern
durch Zusammensetzung gebildet und schon damals hypokoristisch gekürzt, diese
behauptung bcAveist nichts und ist in dieser allgemeinheit schAverlich richtig. Vul-
fila der Goten bischof hat nur diesen namen , uüd Aväre dieser durch hypokoristische
zunächst abAverfung des zweiten theiles und dann deminution entstanden , sicher Aväre
uns bei der Stellung seines trägers der volle name überliefert. Ebenso ist es mit
anderen, z. b. Hraban. Hugo, Berta, Bruno sind heutzutage noch gebräuchliche
einstämmige namen, zu denen es gar keine vollere form gibt; es Aväre doch auffal-
lend , Avenn die spräche so sehr in allen diesen Verkürzungen versteüieii Aväre , dass
sie auch jede möglichkeit der composition bei ihnen vergessen hätte. Waren diese
einfachen Avorte aber volle namen von jeher, so hat dies nichts auffaUeudes. Und
warum sollen die Germanen alle einstämmigen namen aufgegeben haben, da sie doch
so viele verwaute Völker , Griechen , Römer u. s. av. beibehielten ? Auch der erklä-
rungsversuch des Verfassers für die entstehung tler zusammengesetzten namen ist nicht
durchschlagend. Er meint (s. 158 — 163), diese composita seien alle durch Verbindun-
gen der elterlichen oder sonst verAvantschaftlichen namen entstanden. Aber so kön-
STABK , KOSENAMEN 235
neu unmöglich alle diese mehrstäininigeu formen entstanden sein ; da sie zu deutlich
oft nach anderen principien gebaut, zu häufig von schlacht und krieg u. s. w. ent-
lehnt oder mythologischen Ursprungs sind u. dergl. m. In vielen, ja in den meisten
fällen hat gewiss der Verfasser ganz recht: in dieser allgemeinheit wird er aber den
satz kaum durcliführen können; wenigstens bis jetzt ist ihm der beweis noch nicht
gelungen.
Dies war das hauptbedenken , was wir gegen das buch , das gerade hierauf
grosses gewicht legt, hatten. Noch etwas anderes sei erwähnt. Herr Stark meint
s. 20, dass die Verdoppelung des consonantischen wurzelauslautes in einstämmigen
Verkürzungen wie Sicco = Sigbertus, Sigfrid lediglich aus der Vorliebe des ahd.
für doppelte consonanz zwischen zwei vokalen stamme. Wir sehen in dieser Verdop-
pelung etwas ganz speciel absichtliches. Solche hypokorisraen dienen einmal als
kosenamen, zweitens aber zum ruf. Alle jene Verkürzungen mit doppelter consonanz
haben kurzen vokal : man wolte den namen kürzen , um ihn zum ruf , zur rasch
lebendigen anrede brauchbarer zu machen , wie das indogermanische im vocativ immer
die kürzeste Stammform setzt. Zugleich aber hat jene Verschärfung des lautes etwas
zärtliches: der name Hess sich rascher aussprechen; die stimme sprach intensiver den
geliebten klang aus. Man bemerke wie auch die natürlichsten kosenamen dieselbe
form haben: pappa, mamnia, (Ütu u. s. av. So erldären wir uns auch die Vorliebe
für assimilationen in solchen namen (s. 21 — 32). Diese crscheinung berührt sich in
ihrem inneren wesen mit reduplicierenden eigennamen, wie Boppo, Poppo (über wel-
chen namen auch herr Stark zweifelt), Lili, Minii u. s. w. , deren reduplication auch
kosend gemeint zu sem scheint. Doch verdienen diese formen eine eingehendere
besprechung.
Wenn sich nun so )uanches einzelne findet, worüber man mit dem herrn Ver-
fasser vielleicht verscliiedener meinung ist : mit seinem ganzen gang und mit den auf
feinster beobachtung beruhenden einzelnen gesetzen , die er aufstellt, kann man es
nicht sein; und sprechen wir mit wärmstem Dank für die mannigfaltige und sichere
belehrung , welche das buch gewährt , unsere Überzeugung dahin aus , dass herr Stark
die forschung über deutsche namen aufs wesentlichste gefördert hat, sowie die hof-
nung und den dringenden wünsch , dass es ihm gefallen möge, auch die übrigen vor-
arbeiten, die er und wir alle mit ihm für nötig erachten, auszuarbeiten. Wer mit
so jahrelangem eingehenden fleiss und Scharfsinn auf diesem felde gearbeitet me er,
der ist vne keiner dazu berufen. Und dürfen wir schliesslich noch eine kleinigkeit
erwähnen, die freilich nur auf die äussere einrichtung des buches geht? Die strengste
knajipheit ist in demselben überall gesetz, resultate, worüber man selten füllen könte
und bisweilen gern gefüllt sähe, werden oft nur in einem satz hingestellt. Auch die
quellenangabcn , auf der grösten belesenheit und den umfassendsten Studien- beruhend
und nirgends felilend , sind gleichfalls möglichst kurz angeführt. Hätte es doch herrn
Stark gefallen, ein Verzeichnis derselben zu geben, da sie zu überschauen bei ihrem
reichtum und ihrer ausdehnung über lange Jahrhunderte und verschiedene Völker von
litteraturgeschichtlichcr Wichtigkeit sein dürfte.
Und hiermit nehmen wir abschied vom Verfasser, indem wir seine studie
gleichmässig dem philologen wie dem historikcr enijifehlen: denn auch dieser wird
eine reiche quelle wichtiger belehrung in derselben finden.
MAGDEBURG. GEORG GERLAND.
236 METHNER, SPRACHLEHRE
Dr. J. Methuer, ciuführuug in die deutsche Sprachlehre. Guesen, Lange
1868. 94 s. (Preis 10 Sgr.)
Das bücUein enthält {§. 1 — -i) eine kurze Schilderung der Wortbildung der
indogermanischen Ursprache (in einer annicrkung avxch einiges über den semitischen,
isolierenden und agglutinierenden Sprachbau) sowie eine kurze erklärung des Ver-
falls der Üexionen. Dann folgt (§. 5 — 9) ein geschichtlicher abriss der Völker -
und Sprachspaltungen , wie sie der indogermanische stamm zeigt , ganz nach Schlei-
cher, dessen figürliche darstellung der Völkertrennungen der Verfasser §. 9 benuzt.
§. 10 — 16 besprechen zunächst die lautverschiebung , dann die Spaltung der deut-
schen gruudsprache in grunddeutsch , goth. , altn. , geben darauf eine erklärung des
Wortes deutsch, um schliesslich den ablaut ganz und gar nach Schleichers vorgange
zu behandeln. §§. 17 — 22 enthalten einige kurze bemerkungen zur goth. flexion,
wozu die paradigmen (in nebeneinanderstellung mit den betreffenden ahd. , mhd. for-
men) s. 50 f. gegeben werden. Nachdem sodann die zweite lautverschiebung und
(§. 28) eine reihe beispiele zu beiden, sowie die vocaleigentümliclikeiten des ahd.
(— §. 32) angeführt sind, folgen bemerkungen zur ahd. flexion mit hinweisung auf
die paradigmen sowie einiges über die ahd. und alts. litteratur; endlich Schleichers
figur, welche die Verzweigung der deutschen spräche darstellen soll. Ausführlicher
Avird von §. 44 — 69 das mhd. nach seiner lautgestalt, seinen regelmässigen und
unregelmässigen formen , seiner quantität besprochen , und dann zum nhd. übergegan-
gen, dessen entstehungsweise und ihre consequeuzen §§. 70—72 (s. 30 — 32) enthal-
ten, dessen vocalismus (auch wieder durchaus nach Schleicher) §§. 73—77 (s. 32 —
37), dessen fiexiouen §§. 78—100 (s. 37 — 49) behandeln. Die ausführlichkeit der
behau dl ung nimmt also zu, je näher die sprachperiode uns selbst liegt; sie ist im
nhd. verhältnismässig sehr eingehend. An die schon erwähnten goth., ahd., mhd.,
nhd. paradigmen schliesst sich dann von s. 63 — 73 die erklärung einiger nhd. Wörter
von verdunkelter abstammung, worin indes referent nur allbekanntes aus Grimm,
Dietz u. s. w. fand, neben manchem keineswegs richtigem; namentlich ist die erklä-
rung der eigennamen nicht immer geglückt. Einige goth. und ahd. sprachformen
nebst kleinen Wortverzeichnissen schliessen das ganze.
Der herr Verfasser sagt selbst in der vorrede, dass er nichts oder nur ganz
einzeln neues biete, dass er sich hauptsächlich an Schleicher anschliesse und dass
der zweck dieser seiner Zusammenstellung nur ein pädagogischer sei. Die beurtei-
lung des heftes wird also eigentlich um- eine pädagogische sein können. Da drängt
sich aber gleich folgende bemerkung auf. Sollen derartige dinge auf der schule schon
behandelt Averden, so darf man doch auf keinen fall (worin alle einig sind) die schü-
1er mit dem zweifelhaften, dessen gerade das neubebaute feld des deutschen und der
linguistik so vieles bietet, vertraut machen: nur möglichst sichere ergebnisse der
forschung eignen sich für ihn. Die Schleicherschen theorien — über die wir hier
nicht zu urteilen haben und nicht ui-teilen wollen — werden sich also schon von die-
sem gesichtspunkte aus für die schule ganz und gar nicht empfelüen ; denn sie sind
noch sehr bestritten und in manchen fällen geradezu von der mehrheit der sachkun-
digen abgelehnt.
Aber auch wenn der herr Verfasser nur allgemein anerkannte resultate gegeben
hätte, so fragt sich doch, ob überhaupt derartiges schon auf die schule gehört.
Zunächst verneint sich das bei vielen einzelnheiten des büchleins. Was sollen dem
Schüler die mannigfaltigen specialitäten in etymologie und namendeutung ? wo steckt
da die mindeste formal bildende kraft für ein jugendliches gemütV wird nicht der
Unterricht durch solche methode einer doppelten gefahr ausgesetzt, einmal der zer-
METHNER , SPRACHLEHRE 237
splitterung in kleinigkeiten und dann der viel grösseren , dass er ausarte in dilettan-
tische Spielerei, sowol bei lehrern als schülern? Nur ganz sichere kraft und grosse
gelelu-samkeit kann wirklich sicher etymologisieren , und diese bei allen lehrern des
deutschen vorauszusetzen wäre docli nicht praktisch; die gegebenen beispiele reizen
aber solche versuche nur allzusehr. Und man weiss ja, wie gern die schüler aus dem
strengen ernste des Unterrichts heraus ins spielende verfallen; gerade der deutsche
Unterricht ist dieser gefahr so sehr ausgesetzt, und wodurch wird diese mehr herbei-
geführt, als durch ein solches etjnnologisieren , wie es der herr Verfasser sehr zu lie-
ben scheint, da es uns öfter in seinem büclilein begegnet? So gibt er auch sonst
viel zu viel für den schüler. Wie in aller weit gehört das was wir in der anmerkung
s. 2 lesen über hebräisch und isolierenden und agglutinierenden Sprachbau zu dem
was der schüler ,,als gebildeter mensch von spräche und sprachlichem leben mssen
muss" (vorrede s. 1)? Wenn diese kenntnis ein notwendiges requisit auch nur eines
auf der Universität gebildeten menschen ist, so sieht es mit der bildung scheu aus
in Deutschland. Unter 10 studierten wird kaum einer diese kenntnisse besitzen , die
wir hier den primanern und secundanern lehren sollen. Freilich steht das nur in der
anmerkung, aber die anmerkung nimmt über eine halbe seite ein.
Doch, kann man sagen, das sind einzelnheiten und ein geschickter lehrer —
ein geschickter lehrer ! als ob alle lehrer geschickte wären ! Wie wenn nun das buch
einem ungeschickten in die band fiele und dieser darnach unterrichten wolte oder
solte ? Freilich geben wir zu , dass auch hierin noch nicht der hauptfehler des buches
steckt. Der steckt tiefer. Und wo?
Die antwort hierauf trifft nicht nur dies büchlein; sie trifft den ganzen lehr-
plan des modernen Schulwesens. Goth. , ahd. , mhd. gehört überhaupt noch nicht auf
ein gymnasium, aus vielen gründen, von denen wir hier nur einige kurz berühren
wollen. Die schule hat hauptsächlich eine erzieherische thätigkeit; sie darf nichts
lehren , was nicht auf verstand oder gemüt des schülers einen erzieherischen , d. h.
formal bildenden einfluss hat. Das aber hat dieser Unterricht im deutschen nicht.
Denn ganz abgesehen davon , dass die werke der altd. dichter meist so tief unter den
classischen stehen , so liegt die spräche , die ganze innere spracliform des altd. unse-
rer jetzigen spräche viel zu nahe , als dass sich das altd. wirklich als formal bildend
ausweisen könnte. Alles das , was das altd. leisten soll, seiner natur nach aber nicht
leisten kann — womit selbstverständlich nicht das altd. herabgesetzt, sondern nur
einer anderen sphäre zugewiesen wird — das leistet ein gut betriebener Unterricht
in den klassischen sprachen, welcher dem schüler auch schon für seinen Standpunkt
zur genüge die sprachen in ihrer geschichtlichen entwickelung vorführen kann. Wie
will man denn in prima und secunda z. b. den griechischen Unterricht anders hand-
haben, als dass der schüler einen klaren einblick in den unterschied des homerischen,
attischen, dorischen erhält und liegt es nicht nahe (vorausgesetzt dass jenes bedürf-
nis, eine spräche geschichtlich kennen zu lernen, da ist) hier eine solche geschicht-
liche entwickelung, die des erklärenden manches bieten wird, zu geben? Auch wird
dies viel fruchtbarer sein, als die darstellung der geschichte der deutschen spräche,
weil wir bei letzterer aus naheliegenden gründen zu sehr unter der herschaft des
objects stehen und stehen müssen, während die griechische spräche als durchaus freies
object uns gegenüber steht.
Man spricht fortwährend von concentration des Unterrichtes: und mit vollem
recht. Aber man rede nicht nur von diesen dingen: man führe sie auch durch. Und
das ist wahrlich keine concentration , wenn man der schule immer mehr und mehr
zuschiebt. Man verwechselt zweierlei: das was man selbst sern treibt und was mit
238 METHNEB. RPRACHLEHBE
cinigorinasscn fähigen scliiileni gewiss v(>cht unterhaltcnrl sein kann nnd das was zur
ernsten zuclit des gcistes gehört. Gerade wir in unserer zeit haben uns vor dem all-
zuviel , der zers)>litternng zu hüten. Hat ein schüler das alles schon auf der schule
so zu sagen gar gekocht vorgesetzt bekommen , wozu soll er es nocli auf der Univer-
sität hören? Statt also dass man durch diese schulanleitung den appetit der Jüng-
linge reizt, stumpft man ilm ab und macht einer seichten, aburteilenden viel- und
alleswisserei bahn. Ganz anders würde man diese und alle Studien fördern, wenn
man statt dieses zertreuenden vielerlei die kraft mehr auf die klassischen sprachen
conccntrierte ; man würde den schülei'n die geistige frische und dadurch kraft und
lust zu weitern stndien lassen.
Der räum verbietet hier mehr zu geben als andeutungen , indes lässt sich aus
diesen deutlich sehen, was wir von dem plane, den der herr Verfasser seinem buche zu
gründe gelegt hat, denken. Wir halten ihn für einen absolut falschen und weit ent-
fernt mit dem vorwort (s. 1) es als ein erfreuliches zeichen anzusehen , dass fortwäh-
rend neue lehrbücher u. s. w. der deutschen spräche geschrieben werden, sehen wir
darin nur ein zeichen, dass eben ein wirklich die sache förderndes lehrbuch für schu-
len nicht geschrieben werden kann und daher erscheinen stets neue und neue. Und
warum keins geschrieben werden kann? weil die sache in sich eine ganz verfehlte,
die lösung also eine unmögliche ist.
Der herr Verfasser gibt dann eine sehr ausführliche grammatik des nhd. Gegen
grammatikalischen Unterricht im nhd. sind wir unbedingt, auch wenn er, wie hier
für die prima bestirnt ist. Der schüler kann seine muttersprache sprechen, er
fühlt, «r denkt in ihr. Was soll er das, was er kann, lernen? aus einem buche ler-
nen? Man wird bei der lectüre deutscher gedichte, beim schreiben der aufsätze und
noch mehr beim Unterricht in den klassischen sprachen schon in den mittleren klas-
sen sehr oft auf die flexion der muttersprache hinweisen xind sie dadurch der haupt-
sache nach dem schüler, fast ohne dass er es merkt und ohne ihn mit stunden über
deutsche grammatik zu langweilen , in ihrer formung klar und begreiflich machen
können. Ja man wird dies thun müssen, wenn der Unterricht in den klassischen
sprachen möglichst fruclitbar sein soll. Weiter aber darf man nichts thun , wenn man
nicht unnütz kraft und zeit der schüler vergeuden will. Der deutsche Unterricht an
deutschen gymnasien hat ja doch nur dann sinn, wenn er zur erläuterung der mei-
sterwerkc unserer Schriftsteller (auch gegen litteraturgeschichte auf gj-mnasien sind
wir aus mehr als einem gründe) zur ausbildung der fähigkeit eigene gedanken in der
muttersprache zusammenhängend zu entwickeln und zur logischen proptedeutik dient.
Es ergibt sich hieraus , wie wenig referent mit dem auf s. II. vorgetragenen lehrplan
des deutschen, wie ihn der herr Verfasser sich denkt, einverstanden sein kann.
Musten wir so das büchlein als völlig unbrauchbar für schulen — nicht für
schüler ; will einer privatim sich im altd. unterrichten , er wird des anregenden und
für ihn belehrenden viel in dieser einführung finden — musten wir es für schulen
als völlig unbrauchbar bezeichnen; so ist es auch wenigstens völlig überflüssig für
lehrer. Denn so gut wie der herr Verfasser den Schleicher und Bopp und Grimm
und vielleicht. noch Steinthals Charakteristik oder sonst ein handliches buch hernahm
und daraus seine Zusammenstellung machte, so gut kann dies jeder lehrer selbst
thun. Ja er muss es thun und muss mehr thun; denn heut zu tage muss von jedem
der griechisch und lateinisch unterrichten will, verlaugt werden, dass eres nicht
nur kann, sondern auch kennt, d. h. also die historische entwickelung der einzel-
nen sitrachen studiert hat aus Bopp und Pott und Schleicher u. s. w., dass er die
schüler einführen kann in das innere Verständnis dieser sin-aclien, ilircs baues, ihrer
PISCHONS LEITFADEN 239
gleichlieiten und tingleichheiten untereinander und in bezielmng auf das deutsche. Und
das gleiche muss man in seinem fache von jedem lehrer des deutschen erwarten. Wer
nicht die deutsche spräche s o kennt , dass er bescheid weiss mit den hauptepochen
ihrer entwickelung und die haupterscheinungen ihrer jetzigen gestalt erklären kann,
der ist, auch für sexta, zum deutschen lehrer unbrauchbar — oder sollte es iloch
sein. Haben aber die deutschen lehrer diese kenntnisse und haben sie wom(3glich
in den anderen klassen auch das lateinische in der band, in den oberen klasscn
wenigstens einen teil des klassischen Unterrichts; dann wird, wie wir schon sag-
ten, ganz unvermerkt die richtige erkenntnis der deutschen formen den schülern zu
theil werden und es bedarf erst recht keines Specialunterrichts über diese.
Für die schule also halten wir das buch unbrauchbar, und für den lehrer, den
studierten philologen, mindestens unnütz. Den gebildeten nicht - philoIogen , will
einer von diesen sich mit dem eingehenderen Studium der deutschen grammatik
beschäftigen ohne zu viel und zu tief zu forschen, können wir hingegen das büch-
lein mit gutem gewissen empfehlen. Er findet das für ihn wesentliche beisammen
und kleine fehler stören ihn nicht. Uns aber möge der herr Verfasser dies freimü-
thige äusseren unserer ansieht nicht anders deuten , denn als reinen eifer für das eine
gute ziel, dem auch er zusteuernd seine Zusammenstellung schrieb: als eifer für die
Jugend unseres deutschen volkes, auf der seine hoffnung und seine zukunft beruht
und für die daher nur das beste gut genug ist.
MAGDEBURG. GEORG GERLAND.
Pischou's leitfaden zur geschichte der deutschen litteratur. Drei-
zehnte, vermehrte und verbesserte Auflage bearbeitet von K. J.
H. Palm, Oberlehrer am Gymnasium zu St. Maria Magdalena in
Breslau. Leipzig, Duncker und Humblot. VIII, 247 S. 8. (18 Sgr.)
Wenn ein buch wie Pischons leitfaden zur deutschen litteraturgeschichte im
verlaufe von nahezu vierzig jähren bis zur dreizehnten aufläge gediehen ist, wenn es
so weite Verbreitung gefunden hat und zu einem so viel gebrauchten schulbuche
geworden ist, so gibt diese erscheinung zwar noch keinen vollgiltigen und entschei-
denden beweis gediegenen werthes, denn: habent sua fata libelli; wol aber erweckt
sie eine recht günstige meinung, mahnt aber auch gleichzeitig zu der frage, welchen
Ursachen es wol solchen erfolg verdanke, und ob es nun, nach einem menschen-
alter, in wissenschaftlicher wie in pädagogischer beziehung noch auf der höhe der
zeit stehe.
Der Prediger Pischon in Berlin war kein germanist von fach , sondern ein dilet-
tant, zwar einer der bessern art, der mit eifer darnach strebte, eine umfassendere
kenntnis der älteren wie neueren deutschen litteratur sich selbst zu erwerben und
in weitern kreisen zu verbreiten, immerhin aber war und l)lieb er ein dilettant, der
nie bis zur wirklichen kennerschaft und meisterschaft durchdrang, und deshalb kön-
nen denn auch die von iluu ver()ft entlichten werke zur deutschen litteraturgeschichte
die mängel dieses dilettantischen Ursprunges nicht verläugnen. So zeigen in den
„Denkmälern der deutschen Sprache von den fiiihesten Zeiten bis jetzt," welche er
in G bänden als ,,Beisi)ielsamlung" zu seinem litterargeschichtlichen leitfaden her-
ausgab, diejenigen altdeutschen stücke, welche er selbst aus nicht eben schwer les-
baren handschriften geschöpft liat, so viele und so erhebliche fehler, dass diese stücke
für den wissenschaftlichen gebrauch ungeeignet sind.
240 PISCHONS LEITFADEN
Als Pisclioii im jähre 1830 die erste aufläge seines „Leitfadens" erscheinen
Hess hatten die brüder Grimm und Ladimanu ilire mächtigen forschungen bereits
begonnen , aus welchen die Wissenschaft der deutsclien jihilologie und mit dieser auch
eine völlig veränderte gestaltung und auft'assung der deutschen litteraturgeschichte
erwuchs. An übersichtlich zusammenfassenden darstellungen der deutschen litteratur-
geschichte , welche bereits einen hauch des neuen geistes verspüren Hessen , Avar
damals kaum schon etwas anderes nennenswertes vorhandqji als Wachlers Vorlesungen
und Kobersteins grundris. Wachlers werk, obschon sich auszeichnend durch weite
des blickes , bot doch zu wenig wirklich wissenschaftliche forschung und stand zu sehr
unter herschaft der phrase , sodass es bald hinter dem fortschritte der neuen Wis-
senschaft zurückblieb und ganz in Vergessenheit gerieth. Koberstein schlug einen
ganz anderen weg ein. Als wirklicher kenner und forscher erweiterte er sein büch-
leiu allmählich zu einer drei starke octavbände umfassenden darstellung, in welcher
die der altdeutschen litteratur gewidmete abtheilung eine mit vorsichtigster kritik
ausgearbeitete Übersicht der von anderen forschern gewonnenen ergebnisse enthält,
während die der neueren zeit gewidmeten drittehalb bände überwiegend auf eigener
selbständiger Quellenforschung beruhen , deren fülle , gründlichkeit und gewissenhaf-
tigkeit so leicht nicht mrd übertroffen werden.
Pischon stand also damals einer neuen noch in den anfangen begriffenen Wis-
senschaft gegenüber, deren mächtige Schlaglichter eben erst begannen das innere
leben der deutschen litteratur zu erhellen. Eine übersichtliche zusammenhängende
darstellung dieses inneren lebens war ihm mithin noch unmöglich. Er beschränkte
sich deshalb im wesentlichen auf eine blosse äusserliche aneinanderreihung des Stof-
fes, und selbst für diese fehlte es ihm noch an Vorgängern, aus deren verwanten,
theils gelungenen , theils misluugenen bestrebungeu er hätte beispiel und lehre schöpfen
können. So war es denn kaum zu vermeiden, dass sich sogar in die aufzähluug des
thatsächlichen eine nicht unerhebliche zahl von irrtümern und fehlem einschKch.
Nichtsdestoweniger war sein bestreben, in einer übersichtlichen aufzählung des that-
säclilicheu der litteraturgeschichte die ergebnisse der neusten germanistischen for-
schung einzureihen und zu verwerten, sehr dankenswert, und ward auch mit wol-
verdieutem beifalle aufgenommen. Diesen beifall seinem buche zu erhalten blieb er
auch bis zu der letzten von ihm selbst besorgen aufläge , der elften vom jähre 1856,
fortwährend bemüht, indem er unausgesetzt besserte und nachtrug; und sein, noch
in. der vorrede der elften aufläge bestimt ausgesprochenes hauptziel blieb nach wie
vor, einen ,, klaren überblick des ganzen der litteraturgeschichte , der in grösse-
ren werken zu leicht verloren geht, für ein studium auf schulen" zu liefern.
Allmählich aber war binnen 26 jähren durch die menge der nachtrage das buch ziem-
lich auf das doppelte seines ursprünglichen umfanges angewachsen , und während die
von haus aus unzweckmässige und verfehlte anläge dieselbe blieb , wucherten die ein-
zelnen notizen über das mass dessen hinaus was die schule ertragen kann. Pischon
spürte diesen übelstand auch selbst, und Hess deshalb schliesslich ,, namentlich in der
neueren zeit, bei der Übersicht der romanlitteratur , dichtkunst und behandlung der
Sprache" manches geänderte oder neu aufgenommene, weil es „nicht notwendig zum
vortrage" gehörte „mit kleineren lettern drucken. '^ So hatte das werk allmäliHch
etwas von dem Charakter eines Schulbuches verloren und dafür etwas von dem Cha-
rakter eines repertoriums angenommen.
In diesem zustande überkam, nach dem im jähre 1857 erfolgten tode des Ver-
fassers , der director des gymnasiums zu Thorn , dr. Passow , das buch , als er von
der Verlagshandlung mit ausarbeitung der 12. aufläge betraut wurde. Passow erkannte
PISCHONS LEITFADEN 241
die principiellen grundmängel desselben mit sehr richtigem blicke, und sprach sich
in der vorrede sehr verstcändig darüber aus. Zwar behielt er , theils aus pietät gegen
den verstorbenen Verfasser, theils aus mangel an zeit, die anläge bei, auch da, wo
er sie nicht für zweckmässig erachtete, aber er minderte den für schulzwecke über-
mässig angeschwollenen stoff um mehr als zwei bogen. Wol wüste er. dass er für
den unmittelbaren zweck des Unterrichtes die kürzung noch ein gut theil weiter trei-
ben könne , abdl- es bekundet den einsichtigen und erfahrenen pädagogen , wenn er
bemerkt: ,,wenn Schulbücher für die unteren klassen sich gar nicht knapp o-enu»- auf
das unentbehrliche beschränken können, so ist es bei einem buche, welches primaner
benutzen, mindestens kein nachteil, wenn es ihnen einen etwas weiteren blick eröff-
net und zeigt, dass die Wissenschaft mit dem, was ihnen unmittelbar überliefert wer-
den kann , noch lange nicht erschöpft und abgeschlossen ist." Ausserdem wollte er
und auch dies widerum mit vollem rechte, dem buche in der gestalt, die es allmäh-
lich gewonnen hatte , den Charakter wahren , dass es auch studierenden und jungen
lehrern zum anhalte dienen könnte. Demgemäss besserte und berichtigte Passow im
einzelnen soweit er wüste und konnte, bemühte sich um eine handliche Zusammen-
stellung der wichtigsten litteraturnachweisungen , welche ebensosehr dem lehrer will-
kommen sind, wie sie dem schüler eine ahnung von der fülle des fleisses und der
forscherarboit geben, welche vorausgehen muste, ehe die entwerfung eines solchen
litteraturbildes möglich werden konnte, namentlich aber erwarb er sich ein sehr
wesentliches verdienst um die Verbesserung des buches, indem er, und zwar vorzüg-
lich in den einleitenden paragraphen zu den einzelnen Zeiträumen , skizzen und winke
über den inneren entwickelungsgang der deutschen litteratur neu hinzufügte. Denn
die litteraturgeschichte ist mit der culturgeschichte auf das allerengste verflochten,
und wenn die culturgeschichte auch nicht, wie einige wollen, zum mittelpunkt alles
geschichtlichen Unterrichtes auf höheren schulen gemacht werden kann, so gebührt
ihr doch auch schon im Schulunterrichte eine grössere berücksichtigning als ihr bis
jetzt noch gemeinhin zu theil wird, und zumal für das Verständnis der deutschen lit-
teraturentwickelung ist ihre herbeiziehung ganz unentbehrlich.
Auch Passow war nicht Germanist von fach, und ein ort wie Thorn konnte
ihm auch schwerlich reiche litterarische und zumal germanistische hilfsmittel darbie-
ten, während die leitung des dortigen sehr umfassenden gymnasiums seine zeit und
kraft stark in anspruch nehmen muste. Es ist also sehr begreiflich und verzeihlich,
dass er binnen den 11 monaten, die er auf die ausarbeitung der 12. aufläge ver-
wante , bei weitem nicht alle fehler des buches beseitigen konnte. Dennoch hatte das
buch, zum theil schon durch die eigenen fortgesetzten benuihungen des Verfassers,
namentlich aber durch Passows Verbesserungen so viel gewonnen, dass es unter den
allmählich zahlreicher gewordenen werken verwanten Zweckes eine recht ehrenvolle
Stellung behauptete mid schulen vne studierenden, wenngleich unter dem nöthigen
vorbehalte, mit gutem fuge empfohlen werden durfte.
Passow konnte nur diese eine im jähre 1862 erschienene aufläge besorgen , da
ihn nicht lange darauf, am 3. august 1864, der tod abrief. Die besorgung der
13. aufläge übertrug die Verlagshandlung im december 1867 dem Oberlehrer am
Maria -Magdalcnen- Gymnasium zu Breslau K. J. H. Palm, der sich bereits durch
mehrere originalarbciten als ein kundiger und einsichtiger forscher auf dem gebiete
der deutschen litteratur bewährt hatte. Die frist für die herstelluug dieser neuesten
aufläge, welche nach dem wünsche der Verlagshandlung schon bis ostern 1868, also
binnen einem Vierteljahre, fertig sein sollte, war viel zu kurz bemessen. Blieb also
dem herausgebcr eine bis auf den gruud durchgreifende Verbesserung von vorn her-
2E1TSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGII;. 16
24i} PISOHONS LKITPA])EN
ein abgesclinitteii , so ist um so mehr anzuerkennen , was er in der knappen zeit von
fünf monaten, l)is ende niais, geleistet hat. Ausser zahlreichen berichtigungen und
naclitriigen im einzelnen ist er namentlich bedacht gewesen auf Vervollständigung der
littevavisehon nachwcisungen , und hat in dieser Beziehung eher des guten zu viel
gethan als zu wenig. Hauiitsächlicli aber unterscheidet sich diese neueste dreizehnte
aufläge von der vorangegangenen zwölften dadurch , dass Palm von Passows auffas-
sung widerum etwas abgewichen ist, und das buch der gestalt, die es unter Pischons
band zuletzt gewonnen hatte, widerum genähert, dass er ihm also widerum etwas
von dem character eines repertoriums gegeben hat. Palm begründete sein verfahren
damit, dass er sagte, je grösseren beifall Passows bearbeitung bei den verständigen
gefunden habe , desto weniger habe er nun widerum au.fs neue ändern dürfen , wie
vieles auch seinen wünschen nicht entsprochen habe. Daher sei die anordnung des
Stoffes gröstentlieils , die folge der paragraphen ganz dieselbe geblieben. Doch habe
Passow bei seinen kürzungen offenbar allzutief ins fleisch geschnitten , habe eine grosse
menge namen , besonders der neueren zeit , ausgeschieden , die nicht vermisst werden
dürften. Uebcrdies habe sich die bedeutsamkeit manches namens erst in neuester
zeit so offen herausgestellt, dass er in einem schulbuche nicht länger unerwähnt blei-
ben dürfe, wenn sich der herausgeber nicht dem vorwürfe aussetzen wolle, den blick
des lernenden oft unwichtigerem in der Vergangenheit zugewendet, das grössere und
lebensvollere der gegenwart aber ihm vorenthalten zu haben. So sei denn widerum
eine erhebliche Vermehrung des stoffes geboten gewesen, wodurch das buch die dui-ch
Passow verlorenen zwei bogen wider gewonnen habe. Auch jetzt noch werde freUich
mancher in dieser auf Zählung den oder jenen in neuster zeit vielgenannten drama-
tiker oder romanschriftsteller vermissen, indes Vollständigkeit hierin zu erstreben sei
nicht die aufgäbe eines Schulbuches; ein schulbuch aber solle der leitfaden nach
■\vie vor bleiben , mit der massgabe , dass er auch über die schule hinaus studierenden
und jungen lehrern als anhält dienen könne; darum seien auch alle neuen ausgaben
und raonographien aufgeführt, und reichliche hinweisungen auf abhandlungen in den
germanistischen Zeitschriften von Haupt und Pfeiffer aufgenommen worden.
In beziehung auf seine zusätze, und ganz besonders in beziehung auf die von
ihm wider aufgenommenen oder ganz neu liinzugefügten litterarischen namen neuerer
und neuester zeit, sagt Palm zwar ausdrücklieh: ,,ich fürchte nicht, dass ich jeman-
dem damit zu viel gethan zu haben scheinen könnte." Aber trotz dieser entschiede-
nen Verwahrung will mich dennoch bedünken , dass seine eigene ansieht hierüber und
folglich auch seine ganze Behandlung des buches wesentlich anders ausgefallen sein
würde , wenn er nicht durch die übermässige kürze der ihm gestellten trist zu hasten-
der nur auf erledigung des einzelnen hindrängender eile gezwungen worden wäre,
sondern im gegenteil die erforderliche müsse gehabt hätte , um seine aufgäbe in ihrer
gesamtheit ruhig und erschöpfend zu erwägen, sich darnach einen festen, einheit-
lichen und abgerundeten plan vorzuzeichnen , mid diesen dann unbedrängt auszufüh-
ren. Sollte das buch auch nach Palms an- und absieht zunächst und eigentlich ein
Schulbuch sein und bleiben, so musten folgerichtig auch Passows weise pädagogi-
sche grundsätze festgehalten und weitergebildet werden; so durfte nicht folgewidrig
das buch widerum in die bahn eines repertoriums gelenkt werden, auf die es unter
Pischons bänden immer mehr und mehr gerathen war. Denn wie man beide anfor-
derungen vereinigen, wie ein leitfaden zugleich ein gutes schulbuch und auch
ein gutes repertorium werden könne, das vermag ich wenigstens nicht abzusehen.
Vielmehr will mich bedünken, je mehr ein litterarhistorisches handbuch den Charak-
ter eines repertoriums annelime, desto mehr müsse es an seiner brauchbarkeit als
T'ISCHONS LEITFADEN 248
Schulbuch einbüssen, und umgekelirt, je mehr es zu einem wirklich guten schulbuchc
werde, desto weniger könne es gleichzeitig die dienste eines repertoriums leisten.
Wenden wir uns nunmehr, nach dieser Übersicht der Schicksale des buches,
in welchen seine schwächen ebensosehr ihre erklärung wie ihre entschuldigung finden,
zu seinem Inhalte selbst . so ist widerum vorweg als ursprünglicher und noch nicht
beseitigter grundfehler desselben zu bezeichnen der durchgreifende mangel einer stren-
gen kritik, welcher sowol in der auswahl und anordnung der litterarhistorischen
thatsacheu, wie in den aufgenommenen und ausgesprochenen ansichten und urteilen,
und nicht minder in der beschaffenheit der beigegebeuen litterarischen nachweisungen
überall durchbricht, am übelsten in der behandlung der älteren litteratur. Und doch
kann grade ein leitfaden für schulzwecke solcher strengen kritik am wenigsten ent-
raten. Mein verehrter und lieber freund Palm wird mehrjähriger angestrengter und
sorgsamer arbeit bedürfen, um das ganze buch mit dem kritischen messer zu durch-
schneiteln , und wird inirs hoffentlich nicht verübeln , dass ich mir erlaubt habe ihn
entschieden auf diese notwendigkeit hinzuweisen.
Die ersten fünf paragraphcn enthalten eine allgemeine einleitung, und zwar
bestirnt §. 1 den begriif der litteratur und der litteraturgeschichte ; §. 2 verzeichnet
die wichtigeren litterarge schichtlichen werke, unter denen man Grudens noch immer
nicht überflüssig gewordene chronologische tabellen, Eitners synchronistische tabel-
len, und die Verweisung auf die betreffenden abschnitte in Hoffmanns deutscher phi-
lologie ungern vermisst. §. 3 handelt in einer nicht gradezu falschen , aber der Ver-
besserung bedürftigen weise von dem Charakter des deutschen volkes und dessen Wir-
kung auf die entwickelung und gestaltung der litteratur. In den beigegebenen lit-
terarischen nachweisungen würden die Schriften von Pütz und Feussner wol zu strei-
chen sein. §. 4 bespricht die deutsche spräche nach ihrer abstaramung und dialecti-
schen gliederung mit irriger angäbe über die skandinavischen sprachen und mit unge-
nauer über das niederdeutsche. §. 5 theilt die litteraturgeschichte in sieben perioden,
welche durch die jähre 1150, 1300, 1500, 1620, 1748, 1770 begränzt werden, wäh-
rend es entscMeden zweckmässiger gewesen wäre, die eintheilung Wackernagels in
eine Vorgeschichte, und in die drei Zeiträume des alt-, mittel- und neu(hoch)deut-
schen aufzunehmen. Unterabtheilungen innerhalb der grossen Zeiträume konnten
dann noch hinzutreten , musten aber als untergeordnete gekenzeichnet werden. Wie
in einem kunstverständig entworfenen gebäude müssen die architektonischen gliede-
rungen und Scheidelinien sich in entsprechend abgestuften Verhältnissen hervorheben.
Der ersten bis 1150 reichenden periode sind die paragraphen ß — 19 gcAvid-
met , von denen die drei ersten widerum einleitendes enthalten. §. 6, als ,, übersieht"
bezeichnet, spricht von der „heidnischen urpoesie," und der mit einführuug des
Christentums beginnenden Scheidung in volks- und kunstpoesie. Dieser paragraph
ist aus der vorangehenden aufläge unverändert beibehalten. Eine folgende aufläge
wird über die litteratur der heidnischen, der germanischen zeit liolfentlich besseres
zu sagen wissen, und den unterschied zwischen volks- und kunstpoesie klarer und
schärfer angeben. Auch werden in ihr wol solche kaum halb wahre i)hrasenhafte aus-
drücke (die das buch jetzt noch reichlicli darbietet) versclnvinden , wie „die fränkische
Sigfridssage , welche mythologischen Ursprungs, die burgundischen sagen von Gün-
ther,, die gotischen von Dietrich von Bern, beide mehr geschichtlichen urspmngs."
Leicht ist die aufgäbe freilich nicht, zumal wenn sie in knappstem räume ausgefülirt
werden soll. Aber schon Wackcrnagcls litteraturgeschichte kann hier wie überall
dem bearbeiter die trefflichsteu winke und anreguugcu geben , und es wird l'ruclit-
16*
244 PISCIIONS LEITFADEN
bar sein , sie durcligehentls zu rate zu ziehen. §. 7 handelt von den ober - und nie-
derdeutschen nuindarten , wobei das fränkische schlechtweg zu den oberdeutschen
gerechnet wird, von der lautverschiebung, der lautschwäch ung, den i-unen, der buch-
stabenschrift , und von den sängern. Betreffs der runen war zu verweisen auf die
abhandlungen von v. Liliencron und Müllenhoff in der allgemeinen monatsschrift für
Wissenschaft und litteratur. Halle u. Braunschweig 1852, während die neuesten for-
schungen, die noch zu keinem abgeschlossenen endcrgebnisse geführt haben, noch
anerwähnt bleiben können; betreffs des barditus auf Müllenhoff, de antiquiss. germ.
poesi chor. p. 20. Wackernagel , lit. gesch. s. 9 und Grimm, deutsches wörterb. s.v.
bar 1, 1121. §. 8, über metrik und reim handelnd, ist von Palm wesentlich verbes-
sert. So lange aber die namhaftesten forscher noch darüber uneius sind, ob der alt-
deutsche vers ursprünglich zu 4 hebungen , oder zu 8 hebungen mit cäsur zu rechnen
sei, würde ich in einem schulbuche doch nicht zu schreiben wagen „der altdeutsche
vers hat 8 hebungen." Dass der reim, welcher schärfer als endreim zu bezeichnen
wäre , durch den einflus der christlich - römischen poesie entstanden sei , ist nach Wil-
helm Grimms forschungeu doch mislich zu behaupten , und daher die doppelt zwei-
felnde angäbe über den Ursprung des reimes besser zu streichen. Dagegen vermisst
man sehr ungern eine angäbe des gewaltigen, bis in die innersten tiefen greifenden
einflusses , den stab - wie endreim auf den charakter der poesie geübt haben. In der
litteraturnachweisung ist mir die bemerkung über Lachmanns ansichten betreffs der
betonung gänzlich unverständlich, und verweisen würde ich, nicht auf die unbrauch-
baren Schriften von Feussner und Schneider , sondern auf Schmellers leider noch nicht
entbehrlich gemachte abhandlung „über den versbau in der alliterierenden poesie
besonders der Altsachsen" (Abhh. d. philos. philol. kl. d. bair. akad. bd. 4. 1847)
und auf Wilhelm Grimm , zur geschichte des reimes. Berlin 1852.
Die §§.9 — 14 reihen unter der Überschrift „Vor Karl dem Grossen" in
unzweckmässigster weise gotisches , althochdeutsches und altniederdeutsches aneinan-
der, während der Zusammenhang der althochdeutschen wie der altniederdeutschen
litteraturdenkmäler dadurch um so wilkürliclier unterbrochen und auseinandergerissen
wird, da sich bei den kleineren denkmälern und bruchstücken genaue und völlig
sichere chronologische bestimmungen oft gar nicht ausmitteln lassen. In §. 9 ist die
ungenaue und halb unrichtige auskunft über das gotische aiphabet , in §.10 die grie-
chische und die halbgriechische sclu-eibung Ulfilas und Ulfila beibehalten, dagegen
die echtgotische Vulfila gar nicht erwähnt (vgl. Wackern. LG. §. 8. anm. 4) , desglei-
chen mrd Aviderum die angäbe über die unterbliebene Übersetzung der bücher der
könige samt dem von Philostorgius angegebenen gründe ohne weiteres als thatsache
erzählt. Bessells wichtiges büchlein über Vulfila ist weder erwälmt noch benuzt. Die
schrift von Waitz ist zwar angeführt, aber nicht einmal des Auxentius angäbe über
die kenntuisse und die schriftstellerei Vulfilas hat Verwertung gefunden. Beibehalten
ist auch die bezeichnung der Skeireins als „ auslegung des evangelii Johannis." In
der anmerkung ist der -wunderliche fehler stehen geblieben: „Mai entdeckte 1818 in
Mailand iu dem kloster Bobbio die briefe Pauli" u. s. w. Die litteraturnachweisun-
gen sind ganz unkritisch. Anzuführen wären in geordneter folge etwa die editiones
principes, dann die ausgaben von Gabelentz-Loebe, von Uppström (jetzt über alle
gotische reste reichend) und von Stamm -Heyne, dann das glossar von Schulze und
die Schriften von Waitz, Bessell und Bernhardt (kritische Untersuchungen über die
gotische bibelübersetzung. Meiningen 18(34), das überflüssige dagegen zu streichen.
§.11 und 12 gelten der althochdeutschen litteratur. Der §. 11, welcher
anscheinend einige allgemeine bemerkuugen enthalten soll , ist nach Inhalt und form
PISCHONS LEITFADEN 245
SO verunglückt, dass man versuchen muss seinen wunderlichen sinn zu errathen, und
kaum begreift wie der herausgeber ihn unverändert beibehalten konnte. §. 12 zählt
die althochdeutschen denkmäler aus der zeit vor Karl dem Grossen auf. In der ersten
anmerkung zu demselben werden die von Müllenhoif und Scherer herausgegebenen
althochdeutschen „Denkmäler" zwar erwähnt, aber weder hier noch sonst im leit-
faden sind sie ausgenuzt. Ihnen gegenüber zeigt sich recht handgreiflich , wie unhalt-
bar Pischons ganze behandlung des gesamten althochdeutschen Zeitraumes nachgrade
geworden ist. Seine betreffenden paragraphen sind eben entstanden zu einer zeit,
wo die wissenschaftliche kenntnis der althochdeutschen litteratur erst begann, und
ihre ganze anläge ist so beschaffen, dass alles nachträgliche fiickwerk sie nicht hat
in einer dem fortschritte der forschung entsprechenden Aveise verbessern können. Will
also der herausgeber des leitfadens dem althochdeutschen Zeiträume gerecht werden,
so Avird ihm kaum etwas anderes übrig bleiben , als Pischons darstellung hier gänz-
lich aufzugeben , und eine ganz neue selbständige bearbeitung an die stelle zu setzen.
Die pietät gegen den Verfasser darf ihm kein hindernis sein. Denn nicht darin ligt
die pietät gegen den verstorbenen Verfasser, dass man die mangelhafte einrichtung
und die paragraphenfolge eines von ihm selbst zu stetiger Verbesserung und vervoll-
komnung bestimten Werkes beibehält, sondern darin, dass man es auf die stufe zu
erheben sucht, auf welche er es selbst erhoben haben würde, wenn er noch lebte
und es auszuführen vermöchte. Hauptsächlich aber wird sich eine solche neue aus-
arbeituug auf die von Müllenhuff und Scherer herausgegebenen ,, Denkmäler" zu
stüzen haben; denn nur engherzigster parteigeist könnte läugnen, dass in diesem
buche nicht nur die texte der sämtlichen kleinen althochdeutschen denkmäler viel-
fache berichtigungen und Verbesserungen gefunden haben , sondern dass auch nament-
lich ihr Verständnis wesentlich gefördert, ja in zahlreichen fällen wirklich erst auf-
geschlossen worden ist. Sein selbständiges urteil den herausgebern gegenüber sich
zu Avahren bleibt ja dem bearbeiter des leitfadens natürlich unbenommen. Entspre-
chend Avird aber auch in den litterarischen nachAveisungen des leitfadens bei jedem
der kleinen denkmäler zunächst auf das buch von MüUenhoff und Scherer zu verwei-
sen, und gleichzeitig Averden alle durch dasselbe überflüssig gemachten Verweisungen
zu streichen sein.
Von heidnischen denkmälern nennt §. 12 die merseburger Zaubersprüche, den
wiener reise- (hunde-) sogen und den lorscher bienensegen , während das zappertsclie
Schlummerlied in der anmerkung mit recht als eine fälschung abgewiesen Avird. Zu
den Zaubersprüchen verweist er auf den wertlosen aufsatz von Zeune im fünften bände
der V. d. Hagenschen Germania, dagegen lässt er unerwähnt die trefliche abhandlung
von Kuhn (in dessen Zeitschrift 13 , 49) , durch welche die bedeutung des Spruches
gegen Verrenkung erst in ihr volles licht gesetzt worden ist. — Von christlichen
dichtungen Avird das Avessobrunuer gebet erAvähnt. In der dazu gehörigen anmerkung
ist die verAveisung auf Feussncrs unnützes programm stehen geblieben. Die letzten
der neu zugefügten Verweisungen („Bouterwek, Germania 1, 885") ist aber avoI nur
durch versehen hierher geratlicn; denn die erwähnung von BouterAvcks Vorlesung über
das Beowulflied sollte doch avoI Avahrscheinlich für die diitte anmerkung der folgen-
den (9.) Seite bestimt sein. Es fehlt die Verweisung auf Gesserts facsimile im Sera-
peum von 1841. — Endlich folgen an prosaischen denkmälern, welche sämtlich als
Übersetzungen bezeichnet Avcrdcn : a) Isidor de nativitate domini. b) Keros benedic-
tinerregel. c) ,,Die exhortatio ad i)lebejti christiaiuxm , glaubcn«bekentnisse , beicht-
formcln, glossarien." Sollte es sich nicht cmpfelilcn, lieber folgcndermassen zu ord-
nen: a') glossen, a'-*) interlinearversionen , Koro; b) Übersetzungen, Isidor; c) formein
24(i nSCIION.S LEITFADEN
t'iii- den kirchlichen gebrauch , cxhortatio , glaub ensbekenntnisse , beichten. Bei die-
sen kirchlichen denkuiälern tritt es übrigens schon hervor , wie mislich die im leit-
faden beliebte Scheidung ist: „A. Vor Karl dem Grossen. B. Seit Karl dem Gros-
sen;" da ihr vorkarolingischer Ursprung mit gelehrsamkeit und geist bestritten wor-
den ist, und Avol kaum mit zweifelloser Sicherheit erwiesen werden kann. In den
litteraturnachwcisungen ist vergessen worden den dritten band von Hatten lers denk-
nialen, namentlich aber Wilh. Grimms vortrefliche ausgäbe der exhortatio nachzutra-
gen. Nachweisungen über glossen fehlen gänzlich, während doch mindestens Wilh.
Grimms Glossae cassellanae und Altdeutsche gesprächc und Holtzmanns aufsätze in
Pfeiffers Germania zu erwähnen waren.
Ausserdem aber trift diesen paragraphen — und nicht diesen allein — noch
ein sehr gewichtiger principieller tadel. Sämratliche in demselben erwähnte heid-
nische wie christliche denkmäler sind eben nur genannt; abgesehen von einer ganz
unerheblichen, an das wessobrunner gebet geknüpften bemerkung ist auch nicht eine
silbc über ihre bedeutung gesagt. Aber was fromt es denn dem schüler, ja was
fromt es überhaupt , die blosse thatsache zu wissen , dass es Zaubersprüche , dass es
eine Übersetzung des isidorischen tractates, dass es eine benedictinerregel, eine exhor-
tatio, glaubens- und beichtformeln und glossen gegeben hat? In dieser weise gesä-
tes kann doch nnr getrocknet aufgehn , höchstens zum vegetieren kommen , aber nicht
zu wirklichem und fruchtbarem leben gedeihen. Mau wende nicht ein, das leben
müste durch die hinzukommende mündliche belehrung des lehrers geweckt werden.
Denn derjenige lehrer, der in diesen dingen so bewandert ist, dass er aus dem vol-
len schöpfen kann, und von allein weiss, was alles in betracht komt und was davon
für schulzwecke verwendet werden kann und soll, der wird eben nicht nach Pischons
leitfaden greifen. Allerdings ist in den anmerkungen das werk R. v. Eaumers „Ein-
fluss des Christentums auf die althochdeutsche spräche" erwähnt, aber ganz zuletzt,
gleichsam anhangsweise und wie ein verlorener posten , während es hätte in den Vor-
dergrund gerückt und ausgenuzt werden sollen. Denn grade bei dem beginne dieser
periode, wo das heidentum weicht und mit dem Christentum der erste grund der
gelehrten und der christlichen bildung und damit aller späteren geistigen entwick-
lung des deutschen volkes gelegt wird — grade hier war es dringend geboten, den
schüler darauf aufmerksam zu machen und den lehrer daran zu mahnen, wie wun-
derbar fest uralte Überlieferung haftet, und mit welchen mittein kirche und schule
ihre gewaltige aufgäbe zu lösen unternahmen. Hierüber belehrt zu Averden ist für
den schüler eben so anziehend als fruchtbar, und erst unter dieser Voraussetzung
gewinnen auch alle jene denkmäler, die heidnischen Sprüche, wie die glossen, die
interlinearversionen , die Übersetzungen und die kirchlichen formein für ihn ein höhe-
res Interesse und ein wirkliches leben. Und selbst wenn der leitfaden für eine in
diesem sinne gehaltene skizze ein paar selten verwendete , so wäre das keine rauni-
verschwendung ; er kann dafür anderes beschneiden und ausmerzen , dessen wert für
schule und leben sehr viel geringer ist.
Unter der Überschrift „Altniederdeutsches" werden §. 13 und l-l zusammenge-
fasst. In §. 13 hätte die angäbe , dass das Hildebrandslied ein niedersächsisches denk-
mal sei, verbessert, und in den beigefügten litteraturnachweisungen hätte das unnütze
gestrichen werden sollen. Dahinter wird als prosadenkmal die „Teufelsentsagung,"
oder, wie es richtiger benannt sein sollte, das Taufgelöbnis, angeführt und mit der
bemerkung „Unbedeutendes" abgefertigt, während vielmehr mit kurzen werten seine
herkunft und seine wirkliche bedeutung angegeben sein sollte. §. 14 mit seinen ganz
nSCHÜNS LEITFADEN 247
unzulänglichen notizen über angelsächsische litteratur würde entweder ganz zu strei-
chen, oder, wenn man ihn nicht missen wollte, wesentlich umzuarbeiten sein.
§. 15 enthält einige allgemeine bemerkungen über die zeit der kerlingischen,
sächsischen und fränkischen kaiser, die man als ersten entwurf einer recht schwie-
rigen Skizze nicht ohne anerkennung lassen mag. Palm hat sie unverändert beibe-
halten, hätte aber doch die Vermutung, dass Karls auf die Sammlung der alten hel-
dengesänge bezügliche thätigkeit „wahrscheinlich in der Vereinigung vereinzelter
heldenlicder zu grösseren ganzen" bestanden habe, als eine mindestens müssige und
jedenfalls sehr gewagte lieber streichen sollen. Die erforderliche Umarbeitung dieses
Paragraphen wird sicher nicht leicht sein. Ueber den Zusammenhang von Karls
gesetzgeberischen bestrebungen mit der gleichzeitigen litteratur und über den einfluss,
den die hofsprache auf dieselbe geübt hat, bieten die ,, Denkmäler" von MüUeuhoft"
und Scherer eine fülle reicher und feiner bemerkungen , die zweckmässig zu verwer-
ten sein werden.
§. 16 zählt die poetischen denkmäler dieses Zeitraumes auf. Die zwölfte auf-
läge nannte deren nur drei: Otfried, das Ludwigslied und Muspilli; Palm hat hin-
zugefügt: Merigarto, einige gedichte der Vorauer handschrift mit oberflächlicher ver-
weisu])g auf andere verwante, und ferner hat er hierher gezogen das Annolied, was
früher in §.35 stand, die kaiserkronik aber hat er in §.35 belassen. — Otfrieds
buch wii-d auch jetzt noch „Evangelienharmonie" genannt, und die seichten phrasen
sind stehen geblieben: „Die behandlung ist frei, fromm, gemüthlich, die betrach-
tuugen oft allegorisch mystisch , die erzählun^ trocken und langweilig. Der reim ist
nicht immer rein, sondern öfter nur assouierend. Die strophe besteht aus zwei lang-
zeilen oder vier halbzeilen." Statt ihrer wird eine künftige aufläge wol wirklich
darüber belehren, welche veranlassung, welchen zweck und welche quellen Otfried
gehabt, weshalb seine erzählung und seine betrachtung grade so ausgefallen sind,
welchen einfachen von W. Wackernagel und Wilhelm Grimm dargelegten gesetzen
sein reim folgt, und dass er nach seiner eigenen Zählung seine strophe zu vier halb-
zeilen rechnete. — In der litteraturangabe zum Ludwigsliede wäre das falsche citat
,, Grimm, Germ. II" in „Germ. 1, 233 " zu berichtigen und überflüssiges zu streichen,
dagegen die Verweisung auf den druck in Lachmanns specimina linguae francicae wol
schon deshalb nicht überflüssig, weil Lachmann dort bereits statt der grammatisch
anstössigen und deshalb verdächtigen, und bei Müllenhofi"- Scherer wol nur aus ver-
sehen ohne anmerkung aufgenommenen lesart jah in v. 55, aus dem verlesenen Sab der
editio princeps, durch feine emendation die unanstössige form (juh gewonnen hat.
Auch beim Muspilli würden überflüssige Verweisungen zu streichen und statt ihrer
anzuführen sein C. Hofmanns abhandlung über Docens abschritt des Muspilli , in den
sitzungsber. d. bair. akad. philos. pliilol. cl. 3 novbr. 1866. — Palms eigene Zusätze
nehmen wir einstweilen als eine wirkliche bereicherung dankbar an. Wenn längere
müsse ihm verstatten wird, die Vorauer handschrift und die denkmäler von Müllen-
hoff u. Scherer für den leitfaden gründlich durchzuarbeiten und wirklich auszunutzen,
wird er die erforderlichen Verbesserungen leicht bewerkstelligen , und vielleicht wird
dann auch Holtzmanns aufsatz über das Annolied das blendende für ihn verlieren, so
dass er aus eigener kühler kritik die angäbe widerum streichen wird, dass das Anno-
lied wahrscheinlich von Lambert von Hersfeld gedichtet sei.
Die aufzählung der prosaischen denkmäler in §. 17 ist unverändert beibehalten
und wird in späterer aufläge eine um so durchgreifendere auch auf die litteratur-
nachweisuugen auszudehnende Umarbeitung erfahren müssen.
248 PISCHONS LEITFADEN
§. 18 fasst altsächsisches und angelsächsisches zusammen. Die angäbe über
den Heliaud ist durch Pahn erweitert worden. Stehen geblieben ist die bemorkung,
dass der Verfasser des Heliand nacli der sage ein baucr gewesen sei, aber nicht hin-
zugefügt ist die viel wichtigere thatsache , dass er , nach dem von Windisch geliefer-
ten nachweise seiner quellen, ein gelehrter, in den lateinischen damals gangbaren
theologischen werken gründlich bewanderter mann gewesen ist. Das trefliche buch
von Windisch ist in der anmerkung zwar angeführt, aber eine daraus geschöpfte
gedrängte belehrung über die quellen des Heliand und über die art ihrer Verarbei-
tung und benutzung , so wie ein fingerzeig über den einfluss des Stabreimes und der
damit aufs engste verknüpften altepischen technik auf die ganze haltung und den stil
des gedichtes wäre sicher nicht überflüssig gewesen , Aveil man erst dadurch zu einem
wirklichen Verständnis und einer richtigen Würdigung desselben gelangen kann.
Unnütze titel in der anmerkung hätte man dafür gern entbehrt. — Heynes ausgäbe
der kleineren altniederdeutschen denkmäler ist zwar erwähnt, aber nicht benuzt, und
so wird denn in betreff der fragmentarisch erhaltenen psalmenübersetzung lediglich
widerum auf die unvollständige und ganz unbrauchbar gewordene ausgäbe v. d. Hagens
verwiesen, die übrigen altniederdeutschen kleineren denkmäler aber Averden gänzlich
mit stillschweigen übergangen. — Die demnächst folgenden dürftigen angaben über
angelsächsische litteratur würden widerum entweder zu streichen oder gründlich zu
verbessern sein.
§. 19, überschrieben skandinavisches, ist mit allen seinen mangeln und fehlem
unverändert stehen geblieben und wird* gänzlich umgearbeitet werden müssen. Schon
wegen ihrer hohen bedeutung für die deutsche mythologie und die deutsche helden-
sage wird man einer berücksichtigung der alten skandinavischen litteratur auch in
einem leitfaden nicht füglich entbehren , und aus gleichem gründe auch der angel-
sächsischen kaum gänzlich geschweigen können. Dann werden aber namentlich die
für die deutsche litteratur bedeutsamen thatsachen richtig, klar und bestimmt zu
zeichnen und in dieser ihrer bedeutsamkeit zu characterisieren sein. Es wird also
besonders über die Lieder - und die Prosa - edda , über die Völsunga und über die Vil-
kinasage richtig und zweckmässig zu handeln und eine gute auswahl der einschlägi-
gen litteraturnachweisungen zu geben sein ; und ferner wii-d anzumerken sein , dass
neben den frühzeitig beginnenden prosaischen sagas die epischen lieder sich nicht zu
rhapsodien, geschweige zu wirklichen epen fortentwickelten, und dass die den Stab-
reim festhaltende poesie unter den bänden der skalden in verknöcherung und ver-
künstelung erstarrte. Ueber die rechtsbücher wird nicht nur richtigeres und besseres
zu sagen, sondern auch eine bemerkung über ihre bedeutsamkeit beizufügen sein.
Es werden insonderheit die wunderbarer weise gar nicht erwähnten schritten Maurers
und für die Lieder - edda deren neuste von Bugge besorgte ausgäbe (Christiania 1867)
zu rathe zu ziehen sein. — In die zweite anmerkung zu diesem paragraphen sind
die titel der lehr- und handbücher der deutschen mythologie untergesteckt worden,
dei denen doch Mannhardt, die götter der deutschen und nordischen Völker. Berlin
1860 um so weniger vergessen sein sollte, weil grade dies buch am meisten geeig-
net ist, um in das studium der mythologie einzuführen. Später wird wol die mj'tho-
logie eines besonderen paragraphen gewürdigt werden.
Die Paragraphen 20 bis 46 behandeln die zweite von 1150 — 1300 reichende
Periode, also die blütezeit der mittelhochdeutschen litteratur.
§. 20 bietet eine unverändert beibehaltene allgemeine übersieht , welche gute
und geschickt ausgedrückte gedanken enthält. Richtig ist bemerkt, dass der Zwie-
spalt zwischen weltlicher und geistlicher macht die geister zu selbständigerem den-
PISCHONS LEITFADEN 249
keil anregte ; aber der beginn dieser anregung fällt bereits in die frühere periode der
fränkischen kaiser, in jene zeit, wo pabst wie kaiser in ihren Streitigkeiten an die
öffentliche meinung appellierten und diese dadurch zu einem urteil herausforderten.
Darauf hinzuweisen ist um so weniger überflüssig, weil die zeit der fränkischen wie
der sächsischen kaiser in unseren litteratm-geschichten gewönlich nur nach dem mass-
stabe der spärlich erhaltenen denkmäler geschätzt und deshalb unterschätzt wird. In
beziehuiig auf die kunstpoesie dieses Zeitraumes sollte ausdrücklich gesagt und her-
vorgehoben sein , dass , und auf welchem wege ihre stoffe wie ihre formen aus Frank-
reich herübergekommen sind ; und gleicherweise sollte gezeigt sein , wiefern die ände-
rung nicht blos der politischen sondern auch der socialen und wirthschaftlichen
zustände einen wesentlichen einfluss auf den raschen verfall dieser dichtung geübt
haben. Ferner wäre das Avesen und der unterschied der poetischen und der volks-
mässigen poesie bestirnter zu zeichnen , und auch der spielmannspoesie nicht zu ver-
gessen , wozu Müllenhoffs buch „ zur geschichte der Nibelunge Not. Braunschw.
1865" einen schätzbaren anhält geben könnte.
Der 21ste die spräche besprechende paragraph ist durch Palm geschickt erwei-
tert und verbessert worden. Nur der letzte satz würde dahin zu berichtigen sein,
dass der versbau widerura die alte schon bei Otfried nachweisbare gesetzmässigkeit
und feinheit der eigenen einheimischen metrik aufnimt, während die reinheit und
fuUe des endreimes und die künstliche gestalt der strophe, insonderheit der höfischen,
sich in folge der durch die fremden französischen Vorbilder gegebeneu anregung
ausbildet.
Die §§.23 — 27 sind überschrieben „Volkspoesie" und handeln von den zur
deutschen heldensage gehörenden dichtungen, einschliesslich des könig Eother, und
von den zur thiersage zählenden. In diesen paragraphen macht es sich recht empfindlich
geltend, dass Passow zu keiner klaren Vorstellung gekommen war über das, was er
die Volkspoesie jener zeit nennt , und zu keiner ausreichenden kenntnis des stofflichen
wie des technischen. Und auch der neuste bearbeiter hat diesen übelstand noch
nicht ganz überwinden können. Daher schwankt die auffassung und darstellung zwi-
schen den mancherlei in den letzten decennieu aufgetauchten meinuugen und behaup-
tungen unentschieden liin und her, mengt richtiges und unrichtiges, sicheres, zwei-
felhaftes und grandioses , und kann aus mangel einer selbständigen , den ganzen
gegenständ beherrschenden kenntnis und eines wohlbegründeten eigenen urteiles zu
keiner festen , scharfumrissenen Zeichnung kommen. — Gleich zu anfange behauptet
§.23, dass ,,volksmässige lyrische dichtungen aus dieser zeit gar nicht, oder doch
nicht in ilii-er ursprünglichen gestalt erhalten" seien, während solche doch auf den
ersten blättern des von Haupt und Lachmaun herausgegebenen Minnesangs frühling
thatsächlich und deutlich vorliegen. Dass ihrer freilich nicht viel sein können, und
dass und warum die lyrischen uud noch mehr die epischen volksraässigen dichtungen
jener zeit von dem was wir jetzt Volkslied nennen einigermassen , ja zum theil
recht sehr verschieden sind und sein müssen , das ligt in der natur der sache und
Hesse sich leicht nachweisen , wenn liier der räum dazu ausreichte. — Die belehrung
über die Nibelungenstrophe ist von Pahn etwas , aber noch nicht ausreichend , verbes-
sert worden. Es müste etwa heissen : die sogenannte Nibelungenstrophe ist eine vier-
zeilige , nach aller wahrscheinlichlccit einheimische und volksmässige , und deragemäss
zwcitlieilig gebaute strophe , so dass die beiden ersten Zeilen den auf- , die beiden
letzten den abgesang bilden (vgl. v. Lilicncron in Haupts ztschr. G, 69 flg.). Jeder
vers derselben ist durch eine cäsur derart geteilt , dass vor der cäsur 4 hebungen mit
stumpfem, oder häufiger 3 hebungen mit klingendem ausgange, hinter derselben in
250 nSCIlONS LKITFADEN
den enstoii drei vcrscii 3, im vierten aber 4 liebungen stehen, (zwisclicn und vor
denen, wie iiberliaupt in epischen gedichteii , die Senkungen fclil^n können). Die
reime stehen am versende und sind nur stuni])f. Ciisurreime beginnen erst allmälich
vorzudringen. Zuerst begegnet die Nibelungcnstroiihe in Oesterreicli , um die mitte
des 12. Jahrhunderts, in llcdern, welche (olme zweifellose gewähr) dem Kürenberger
zugeschrieben Averden. Verstattete es der räum des grundrisses, so könnte man wol
noch hinzufügen : wird die letzte zeile der Nibelungenstrophe um die letzte hebung
gekürzt, so entsteht eine minder kunstgerechte strophe, der sogenannte Hildebrands-
ton, der auch schon im Nibelungenliede vereinzelt eingedrungen ist, später immer
häutiger gebraucht wird , und sich im volksliede bis auf die gegenwart erhalten hat.
Durch Verlängerung der siebenten halbzeile von o auf 5 hebungen ist die strophe
von Walther und Hiltegund, dagegen durch Verlängerung der achten halbzeile von 4
auf 5 hebungen und durch gleichzeitige aufnähme des klingenden reimes in den
sclduss der dritten und vierten langzeile ist die Gudrunstrophe, endlich aus einer
Verbindung der zweiten hälfte der Nibelungenstrophe mit der letzten zeile der Gudi'un-
strophc ist die strophe der Rabeiischlacht entstanden. Einige andere Variationen der
Nibelungenstrophe finden sich im gleichzeitigen minnesange ; ein wenig entfernter ver-
want ist die wol von Wolfram geschaffene Titurelstrophe.
Ueber die entwicklungsgeschichte des Nibelungenliedes bleibt und lässt der
§. 23 sehr im unklaren , und verräth nicht eben eine tief eingedrungene kentnis und
ein wirkliches Verständnis der Lachmannschen arbeiten, wenn er sagt, die am ent-
schiedensten von Lachmanu ,, vertretene'' liedertheorie nehme eine ,, fast mechanische
und willkürliche zusanimenfügung einzelner, vorher gesondert ausgebildeter lieder an."
Die entwicklungsgeschichte des französischen epos, welche dem des deutschen analog
verläuft, (nur dass bei dem Nibelungenliede die Verhältnisse viel günstiger lagen, und
deshalb ein viel voUkommneres endergebnis lieferten) scheinen die herausgeber nicht
gekannt zu haben, wenigstens haben sie sie nicht benutzt. Es wird vielleicht nicht
überflüssig sein, an die lehrreiche, und überhaupt viel zu wenig beachtete recension
V. A. Hubers von La chevalerie Ogier de Danemarche zu erinnern (in Neue Jen. Allg.
Lit. Zeit. 1844. April nr. 95 flg. s. 877 — 384. 389 — 398).
Die zur heldensage gehörenden gedichte werden (§. 24 — 26) folgenderinassen
geordnet: 1) ,,Die fränkisch - burgundische .Sigfriedssage " : Hürnen Seyfried. 2) Die
gotische Dietrichssage": Sigenot, Ecken Ausfahrt, Laurin, Alphart, Eabenschlacht.
3) „Die vereinigte burgundisch - gotische sage": Biterolf, Rosengarten, Nibelunge-
not und Klage. 4) ,,Die lombardische sage": Rother, Ortnit, Hug- und Wolf-
dietrich. 5) ,, Die nordisch -fränkische sage": Gudrun. Will man diese sehr bedenk-
liche einteilungsweise nach den volksstämmen , in Avclchen wol das einst von C. 0.
Müller bei behandlung der griechischen mythen und sagen eingeschlagene verfahren
nachwirkt, in einem leitfaden beibehalten, so müste doch wenigstens auch gesagt
sein, wie sie gemeint und verstanden sein soll, damit nicht die Vorstellung erweckt
werde, als sei jede dieser sagen und dichtungen Sondereigentum des betreff'enden
Volksstammes, als sei sie grade bei dem einen oder den beiden genannten volks-
stämmen entstanden, ausgebildet oder vorzugsweise gepflegt worden.
Sigenot, I*]cke, Laurin, Alphart, Rabensehlacht , Biterolf und Rosengarten wer-
den hier eben nur genannt, und nm- zum theil später in §.51 nochmals mit einigen
Zeilen besprochen. Das von MüUenhoff herausgegebene ,, Deutsche Heldenbuch" (bis
jetzt zwei Bände. Berlin 1866.) , in welchem diese dichtungen zum erstenmal eine
kritische behandlung theils schon erfahren haben, theils noch erfahren werden, ist
erst im nachtrage (s. 131) erwähnt, und nur nach dem generaltitel , ohne inhaltsan-
PISCHONS LEITFADEN
251
gäbe, oder irgendwelclie bciuerkuiig über seinen wert, geschweige dass es schon
benutzt v/orden wäre.
Auf eine ]aia])pe, aber geschickt geschriebene inhaltsangabe des Nibehmgen-
liedes folgt eine dürftige notiz über die in ihm erscheinende nüscliUDg heidnischer,
christlicher, mjiihologischer und geschichtlicher bestandteile — unter welche letztere
auch Eüdeger von Bechelaren gerechnet wird, dem doch jede historische grundlage
gebricht — und über seine ästhetische Wirkung. Dann werden in einem sehr kurzen
und unvollkommenen , das thatsächlich beweisbare und die hypothese nicht unter-
scheidenden berichte die ansichten von Lachmanu, Holtzmann und Bartsch einfach
neben einander gestellt, mit der hinzugefügten «chlussbemerkung : ,, diese fragen sind
noch nicht endgiltig entschieden, doch hat Lachmanns licdertheorie gegenwärtig nur
noch wenige anhänger." Den meisten räum nimt die litteraturnach Weisung in der
anmerkung ein, in welcher allmählich wiclitiges. unwichtiges und völlig wertloses
ganz unkritisch angehäuft worden ist.
Weil das Nibelungenlied die gewaltigste und vollendetste aus urältesten Über-
lieferungen erwachsene mitionale dichtung des deutschen Volkes ist, gebührt ihm auch
in einem leitfaden eine hervorragende berücksichtigung. Und in einem leitfaden der
auch dem weiterstrebenden und dem Ichrer zum anhalte dienen soll, wäre eine prä-
cisierung der wichtigsten an das Nibelungenlied sich knüpfenden fragen um so schätz-
barer, je mehr in den letzten Jahrzehnten durch eine umfängliche, überwiegend sub-
jectiv gehaltene, an Voraussetzungen, behaui)tungen und sogar gehässigkeiten frucht-
bare litteratur die Unbefangenheit der betrachtung getrübt und der Sachverhalt ver-
schoben und verwirrt worden ist.
Diese aufgäbe auf beengtem räume auszuführen , ist allerdings nicht ganz leicht,
aber doch nicht unmöglich. Sie wird sicher lösbar, wenn man die fragen richtig
stellt — da unrichtig gestellte fragen selbstverständlich auch irreleitende antworten
ergeben müssen — , und wenn man richtig und scharf unterscheidet zwischen dem
thatsächlich beweisbaren und der hypothese , namentlich also genau die Scheidegrenze
feststellt, wo das thatsächlich beweisbare aufhört und die hyi)othese beginnt. Man
hat also mit der unerbittlichen logik des mathematikers auszugehen von dem that-
sächlich gegebenen und bekannten, von der in den handschriften vorliegenden text-
überlieferung , und diese nach den gesetzen und regeln strengster philologischer
methode grade eben so zu prüfen, wie man jede andre textüberlieferung prüfen würde;
also, indem man die textquellen zeile für zeile kritisch vergleicht und die in der
oder jener textgestalt mangelnden oder überschiessenden strophen gleichfalls als
Varianten betrachtet, die eben nur etwas mehr räum einnehmen und deshalb mehr in
die äugen lallen , aber unter umständen doch so unwesentlich sein können , dass sogar
eine Variante, die nur drei buchstaben begreift, eine viel erheblichere kritische bedeu-
tung haben kann als drei ganze mangelnde oder überschiessende strophen. Und zwar
kann bei der kritischen Würdigung der Varianten die auf ermittelung des ersten
noch unbekannten und zu suchenden gerichtete, die erste grundfrage lediglich nur
lauten: welches ist unter den überlieferten tcxtfassungen die älteste. Diese ganze
kritische arbeit hält sich lediglich innerhalb der gegebenen thatsachen, und jeder
schritt derselben ist auch tliatsächlich beweisbar. — Hat man nun auf diese weise
die älteste textfassung ermittelt und kritisch gereinigt, dann erst kann die
zweite frage folgen: welche eigentümlichkeiten bietet diese älteste textfassimg. und
wie lassen sich dieselben sämtlich und genügend erklären? Hier erst, bei beantwor-
tung dieser zweiten frage , welche die vorgängige beantwortung und erledigung jener
ersten zu ihren Voraussetzung luil , beginnt die notwendigkeit einer hyiiothese.
252 PISCHONS LEITFADEN
(leren wcseii bckantlich darin besteht, dass man in erniangelung thatsächlicb vorlie-
gender und nachweisbarer erkhirungsgründe die gcsanitursachc einer reihe von erscliei-
nungen durch scldussl'olgerungen und Vermutungen zu gewinnen suclit. Die hypo-
tlicse ist also nur eine nicinung, deren riclitigkeit zwar nicht durcli einen stricten
beweis erhärtet werden kann, die aber doch als richtig gelten darf, wenn sie alle
thatsachen, die in ihren bereich fallen, vollständig, folgerichtig und leicht erklärt,
ohne mit sich selbst oder mit anderen thatsachen in widersprach zu gerathen. Es
ist also bei dem Nibelungenliede die sogenannte handschriftenfrage von der sogenan-
ten liedcrtheorie scharf zu unterscheiden, und jene muss erledigt sein, ehe diese
erfolgreich in Untersuchung gezogen Werden kann.
Hält man diesen naturgemässen weg streng ein, dem alle objective philologi-
sche kritik seit einem halben Jahrhunderte ihre grossen und gesicherten erfolge ver-
dankt, und den auch Lachmann bei seiner nibelungenforschung eingehalten hat, so
wird man zu einem eigenen wolbegründeten urteile gelangen, über dessen Zuverläs-
sigkeit man auf jeder Wegstrecke rechenschaft geben kann, und dies urteil wird dann
freilich dahin ausfallen, dass die ergebnisse der lachmannschen handschriftenkritik in
allen wesentlichen punkten unerschüttert stehen bleiben , und dass seine liedcrtheorie
noch durch keine bessere ersetzt worden ist.
In der litter atur angäbe zur Klage, deren text übrigens durchaus das Schicksal
des nibelungentextes theilt , war Schönhuths wertlose ausgäbe zu streichen , und dage-
gen zu verweisen auf Sommer in Haupts ztschr. 3 , 193 — 218 und Rieger , ebendas.
10 , 241 — 255. Desgleichen fehlt beim Ortnit die anführung und beuutzung der
Avichtigen abhandlung Müllenhoffs in Haupts ztschr. 13, 185—192. Diephrase, dass
der ,, nordisch- fränkischen sage vielleicht auch die reine Siegfriedssage in ihrer älte-
sten gestalt" angehört habe, „wo sie mit den fränkisch - burgundischen sagen noch
nicht verflochten war," ist natürlich ganz zu streichen und ebenso ist die beigefügte
litteraturnachweisung des unnützen ballastes zu entledigen.
Die kunstpoesie dieses Zeitraumes ist abgehandelt in den §§. 28 — 44 und würde
durch eine bessere disposition des Stoffes sehr gewinnen. Die beibehaltene behaup-
tung (§ 29), dass Britannien, Frankreich und Spanien dem höfischen epos die origi-
nale geliefert habe , möchte doch schwer zu beweisen sein. Über Hartmann von Aue
hat sich Palm durch dessen „neuesten herausgeber" aufs eis führen lassen. Wil-
nianns hat bereits bewiesen (Haupts ztschr. 14, 144 flg.), dass und warum die auf-
stellung von HaMmanns theilnahme am kreuzzuge von 1189 — 91 hinfällig ist. Dage-
gen- hätte er zu Gottfried von Strassburg bemerken können , dass Elard Hugo Meyer
(Walther v. d. Vogelweide. Bremen 1863. s. 5) zum jähre 1207 einen Godofredus
Rodelarius de Argentina nachgewiesen hat, welcher sehr wol mit dem dichter iden-
tisch sein kann , der sonach stadtschreiber von Strassburg gewesen wäre , und dafür
hätte er die bemerkung über Gottfrieds geistliche gedichte streichen sollen. Zu Karl-
raeinet wird anzuführen und zu benutzen sein das buch von Bartsch ,, lieber Karl-
meinet. Nürnberg 1861," und das ästhetische urteil über Flore und Blancheflur
wird wol einer einschränkung bedürfen. Zum Rolandsliede hat neuerdings H. E. Meyer
ein gehaltvolles programm geliefert. Bei Wolframs Willehalm vermisst man die
anführung und benutzung der arbeit von Jonckbloet „ Guillaume d'Orange. Chan-
sons de geste etc. La Haye 1854. 2 bde."
An einer kritik der Artussage gebricht es uns noch gänzlich. Holtzmann hat
erst neuerdings (Pfeiffers Germania 12, 257 flg.) einen richtigen ersten schritt dazu
gethan. Tieferes eindringen führt aber zu sehr überraschenden ergebnissen, welche
ich an einem anderen orte ausführlicher darzulegen und zu beweisen gedenke. Nie-
PISCHONS LEITFADEN 253
mand wird es dem leitfaden zum fehler rechnen, wann er nicht üher die bis jetzt
vorliegende forschung hinausgeht; doch hätten einige bereits beseitigte Irrtümer ver-
bessert werden können. Ganz richtig wird gesagt , das wort gral bedeute nur gefäss ;
es ist in dieser bedeutung noch heut in den landstrichen an den östlichen pyreuäen
gebräuchlich. Aber der gral der sage ist sehr viel älter als die erbeutuug der glas-
schüssel in Caesarea, und ist mit der abendmahlsschüssel Christi ei'st identificiert
worden durch die Kelten , welche ihre nationallegende von ihrer bekehrung durch
Joseph von Arimathia mit der gralsage verknüpften. Die erklärung des namens Mon-
salvatsch durch mons salvatoris ist grammatisch unzulässig , vielmehr geht die beuen-
nung zurück auf ein lateinisches mons salvaticus = silvaticus: bewaldeter berg, und
in den Pyrenäen haben den sitz des grals erst unsere Eomantiker gesucht. Die Orts-
namen in Wolframs Parzival . welcher die am reinsten gebliebene Überlieferung der
sage enthält, sind eben nicht geographische, und folglich auch nicht geographisch zu
deuten; aber ihre erste aufzeichnung muss die sage im Südosten Frankreichs gefun-
den haben. Bei dem Lanzelot ist nachzutragen die dissertation von G. N. Schilling,
de usu dicendi Ulrici de Zatzikhoven. Halae 1866. Dass Wolframs gewährsmann
Guiot ein provenzale gewesen sei, sollte, als längst widerlegt , gestrichen sein, (doch
dürfte nicht etwa der schon von Lachmann in der ausgäbe Wolframs s. XXIV richtig
abgewiesene Guiot von Provins dafür eingesetzt werden,) und bezüglich der Krone
des Heinrich von dem Türlin sollte richtiger gesagt sein , dass die quelle dieses Wer-
kes noch unermittelt ist.
Doch ich muss hier abbrechen , da sich eine so eingehende besprechung nicht
wol über das ganze buch ausdehnen lässt. Ich beschränke mich deshalb darauf, nur
noch einige einzelne bemerkungen hinzuzufügen.
Bei erwähnung der worte aus Lamprechts Alexander: (§.36) „da ward ihm
vergeben," wäre die bemerkung wol nicht überflüssig, dass sie nicht moralisch, son-
dern physisch zu verstehen, und mithin zu übersetzen sind: ,,da ward er vergiftet."
Zum guten Gerhard des Eudolf von Ems ist (§. 37) noch das Simrocksche werk nach-
zutragen ,,Der gute Gerhard und die dankbaren todten" (Bonn 1856). Die pariser
minnesingerhandschrift (§.41) ist nicht mit der heidelberger palatinischen bibliothek nach
Rom und von da nach Paris entführt worden; und eben deshalb hat Preussen trotz
aller bemühung beim friedensschlusse ihre rückkehr nach Deutschland nicht erwirken
können. Eine auskunft über die entstehung der umfänglichen minnesingerhandschrif-
teu aus liederbüchern der fahrenden sollte im leitfaden nicht mehr vermisst werden.
Zu Neidhart von Eeuenthal (§. 42) hat Palm, im bestreben nach Vollständigkeit der
litteraturangaben , noch auf dem letzten blatte des buches (s. 231) eine abhandlung
nachgetragen, die er aber nicht selbst gesehen haben kann; denn die dissertation von
Paetz , de vita et fide Nithardi , Halae 1865 , handelt nicht von dem dichter Neidhard,
sondern von dem leben und der glaubwürdigkeit des karolingischen Chronisten Nit-
hart. Zwischen dem Sachsen - und dem Schwabenspiegel (§. 46) ist das noch fehlende
niittelglied , der Spiegel deutscher leute , samt der zugehörigen litteraturangabe ein-
zuschieben. Bei den Volksliedern (§. 54) fehlt noch die erwähnung des so wichtigen,
1866 erschienenen dritten bandes von Uhlands Schriften. Die prosa des 14. und 15.
Jahrhunderts (§.60 — 66), namentlich die theologische, wird in einer folgenden auf-
läge reichlicher zu bedenken und gründlicher zu bearbeiten sein. Haben diese pro-
saischen werke auch meistens keinen reiz mehr für uns , und sind sie für uns grös-
tenteils längst gänzlich verschollen, so hatten sie doch eine ungemeine Verbreitung
und übten eine tiefgreifende Wirkung über das ganze volk hin , so dass sie der refor-
mation mächtig vorarbeiteten. Grade sie sind besonders charakteristisch für jenen
254 riRCuoNs i-kitpaden
ganzen zoitraum. Uobcr die cuglisehon coniödiantcii würde man gern etwas bestirn-
teres und thatsäclilidicres erfahren , als das schlechthin verdannnende urteil in §. 77,
zunuil die meisten benutzcr des leitCadens das nicht mit angerülirtc werk von Cohn,
Sliakespeare in CTerman}^ in the l(j and 17 centuries (London 18(JG) wol kaum dem
namen, geschweige dem Inhalte nach kennen werden. Der britische Ursprung des
vtdksbuches von Fortunat ist denn doch sehr zweifelhaft (vgl. Ersch und Grubers
encyclopädie s. v.). Richtig wird hervorgehoben (§. 1)5), dass Opitz sich an hollän-
dische Vorbilder angeschlossen habe; ungenau aber ist, was von den gleichzeitigen
holländischen dichtei-n gesagt wird, und unrichtig deren vermengung mit den älteren
rederijkern. Sehr l'ruchtl)ar aber würde sich erwiesen haben eine bclehrung über die
geschichte der ]ioetiken von Jul. Caes. Scaliger ab, und über deren grosseuteils durch
Frankreich und Holland vermittelten eintiuss auf die deutsche litteratur. Neben Hett-
ner und rUederniann sollte unter den für die litteraturgeschichte des achtzehnten
Jahrhunderts (s. 171) angeführten werken Schlossers geschichte des achtzehnten Jahr-
hunderts doch wahrlich nicht fehlen.
Diese ausstellungen sollen nicht den werth des Pischonschen leitfadens herab-
setzen , der ja trotz alledem zu den besseren büchern seiner art gehört , noch auch
sollen sie das verdienst seines letzten herausgebers schmälern; sondern grade im
gegenteil haben sie den zweck, indem sie nicht nur auf die inängel des buches auf-
merksam machen, sondern auch die mittel und wege zu deren beseitigung andeuten,
zur vervollkomnung desselben beizutragen. Die partie der älteren litteratur, der sie
vorzugsweise gelten , ist in der that die bei weitem schwächste des buches und der
Verbesserung am meisten bedürftig. Mit dem sechszehnten Jahrhunderte wird die
behandlung eine wesentlich bessere und in der litteratur des achtzehnten Jahrhunderts
ist sie noch befriedigender, ja theil weise recht löblich und wohl gelungen. Von der
füUe dessen, was aus der litteratur der letzten Jahrzehnte dargeboten wird, würde
man sogar manches ohne bedauern vermissen können; und für die zwecke der schule
wäre es jedenfalls kein Verlust, wenn namen wie Scherenberg. Eedwitz , Bogumil
Goltz, Henriette Paalzow, Luise Mühlbach u. dgl. gänzlich felilten, und statt ihrer
noch einige der bedeutendsten und einHussreichsten Vertreter der Wissenschaft aufge-
nommen würden, wie z. b. Joli. Aug. Wilh. Neander. Für die zwecke der schule hat
meines bedünkens schon Koberstein in seiner vorrede von 1827 die richtigen grund-
sätze aufgestellt, wenn er sagt, in den frühereu zeiten habe er die für das bedürf-
nis des lehrers sorgenden anmerkungen nicht gespart, denn der lehrer bedürfe zur
belebung seines Vortrages eines reichen materiales um sich im einzelnen mit dem
gegenstände , über den er sprechen soll , vertraut zu machen ; er selber aber habe
aus eigener erfahrung gelernt , wie schwer es halte , nur zur kenntnis der quellen
und hilfsmittel für- die ältere geschichte unserer litteratur zu gelangen ; darum habe
er auch, je weiter zurück in der zeit, die litteraturnachweisungeu um so reichlicher
gegeben, während in den neuern perioden sich jeder aus den gangbaren grösseren
werken leicht selbst rath erholey könne. Ferner habe er die geschichte der deutschen
litteratur jüngster zeit, ungefähr der letzten drei decenuien, fast gänzlich von sei-
nem leitfaden ausgeschlossen; da diese entwicklungsstufe noch zu sehr in die unmit-
telbare gegenwart herübergreife , noch zu enge mit den Interessen des tages zusam-
menhänge, noch zu wenig zum abschlus gekommen sei, als dass es sich geziemen
möchte sie in den kreis des Schulunterrichtes zu ziehen, wie man ja auch die neueste
politische geschichte noch ausser dem schulbereiehe lasse.
Wird im Pischonschen leitfaden die darstellung der älteren litteratur dem
gegenwärtigen stände der forschung entsprechend umgearbeitet, wird die auffassung
vertieft und die innere entwickelung der litteratur noch mehr berücksichtigt, wird die
anordnung verbessert und dabei auch sdion äusserlich das bedeutendere kräftiger her-
vorgehoben , das unwichtigere dagegen mehr in den hintergrund gerückt , werden auch
die litteraturnachweisungeu zweckmässig gesichtet: dann wird der leitfaden wirklich
im stände sein , seinen ausgesprochenen zweck vollständig zu erfüllen , und den rühm
eines nicht blos brauchbaren , sondern eines guten, ja eines vortretflichen Schulbuches
zu verdienen. Ich zweiüe nicht daran, dass mein verehrter freund Palm ihn zu die-
ser Vollendung erheben könne, und wünsche ihm von ganzem herzen den vollgenuss
an müsse , gesundheit und sonstigen förderlichen Vorbedingungen zur ausführung die-
ser allerdings weder leichten noch rasch zu bewältigenden aufgäbe.
HALLE. J. ZACHER.
DBCESE, EINFÜHRUNG IN D. DEUTSCHE LITT. 355
Einführung in die deutsche litteratur von ihren ersten anfangen
his zur gegcnwart. Biographien und proben von A. Droese. Lan-
gensalza, schulbudihandhmg von F. G. L. CTres.slcr. 18(j8. XII. 324 s. 8. (1 Thlr.)
Der Verfasser sagt in der vorrede: ., Nachstehende blätter enthalten eine kleine
gcschichte der deutschen litteratur von ihren ersten anfangen bis auf die gcgenwart
in kurzen biograi)liien der dichter, oder, wo sich selbige nicht ermitteln lassen, des
gedichtes. Es war des Verfassers absieht, überall in den gegebenen proben anklänge
zu schaffen an bekanntes, in den biographieu die wichtigsten lebeusereignisse der
dichter und die durch liervorragende kritiker ausgesprochene meinung über ihre Ici-
stungen kurz anzudeuten. Mehr zu sagen wäre überflüssig."
Von der leistung des Verfassers mögen einige ])roben zeugnis geben. Er sagt
s. 4 (über den stabreim): ,, Stabreim heisst er, wie das wort buchstabe, daher, dass
man die buchstaben anfangs nicht schrieb , sondern mit holzstäben ausdrückte , oder
in holzstäbe und steine ausschnitt."
S. 18. ,, Das Nibelungenlied. Dieses alte deutsclie heldengedicht , die deutsche
Ilias genannt, führt seinen luimen von den Nibelungen oder Nitlungen, einem alten
burgundischen mächtigen heldeustaninie. Es beruht auf vielfach verschlungenen, in
dem ström der zeiten zu uns herabgeschwommenen (hindurchgesickerten , wie H. Laube
sagt) mären der Wilkina- und Nitiuugasaga."
S. 26. „Walther von der Vogelweide nahm (1207) an dem berühmten
Sängerkriege in der Wartburg theil, wo er zum sieger erklärt wäre, wenn niclit der
Zauberer Klingsohr aus Ungerland sich für Heinrich von Ofterdingen erklärt und so
die ganze sache unentschieden gemacht hätte."
S. 28. ,, Wolfram von Eschenbach .... Bcich und neu in der darsieUunc/ und
ein fjeivandter und zierlicher Meister der Sprache and des Versbaues, erhebt er sich
zu einer episclien höhe, die vor ihm nicht erreicht worden er stammte aus
einer freiherrlichen familie der Oberpfalz, empfing/ zu Hemieberg den ritterschJacj,
und brachte sein leben auf ritterzikjen zu, ivobei er von seinem dichtertalcnt und
der freigebiglceit der furstcn lebtet Eine Zeitlang war er bei dem landgrafen Her-
mann von Thüringen , bei welchem er auch als kampfrichter am wartburgskriegc theil-
nahm . . . Die bedeutendsten seiner zahlreichen werke sind: der Parcival, der Titu-
rel oder die pfleger des graals, der Trojanische krieg, Wilhelm von Oranse und Gott-
fried von Bouillon •' .... S. 29. ,,Das wort Graal leitet man aus dem lateinischen
„sanga is regalis," königliches blut, daraus ward im romanischen Saiiig regal, und
verstümmelt St. Greaal, Gral."
S. 38. „ Reineke de Fos. Diese fein, anmuthig, tief und treffend gefasste satyre
des volksbewusstseins gegen die culturexistenz , diese treffliche darstellung der Ver-
kehrtheiten der damaligen ])olitisc]ien und kirchlichen zustände erschien 1498 zum
ersten male in Lübeck gedruckt. Es ist eigentlich eine bearbeitung des alten, aus
dem 13. Jahrhundert stammenden niederländischen Reinaert, glücklich mit fleisch
überzogen."
lieber Herder gibt der Verfasser folgende belehrung: S. 149. ,, Dieser stern
erster grosse am himmel deutscher litteratur ist der söhn eines armen schullehrers "...
Es folgen nun lediglich biographische notizen , und dahinter : ,, Seine werke , hervor-
gebracht durch seine vielseitigen talente und ausserordentlichen kenntnisse , werden
mit recht eingetheilt in solche , die zur schönen lamst und litteratur , die zur religion
und theologie, die zur Philosophie und geschichte gehören. Nennen wir einige ein-
zeln, so finden wir . . . ." (es folgen einige vereinzelte titel, ohne weitere beigefügte
bemerkung).
Aehnlich über Jean Paul, s. 224. „Dieser berühmte deutsche Schriftsteller
ist den 21. märz 17(j3 zu Wunsidel im Pichtelgebirge geboren." Es folgen weitere
biogra]i]iische notizen, und dahinter: ,,Jean Paul ist der gröste humorist Deutsch-
lands und hat eine grosse zahl von werken humoristischen, ästhetischen, satyrischen,
l»ädagogischen inhalts verfasst , z. b. grönländische processe , die unsichtbare löge . . .
u. a. m. "
Diese proben werden ül)erreichlich genügen, um den traurigen beweis zu lie-
fern , mit welcher stiim])erhaftigkeit und zugleich mit welcher unglaublichen leichtfer-
tigkeit bücher zusammengeschmiert werden , und mit widclier stirn ein solches kritik-
1) Dlo eursiv gedruckten zcilen .sind wörtlich entiKJiiiiiieii aus dorn Urockhausisclioii conver-
:!atiousle.\icoii, 10. .aufl. 1852. bd. .''.. -.i. (i22.
250 EIN ALTPREÜSSTSCHES GLOSSAR
los zusamiiioncfostoppcltos niacliwerk dem deutschen volke als eine „einfiihning in
die deutsclio litteratur," oder g'ar (nach dem Avurtlaute der vorrede) als ,,eine kleine
geschichte der deutschen litteratur " dargeboten wird.
HALLE. ^^^ J. ZACHER.
Eiu altpreussisclies Glossar.
Die von den herren dr. Rudolf Reicke, custos der königlichen bibliothek zu
Königsberg und dem stadtgerichtsrathe Ernst Wiehert herausgegebene altpreussi-
sche Monatsschrift — eine sehr verdienstliche Zeitschrift, welche auch über deut-
sche spräche , litteratur und Volksüberlieferung in der provinz Preussen schätzbare
mitteilungen bringt , und deshalb die besondere beachtung auch der Germanisten ver-
dient — enthielt in dem jüngst erschienenen, vierten hefte ihres fünften bandes (mai —
juni 1868) folgende naclu-icht:
„Im fünften bände der N. Pr. Prov. -Bl. s. 249 erwähnt stadtrath F. Neumann
in Elbing bei gelegenheit einer abhandlung über den namen Dam er au einer in sei-
nem besitze befindlichen preussischen vocabelsamml ung (XIV. jahrh.) , mit
dem bemerken , das« er dieselbe in Verbindung mit einigen andern schriftlichen Über-
resten aus älterer zeit in kurzem zu veröffentlichen gedenke. Obgleich er vielfach
privatim und öffentlich an dieses sein versprechen erinnert worden ist, sind doch seit-
dem zwanzig jähre verstrichen, ohne dass die von vielen seifen mit Sehnsucht erwar-
tete veröifentlichung dieses kostbaren Schatzes erfolgt wäre, und vereinzelte mittei-
lungen daraus, die theils Neu mann selbst, theils Toppen gelegentlich in den
Prov. -Blättern und in der Altpr. Monatsschrift gegeben haben, sind bisher alles,
was wir von dem vocabularium kennen. Nun aber hat Neumann vor wenigen
Wochen sich entschlossen , das betreffende manuscript , welches ausser dem gedachten
vocabularium noch einige wertvolle piecen historischen Inhalts enthält, der elbinger
stadtbibliotek zu schenken und so die benutzung desselben dem dafür sich interessi-
rendeu publikum zu ermöglichen. Es wird für viele leser der monatsschrift von
interesse sein zu erfahren, dass das vocabularium sich bereits abschriftlich in den
bänden des prof. Nesselmann befindet, welcher die veröffeutlichuug desselben als eine
wichtige , ja unschätzbare Vervollständigung seiner im jähre 1845 erschienenen schrift
über die spräche der alten preussen für eines der nächsten hefte der monats-
schrift vorbereitet. Der uns bisher bekannt gewesene preussische vocabelschatz wird
dadurch sehr beträchtlich erweitert werden, zumal das vocabularium sich in wesent-
lich andern begriffsregionen bewegt, als die bisherige hauptquelle für unsere preussi-
sche Sprache, die Übersetzung des katechismus und der kirchenagende."
Auch ich hatte während meines königsberger aufenthaltes mich widerholt ver-
ifeblich um dies damals ganz unzugängliche altpreussische glossar bemüht. Um so
erfreulicher ist es , dass es nun endlich , und dass es von so kundiger band demnächst
veröffentlicht werden soll. Das glossar ist, wie ich aus einer gütigen brieflichen mit-
theilung des herrn professor Nesselmann entnehme , in 32 abteilungen sachlich geord-
net, und befasst gegen 800 altpreussische Wörter mit nebengesetzter Verdeutschung.
Aus den mir von herrn professor Nesselmann mitgeteilten proben ist zu ersehen,
dass auch die beigefügten verdeiitschungen manche schwierige und seltene !),usdrücke
enthalten , so dass auch sie für die Germanisten schon deshalb nicht ohne ein höhe-
res interesse sind.
HALLE. J. ZACHER.
Einladung zur GrermanistenTersammlung-.
Einem brieflichen ersuchen des hochgeehrten präsidiums der dies-
jährigen philologenversammlung nachkommend beehrt sich die redaction
dieser Zeitschrift, die Germanisten im namen des gedachten präsidiums
zu der auf den 30. September bis 3. october d. j. nach Würzburg aus-
geschriebenen philologenversammlung und den Sitzungen der germanistisch-
romanistiscben sectiou ergebenst einzuladen.
ilallc, Druck ilcr Waisenhaus-Buchdruckorei.
CORPUS IURIS GERMANICI POETIOUM.^
I. KUDEUN.-^
König Hetel ist herscher über sieben lande: ^ Hegelingeland,
Dänemark, die mark Stürmen (Stormarn), Holstein, die schleswigschen
Friesen (Wasserfriesen), Nifland mit den Friesen zwischen Rhein und
Weser (Waleis), endlich Ortland oder Nordlaud.* Unmittelbar seiner
herschaft unterworfen ist nur das land der Hegelingen (207. 432. 52.3),
nach der ursprünglichen textesform wol auch Ortland ;^ alle übrigen sind
au die grossen des reichs, Hetels vasallen, zu lehn ausgethan. Diesel-
ben sind von dem Überarbeiter sämtlich zu verwanten des königshauses
gemacht, wol dem bekannten sprachgebrauche mäge unde man zu liebe,
der nun dahin zu verstehen ist, dass „magen" die unmittelbaren, „man-
nen" die aftervasallen des königs genannt werden. Diese magen sind
Horant, Wate (515), Frute (220), Irolt und Morunc (271), in späterer
zeit auch Ortwin, Hetels söhn. Sie leisten ihrem lehnsherrn zins und
dienste :
1) Unter dieser Überschrift gedeuke ich in einer reihe zwangloser abhandlnn-
gen die schöne litteratur des mittelalters vom rechtshistorischen Standpunkte aus
zu bearbeiten. Plan und muster dafür ist schon früher von mir vorgelegt worden.
Vgl. zeitschr. f. deutsch, alterthum 13, 139 — 161. Zeitschr. f. rechtsgeschichte 7,
181 — 143.
2) Die ursprünglichen stellen nach Müllenhoff, die übrigen nach Bartsch. Ohne
im einzelnen ein urteil abgeben zu wollen , schliesse ich mich im allgemeinen an die
resultate der Müllenhoffschen kritik des gedichts an. Der kürze wegen spreche ich
immer nur von einem Überarbeiter, obgleich Müllenhoff deren mehrere nachge^vie-
sen hat.
3) 550: daz er herre tccere ob sihen riehen hmdeu. Allerdings spielt der
Überarbeiter, vielleicht nach dem vorbilde der sieben kurfürsten , gern mit der sieben-
zahl. Dem könig Gere werden sihen fürsten lant zugeschrieben (2) und Siegfried
von Mohrenland ivas ein künic (jeivaldic siben künige here (580). Auch der nah ver-
wante Biterolf kennt diese redensart (vgl. Müllenhoff?). Bei Hetel aber ist sie wört-
lich zu nehmen.
4) Das nähere ergibt sich aus den unten folgenden erörterungen. Im allge-
meinen sind folgende stellen hervorzuheben: wie diende oiich Ortlant (201) und: er
was ze Friesen herre, wazzer unde lant; JJictiners unde Wäleis icas i>i siner
hant (208). Vgl. 884. 938 f. 469 in Verbindung mit 165. Der überarbeiter hat die
andeutungen, die er vorfand, trotz einzelner Verwechselungen mit consequenz und
nicht ohne geschick im einzelnen weiter ausgeführt.
5) Siehe anm. 26.
ZEITSCHR. F. nEUTSCHE PHILOLOGIE. 1«
258 SCHRCEDER
5()3, 2. daz Hetelen Jmnne daz in dem lande saz,
wie sie im. muosten zinsen die bürge ztco dem lande.
%e hove Mmens alle, als Iletele undfrou Hilde nach in sanden.
572. der gemeiner dienest den des küniges man
dem Mnic Hetelen täten, da von er gewan
vor anderen degenen also michel ere.
Dem sclieiut allerdings Wate zu widersprechen , indem er zu der
köuigin von Irland sagt:
350. /« hete ich seile lant.
do gab ich swem ich wolde ras und gewant.
solt ich nu lehen dienen, müelichen ich daz tmte.
von den minen erben belibe ich nimmer järes frist stcete.^''
Allein diese äusserung gehört in das von Wate und seinen genos-
sen an Hagens hofe beobachtete System der Verstellung (vgl. 311 f.),
denn gerade bei Wate tritt das vasallenverhältnis deutlich hervor. So
können auch die worte , welche Wate bei der fahrt nach Irland ^ an
Hetel richtet: „Mietet uns der erbe" (279) nur auf die erblichkeit der
lehen, nicht auf ein landrechtliches erbe bezogen werden.
Horant ist der vornehmste unter Hetels vasallen und der einzige
der schon nach dem ursprünglichen gedieht zu seinen cverwanten gezählt
wird (216. 1084. 1181. vgl. 1112). Er ist herr von Dänemark (814)
und nennt Hetel mmen Jicrren (396. 400 — 402), Bei dem Normanuen-
zuge wird er von Hilde ausersehen das reichsbanner zu tragen : „ er sol
daz Hilden zeichen tragen in shien handen (1181. vgl. 1111 f.). Diese
bevorzugung Horants, nach dem deutschen Staatsrecht ein vorrecht der
fürsten , '^ verbunden mit der bedeutung seines lehns mid der hervorragen-
den rolle die er bei der entführung Hildes spielt , war für den Überarbei-
ter veranlassung die rechtliche Stellung Horants sorgfältiger auszuführen.
Seine Dänen nennen ihn lierre, und weit berühmt ist ir vogetes name
(564), denn er gebietet über eine stattliche macht ^ und führt selbst
gegen fremde forsten auf eigene band kriege (221 f.). Nach besiegung
der Normannen bleibt er mit Morunc als Statthalter des eroberten lau-
des zurück (1552. 1556). Er hat eigenes landesherrliches geleit,^ und
6) Die kosten dieser fahrt trägt der könig (262. 273).
7) Vgl. Walter, deutsche rechtsgeschichte § 276.
8) An den hof entboten erscheint er mit einem gefolge von sechzig seiner
mannen (216. 218), nach Irland folgen ihm 1000, zum Mohrenkriege 4000 mann (272.
689. 696).
9) Die Normannenboten auf der fahrt zu Hetel kommen zuerst zu Horant: dö
gerten sie geleites (600, 4). Ihre bitte wird ihnen gewcährt: sin geleite wisen hies
CORP. lUE. GERM. POET. I. KUDRÜN 259
am hofe des königs, den er häufig besiiclit (571), versieht er das amt
des schenken, das zu seinem lehn gehört; denn als Hilde bei seiner
abwesenheit den Frute auffordert schenkendienste zu thun, antwortet die-
ser scherzweise:
1612, 2. „ich leiste e% gerne, frouive. loelt ir daz icKz tuo,
diu Wien mit ir lihen mit zwelf vanen riehen,
so tvirde ich herre in Tenelant." des lachte dö frou Hilde minnecUchen.
1613. Dö sprach diu Jcüniginne: „des mac niht gesm.
in Tenelande ist herre Hörant der neve din.
du solt in friundes mäze an siner stat schenken.
swie er si z'Ormanie, so solt du doch hie heime in hedenhenJ'^
Die würde des schenken wird hier offenbar als untrennbar mit dem
lehn verbunden gedacht, und zwar mit einem fahnlehn, denn als solches
wird Dänemark hier bezeichnet. Horant ist also Inhaber eines fahnlehns,
d. h. reichsfürst. Ob wir auch die übrigen mannen Hetels so aufzufas-
sen haben, steht dahin, ist aber wahrscheinlich; gleich Horant führen
sie im kiiege eigene fahnen, während das ganze beer dem reichsbanner
der Hegelingen folgt (887. 1367 ff.), allein die bezeichuung „fürst"
begegnet nur bei Ortwin (1705), der als zukünftiger thronfolger auch den
königstitel führt. ^'^ Durch die königswürde zeichnet sich aber auch
Horant vor seinen genossen aus, er hat sie von Hetel um seiner Ver-
dienste willen erhalten:
206, 2. der verdiende sint
an Hetelen dem künige, daz er im der hröne
icol ze tragene gunde; er gap sie dem hclde ze lone.^^
Die Stellung Horants ist in mehrfacher beziehung auch von allge-
meinem Interesse. Zunächst ist der geki'önte reichsfürst eine ungewöhn-
liche erscheinung. So lange die heerschildsordnung in geltung war, —
und wir werden unten sehen , dass sie zur zeit der abfassung der Kudrun
noch in vollster blute stand, — durfte der deutsche kaiser keines laien
dö Hörant die eilenden geste du her von Tenelant, imze daz sie hrcchten die
Hartmuotes mäge da sie ze hove kernen (602). Hetel, über ihre botscliaft erzürnt,
darf ihnen doch nichts apthun , er muss Horants geleite achten : der künic in übele
gunde, daz ir geleite loas Hörant der hiderhe , ein sneller degen riclic. Sie
müesten anders ividere scheiden von dem künige schedeliche (607).
10) Unter Kudruns frauen befindet sich eine herzogin (1005. 1093. I52(j). König
Hagen bietet den angeblich von Hetel aus ihren landen vertriebenen lielden au sie zu
fürsten zu machen (31G. 322). Unter den inannen des königs von Irland wie des
von Mohrenland werden könige und fürstcu erwähnt (186. 611. 702. vgl. anni. 3).
Selbst der Normannenkönig Ludwig hat grafen und fürsten unter sich (605. 761. 977).
11) Vgl. 415: Sivie er niht kröne trüege, er dienet' im die kröne.
17*
260 SCHRCEDER
mann sein, auch der römische könig war seinem 7Ami kaiser gekrönten
vater nicht durch mannschaft verpfliclitet.^^ Ausländische könige galten
zwar der thoorie nach als Untertanen des reichs, in Wirklichkeit finden
wir aher nur einzelne von ihnen und nur vorübergehend der lehnsherr-
lichkeit des kaisers unterworfen/^ deutscher reichsfürst ist niemals einer
von ihnen gewesen; dasselbe gilt von den königen von Arelat.^* Bas
einzige vorbild für den könig Horant konnte einem deutschen und zumal
einem österreichischen dicliter der könig von Böhmen sein. Die uns vor-
liegende gestalt der Kudrun ist daher nach 1198 entstanden, denn erst
in diesem jähre erlangten die herzöge von Böhmen dauernd das recht
auf den königstitel.^^ — Dazu stinmit nun auffallend, dass unter Hetels
Vasallen gerade der mit der königswürde bekleidete Horant das schen-
kenamt innehat , das in Deutschland bekanntlich mit der kröne Böhmen
verbunden war.^^ Schon aus dem jähre 1114 wird berichtet: dux Boe~
miae snmmus pincerna fuit. Von da an finden wir bei diesem wie bei
den übrigen erzämtern eine allgemeine Verschiebung, die festen Verhält-
nisse aus der zeit der sächsischen kaiser sind in ein vollkommenes
schwanken geraten, und dass sie sich noch 1198 nicht wider gefestigt
hatten, beweist der umstand, dass in diesem jähre der könig von Böh-
men das marschallamt versah. Erst der Sachsenspiegel zeigt wider geord-
nete zustände: In des heiseres höre scd die erste sin die tischop von
Megense; die andere die von Trere; die dridde die von Kolne. under
den leien is die erste an' me höre die palenzgreve von' nie Rine, des
rihes druzte; die andere die hertoge van Sassen, die marschalh; die
dridde die marcgreve von Brandeburch, die hemerere. die schenhe des
rihes, die honing von BeJiemen, die ne hevet nenen höre, umme dat he
nicht düdesch w' is.^' Innerhalb der jähre 1198 und 1232 muss also die
regel, dass die einzelnen reichsämter mit bestimmten fürstentümern ver-
bunden seien, wider die allgemeine anerkennung erlangt haben, und in
eine frühere zeit kann demnach auch die Überarbeitung der Kudrun, die
eben jene regel anerkennt, nicht gesetzt werden. — Aber nicht blos
als gekrönter reichsfürst und Inhaber eines erzamtes, sondern auch als
landesherr hat Horant für die Zeitbestimmung des gedichts ein erhöhtes
interesse. Wir sahen oben, dass er das geleitsrecht besitzt, und zwar
12) Vgl. Ficker, heerschild '62. 50.
13) Vgl. ebd. 80.
ll) Vgl. Ficker, reiehsfiirstenstand 1, 224 f.
15) Vgl. Ficker , entstehungszeit des Sachsenspiegels s. 85. Von dem blos per-
sönlich berechtigten Wladislaw II. (1158—73) kann füglich abgesehen werden.
16) Ueber das folgende vgl. ebd. 121 — 130.
17) Ss]). m, 57 § 2. Vgl. unten s. 274.
CORP. lUR. GERM. POET. I. KÜDRUN 261
wird dies als etwas sich von selbst verstehendes behandelt. Noch im
13. Jahrhundert wurde das geleitsrecht als entschiedenes königliches regal
angesehen , das von andern als dem reichsol)erhaupt nur auf grund beson-
derer königlicher Verleihung ausgeübt werden durfte. So bestimmte der
Mainzer landfriedeu v. 1235 §8: Firmiter inhilemus , ne quis condu-
ctimi alicui precio prebeat, nisi ms conäucendi tencat ah imperio iure
feodali. Vgl. Walter, deutsche rechtsgeschichte §. 310 anm. 4. Ein-
zelne Verleihungen des regals mögen schon in älterer zeit erfolgt sein,
aber weder Friedrichs 11. confoederatio cum principibus ecclesiasticis
V. 1220, noch das dem schluss desselben Jahres angehörende privileg für
den Patriarchen von Aquileja wissen etwas davon, obgleich in beiden
sorgfältig alle den geistlichen fürsten eingeräumten rechte aufgezählt
werden. Vgl. Berchtold, entwickelung der laudeshoheit 1, 126 — 156.
Erst Heinrichs VIT, statutum in favorem principum v. 1231 und die das-
selbe bestätigende curia Sibidati Friedrichs II. v. 1232 verordnete im
§.14: Item condtictum principum pier terram eorum, quam de manu
nostra tenent in feodo , vel per nos vel per nostros non impediemiis vel
infringi patiemur. Diesen rechtszustand kennt unser Überarbeiter, ja er
ist für ihn gar kein neuer mehr. Hiernach ist die vorliegende gestalt
unsers gedichts bereits eüiige zeit nach 1231 entstanden. ^^
Wate ist schon in dem echten theile der Kudrun eine hauptper-
son, nicht sowol wegen seiner verwantschaft mit dem königshause, als
vielmehr wegen seiner hervorragenden kriegsleistungen. Er ist des Jcünic
Hetelen man (518) und hat von ihm die mark Stürmen oder Sturmland,
die heimat der „Stürmere" des Ssp. III, 64 §.3, zu lehn empfangen
(231. vgl. 223. 263). Hier, wol unter Wates obhut, ist Hetel aufge-
wachsen;^^ er bauet auf die treue seines manues: „an angest ich des hin,
Wate rite gerne sivar ich im gehiute" (231) und bietet ihn wo es not
thut zur hoffahrt wie zur heerfahrt auf (232. 687). Auch Wates Stel-
lung ist von dem Überarbeiter eingehender behandelt worden. Er ist
Horants oheim (206. 254), hat von Hetel land und bürgen zu lehn
18) Müllenhoff (S. 94 u. 124) setzt den ersten überarbeitcr um 1230, die beiden
andern um die mitte des 13. Jahrhunderts, die abfassung der echten theile aber in
die blütezeit der Babenberger, etwa um 1212. Bartsch (s. XVIII) vermutet abfas-
sung des gedichts zwischen 1190 und 1200 und Überarbeitung im anfange des 13.
Jahrhunderts, gibt aber nicht an worin diese Überarbeitung, abgesehen von äusser-
lichkeiten, bestanden habe. Ueber die mitte des 13. Jahrhunderts als spätesten ter-
min hinauszugehen empfiehlt sich niclit, da seit jener zeit die in der Kudrun ganz
unberühi-t gelassenen dicnstmannenvcrhiiltnisse in den Vordergrund des politischen
lebens treten. Vgl. zeitschr. f. rechtsgeschichte 7, 139.
19) 204 f. Der überarbeitcr lässt dem Wate auch Ortwins crziehung anvertrauen
(574).
262 SCHRCEDER
emp fangen (205) und nennt ihn minen herren (533). Zur lioffahrt begnügt
er sich mit geringem gefolge, die meisten seiner mannen zum schütze
seines landes daheim lassend (233 f.), aber zur heerfahrt entboten führt
er seinem herrn ein stattliches ingesinde zu, 400 mann zur fahrt nach
Irland (270. 331), 1000 gegen die Mohren wie gegen die Normanneu (696.
1091 f.). Fleissig besucht er den hof seines königs:
570, 2. Wate der vil tvtse, seiden Iiez er daz,
drt stunt in dem järe, ern scehe smen herren.^^
Am hofe bekleidet er das amt des truchsessen (1611), steht also
in dieser beziehung Horant gleich, und es fehlt selbst nicht viel, dass
er auch gleich ihm den königstitel führte , denn bei der siegreichen rück-
kehr vom Normannenzuge empfängt Hilde ihn mit den werten:
1577, 3. „wiUekotnen , hett von Stürmen! du hast gedienet sclmie.
icer möMe dich versolden, man engehe dir lant und eine hrone ? "
Frute erscheint in der ursprünglichen Kudrun , wenn wir von sei-
ner Weisheit im rat absehen , in einem etwas nebelhaften lichte. Er heisst
stets Fruote von TenemarJce (219. 242) , ist also genösse von Horant,
ohne dass ihr Verhältnis zu einander sich irgend erkennen Hesse. Auch
der Überarbeiter 21 behält die vorgefundene benennung bei (292), lässt
Horant und Frute gemeinsam den zug nach Portugal unternehmen und
dem könige darüber berichten (221 f.), beiden auch wol gemeinschaftlich
die erzieh ung Kudruns übertragen (575) ; endlich nennt er sie beide her-
ren? von Dänemark:
263, 2. Horant unde Fruote die kerten sä zehant
hin ze Tenemarhe da sie hiezen herren.
si gedähten sich mit dienste dem Jcütiic Hetelen nimmer geverren.
Im einzelnen ist das Verhältnis beider aber verständig und conse-
quent ausgeführt. Die enge Verbindung beider beiden tritt mehrfach
darin herwor, dass Horant von Frute vertreten wird. So sieht sich
Horant im kämpfe gegen die Normannen genötigt, das reichsbanner aus
der band zu geben (1421), statt bei ihm finden wir es nun bei Frute
(1467). Horant bleibt als Statthalter in der Normandie zurück, an Hil-
dens hofe übernimmt statt seiner Frute das schenkenamt. Wir haben
oben den scherz kennen gelernt den Frute hieran knüpft und aus dem
hervorgeht, dass allein Horant ein anrocht auf Dänemark wie auf das
20) Damit stellt freilich str. 286 im widersprach.
21) Auch hier wird eine verwantschaft mit Horant und Wate hergestellt (382.
1467).
CORP. lUR. UERM. POET. I. KUDRÜN 263
schenkenamt besitzt. Allein der Überarbeiter, dessen juristische ausfüh-
ruugen durchaus nicht den tadel verdienen den man mit recht seinem
künstlerischen geschmacke macht , hat dafür gesorgt , dass auch Frute
einen bestimmten rechtlichen platz l)ehauptet. Ihm steht sonst das
kämmereramt zu (1686),^^ in welchem er nur für das eine mal durch
Irolt vertreten wird (1611); das lehn Frutes aber ist Holstein, denn in
der Normannenschlacht führt er die Hohsce^eii (1415) und auch das
aufgebot zur heerfahrt wird ihm, wie es scheint, durch Moruncs vermit-
telung in Holmne lant zugestellt (1089).- Damit ist nun auch der grund
für Frutes bezeichnung als Dänen gegeben, denn Holstein wird gleich
Stormarn (204. vgl. 456) zu Dänemark gerechnet, was nach Müllenhoflf
(.38 anm. 1. 93) auf die zeit Waidemars des siegers, dem Friedrich II.
alles land nördlich der Elbe einräumte, zu beziehen ist.
Irolt s Stellung ist fast ganz ein werk des überarbeiters,^^ Der
dichter der Kudrun kannte ihn als herrn der Friesen und als vasallen
Hetels,^^ der ihn zur fahrt nach Irland aufbietet: „Jiei^et mir von Frie-
sen liomen Irolden und sine Hute'''' (231). Der Überarbeiter weist ihm
neben den Friesen auch einen theil von Holstein zu : er hringet vil der
Friesen . . . und ouch der Holsscesen (1374). Wol wegen dieser bezie-
hungen zu Holstein muss er Frute einmal im kämmereramte vertreten
(1611), während wir ihn bei einer andern gelegenheit als marschaU ken-
nen lernen: Irolt der degen der sol das gesinde nach dem vanen
tüisen (689). Vielleicht haben wir uns unter Irolts Holstein nur einen
theil desselben, etwa Ditmarschen (Dietmers) zu denken, was zugleich
dahin führen würde unter seinen Friesen im gegcnsatze zu denen Moruncs
die bewohner der schleswigschen Westküste und der Nordseeinselu (die
Wasserfriesen der str. 208) zu verstehen. Ganz unverständig ist es vom
Überarbeiter, auch Ortland als Irolts lehn hinzustellen (565. vgl. 273.
480. 520. 634); wir werden unten sehen was ihn dazu bewogen haben
kann.
Morunc ist nach den echten theilen des gedichts herr von Nif-
land (211. vgl. 564). Dem entspricht es, wenn der Überarbeiter ihn
auch als herrn von Friesland bezeichnet (480) und ihm zur fahrt nach
Irland ein gefolge von 200 Friesen zuschreibt (271). Hier haben Avir
es mit den Friesen zwischen Khein und Weser zu thun, so dass eine
22) 280. 549. Veranlassung dazu hat wol die spriclnvörtliche ., milde" des
Dänenkönigs Frodi gegeben.
23) Derselbe macht ihn zu einem nefFen Wates (492. 1416).
24) Der Überarbeiter Lässt ihn von Hegclingeland als „inines herren lande"
sprechen (351. 369).
264 SCHRÖDER
collision Moruncs mit Irolt vermieden wird.^'' Auf dieselben geographi-
schen verliältnisse weist auch die dem Überarbeiter angehörige bezeich-
nung Moruncs als markgrafeu von Waleis hin (1087. 641. 1102. 1370)
von wo er seinem lehnsherrn z.um Mohrenkriege 2000 mann zuführt
(688. 697). Wol mit recht hat man den namen Waleis auf die Ehein-
mündung Waal (wie Bruuhilds Isenland auf die Yssel) gedeutet; auch
der umstand spricht dafür, dass der Überarbeiter Herwig als einen uach-
bar von Waleis erscheinen lässt (641) , weil er bei Seeland an das nie-
derländische Seeland denkt, obwol überwiegende gründe für das dänische
zu sprechen scheinen.
Ortwin, Hetels söhn, ist nach dem Tode seines vaters könig von
Ortland und von hier aus wird er zur heerfahrt gegen die Normannen
aufgeboten (1096, 1099 f.). Der dichter der Kudruu nahm eine unmit-
telbare herschaft Hetels über Hegelingeland und Ortland au und liess
mit seinem tode ersteres nebst der oberherschaft über die übrigen län-
der auf Hilde, letzteres auf Ortwin übergehen. Der Überarbeiter dage-
gen betrachtete nur Hegelingeland als reichsunmittelbares territorium,
Ortland, mit dem er nicht zu bleiben wusste, verlieh er einstweilen an
Irolt und liess später Ortwin, sobald er ihn in die handlung einführte
und noch vor dem tode des königs im besitze des landes erscheinen, ^^
ohne den Übergang aus der einen band in die andere im geringsten zu
begründen. Weiter hält er dann aber au der schon von dem dichter ver-
tretenen auffassung fest, dass nach Hetels tode die reichsregierung von
Hilde fortgeführt wird, 2 '^ und wenn Horant den jungen Ortwin shien lie-
hen lierren nennt (1420), so kann das nur auf ihre zukünftige Stellung
zu einander bezogen werden, im augenblick sind sie gleichstehende"
genossen, vasallen der königin und beide mit dem königstitel ausgestat-
tet. In diesem Verhältnis wird auch durch Ortwins Vermählung nichts
geändert, Hilde bleibt königin der Hegelingen so lange sie lebt und
Ortwin geht mit seiner jungen gemahlin auf sein lehn:
1704, 2. da% siu ze Nortlande kröne solde tragen
M Ortmn dem Mnt'ge, daz siu da fromce hieze.
Wesentlich anders wird das thronfolgeverhältnis am irischen königs-
hofe geschildert. Geres witwe führt nicht die regierung kraft eignen
25) Müllenhoff 80 findet str. 1089 eine herschaft Moruncs über Holstein angedeu-
tet , die stelle lässt aber auch die von uns bei der besprechung Frutes gemachte aus-
legung zu.
26) 689. 698. 716. Siehe anm. 5.
27) 921. 1075. 1083. Vgl. 1097. 1599. 1667. Im Normannenkriege wird das
reichsbanner , demalle folgen, daz Hilden zeichen genannt (1181. 1372. Vgl. 1353. 1548).
COBP. lüR. GERM. POET. I. KÜDRÜN
265
rechts , sondern nur als vormundschaftliche regentin für ihren unmündigen
söhn Sigebant:
6. Diu Sigehandes muoter
der mcere helt guoter,
daz er niht wolde niinnen
der edelen himiginne
7. Sin muoter riet dem riehen,
da von getiwert loürde
den witewen stuol besaz.
dar umbe liez er daz,
ze rehter einer e.
ivas nach Sigebande we.
daz er im name ein wip
sin lant und auch sin Up.
Nachdem Sigebant sich raij; einer norwegischen königstochter ver-
mählt und um ihr ebenbürtig zu sein das schwort genommen hat, wird
ihm unter mitwirlmng der mannen (magen) die herschaft übergeben:
18. Daz er sie solde minnen,
siu toas ein Miniginne,
dö muost er tragen kröne
des hülfen im sin mäge.
daz dühte niemen reht ;
do ivas er dannoch kneht.
ob edelen fürsten riche.
Ritterschlag (als zeichen der mündigkeit) und Vermählung werden
auch bei Sigebants söhne Hagen abgewartet, bevor er der ki'one wür-
dig erscheint (171. 176 — 179). Dann aber verzichtet der könig vor sei-
nen mannen zu gunsten seines sohns und weist sie an den neuen herrn
dem sie sofort behufs der lehnserneuerung die mannschaft leisten:
188. Vor den sinen gnözen
„ minem sune Hagenen
die Hute mit den bürgen,
alle mine recken
189. Do sich verzigen hete
do begunde Hagene lihen
fnit vil guotem willen,
er dithte sie so biderbe,
190. Nach lehenltchem rehte
wart dem jungen künige.
gab er sinen gesten,
so mildes fürsten hochzit
sprach her Sigebant:
gibe ich miniu lant,
nahen unde verren.
sulen in in haben zeinem herren."
der fürste Sigebant,
bürge zmde lant
die ez nemen solden,
daz siz von im gerne nemen tvolden.'^^
gestraht ir maniges hant^^
schaz und ouch geivant
7iäJien unde verren.
möhte noch den armen niht gewerren.
Also lehnserneuerung und „milde" gegen die gaste sind die ersten
regierungsakte des thronfolgers , jene weil er lehnsherr, diese weil er
28) Vielleicht darauf zu beziehen , dass die mannen beim herrenwechsel einen
geringeren als den bisherigen herrn nicht anzunehmen brauchten. Homej'er, system
des lehnrechts 444.
29) Vgl. 833, 4.
266 SCHRCEDER
Avirt geworden ist. ^'^ Hierauf beginnt seine Hauptthätigkeit , die sorge für
recht und gericht:^^
19-i. Do begunde rihten her Hagene in Irlant.
sicaz er unhilliches an den liuten vant
des »mosten sie engelden von im harte sere.
inner einem jcire enthäutet er ir ahzic oder mere.
Der ganze passns scheint eine unmittelbare benutzung der bekann-
ten Nibelungenstelle zu enthalten, in welcher die Übergabe der kröne
an den mit seiner jungen gemahlin heijnkehrenden Siegfried geschildert
wird :
657.. Do sprach vor stnen friunden der herre Sigmunt:
„den Sifrides mägen tuon ich allen kunt,
er sol vor disen rechen mme kröne tragen."
ditc mcere horten gerne die von Niderlanden sagen.
658. Er hevalch im sine hrone, gerihte , unde lant.
Sit was er ir herre. die er ze rehfe vant
und dar er rihten solde, daz wart also getan,
daz man sere vorhte der sclioenen Kriemhilde man.
Nicht ganz deutlich ist das Verhältnis Hartmuts zu seinem
vater. Als könig der Normandie wird , so lange Ludwig lebt , nur dieser
bezeichnet (786. 819. 848), Hartmut erst nach dem tode seines vaters
(1630), da er nach der aussöhnung mit seinen siegreichen feinden als
alleinherscher in sein land zurückkehrt; bei lebzeiten seines vaters führt
er nur im allgemeinen,^^ ohne beziehung auf ein bestimmtes land, den
titel könig, fürst, vogt (587 f. 608), einmal heisst er auch der junge
. 30) Vgl. lex salica46: et liosxntes tres suscipere dehet.
31) Vgl. 20: er rihte swem er solde und räch der armen anden. Vgl. Frank-
lin , reichshofgericht 1 , 1 ff . Der könig sorgt für den frieden ; wer den von ihm
gebotenen frieden bricht wird geächtet (vgl. 259. 313. 416) und büsst, wenn mau
seiner habhaft wird , mit dem tode :
296. -Er sprach: „min geleite unde minen fride
den wil ich in enhieten. er hüezet mit der wide
der an iht hesivceret die unlcunden herren.
des sin eine sorge, in sol in mlnem lande niht geiverren."
um den frieden nach innen nnd aussen aufrecht erhalten zu können legt der könig
wol feste platze an: sine bürge er stifte und fridete sin lant wol nach küniges
rehte (569). Ueber krieg und frieden gebietet er allein und auf seinen befehl wird
der kämpf eingestellt (526).
32) Wie ja auch königstöchter häufig den titel „königin" führen. Vgl. 225.
427. 971.
CORP. lUE. GERM. POET. 1. KUDRUN 267
tvirt des landes (992). Wirklicher (gekrönter) könig ist er noch nicht,
weil seine eitern noch leben und er noch unvermählt ist:
1022, 2. der helt sich versan,
dei% im und sinen friunden tvare gar ein schände,
da% er niht Icrone trüege und doch herre hieze ob Tcüneges lande.
Diese worte deuten an, dass ihm zur vollen herschaft nur noch
die formelle anerkennuug durch die krönuug fehle (vgl. 1031, 3), und
in der that tritt Hartmut mehrfach neben seinem vater als selbständiger
herscher auf. Er lebt nicht am hofe seines vaters (588 f.), wir finden
ihn häufig im kriege beschäftigt (vgl. 1011. 1023) und es scheint als
wären ihm (wenigstens nach ansieht des überarl)eiters) die marken des
landes anvertraut :
1050. Von dannen gie du Hartmuot da er die sinen man
vlegte ^ daz sie sohlen des landes Imote htm
tmd ander siner eren.
Er hat seine eigenen mannen, die neben denen seines vaters genannt
Averden (596. 766. 768. 1036. 1288. 1344), auch wird von einem Hart-
muotes mcJien gesprochen (859). In den zusatzstrophen wird ihm bald
ein eigener haushält zugeschrieben,^^ bald verspricht er seinen beiden:
„ich gihe iu da Jieime mines vater guot" (800). Land und bürgen wer-
den bald als Ludwigs, bald als Hartmuts eigentum bezeichnet (954. 956.
1110). Hartmut selbst sagt von sich aus: „ir ivizset das tvoJ , Küdrim,
daz min eigen sint diu lant und die hürge unde oucli die Hute'''
(1029), und dem entsprechend gibt Kudrun auf die frage: „ives sint
disiu erbe und dis riclie lant und ouch die guoten hürge?"- die aus-
kunft:
1227. „der fürsten einer heizet Hartmuot:
dem dienent lant diu iviten tmd veste hürge guot;
der ander heizet Ludewic von Ormame riche:
im dienent vil der helde, die sitzent in ir lande lobeliche.^^
Das ganze Verhältnis zeigt mehr einen thatsäclüicheu, als einen
rechtlichen Charakter. Rechtlich hat Hartmut noch keinen ansprach auf
die herschaft, thatsächlich lässt das vertrauen seines vaters ihn \iel-
fach an derselben theilnehmen.
Wir haben gesehen , wie wichtig für den thronfolger die Vermäh-
lung ist;^^ denn treu zur seite steht dem könige die gemalilin, sie wirkt
33) Bei ausrüstung der hccrfalirt zu den Hegelingen sagt Ludwig zu Hartmut :
„sun, gib et du den gesten, so gib ich hie heime minen helden" (743).
84) Vgl. 7. 176. 1022. So lange die eltera leben hat'nur der vermählte thron-
folger königsrechte. Anders natürlich wenn sie gestorben sind (vgl. 209).
268 SCHRCEDER
mit beim geben wie beim leihen (1642). Ihre kröne vererbt sie auf
toehter oder Schwiegertochter. ^^^ Um so grösseres gewicht Avird darauf
gelegt, dass der köuig nur eine seiner würdige gemahlin nehme. Seine
wähl fällt regelmässig auf eine königstochter , und nicht selten geht dem
entscheidenden schritt eine beratung mit den grossen des reichs voran
(8. 169. 176 f. 210. 241). Selbst der besiegte und gefangene Hartmut
weist mit entschiedeuheit jeden gedanken an eine gemahlin, die seiner
magen (d. i. mannen) misbilligung linden könnte, zurück:
1638, 2. e claz ich also minnet, e lieze ich mm leben,
daz ez mme möge da heime diuhte smcehe :
so loolde ich wcerliche, daz man mich e veigen gesmhe.
Besonders eifrig ist die sorge königlicher eitern um die standes-
mässige Verheiratung ihrer töchter. Die ganze erste hälfte der Kudrun
dreht sich ja um die Weigerung zweier könige ihre töchter^^ andern als
ihnen an macht und ansehen gleichen fürsten zur ehe zu geben (201.
585. 593). Hetels macht wird schliesslich von Hagen als ebenbürtig
anerkannt und darum findet die aussöhnung beider statt (560) ; Herwig
wird wegen seiner persönlichen tüchtigkeit angenommen, obgleich er
keinem sehr mächtigen und angesehenen geschlechte angehört (651 f. 656).
Aber er ist doch ein selbständiger könig, sein Sewen oder Seeland kei-
nem höhern herrn unterworfen; und wenn sich Hartmut ihm auch an
macht gleichstellen kann:
1048, 2. er sprach: ,,froi(, Küdrün, ich wcere xool genoz
des fürsten Herwiges, den ir für michel ere
nemet in ze friunde,'^^
so klebt diesem und seinem geschlechte doch ein makel an, der jeden
gedanken an einen ausgleich , wie er Herwig gegenüber zu stände kommt,
von vornherein als unmöglich erscheinen lässt:
610. Do sprach frou Hilde: „wie Icege si ime U?
ez lech rrdn vater Hagene hundert unde d/ri
sinem vater bürge da ze Karadine.
diu lehen ncemen übele von Liideiviges hant die mäge mine.''''
35) Vgl. 990. 1310. 1606. Nib. 661: In den selben zUen starp vrou Siglint.
dö nam den gwalt mit alle der edelen Uoten Mnt , der so riehen vrouiven ob
landen wol gezam.
36) Hilde selbst stellt nur die allgemeine bedingung: „Jcome er mir ze mäze,
ich wolde im ligen hi" (405). Deutlicher ist ihre frage: „iver ist din herre od tvie
ist er genant''^ mag er haben kröne od hat er eigen lant?" (401).
COBP. lUK. GERM. POET. I. KÜDRUN 269
Während diese strophe allgemein als ein theil des alten gedichts
anerkannt ist, wird in der folgenden, die den Überarbeitern zugeschrie-
ben wird, weiter ausgeführt, dass Ludwig durch feindschaft eines niit-
vasallen sein lehn verloren habe. Denselben Vorwurf der uuebenbürtigkeit
erhebt Hetel gegen Hartmut (819), auch Kudrun scheint darauf anzuspie-
len und Ludwig selbst hat eine ahuung, dass es so kommen werde (593).
Ludwig ist nicht königsgenoss , weil er mann eines andern königs
geworden ist. Diese heerschildserniedrigung dauert fort , obgleich ihre
veranlassung, das maimen Verhältnis zu Hagen, längst aufgehört hat,
und sie wirkt noch für zwei geschlechtsfolgen nach, Irind und kindes-
kind werden von ihr betroffen,^'' Gerade dies ist es aber, woran Hilde
anstoss nimmt, die persönliche erniedrigung Ludwigs und selbst Hartmuts
würde sie sich vielleicht eher gefallen lassen.
Diese Übertragung lehnrechtlicher anschauungen auf das rein land-
rechtliche gebiet der ehe haben wir schon früher (zeitschr. f. deutsch,
alterth. 13, 151) kennen gelernt. An sich hatte die heerschildsordnung
mit dem recht der eheschliessung nichts zu schaffen. Im landrecht galt
noch in der ersten hälfte des 13. Jahrhunderts der grundsatz, dass bei
eben freier personen, wenn auch verscbiedenen Standes, das kind regel-
mässig den stand des vaters erhielt, gleichviel ob die mutter einem
höheren oder geringeren stände angehörte. Ebenso war für den lehn-
rechtlichen stand (d. h. den heerschild) des kindes allein der heerschild
des vaters massgebend , wenn nur beide eitern ritterlicher herkunft waren ;
der höhere oder geringere heerschild der mütterlichen familie kam gar
nicht in betracht. Während also nach landrecht nur zwischen freien
und imfreien, nicht aber zwischen den verschiedenen Massen der freien
eine misheirat möglich war,^^ konnte nach lebnrecht nur zwischen rit-
terbürtigen und nichtritterbürtigen , nicht aber zwischen ritterbürtigen
personen verschiedenen heerschilds eine unebenbürtige ehe eintreten.
Allein die häufige anweudung des motivs der uuebenbürtigkeit zur ehe
bei den dichtem nötigt zu der annähme , dass der eigentlichen rechts-
entwickßlung (d. h. der abschliessung des hohen adels) schon ende des
12. Jahrhunderts die entwickelung im leben vorausgegangen war und dass
damals eine königstochter anstoss nahm sich einem fürstensohne, eine
fürstentochter sich einem freien herrn, eine freiin sich einem schöffeu-
37) Vgl. Homeycr, System des lehnrechts 302 f.
38) Vgl. s. Margareten inarter 144 if. : er sivuor bt sinem Übe, er wolle st ze
wibe : si wäre eigen oder fri, si muoste ime tvesen hi (zeitschr. f. dtscli. alt. 1,
IGO) und in dem von Bartsch veröffentlichten texte v, 108 ff.: ob sie von edeln fro-
tven wcere, ob si im mohte gezemen, er walte si ze chonen nemen. ob aver si ivcere
eigen, er wolt ir vH guotes erzeigen (Germania 4. 443).
270 SCHRCEDEH
barfreien oder einem ritterlichen dienstmanne zu vermählen, obgleich
in allen diesen wie in den umgekehrten fällen ein rechtliches bedenken
uiclit obwalten koimte. ^'-^
Für die geschichte der eheschliessung enthält der ursprüng-
liche theil der Kudrun einige beachtenswerte bemerkungen bezüglich der
Verlobung Herwigs mit Kudrun:
664. Fragen sme tohter nach rate siner man
Hetele do heyunde, ohe st zeinem man
loolde Herwigen, den edelen ritter guoten?
do sprach die maget schoene: „ichivilnnrnihthezzersfriundestmioten^''
665. Do vestente man die frouwen dem rechen an der stunt,
der si da hrccnen solde.
Damit ist die Vermählung vollzogen, es fehlt nur noch beilager
und heimführung; beides unterbleibt, nach dem echten gedieht weil Her-
wig durch den einfall des Mohreukönigs plötzlich abgerufen wird, nach
den Zusätzen des Überarbeiters weil Hilde ibre tochter noch ein jähr lang
bei sich behalten will. Es fragt sich nun , ob dieser aufschub eine. recht-
liche Wirkung auf das Verhältnis Herwigs zu Kudrun ausübt , ob wir also
Verlöbnis und eheschliessung als zwei getrennte akte zu unterscheiden
haben, oder ob mit der Verlobung schon allen anforderungen der ehe-
schliessung genügt ist.^*' Zunächst auf die letztere alternative könnten
die werte, mit denen Kudrun wie Herwig ihr Verhältnis bezeichnen,
gedeutet werden. Kudrun sagt zu Hartmut:
1043. „/^ wizzet wol^ her Ha/rtmuot^ sivie iwer toille stät,
da% man mich levestent einem hünege hat
mit vil stmten eiden zeime elichen wibe:
ez enst daz er sterbe, ich gelige nimmer hi eiyies rechen llbe.'^'^
Aehnlich sprechen sie und Herwig sich in zwei zusatzstrophen aus
(770. 1245). Sie hat mit Herwig ringe gewechselt, uiid durch seinen
ring gibt Herwig sich ihr wider zu erkennen: „da mite ich ivart g&ma-
Jielet Küdrün se minnen" (1247 — 1249). Alles das sind ausdrücke,
die nach unserer heutigen Sprechweise auf eine wirkliche ehe bezogen
werden müssten; allein der Sprachgebrauch des mittelalters war eben ein
anderer (vgl. 964) und das widerholte andringen des ritterlichen Hart-
mut dessen ganzer Charakter dem ansinnen eines ehebruchs entschieden
39) Vgl. Haupts zeitschr. 13, 155 und meineu daselbst aum. 19 angefülirteu
aufsatz so wie einen nachtrag zu demselben (Zeitschrift f. recMsgescbichte 7, 147 f.)
40) Dies ist die meinung von Friedberg , recht der elieschliessung 21.
CORP. lUR. GERM. POET. 1. KUDRUN 271
widerspricht, lässt deutlich erkenuen , dass er das Verhältnis Kudnms
zu Herwig" nur als ein einseitig lösbares Verlöbnis,^* uicht als eine unlös-
bare ehe betrachtet. Dies ist denn auch (Me einzig richtige auffassung,
die unter anderai durch die zahlreichen Zeugnisse bestätigt wird nach
denen die Wirkungen der eheschliessung auf das vermögen erst mit dem
ehelichen beilager eintraten.*^ Verlöbnis und eheschliessung verhielten
sich zu einander wie auflassung und besitzergreifung , konnten zu einem
akte verbunden oder auch als zwei getrennte akte gedacht werden; der
zweite akt umfasste aber nur die mit besondern feierlichkeiten ausgestat-
tete heimfiihrung und das beilager, die eigentliche trauung Avar immer
die Verlobung, d. h. die feierlich (im ringe) abgegebene erklärung des
ehelichen consenses (vgl. 1034). Der Überarbeiter unsers gedichts hat
es für nötig gehalten Kudruns und Herwigs Verhältnis zum bürgerlichen
abschluss zu brmgen, er erwähnt ihr beilager (1666, 2. 3) und lässt
darauf dies paar und die drei andern von ihm erfundenen zur krönungs-
weihe schreiten:
1666, 4. vierer hünige tohter die wiht man vor deyi helden zuo der
Jcrone.
1667, 1. dö wären ouch die hünige gewihet nach ir e.
Derselbe Vorgang wird auch bei Hagens Vermählung erwähnt:
nach siten TcristenUchen wilien man äo hiez heide isuo der Jcrone (17 d).
Wir haben wider eine nachahmuug der Nibelungen vor uns, denn auch
Günther und Sigfrid begeben sich nach dem beilager in die kirche:
594. Nach siten der si fflägcn und man durch reht begie,
Günther unde Prünhilt niht langer da% verlie,
sie giengen zuo dem münster da man die messe sanc.
dar Icom ouch er Sifrit. dö huop sich michel gedranc.
595. Nach Icüniklichen eren was in dar bereit
swaz si haben solden, ir Tcrone und ouch ir hleit.
dö wurden si gewihet. dö daz tvas getan,
dö sach man under kröne elliu fieriu schöne stän.
Die vergleichung dieser stellen lehrt, dass wir es hier mit einer
handlung zu thun haben die zu der eheschliessung nur in sehr entfern-
ter beziehung steht. Die krönung setzt, wie wir sahen, im allgemeinen
eine vor aufgegangene Vermählung voraus und deshalb findet sie im
41) Nach dem ältesten deutschen recht musste hei verlöbnishmch der schuldige
theil eine munthrüche entrichten, deren höhe sich nach dem numtschatze berechnete.
Vgl. meine geschichte des ehel. güteiTechts 1, 11 — 19.
42) Vgl. ebd. n. 1 s. 97.
'27'2 SCHBfEDER, CORP. lUR. GERM. PORT. I. KÜDRUN
unmittelbaren anschluss an diese statt. Die kirchliche feier aber bezieht
sich nicht auf die eheschliessung, sondern auf die krönung, sie muss
daher bei nichtgekrönten pei-^^onen weggetallen sein. Während die Zeug-
nisse priesterlicher mitwirkung bei der eheschliessung erst mit dem
13. Jahrhundert häufiger werden /^ kannte man die kirchliche krönungs-
weihe schon im 9. Jahrhundert; von der Vermählung des angelsächsischen
königs Ethelwulf mit Karls II. tochter Judith im jähre 856 wird uns
berichtet: Edüwulf rex occidentaUum Anglorum . . . Judith . . despon-
satam . . in matrimonium accepit et eam . . episcopo henedicente impo-
sito capiti eins diademate reginae nomine insignit, quod sihi suaeque
genti eatenus fuerat insuetum (Mon. Germ. scr. 1 , 450).
Dank der geschmacklosigkeit des Überarbeiters der Kudrun besitzen
wir noch zwei schätzenswerte Schilderungen einer eheschliessung:
1648. Do hiez man Ortrünen zuo dem ringe gän
und ouch Hßdeburge, die maget tvol getan.
Ortwin und Hartnmot die nämen sie ze wibe.
1649. Ortwin von dem ringe ze im daz magedin
zulite minniclichen. ein guldin vingerlin
gab er der kiiniginne in ir vil wizen hende.
1650. Do umhesloz mich Hartmuot die meit üz Irlant.
ir ietiveder dem andern daz golt stiez an die hant.
Es folgt die Verlobung des Mohrenkönigs mit Herwigs Schwester:
1663. Den hünic von Karadie hiez man dar gän.
sie sprächen zuo der frouwen : „ weit ir disen man ?
der machet iuch gewaldic niwen hünicriche.''''
1666. Do loheten sie ein ander der ritter und daz kint.
Das hierauf von allen paaren vollzogene beilager und die krönungs-
weihe wurde schon oben besprochen.
BONN. RICHARD SCIIRCEDER.
43) Hierher gehört die früher mitgeteilte stelle aus Lohengrin (Haupts zeitschr.
13, 160), die ich nur nicht als eine declaratio corani parocho , sondern als declaratio
coram clerico hätte bezeichnen sollen. Der unterschied zwischen der krönungsweihe
und der kirchlichen eheschliessung ist bisher nicht genug beachtet worden. Vgl.
Friedberg a. a. o. 82. Wackernagel, Haupts zeitschr. 2, 549.
273
DIE NEUESTEN UNTERSUCHUNGEN
ÜBER DIE ABFASSUNGSZEIT DES SCHWABENSPIEGELS.
Der Deutschenspiegel ist nach 1235 abgefasst, weil er bereits den
Mainzer landfrieclen kennt, aber vor 1272, weil der in diesem jähre ver-
storbene Be]-thold von Regensburg ihn mehrfach bei seinen predigten
benutzt hat. Das umgekelirte Verhältnis, die starke benutzung der pre-
digten Bertholds im Schwabenspiegel, veranlasste Laband (beitrage zur
künde des Schwsp. , 1861) zu der annähme, dass Berthold selbst den
Schwabenspiegel verfasst habe, und zwar in der zeit seines aufenthalts
zu Augsburg, 1251 — 72. Diese behauptung, so viele gründe auch für
sie sprachen, erhielt doch bis vor kurzem nur geringe Zustimmung, die
bairische kurstimme statt der böhmischen schien auf die zeit nach 1273
oder gar 1275 hinzuweisen, während sich als spätester termiu nur das jähr
1282, als datum einer jetzt verschollenen handschrift, mit bestimm theit
feststellen liess. Neuerdings hat nun aber eine ebenso wichtige wie glän-
zend durchgeführte entdeckung Rockingers (Sitzungsberichte der bair.
akad. d. wiss. 18G7 s. 408 ff.) die behauptung Labands nahezu zur
gewissheit erhoben.
Eine Münchener Schwabenspiegel - handschrift enthält höchst sorg-
fältige eintrage von Varianten aus zwei Regensburger handschriften,
deren eine dem Gabriel Mair (1623 Stadtgerichtsassessor zu Regensburg)
gehörte, während die andere, ein pergamentcodex mit dem wappen des
Urban Triukl (1524 — 37 kämmerer zu Regensburg), dem Schreiber im
februar 1609 durch vermittelung des herrn Nicomed Schwäbl (wol dem
söhne des 1584 — 1604 nachweisbaren Regensburger ratsherrn gleiches
namens) zur benutzung überlassen war. Als ursprünglichen besitzer die-
ses pergamentcodex nennt sich ritter Rüdiger von Manesse von Zürich,
und in einem andern eintrage erklärt herr Heinrich der Preckendorfer,
dass er während seines aufenthalts bei dem grafen Rudolf von Habsburg
in den jähren 1264 — 68 den codex von einem ritter und bürger aus
Zürich, der dem grafen in einem kriege gegen verschiedene herren hilfe
geleistet, zum geschenk erhalten habe. Ursprünglicher besitzer war also
der berühmte Rüdiger von Manesse der ältere, den wir 1264 wie 1268
als mitglied des zürcherischen rates finden; vielleicht hatte er Berthold
bei dessen reise durch die Schweiz im jähre 1250 kennen gelernt und
wurde durch den umstand, dass Berthold und Heinrich der Preckendor-
fer landsleute waren, zu der kostbaren Schenkung an diesen bewogen.
Von der oberpfälzischen familie der Preckendorfer scheint der codex durch
die Verheiratung Georgs von Preckendorf mit Agnes Trinkl gegen ende
ZEITSCHK. F. 1>KUTSCUE PHILOL. 18
274 SCHBCEDEK, ABFASSUNGSZEIT DES SCHWSP.
des 15. Jahrhunderts an die familie der letzteren gekommen zu sein.
Seit lOoi» ist jede spur der handsclirift verloren.
Hiernach Avird die abfassung des Schwabenspiegels in die zeit von
1256 bis 1268 zu setzen sein, denn die bekanntschaft des Verfassers
mit den Verhältnissen unter dem Interregnum und mit dem ausschliess-
lichen Wahlrecht eines geschlossenen kurfürsteucollegiums lässt ein zurück-
gehen über 125G nicht zu. Die beiden stellen über die kurstimmeu sind
von denen der andern handschriften nicht verschieden, erst durch rasur
und correctur ist die bairische in eine böhmische stimme verwandelt;
man sieht daraus, dass sich bis zur wähl Eudolfs die Verhältnisse noch
nicht derartig befestigt hatten, wie die geguer Labands bisher anzuneh-
men geneigt waren.
Leider gestatten die von dem Schreiber der Varianten gemachten
mitteilungen keinen genaueren einblick in das wesen der manessischen
handschrift, nur so viel lässt sich deutlich erkennen, dass sie nicht den
Deutscheuspiegel, sondern den Schwabeuspiegel enthalten hat.
Auch das gedieht Lohengrin , das in einer früher (zeitschr. f. dtsch.
alterth. 13, 156) von mir mitgeteilten stelle auf den Schwabeuspiegel
bezug nimmt, gewinnt jetzt ein höheres Interesse, weil es sich fast wörtlich
an die zweite handschriftenklasse anschliesst. Die Verbindung der erzämter
mit den weltlichen kurstimmen findet sich bekanntlich zuerst Ssp.III, 57
§. 2 (s. oben seite 260). Einen schritt weiter geht die älteste handschriften-
klasse des Schwabenspiegels , indeiu auch die stimme von Mainz aus dem
erzamte erklärt wird (vgl. Schwsp. Lassb. 130). Auf grund von Inter-
polationen, die Ficker (über einen Spiegel deutscher leute 116 f.) nach-
gewiesen hat, geschieht dies in der zweiten handschriftenklasse auch in
betreff der beiden andern geistlichen stimmen : „ Der hiscJiolf von Triere
ist hander über das künicrich Ärel, der hat die andern stimme an der
kür. Der hischolf von Kollen der ist Tiander ze Lamparten nnde hat
die dritten stimme an der kür. Daz sint drin fürsten ampt, diu hcerent
ze der kür" (Schwsp. Wack. 110). Diese lesart hat dem Verfasser des
Lohengrm vorgelegen (vgl. besonders den schluss: „die kür die erzepis-
tuom von der tvirde hänt ") , die zweite handschriftenklasse des Schwaben-
spiegels muss also ebenso wie dies gedieht vor 1290 entstanden sein,
Avas bei der abfassungszeit 1256 --68 nicht dem geringsten bedenken
unterliegt, mit der annähme einer späteren entstehung des Schwabenspie-
gels dagegen nicht gut vereinbar erscheinen müste.
BONN. RICHARD SCHRCEDER.
275
ÜBER DEN HELIAND.
Der Heliand und seine quellen. Von dr. Ernst Windisch. Leipzig, Vogel, 1868.
118 Seiten in 8.
In den letzten zwanzig jähren ist mehrfach die frage nach dem
Verfasser des Heliand und nach den unterlagen , die er für sein werk
benutzte, augeregt worden. Es waren durchschnittlich nur gelegenheits-
schriften, gymnasialprogramme und dissertationen , die darauf bezügliche
Untersuchungen bargen; der enge räum, auf den dergleichen Schriften
sich beschränken müssen, hinderte im allgemeinen eine tiefere und brei-
tere darlegung der einschlagenden Verhältnisse und die angelegenheit
wurde durch eine gründliche forschung nicht sehr gefördert. Immer
aber schulden wir den Verfassern dank: ihre bemühungen hielten das
Interesse an der sache, auch in grössern als den eigentlich germanisti-
schen fachkreisen wach , und die bemerkungen einiger von ihnen konn-
ten wirklich als anhält für weitere forschung dienen. Ich erinnere an
das hübsche schriftchen von Middendorf, Münster 1862.
Mit einem aufsatze Zarnckes vom jähre 1865 (über die praefatio
ad lihrum antiquuni lingiia saxonica conscriptum und die versus de
poeta, berichte der königlich sächsischen gesellschaft der Wissenschaften,
philol. histor. classe s. 104 ff.) beginnt für die versuche zur lösung der
frage eine neue zeit. Diesem aufsatze und seiner anregung verdanken
wir wol zunächst die oben angezeigte wertvolle schrift von Windisch,
die zu einem teile von Zarnckes Untersuchungen ausgehend und auf ihnen
fussend, zwar nicht alle selten der Heliandfrage , namentlich nicht die"
über das Verhältnis beider handschriften zu einander, berührt, aber die
frage über den Verfasser des gedichts und seine quellen in erschöpfender
und wesentlich abschliessender weise behandelt.
Wir vermögen die schrift Windischs nicht besser zu ehren und
den dank, den Avir ihr schulden, nicht besser auszusprechen, als wenn
wir im allgemeinen an ihrer band und nur gelegentlich unsere eigene
meinung dagegen setzend, den lesern dieser Zeitschrift einen summari-
schen überblick dessen, was den Verfasser des Heliand und seine quellen
betrifft, geben.
Matthias Flach aus Albona in lllyrien, oder wie er sich selbst
nennt, Flacius Illyricus, ein schüler Luthers und Melanchthons , gab im
18*
276 HEYNE
jähre 1562 zu Strassburg ein buch lieraus: „catalogus testium veritatis,"
in welchem er eine pracfaÜo in lihrum antkßium linyiia Saxonica
cause ripi um mitteilt. Diese pvaefatio gibt sich als das Vorwort eines
unbekannten Zeitgenossen Ludwigs des Frommen zu der abschrift eines
grossen altsächsischen biblisch - epischen werkes aus und erzählt dass
Ludwig der Fromme auf den gedanken gekommen sei, den ungelehrteu
seines volkes, die nur die deutsche spräche sprächen, die heilige schrift
näher zu bringen; in ausführuug dieser absieht habe er sich an einen
manu aus dem volke der Sachsen gewant, der bei den seinen für einen
nicht uuberühmten dichter gegolten habe, denselben beauftragend sowol
das alte wie das neue testament in seine spräche poetisch zu übertragen.
Der dichter, der schon vorher eine mahnung von oben bekommen, habe
sich deshalb um so bereitwilliger auf des kaisers geheiss sogleich an das
schwierige und mühevolle werk gemacht, habe von der weltschöpfimg
begonnen und alles bedeutende in seinen hauptpunkten der geschicht-
lichen Wahrheit gemäss dargestellt , bisweilen auch einiges , wo es ihm
passend erschienen, mystisch behandelt. So habe er die poetische bear-
beitung des ganzen alten und neuen testaments glücklich zu ende geführt
und ein werk geschaffen, welches sich durch anmut und Schönheit der
darstellung, durch fülle der werte und vortrefflichkeit der gedanken so
auszeichne, „ut audientihus ac intelligentibus non minimam sui deco-
ris didcedinem iwaestet."- Nach seiner weise habe der dichter das
ganze werk in „vitteas" eingeteilt, welches wort der unbekannte Vor-
redner dui'ch „ ledinnes vel sententias " übersetzt. Ausserdem theilt der-
selbe Vorredner . aber nur als sage , mit . dass die vorhin erwähnte mah-
nung von oben dem dichter als mahnung im schlafe zugekommen
sei, und zwar zu einer zeit, wo er der dichtkunst noch ganz unkundig
gewesen.
Unmittelbar auf diese praefatio folgt in dem catalogus des Flacius
unter der Überschrift „versus de poeta et interprete Jmjus codicis" ein
lobgedicht in hexametern auf jenen biblisch -epischen dichter von einem
ebenfalls unbekannten Verfasser. In diesem gedichte hat die in der
praefcdio erwähnte sage schon eine Veränderung und erweiterung gefun-
den, bei welcher die aufforderung des kaisers an den sächsischen dich-
ter gänzlich verschwunden ist, indem aus dem ,,viro de gente Saxonmii
qui apud suos non ignohilis vates hahehatur ,'■'■ ein schlichter ackersmann
geworden ist, welcher einst beim weiden seiner wenigen rinder auf einer
Avaldtrift unter dem schatten eines baumes eingeschlafen und im schlafe
durch eine stimme vom himmel aufgefordert worden sei, die göttlichen
gesetze in seiner eigenen spräche zu besingen. Nach der Schilderung
seines einfachen landwirtlichen lebens und jener traumerscheinung, die
ÜBER DEN HELIAND 277
ihn zu dem heiligen gesange aufgefordert, schliesst das gedieht mit fol-
gendem :
qui prius agricola, mox et fuit illc poeta.
tunc cautus nimio vates perfusus amoro
mctrica post docta dictavit carmina liiigua.
coeperat a prima nasceiitis origine mundi,
quiuque relabentis percurrens tempora secli,
veait ad adventum Cliristi, qui sanguiue mundum
faucibus cripuit tetri .niiseratus averni.
Wie Flacius zu diesen beiden stücken , der praefatio und den ver-
sus , gekommen ist , wissen wir nicht. Er suchte bekanntlich alle biblio-
theken durch, um aus ihnen historische Zeugnisse für die Wahrheit der
lutherischen lehre und die Irrtümer des papstes aufzuspüren; nie aber
gibt er bei solchen historischen Zeugnissen au, wo er sie her habe.
Schwerlich wird es gelingen, der Flaciusschen quelle auf die spur zu
kommen.
Indessen darf der gedanke nicht auftauchen , als ob wir etwa in
den beiden stücken eine fälschung des 16. Jahrhunderts zu erblicken hät-
ten. Die unzweifelhafte ächtheit derselben verbürgt ihre ganze haltung
und spräche, so wie der umstand, dass man im 16. Jahrhundert keine
ahnung von der existeuz einer poetischen altsächsischen bibelparaphrase
haben konnte, dass daher die erfindung einer erzählung von dem zu
stände kommen einer solchen vollständig unmöglich sein muste. Hierzu
tritt noch ein weiterer grund. Die obengedachte praefatio ist uns näm-
lich in zwei von einander unabhängigen und in den werten etwas
abweichenden fassungen überliefert, einer längern und einer kürzern.
Es ist die längere fassung , die wir von Flacius erfahren ; aus dessen
buche ist sie wieder abgedruckt worden bei Cordesius, opuscula et epi-
stolae Hincmari 1615. Cordesius sagt zwar nicht, dass er die praefa-
tio von Flacius abgedruckt habe und man war eine zeit lang der ansieht,
dass auch er, Cordesius, zu seiner Veröffentlichung eine alte handsehrift
benutzte; aber Zarncke und Windisch haben nachgewiesen, dass dies
nicht der fall sei, dass vielmehr Cordesius von Flacius nachgedruckt
habe.
Die kürzere fassung der praefatio ist uns erhalten in dem werke
des Andreas du Chesne (latinisiert Quercetanus) : Historiae Francorum
Scripfores , Paris 1636, Tom. IT, aus welchem sie der bischöflich würz-
burgisehe historiograph Eckhart in seiner veterum momimentorum qua-
ternio (Lips. 1720) wieder abdruckte. Diese kürzere fassung weicht von
jener in manchen lesarten nicht unbeträchtlich ab; der sehlussatz, den
278 HEYNE
die längOTe fassung aufweist und in dem als sage berichtet wird, dass
der dichter sein werk in folge einer göttlichen mahnung im schlafe unter-
nommen habe und dass er vorher der dichtkunst ganz unkundig gewe-
sen sei, fehlt in der kürzern fassung ganz.
Auch du Chesne schweigt über seine handschriftliche quelle. Wenn
aber die beiden fassungen der praefatio gegen einander gehalten werden,
wie dies Windisch s. 10. 11 thut, so ist der von dem letzteren gezo-
gene schluss klar, dass die handschriftliche quelle des Flacius und die
des du Chesne nicht eine und dieselbe gewesen sei. Die abweichungen
einzelner wichtiger lesarten ; der schlussatz der einen fassung , der in der
andern fehlt, weist daraufhin, dass hier zwei verlorene handschriften
der praefatio vorgelegen haben , jedem eine andere.
Diese beiden redactionen gehen auf ein archetypon der praefatio
zurück , das , wie zuerst Zarncke , dann wider Windisch nacligewieseu hat,
bereits interpoliert ist. Es sind der praefatio einzelne sätze eingescho-
ben, die nicht in der ursprünglichen fassung derselben gestanden haben
können. Die Interpolation selbst ist alt und allem anscheine nach noch
im neunten Jahrhundert vorgenommen. Sie flicht in die durchaus histo-
rische und nüchterne spräche der praefatio namentlich sagenhafte züge
ein, welche wol entlehnt sein mögen der erzählung Bedas von dem angel-
sächsischen dichter Cädmon , der erst Schafhirt und der dichtkunst unkundig
gewesen sei, später aber auf göttlichen antrieb die bibel in ein episches
gedieht umgegossen habe. Der sagenhafte schlussatz der praefatio, der
an diese erzählung anklingt und der auch nur in der längern fassung
steht, gehört vorzugsweise einem iuterpolator an. Scheiden wir diese
einschaltungen mit Zarncke und Windisch aus der praefatio, so erlan-
gen wir eine klare und vollkommen abgerundete darstellung des allge-
meinsten Inhalts, dass ein altsächsischer dichter bibelstoff metrisch bear-
beitete und zwar auf geheiss kaiser Ludwigs des Frommen.
Es muste nun die frage aufgeworfen werden , ob sich die praefatio
und die bei Flacius hinter derselben stehenden versus de poeta auf den
Heliand beziehen.
Das gedieht ist seit dem ausgange des 17. Jahrhunderts der gelehr-
ten weit bekannt geworden. Die erste nachricht über die eine hand-
schrift desselben, den Cottonianus, gab 1696 Thomas Smith, ausführ-
licher dann 1704 Wanley in dem Thesaurus von Hickes. Die andere
handschrift, der Münchner codex, von den altern germanisten nach sei-
nem ehemaligen aufbewahrungsorte der Bamberger codex genannt, wird
zuerst erwähnt in einer notiz vom jähre 1717, die der Würzburgsche
ÜBER DEN HELIAND 279
bibliothekar Conrad Siegler an den benedictiner Bernhard Pez zu Molk
in Oesterreich gab. Der codex befand sich damals in der bischöflichen
bibliothek zu Würzburg, wohin er im dreissigjährigen kriege in Sicher-
heit gebracht zu sein scheint.
Der erste, der die praefatio auf den Heliand zog, war jener oben
genannte Eckhart. Er kannte den Cottonianus und war auf den Münch-
ner codex durch Pez aufmerksam gemacht worden; und da er das frän-
kische des Cottonianus richtig herausfühlte , aber meinte , es sei mit
Sächsischem gemischt, so kam er auf die Vermutung, den Heliand habe
ein unter den Franken erzogener Sachse gemacht. Spätere haben ent-
weder den Zusammenhang der praefatio und des Heliand geläugnet , oder
ignoriert, wie z. b. Schmeller, oder endlich an ihn geglaubt. Erst
Zarncke trat ordentlich den beweis für das letztere an. Windisch folgte
ihm und brachte zu den Zarnckeschen gründen noch weitere selbständige
bei. Diese beweisführung (s. 11 — 24) ist eine der besten und anspre-
chendsten partien in der schrift Windischs , wobei wir an einigen äusser-
lichkeiten, stil und knappen ausdruck betreffend, nicht mäkeln wollen.
Eine skizze dieses beweises ist folgende.
„Sechs punkte sind es, in welchen die praefatio ihr werk charac-
terisiert. Wir lesen nämlich 1) dass das werk zur zeit Ludwigs des
Frommen entstand und durch seine anregung; 2) dass es zum zwecke
die Verbreitung des Christentums unter den Sachsen haben sollte; 3)
dass der Verfasser ein Sachse, und zwar ein berühmter volksdichter,
war; 4) dass es poetisch in sächsischer mundart (besser: in sächsischem
dialecte) dargestellt den Inhalt des neuen und alten testaments enthielt
nebst eingestreuten mystischen erkläruugen; 5) dass es in einzelne capi-
tel , vitteae genannt , eingeteilt war ; 6) dass das werk bei denen , welche
es verstanden, hohe anerkennung seiner Schönheit wegen fand."
Von diesen sechs punkten passen entschieden fünf auf den Heliand.
Derselbe zeigt in der einen handschrift, dem Monacensis, den sächsi-
schen dialect; dass er zur zeit Ludwigs des Frommen entstanden sei,
kann zwar aus dem gedichte selbst nicht strict bewiesen werden, aber
es hindert uns auch nichts an dieser annähme; der Verfasser war, wie
wir sehen, ein begabter dichter; der Heliand enthält mystische erklä-
ruugen; er ist, allerdings nicht im Monacensis, wol aber in der andern,
der Cottonischen handschrift in einzebie capitel eingeteilt; was die hohe
anerkennung betrifft , die dem werke bei den Zeitgenossen zu theil gewor-
den sein soll, so können wir dies jetzt freilich mit unsern mittein nicht
beurteilen; aber die hohe poetische Schönheit des Heliand ist ja allseitig
anerkannt.
280 IIUYNE
p]iii/io- und allein in beziig auf die inlialtsangabo stimmt die prae-
f((tio mit dem Heliand insofern nicht, als dieser nicht die ])earbeitung
des alten und neuen, sondern ausschliesslich des neuen testamentes ist.
In hezug auf diese Schwierigkeit haben sich die meinungen gespal-
ten; einerseits entnahm man aus ihr die berechtigung , den Zusammen-
hang der praefatio mit dem Heliand ganz zu läugnen , andrerseits wurde
(von Zarncke) die ansieht aufgestellt, der Heliand sei der zweite theil
eines grossen biblisch - epischen gedichtes und der erste, der das alte
testament umfasst habe , sei uns nur verloren gegangen.
Die erstere meinung, ein Zusammenhang der praefatio mit dem
Heliand existiere nicht , hat wenig beifall gefunden. Vor allem ist hier-
bei zu berücksichtigen, dass der Heliand als ein im sächsischen dialecte
und in volksmässigem tone geschriebenes gedieht sich darstellt. Wenn
auf dieses gedieht fünf von den sechs in der praefatio hervorgehobenen
punkten passen, so ist die annähme doch sehr bedenklich, dass diese
Übereinstimmung eine nur zufällige sei. Dann müste die praefatio ein
völlig anderes gedieht im sinne haben, das doch mit dem Heliand, der
seiner spräche nach entschieden ins 9. Jahrhundert fällt, ganz oder nahezu
gleichzeitig wäre. Zwei gleichzeitige gedichte desselben Inhalts aber und
in demselben dialecte geschrieben anzunehmen, fällt unmöglich, eins
hätte ja die Wirkung des andern aufheben müssen , wenn das eine nicht
zufällig ein verunglücktes war. Das ist aber wider nicht der fall, der
Heliand, wie er uns vorliegt, ist ein gedieht von grosser Schönheit und
die praefatio behauptet von ihrem gedichte eben dasselbe.
Die andere meinung, dass der Heliand der zweite theil eines die
ganze bibel umfassenden werkes sei , vertrat , wie schon gesagt , Zarncke.
Ohne die existenz der praefatio würde wahrscheinlich ein solcher gedanke
nicht gefasst worden sein, denn der Heliand macht durchaus nicht den
eindruck eines zweiten theils, es müste ja dann doch in seinem ein-
gange oder sonst, wovon keine spur sich findet, einmal an den ersten
theil angeknüpft sein.
Die Zarnckesche meinung stützt sich vorzüglich auf die Überein-
stimmung eines gedankens in der einleitung des Heliand mit einigen Zei-
len der versus de poeta. Der dichter des Heliand sagt nämlich von
V. 39 ab, dass gott die weit geschaffen und ihre alter geordnet habe.
Fünf seien vergangen gewesen, das sechste, nämlich das Zeitalter Christi,
habe noch bevor gestanden , da sei denn nun dieses mit der geburt Chri-
sti angebrochen. Schon Lachmann schloss aus diesen Zeilen, der Inhalt
des angeblich verlornen ersten theils des Heliand habe die begebenhei-
ten in jenen fünf Zeitaltern und damit die des alten testaments umfasst.
ÜBE« DEN HELIAND 281
er glaubte seine Vermutung durch den schluss der versus de poeta unter-
stützen zu können, woselbst es heisst:
Cceperat a prima nascentis origine muudi
Quinque relabentis percurreus tempora secli.
Diese Vermutung Laclimanns hat nun Zarncke Aveiter geführt. Der-
selbe meinte, dass die beiden angeblichen theile des altsächsischen Wer-
kes schon von allem anfange an ihrer länge wegen in zwei verschiede-
nen handschriften enthalten gewesen seien; „so wie uns der zweite theil
in zwei handschriften erhalten ist, so habe der Verfasser der versus nur
eine handschrift des ersten theils vor äugen gehabt. Denn dies folge
notwendig aus den letzten zeilen der versus:
venit ad adventum Christi, qui sanguine mundum
faucibus eripuit, tetri miseratus avcrni.
Der Verfasser sage ja hier ausdrücklich, dass der sächsische dichter in
seinem werke nur bis zur ankunft Christi gekommen sei" (Windisch
p. 14.).
Allein diese ausführungen Zarnckes hat Windisch mit guten grün-
den zurückgewiesen. Er hat hierbei zwei gesichtspunkte geltend gemacht,
die auch wir nicht anstellen als durchschlagend anzuerkennen. Zuerst
führt er folgendes an (s. 14): Gesetzt einmal den fall, der Verfasser
der versus hatte wirklich nur den einen imaginären ersten theil vor sich,
der bloss das alte testament umfasste. Natürlich würde hier von Christi
geburt und ankunft noch nicht die rede sein. Denn diese wird ja erst
im Heliand erzählt, und zwar in einer weise, welche fern ist von jeder
rückbeziehuns:. Ist aber dann der ausdruck venit ad adventum etc. nicht
ebenso befremdend, wie er es ist, wenn wir ihn auf den Heliand
beziehen? Geht er auf den das alte testament enthaltenden theil,
so besagt er zu viel, bezieht er sich auf den Heliand, so besagt er zu
wenig."
Der zweite gesichtspimkt Windischs ist positiver natur. Er zeigt,
wie Avir uns das entstehen und das Verhältnis der praefatio und der
versus de poeta zu einander zu denken haben.
Um seine ausführungen in dieser hinsieht ganz würdigen zu kön-
nen, muss erst auf das Verhältnis beider documente zu einander hinge-
wiesen werden. Offenbar haben beide verschiedene Verfasser. Offenbar
erzählen auch beide unabhängig von einander etwas, was sie nicht aus
urkundlichen nachrichten, sondern aus tradition schöpften. Diese tradi-
tion ist in der prosaischen praefatio im allgemeinen geschichtstreuer,
282 HEYNE
obschon spätere iiiterpolationen ihr sagenhafte züge beigemischt haben.
In den versus dagegen ist die person des dichters bereits ganz von der
sage umwoben, hier hat augenfällig die erzählung Bedas von Cädmon
eingewirkt. Was aber beide documente von dem gedichte selbst (und
wii- haben gesehen, dass diess nur der Heliand sein kann) berichten,
muss als historisch angenommen werden, und es kam nur noch darauf
an, zu zeigen, dass die hier erhaltenen nachrichten trotz einiger unge-
nauigkeiten wirklicli den Heliand betreffen,
"Was die versus von dem inhalt des gedichts erzählen, beschränkt
sich auf das durchlaufen der fünf weltalter seitens des dichters bis zum
eintritt in das sechste, wie schon hervorgehoben ist. Nun fängt der
Heliand thatsächlich mit dem sechsten an, erwähnt aber die vorherge-
henden fünf. Windisch stellt nun die behauptung auf, „dass der Ver-
fasser der versus de poeta in seiner eben besprochenen Inhaltsangabe wei-
ter nichts mitteilt, als ein excerpt der verse des Heliand 38 — 53."
Die gründe Windischs dafür sind klar und gut gruppiert, eins, wovon
wir gleich nachher sprechen werden, hätte aber entschiedener hervorge-
hoben werden müssen. Der dichter der versus muss offenbar zu den
beregten zeilen eine Heliandhandschrift vor sich gehabt haben; er las
von ihr den anfang, erblickte in der einleitung zum Heliand eine angäbe
des Inhalts desselben, was sie nun freilich nicht ist, sondern nur eine
angäbe der einteilung der Weltgeschichte nach den damaligen anschauun-
gen , und glaubte , weil der dichter des Heliand die fünf vor Christus
voraufgehendeu weltalter erwähnt habe , er schildere sie iu seinem werke.
Entscheidend für diese auffassung sind die verse 47^ — 53 des Heliand
und die Schlusszeilen der versus, und hier hätte Windisch ausdrücklich
betonen sollen , dass beide stücke sogar in den werten sich vielfach berüh-
ren. Die Heliandverse lauten:
. . . thiu fibi wärun agangan;
skokla tliiio tliat sehsta säligliko
kuman thiiru kraft godes eudi hristas gihurd
50. helandero best, heiagas gestes,
an thesan middilgard, managon te helpun,
firio barnon ti frumou iviÖ ßundo mÖ,
toiÖ dernero dwalm.
„Die fünf (weltalter) waren verlaufen; da sollte durch die macht
Gottes das sechste kommen und Christi geburt, des besten heilands, vie-
len zur hilfe , den menschen zum nutzen wider der feinde Verfolgung und
den fallstrick der bösen geister." Und nun vergleiche man die schluss-
zeilen der versus:
ÜBEE DEN HELIAND 283
quinque relahentis percurrens tempora secli,
venu ad adventum Christi^ qui sanguine rauudum
faucihis eripuit tetri miseratus averni.
Diese übereinstiminimg beider denkmäler ist durchschlagend für die
annähme Windischs. Daneben hat der letztere noch darauf hingewiesen,
was die erwähnung der fünf weltalter vor Christus hier auf sich hat.
Die einteilung der Weltgeschichte in sechs alter ist, wie bekannt,
schon im frühen mittelalter eine sehr gewöhnliche. Sie geht von bibli-
schen anschauungen aus, gehört aber nicht der theologie, sondern der
historiographie an, sie bezieht sich auf den verlauf der gesamten men-
schengeschichte überhaupt. ,,Die gesamtgescliichte wurde im mittel-
alter so betrachtet und behandelt, dass man die Überlieferungen der
bibel gleichsam als das gerippe aufstellte, um daran die thatsachen aus
der heidnischen geschichte anzufügen." So zählte man das erste alter
von Adam bis zu Noa; das zweite bis zu Abraham; das dritte bis zu
David ; das vierte bis zur babylonischen gefangenschaft ; das fünfte bis
auf Johannes den Täufer; das sechste von da ab usriue ad finem scecuU,
wie Augustin sagt.
Der dichter des Heliand, der wie Avir weiter unten sehen werden,
geistlich gebildet war, kannte natürlich diese einteilung der Weltge-
schichte. Es war auch natürlich, dass er sie in seiner einleitung ver-
wendete : ausser dem umstände , dass sie der zeit geläufig war , spricht
auch der mit, dass er gerade sein werk mit der Schilderung der eitern
Johannis des Täufers beginnt, mit dem das sechste weltalter ja anhe-
ben sollte.
Dagegen ist es unmöglich, dass er zu seinem Heliand einen ersten
theil gedichtet haben sollte, in welchem er die fünf weltalter durchlief.
Windisch hebt richtig hervor, dass er dann nicht den Inhalt des alten
testaments paraphrasiert , sondern einfach eine Weltgeschichte geliefert
hätte. Aber auch gegen die annähme, dass die nachricht der versus in
ungenauer fassung wirklicli auf die alttestamentliche geschichte gehen
soll, wird (s. 18. 19) hervorgehoben das durchaus selbständige gepräge
des Heliand, das nicht in einer spur auf eine voraufgegangene behand-
lung des alten testaments weist, und die secundäre bedeutung des letz-
teren für ein volk, das der Heliand zunächst in dom vielfach nur äusser-
lich angenommenen christentume stärken sollte, zu welchem zwecke das
gedieht die geschichte Christi germanisierte, wie auch Vilmar schon
mehrfach hervorgehoben hat.
So gipfelt die bisher referierte Untersuchung Windischs in dem
Schlüsse: die versus de poeta haben die einleitung zum Heliand misver-
284 HEYNE
standen ; sie hal)en eine l)eiläutige erwähuung der fünf weltalter vor Chri-
stus dahin aufgefasst, dass der dichter des Heliand diese fünf weltalter
Avirklicli poetisch behandelt habe.
Nun steht aber noch die notiz der prosaischen praefatio , die unab-
hängig von den versus entstanden, gleichfalls berichtet, dass der säch-
sische dichter das ganze alte und neue testaraent in verse gebracht habe.
Um diese angäbe nach ihrer genauigkeit oder ungenauigkeit zu prüfen,
versucht Windisch, wie uns dünkt mit glück, die entstehung der prae-
fatio zurecht zu legen.
Augenscheinlich stand der Schreiber dieser praefatio den kreisen
fern, in welchen das gedieht entstanden ist (nicht nur dem stamm, son-
dern wol auch schon der zeit nach). Wie er uns keinen namen des
dichters zu nennen weiss, so ist er offenbar ein Nichtsachse, denn er
stellt sich in seinen worten ausdrücklich als fremder dem sächsischen
stamme gegenüber (praecepit namque cuidam viro de gente Saxonum,
qui apud suos non ignohilis vates hahehatur etc.; und nocb einmal
am Schlüsse: quod opus tarn lucide famqite eleganter juxta idioma
Uli US linguae composuit). Eine genaue kenntnis des gedichts kann
dem praefator von vornherein nicht zugeschrieben werden, weim er kein
Sachse war. — Was den Heliand selbst betrifft, so haben wir in ihm ein
gedieht zu erkennen, das nicht, wie das Otfrids, als moralisch - beleh-
rendes auch für die geistlichen zur benutzung verfasst ist, sondern das
für das eigentliche volk und wesentlich für mündliche fortpflanzung berech-
net war. „Dazu war ja die allitterierende poesie ganz besonders geeig-
net, weil sie in ihren eigentümlichkeiten dem gedächtnisse sehr zu hilfe
kommt : die langzeile merkt sich leicht durch den Stabreim , der sich ja
bekanntlich an die Avörter anschliesst, welche dem sinne nach die haupt-
sächlichsten sind; das behalten der folgenden zeile aber wird namentlich
dadurch erleichtert, dass im anfange derselben irgend ein synonymum
eines der in der vorhergehenden zeile enthaltenen hauptbegriffe steht."
Der Heliand war ein volksgedicht, nur für das volk, nicht, wie der
Otfrid, auch für die geistlichen bestimmt, und „konnte ausserhalb der
landstriche, in denen das volk die sächsische mundart sprach, nur wenig
Verbreitung finden, — So werden wir es denn einem grossen zufalle
zu verdanken haben , dass ausser den beiden Codices auch noch eine notiz
über den Heliand in gestalt jener praefatio auf uns gekommen ist. Ich
vermute nun, dass bei irgend welchem anlasse ein codex (vielleicht gar
der Monacensis , warum nicht ?) in ein fränkisches kloster gebracht wurde.
Da der dichter selbst, weil er ja mir für das volk dichtete, schwerlich
wie Otfrid grosse einleitungen und widmungsgedichte beigegeljen haben
wird, so konnten sich die äussern nachrichten über die entstehung des
ÜBER DEN HELIAND 285
gedichts nur mündlicli fortpflanzen. Vor allen dingen konnte sich die
angäbe sehr wol erhalten, dass Ludwig der Fromme die erste anreguug
zu dem unternehmen des dichters gegeben habe, und dieser angäbe zu
mistrauen, sehe ich nicht den geringsten grund. Als nun der codex
auswanderte, da konnte sowol diese angäbe mit in die fremde kommen,
als auch besonders der bericht, wie herlich das gedieht sei, und wel-
chen anklang dasselbe bei den landsleuten des dichters gefunden habe.
Es konnte also einer , auch wenn er kein wort des werkes selbst gelesen
hatte, doch sehr wol über die vortrefflichkeit desselben schreiben. Und
dieser gedanke ist deshalb wichtig , weil wol auch damals niemand , ohne
mit dem sächsischen dialecte ganz vertraut zu sein, das gedieht wird
ohne mühe haben verstehen können , so dass er es durchlas. Denn grade
der sächsische dialect steht in den lautverhältnissen und im wertschätze
weit von der mundart des damals herschenden Frankenstammes ab und
berührt sich nahe mit dem angelsächsischen. — Unter solchen Verhält-
nissen denke ich mir die i}rac:fatio entstanden."
Der kern dieser ausführung ist meines erachtens richtig; über ein-
zelnes gestatte mir der herr Verfasser, eine abweichende meinuug kurz
darzulegen. Was zunächst das Verhältnis zwischen altsächsischem und
altfränkischem dialecte betrifft, so muss das von Windisch gesagte ent-
schieden verworfen werden. Der fränkische stamm sprach nicht in einer
znnge; er redete theils hoch - , theils mittel-, theils niederfränkisch. Mit
dem letztern haben wir es allein zu thun. Es grenzte westlich an das
romanische Sprachgebiet, nördlich an das friesische, östlich an das säch-
sische, speciell das altwestfälische, südlich verlief es in das mittelfrän-
kische. Dass es sich in den lautverhältnissen und im wertschätze weit
von dem altsächsischen entfernt habe , ist in dieser allgemeinheit nicht
aufzustellen. Je weiter man von Westfalen aus westlich gieng, desto
unähnlicher wurde das altniederfränkische dem altsächsischen , woraus
denn folgt, dass in den östlichsten strichen des fränkischen und den
westlichen des sächsischen beide dialecte sich sehr ähnlich gewesen sein
müssen. Und in der that, wenn man im 9. Jahrhundert unweit des Stif-
tes Essen die sächsische grenze beschritt, um in die grafschaft Mark
und damit auf niederfränkisches Sprachgebiet zu kommen , war der unter-
schied zwischen beiden dialecten noch nicht gross. Man hörte hier etwa
uo für gothisches und altsächsisches 6 und einige geringere abweichung
in den vocalverhältnissen , über die ich nachher sprechen werde; der
consonantismus war derselbe, unterschiede in der verbal- und nominalbil-
duug traten wenig zu tage. Auch wüste ich kaum eine Verschiedenheit
des Wortschatzes zu nennen , so weit sich die Verhältnisse jetzt noch
überblicken lassen.
286 HEYNE
So stand von dieser seite her der einwanderung des Heliand in das
altniederfränkische Sprachgebiet ein grosses hindernis nicht entgegen.
Und wir brauchen die Vermutung Windischs nicht, dass bei irgend
einem anlass ein codex des Heliand in ein fränkisches kloster gekom-
men sei. Wir setzen ihr die ganz bestimmte behauptung entgegen:
der Heliand ist aus dem altsächsischen in jenen altniederfränkischen
grenzdialect der grafschaft Mark in der that tibersetzt worden, und
diese Übersetzung ist uns in dem codex Cottonianus bis auf heute erhal-
ten. Dieser codex nämlich gewährt uns keinen altsächsisclien dialect,
sondern den altniederfränkischen, und um es ganz bestimmt zu bezeich-
nen, diejenige Spielart des altniederfränkischen, Avie sie im kloster
Werden an der Ruhr, das hart an die sächsische Sprachgrenze stiess,
und dessen Umgebung gesprochen wurde. Das will ich nachher näher
darlegen.
Mit der gedachten Übersetzung aber wurde der Heliand dem frän-
kischen stamme näher gerückt. Von Werden aus verbreitete sich die
künde von dem schönen gedichte auch über andere kloster, die der säch-
sischen grenze ferner lagen; mit ihm zugleich die tradition über den
Verfasser des gedichts und die veranlassung zu dem letztern. Die ver-
anlassung war für die Franken von besouderm Interesse , ein kaiser ihres
Stammes hatte sie ja gegeben. Von diesem gesichtspunkte aus ist die
liracfatlo zu betrachten. Dass ihr Verfasser ein Franke war, geht daraus
hervor, dass im Vordergrund seiner darstellung Ludwig der Fromme
steht, der mehr hervorgehoben wird, als der dichter selbst und sein
werk. Dasselbe wird ungenau beschrieben, er kannte es weiter nicht,
und wenn der Verfasser der praefatio in einem niederfränkischen kloster
weiter entfernt von der sächsischen grenze und von Werden sass , so war
ihm die spräche des Heliand nicht mehr mundgerecht. Wiudisch hat
richtig darauf aufmerksam gemacht, dass er sich selbst als einen aus-
gibt, der jene spräche nicht versteht, es folgt das aus einem satze der
praefatio: quocl opus tarn lucide tamque eleganter juxta idioma
Uli US linguae composuit, ut audicntihus ac intelligentihus non
mininam sui decoris dulcedinem praestet. Wir- dürfen also von einem,
der nur nach hörensagen von dem gedichte, dessen künde bis zu ihm
gedrungen war, und der mehr Interesse für den veranlasser des gedichts,
als für dieses selbst hatte, eine genaue Inhaltsangabe des letztern nicht
erwarten, und wenn der praefator sagt, der dichter habe sein werk
fortgeführt ad finem totius veter is ac novi testammti, so liegt die unge-
nauigkeit auf der band; wie hätte ein epischer dichter auch nur das
ganze neue testament, die briefe der apostel eingeschlossen, in verse
bringen können!
l
ÜBER DEN HELIAND 287
Wenn wir indes in diesem punkte eine von Windisch abweichende
meinung aufgestellt haben, so alteriert dies, wie schon hervorgehoben,
das grosse und ganze dieser tüchtigen beweisführung nicht im geringsten.
Am Schlüsse des weges treffen wir mit Windisch wieder zusammen , und
wir können mit ihm , das bisher gesagte zusammenfassend , den satz auf-
stellen : die pracfatio sowol wie die versus de poeta gehen allerdings auf
den Heliand. Sie berichten unabhängig von einander ungenaues über das
gedieht , nach massgabe ihrer eigenen ungenügenden kenutnis davon ; und
es lösen sich auf diese weise die widersprüclie , die beide quellen gegen
einander haben.
Was die person des dichters angeht, so wird uns eine nähere
künde wol immer fehlen. Wir sind in dieser hinsieht auf das angewie-
sen, was uns die wirklich historischen nachrichten der praefatio (nach
entkleidung von den sagenhaften zügen) liefern und was wir aus dem
gedichte selbst über ihn entnehmen können.
Aus der praefatio wissen wir nur , dass der dichter quidam vir de
gente Saxonum war, qui apud^ suos non ignohüis vates hahehatur. Wes
Standes, ob geistlicher, ob laie, darüber wird uns nichts gesagt. Win-
disch hat sich für annähme des letzteren (s. diOi) entschieden. Mit
unrecht; nach der ganzen haltung des gedichts, nabh der art der quel-
lenbenutzung zu demselben kann der Verfasser nur ein geistlicher gewe-
sen sein , werauf wir jedoch hier nicht näher eingehen können.
Wir kommen zu dem theile der schviffc Windischs , der üiren Schwer-
punkt bildet, zu der Untersuchung über die quellen des Heliand. Diese
füllt den grösten theil des buches (s. 25 — 86), aber das referat darüber
kann sich mit einigen worten begnügen, weil es nur die resultate der
Untersuchung , nicht ihre einzelheiteu , widerholen kann ; die letzteren bit-
ten wir unsere leser dringend, selbst nachzulesen. Die resultate sind
folgende: der dichter legte seinem werke, oft in freier weise, die soge-
nannte evangelienharmonie des Tatian zu gründe, benutzte aber auch
nebenbei commentare der kirchenväter , so namentlich die Eocpositio in
Matthaeum des Hrabauus Maurus , die Expositiones zu Marcus und Lucas
des Beda, und die conimentaria super Johannem des Alcuin. Wie diese
benutzuug der quellen durcligeführt ist, zeigt noch einmal zusammen-
fassend am Schlüsse der schrift eine ausführliche und recht übersichtlich
angelegte tabelle.
Aus der benutzung des Hraban folgert nun Windisch die entste-
hungszeit des gedichts. Er beweist, dass Hraban seinen commentar vor
821 nicht vollendet haben könne , der Heliand könne daher frühestens
erst einige jalire nach diesem werke unternommen sein. Genauer wird
288 HEYNE
lue abfassungszeit des gedichts in eins der zelin Jahre von 825 — 835
verlegt.
Dieser ansieht stellt die Middendorfs gegenüber, die den Heliand
in einem der ersten regierungsjahre Ludwigs des Frommen entstanden
sein lässt , und geneigt ist , sich die von diesem kaiser ausgegangene anre-
gung zu dem werke in Verbindung mit dem 815 zu Paderborn abgehal-
tenen reichstage zu denken — eine ansieht, die auch die meine ist. Ein
näheres eingehen auf diese frage muss ich der schrift vorbehalten, die
ich bereits 1866 bei meiner ausgäbe des Heliand in aussieht stellte.
Hier nur so viel: dass Hrabau seinen commentar vor 821 nicht schrieb,
kann Middendorfs annähme nicht beeinträchtigen. Was Hraban hier auf-
zeichnet, das hatte er schon lange vorher in Fulda mündlich gelehrt.
Wie wenn nun, worauf manches hinzudeuten scheint, der dichter des
Heliand in der klosterschule zu Fulda unter Hraban gebildet wurde und
seinem mündlichen unterrichte das im gedichte entstammt, was als Hra-
bans eigentum von Windisch nachgewiesen ist?
Ehe ich das referat schliesse, will icli noch einige werte über das
Verhältnis der beiden Heliandhandschriften zu einander bemerken.
Wenn wir der praefatio glauben schenken, so ist der Heliand ein
altsächsisches gedieht; altsächsisch aber ist nicht mit altniederdeutsch
identisch. Nach der anläge und ausführung der ganzen dichtung ist
der Verfasser ein geistlicher. Nach, der zeit , in der der Heliand abgefasst
ist (im ersten viertel des 9. Jahrhunderts) können wir den Verfasser nur in
zwei klöstern suchen : Münster oder Corve}^ Münster war in den ersten
Jahren des 9. Jahrhunderts vom heil. Liudger gestiftet worden, die grün-
dung von Corvey wurde 815 beschlossen und es vergieng noch eine zeit,
ehe das kloster ordentlich ins leben trat. Nun haben wir vom Heliand
den einen codex, den Mouacensis, der uns mit seinem dialecte entschie-
den nach Münster weist. Die sprachformen dieses codex genau nach
dem orte zu bestimmen, dazu gibt uns die sogenannte Freckenhorster
heberolle die mittel an die band. Freckenhorst liegt im Münsterlande,
wenige stunden von Münster entfernt, hier wurde noch im 9. Jahrhun-
dert ein umfängliches Verzeichnis der dem kloster zugehörigen gefalle in
sächsischer spräche abgefasst. Vergleichen wir die sprachformen dieses
deukmales mit denen des codex Monaceusis, so decken sie sich fast voll-
ständig. Der schluss ist nicht anzutasten: wir haben in dem letzteren
codex ein Münsterisches denkmal vor uns.
Der zweite codex des Heliand, der Cottonianus, ist dagegen, wie
ich schon vorhin hervorgehoben habe, kein altsächsisches, sondern ein
altniederfränkisches denkmal. Er entstammt dem kloster Werden an
ÜBER DEN HELIAND 289
der Kuhr, in der altniederfränkischen grafschaft Mark, ebenfalls einer
Stiftung des heil. Liudger. Auch für diese behauptung sind die sprach-
formen beweisend. Wir haben aus dem kloster Werden deutsche, ört-
lich beglaubigte denkmäler, vor allem die zwar im texte lateinisch abge-
fasste , aber mit einer menge deutscher eigennamen und manchen andern
deutschen Wörtern durchzogene heberolle , von der ein stück Lacomblet
(im archiv für die geschichte des Niederrheins 2, 217 — 249), ein ande-
res Crecelius (Index honormu et reditimm monasteriorum Werdinensis
et Helmonstadensis. Elberfeld 1864) herausgab. Aus diesen stücken
können wir uns nun ein genaues bild, nicht zwar der Werdener mund-
art überhaupt, aber der Werdener lautverhältnisse machen; und auch
hier sehen wir, dass diese lautverhältnisse im Cottonianus genau, und
zwar bis auf einzelnheiten genau, widerkehren. Ich will nur einzelnes
besonders durchschlagendes anführen. Die Werdener mundart hat die
diphthongen altnfr. ei, oh bereits in annäherung an das sächsische, zu
e, ö, verengt ; ebenso der Cottonianus. Altnfr. uo schwankt , meist bleibt
es in der Werdener mundart, manchmal tritt dafür auch 6 ein, so
findet sich neben HriioÖger Hrötiger , neben Hruoding HröÖheri. Das-
selbe schwanken auch im Cottonianus, doch eben auch so, dass uo ent-
schieden überwiegt: er schreibt niuod, neben seltenem! möd, duont,
doch auch dorn, yespuon, einmal auch gespon. Folgende kleine züge
aber sind besonders sprechend. Die Werdener mundart hat zwar das
altnfr. ei, goth. ai , gewöhnlich in e verengt, daneben doch auch einige
Male in ä: neben Helger ahd. Heilger steht HälagfriÖ, neben jßJcasbeJci
SiVLch. Ac-Jiem. Nun sehen wir auch im Cottonianus einigemal dieses
ä = e, ahd. ei erscheinen: 1114 särag-mod für serag-möd, 5082 aräs
für ares; neben sken schien 3135 steht shm 3145. In der Werdener
mundart erscheint bereits einigemal der umlaut von u in der Schreibung
/, namentlich im eigennamen Stildces - nurö neben Stuccias-uurd; die-
selbe erscheinung auch im Cottonianus : drillten 264 neben driihtin,
gefrimid 43 für gefnmiid.
Diese züge , die sich ohne mühe vermehren lassen , werden genügen,
um klar zu machen , dass der Cottonianus ein Werdener spraclideukmal
ist. Fällt er somit der altniederfränkischen zunge zu, so kann er einer
ausgäbe des altsächsischen gedichtes nicht zu gründe gelegt wer-
den; der herausgeber muss sich an den altsächsischen codex des Heliand,
den Monacensis halten, wie lückenhaft er auch gegen den Cottonianus
ist; die Kicken muss er eben durch die Übersetzung (eine solclie ist tliat-
sächlich der Cottonianus) ausfüllen.
Haben wir auf diese weise die sprachformen beider Heliandhand-
schriften als den orten Münster und Werden eigentümlich erkannt, so
ZT31TSCHU. F. UKUT8CHE PlULOL. 19
290 HEYNE, ÜBER DKN IIKLIAND
können wir auch eine verinutiing wagen , in welcher weise die altuieder-
fränkische Umformung des altsächsischen dichtwerkes vor sich gegangen
sei. Münster und Werden waren Schwesterklöster, beide gegründet von
einem manne, dem heiligen Liudger; als schwesterklöster standen sie in
enger Verbindung zu einander und in Schriftentausch. So konnte es in
Werden nicht verborgen bleiben und nicht ohne Interesse für dasselbe
sein , Avenn in Münster ein gedieht wie der Heliand entstand , man
bekam dasselbe communiciert , und um es auch für die altniederfrän-
kische Umgebung nutzbarer zu machen , um den niederfränkischen bewoh-
nern einen heimatlichen eindruck vom gedichte zu geben , das man sicher
auch diesen bewohnern gegenüber zur festiguug im christentume ver-
wante, schrieb man es in die dortige mundart um. Das ist die ein-
fache und natürliche erklärung über das Verhältnis des Cottonianus zum
Monaceusis.
Wir scheiden vom Verfasser mit dankbaren gefühlen. In den letz-
ten Jahren, namentlich seit dem erscheinen meiner Heliandausgabe , sind
von Seiten einiger in glücklicher dilettantischer Unbefangenheit äusserun-
gen über Heliandfragen gethan worden, die einem der sich in die altnie-
derdeutschen Verhältnisse etwas eingelebt hat, der sich seine bücher
gründlich vorher überlegt, ehe er sie schreibt, der aber nicht die
gewohnheit hat, alles was er weiss oder zu wissen glaubt, mit breiter
stimme in die weit zu schreien, ein halb mitleidiges, halb ärgerliches
lächeln ablockten. Diesen äusserungen gegenüber berührt das buch Win-
dischs wol. Hier ist treue und tiefe forschung in liebenswürdigster form
geboten, die resultate derselben stehen unseres erachteus im wesent-
lichen fest und man kann mit grosser ruhe abwarten, ob jemand gegen
das von Windisch gegebene besseres zu leisten im stände ist.
HALLE, IM OCTOBER 1868. M. HEYNE.
291
DIE ALTSÄOHSISCHE BIBELDICHTUNG
UND DAS
WESSOBRUNNER GEBET.
Ernst Windiscli hat in verdienstliclier art mit nacliweisung der
quellen, aus denen der dichter der altsächsischen evangelienharmonie
geschöpft, zugleich die zeit nachgewiesen, in welche wir nun das gedieht
mit Sicherheit zu setzen haben: um das jähr '830. Demgemäss liegt,
chronologisch genommen, keine Unrichtigkeit darin, wenn die lateinische
prosavorrede die Veranlassung des werkes kaiser Ludwig dem Frommen
zuschreibt. Und so könnte man, nachdem für den unbekannten Verfas-
ser bisher auf den oder jenen älteren uamen ist geraten worden , jetzt
doppelt leicht auf einen anderen verfallen, der gerade in diese jahr-
zehende und in den kreis der Ludwig näher befreundeten gehört, auf
Beruold, von geburt einen Sachsen (Ermoldus Nig. I, 149), aber bischof
zu Strassburg. Denn über ihn berichtet Ermoldus Nigellus I, 153 fgg. :
Sed gens atra nimis, cut prcest modo frceml honore,
Di'vitiis pollens , nescit mnare deum;
Barbara lingua sibi ^ scripturcs nescia sacrce,
Ni foret antestis ingeniosus ei.
Hie poptdo noto scripturas frangere verho
Certat et assidno vomere corda terit;
Interpres quoniam simul atque antestis habetur.
Hie monitando gregem ducit ad astra suum:
Worte, die auf eine Übersetzung der bibel und zwar so zu deuten schei-
nen, dass die poetische form nicht ausgeschlossen wäre. Sie meinen
jedoch nur predigt in der spräche des volkes: für die blosse erklärung,
nicht aber die Übersetzung der heiligen schrift wird das brotbrechen auch
anderweitig (z. b. von Otfried III, 7, 50 fgg.) als bild gebraucht, und
die biblische vergleichung der predigt mit dem werke des ackermannes
war so geläufig , dass ein prediger auf lateinisch spermologus oder semi-
niverhms hiess (s. du Gange), ohne den tadelnden sinn, den die beiden
Worte ursprünglich (Act. Apost. XVII, 18) besitzen. Zudem, wenn auch
der sächsische dichter mit so viel kirchlicher gelehrsamkeit , Avie wir
nun alle durch Windisch wissen, seinen stoff handhabte, so war er doch
von stand ein laie. Als solchen verrät er sich immer nocli genugsam:
ein wirklich gelehrter hätte z. b. kaum die hirten auf dem feld in der
geburtsnacht Christi zu pferdehütern gemacht {ehusJcalJcds EH. 388) oder
die stelle, wo Hrabanus die drei magier succcssores Balaams nennt
(Windisch, der Heiland und seine quellen s. 49), so umgedichtet, wie
19*
2512 WACKERNAOEL
IT nun z. 569 fgg. thut, oder einen zug, der sonst nur in der legende
von pabst Gregor und anderen heiligen vorkommt, auf Christum über-
tragea und von diesem erzählt, dass der heilige geist in taubengestalt
ihm auf die achsel gesessen sei (z. 988 : vgl. "Errea tttsq. s. 38). Selbst
die Worte darüber, wie fhena leremid shulmi födean iliat foUcslcepi (18G0
fgg.), kommen ersichtlich nur aus dem mund eines fromm dankbaren
gemeindekindes , und eben ein solches so gut als ein priester oder mönch
konnte in der art, wie z. 5031 fgg. geschieht, auf den von Petrus ererb-
ten primat der päbste deuten. Auch hiezu stimmt widerum die prcs-
fafio und kennzeichnet den dichter als einen mann aus dem volke , nicht
aus dem clerus , und stimmen ebenso die versus de poeta , indem sie mit
sagenmässiger Umgestaltung dasselbe von ihm berichten, was Beda
(bist. eccl. lY, 24) von Csedmon, dass er ein bauer und ursprünglich
nicht einmal des dichtens und singens fähig gewesen, sondern erst durch
ein wunderwort gottes zu solcher kunst und zu diesem werke sei beru-
fen und befähigt worden : ein bericht , den die jüngere redaction der
proefatio, so wenig er auch mit deren sonstigen aussagen vereinbar ist,
anhangsweise in sich aufgenommen hat.
Wenn nun aber, was diese zwei hauptpunkte, die persönliclikeit des
dichters und die zeit der abfassung , betrifft , die prcefatio und die versus
de poeta der Wahrheit entsprechen, weshalb sollen sie in betreff eines
dritten , des umfanges nämlich , den das gedieht in seiner Vollständigkeit
gehabt, so gänzlich unglaubwürdig sein (Wiudisch s. 12 fgg.)? Beide
sprechen, obschon wir einstweilen nur noch die evangelienharmonie
besitzen, auch von der bearbeitung des alten testamentes. In der prce-
fatio heisst es: Prceceirit — cuidani viro de gente Saxomim, qui apud
suos non ignobilis vates hahebatur, ut vetus ac novum testamentum in
Germanicam lingiiam poetice transferre studeret. — Igitur a mundi crea-
tione initium capiens — ad finem totius veteris ac novi testamenti
interpretando more poetico satis faceta eloquentia perduxit. Und wäh-
rend dem gegenüber allerdings für die Zweifelsfrage räum bleibt, ob der
Sachse denn wirklich auch die Paulinischen briefe in deutsche allittera-
tioneu übertragen habe, drücken sich die versus nicht so im grossen
und ganzen aus , sondern bezeichnen als den zweiten , neutestamentlichen
theil der dichtung bloss die geschichte des herrn von seiner geburt bis
zum erlösungstode, also eben bloss die evangelien:
Cceperat a prima nascentis origine mundi;
Quinque relabentis p&rcurrens tempora secU,
Venit ad adventum Christi^ qui sanguine mundum
Faucihus eripuit tetri miseratus Averni.
DER HELIAND U. DAS WESSOBR. GEBET 293
Mögen auch diese worte, woran übrigens noch zu zweifeln erlaubt ist,
in der art ihrer fassung auf einigen versen des altsächsischen gedichts
beruhen (z. 38 fgg. Windisch s. 14 fgg.)» gegen den Sachverhalt selbst,
den sie darstellen sollen, ist damit nichts bewiesen.
Wende man nicht (Windisch s. 18) gegen solch ein doppelzeugnis
ein, das alte testament, die geschichte der Juden, wäre für die Sachsen
nicht geeignet gewesen. Warum für sie dasselbe ungeeignet, was doch
Ulphilas für seine Gothen, was auch die angelsächsichen dichter für ihre
leser und hörer durften geeignet achten ? Wie bestimmend aber in Alt-
sachsenland der Vorgang und das vorbild der Angelsachsen wirkte, zeigt
uns die evangelieuharmonie auf jeder seite; hauptsächlich Werden, die
Stiftung S. Liudgers, mochte diese einwirkung vermitteln, dasselbe klo-
ster, woher auch, wie es scheint (Heyne, Altniederd. denkm. II, IX),
die psalmenübersetzung und erkläruug rührte, die nicht viel jünger als
die evangelieudichtung ist. Natürlich, das ganze alte testament war
nicht in verse zu bringen: hier konnte es nur, ähnlich dem verfahren
Csedmons, eine auswahl gelten, die bei dem episch anziehendsten, dem
typisch bedeutungsvollsten blieb und somit noch vieles mehr und mit
noch gewisserer befugnis übersprang , als das in der evangelieuharmonie
geschah. Juxta historice veritatem ([iKjeque excellentiora summatim decer-
pens et interdum qiicedam, uhi commodum duxit, mystlco sensu depin-
gens sagt die praefatio, und über Caedmons dichtung Beda a. a. o. Cane-
hat autem de creatione mundi et origine humani generis et tota genesis
Tiistoria, de egressu Israel ex Aegypto et ingressu in terram repromis-
sionis, de aliis plurimis sacrce scripturce liistoriis, de incarnatione
dominica u. s. w.
Den Verfassern der prcefatio und der versus de poeta hat neben
der evangelieuharmonie und mit dieser verbunden auch ein alttestament-
liches gedieht auf sächsisch vorgelegen: wenn wir das vereinte zeugnis
beider in so räum gebender art auffassen, so bleibt kein recht mehr an
dessen Zuverlässigkeit zu zweifeln, und einzig darin liegt ein Irrtum,
dass beide , das alte testament und das leben Jesu , von einem und dem-
selben sollen bearbeitet sein. Denn so viel müssen wir zugeben, der
dichter dieser evangelieuharmonie kann nicht auch den vorderen theil der
heiligen schrift gedichtet haben: wie er z. 38 fgg. von der Schöpfung
der weit und von den weltaltern spricht, deren abgrenzung aus der
geschichte des alten testaments entnommen ist, weist er wol ganz all-
gemein auf dessen Inhalt zurück, nicht aber so, dass eine anknüpfung
darin läge, eine fortsetzung damit bezeichnet , ja irgendwie nur angedeu-
tet würde , es gebe bereits ein solches gedieht und er kenne dasselbe ;
aus seiner eigenen feder konnte ein solches, um so weniger geflossen
294 WACKÜRNAGEL
sein, als ihm dann jener Verstoss mit Bileam vAim beispiel nicht begeg-
jiet wäre. Das alte testament Avar die arbeit eines andern: erwägt man
aber , welche ähnlichkeit mit der evangelieuharmonie ihm der alles gleich
bewaltende stil der allitterationsdichtung verleihen muste, so wird es
begreiflich und mehr als verzeihlich, dass ein fremder dritter, der beide
hälften dieses bibelwerkes in Einem bände zusammen fand, sie beide für
das werk eines einzigen ansah und nun auch von der vorderen meinte,
sie sei, wie er das eigentlich nur von der zweiten wüste, unter Ludwig
dem Frommen und auf dessen geheiss gedichtet worden.
Sie war jedoch um einiges früher abgefasst. Irre ich nämlich nicht
(aber ich hege die ansieht schon seit längerem und habe sie „erdauern"
können), so besitzen wir einen Überrest dieses sonst verlorenen teiles
der dichtung noch, den anfang derselben, zwar in hochdeutsch umge-
schrieben, aber zug für zug noch mit voller erkennbarkeit des unhoch-
deutschen grundes. Ich meine die verse, die in dem sogenannten Wes-
sobrunner gebet vor den in prosa gebrachten bittworten stehn, in der
handschrift die elf ersten zeilen und den anfang der zwölften. Sie lau-
ten nach dem neuesten und besten facsimile, das wir haben, dem von
Gessert in Naumanns Serapeum II (1841), 8,
Dat gafregin ili mit firahim
firi uuizzo meista. Dat ero ni
mias. noh uf himil. nah paum
noh pereg muuas. ninoTiheinig
5 noh sunna nistein. noh memo
nilmhta. noh der marqo seo.
Do dar niuuiht niuuas enteo
ni uuenteo. enti do uuas der eino
al mahtico cot. manno miltisto.
10 enti dar uuarun auh manake mit
inan. cootlihhe geista. enti cot
heilac.
Die handschrift ist vom jähr 814 (Gessert s. 6): die aufzeichnung
des bruchstückes fällt somit in eine zeit, die der evangelienharmouie
um mindestens zwei jahrzehende vorangeht, in der aber doch altsäch-
sische bibeldichtung , durch einen mann etwa wie jenen Bernold, quem
Carohis sapiens — dodrince studiis imhuit atque fide (Erm. Nig. I, 147),
bereits wol denkbar und angelsächsischer einfluss auf dieselbe doppelt
erklärlich ist. Ich gewahre aber solchen , ganz abgesehen von einer
eigenheit bloss der ausspräche, öem gafregin z. 1 , das näher bei angelsäch-
sischem gefrägn als bei altsächsischem gifragn liegt, namentlich in dem
DER HELIAND ü. DAS WESSOBR. GEBET 295
ausdrucke geista z. 11 , der wol den Angelsachsen, niemals ab^r dem dich-
ter der evangelienhavmonie so viel als engel bedeutet, und diese bedeu-
tung kann hier allein doch gelten. Bei einigem andern, das man geneigt
sein könnte ebenso aufzufassen, geschähe das nicht mit der gleichen
berechtigung ; noch Aveniger wäre es gestattet das bruchstück ganz und
unmittelbar auf angelsächsischen Ursprung zurück zu führen: solch einer
vorläge gegenüber würde die hochdeutsche Umschreibung wesentlich anders
ausgefallen sein , wir würden da z. b. gleich in der ersten zeile kein fira-
him lesen.
Die verse bilden, weit davon entfernt so, wie einst die brüder
Grimm und Massmann gemeint, noch heidnisch zu sein, den eingang. zu
einer Schöpfungsgeschichte auf grund der bibel; sie schildern das nichts,
das, während nur noch der einzige gott mit seinen engein da war, der
weit vorangegangen, und schildern es so, dass darauf die Schöpfung sel-
ber muste erzählt werden. Denn es wird schritt für schritt fast eben
das alles und in eben derselben ]-eihenfolge als noch unvorhanden auf-
geführt, was nachher ein tag der Schöpfung nach dem andern bringen
soll, und nur die Stellung, welche das meer erhält, weicht erheblicher
von der Genesis ab. Hier (z. 6) wird damit, dichterisch, malerisch, der
schluss gemacht: zuletzt nach allem sieht man das gröste, das es hie-
nieden gibt, die weite fläche der see, die gebirge und himmel wider-
spiegelt und in sonnen- und mondschein leuchtet und wie der mond.
Noh memo ni liulita noli der märco seo , es ist das kein zeugma wie dort
in der verwanten stelle Otfrieds II, 1 , 36 So ivaz, so liimil fuarit joh
erdim ouh hiruarit joh in sewe ubar dl, got deta^ tJmruh inan al : das
Abecederium Nordmannorum sagt ja ebenfalls lagii the leolito. Der
märeo seo , das herrliche , das gewaltige meer : auch der geist des Sach-
sen, der die evangelienharmonie gedichtet, hat dieses bild mit heimat-
licher Vorliebe in sich aufgenommen: er hebt sich auf die höhe seiner
kunst, wo es seeschifffahrt und seesturm zu schildern gilt (2233 fgg.
2907 fgg.), und das salz des evangeliums, das die menschen zertre-
ten (Matth. V, 13), liegt ilmi am gestade des meers, im ufersande:
z. 1370. 1373.
Aber auch ohne dass wir die voraussieht auf die Schöpfungsge-
schichte , die noch folgen sollte , mit in anschlag bringen , ist das geord-
nete gleichniass , womit der dichter unserer verse auf die weit hin blickt,
nicht zu verkennen. Zuerst die zwei hauptbegriffe ero und üpiimil, dann
dem ero entsprechend pmim und joercg , dem lifJdiiiU aber simna und memo.
Diese gliederung ist so einleuchtend und natürlich, dass Grein gewiss
gefehlt hat, indem er (Pfeiflers Germania X, 310) hinter noh paumnoh
pereg ergänzen wollte noh pulga d. i. woge , und dann 7ii sand nohheinig.
296 WACKERNAGEL
Wol mag es aucli iii der Völu spa heissen (str, 3) vara sandr nr sa'.r
tie svalar unnir: aber was da zusammensteht, gehört auch von uatur
wegen so zusammen, ufersand und see und kühle wogen; wie jedoch
passt die woge zu bäum und berg und der sand zu sonne und mond,
und das meer erst später? Es ist, damit der vers sich fülle, ein ande-
res wort vor smuia und Diaiio einzuschalten: wir werden nachher erör-
tern, welches; und allerdings wird, gleichfalls um des Versbaues willen,
auch zwischen paum und pereg noch ein wort verlangt. Sonst zwar und
der Sache nach sind schon diese zwei, ja schon eines davon ist genug
um den begriff der erde zu vertreten oder ihn doch mehr zu veranschau-
lichen. Die berge, oder berge und hügel, oder berg und thal in der latei-
nischen redensart maria montesque poUiceri (Sal. Catil. 23); im Oren-
del 344o ein hvrre über herc unde tal, über wa^^er und luft über al;
in den Sprüchen Salomonis VIII, 25 flg. (berge — hügel — erde); in
Cynevulfs Christ 968 eordhan mld hire beorgum and upheofon torJdne
mid Ins timglum. Die bäume , oder mit einer besonderung , die noch
stärker versinnlicht, die eiche, oder malerischer laub und gras in der
Offenb. VII, 1, 3 (erde — meer — bäum) und VIII, 7 (erde — bäume —
gras); bei Tibull I, 4, 65 dum robora fellus , dum ccelum Stellas, dum
vehet amnis aquas; im Freiberger stadtrecht 194 den vride, den der
heiser geboten hat, di vursten gelobit haben, die lantherren gesivorn
haben, daz, he den stete ivolle halden, di tvile eiche unde erde stet; in
Richthofens fries. rechtsquellen 46, 31 und 47, 15 (von einem begra-
benen) under rlce and ander erthe; in einem judeneide der Görlitzer
handschrift des weichbildrechtes (glosse zu art. 133) das, dich got sehende,
der hymel und erde gescliaffln hot und dorczu laup und gra$; in dem
judeneide von Erfurt (leseb. I, 317) der got, der himel unde erdin
gescüf, loub, hlümen unde gras, des da vore nine ivas; ähnlich in ande-
ren-dergleichen stücken. Beide endlich, berg und bäum, oder berg und
wald u. s. f. zusammen , in dem althochdeutschen gedieht vom jüngsten
tage (leseb. I, 78) so daz, J^liases pluot in erda Mtriufd, so inprinnant
die pergä, poum ni lästentit einte in er du; im K. Ruther 4404 beide
berc unde tvalt sciif her und die lüfte; in dem judeneide des Schwäbi-
schen landrech ts 215 der got, der da geschtiof himel unde erde, tal
unde berge, ivalt, loup unde gras; in anderen mit verrückungen, die
theils durch den reim, theils dadurch veranlasst sind, dass man meinte
neben der erde noch die übrigen elemente eigens bezeichnen zu sollen:
so in dem einer Strassburger handschrift (Johanniterbibl. A 94) so dir
helfe der got, der beschuof himel unde erde, tal unde berge, alse du
reht habest, der got, der beschuof luft tinde tuft, loup unde gras, des,
t niut enwas, und dem, der in der Berliner handschrift des Sachsen-
DER HELIAND V. DAS WESSOBR. GEBET 297
spiegeis von 1369 hiuter der vorrede zum landrecht steht, Dat dl god
so helpe, de selve god, de dar liet iverden unde geschüp liemel unde
erde , hercli unde dal , vür , ivater unde luft , lof unde gras , unde dar to
alle ding. Unmittelbar aber hinter der angeführten althochdeutschen
stelle heisst es weiter stein ni Jcistentit, und dies und kein anderes wort
denn wird es auch sein, das in unserem bruchstück zwischen dem bäume
und dem berge fehlt : noh paum noh stein noh pereg ni uuas. So ver-
bindet auch die evaugelienharmouie z. 3118 strn endi hcrg , und die Völu
spä , wo sie zuerst von der weltschöpfung , dann aber (eben wie dort die
Offenbarung Johanuis und der althochdeutsche dichter) von dem abschlies-
senden gegenbilde derselben, dem Weltuntergänge, spricht, hat str. 4 die
Zeilen sol skein sunnan ä salar steina: pä var grund groin groenum
lauM, dann str. 51 griotbiörg gnata und 52 stynja dvergar fgr stein-
durum vegghergs visir. Uebrigeus ist das noh stein (auf sächsisch
mochte es eher nl stcn heissen) doch vielleicht nicht ganz ohne spur
verloren gegangen: es scheint dem Schreiber noch im sinne zu liegen,
wenn er gleich nachher z. 5 nistein für niscein setzt.
Ein eingang also zu der geschichte der Schöpfung, auf die noch,
wo man das gedieht vollständig las, diese selber folgte. Und da kaum
denkbar ist, es werde jemand bloss die Schöpfung gedichtet, nicht aber
weiter in dem buche der genesis und so fort gelesen und das gelesene
deutsch umschrieben haben, so besitzen wir in diesen versen zugleich
den ersten eingang einer Übertragung des ganzen alten testamentes , zum
mindesten doch dessen hervortretendsten theileu nach.
Hiebei müssen wir dahin gestellt sein lassen , ob dem Schreiber zu
Wessobrunn die ganze dichtung oder bloss dieser abschnitt derselben
zugegangen sei: ob aber schriftlich oder durcli mündliche mittheilung,
darüber kann weniger zweifei walten : mehr als einer der fehler , die er
macht, und darunter ein hauptfehler, ist nur aus dem ersteren wege zu
erklären.
Und es gieng ihm von dem Verfasser selber zu , wie das wort zeigt,
das er über seine abschrift setzt. De poeta. Denn ich wage doch kaum
zu vermuten , er habe etwa zuerst jene Versus de poeta widergeben wol-
len, es seien also dieselben schon damals, schon im jähre 814, vorhan-
den gewesen , und was sie erzählen , habe ursprünglich nur auf den dich-
ter des alten testamentes bezug gehabt. Alsdann müsten sie ursprüng-
lich auch mit z. 30 geendigt haben und die vier , welche jetzt noch fol-
gen , ein jüngerer zusatz sein : allerdings wol möglich bei diesem gedichte,
das im eingange zwar auf das breiteste angelegt ist , dann jedoch immer
schmäler und kürzer zusammenschrumpft.
2il8 WACKEBNAGKL
Ich halte nunmehr zu beweisen, dass der poeta, von welchem der
Wessobrumier mönch das deutsche gedieht oder gedichtstück erhalten,
kein näherer landsmann desselben, dass er kein Oberdeutscher, sondern
ein Sachse gewesen sei. Und es ist nicht schwierig das darzuthun: so
vieles kommt in diesen wenigen zeilen vor, das entscliieden sächsisch, den
oberen mundarten aber und ihrer dichtung fremd ist, und ebenso ist
einer der stärkeren mängel, die der Schreiber verschuldet hat, nur dann
wider gut zu macheu, wenn man die hilfe in der spräche der Sach-
sen sucht.
Eine Vorbemerkung, die hier notwendig ist, kann ich gleich an
das erste wort anknüpfen. Die Angelsachsen, welche die abrenuntiatio
diaboli und die zweite der Basler arzeneivorschriften (leseb. 1, 19 u. 56)
aufgesetzt , folgten hochdeutschen vorlagen und hielten , da es ihnen weder
auf durchgreifende Übertragung derselben in die eigene mundart noch
auf genaues abschreiben ankam noch anzukommen ])rauchte , je nach
Zufall die hochdeutschen worte und laute und flexionen fest, z. b. for-
sachistu, gotes, theils brachten sie ihre angelsächsischen mit hinein, z. b.
alliim, and, theils und noch mehr goriethen sie in eine mischung bei-
der, z. b. gcnotas. Dasselbe Verhältnis in dem von einem Sachsen ge-
schriebenen Hildebrandsliede : ih, dlicd, Seggen, urJicttun (leseb. 55, 22
fg.) sind ihm sächsisch geworden, mitten darunter jedoch sind gihorta
und das reflexivum oder reciprocum sih, beide nur hochdeutsch, stehen
geblieben, oder weiterhin (59, 22) reccheo, mitteninue zwischen ncAe und
wurti, allitterierend auf das erstere und nicht in tvreJckeo verändert.
Umstände ganz anderer art und darum auch ein ganz andres verfahren
zeigen sich uns bei dem mönche von Wessobrunn. Da er die verse , die
er aus sächsischer band empfangen, einem hochdeutschen gebet als ein-
leitung und begründung wollte vorangehn lassen, muste er sie in
sprachlichen einklang mit dem letzteren bringen : er setzte deshalb , wenn
er auch sonst kaum ii-gendwo und irgendwie absichtlich änderte, wenn
er auch nicht gemeint war die ihm überlieferten worte umzutauschen,
doch deren form, die laute, die flexionen, durchweg in die ihm selbst
gewohnten um, und es war wenigstens nicht die schuld seines willens,
dass ihm das nicht überall gleich gut gelang. Darum, mag jener Angel-
sachse auch unangelsächsisch mit Forsachistu beginnen, dürfen wii' das
wort, das hier den beginn macht und in der zweiten zeile widerkehi-t,
wir dürfen dat nicht ebenso für unhochdeutsch, nicht für ein gemisch
aus hochdeutschem dn^ und sächsischem tJiat ansehen. Zwar heisst es
inmitten der beiden dat mit hochdeutschem 0-laut firiuui0.?o \md in der
nachfolgenden prosa dreimal za: man beachte jedoch, es ist ein anderes
DER HELIAND U. DAS WESSOBR. GEBET
299
0, das so wie sonst im hochdeutschen angewendet, und ein andres, an
dessen. stelle der ursprüngliche ^-laut unverschohen behauptet wird , und
so gut Alamannen und Baiern des zwölften , dreizehnten Jahrhunderts hie
und da noch l)ei dem letzteren bleiben {satte und gesät sind organischer
weise nur so viel als setzte, gesagt, nicht aber aus saste, gesast entstan-
den), ebenso gut lässt sich dasselbe in bairischer mundart um das jähr
800 und da noch mit vollerem gleichmass durchgeführt denken. Später
in Schriften des mittleren Deutschlands finden wir neben sonst beständig
gebrauchtem t, gleichwol noch mit t das pronomen dit und überall und von
anfang an worte wie hate, pittar , lotar , hlütar u. dgl. , die ebenfalls,
wenn sie ganz mit der übrigen spräche gegangen wären, ein i^ haben
müsten.
Bat also wollen wir nicht für sächsisch ansprechen , wol aber
gafregin, das hochdeutsch genommen ein unwort ist; wäre auch wirk-
lich dem gothischen gafraihnan axovsiv ein hochdeutsches gafreganan
nachgefolgt, gafregin müste alsdann in doppelt befremdlicher weise für
gafreganu gesetzt sein. Es ist aber gar nicht als solch ein verdorbenes
praesens aufzufassen, sondern lediglich als herübernahme jenes aorists
gifragn gefrägn, mit welchem die sächsische und angelsächsische epik
auch da , wo sie geistlichen stoff aus doch geschriebenen quellen schöpft,
die einzelnen glieder der dichtung anzuheben und so von vorn her-
ein und immer aufs neue die glaubwürdigkeit des erzählten zu bekräf-
tigen liebt: die entsprechende hochdeutsche formel wird mit dem Zeit-
worte hören gebildet, das den Sachsen in dieser anwendung fremd
ist. Gefrägnic, ik gifragn, jenes erscheint regelmässig mit vorange-
hendem thä, dieses mit thär oder tho oder so verbunden: in unserm
gedichte von der Schöpfung, das noch nicht rückwärts deuten und
anknüpfen konnte, war keine dieser partikeln brauchbar, sondern einzig
ein vorwärts deutendes dat. Man könnte damit den eiugang des Hilde-
brandsliedes zusammenstellen, Ik gilwrta dhat seggen: aber //(»rew nimmt
ebenso wol, wenn es weit innerhalb einer dichtung steht, dies pronomen
zu sich: da^ liortilt, ralihon diu tveroltrehtwison leseb. I, 77, 38. End-
lich noch, wenn der Wessobrunner gafregin schreibt, so muss er das
wort auch gelegentlich und zwar auf angelsächsisch haben aussprechen
hören, mit der brechung gefrägn: er macht sich daraus einen durch i
begründeten umlaut e.
Die altsächsische evangelienharmonie braucht von einem substan-
tivum, dessen nominativ der einzahl, falls er vorkam, nur firih lauten
konnte , oft widerholt den pluralischen genitiv und dativ firiho oder friö,
firlhun firihon firion , letzteren namentlicli in dem ausdrucke 7nid firi-
hun unter den menschen , wie es anderswo mid mannun heisst und mid
.'{(H) WACKERNAGKL
cldnoi: aucli das angelsäclisisclie keimt, zugleich mit beständiger abwer-
fuug der bildungssilbe , mir den pluralis /?ras u. s. w. Die althochdeut-
schen quellen aber bieten das wort im ganzen nur zweimal, viriJw leseb.
79, 2 (die handschrift mit Verteilung in zwei Zeilen ur \ ho) und fircö
57, 13. Denn verschieden von diesem masculinum, obwol damit ver-
want, ist das neutrum firihi: smala firiJu oder zusammengesetzt smala-
ftrihi die Verdeutschung von vnlgus (sprachsch. III, 68:5). Dies letztere
nun mag dem Wessobrunner bei seinem firaliim in den sinn gekommen
sein: es wäre das ein dat. plur. der art wie nessin, imz,in u. dgl. im
Ammonius, Wie ungehörig aber hier, ja wie unmöglich ein plural von
diesem worte, und wie entstellt dasselbe zugleich mit seinem ah für ih!
Es hat eben auch noch ferah mit herein gespielt. Sichtlich hatte hier
der Schreiber ein wort vor sich, das er nicht kannte, nicht verstand und
darum auch nicht einmal recht las, eben jenes altsächsische firihim.
Z. 2. firi uuigzo. Im Althochdeutschen giel)t es nur ein mit i
gebildetes firiwizsi , welches als neutrum belegt, indess auch als femini-
num, mit langem T, avoI denkbar ist. Altsächsisch aber heisst es ^n^<'i^,
ein neutrum wie das angelsächsische ftjrvd. Auch an unserer stelle ist
nur der genitiv plur. solch einer kürzeren neutralform anzunehmen , nicht
zwar wegen des neutralen tneista: denn auch mit genitiven andern
geschlechtes kann ein neutraler Superlativ verbunden werden, man fasst
ihn dann selber als ein substantivum auf: manno Uohosta Otfr. I, 22 , 43.
tödö ivirsesta Notk. ps. XXXIII, 22. ivüleönö mcsta EH. 60^. 4026.
5927, giimonö hetsta 24:32. 3685. 5489, Avomit auch furista , ohne einen
derartigen genitiv dabei und doch von männlichen personen gebraucht
(Otfr. lY, 16, 24. Ammon. XCIV, 3. EH. 3556), zu vergleichen ist;
und so durfte selbst dann, wenn firnvizzi weiblich war, ganz wol dane-
ben -das neutrum meista stehn. Aber in der mundart eines mannes, der
enUo und iventeö flectierte (z. 7. 8), hätte dieser casus auch von firi-
wizzi, gleich viel ob das ein femiuinum oder neutrum, firiiviszed lau-
ten müssen. Er schreibt firimdzso, weil er in seiner vorläge firimiitto
las. Und zwar hat das wort hier noch die Aollere bedeutung wunder:
die evangelienharmonie verwendet es bereits mit derselben abschwächung
vde Otfried sein firiivizsi, wie aber auch ivuntar als einen ausdruck
gleichsam unpersönlicher art: üs (dat.) is thcs firkvit mihil wir möchten
das gerne hören EH. 4294 ; thio armiUchün wizsi was thes thö firi-
tvizzi, was si es ivuntar thräfo joh frägchm tJierö dato Otfr. III, 20, 41.
Ero hat sich bisher weder sächsisch noch hochdeutsch irgend sonst
gezeigt; im anfange des prosagebetes steht erda. Gleichwol halte ich
das wort für keinen fehler, nicht dass ich es, Avie im mhd. Avörterb. I,
DER HELIÄND ü. DAS WESSOBR. GEBET 301
50 a geschieht, mit dem ere d. i. ackerland der bücher Mose (Fundgr.
II, 74, 14) oder wie Schmeller II, 236 mit der glosse solum liero in
Verbindung brächte: denn jenes ere ist ein femininum und sein e aus a
umgelautet, miit hero aber ist, worauf bereits Graff hindeutet (sprachsch.
IV, 999), unzweifelhaft herd gemeint: sondern weil die partikeln ioner
und nioner nur dann etymologisch zu verstehen sind, wenn man so wie
Jac. Grimm (gramm. III, 221) sie auf ein älteres to in erii, nco in eni
zurückführt.
Z. 3. uf hiniil. Das althochdeutsche kennt die partikel üf nur in
dem sinne der richtuDg und bewegung und hat demgemäss auch keine
Zusammensetzung , in welcher dieselbe ein verweilen am ort bezeichnete.
Wol aber so die sächsischen sprachen und die des nordeus. Wie da,
im angelsächsischen, up zugleich so viel als oben ist, erscheint es mit
eben dieser bedeutung in mehr als einem compositum, z. b. altnordisch
iippkeim, altsächsisch upöd, angelsächsisch upengel , upli/ft, uprodor;
erst daher wiixl dem althochdeutschen sein einziges wort der art, itflih,
die Übersetzung von supernus, suhlimis, gekommen sein: angelsächsisch
uplic. Das hauptbeispiel aber ist der sinnlicher belebte ausdruck für
himmel, angelsächsisch upheofon, altnordisch uppliimin, altsächsisch
uphimil: eorde and upkeofen ps. CI, 22. iörd nr upphiminn Völu
spä 3. erda endi upJiimil EH. 2887. Hieraus denn ist das wesso-
brunnische iifhimil einfach umgeschrieben.
Z. 4. Ni muss hier wie in der achten zeile den sinn von noch
als bindewort besitzen, wo es eine apocopierung aus gothischem wi/i, das
i mithin gedehnt ist. In diesem sinne widerum ein dem althochdeutschen
fremdes wort, desto mehr altsächsisch, nur dass im altsächsischen der
vocal gewöhnlich, wie im angelsächsischen immer, zu e abgeschwächt
erscheint. Die dem hochdeutschen entsprechende vollere form noh ist
dem altsächsischen höchst ungeläufig, die EH. bietet dafür nicht mehr
als zwei belege, und sie hat deshalb in der Urschrift unseres Stückes
schwerlich so oft als jetzt in der abschrift (sechsmal) gestanden. Ob wir
aber wagen dürfen nun all diese nah ohne weiteres gegen ni oder etwa
auch gegen nek, dessen seltneres synonym (eine zusammenziehung, Avie
es scheint , aus ni und ok) , zu vertauschen ?
Hinter ni sodann ist die ergänzung eines Wortes, des substanti-
vums zu nohheinig, erforderlich, das dem Schreiber in der feder geblie-
ben oder über das er dahingegangen ist , weil er es nicht verstand, eines
wertes, das zugleich mit sunna z. 5 allitteriere , nicht mit seein: denn
auf dieser einsilbigen schlusshebung wäre ein gleichlaut unzulässig. Und
302 WACKKRNAGKI.
was ergänzt wird, muss ein. ausdruck für stern sein, nach Gen, I, 16;
vgl. Völu spä str. 5 Sol pat ne vissi, Itvar Jion sali ätti; mäni pat
ne vissi, livat kann megins ätti; stiörnur pat ne vissn, hvar pcbr
staäi ättu. Stcrro selbst aber, wie das die evangelienbarmonie z. 4314
(nach Mattli. XXIV, 29) neben mäno und simna stellt, würde Avider
zu jener allitteration nicht taugen. So bleibt als hilfe nur Ein wort
übrig, das zwar die evangelienharmonie zufällig bloss in der adjectivi-
schen Weiterbildung swigli, die dichtung der Angelsachsen aber in der
substantivform selbst gewährt: es heisst da svegl, auf sächsisch also
swegal. Svegl ist sowol lichthimmel als himmelslicht; in letzterer Wen-
dung des begriffes wird vor allen die sonne (vgl. sivigli siinnün Höht
EH. 3578. 5784 oder kürzer bloss siviijli lioJif 5627), eigentlich jedoch
und m'sprünglich gewiss nicht sie allein so genannt, vielmehr wird es
damit wie mit dem altsächsischen tungal, angelsächsisch timgol sich
verhalten haben, das die bedeutungen stern, mond, sonne, himmel
insgesamt umfasst. Um so geeigneter war der ausdruck in einer geschichte
der Schöpfung so wie hier voranzutreten: er gab nun zugleich den all-
gemeineren begriff himnielslicht und, da sodann sonne und mond noch
eigens benannt werden, den besonderen, stern. Das zahladjectivum
dazu, nohheimg, konnte aber auf altsächsisch nicht so lauten: der
gewöhnliche Sprachgebrauch verlangt dafür, um eine silbe kürzer, emg;
nigcn , das von vorn dem nohlieiiHg ähnlicher sähe , würde einen bedenk-
lichen reim mit seein, altsächsisch sctn, herstellen. Also ni sive-
gal emg.
Z. 6. mareo: hier ist die feder etwas vorausgeeilt, denn das e
passt eigentlich nur für das folgende seo. Im hochdeutschen haben erst
spätere zeiten die anwendbarkeit dieses adjectivums so erweitert , dass
z. b. Walther 93, 12 sagen konnte diu linde mcere und 54, 20 mm
pferit mcere. Wie viel freier und reicher darin die altsächsische gleich
der angelsächsischen dichtung war, so dass für sie auch der mdreo seo
nichts ungewöhnliches hatte, zeigt uns der erste blick in die Wörter-
bücher. Aus der evangelienharmonie vergleicht sich besonders nahe
z. 1305 tJdc mötun thie murion eräa ofsiitian: Matth. V, 5 ipsi pos-
sidehunt terram. Also märeo mit festgehaltenem e für i wie nachher in
der prosa willeon. Indessen völlig trifft diese vergieichung doch nicht
zu. Althochdeutsch ivilleo, tviUeon, iviUeönö, tvilledm, alles das sind
auch sonst mehrfach belegte formen: belege jedocli für märeo giebt es
nirgend, es wird überall nur mit ausstossung des bildenden vocales maro
oder auch marro u. s. f. gelesen. Und so hat der Schreiber wol nur
deshalb mareo gesetzt, weil er das oder mario (altsächsisch ist beides)
DER HELIAND U. DAS WESSOBR. GEBET 303
in seiner Urschrift fand, wie er aus gleichem anlasse, aber umgekehrt,
z. 2 firi uuizso setzt, nicht firiimizgeo.
Z. 7. niuuiht. Die behauptung Jac. Grimms (gramm. III, 65),
nkviht als der voll substantivische ausdruck für nililliim dulde kein ni
beim zeitwort des satzes, wird durch mehrfache beispiele nicht allein
aus mittelhochdeutscher zeit (Windb. ps. CXVIII, 87 dm nie gihiderhet,
unse 12, neiviJit ist, uiize is, ze otichte ne wirdit; Walth. 9, 22 si endiuli-
ten sich ze nihte; Singenb. 209, 5 so iveiz, ich., daz, ich niht enwas
und niht enwirde: vgl, Fundgr. I, 272), sondern auch schon aus alt-
hochdeutscher widerlegt: s. sprachsch. I, 7o2. Gegen den hochdeutschen
Sprachgebrauch wäre also niiviht ni ivas durchaus kein Verstoss und
eine änderung etwa in niowiht (nihil unquam) oder, wie Grein gewollt,
(Germ. X, 310), in iiaviht d. i. iowiht unnütz; zudem würde damit bei
dem überwiegenden tone, den in iowiht nioiviht die partikel besitzt (in
nitviht trägt ihn der zweite bestandteil) , die allitteration beeinträchtigt:
denn diese verlangt auf wiht eine starke hebung. Oder ist die meinung
Greins, inwiht solle mit enteö, was mit tvented allitterieren ? Sein wort
„wodurch die allitteration vollständig geregelt ist," deutet davon nichts
an. Wenn aber das stück altsächsischen Ursprung hat, dann freilich
kann niiüiht kaum behauptet werden: auf altsächsisch kommt diese
Zusammensetzung erst einige wenige mal in den psalmen und da mit
solcher Verwechselung und Verwirrung vor, dass niiviht, adverbial abge-
schwächt, die Verdeutschung von non, nieiviht dagegen die von nihilum
ist, im ersteren falle somit eigentlich nieiviht uud im letzteren niwiht
zu erwarten wäre. Sonst aber nirgend ein sächsisches niiviht. Es wird
in der vorläge des Wessobrunners einfach imiht gestanden haben: er
schrieb dafür niimiht, weil ihm auf hochdeutsch das geläufiger war,
oder weil ihn das gleich folgende niuiias beirrte.
Z. 7. 8. enteo ni uuenteo. Neben diesem hochdeutschen iventt
(das zusammenstehen mit enti und die gleiche biegung mit demselben
nöthigen uns nicht das wort ebenfalls für ein neutrum zu halten: im
mittelliochdeutschen hat es weibliches geschlecht) neben iventi ist zwar
ein sächsisches wendi noch nicht aufgefunden: aber die annähme eines
solchen hat in sich nichts widerstrebendes, um so weniger als das spä-
tere niederdeutsch es kennt. Dazu die reimformel, welche die zwei
Synonyma hier bilden. Abgesehen von Otfrieds in felde joh in walde
(I, 1, 62. vgl. Haupts zeitschr. II, 138 fg.), dessen gleichklang nur
hall) und somit vielleicht bloss zufall ist, sind die gereimten Verbindun-
gen nah verwandter oder entgegengesetzter begritte für das hochdeutsche
304: WACKERNAGEL
nicht früher als seit dem übergange iu das zwölfte Jahrhundert nachweis-
bar, wo in dem jüngeren Physiologiis als das erste beispiel der art die
adjectiva guot imtc frnot begegnen (Fundgr. I, 23, 27): denn liste und
wlste, das Jac. Grimm rechtsaltert, s. 13 bereits aus dem Sanctgallischen
Marciauus (s. 104 Graff) anführt, ist da gar nicht zu dem, was man
eine formel nennt, vereinigt, eben so wenig als im Boethius s. 169 kern
und Jicstän. Desto häufiger ist dergleichen von anfang an im norden
und bei den Angelsachsen: zahlreiche belege (und die zahl könnte leicht
noch sehr vergrössert werden) in Jac. Grimms Andreas u. Elene s. XLIII;
dann auch friesische beispiele: 'weä and sJcrcd Richth. 445, 16 u. a. ;
ein altsächsisches gröni endi skoni EH. 4238. Ende und ivende aber
stellt noch jetzt die Volkssprache Niederdeutschlands zusammen: van
ende tö ivende (von anfang bis zu ende) Brem. wörterb. 1 , 307 ; und
im mittelalter ein dichter, der halb und halb auch dorthin gehört, der
Meissner : Got vater — du tuende an ende endehaft v. d. Hagens MS. III,
93 b. Ausserdem bei Obeiiin sp. 1983, ohne angäbe jedoch woher, die
dreigliedrige zeitwortformel stossen, enden und wenden.
Tl. 8. enti. Hiemit steht es wie vorher z. 2 mit ero: in dem
sinne wie hier gebraucht, um an einen temporalen Vordersatz den uach-
satz, also an einen nebensatz den hauptsatz anzuknüpfen, ist enti glei-
chermassen im sächsischen wie im hochdeutschen unerhört (das mittel-
hochdeutsche wörterb. III, 183 b führt ein einziges und deshalb nicht
verdachtloses beispiel aus einer mitteldeutschen predigt des vierzehnten
Jahrhunderts au), und es kann damit nur von auswärts her das griech.
ymI xöxe und -/.cd \dov (z. b. Act. Apost. I, 10) und das provenzalische
und italiänische e nach Sätzen mit come oder qiiando oder se u. s. f.
verglichen werden: z. b. e can fos en la crotg d'espinas coronatz, e
Longis vos tranquet dhma lansa 'l costatz Ferabras 1447. e se non fosse
per fä mormorare, e sempre apresso te vnrei venire in einem römischen
ritornell. Hier gilt indes eine eigentümlichkeit , welche bereits diese
beispiele zeigen: auch dem ersten satze pflegt ein e voranzugehn und so
die unlogische gieichstellung der beiden Satzglieder noch nachdrücklicher
zu machen. Unter solchen umständen möchte man am liebsten vermu-
ten, äuge und band des Schreibers seien durch das enteo (altsächsisch
endio) grade vorher oder das alsobald nachfolgende enti dar uuarun irre
geführt worden, und er hätte an diese stelle eigentlich gar kein enti
setzen sollen.
Z. 0. manno miltisto. Milde als unmittelbares beiwort zu dem
namen Gottes haben die Angelsachsen überhäufig und hat aucli die alt-
DER HELIAND U. DAS WEKSOBR. GEBET 305
sächsische evangelienharmouie z. 3240. während die althochdeutsche
Otfrieds bloss die aufgelöstere Verbindung thin drnldines miW (IIT, 10,
15) u. dgl. kennt. Aber manno nülilHto , obschon damit ebenfalls Gott
gemeint ist (in Csedmons Exodus 549 ist Moses manna müduM), darf
bedenken erregen. Wenn der Sachse EH. 821 die mutter Maria ihren
zwölfjährigen söhn manno liobösto anreden lässt, und wenn es ebenso
bei Otfried heisst (I, 22, 41 und 43) So sitt gisah tlien liohon man int
iru thaz, herza biquam, tliö sprali si zi themo hinde mit gidröstemo
sinne „Wia ward, tha^ ih ni wcsta, manno Jiobösta, tJio,:: thu Mar
irwunti mir untar tJieru Jienü?'-' so ist diese übereinstimmejide sprech-
art beider daraus zu erklären, dass es allgemeinere sitte der zeit gewe-
sen auch den noch unmündigen söhn in liebreichem scherz einen mann
zu nennen: vgl. harn — lündjungt man EH. 750. 2161; und nur eben
daher können die häufigen mit man gebildeten kosenamen (s. Förste-
raann I, 902 fg.) rühren, denen für töchter, für frauen die mit mfe
(ebd. s. 1289 fg.) zur seite stehn. In ihrer quelle (Luc. II, 48) hatten
beide das einfache fiU vor sich. Insofern tragen jene zwei stellen zur
deutung unseres mannd miltisto nichts bei. Auch nicht die zahlreicheren
andern derselben gedichte, an denen von Christo widerum die ausdrücke
liohemo manne, themo liahen manne (0. V, 4, 14. 7, 42) oder gumono,
tlnodgumono hesto oder kurzhiu bloss tliiodgumo (EH. 2576) gebraucht
werden: denn da ist überall von dem söhne gottes die rede, der noch
als menschensohn auf erden wandelt oder eben erst als mensch gestor-
ben ist. Und auch nicht die im Grendel z. 3450, wo der pförtner gott
anruft himeliseher man, noch die in einem gedieht des Liedersaales
(1,367) von Jesus Christ, der ein mmi ob allen mannen ist, noch die
spätere in dem vierten passionsgrusse Paul Gerhardts Ich grüssc dich,
du frömmster mann: denn auch hiei' wird auf die menschwerdung,
hier die vormalige menschwerdung gottes gezielt, in dem gedieht des
Liedersaales überdies mit anknüpfung an das prophetische gleichnis von
dem einen manne und sieben weibern (Jes. IV, 1). Nach altkirchlicher
lehre ist allerdings die Schöpfung der weit durch das wort (Ev. Joh. I,
1—3), das licht (ebd. 10), die Weisheit (spr. Sal. III, 19), durch den
söhn also (Ephes. III, i». Coloss. I, 16. Hebr. I, 2fgg.), den später mensch
gewordenen, geschehen: aber es wäre doch eine starke prolepsis ihn des-
halb schon bei der Schöpfung selbst, ja, wenn wir es genauer mit unse-
ren versen nehmen, schon für die zeiten vor der Schöpfung mensch
zu heissen. Oder sollen wir den Schwierigkeiten , die so dem Verständ-
nisse den weg vertreten, damit ausweichen, dass wir das gedieht eben
docli wider für ein heidnisches und als ein hauptmerkmal des heiden-
tumes gerade diese bezeichnung der gottlieit mit dem beiworte manno
ZETTSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. 20
300 WACKERNAGEL
miltisfo erkennen? Al)er einen atliemzug vorher ist die gottheit sehr
unlioidnisch der eino almahttco cot genannt worden, und selbst ein beide
würde die gottheit, welche die weit erschafft, nie in der art zu den
menschen zählen. • Oder uns kurz entschliessen und in nianno nur einen
schroibfebler sehen, der in niannon zu bessern sei? So mit dativischer
bekleidung heisst ja auch Beonilf z. 3182 mannum mildust, und wäh-
rend der erste satz des nachfolgenden prosagebetes , du Jiiniil enti erda
gaworalitos , die von den verseu angedeutete Schöpfungsgeschichte kurz
wieder aufnimmt, wäre der zweite, enti du mannim so manac coot for-
gäpi , eine wideraufuahme und ausdeutung jenes mannon miUisto. Aber
eben dieser satz mit seinem noch altertümlicher vocalisierten dativ nirin-
nun (nachher ebenso tluflim) lehrt uns, auch an die änderung mannon
dürfe man nicht denken. Nach alle dem scheint manno miltisto nur
auf Eine weise noch erklärbar, die zwar weder aus dem hochdeutschen
noch dem sächsischen Sprachgebrauch durch sonstige beispiele, aber
durch eines doch aus nächster verwantschaft , durch ein angelsächsisches,
kann belegt werden. Cynevulf z. 104 richtet an Christum die anrufung
engia heorhtast der engel leuchtendster d. h. leuchtender als alle engel.
Mit derselben kürze der rede nun bezeichnet manno miltisto den gott,
welcher milde , milder als alle menschen , an milde hoch über alle men-
schen ist, und so wird zuletzt wesentlich nichts anderes damit ausge-
drückt als in der evangelienharmonie z. 3241 fg. mit den Worten mildi
god, her hebankiming.
Z. 10. 11. enti dar uuarun auh manaJce mit inan. Althochdeutsch
ist der von mit regierte accusativus schwerlich: wo auf diesem Sprach-
gebiet eine solche Verbindung noch sonst erscheint, gilt jedesmal bald
dies, bald jenes bedenken, und der stellen sind überhaupt nur wenige.
Die aus Kero (sprachsch. 11, 660) beweisen bei der ganzen art dieser
Interlinearübersetzung nichts; in der einzigen aus Isidorus (II, 4 mit
ercna euua, lat. certa lege) steht es immer noch frei mit Holtzmann
s. 143 fgg. einen weiblichen Instrumentalis anzunehmen; in dem S. Emme-
ramer gebet in Müllenhoffs und Scherers deukmälern s. 188, 11, wo
nach der handschrift gedruckt ist oütan uiiillim mit rehtan galoupon,
empfiehlt der parallelismus mit dem vorangehenden satzgliede keuuiz-
zida enti furistentida sowie die vergleichung mit dem entsprechenden
gliede des gebetes von Wessobrunn {rehta calaupa enti cotan uuilleon)
und mit der apostolischen gruudlage beider {omnem volnntatem honitatis
et opus fidei in virtute Thessal. II, 1, 11), dies alles empfiehlt hier statt
mit ebenfalls eiiti oder vielmehr, was jenem noch ähnlicher aussieht,
inti zu lesen: endlich wenn im Hildebrandsliede steht (leseb. 58, 22)
DER HELIAND U. DAS WESSOBR. GEBET 307
mit sus sippan man, so wollen wir nicht vergessen, dass der Schreiber
derselben ein Sachse war. Und der unseres gebetes schriel) von einem
Sachsen ab. Den Sachsen aber, in beiden zweigen dieses namens, war
der accusativus bei mid durchaus nicht fremd, ja den Angelsachsen
ganz eigentlich geläufig: darüber Dietrich in Haupts zeitschr. XI,
393 fgg. ; ein altsächsisches beispiel EH. 185 mid is sivithron hand;
auch mid mi z. 933, mid üs 2654 kann ebensowol accusativisch als dati-
visch verstanden werden. Ausserdem ist noch zweierlei an diesem verse
zu beachten, das mr mit zu den Übereinstimmungen unsers gedichtes
und der jüngeren evangelienharmonie und insofern auch zu den merk-
malen des sächsischen Ursprungs rechnen dürfen : die redefüllung , womit
er seinen anfang nimmt (alle vorher waren kürzer und knapper gemes-
sen) , und besonders die verschränkung und Verteilung der worte , da mit
inan zu ivärun, mänah' zu dem getremiteu substantivum erst des näch-
sten verses und einer neuen allitteration gehört, ganz wie EH. 261 tJm
skalt for allun ivesan \ ivUmn yiwViit; 2830 that sir — • mma farlä-
tan I leohltka Irra u. a. Eine dritte Übereinstimmung jedoch, die man
etwa auch wahrnehmen möchte, könnte ich meines theils nicht anerken-
nen , dass nämlich mit einer Steigerung des gleichlautes , die auch in der
evangelienharmonie häufig sei, dies verspaar auf allen vier hebungen
allitteriere , auf wajmo, mittisto, manakc und mit. Ich muss derglei-
chen schon für die evangelienharmonie ablehnen: überall in derselben,
wo Riegers alt- und angelsächsisches lesebuch vierfache allitteration
bezeichnet, findet doch, genauer betrachtet, nur dreifache statt: z. b.
11, 21 (z. 1654) betone man vieiraehr liclidos thurh iuwa hdndgeha, j
endi hebbead tharod iuwan hügi fdsto , nicht hcbhead und Jmgi; 24, 10
(2754) min ivord for thesumu tverode, \ than williii ik if her te ivdrim
gequeden, nicht wiUiu und ivdrmi; 26, 25 (2930) gibdriad gi hdldUco:]
ic hiiim tJiat hdrn gödes, nicht hiuni und hdni; die Zeilen 10, 21 und
22 (1110 fg.) ilp te them dlomahiigon gode | endi im cnum thionon
sivido thioUco \ tJwgnos mdnaga sind, auch damit dem swldo sein
recht geschehe, anders abzuteilen: — eiuU im enum thionon j stvido
thiolico I u. s. w. Und ebenso wenig wird an unserer stelle die dreizahl
überschritten: denn mit als proclitisches wort muss in die Senkung und
die schlussliebuug auf inan fallen: enti dar warun aidi mdnaJcc mit
inan. Dieselbe betonuugsart gilt EH. 2654 the man thurh mdgskepi:\\
her is is moder mid üs; auch z. 459 und 1935 lese man mid im.,
z. 3586 7md imn.
Z. 11. cootWihe gcista. enti cot. In betreflf des langen 6 von coot-
Uhhe widerholt sich eigentlich nur, was vorher über dat z. 1 und 2 ist
20*
308 WACKERNAGEI. . DKR HKLIAND l'. DAR WKfSOBR. GEHET
bemerkt worden: fand auch der Schreiber dasselbe in einem sächsischen
(/odlUd vor. so brauclite er es doch )iicht von da herüber zu nehmen:
wie das nachfolgende gebet noch mehrfach zeigt, mit den werten coot,
cofnn, luihioni. stand dieser laut schon seiner eigenen mundart zu. Nach
der Wahrnehmung Jac. Grimms (gramm. P, 99 fg. u. 104) zeigen dieje-
nigen althochdeutschen quellen ein langes, nicht in tio diphthongier-
tes 0, die zugleich ao statt o und au statt ou zeigen: wirklich auch
setzt unser Schreiber pamn , auJi , galaiipa , während es zu ao keinen
anlass gab.
Ungleichmässiger verfuhr seine mundart mit den h und g. Mit c
d. i. /.• lauten (die beispiele gehören sowol den versen als der prosa)
coot und cotan , mit g gafregin, galaupa, ganada , gamiorahtos , gauur-
clianne, forgnpi und forgip; l: oder c als inlaut bieten almahtico und
manahc , als auslaut arc, heilac, manac, dagegen g nbhheinig und pereg,
und in letzterem ist das g noch eigens aus c gebessert. So stehen denn
auch in unsrer z. 11 neben einander cootlihhe, geista und wdder cot: ein
Wechsel, der aber die allitteration zu nichte macht und damit schliess-
lich noch einmal zeigt, wie dem Wessobrunner geistlichen die sprach -
und dichtform seiner Urschrift etwas fremdes und unverstandenes und
deshalb deren voll genaue widergabe, so angelegen ihm die auch sein
mochte, keine möglichkeit für ihn war. Die Urschrift hatte hier drei-
mal dasselbe g.
Z. 11. 12. Mit enti cot heilac geht das poetische stück zu ende;
der beginn der prosa wird mit einer initiale bezeichnet: Cot almahtico
du u. s. w. Geschickt aber verschmelzt der Schreiber jenen abgebroche-
nen ausgang (im gedieht war er das subject eines neuen satzes gewesen)
mit diesem eingange zu einem doppelanruf. Aeknlich die widerholuug
und das asyndeton in den frauengebeten bei Diemer (deutsche gedichte
380, 8. 381, 12 fg.) Heiligez, prot, lebentiges hrot , du — und Lehen-
tiges, hröt, ivorez, bröt der enget.
So weit meine erörterungen über die altsächsische bibeldichtung
und die vordere hälfte des Wessobrunner gebetes, denen man, ich ver-
lange nicht, sofort mit beistimmung, sondern nur ohne verurteil gefolgt
sein möge. Falls sie das rechte nicht ganz verfehlt haben, so dürfte
die urgestalt der uns noch verbliebenen anfangszeilen jenes werkes etwa
in der art herzustellen sein:
That gifragn ik mii firihun
firiwittb mesta,
that ero ni was
nah uphimih
GERLAND , BAÜEBNWENZEL 309
5 noh hörn ni sten
noh berg ni was,
ni sioegal enig
noh sunna ni sken,
noh mäno ni liuhta
10 noh the ma/rio seo.
ITio thär tviht ni was
endio m wendio,
endi thb ivas the eno
alomahtigo god,
15 mannö mildisto,
endi thär wärun 6k managä mid ina,
godUkä gestos.
endi god helag
Ich habe die probe gemacht: das gedieht vom jüngsten tage, weil
das schon ursprünglich althochdeutsch ist, wäre nicht so leicht und
sicher (hier blieben nur die gehäuften uoli und das erste pmcH zweifel-
haft) in altsächsischen laut zu bringen.
BASEL, APRn. 1868, WTLH. WACKERNAGEL.
BAUERNWENZEL , ZIEGENPETER, MUMS.
Weinhold bespricht s. 24 des ersten heftes dieser Zeitschrift eine
krankheit, die unter dem namen tannewezel im 14. und 15. Jahrhundert
Deutschland durchzog. Dem namen nach verwandt ist der bauernwenzel,
wie man jetzt gewöhnlich die krankheit nennt, welche bei Grimm im
WB. bauernwetzel , bauernwäschel (parotitis) genannt wird ; ein name der
nach Weinholds unbestreitbar richtiger etymologie etwa zu erklären wäre
als schlag , wie ihn ein bauer gibt , als tüchtige maulschelle , welche die
plötzlich eintretende geschwulst veranlasst. Aber nicht dadurch , dass
diese krankheit den folgen einer allerdings überaus derben ohrfeige ähn-
lich sieht, oder so plötzlich, so mit einem schlage eintritt, wie sie thut
und zu seiner zeit auch der tannewezel that, nicht dadurch hat sie den
namen wezel, schlag, empfangen: vielmehr wie alle krankheiten nicht
blos bei den Tndogermanen , sondern bei allen Völkern der weit
ursprünglich als ein besessensein von geistern betrachtet wurden , so
310 GERLÄND
waren namentlich die rascli und plötzlich eintretenden übel dieser deu-
tung ausgesetzt und man dachte sie vorzugsweise als veranlasst durch
einen schlag, stoss oder schuss dämonischer mächte. Die zwischen göt-
tern und menschen stehenden elbe, die hausgeister, die zwerge, kurz
alle jene halbgöttlichen weseu , die wol insgesamt dem glauben ihr leben
verdanken, dass die' menschliche seele nach dem tode zurückkehre um
als freundlicher oder feindlicher geist mit den menschen zu verkehren :
diese waren es, welchen man das entstehen der krankheiten zuschrieb.
Herr Olof stirbt im Volkslied vom schlage der eibin ; elbendrötsch heissen
blödsinnige ; dvergslagen in Norwegen gelähmtes vieh (Gr. D. M. 2. aufl,
430) ; unser vom schlage gerührt sein hat ursprünglich dieselbe mythische
bedeutung; hexenschuss, aipdrücken und ferner wichtelzopf, höllenzopf,
alpzopf, drutenzopf u. dergl. sind allbekannt. So wird man auch jenen
schlag, den tanuewezel, baurenwenzel als eine „watsche" zn betrachten
haben, welche von solchen schadenfrohen geistern gegeben ist. Viel-
leicht stammt aus dieser anschauung auch die personification des tanue-
wezel als eines peinlich verklagten, wie sie in jenem lustspiel sich fin-
det, von dem Weinhold ausgeht.
Gerade weil der bauernwenzel so rasch und plötzlich, so entstel-
lend und doch so gefahrlos kommt, liegt die auffassung elbisch - necki-
scher veranlassung der krankheit nahe; und so muss auch der andere
seltsame name, den diese krankheit führt, ziegenpeter, mythologisch
erklärt wei-den. Wie weit derselbe zurückgeht, weiss ich nicht, aber
ziemlich weit verbreitet ist er : gleichmässig findet man ihn , ganz geläu-
fig , in Hessen wie in Magdeburg. Dies wort , wol kaum auf entstellung
beruhend, ist nichts anderes als der name des kobolds, welcher das
Unheil angestiftet hat und in dem kranken haust. Ziegenfüssige zwerge
kommen öfters vor, elbe reiten auf „geissen" (Grimm 434), bocke wer-
den ihnen und verwanteu geistern vielfach geopfert, in Schweden wird
der knecht Euprecht durch einen julebock, d. h. „einen in bockgestalt
verlarvten knecht" dargestellt (Gr. 4.53). Auch heissen die kobolde nicht
selten nach thieren : katzenveit , katermanu , bullerkater , wauwau u. s. w.,
und ebenso haben sie menschliche namen, Hinze (Heinrich), Chimke
(Joachim), Wolterken (Walther), Kobiu, Euprecht, Niese, Claus, Clo-
bes (Nicolaus, Gr. 471 flg.). Und so gleichfalls Peter, wie in dem mit
Holda in bezug stehenden Hollepeter (hennebergisch , fränkisch, Gr. 473.
482). So würde der name ziegenpeter, der ganz wie katzenveit gebildet
ist, auf ein solch elbisches wesen durchaus passen.
Und ob in bauernwenzel nichts ähnliches steckt? Wenzel ist zwei-
felsohne umdeutung des kaum noch verstandenen wezel, aber ob eben
BAÜEKNWENZEL 311
diese umdeiitung in einen eigennamen nicht vielleicht mit der elbischen
natur der krankheit ziisammenhäng-t ? Auch bauer in bauerwenzel könnte
mythologisch zu deuten sein. Gutgesell, nachbar, good fellow u. s. w.
wurden hausgeister und elbe genannt (Gr. 4G8) ; ßobin heisst stets fellow,
Euprecht stets knecht, ja aus dem letzteren namen hat sich erst eine
benennung entwickelt, die man auf bäurisch rohe menschen, Schlegel
geradezu auf die englisch - athenischen bauern des Sommernachtstraumes
anwendet, rüpel, die regelrechte Verkürzung von Ruprecht, als eigen-
name noch in Oesterreich (Stark, kosenamen der Germanen 142) und als
familienname in ganz Deutschland gebraucht. Nun denke man an die
Schilderung, die Shakespeare von dem „lob of spirits," dem „täppi-
schen gesellen,'' dem
shrewd and kBavisli sprite
call'd Robin Good -fellow
macht , that frights the maidens of the villagery (Sommern, tr, 2 , 1) und
wie nach Gervinus dieser geist auszusehen hat als ein fellbehangener,
struppichter bursche; man denke ferner daran, dass der weichselzopf
neben jenen obigen benennungen niederdeutsch auch den namen selken-
steert, seilentost, thüringisch saellocke führt, was Grimm 433 zopf des
hausgeistes , des gesellen . also des nachbars erklärt. Sollte etwa bau-
ernwenzel aus nächgebürwezel , schlag des mitbewohnenden hausgeistes
entstanden sein? Oder ist wirklich bauer eine elbische benennung?
Hierfür liesse sich das elsässische spiel „bäurle lösen" anführen, was
man in Süddeutschland sonst „bräutle lösen" (z. b. Auerbach im Bar-
füssele) im übrigen Deutschland vielfach Wasserjungfern werfen nennt.
Auch dafür lässt sich der grund absehen, warum man gerade diese
beiden namen für jene krankheit beibehielt: wie sie schmerzlos und
unbedenklich und doch so lächerlich entstellend und rasch vorbeigehend
ist, so hielt man sie für das werk der geister, deren namen schon ihre
neckende natur offenbart, was bei der komischen bildung ziegenpeter
ohnehin, aber auch bei bauernwenzel klar ist, wenn man in dem bauer
an den knecht Ruprecht, den Robin good -fellow denken darf.
Auch der dritte name derselben krankheit, mums, engl, mumps
lässt sich, wenn man ihn nicht von mummeln undeutlich reden direct
ableiten will, was sprachlich kaum zulässig ist, sehr gut mythologisch
deuten. Als koboldname findet sich auch mumhart, den Grimm 473
aus Caesarius heisterb. (muramart momordit nie, also auch als urheber
einer krankheit) anführt. Mums ist davon regelrechtes deminutiv wie
Fritz, Götz, Heinz, mit s wie bei Stark 76 Henso, was hier dm-ch das
vorhergehende m bewirkt wurde. Verkürzungen aber lieben elbische
312 GERLAND , UAUEßNWENZEL
iiameu sehr: Rumpelstilz , -stilzchen, Robin, Chimkeu, Heinz, Hütchen
u. s. w. Munihart als name eines hauskoboldes hängt gewiss mit dem
namen des Wassergeistes Mumel zusammen und beide stammen von
dem verbuui mummen » mummeln , dumpf tönen , dann specieller dumpf
reden; sich vermummen, raummenschanz ist auch erst abgeleitet von
dieser wurzel und heisst wol weiter nichts als kleider anziehen wie
ein kobold, sich durch langen hart u. s. w. unkenntlich machen. Auf
einen selbständigen uamen, der mumm, mumme, führt zunächst das
deminutiv mumel und dann die aualogie: butze (von botzen , klopfen)
lieisst ein ander gespenst der art; auch hat Frisch „mumme, ver-
larvtes gesicht oder person." Von demselben stamm mummen, tönen,
kann wol auch der narae des braunschweiger getränks, mumme, abge-
leitet werden , das vom brodeln und brausen beim gähren oder von der
schäumenden umaihe des fertigen gebräus benannt wäre: und ebenso
gehört hierher der alemannische kiudername für die kuh bei Hebel , mum-
meli, so viel als etwa brummeichen. Vom tönen aber konnte sehr gut
der geist des rauschenden wassers so wie der bald laut bald leise rumo-
rende Poltergeist des hauses benannt sein; für unsere krankheit passte
gerade dieser geist als veranlasser und sein name als bezeichnung gut,
weil sie die spräche zu einem undeutlichen mummeln umwandelt.
Der andere iiame. mit dem nach Weinhold der tannewezel benannt
ist, burzel, pürzel könnte vielleicht auch der eines elbischen wesens sein:
burzel, purzel sagt man ja noch heute von kleinen leuten scherzhaft und
Purzelbaum schiessen heisst in manchen niederdeutschen gegenden kobolds
schiessen. Doch lässt das wort sich auch genügend aus dem verbura
harzen, herzen-, parzen, turgere, rigere, das Grimm WB. 2, 556 aus
Graff 3, 155. 191, herbeizieht, erklären. Es bezeichnet schnupfen und
eine ki'ankheit der pferde, die sich in bösen geschwüren zeigt, den wurm:
burzel soviel als anschwellung. strotzen, passt sowol auf jene geschwüre
als auf die aufschwellenden und reichlich fliessenden Schleimhäute eines
den der schnupfen plagt.
MAGDEBURG. GEORG GERLAND.
313
ÜBER CYNEVULF.
III.
„Nur wie der ährenleser folgt dem Schnitter," so unternehme ich es
nach Dietrich, die stellen, in welchen Cynevulf von sich selber spricht,
nochmals zu untersuchen. Der stil der angelsächsischen poesie, der stil
dieses dichters insbesondere bringt es mit sich, dass aufschltisse , die er
über persönliche Verhältnisse gibt, sich in ein poetisches dunkel hüllen
und widerholte beleuchtung verlangen werden, um sich vollständig zu
ergeben.
Zu den fraglichen stellen wage ich , wie in der ersten dieser Unter-
suchungen bereits angedeutet wurde, auch die verse des ersten rät-
seis zu rechnen . in welchen cocne als iixor verstanden wird. Das ein-
fache appellativum vulf als poetische bezeichnung für maim ist unerhört,
nur die composita hildemdf und välvulf begegnen in diesem sinne und
nur wo vom kämpfe die rede ist. Muss man also hier vulf durchaus
als eigennamen fassen , so kann es nicht bedeutungslos sein , dass die kla-
gende frau ihren mann ruft. Vulf diente gerade mit diesem namen als
abkürzung für namen, in denen es einen compositionsteil bildet; der name
des dichters, den die ganze charade ergibt, ist eine solche Zusammen-
setzung. Wer die charade riet konnte also kaum umhin, sich des dich-
ters eigne gattin bei der coene des vulf zu denken , und dies muste daher
auch vom dichter beabsichtigt sein. Wir entnehmen also dem rätsei,
dass Cynevulf oft und lange von seinem hausstand abwesend war, und
müssen die Ursache davon in seinem gewerbe als sänger suchen.
Von ihm ist nun auch , wie Dietrich de criice Buthtvellensi p. 10 ff.
zur genüge bewiesen hat, das gedieht von der er scheinung des h.
kreuze s verfast, das im co([e\ von Vercelli der Elene, dem gedieht
von der auffindung des kreuzes, bedeutungsvoll voransteht. Er erzählt
hier wie ihm im träum um mitternacht das kreuz Christi erschien und
seine geschichte erzälilte; nachdem es geendet fährt er v. 122 fort: „da
betete icli zu dem bäume frohen mutes , mit grossem eifer , allein wie
ich war , mit massiger mannschaft (eine litotes , die den begriff der ein-
samkeit umschreibt wie v. 69 , wo es von dem im grabe ruhenden hei-
land heist reste he Jmr mcete veorode). Der geist war bereit zur hin-
fahrt; aller art Sehnsuchtszeiten (oder verdrusseszeiten) hatte er viel
erlebt {fela ealra (jcMd langunglivtla). Ich habe nun fieudigkeit zum
leben {Is me nit lifes hi/ht), auf dass ich den siegesbaum öfter als alle
menschen aufsuchen möge und ihn wol verehren; dazu habe ich grossen
willen im herzen, und meine hilfe steht bei dem kreuze. Ich habe nicht
3U RIEtiEE
^iel reiclier freimde auf erden , sie sind aus der weit gegangen , leben
nun im liimmel , und ich harre täglich wann mich des herren kreuz , das
ich hier auf erden zuvor schaute, aus diesem vergänglichen leben holen
und dahin bringen wolle, wo grosse freude ist" u. s. w.
Wir sind bei modernen dichtem mit recht gewohnt, ihre Visionen
ohne weiteres als erfindung zu betrachten, aber es wäre sehr unhistorisch
dies auch auf die alten zu übertragen. Bei einem geschlechte , dem es an
unserer fertigkeit, alles zur phrase auszumünzen, zumal beim gebrauch
der muttersprache noch gar sehr fehlte, bei dem dagegen das intuitive
Seelenleben eine grosse, uns kaum verständliche rolle spielte, kann eine
erzählung wie die in unserm gedieht enthaltene verlangen ganz thatsäch-
lich aufgefasst zu werden , so frei natürlich die poesie im einzelnen der
darstellung gewaltet hat. So gut wie Dante die vision, die er in seiner
com media ausspinnt, nach ausweis der vita nuova wirkKch gehabt hat,
mrd und muss auch Cynevulf das ki-euz im träume gesehen und worte
dazu gehört haben, die seiner poetischen ausführung zu gründe liegen.
Diese erscheinung ward ihm , wie wir hören , zu theil als er durch trau-
rige erfahrungeu niedergeschlagen war ; sie ward ihm zum ausgangspunkt
eines neuen religiösen lebens, und obwol er sich nur um so herzlicher
nach der himmlischen heimat sehnte , benutzte er doch nun gerne den
rest seiner tage zur Verehrung und zum preise jenes Zeichens, durch das
ihm der beseligende gedanke der erlösuug vermittelt ward. Ueber den
ki-euzescultus der Angelsachsen, ohne welchen das kreuz nicht diese
bedeutimg für die religiosität eines einzelnen mannes hätte gewinnen
können, sehe man Bouterweks Cädmon s, CLXV. Indem Cynevulf jetzt
auf sein früheres leben zurückblickt , erscheint es ihm von Sünden befleckt :
sylFic väs se sigebedm and ic synnum fdli , forvimded mit vommiim
(v. 13 f.). War es sein gewerbe, das ihm solche gewissensbisse machte?
Wir wissen mit welchem makel es in den äugen der kirche behaftet
war. Deutlicher blickt dieses gewerbe hervor, wenn er v. 3 31 f. sagt
näh ic rtcra feala freonda on foldan , weil kein andres so sehr auf reiche
freunde angewiesen war. Das adjectiv ncra erklärt sich nur wenn es
einen hinblick auf eigne dürftige umstände enthält ; l)ei der blossen trauer
um verlorene freunde wäre deren reichtum gleichgültig gewesen.
Bestätigend und ergänzend verhält sich zu dieser stelle der epüog
der Elene. Sein Inhalt und Zusammenhang ist folgender: „So habe ich,
alt und zum abschied bereit, durch das dem tod geweihte haus dies
werk vollendet, die bedrängnis der nacht (d. i. den gegenständ meiner
nachtwachen). Ich wüste nichts rechtes von dem kreuze, ehe es mir
grössere erkenntnis durch seine herrliche macht enthüllte. Ich war von
Sünden und sorgen gefesselt, ehe gott mir alten zum tröste lehre ver-
ÜBER CYNEVULF 315
lieh, mich von jenem diiicke befreite und mir die dichtergabe ^ (wider)
erschloss, die ich weiland mit lust in der weit gebraucht hatte. Ich
gedachte oft von ganzem herzen des kreuzes (d. h. ich verrichtete zu
ihm meine and acht) eh ich die wundergeschichte von ihm offenbart hatte,
wie ich sie in den büchern fand. Immer war der mann (dessen name
nämlich aus den folgenden runen zu entnehmen ist) bis dahin von sor-
gen erschüttert , eine sinkende lichte , obgleich er in der methalle gold
verdiente; er trauerte um die heimat; dem notgedrungenen wanderer
ward es eng ums herz, wann ein ross vor ihm her sprang. Die Jugend
ist dahin und mit ihr die freude. Eeichtum ist nur geliehen ; des landes
Zierden vergehn wie der wind. So vergeht diese weit überhaupt und
die auf ihr gezeugt wurden , im feuer , wann der herr zum gerichte kommt
und auch von den werten recheuschaft gegeben werden muss, von aller
ehemals gesprochenen thorheit wie auch von frechen gedanken. Dann
werden die heiligen zu oberst in dem feuer (das also an die stelle der
jetzigen Schöpfung tritt) Seligkeit gemessen , die sünder in seinem mittleren
theile und die verdammten in seinem untersten gründe quäl erleiden.
Doch wird die der sünder, die busse gethan und Gottes söhn angerufen
haben, nicht ewig währen: sie werden von ihren sünden geläutert und
zum ewigen erbe im himmel berufen werden."
Zunächst habe ich einiges zur rechtfertiguug meines Verständnisses
dieser stelle beizufügen. Wenn der leib 1237 als pät fcecne Ms = domus
fraudulenta umschrieben wird, so kann man daran denken, dass er
durch seine Vergänglichkeit das auf ihn gesetzte vertrauen täuscht; viel
wahrscheinlicher ist mir, dass wie 881 pät foege liüs gemeint ist, nur
in anderem sinn: dort der tote, hier der zum tode reife leib. — Nih-
tes nearve nimmt Grein hier wie Guthl. 1183, jedoch nicht ohne ein
fragezeichen, als instrumental, also in angusUa oder per angustiam
noctis; er zieht es indess jetzt nicht mehr zum folgenden satze, s. Germ.
X, 425. Ich finde alles klar und stilgemäss, wenn ich niJifes nearve
als apposition zu gepanc nehme. In demselben sinne wie ihn die obige
1) Grein unterscheidet leöäticräft in unserer stelle von leoäucräft Beov. 2769.
Bi monna cräftum 29. Keine dieser stellen erträgt jedoch den begriff körperkraft ;
die erste verlangt die bedeutung kunstfertigkeit , die zweite indoles , facultas , und
diese beiden bedeutungen können nur auf den grundbegriff ars carminibus mugicis
comxjaruta zurück gehn. Neben diesem stünde dann unabhängig die von unserer
stelle geforderte bedeutung ars poetica. Der ablcitungsvocal u bei leoä findet sich
noch in leöäufäst (auch hier ist das von Grein angesetzte leoänfäst schwer denkbar),
bi m. er. 95 und leöäorün El. 522, und ein verschollenes liiipus neben oder vor Hup
wird auch durch das lendiis des Venantius Portunatus unterstützt. Nach Wackerna-
gel lit. gesch. s. 66 und glosa. s. v. wäre überdies Uet wie ^f'Aos ursprünglich so viel
als lit (got. lipus), was eine doppelgestalt der wurzel auf i und m voraussetzt.
;U(i RIEGEK
Übersetzung angibt, lässt es sich iu Guthlac als appositiou zu gehäa
V. 1181 ziehen; man vergleiche noch den ausdruck nearo nilitvaco im
Seefahrer v. 7 (bei Grein l , 242). — Als subject des folgenden satzes
liegt es am nächsten ,' mit Grein (s. gloss. s. v.) nsdom zu fassen. Aber
dieser begriff wird ausser in Aelfreds bearbeitung des Boethius schwer-
lich so personificiert , wie es hier , und zwar ohne artikel , der fall wäre :
und wäre der gedanke nur passend? Des dichters eigne Weisheit kann
nicht gemeint sein, aber auch gottes Weisheit ist es doch nicht, die ihn
erleuchtet, sondern gottes gnade, und ohne einen geuitiv bleibt visdom
zum mindesten zweideutig. Ich stelle daher nicht an, das subject des
satzes aus dem von Grein zweifellos richtig ergänzten rode zu entnehmen
und visdom als apposition zu rümran gepeaJit zu fassen. — Villum
V. 1252 ist eine des dichters unwürdige, weil dem begriff nichts hinzu-
fügende tautologie mit lustum; ein adverb im sinne von olim scheint
dagegen unentbehrlich . weil eine dichtergabe , der man sich noch immer
mit lust bedient, nicht braucht von neuem erschlossen zu werden. Die
Unterdrückung des anlautenden h vor consonanten ist im cod. vercell.
nicht unerhört: Andr. 6 findet sich lyt für Jüyt, 145 väs für Jiväs, in
der zweiten rede der seele 164 (bei Grein I, 204) reäre für hreäre.
Stellen ivir uns nun vor äugen, Avas dieser epilog thatsächliches
über des dichters person ergibt.
1) Er ist alt und lebenssatt; füs in Verbindung mit frod will nichts
anders sagen als äff/sed on foräveg Kr. 125; ßät fcege Jiüs bedeutet
einen müden gebrechlichen leib.
2) Die Offenbarung bezüglich des kreuzes, seiner bedeutung und
kraft, die den dichter veranlasst hat, die vorausgehende geschichte sei-
ner auffindung zu bearbeiten und die ihm zum Schlüsse v. 1229 — .36
die kräftigste empfehhmg seines cultes in den mund gelegt hat, diese
offenbarmig ist ihm von dem kreuze selbst zu theil geworden. Hierin
liegt die deutlichste beziehnung auf das traumgesicht, in welchem das
kreuz selbst redend eingeführt wird. Wenn gleichwol v. 1248 diese
Offenbarung ohne weiteres auf gott zurückgeführt wird, so versteht sich
das ganz von selbst.
3) Der dichter war zu der zeit, als ihm die Offenbarung zu theil
ward, veorcum fäh, d. i. durch seine werke mit gott verfeindet, syn-
num äsceled; ebenso nennt er sich Kr. 13 f. synnum fäh, forvunded mit
vommum.
4) Er war ferner sorgum gevceJed, Tjysgmn hejirungen; dazu stimmt
Kr. 125 f feala ealra gehdd langmighvila und 131 f nah ic rtcra feala
freönda on foldan.
t'BER CYNRVTTLF 317
5) Er war ferner auch zur zeit seiner erleuchtung durch gott
bereits alt, sie ward ihm gomelum to geöce 1247: es ist also hier
schwerlich von einer andern erleuchtung die rede als der durch den
träum vom kreuze. Eben darauf deuten auch die ausdrücke häncofan
onhanä, hrosflocan onvancl v. 1250, die dem st/mnim asceled 1244
deutlich entsprechen.
6) Zugleich mit dieser erleuchtung, welche das band der Sünden
und sorgen sprengte, erschloss ihm gott die gäbe der dichtkunst, die er
vordem froh gebraucht hatte , die aber , wie man annehmen muss , unter
dem inneren und äusseren drucke, der auf ihm lastete, versiegt war.
Um V. 1251 so zu verstehn wurde freilich hvllam für villum gelesen.
Lassen wir villum gelten , so entsteht die möglichkeit zu übersetzen : die
ich (seitdem) fröhlich gebrauchte. Auch dann wird ein zeitadverb, nur
das entgegengesetzte , ungern vermisst. Der dichter würde dann etwas
ähnliches von sich erzählen , wie es Beda von Cädmon berichtet. Aber
ist es im geringsten wahrscheinlich, dass dies mit so wenigen, unbestimm-
ten, schwer zu verstehenden Worten geschehen sein würde? Der gebrauch
der dichtergabe wäre dann lediglich auf das traumgesicht und die Elene
zu beziehen, da mehr werke zwischen der Verleihung der dichtergabe
und dem Zeitpunkte, worin der dichter jetzt spricht, offenbar nicht lie-
gen können. War nun die beschreibuug des traumes das erste erzeugnis
einer zuerst im alter durch eben diesen träum erweckten poetischen ader,
so war hier offenbar der ort , von diesem ausserordentlichen Vorgang den
hörern künde zu geben, die überrascht sein musten, einen alten mann
plötzlich als dichter auftreten zu sehen. Aber das kreuz befiehlt ihm
V. 95 f. das gesiebt den menschen zu erzählen ganz so, als sei seine
befähigung dazu eine bekannte sache, und Cynevulf erwidert nicht, wie
Cädmon, dass sie ihm fehle, sondern nimmt den auftrag ohne weite-
res hin.
7) Od ßät 1257 kann nur den Zeitpunkt meinen, der sich aus dem
vorhergehenden satz ergibt, nämlich wo er pät vundor onvrigen höfde.
Also bis zur Vollendung der Elene dauerte die läge des dichters, die
ihn unglücklich machte, fort. Sie war nicht gerade die des äussern
mangels, denn er verdiente gold in der methalle, ohne zweifei durch
den Vortrag seiner frühern gedichte ; aber dieser verdienst war eines theils
unsicher , andern theils ihm offenbar in seiner jetzigen Stimmung zuwider,
und er trennte ihn von seiner heimat, nach der ihn Sehnsucht erfüllte.
Hält man dies mit der klage um den Verlust der reichen freunde Kr.
122 f. zusammen, so gelangt man zu der vennutung, Cynevulf habe
einst bei einem grossen herren seiner heimat die geehrte und angenehme
Stellung eines hofdichters eingenommen, wie §ie der im Beövulf auftre-
ßlS RIEGER
teiule scop uns anschaulich macht; nacli dem tod, vielleicht nach dem
gewaltsamen Untergang seines gönners habe er die heimat meiden und
in fremden methallen einen unsteten und unsicheren verdienst suchen
müssen.
8) Vom Verluste seiner Jugend , in der er ein fröhlicher jagdgenosse
seines alten herren war (1266 f.), und seines alten wolstandes bahnt er
sich den Übergang zur betrachtung des weitendes , des Weltgerichtes und
des Schicksales der seelen nach dem tode. Wenn dieser schluss nicht
einen inneren, wenn auch unter der Oberfläche liegenden Zusammenhang
mit dem ersten rein persönlichen theil des epiloges hat, so ist er hier
nicht zum besten angebracht, was der sonstigen immer auf eine gute
logische gliederung gerichteten weise C^ynevulfs wenig entspräche. Ich
glaube daher dass Grimm vollkommen recht hat, wenn er zu El. 1277
in den einst gesprochenen thorheiten v. 1285 eine anspielung auf frü-
here weltliche gedichte vermutet, und sehe es hier bestätigt, was ich
oben über den gegenständ der gewissensvorwürfe, die er sich macht,
fragweise aufstellte. Daher hier die hervorhebung des fegefeuers. Unter
den heiligen kann der ehemalige Sänger der weit und ihres wesens nicht
hoffen aus dem gericht hervorzugehn , aber vor der Verdammnis rettet
ihn busse und glaube; er kann hoffen nach der läuterung durchs feuer
der ewigen Seligkeit theilhaft zu werden. Die theologische incorrectheit,
mit welcher jene läuterung in die zeit nach dem jüngsten gerichte ver-
legt wird, muss man einem laien zu gute halten.
Nach alle dem brauche ich nicht mehr zu sagen, dass ich Die-
trichs Vermutung (de er. Euthw. p. 14) , wonach unser dichter eine per-
son mit dem bischof Cynevulf von Lindisfarne gewesen wäre , nicht bei-
stimmen kann. Dieser bischof besass seinen stuhl von 737 bis 780, also
drei und vierzig jähre , und starb 782. Der dichter aber, wenn ich seine
andeutungen richtig verstehe, war kein geistlicher dilettant wie Ald-
helm, sondern ein Sänger von beruf, setzte auch sein gewerbe bis ins
alter fort; noch im alter lebte er kummervoll mid von der heimat
getrennt, im alter erst kam er durch die traumerscheinung des kreuzes
zur erkenntnis seiner Sünden sowie zur lebendigen Zuversicht der erlö-
sung und verwante nun erst seine kunst auf werke geistlichen Inhaltes.
Als bischof hätte er im ersten dieser werke, dem traumgesicht vom
kreuze, keine veranlassung gehabt, den verlust reicher freunde zu bekla-
gen ; er selbst wäre ein reicher freund für andre gewesen. Auch wenn
sich diese klage, wie Dietrich vermutet, vornehmlich auf könig Ceolvulf
bezieht, der von seiner abdankung 737 bis zu seinem tode 760 oder 64
im kloster zu Lindisfarne lebte, bleibt ihre beschränkung dm-ch das
adjectiv ricra sinnlos. Half ihm doch auch die freundschaft des könig-
ÜBEB CYNEVüLF 319
liehen mönches nicht, als er 750 von könig Aedbert, ohne schuld, wie
es scheint, weggeschleppt und nach Bebbanburh gefangen gelegt wurde
(Simon, bist. eccl. Dunelm. col. 10. De regg. Angl. a. 750).
Dass Cynevulf der dichter auch ohne zum geistlichen stände bestimmt
zu sein sich jene litterarische bildung erwerben konnte, welche, um
der geistlichen gedichte zu geschweigen, schon seine rätsei kundgeben,
wird von Dietrich selbst anerkannt. Sonst aber gibt es in der that
keine stütze für die annähme, dass er jemals priester geworden sei.
Dietrich glaubte diese stütze in den werten purh leöhtne liäd El. 1246
zu finden, in welchen schon Grimm den geistlichen stand des dichters
glaublich angedeutet fand. Auch Grein im giossar stimmt hiemit überein
und zieht auch die analoge stelle purh häligne häd Güdl. fi5 in die-
selbe bedeutung, indem er hier geradezu a clericis übersetzt. Ich sehe
nicht den mindesten grund diese stellen anders aufzufassen als Jmrh
hcestne häd Beov. 1335. Jmrh liorscne häd Cri. 49. ßurh monigne häd
Amr. 98, wo häd lediglich modus bedeutet und zur Umschreibung des
adverbs dient; auch purh dcenne häd Cri. 444 gehört dahin. Wäre
mit häd an unserer stelle die Priesterwürde gemeint, so würde der arti-
kel pone gewiss nicht fehlen , ohne ihn hat man keinen grund anders
als lucido modo oder luculente zu übersetzen. Ich bestreite natürlich
nicht die möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit, dass Cynevulf nach dem
traumgesicht , das eine so tiefe Wirkung auf sein religiöses leben übte,
der weit entsagt und den rest seines lebens im kloster zugebracht habe ;
er hätte damitnur in der weise eines Zeitalters gehandelt, das den gegen-
satz des Christentums zur weit rückhaltlos in seine consequenz zu ver-
folgen gewohnt war.
IV.
Nachdem der Inhalt der handschriften von Exeter und Vercelli sei-
nem weit überwiegenden theile nach von Dietrich als Cynevulfs eigentum
nachgewiesen ist, liegt es nahe, auch die übrigen darin enthaltenen
gedichte, deren beschränkter umfang ein hinlängliches beweismaterial
kaum erwarten lässt, für ihn in ansprach zu nehmen, sofern sie nur
nichts mit seiner autorschaft unverträgliches enthalten. Hierzu ist
durch Dietrich selbst der anfang gemacht worden, indem er De er.
Ruthw, anm. 34 das gedieht Älielpe mtn se hälga dryhten (nr. IV. der
hymnen und gebete bei Grein 2, 283), das ihm Kynev. p. aet. p. 3 noch
für das werk eines andern galt, ohne weiteres als Ci/nevulfi poetae que-
rela bezeichnete. Es ist mir jedoch zweifelhaft, ob gerade hier damit
das rechte getroffen ist. Das gedieht zeigt in seinem ersten theile,
worin der Verfasser aus o-eängfstetem herzen um das heil seiner seele
"20 RIEOKP
betet, eine Innigkeit und reife subjectiver religiosität, wie sie bei Cyne-
vulf eigentlich nicht vorkommt, so gefühlvoll dieser von den that-
sachen des glaubens zu handeln weiss. Jedenfalls würde dieser ton erst
nach der traumerscheinung des kreuzes, die ihn zu lebendiger aneignung
des heiles in Christo erweckte, zu erwarten sein; dann aber vermisst
man jede bezugnahme auf jene erscheinung oder auf das kreuz überhaupt.
Man vermisst auch jede andeutung eines vorgerückten alters: denn die
worte
nü ic fundige tö Jje^ feeder moncynnes,
of ßüse vorulde, nü ic vät pät ic \]ieonan\ sceal
ful unfyr faca
v. 40 ff. enthalten jene andeutung nicht, so nahe sie läge, und wenn
der dichter v. 81 f. sagt ne eom ic drma gledv, vis for veorude, so
gesteht er damit, bei der bekannten correlation der begriffe alter und
Weisheit, Jugend und thorheit, beinahe ausdrücklich seinen mangel an
Jahren ein. In folge dieses bewustseins , nicht weise zu sein , versagt
er sich nicht, auf die traurigen umstände, die er als strafe gottes für
bewuste und unbewuste Sünden empfindet, näher einzugehn und sein
gebet mit einer klage zu beschliessen. Hier erfahren wir, dass er ehe-
mals wegen seiner thaten gepriesen (svä min gevyrhto vceron micle fore
monnum 79 f.), nun aber seit jähren von seiner heimat getrennt der
mittel entbehrt, um die rückreise über see zu unternehmen, während
er unter der abgunst seiner fremden Umgebung schwer zu leiden hat.
Bei verhältnismässig so grosser ausführlichkeit hätte Cyuevulf, wenn er
es wäre der hier spricht , den verlust der reichen freunde , den er anders-
wo beklagt, gewiss nicht unerwähnt gelassen. Es kommt dazu, worauf
ich an und für sich kein entscheidendes gewicht legen würde, dass in
dem gedichte nicht ganz die poetische kraft zu erkennen ist, die wir an
Cynevulf bewundern. Der dichter hat das bedürfnis seine verse mit voca-
tiven zu füllen ; über dem bestreben , alles zu sagen was er auf dem her-
zen hat, dreht er sich im kreis herum und verfallt in widerholungen ;
es fehlt im einzelnen, wenn auch nicht im ganzen, an kernhafter dispo-
sition. Man vergleiche nur feorma mec hväärc 25 und feorma meponne
42; geöca mhies gcestes 45 und geoca minre sävie 59 f.; vor allem die
fünfmalige einführung des bekenntnisses seiner Sünden in der form eines
concessivsatzes 15. 26. 33. 47. 50. Er ist wortreich genug, aber weni-
ger kunstreich und streng als Cynevulf, und ich glaube die weise eines
beträchtlich späteren dichters zu erkennen. Es begegnet endlich ein für
die sinkende kunst charakteristischer Verstoss gegen den versbau, indem
10] der Stabreim auf die letzte hebung des zweiten halbverses fällt.
ÜBER CYNEVITLF 321
Noch weniger einleuchtend finde ich es, wenn Grein Grerm. 10,
305 das im cod. exon. vorfindliche durchgereimte gedieht (bibl. II, 139)
wegen der überaus nahen verwantschaft seines inhaltes mit dem epilog
der Elene unserm dichter zuschreibt. Diese verwantschaft ist nur in
sofern vorhanden, als der redende einer glücklichen Vergangenheit eine
traurige gegenwart gegenüber stellt. Die beschreibuug aber, die er von
seiner Vergangenheit macht, lässt ihn als reichen, mächtigen, von einem
glänzenden dienstgefolge umgebenen herrn erscheinen; während in der
gegenwart, trotz dem erbaulichen Schlüsse, jede andeutung einer persön-
lich religiösen erhebung, wie sie Cynevulf kund gibt, fehlt. Aber wenn
dem auch nicht so wäre, würde ich doch anstand nehmen, ihm ein so
trostloses wortgeklingel aufzubürden. Wie anders kommt es doch her-
aus wenn der wirkliche Cynevulf Cri. 591 — 96 oder El. 1237 — 46.
48 — 51 oder Andr. 869 — 72. 89 f. wenige verse hindurch sich der
Zierde des reimes bedient! Ein richtiger geschmack verbietet ihm bis
zur ermüduug des obres damit fortzufahren, und die kunst reicht aus,
um gedanken und satzbau darüber nicht zu kurz kommen zu lassen.
Durchschlagend ist jedoch die erwägung, dass in den 26 gereimten versen,
die ich soeben angeführt liabe, nicht weniger als acht blosse assonanzen
unterlaufen {vrääum: drum Cri. 595. väf: las El. 1238. gebunden:
beßrungen 1245. o.oldg: hdd 1246. onti)nde: gerf/mde 1249. lufedon:
vunedon And. 870. liedp: predt 872. vijnn: prym 889), während die
87 verse des reimliedes nur etwa fünfe darbieten, unter welchen drei
{gearvade: hvearfade 36. hented: sci/nded 60. vripeä: smUeä 64), weil
nur die lautstufe verschieden ist , kaum in betracht kommen ; Grein hat
sogar alle durch emendatiou beseitigt, was freilich in den fällen bei
Cynevulf unmöglich wäre. Sichtlich gieng der dichtei- des reimliedes
systematisch auf genaue reime aus, während Cynevulf darin noch ganz
sorglos war. Jener verhält sich auch in dieser hinsieht wie Egil Skala-
grimsson in seinem von Grein a. a. o. in erinnerung gebrachten gedichte
Höfudkmsn, das keinen einzigen ungenauen reim enthält. In der aus-
gebildeten poetischen technik des nordens waren die einzelnen versarten
zu gesondertem gebrauche bestimmt: ein gedieht war ganz entweder im
Foriiijrdalag oder im LiöäaJiattr oder im DröttJcvaedi verfasst. In der
angelsächsischen poesie finden wir einen minder entwickelten zustand
fixiert: nach belieben unterbricht der dichter den alt- epischen vers durch
lange verse, die nur des reimschmuckes bedürfen um Dröttkvaedi zu
sein, oder in gnomischen stücken durch kurze in der weise des Liöda-
hattr. Eben so ist es mit der weise, die im norden Bimhenda heisst,
wo beide hemistichien auf einander reimen: der norden baut ganze
gedichte daraus, die Angelsachsen bringen einzelne verse oder kürzere
ZEITSCHR. F. DKUTSCHE PHILOL. 21
322 RIEGEB
reilien von vorson dieser art an. Unser reiinlied ist das einzige gedieht,
worin die liioiJicnch sich durchgeführt zeigt. Liegt es da nicht nahe,
die nachahnumg eines nordischen vorhildes zu vermuten? Egil Skala-
grinisson hielt sich zweimal in England auf, er war angesehen am hofe
Aethelstans und dichtete seine Höfuälausn in Northumberland. Ihm
dürfte also der ' dichter des rcimliedes seine anregung verdankt liaben,
und damit würde dasselbe ins zehente Jahrhundert gerückt.
V.
Mich gelüstet es eine spur zu verfolgen, die aus Cjmevulfs Crist
zu einigen jener kleineren gedichte des codex exoniensis hinüber führt.
Cynevulf geht sehr frei mit den lateinischen werken um, die seine
vorläge bilden. Seine bearbeitung gerät mitunter so schief, dass man
auf den gedankeu käme , er habe gar nicht lateinisch verstanden , son-
dern nur durch vermitteluug eines Übersetzers Zugang zu seinen stoffen
gehabt , wenn nicht die probe lateinischer dichtung am Schlüsse des Phö-
nix den gegenbeweis lieferte. Indes auch Aelfred verfährt frei genug mit
seinem Boethius und auch ihm begegnen meuschlichkeiten. Der stil,
den der Stabreim mit sich brachte, bedingte ein bedeutendes mass von
freiheit, und die freiheit führt von selbst zur Sorglosigkeit.
Wie dem sei, weder freiheit noch misverständnis erklärt zur
genüge was Cynevulf im Crist 659 — 90 aus den entsprechenden werten
Gregors des Grossen macht. Diese werte lauten (Homil. 29 , §. 10) :
Dedit vero dona Jwminibus; quia misso desuper spiritu alii sermonem
sapientiae , alii sermonem scientiae, alii gratiam virtutum, alii gratiam
curationiim, alii gener a linguarum, alii interpretationem trihuit ser-
monum. Dieses citat aus 1. Cor. 12, 8 — 10 ersetzt Cynevulf durch
eine aufzählung folgenden Inhaltes: beredsamkeit (die dichtkunst ein-
schliessend) , harfenspiel , keuntnis des göttlichen gesetzes , sternkmide,
Schreibekunst, kriegsglück, steuermannskunst , fertigkeit bäume zu bestei-
gen, Waffenschmiedekunst, kenntnis der wege. Mit dem ersten artikel
dieser aufzählung bestrebt er sich noch den sermo sapientiae Gregors
wider zu geben, mit dem dritten etwa den sermo scientiae, im übrigen
nennt er alle möglichen schätzbaren gaben, nur keine des heiligen gei-
stes. Diese gaben gehören auch den beiden, ja sie stehen zum theil
den kindern der weit besser an als den kindern des lichtes; damit sie
uns zu theil würden brauchte Christus Aveder geboren zu werden noch
gen himmel zu faln-en. Wie kommt Cynevulf zu einer so wahrhaft
unsinnigen abweichung von seinem original? Ist es nicht als ob er aus
verseilen in ein thema alter, in rein volksmässigem anschauungskreise
L^BER CTOEVUT.P 323
sich bewegender dichtung geriete , das ilim geläufig war ehe er ein geist-
licher dichter wurde?
In dem gedichte, das Grein (1, 204) Bi monua cräftum über-
schrieben hat , finden wir dieses thenia in reicher ausführung wider. Wir
begegnen auch hier, theilweise mit wörtlichem anklang, der beredsam-
keit in v. 41 if . , dem harfenspiel 49 f., der steuermannskunst 53 fi".,
der wafienschmiedekuust 61 ff., der schreibekunst 95 f.; daneben vielem
andern, theilweise sehr unheiligen, wie der kunst des gauklers 82 ö".,
aber auch , friedlich daneben gestellt , der gäbe des geistlichen lebens
86 fi". und dem kirchengesang 91 ff. Wir begegnen ferner 8 — 29 und
und 97 — 105 derselben nur breit ausgesponnenen reflexion wie Cri.
681 — 85, zu der hier- ebenfalls Gregor keinen anlass gab, dass nämlich
gott nicht einem alle — dnum calle Cri. 683 und B. m. er, 99 — seine
gaben schenke, sondern einem diese, dem andern jene, damit keiner sich
übermütig erhebe; und diese absieht gottes wird beidemal, Cri. 684 und
B. m. er. ir)0, durch dieselben werte ausgedrückt Jnj las liim gielp
scectäe. Es fehlt nicht an einer doxologie zum Schlüsse des gedichtes,
aber es fehlt dem ganzen an specifisch christlicher denkweise, und der
gott, der alle diese gaben spendet, könnte auch Woden sein, wenn nicht
ein paar crüfUis auch dem kii'chlichen leben entnommen wären.
Ich denke, das ist genug um die Vermutung zu begründen, dass
wir in diesem naiven, volksmässigen lehrgedicht eines jener werke vor
uns haben , durch deren vertrag Cynevulf in der methalle gold verdiente,
ehe er dem kreuze seinen dienst gelobte, der weit absagte und geist-
liche gedichte für geistliche kreise verfasste.
Wer die gaben und künste der menschen so in versen zusammen
stellte, dem lag es nahe, auch ihre mannigfachen Schicksale in dersel-
])en weise zu behandeln, und wem man das gedieht Bi monna cräftum
zuschreibt, dem wird man das bei Grein folgende Bi monna vyrdum
kaum entziehen können. Zumal es gegen sein ende förmlich in das
thema des vorigen übergeht. Des mannes begabung ist ja so oft gera-
dezu sein Schicksal und es ist darum kaum unlogisch zu nennen, wenn
der dichter von v. 67 an aus der recapitulation der le])ensgeschicke
unmerklich in eine neue aufzählung von gaben und künsten verftillt. um
wider mit dem preise dessen zu schliessen, der sie alle verleiht. Es
sind hier fast nur solche, die im herrendienst und im hofleben wert und
^unst verleihen, und es ist als ob der dichter zum Schlüsse gelegenbeit
nelime, einigen bei seinem vertrag anwesenden hofleuten complimente zu
spenden, Uebrigcns übertrifft dieses gedieht das vorige an poetischem
wert, indem es statt der kurzen und trockenen aufzählung sehr vieler
dinge eine geringere an zahl von lebensbildern desto lebendiger ausführt.
21*
324 RIEOER
Das thema dieses gefliehtes fiilirt mich zu einem andern weiter, in
dem es abermals angeschlagen wird. Ich meine den von Grein 1 , 238
nach Tliorpes Vorgang so genannten Wände i'er. Hier ist, wie in dem
reimlied, nur mit ganz andrer kraft und Wirkung, ein allgemein lehrhaf-
tes mit einem persönlichen demente vereinigt. Es wird ein einsamer
cardstapa eingeführt, der in einem rührejiden monologe den verlust sei-
nes herren und seiner gesellen soväe das unstäte leben in der fremde,
das seitdem sein loos ist, beklagt. Von v. 58 an verallgemeinert er
seine betrachtuug. Das Schicksal seiner lieben ist ihm nur ein einzel-
nes beispiel des allgemeinen weltlaufes. Die weit vergeht täglich: aber
(foräon, wie im Seefahrer 27. 33. 39. 58. 72) der mensch kann nur mit
den jaliren weise werden (also sich von der Vergänglichkeit des irdischen
erst im alter überzeugen). Er soll gleichmut und selbstbeherschung
bewahren. Er soll sich vorstellen wie es sein wird, wenn einmal die
ganze weit wüste steht , so wie man jetzt hie und da bürgen in trümmern
liegen sieht, deren bewohner alle dahin sind. Wer dann diesen wohn-
platz (pisne veahteall 88 meint offenbar dasselbe wie 85 pisne eard-
geard: die erde) und dies trübe leben überdenkt, der bricht in klagen
aus , die der Sprecher nun zwar als die eines jeden in diesem fall befind-
lichen objectiv anführt, in denen sich aber seine eigne frühere klage nur in
andrer form widerholt und die in ein emphatisches bekeuntnis der müh-
seligkeit und eitelkeit alles irdischen ausklingen. Der dichter nimmt
hierauf wieder selbst das wort, um mit einigen Weisheitssprüchen und
mit hinweis auf den trost von oben zu schliessen. Der ton des gedich-
tes ist in hohem grade lyrisch bewegt und die klarheit der gedauken-
folge dadurch zum theil beeinträchtigt ; aber es wirkt wie vielleicht kein
andres dieser litteratur durch die poesie der Stimmung. Da nun, wo
der dichter auf den scenen der Zerstörung und des Unterganges verweilt,
wie sie seine zeit ihm darbietet, um von da aus seinen geist zum
bevorstehenden Weltuntergänge schweifen zu lassen, gerät er, wie ein
phantasierender masiker, plötzKch auf das thema, das uns aus dem gedichte
Bi monna vjrdum bekannt ist. Bis v. 80 hat er uns nur, was auch
der Zusammenhang allein mit sich bringt, die spui'en vorgeführt, die
das wüten der fehde hinterlässt, trümmer und gräber; nun fährt er
daran anknüpfend fort:
sume mg fornom,
ferede in forhveye: sumne fugel oÖbär •
ofer heähne höhn; sumne se hära mdf
deäÖe gedailde; sumne d/reörighleör
in eor^scräfe eorl- gehyäde.
ÜBEB CYNEVULF 325
Je unmotivierter und wunderlicher die entfülirung durch den vogel
und der tod durch wolfeszahn anmutet, desto deutlicher ist die remini-
scenz, obgleich nur die letztere todesart Bi m. v. 12 als eine bei kin-
dern vorkommende ausdrücklich erwähnt wird. Das verbergen im erd-
schlund scheint das loos des zu hause an krankheit oder alter verster-
benden ergänzend hinzuzufügen; sodass die aufzählung sich zu einem
System abschliesst: wen nicht als erwachsenen der krieg hinrafft oder
als kind adler oder wolf raubt, dessen loos ist dennoch das grab. Ich
denke, es ist nicht zu viel zugemutet, hier eine lebendige beziehung zu
dem gedichte Bi monna vyrdum zu fühlen; ich mache aber noch auf
den zusammenklang folgender drei stellen aufmerksam:
Wand. 75 sva nu missenlice geond Jnsne middangeard
B. m. V. 64 sva missenlice — —
geond eoröcm scedt
und B. m. er. 28 missenlke geond Jnsne middangeard.
So viel ist vielleicht hinreichend um die drei stücke als geschwi-
ster zu erweisen. Zeige ich nun noch in dem letzten eine auf Cynevulf
führende spur, so muss sie auch den beiden andern nachträglich zu
gute kommen.
Das zweite der beidön im codex exoniensis überlieferten gedichte
von St. Guthlac^ bricht ab in einer rede, in welcher ein treuer jünger
1) Ich finde es noch nirgends bemerkt, dass der sogenannte Guthlac aus zwei
von einander unabhängigen gedichten besteht. Das erste handelt von den anfech-
tungen des heiligen, feiert seinen sieg über die feinde, berichtet 753 den eingang
seines geistes in den himmel und kommt nach einer betrachtung über das leben der
heiligen im allgemeinen 790 zum Schlüsse. Dieses gedieht beruft sich wol 79 auf die
mündliche Überlieferung, nirgends aber auf ein buch, denn die stelle 497 — 500
forpOH is nu ärlic , pät ve cßfästra
dcßde deinen, secgen dryhtne lof
ealra pära bis e na, pe us bee fore
purli Ms vundra geveorc insdöm cßäaS
handelt ganz allgemein von den thatcn der heiligen und setzt nicht notwendig vor-
aus, dass auch das leben des neuesten unter ihnen bereits in einem buche beschrie-
ben sei. Das gedieht ist auch in der that ganz unabhängig von der vita des Felix:
während ihm sehr vieles von diesem erzählte fehlt, hat es 383 — 484 eine erzählung,
von der Felix nichts weiss , und ist die Übereinstimmung in den gemeinsamen par-
tien. von der art , dass sie nichts beweist. Das andere gedieht dagegen beginnt
791—850 mit einer einleitung über die schöpfung des menschen und den sündenfall:
er war die Ursache des todes, der nun über die menschheit herscht und keinen ver-
schont, obgleich viele heilige seitdem gottes willen thatoii, früher und später und
noch in den Zeiten deren uns gedenkt. Das motiv dieser einleitung findet sich, nur
ohne des dichters breite ausführung, bei Felix im anfang des 5. capitels. Alsbald
326 BIEOER
der Schwester des heiligen dessen tod meldet und seine letzten auftrage
überhring-f.. Diese rede ist des dichters freie erfinduug: seine quelle, die
vita des Felix, erzählt nur, dass der jünger seinen auftrag ausgerichtet
habe. Schon dies niuss uns darauf gefasst macheu, dass das hier behan-
delte thema dem dichter aus irgend einer Ursache nahe lag und dass sein
herz an den tönen theil hatte, die es ihm entlockte. Es handelt sicli
um den verlust eines geliebten herren, das so innig und rührend behan-
delte thema des Wanderers. Dass der Sprecher seinen heiligen mit lau-
ter ausdrücken bezeichnet, die von weltlicher herschaft hergenommen
sind, besagt nicht viel, es geschieht im ganzen gedichte und entspricht
der weise , die uns auch aus der altsächsischen evangelienharmouie bekant
ist; aber bedeutsam ist doch der ganze so rein heldenhafte und volks-
mässige ton, in dem die rede beginnt und eine weile fortfährt, vor allem
die mannhafte sentenz des aufanges (1322):
eilen hiÖ sehest ßäm pe o/tost sceal
d/reögan d/ryMenhealu.
Es ist derselbe sinn, in dem der wandrer seine klage einleitet (11):
ic to soÖe vät
pät hiS in eorle indryhten peäv,
pät he Ms ferblocan faste binde.
Wenn nun über dies alles zwei redeweudungen aus dem Wanderer
im Guthlac widerkehren, glaube ich annehmen zu dürfen, dass dem Ver-
fasser des letzteren an der betreffenden stelle der Wanderer, als eines
seiner frühern gedichte, vorschwebte. Man vergleiche
beruft sich denn auch der dichter 850 auf ein buch als quelle über Guthlacs heiliges
leben , geht nach einer summarischen darstellung seiner anfechtungen und wunder-
thaten 904 zur erzählung seines seligen abscheidens über , das den eigentlichen gegen-
ständ des gedicbtes wie auch den Inhalt des fünften capitels bei Felix bildet, und
schliesst sich weiterhin treu an diesen gewährsmann an. Es bleibt indessen unbe-
streitbar, dass beide gedichte von Cj'nevulf herrühren. Nicht nur dass die von Die-
trich beigebrachten belege sich über beide verteilen, es lassen sich noch andre hin-
zufügen. Auf einen gemeinsamen autor weist zunächst die identität der verse svä väs
Güäläces geest fjelteded 753 und pä väs Güdläces gcest gelceded 1279, sowie fore
onsQne eces deman 755 und 11(31; dieser letztere vers findet sich aber wider Cri. 796.
837. El. 746 und mit geringer abweichung Phoen. 600 (fore ons^ne eces dryhtnes).
Audr. 721 (fore onsyne ecan dryhtnes) , so dass sich in ihm eine ganz besondere lieb-
lingswendung Cynevulfs kund gibt. Es liegt sonach auf flacher band, dass er zuerst
nach mündlicher Überlieferung ein gedieht über St. Guthlacs eiusiedlerleben und
sodann, als ihm die vita des Felix bekannt geworden war, ein zweites über seinen
tod machte.
ÜBER CYNEVÜLF 327
Wand. 23 f. and ic he an ponan
vöd vintercearig
Güdl. 1327 f. he sceal he an ponan
geömor hveorfan;
und widerum \
Wand. 37 forjjon \päi\ vätsepe sceal his vinedryhtnes
leöfes lärcvidum longe forßolian
Giidl. 1325 pät vät se pe sceal
äsvaeman särigferS, vät his sincgiefan
holdne hiJieledne.
Jeder dieser beiden anklänge möchte für sich allein gering geach-
tet werden, aber ihr zusammentreffen, verbunden mit der ähnlichkeit
des Zusammenhanges, erzwingt beachtung. Wand. 23 wie Güdl. 1327 ist
von dem treuen diener die rede, der von der statte, wo sein herr starb,
scheidet. Wand. 37 (wo man ohne ergänzung eines zurückweisenden
pät nicht auskommt) ist das object zu vät zu entnehmen aus 29 ff.
vät se pe cunnaÖ
hü sUÖen htö sorg tb geferan
päm pe lyt hafa^ leöfra geholena;
Güdl. 1325 ist es der gedanke, dass mut und kraft braucht wer schwe-
res zu ertragen hat. .
Noch ist der erwähnung wert, dass der ausdruck dreögan drijli-
tenheaht (= damniim a deo inßictum, vgl. das häufigere analoge compo-
situm metodgesceaft) Güdl. 1323 sich nur noch B. m. vyrd. 55 wider
findet, dass also auch zu diesem gedichte eine wenn auch vereinzelte
spur vom Guthlac hinüber führt.
Wenn ich es hienach für erlaubt halte , aus dem Wanderer biogra-
phisches material über C5^nevulf zu entnehmen, wird mir hoffentlich nie-
mand einwenden , dass ja der dichter des Wanderers nicht in eigner per-
son spreche, sondern die rede eines andern episch berichte. Die erfin-
dung einer person mit solchen erlebnissen und empfindungen zum behufe
des poetischen effectes ist gewiss das letzte, was man einem dichter des
achten Jahrhunderts zutrauen wird. Jene epische einkleidung ist nur ein
dünner schleier, den Cynevulf schamhafter weise zwischen den blicken
der weit und seinem herzen befestigt.
Der Wanderer gibt uns die willkommenste erläuterung zu den
andeutungen, die im traumgesicht vom kreuze und im epilog der Elena
über des dichters lebensschicksale nidergelegt sind. Cynevulf hatte in
328 RIEGEB
seinen frühem jähren einen liohlen herren, dem er mit inniger liebe
zugetan war und dessen liof er mit seiner kunst erheiterte. Des Sängers
phitz in der halle war, wie man B. m. v^yrd. 80 f. sieht, zu den füssen
des herrn; so erklärt sich die Situation, die dem dichter des Wanderers
41 ff. seine wehmütige erinnerung hervorzaubert:
ßmceS Mm on mode, pät he his mondryhten
clyppe and cysse and on cneö lecge
hon da and hedfod^ svä he hvilum cer •
in gedrdagum giefstölas bredc.
Diesen herreu bedeckt nun längst die erde (22 f.). Aber auch die
gesellen . mit denen der dichter in seinem dienste verbunden war , sind
dahin (7. 51 ff.) und nur die bürg zeugt noch als verlassene vom wet-
ter gepeitschte ruine (97 ft\) von den frohen tagen, die sie einst gese-
hen. Einen solchen Untergang der bewohner samt der wohnung kann
nur gewalt der waffen herbeigeführt haben ; und der dichter sagt es aus-
drücklich 7 und 99 f. Er sagt auch 24, dass es Winterszeit war, als
die grosse katastrophe geschah. Dies genügt gerade um zu verhindern,
dass wir etwa an den fall des edelings Oswini denken, der sich 761
gegen den köuig Moll Aedhilwald empörte und ihm nach dreitägigem
kämpfe erlag: denn dies geschah am 8. august; während es gestattet
bleibt ein anderes ereignis in betracht zu ziehen , dessen Simeon Dunclo-
nensis de gest. reg. Angl. zum jähr 740 mit den dürftigen werten
gedenkt: Arwine filius EaduJfi occisus est die X hcd. jan. feria VII;
noch kürzer der anhang zu Beda: Ärmuäni et Eadhertus interempti.
Aber was hilft eine solche möglichkeit? Es genügt zu wissen, wie wild
es seit Ceolvulfs abdankung bis zur neige des Jahrhunderts in Northum-
berland herging, um ein ereignis wie das vom dichter des Wanderers
angedeutete gerade in dieser zeit und in diesem lande sehr glaublich zu
finden; ja wir dürfen es ihm glauben, dass er sein land von zerstörten
bürgen voll sah, in welchen häuptlinge feindlich überfallen und mit
ihren mannen erschlagen worden waren. Er selbst also war von der
Unglücksstätte übers eis entronnen und hatte die sichere und geehrte
Stellung des hofdichters mit dem loose des fahrenden Sängers vertau-
schen müssen (24—29). Es bleibt unklar wie er dazu kommt, eine
öde, felsige seeküste zur scene seiner klage zu macheu (46 ff. 101 ff.),
und wodurch er genötigt wurde, die reifkalte see lange mit bänden zu
rühren (3 f.): hatte er wie Egil Skalagrirasson Schiffbruch gelitten und
sich schwimmend auf das gebiet seines todfeindes gerettet? Hielt er
sich, minder verwegen als jener, an der öden küste verborgen? Sind
solche gedanken zu nichts anderem nütze , so dienen sie doch uns eine
ÜBER CYNEVULP 329
dichtung zu beleben, zu der wir schmerzlich den commentar , wie ihn
eine saga bieten würde, vermissen.
Ein sicheres biographisches datum gibt uns aber noch dieses gedieht,
und ein wertvolles, weil es des dichters innere entwickelung beleuchtet.
Ich meine die art des religiösen Verhaltens , das sich hier kund gibt. Das
gedieht ist zwischen zwei einander verwante religiöse gedanken gewisser-
massen eingerahmt. Es hebt an mit dem satze: oft erlebt der vom
Unglück verfolgte hilfe, gotteS erbarmung; und zu diesem anfang kehrt
der schluss zurück : wol dem , der hilfe und trost bei dem vater im him-
mel sucht, von dem uns alle Stärkung kommt. So bekennt sich also
der dichter, wo er im eignen namen spricht, zu dem glauben, dass gott
die hoffnung und der trost der unglücklichen sei. Anders die person,
die er redend einführt. Sie spricht überhaupt nicht von gott, wol aber
vom Schicksal, und zwar nicht nur in dem starr gewordenen ausdrucke
vyrda gesceaft 107, sondern mit starker personificatiou :
eorlas formman asca ßrytie,
vcepen välgifru, vyrd seö mcere.
So freilich auch der dichter in eigner person: injrd hiä fid äned (nicht
von einem verb ärcedan, paratum rcddere, wie Grein meint, sondern
ein privatives adjectiv: unberaten, blind) 5, fast in einem atem mit der
Vertröstung auf metodes niiltse. Aber dem eardstapa fehlt überhaupt
jede religiöse aufikssung seines looses, jeder gedanke an die sünde, um
die ihn gott heimsucht, an die busse zu der er ihn ruft, an die ewige
freude, die er dem bussfertigen verheisst. Er kennt nur den stolzen
mannessinn, mit dem der beide lautlos zu dulden weiss, und die trost-
lose betrachtung der eitelkeit alles irdischen sowie der allgemeinen Ver-
nichtung , der die weit zueilt. Nicht einmal diese letztere ist ein beson-
derer gedanke des Christentums, auch der beide glaubte einen weltwin-
ter und eine götterdämmerung. Dieser gewiss bemerkenswerte umstand
also , dass nur die epische einkleidung , nicht der lyrische kern des
gedichtes christlich - religiöse Wendungen enthält, lässt sich auf zweierlei
weise erklären. Entweder sind diese Wendungen nur ein tribut an das
herkommen, an die christliche sitte, die auch der volksmässigen dich-
tung mächtig geworden war; oder der dichter hat einem früher gedich-
teten liede die epische einkleidung erst nach der zeit seiner religiösen
erweckung zugefügt und es dadurcli seinem nachmaligen Standpunkt wider
angepasst, es sich wider singbar gemacht. AVie dem sei, so zeigt uns
der Wanderer unsern dichter in der gemütsverfassung , die dem traum-
gesicht vom kreuze voraugieng und lässt uns ahnen, in welchem geist er
früher seine kunst an volksmässigen Stoffen geübt haben wird. Nichts
330 1{1EGER
ist von diesen frühem diclitungen der Überlieferung wert geachtet wor-
den als die samlung der rätsei. Auch sie wol nur, weil die gattung
durch Aldhelms Vorgang geadelt schien; und so sind auch diejenigen
unter ihnen vom Untergang verschont geblieben, deren sehr ungeistliche
Züge dem Verfasser so vieler religiöser dichtungen jetzt seltsam genug zu
gesiebte stehn.
Auch das gedieht vom Seefahrer, das Grein auf den Wanderer
folgen lässt, verräth sieb durch familienähnlichkeit als Cynevulfs eigen-
tum. Es ist ein dialog zwischen einem der see kundigen alten und
einem Jüngling , den es lüstet zur see zu gehen; die epische einkleidung
fehlt vollständig, so dass man den Wechsel der redenden personen erra-
ten muss. Der alte warnt und schildert die Schrecknisse und entbeh-
rungen des seelebeus, der junge beharrt auf seinem sinn. Zuletzt sagt
er, an der ewigen freude liege ihm mehr als am leben auf dem laude,
denn es sei mit allen erdengütern doch hinfällig und vom tode bedroht
(64 — 71). Dem stellt der alte die malmuug gegenüber, vor dem tode
durch theure thaten das lob der menschen und der engel zu verdienen.
Mit der weit, so fährt er fort, geht es zur neige, sie altert wie der
einzelne mensch. Niemand kann sich dem tod entziehen. Gross ist der
schrecken gottes: toll darum wer ihn nicht fürchtet; der tod kommt ihm
ohne ankündigung. Nun folgen ferner Weisheitssprüche und lebensregelu,
bis 117 die paränetisch erbauliche schlusswendung eintritt. Wie der
Seefahrer, der hier spricht, hat auch der wanderer die schrecken der
see kennen gelernt (3 f.); wie der wanderer, so ist oder war auch der
Seefahrer landflüchtig :
Wand . 32 varaS hine vräcläst ;
Seef. 14 hü ic earmcearig iscealdne sae
vinter vimade vräccan lästum;
56 hvät pä sume dreögab,
Jw pä vr äclästas vidost lecgaS.
Wie der wanderer 7 vinenicega hryre zu beklagen hat, so ist der
Seefahrer 16 cinemceyiun hidroroi. Bei den naturschilderungen berühren
sich in beiden gedichten die ausdrücke:
Seef. 23 stormas ßar stäncUfu beötan und
Wand. 101 and Jms stänhleoÖu stormas cngssaÖ ;
Seef. 31 mp nihtscüa, norÖan snwde und
Wand. 104 nipeÖ nihtscüa, tiordan onsendeÖ
hreö häcßfare ;
Seef. 32 hrhn hnisan hond und
Wand. 102 hrit) hreösende hruse bindeb.
ÜBEE CYNEVÜLP 331
Auch diese beiden stellen:
Secf. 86 g edroren is peös du gut) eal, dredmas sind gevitene und
Wand. 78 valdend licgdS
dreäme hidr orene , duguÖ eal gecrong
berühren sich fühlbar; desgleichen:
Secf. 90 8va nu monna gehvylc geond middangeard und
Wand. 75 sva nu missenltce geond [mne middangeard.
Aber auch mit dem Guthlac begegnet sich der Seefahrer in einem
bedeutungsvollen zuge. Es ist die ansieht, dass die lebenskraft der weit
in jeder hinsieht abnehme, dass alles nachkommende weniger tauge als
das vorangegangene; und nicht nur die ansieht, sondern zum theil auch
die Worte, worin sie ausgesprochen wird:
Seef. 88 hlmd is gehnceged.,
eorÖan indryhto ealdab and searaÖ und
Gudl. 14 ealdaÖ eoröan hloid.
Endlich fallen , in derselben stelle von der abnähme des weltlebens,
anklänge an den epilog der Elene ins ohr:
Seef. 80 dagas sind gevitene^
ealle onmedlan eorÖan rices
verglichen mit
El. 1265 geogub is gecyrred,
ald (oder all?) o n m edla
und 1267 nu synt gedrdag as
äfter fyrstmearce jori) gevitene.
Der Seefahrer übertrifft an religiösem gehalt den Wanderer, wenig-
stens dessen lyrischen kern, indem er an mehrern stellen vom ewigen
leben handelt; er weist dadurch in eine spätere zeit des dichters. Merk-
würdig ist seine form. Die gänzliche abwesenheit der epischen einklei-
dung nötigt anzunehmen, dass er von zwei personen dramatisch vorge-
tragen wurde, als welche man sich den sänger und seinen knaben den-
ken wird. Ich verweise auf den textabdruck, der dieser abhandlung
nachfolgen und die dialogische composition deutlich machen soll.
Die beiden zuletzt behandelten gedichte enthalten, zum theil mehr
vom zäune gebrochen als durch den Zusammenhang bedingt, aufgereihte
Sinnsprüche der art, wie sie in vier stücken des codex exoniensis
und einem einer cottonischen handschrift überliefert sind (Gr. II, 33'J). Es
wird dadurch glaublich, dass Cynevulf auch ohne solche einfüguug diese,
332 BIEGER
wie PS scheint, beliebte dichtuiigsart ausgeübt habe. So wie er von den
fahigkeiten der menschen und von ihren Schicksalen in besondern gedich-
ten sang und dann in gedichten andern inhalts diese raotive vorüberge-
hend aufgrift", wird es auch hier gewesen sein. Die eigentümlichkeit
dieser spruchdichtung besteht darin, dass in der form des gebotes gesetz-
mässige erscheinungen der natur wie des mensclicnlebens am faden der
gedankenverbindung oder aucli nur der allitteration aufgereiht und nach
belieben durch ausgeführtere Schilderungen, betrachtungen oder lebens-
regeln unterbrochen w^erden. Das selbstverständliche, uns trivial vor-
kommende, das dabei breiten räum einnimt, kann dazu dienen, das
bedeutendere , das der dichter unvermerkt einflicht , auf das es ihm eigent-
lich ankommt und das er der weit zu gehör sagen will, in das gleiche
licht naturnotwendiger giltigkeit, wie sie jenem übrigen zukommt, zu
stellen. Unter den er\vähnten gnomischen stücken nimt wol das im
codex eson. an erster stelle erscheinende auch durch poetischen wert
und bedeutenden Inhalt die erste stelle ein. Dass es von Cynevulf her-
rühre wird durch das zusammentreffen zweier stellen mit solchen des
Seefahrers wahrscheinlich gemacht:
Gnom. 35 dol hiÖ se pe Ms dryMen nät, tö päs oft cyme^ dedS unßmged
und Seof. 106 dol hib se pe Mm Ms dryhten ne ondrcßde^^ cymeb Mm se
dedÖ unpinged;
Gnom. 51 styran sccal man strongum mbde
und Seef. 109 stieran mon sceal strongum mode.
Cynevulfs grössere werke sind für das kloster und die klosterschule
oder doch jedenfalls als lesebücher gedichtet. Das anziehende der klei-
nern dichtungen liegt, abgesehen von ihrem Inhalt, darin dass sie uns die
alte volksmässige Übung der dichtkunst vor äugen führen, wonach der Sän-
ger, die in der halle versammelten helden unterm trinken mit einem ver-
trag zur harfe unterhält, der seiner bestimmung nach kurz und abge-
rundet sein muss. Sie zeigen uns, dass das Christentum auf diese
Übung freilich einwirkte, aber sie nicht lahm legte; ferner dass die
angelsächsische poesie auf rein volksmässiger grundlage ebenso gut wie
die nordische vom epos zur lyrik und didactik fortgeschritten war, ohne
dabei, wie die nordische, in verkünsteluug zu fallen. Dafür, dass diese
gedichte wirklich so betrachtet werden müssen, enthält die zuletzt
erwähnte spruchreihe einen willkommenen beweis, den ich zum Schlüsse
noch ans liclit stellen will. Hiezu ist zunächst die kritische herstellung
der letzten vier verse des gedichtes erforderlich. Ich lese sie so:
hond sceal heäfod im-rihan, hord in screönum Mdan,
gifstöl gegierved stondan, gif Mne gv.man gedcelen.
ÜBER CTNEVULP • 333
gifre biÖ se Jtmn golde onfehh , giß^ '>nan päs on hedhsetle geneahhe.
ledn sceal, gif ve leögan nellah , Jidm ße üs ßdfi lisse geteöde.
Die handschrift liest heofocl invyrcan , streonum und gu?na päs on
heahsetle geneaJi; Grein verstellt gifre als gifre. Ich kaim nicht sagen,
dass mich meine berichtigmig des ersten halbverses sehr befriedige; der
gegensatz des enthüllten hauptes und des verborgen bleibenden hordes
ist ziemlich schwach; aber wozu gäbe sich sonst die überlieferte lesart
her? Indes fängt erst mit dem zweiten halbverse der Zusammenhang
an, den ich festzustellen habe. Hier ist streonum entschieden unzuläs-
sig. Grein denkt an streon = streöven f, = Stratum: was soll aber der
hord auf dem bette? Screön ist mir zwar als angelsächsisches wort
nicht bekannt , aber aus dem screunia screona der leges , das ein miter-
irdisches gemach bedeutet und zuletzt von Wackernagel spräche der Bur-
gunden s. 5 (Bindiug bürg. -roman. königr. s. 333) besprochen worden
ist, mit Sicherheit zu folgern.^ Gifre, ein synonym von grcedig, vorax,
gewönlich von unheimlichen wesen und naturgewalten gebraucht, ist hier
nicht passend, wol aber gifre = acceptus, gratus, eine ableitung von
gif an, die auf den sinn von mittelhochdeutsch gtelie, nordisch gcefr
hinaus komt. Im folgenden halbvers wird die berichtigung wol einleuch-
ten , die Überlieferung ist sinnlos und nicht zu construieren. Also : „ der
hört soll in der Schatzkammer harren, der gabenstuhl bereitet stehn,
wenn ihn (den hört) die mannen theilen." Nachdem so von schenken die
rede gewesen, fügt sich die schlusswenduug trefflich an: „Lohn soll, wenn
wir nicht lügen wollen, dem werden, der uns dies vergnügen bereitete":
d. h. dem fahrenden sänger, der nun mit seinem vertrag zu ende ist.
Dass er im namen der zuhörer spricht, ist eine manier, die er mit den
schullehrern und bücherschreibern alter und neuer Zeiten gemein hat und
die wir ihm unbedenklich zutrauen dürfen. Man ersieht nicht wie Grein
die stelle verstanden hat; Thorpe versteht unter dem erzeuger der lisse
gott. Aber von welcher gäbe gottes wäre hier die rede? soll es der hört
sein? Gewiss ist soviel, der dank, den wir gott für seine gaben schul-
den, wird nie ledn genannt. Wenn v. 6 desselben gedichtes von gott
sagt he üsic vile pära ledna gcmoniau, so heisst das nicht: er will uns
an den lohn für seine gaben, sondern: er will uns seiner gaben gemah-
nen; vgl. Genesis 258. 2933.
1) Sollte sich au« diesora worto nicht streönaii, althochdeutsch striunan =
accpiirere, gignere erklären, so dass es ursprünglich äriauvQlCtiv , in die screunia
cinthun bedeutete? Für den Wechsel zwischen fitr und acr \^iht es einige heispiele:
aciidan und hestrklan (equam conscendere) , mittclhocMcntsch schraejenmid straejen,
schräm und strunze.
334 BIEGER
Ich brcclie diese Untersuchungen hier ab. Vielleicht sind andre
im stände für meine ergebnisse noch mehr beweise aufzufinden oder noch
andre gedichte als Cynovulfs eigentum nachzuweisen. Lässt sicli gegen
meine methode einwenden , dass sie eben nur die Vertrautheit eines dich-
ters mit den werken des andern, nur benutzungen und entlehnungen,
nicht aber Identität des dichters nachweise ? Dies träfe denn auch gegen
Dietricli zu, in dessen fiisstapfen ich trete. Aber der den einwand
erhübe liätte die Verpflichtung, die Individualität der verschiedenen dich-
ter ans licht zu stellen und uns den uachahmer neben dem nachgeahm-
ten erkennen zu lehren. Ob bei diesem versuch etwas heraus käme
müste der erfolg zeigen ; ich habe nichts gefunden worauf er sich stützen
könnte.
DARMSTADT, IM AUGUST 1868. M. RIEGER,
DER SEEFAHRER
ALS DIALOG HERGESTELLT.
(Vergl. cod. exon. ed. Thorpe p. 306. Grein bibl. d. ags. poesic I, 241).
[Se eakla cwäit.]
3[(ig ic he me sylfum s6()gied wrecan,
siÖas secgan , hü ic gesivincdagum
earfoÖhwile oft protcade,
hitre hreostceare geh'den Mihhe,
genmnad in ceole cearselda fela,
atol yi)a gewealc. pmr niec oft higeat 5
nearo niMwaco ät nacan stefnmi.,
ponne he he clifum cnossade. Calde gejirungen
wceron mine fet, forste gehunden,
daldum clommum^' JJm' pa ceare sedfedmi 10
hat ymh heortan; hungnr irman slat
merewerges mnd. pät se mon ne ivät,
pe Mm on foldan fägnost Umpe^,
hü ic earmcearig tscealdne sce
Winter wunade wräccan lästuni 15
\ivynnum hiloren^ winejnaegum hidroren,
hihongen hrhngicelum: hägl scürum fleäg.
pcer ic ne gehfirde hütmi hlimman sa,
10) Ergänzung Grcins.
DER SEEFAHRER 335
tscealdne ivag , hwUum ylfete song ;
dyde ic me tb gomene ganetes Medhor 20
and huilpayi stoeg fore hleahtor wera,
mmio singende fore medodrince.
Stormas pcer stänclifu beotan^ ßeer Mm stearn oncwäS
isigfehera: ßol oft pät earn higeal
ürigfetiera * 25
* ncenig hlebmcBga
feasceaftig fert) frefran nieahte.
Forpon kirn. gelyfeÖ lyt se Jje äh Ufes wyn
gebiden in hirgmn hcalosiiia hwon,
tvlonc and wingäl hü ic werig oft
in hrimläde Udan sceolde: 30
näp nihtscüa, norÖan snmde,
hrim hrusan hond, hägl febl on eorSan,
corna caldast.
[Se geonga cwäd:]
Foröon [niec] cnyssaÖ nü
heortan gepohtas , pät ic heim streamas,
sealt yua geläc sylf cunnige; 35
monaÖ müdes lust mcBla gehwylce
fert^ tb fcran^ pcit ic fear heonan
elpeodigra eard gesece.
[Se eaMa cwäit:]
Forpon nis päs tnddwlanc mon ofer eorÖan
ne Ms gifena päs god ne in geogube to püs hwät 40
ne in Ms dadum to päs deor ne Mm Ms dryhten to päs hold,
pät he ä Ms scefore sorge nälhe,
to hwon hine dryhten gedon toille.
Ne biö Mm. to hearpati hyge ne to hringpege
ne to tvife wxjn ne to ivorulde hyht 45
ne ymbe owiht elles nefne ymb ytia geiveatc ;
ac ä hafaÖ longunge se [je on lagu fundai!i.
25) Grein ne cenig ohne vorhergehende lücke ; aher das folgende steht zu abge-
rissen da.
2G) frefran Grein Germ. 10, 422; hs. feran.
27) forpon ist hier iind 33. 39. 58. 72 aus der causalen in die adversative
bedeutung „aber" verschoben. Ebenso im Wanderer G4, während 37 und 58 die
erweiternde bedeutung „auch" stattfindet.
38) Ergänzung Grcins.
o36 KIEGER
[Se geonga cwä(t:]
Beanoas hlöstnnim n/maii , beorgas fägria!),
wong wUtigaÖ , looruld onetteÖ:
ealle pä gemoniai) mödes füsne 50
feran tb szÖe, ßone ße svä ßenceb,
on flödwegas fcor getcUan.
[Se ealda cwä(t:J
Swylce gedc inonaÖ geomrmi r cor de,
singeS sumeres weard, sorge beödei)
hitre in hreosthord. pät se heorn ne wät, 55
sefteädig secg , hwät ßä sume dreogat),
ße J)ä loräclästas wtdost lecgaÖ.
[Se geonga cwä(t:J
Forßon hü min hyge hweorfeÖ ofer hreSerlocan,
min modsefa mid mereßöde
ofer hwäles eÖel, hweorfeÖ ivide 60
\ßeond'\ eorSan sceätas, cyme'S eß to me
gifre and grcedig , gielleÖ mifloga,
hweteÖ on hivälweg hretier unwearnum
ofer holma gelagu. Forßon me Jiätran sind
dryhtnes dreämas ßonne ßis deäde lif 65
Icene on londe: ic gelyfe nö
ßät him eor'hwelan ece stondaÖ.
Simle preora sum ßinga gekwylce
48) beorgas] hs. hyrig.
49) wong Grein im gloss. unter vlitigian; hs. wongas.
51) pone Grein germ. X, 422; hs. pani.
52) gewitan Thoi'pe , hs. gewitaä.
53) Der guckuk wird ironisch in seinem doppelsinn als friihlingshote und als
böser angang verstanden. Im letztern sinne wird ihm eine geomor reord zugeschrie-
ben und entbietet er sorge, wie Güdl. 7 IG den frühling.
55) Hs. bitter.
56) sefteädig Grein, hs. eft eadig.
61) Ergänzung Grcins.
63) Hs. loodweg.
(]4) Wenn sich gelagu durch altsächsisch lagu gilagu, nordisch log erklärt, so
ist der sinn: ungeachtet des Verhängnisses der wogen, d. h. ohne rücksicht auf die
dort drohende lebensgefahr. Dies schatft für den folgenden satz, wo forpon die
gewönliche causale bedestung „denn" hat, eine sehr gute anknüpfung.
67) Hs. stonded; Grein eoräwela.
6S) pinga gehwylce unter allen umständen, wie H3fmn IV, 12. Dem his des
folgenden verses felilt das beziehungswort , dem toeoräed der dativ: es fehlt also ein
vers. Wegen meiner ergänzung verweise ich auf die verwante stelle Beov. 1761 if.
DER SEEFAHEER 337
[nien ofer moldan on his mägnes blcede,^
cer his tid agä, tb tveön weortieH:
ädl oWe yldo oÖÖe ecghete 70
feegum fromweardum feorh dÖßringeti.
[Se ealda cwäd:]
Forpon püt eorla gehwäm äftercweÖendra
lof lufigendra Icesteh worda betst,
J)ät he geivyrce, mr he on weg scyle,
freman on foldan wiS feönda mÖ 75
deorum dcedum deöfle togeänes,
pät hine älda hearn äfter hergen
and his lof siMan Jifge '>nid englum
äwa tb ealdre [(ind him eäd sylle
engla dryhten^ ecan llfes hlced,
dreäm mid diigetium. Bagas sind gewitene, 80
ealle onmedlan eorSan rices.
Newon nü cyningas ne cäseras
ne goldgiefan swylce jü ivceron,
ponne hi maist mid him maerba gefremedon
and on dryhtlicestum dbme lifdon: 85
gedroren is pebs duguiS eal, d/reämas sind gewitene,
wuniat> pä iväcran and päs woruld healdaÖ,
irümÖ Purh hisgo. Blmd is gehnceged,
eortian indryhto ealdaÖ and searati
swä nü monna gehwylc geond middangeard : 90
yldo him on fareh ^ onsijn hläcab,
gomelfax gnornaS , wät his jüwine
äbelinga hearn eorÖan forgiefene.
Ne tnäg him ponne se flcsschoma, ponne him pät feorg losa^^
ne sivete forswelgan ne sär gefelan 95
ne hond onhreran ne mid hyge fencan.
peäh pe gräf %ville golde stregan
69) tid (Igä Grein im gloss. unter dgän; hs. tidc ge.
73) Hs. lifyendra last. Das bleibt jedem das lob der nachweit liebenden der
Worte bestes (wenn er es nämlich befolgt) , dass er u. s. w.
75) freme ist nebenform von fremu cominodam , bcneßciatn ; hs. fremman.
79) ecan lifes blced, dreäm mid dugedum Icann nicht apposition zu his lof,
nocli weniger subject zu lifye sein. Zwei halbverse des Inhaltes, wie ilin die ergän-
zung gibt, sind ausgefallen, blced Grein, hs. bked.
82) neuron Grein, hs. nceron.
ZEITSOHK. F. TIKUTS* HK PHILOL. 22
338 RIEGER, DER SEEFAHRKR
brödor his gehorenum, bycgan he deCtdum
mäfimum mislmim püt he ne mid wille,
ne mag pare sätcle , pe biÖ synna ful, 100
gold to geöce for godes egsan,
ponne he hit cer hydeS , penden he her leofat).
Micel hifi se meotudes egsa , for pon M ,sed molde oncgrreÖ,
se gestaÖelade stde grundas,
eorÖan sceätas and uprodor. 105
Dol bi() se pe him his dryhten ne ondradeÖ : cymed Mm se deäÖ
tmpmged.
Eädig bü) se pe eäÖmod leofaÖ: cymeti him seö är of heofonum,
meoütd him Jiät möd gestdbela^ , forpon he in his meahte gelyfeQ.
Stieran mon sceal stroyigum möde and pät on stabelum healdan.
Gewis werum, ivifmn clmne 110
scyle monna gehwylc, möd gemete healdan
wiS leofne and wiS laöne *
* bealo *
pedh he hine wille fyres fulne *
oböe on b(Ble forbärnedne
his geivorhtne wine. Wyrd biÖ swiSre, 115
meotud mealitigra Pionne cenges tnonnes gehygd.
Uton ioe hycgan hwmr we ham ägen
and ponne gepencan hü %ve pider cumen
and -we ponne eäc tilien pät loe tö möten
in ])ä ecan eädignesse, 120
pcer is lif gelong in hifan dryhines,
hyht in heofonum. päs s>j päm hälgan potic
pät he üsic geweorSade wuldres ealdor,
ece dryhten, in ealle tid. Amen.
98) Hs. hyrgan. Mit toten schätzen (vgl. 65 pis deäde lif) erkaufen , dass er
nicht auch sterben müsse.
99) M ne] hs. hine.
109) und ihn (doch) ungeheugt erhalten: vgl. Cri. 490 staäolfästre strengän.
110) Hs. und vor gewis. Hs. loisum.
115) swiäre Grein, hs. swire.
1 17) so Thorpe , hs. hioosr se. Dieser erbauliche , aber wenig poetische schluss
ist schAverlich der echte ; er wird dem verstümmelten gcdichte von unberufener band
angehängt sein. —
Ich erlaube mir einige abwcichungen von der bei uns herkömmlich gewor-
denen Orthographie des angelsächsischen. Ich bitte bei dieser gelegenheit die
bearbeiter angelsächsischer texte in erwägung zu ziehen , ob es nicht ein misbrauch
ist, dass wir nach nordischer weise v setzen wo die Antjelsaclisen uu oder die betref-
KOCH, ANGELSÄCHS. eä 339
feiide rune schrieben und die Engländer w schreiben , wie auch wir in unserer eige-
nen Sprache thaten und thun ? Wir geben ganz unnötiger weise den texten ein für
Deutsche und Engländer fremdartiges, nur für Nordländer vertrautes anselm; wir
erzeugen im anfänger den eindruck, als stehe das angelsächsische dem nordischen
und nicht dem deutschen zur seite. Ein anderer punkt ist die bezeichnung der quan-
tität bei den diphthougen. Die angelsächsischen wie die nordischen handschriften
kennen nur ein quantitätszeichen für vocale mit oder ohne verschlag; denn die nor-
dischen iä iö iü , die angelsächsischen eä eö iö ie sind doch nur vocale mit verschlag
und werden nur um ihres etymologischen wertes willen diphthonge genannt. Wir
brauchen demgemäss in nordischen drucken übereinstimmend mit den nordländischen
herausgebern lediglich den acutus. So sollten wir in angelsächsischen übereinstim-
mend mit den Engländern lediglich den circumflex In-auchen : aber mr haben hier
eine pedantische Unterscheidung durch acutus und circumflex erfunden. Der acutus
zeichnet diejenigen ea und eo aus, die gotischem au und iu entsprechen, obgleich
sich nicht erweisen noch erdenken lässt, dass diese laute in geär und loeöx anders
als in geclc und heöd seien ausgesprochen worden. Wie aber nun mit shan = slea-
han und tweon = tioeohan? Hier wäre eigentlich ein drittes zeichen erforderlich.
Auch die einführung von ä für kurzes (B der handschriften halte ich nicht für glück-
lich. Bezeichneten wir statt dessen die länge mit circumflexiertem ce , so wäre in
zweifelhaften fällen weniger vorgegriffen, das objective dement der Überlieferung
würde sich deutlich vom subjectiven der quantitätsbezeichnung unterscheiden und eine
wertlose abweichung vom verfahren der Engländer fiele weg. [Die hier vorgeschla-
genen änderungen der bei uns üblichen Schreibweise des angelsächsischen sind in der
historischen grammatik der englischen spräche von C. Friedrich Koch bereits theil-
weise durchgeführt worden. Eed.]
DAßMSTADT, IM AUGUST 1868. M. EIEGER.
ANGELSÄCHSISCH eä (GRIMMS ea).
In den folgenden zeilen versuche ich entstehung, umfang und wei-
terl)ildung des auffallenden angelsächsischen eä darzustellen. Da in dem-
selben ursprünglich ganz verschiedene laute ihren ausdruck finden und
finden können, so ist es genauer zu bestimmen.
Es ist zuerst das eä auszuscheiden, das eigentlich für ä eingetre-
ten und dadurch entstanden ist, dass e als aussprachezeichen der guttu-
ralmedia beigefügt wurde = Grimm, Heyne, Grein: cä. Angelsächsisch
<j scheint nämlich eine doppelte ausspräche gehabt zu haben, ursprüng-
lich die der gotischen media und dann eine abschAvächung derselben, die
unserm j sich näherte oder glich. Die graphische Unterscheidung dieses
doppelten lautes tritt sporadisch im angelsächsischen, in scharfer Unter-
scheidung im neuaugelsächsischen auf, und befestigt sich nach langem
schwanken in <j und y. HG (-- Koch, historische grammatik der eng-
lischen spräche) T, 132 ft'. Die w^eichere, unserem j ähnliche oder glei-
che ausspräche wird erwiesen durcli die allitteration des angelsächsischen
22*
340 KOCH
(j mit /'.• f/oda -- iuätkäum Sal. 180. Juliane — gthste Jul, 28. —
geääe 95. — gode 106. — gleäw — gode 130 und öfter; durch den
Wechsel mit auslautendem h : helge hedlh , Jiccdi pkgon pf^gon , seali sk-
gon HG. 1, 133. 274. 280. 289. 297; durch zerdehnung des i oder .;
in ige: sealf-je sealf-ige, swer-j(t-n stver-igea-n HG. 1, 341; durch
die weitere entwicklung des g, wie angelsächsisch dceg, neuangelsäch-
sisch dceig d(Cg, angelsächsisch fceger , neuangelsächsisch fmger feeiger,
angelsächsisch mccgden, neuangelsächsisch weeide maggdenn. HG. 1 , 132;
endlich dadurch, dass g vor / bisweilen schwindet, wie angelsächsisch
gif, neuangelsächsisch g//" yif if, ags. gi ge, nags. i HG. 1, 132.
Die weichere ausspräche wird ferner bezeugt durch das alts. , in dem gi
und j vor a und tt neben einander liegen, wie giudeo jndeo. s. Heyne,
kurze gramm. der altgermauischen sprachstämme 1, 110; und durch
das altfriesische, in dem g und j öfter wechseln, s. Heyne 1, 130. Zur
bezeichnung dieses weicheren lautes dient e, so dass ags. gedr eigentlich
für ge-är jär steht, alts. ger Mon. jär Gott., altfries. jV'r, got. jer.
Ebenso ags. geära gere und R. Matth. 11, 21 jära, gäfon gcefon geä-
fon, on-gceton on-geäton.
Ferner ist auszuscheiden ea (Grimm, Grein, Heyne: e«), das eben-
falls für ä steht und dadurch entstanden ist, dass e hinter sc eingetre-
ten ist. Heyne vermutet , das e dem sc beigefügt sei , um die ausspräche
zu modificieren, — eine Vermutung, die dadurch bestätigt wird, dass sc
sich meist zu sli entwickelt, selten zu sh, während c vor a regelmässig
bleibt. HG. 1, 108. Daher ags. scän sceän, scäd sceäd, scädan sceä-
dan, scmd sceud. s. Grein, sprachsch. Bemerkenswert ist , dass in den
northumbrischen evangelien nirgends sc vor a steht, nur das fremde
scariothisc Mrc. 14 , 43 ausgenommen.
Endlich ist auch m (Grimm, Grein, Heyne: ed) auszuscheiden, das
als' lautliche mehrung oder Verstärkung zu betrachten ist. Got. ali-va
(ind. W. *ah schwellen , lat. aq " im , ahd. ah - a) wird ags. eali , deim das
Suffix fällt ab. Dieses eali aber wird e«, sei es, dass geschwundenes //
in der vocallänge ausklingt, oder dass consouautische minderung durch
vocalische mehrung ersetzt wird. s. HG. 1 , 39. Ebenso ags. sleun aus
sleahan, got. skihan schlugen, pweän a,us pweahan, ülts. thwahan. Auf
gleiche weise mag auch on-geän (Grimm, Grein: on-gedn) entstanden
sein. Entweder lag hier die volle form vor, on-gagan, das sich in on-
gän ps. 57, 9 zusammenzog und hinter g das zeichen der weichen aus-
spräche zuliess: on-geän. Oder on-gcegen on-gcegn wird on-gSi und
dieses zu on-geän, wie on-gMon zu on-geäton.
Nach ausscheidung dieser eä bleibt nur das ags. eä (Grimm , Grein,
Heyne: eä) mit seinen abweichungen und Schwankungen übrig, das sich
ANGBLSÄCHS. cä 341
aus got. äu (Grimm: du) entwickelt. Um zu erkennen, wo eä steht, wo
es bleibt und wo es sich ändert, wird man das gotische zu gründe legen
müssen, und zwar die formen, in denen keine äussere einwirkung auf
den laut stattfindet , oder solche , in denen die einfachsten bildungslaute
stehen, deren einfluss leicht erkennbar ist.
Got. äu (Gr. du), die dritte Steigerung des ^^- lautes (got. •?*, m,
äu = altind. u, au, äu Schi.) findet sich in der 1. und 3. pers. sing, praes.
ind. der starken verben sechster (Grimm: neunter) klasse. Da schon im
gotischen die personalendungen abgefallen sind , so darf man diese foi-
men als solche bezeichnen , in denen eine äussere einwirkung auf den
germanischen laut nicht mehr stattfindet. Hier steht got. äu, ahd. ou
(vielleicht öu ?) und 6 , altn. au , alts. 6 , altfries. ä und ags. eä , selten e,
wie of-scet, scef, ge-ces, fleg, ä-Uh; HG. 1, 296. Got, äu bleibt also
in altn. au, ebenso in ahd. ou, fliesst zusammen in ahd. und alts. ö und
verkürzt sich zu altfries. ä. Nur ags. eä und e stehen weiter ab; wie
hat sich eä mit dem seltenern e bilden können? Grimm meint, du
habe sich erst zu do und dann zu de geschwächt und dieses habe sich
umgestellt: de ed. Denselben Vorgang sieht er in got. ai, das zu ags.
io, eo geworden sei. Die erklärung möchte wol schwerlich genügen,
und die angezogene vergleichung scheint mir unrichtig. Ags. co ent-
spricht allerdings got. al, aber seine entwicklung scheint eine ganz
andere zu sein. Zu gründe liegt i und zu diesem tritt aus der schar-
fen gutturale, wie im schweizerdialecte , ein dunkler laut, der mit o
bezeichnet wird, daher: fi-ohtan, fe-ohtan. Mit verklingender guttu-
rale erscheint daher wider fehfen Lag. und später filiten, und verklun-
gene gutturale ersetzt vocallänge in neuengl. flght. Heyne meint, got. du
habe sich wie im friesischen zu dunkelem ä verdichtet , dem beim spre-
chen ein e leise vorgeschlagen wurde. Diese ansieht erklärt ä in ihrem
ersten theile; im zweiten coustatiert sie nur die thatsache, dass e vor ä
steht. Dem ersteren stimme ich vollkommen bei. Auch im ags. hat
hier ursprünglich äu gestanden. In diesem diphthonge wurde aber ä so
überwiegend gesprochen, dass ti nur leise nachklang. Dieses leise nach-
schlagende u muss auch dann noch geblieben sein, als es nicht mehr
gesclirieben Avurde. Daher gibt denn Alfred die lateinischen au in nameu
oft mit ags. ä wider, wie Ägustus. Bed. 1, 2. 4. 5. 11. 13. 15. 23
etc. Ägustmus 1, 25. 27. 29. 33. 2, 2. Ferner aucli Men. 97, und
daneben Äugustus Bed. 3, 9. Augustinus 2 , 7. Claudius 1 , 2. Mau-
ricius 1 , 23. Patdus 1 , 29. Saulus 1 , 34. Allmählich mag dann dies
kurze u verklungen sein. War es aber auch ganz verklungen, so lag
doch ä noch in der h- reihe und muste als Steigerung des tt- lautes
gefühlt werden. Der einfache kurze wurzelvocal lag noch im plural des
;V12 KOCH
praet. vor. Die erste Steigerung war in, das zu ü {slüpan , düfan
diofan dcöfan, strüdan, sücan sügan, hiujan heögan, hrücanüG. 1, 12)
zusammenfloss oder zu iö und eö wurde. In iit {ic hinin hiom beom
Durb. Job. 7, 34. Mrc. 5, 28) iö eö erscbeint i und das gewöhnlicbere
e in eö als steigerungslaut des grundvocals. War nun d nocb in der
<t- reihe rege, so konnte sieb diesem dieselbe Steigerung vorsebieben, so
dass die lautreibe lief: n, iu io, ia und mit anbequemung des bellen i
an dimkles o und a: u, eo , ca. Ags. iä lässt sich bis jetzt in einem
verb nicht nachweisen; es stellt n^r in driäs dreäs Fall, Bosw., das
in dem streitigen deäiv- driäs (tbaufall, morgenthau) Dan. 277. vor-
liegt, und in hriäd (brot) Durb. Job. 6, 23 für das gewöhnliche
hreäd. Bemerkenswert ist überdies , dass in den nordbumbrischen evan-
gelien eö und eä mit einander wechseln , ein Wechsel , in dem man
nicht gerade Verderbnis erblicken muss. Er kann eben so wohl ein beleg
dafür sein, dass das bewustsein der lautreihe und der Zusammengehörig-
keit von cä und eö noch rege war. Im neuags. l)leibt eä selten , gewöhn-
lich wird es ce (ohne quantitätszeichen) bei Lagamon und stets ce bei
Orm. — Das neben eä liegende seltene e ist entweder schlechte Schrei-
bung oder es rührt aus einer zeit , in der eä anfieng zusammenzufliessen :
es wäre demnach der Vorläufer des neuags. «c.
Grot. aw, ags. eä steht ferner in Wörtern mit einfachen Suffixen.
Das a- Suffix tritt 1) an die reduplicierenden verben: got. hläup-
a-n, altn. Maiqja, abd. hloufan, alts. ä-hlöpan, afries. Mäpa, ags. hleä-
fan , nags. lecq)en lepen Lag,. , Icejienn Orm ; altn. hauta schlagen , mbd.
hozen, ags. heätan, nags. beten hcetenn. — 2) an substantiva: got.
läuf(a)s laub, skäuta(s) rockschoss, läun(-a-m) lohn; altn. lauf, skant,
laiin; abd. loup, scös,., Ion; alts, löf, Ion; afries. M/", län; ags. leäf,
sceät, leän; nags, leaf leue, Icefe, Icen. Got. äugo für äug -an äuge,
äi(sö ohr; altn. auga, eyra (Iit. aus-i-s, lat. anr-i-s); abd. ougä,
drä; alts. öga, ora; afries. ägc, äre; ags. eäge, cäre. — 3) an adjec-
tiva: got. läus(a-s) los, däuf(a)s taub, liäuli(a)s hoch, räud(a)s rot,
dänp(a)s todt; altn. dauf-r, raud-r, daud-r; abd. los, toup, höh, rot,
töd; alts. lös, höh, röd, död; afries. las, häch, räd, däd; ags. leäs,
deäf, heäh heh, read deäd; nordh. leäs leos, deäf deöf, heäh heh , deäd
deöd nags. Ices les , dcef, rced redde reode rede , hceh hege hei Lag. , heh
Orm. Im ags. bleibt demnach überall eä, nur heäh und Mh, und hier
konnte wol die zur erweicbung und deshalb zur erhellung des vocals Mnnei-
gende gutturale e veranlassen. Im nordh. mischen sich auch hier eö und cä.
Zu diesen bildungen mit a sind auch die schwachen verben zwei-
ter klasse zu stellen, denn got, ö ist « + «: got. känp-ö-n kaufen,
raub- 6 -n rauben; altn. kaupa, raufa; abd. lioufön, roubön; alts.
ANGELSACHS, ea
343
höpön, röhön; afries. häpia, ruf raub; ags. cmp-ia-u, reäp-ia-n;
nags. chepmng 0. Auch hier erhält sich eä.
Das u - Suffix scheint nur durchgangslaut zwischen a und i zu sein,
daher hat es bald die verdunkelnde kraft des a , bald die des i. Es ist
demnach kein sicherer führer. s. HG. 3, 35.
Das Suffix i tritt an substantiva; got. hläut(l)s loos, näiip(i)s not;
altn. läeijü, neijdmiü nauä; ahd. Mos Jilüz, not (ffir nöti, dat. pl. nötin);
alts. Möt nöd und niud', ags. hUte Met hlyte, ned nf/d und niöd neöd nied;
nordh. ned. Sieht man hier von niöd, neöd ab, in denen die zweite
Steigerung got. iu vorliegt; so haben wir e und p und diese erscheinen
als die umlaute von ags. eä.
Das Suffix j« tritt 1) an adjectiva: got. äiip-s, altn. auä-r und
ei/äi-, ahd. alts. ödi, ags. cäd eä yd, nordh. eäd ed-, eben so ge-.drem'e
(je-dnjm'e froh, von dreäiii. Da dieses suffix fast überall im ags. den
umlaut erzeugt, so ist auch hier e und f/ als umlaut von ed zu nehmen.
s. HG. 3 , 40. — 2) an die schwachen verben erster klasse mit ursprüng-
lich transitiver oder factitiver bedeutung ; s. HG. 3 , 84 — 88. Got. läiis-
ja-n lösen, haus -ja -n hören, gäum-ja-n wahrnehmen, häim-ja-n
erniedrigen, af-släup-ja-n abstreifen, luiib-ja-n glauben, äug-ja-n
sehen lassen, läugn-ja-n leugnen, Muh-ja-n erhöhen etc.; altn. leysa,
lieyra, geijma, leyna, leyfa; ahd. losian, Mrian, honian, slaufan sloiifan,
ga-laupian, ougan, lougnan, hoJäan; aXts.Usian, liorian, gomian, slo-
pian, gi-lobian, ögian, Idgnian; afries. lesa, hera, heia; ags. lesan
lysan, heran hyran, geman gf/man glman gieman, henan liynan, sle-
pan, ge-lefan -lyfan -Ufan, emvan ytvan eöivan, lygnian , Mganhean;
nordh. ä-lesa ge-lesa, hera, gema, hena, ä-lefa ge-leäfa ge-lefa:
nags. a -lesen, heren, henen hcenen, hilefen Uleafen Heuen ilmiien
ilefue ileoue Lag,., lefenn 0., heßen hcelißcn hcsgen hceien heien Lag.
heajienn 0. Da im ags. hier überall der umlaut steht, so ist e, y und
in schlechter Schreibung i und ie als ausdruck des umlautes zu nehmen,
Fragt man, welches von diesen graphisch sehr, lautlich wenig verschie-
denen zeichen des umlauts das ursprüngliche sei , so ist die antwort nicht
schwer. Das afries. hat e; das nordhumbrische hat e; ags. eä ist aus
ä hervorgetragen ; das nags. hat e und mischt es mit ce , während eigent-
liches y nach i und u geht: es muss also hier auch e gestanden haben
und dieses hat sich gesetzt, als ä die zweite tt - Steigerung war. Dane-
ben tritt y. Zwei gründe können es veranlasst haben. Es ist nämlich y
der umlaut der ersten «t-steigerimg, also von tt, iu iö eö, wie ags.
ed-gesyne (leicht zu sehen, got. ana - siim(ja)s sichtbar), dyr'e deore
(theuer, alts. diuri, afries. ditire, ahd. tiuri), gc-rfjne (Ijeratung, got.
ga-runi, alts. gi-nmi, ahd. ga-rüni), ge-tyn'e (verhalle, ahd. gün
344 ROCHHOLZ
eüni), fi/r (feuer, alts. ahd. afries. fmr). Es tritt also in // der uralaut
dos gedehnten n und der ersten n - Steigerung ein. Dieser regere umlaut
konnte wol eintreten, nachdem ä zu eä geworden und das gefülil für e
als umlaut des letzteren getrübt war. In i) läge also das bestreben,
den umlaut c als der u- reihe angehörig zu bezeichnen. Dass diese y
bisweilen im nags. nach e zurückgehen , ist höchst auffallend , und lässt
vermuten, dass die ausspräche derselben den e sehr nahe stand. Eine
zweite erklärung legt nicht sowohl der laut als das lautzeichen nahe.
Die ags. brechung ea , die ich ganz anders entstanden glaube als Grimm
annimmt, ist ursprünglich a und hat, wie <e, den umlaut e. Da dies
sich aber lautlich zu wenig von m unterscheidet, so schreitet der umlaut
in der eingeschlagenen richtung weiter und wird zu hellerem i- laute,
den man schlecht genug mit y bezeichnet: ags. feallan fallen, fellan
fyllan fällen, alts. fallan fellian^ ahd. fallan fallian, altn. faUa fella.
Die Umlautbezeichnung der kurzen brechung ea wurde auf eä übertragen
und so entstand // aus y.
Von den mehrfachen Suffixen kann man absehen, weil in densel-
ben verschiedene einwirkungen liegen können. Die resultate vorstehen-
der bemerkungen würden sein: 1) got. äu wird im ags. eä, e und y;
i und ie sind unorthographisch. — 2) Ags. eä entwickelt sich: äu, ä,
id eä, e, (B. — 3) Ags. e ist selten der aus eä zusammengeflossene
laut, gewöhnlich der umlaut von eä. - 4) Ags. // ist der bewuste
umlaut der ersten m - Steigerung und dringt in die zweite Steigerung vor.
EISENACH. C. FR. KOCH.
DER STOECH,
nach scliweizerischem Volksglauben.
Dass der storch in den deutschen kantonen der Schweiz nicht bloss
ein gesetzlich befriedetes, sondern auch auf gemeindekosten verpflegtes
thier gewesen ist, darüber haben die Aargauer sagen und das Aleman-
nische kinderlied schon eine reihe beweisender meinungen und brauche
veröffentlicht. Zu den betreifenden abschnitten dieser beiden werke folgt
hier eine nachlese, durchaus auf dem von uns persönlich durchforschten
gebiete zwischen der Reuss, der Aare und dem Ehein erhoben.
Die kinder der stadt Lenzburg behaupten von dem in ihrem orte
herkömmlich bauenden storche , er werde auf stadtkosten mit äpfelschnitzen
und dürrobst gefüttert. Demjenigen, der im dorfe Boswil im Freienamte
nistet, hat man auf dortige gemeindekosten das rad zum neste machen
lassen. Als im dorfe Schöftland das männchen des dorten nistenden
DER STORCH 345
paares vom jähre 1843-47 überwinterte, so verbreitete sich hier die
meiniing unter dem volke , das thier werde mit fleisch gefüttert und die-
ses aus den zinsen eines legates beschaift, das von einer alten gräfin auf
dem dortigen schlösse Kued einst in hungerjahren und für den fall
gemacht worden sei , dass der storch sein futter nicht selbst mehr finden
würde. Dieser alte einheimisch gewordene storch starb dorten im jähre
48. Wer zu Brittnau, im bezirke Zofingen, ehemals auf einen storch
schoss, den konnte das dorfgericht in eine busse von 140 francs alter
Währung verfallen. Ein gutsbesitzer daselbst fand einen angeschossen,
dem das linke bein entzwei war. Der mann wüste es ihm zu schindeln,
das thier wurde wider heil und marschierte stelzbeinig jenes jähr bis
zur abreise bei ihm herum. Früher besass jenes dorf zweierlei alljähr-
lich besuchte Storchennester, eines auf dem satteldache des kirchthur-
mes, das andere auf einem bauernhause, das seither umgebaut und nun
von den storchen nicht weiter mehr bewohnt worden ist. Die thiere
trafen dorten zu ende Februars an Petri stuhlfeier ein und zogen wider
ab, wenn sie die ersten emdschöchlein sahen, d. h. zu anfang Septem-
bers, wo man die letzte wiesenmahd schobert. Erschienen sie im früh-
jahre auf jenem bauernhause , so begrüsste sie der hausherr mit Verbeu-
gungen und in der Voraussetzung, Gott, der diese thiere so sichtbar
schütze , schicke ihm mit ihnen glück zu. Dem abziehenden storch band
er einst einen zettel an mit der schriftlichen frage: Wo ziehen denn die
storche hin? Nächstes frühjahr kam das thier mit einem ähnlichen zet-
tel, worin zu lesen war:
In India
Hend die störe junge g'ha.
Dieselbe anekdote lautet im aargauer Kulmerthale also. Als man
dorten dem wanderstorch einen zettel um den fuss gehangen mit der
drauf stehenden bitte, der mann, bei dem er in der fremde baue, möchte
den namen seines landes darunter setzen , lautete es auf dem wider mit-
gebrachten zettel:
Z'Ostindia im goldige hüs
flüget d'store in und üs.
Wir beabsichtigen damit nicht etwas neues, sondern umgekehrt
etwas recht uraltes vorzubringen. Schon im 13. Jahrhundert erzählt
Cäsarius von Heisterbach in seinen dialogen X, 59 von einem hausbe-
sitzer, welcher seiner wegziehenden hausschwalbe einen zettel anbindet
mit der aufschrift: schwalbe, wo wohnst du diesen winter? Als sie im
frühjahr widerkehrt, hat sie einen andern zettel um mit der aufschrift:
In Asien im hause des Petrus. Nach der französischen rockenphiloso-
346 ROCHHOLZ
pliie, evangiles des queuoiiillcs , pag. 94 ist der berg Siuai der «törche
lieimat, wo sie entzaii])ort als menschen leben. Clais von Brügge, der
dahin nach dem Kathariuenkloster gewallfahrtet war und seine mitrei-
senden pilger alle durch den tod verloren hatte, redete in seiner ver-
lassenlieit einen storch in vlämischer spräche an; dieser antwortete ihm
auf der stelle vlämisch , zeigte ihm den weg und erzählte , dass er jedes
jähr zu Brügge auf seines nachbars hause baue. Clais bat den storch
um gewisse Wahrzeichen hiefür, damit er ihm einst, wenn er selbst
wider heimkehre, dorten für seine gute dankbar sein könne. Der storch
zog einen goldring hervor, den er auf dem Trierer hausplatze aufgele-
sen hatte, und sobald Clais diesen sah, erkannte er ihn wider, denn es
war sein hochzeitsriug gewesen , als er sein weib Mal - CengUe (die
übelberiugte) geheiratet hatte. Der storch übergab ihm denselben unter
der bedingung, dass er den seh weine- und kuhhirten verböte, ihn fer-
nerhin so sehr in seinem neste zu plagen. Nachdem mein oheim, „mou
tayon," ihm dies zugesagt, reiste derselbe nach Brügge heim, wo er von
da an so gut lebte, dass er 14 eilen umfang hatte, als er starb. Stö-
ber, Elsäss. volksbüchlein 1859. 1, s. 165. Auch dieses kleinod, das
hier der storch verschenkt, hat in der sage seine mehrfachen anwendun-
gen gefunden und wird schon in Aelians erzählungen von den thieren
lib. 8 , cap. 21 einer wittwe von Tarent zu theil. Man vergleiche das
einschlägige im Alemannischen kinderliede, pag. 86. Jenen edelstein,
der lange auf dem hochaltare des klosters Egmont zu sehen gewesen,
des nachts in seinem eignen Schimmer leuchtend, hatte einst ein storch
einem weibe in den schoss geworfen zum danke , dass sie ihm das kranke
bein verbunden und ihn gefüttert hatte , bis er wider heil geworden war.
Wolf, niederländ. sagen nr. 41.
Aus diesen sagenzügen leuchtet bereits die milde Schonung her-
vor, die in der vorzeit dem thiere zu theil wurde, sie lässt sich aber
auch förmlich aus geschichtlichen Zeugnissen und statutarrechten nach-
weisen, die bei weitem älter sind als unsre thierschutzvereine. Im Send-
schreiben des Aeneas Sylvius, erlassen während des Basler kircheucon-
cils 1438 an den kardinal Julian de St. Angeli, wird in der Schilderung
der Stadt Basel folgendes hervorgehoben : Auf den dachgiebebi nisten die
storche und äzen ihre jungen, diese heimat ist eine ihnen besonders
zuträgliche. Niemand thut ihnen etwas zu leid. Sie können frei gehen
und wider kommen, denn die Basler pflegen zu sagen, wenn man den
storchen die jungen nähme , so brächten sie feuer in die häuser. — Die
Stadt Lucern, die wegen der zahlreich dorten nistenden storche bei den
nachbarn das hölzerne storchennestlein geheissen war, enthält in ihrem
ratsprotokoll von 160() folgende einzeichuuug : „Als dann von altem har
DER STORCH
347
mid von imsern Altvordern ein Gesatz und Statutum gehalten, aber his-
haro nit yngeschrihen, jedoch nüt desto minder darob gehalten wor-
den und dietibertretter darumh gestraft: dass man die Storchen in unser ^
Statt schirmen und Jceinestvegs beleidigen soll etc.: So hand MGherren
söllich alt Tradition und Harlmmmen uf hüte widerumb ernüweret und
durch ein offenen Ruf menigJdichen tvarnen lassen, dass nöchmolen nie-
mand einiehen Storchen, tveder jung noch alt, weder innert noch ussert
der Statt, ■weder in noch ussert den Nestern , weder schiessen, noch sonst
plagen, jagen, noch beleidigen oder ussnemen solle , by 10 Gulden Busse.''''
Kas. Pfyffer, geschichte von Luzem 1, 312. Bei einem im jähre 1613
daselbst erfolgten brande schlug die flamme zu einem storchenneste
empor. Der alte blieb auf seiner brut sitzen und wollte eher umkom-
men, als diese verlassen. Voll erbarmen stiegen die leute hinauf, trie-
ben ihn aus dem schon brennenden neste, bereiteten ein neues, und die
storchenmutter kehrte dahin zu den jungen zurück. Melch. Schuler,
Sitten und thaten der Eidgenossen (nach Cysat) 3 , 377.
Hier mag eine reihe wirthschaftlicher , aus dem volksmunde auf-
gesammelter erbsätze ihre stelle finden.
Kommt der storch beschmutzt und graugefiedert ins land gezogen,
so deutet dies auf eine missernte.
Er verkündet fruchtbares jähr, wenn er auf einen kornspeicher oder
eine mühle sich niederlässt.
Bleibt er nah vor einem wohnhause stehen, so folgt Sturmwind
und abermaliger frost.
Streckt er den hals lang und gerade vor sich hin, so erfolgt ein
Unglück.
Je später die storche , um so später der frühling , um so magerer
die ernte.
Hat er auf einem hause zu nisten begonnen und zieht plötzlich auf
ein anderes um, so bricht in jenem entweder hausstreit oder feuer aus.
Aehnliches gilt auch von den standbienen.
Bricht man ihm das nest von der strohfirst ab, so bringt er glü-
hende kohlen ins dach getragen.
Baut er sein voriges uest nicht wider am gleichen dache, so Avird
dieses bei der nächsten brunst mit abbrennen.
So lang ein storchenpaar auf einem hause baut , ist dieses vor l)litz-
schlag sicher.
Geräth die first in brand, auf der die störchin ihre nocli niclit flüg-
gen jungen hat, so fliegt sie zum nächsten bach, macht die flügel was-
serschwer und bespritzt damit nest und junge.
3-48 ROCHHOLZ
Sitzt dor 11(^1 ankomnioiule storch schon um drei ulii- morgens klap-
pernd auf dem dache, so gibts hier bald eine taufe; wird in der fami-
Jie ein kind geboren, so sagt mau. der storch hat es im Schnabel aus
dem dorfbaclie geholt.
Die Jungfrau, die im frühling den ersten storch erblickt und nicht
zugleich die Störchin mit, kann noch ein weiteres jähr auf den ehemann
warten.
Wer vom gesinde zuerst den frühlingsstorch im neste erblickt, dor
wird das ganze jähr hindurch „gemach," langsam, sein; das gegenteil
aber, wer ihn im finge zuerst erblickt.
Wer ihn zu allererst erblickt und willkommen geheissen hat, dem
thut das jähr über kein zahn weh.
Wenn er eines seiner eier nicht ausbrütet, so stirbt einer der höch-
sten im lande. (Scheint ein Wortspiel über den hochgebornen zu* sein.)
Im märz muss er die erstlinge gott verehren und dem mietsherrn;
allzeit wirft er den erstgebornen aus dem neste, dem wirte zum zins,
der ihm das haus leiht.
Die storche verstehen zu zählen; sie dulden keine ungerade zahl
und werfen das dritte und fünfte der brut aus dem neste.
Dieser herabgeworfue nestliug wird gepflückt und in einem topfe
gepulvert ; damit heilt man gliederlähmung. „ Der fuchs ohne lunge,
der storch ohne zunge, die taube ohne galle hilft für die 77 fieber alle."
Der storch ist allwissend. Wer übles von ihm redet, ihii etwa
einen bienendieb schilt, dem bringt er ein ungeschaffnes kind in die.
wiege.
Er liegt im streit mit dem storch , ist eine spottphrase über waden-
lose dürre hagestolze. Ihre kahle hochbeinigkeit und andauernde kinder-
losigkeit wird damit zugleich verhöhnt; denn der storch heisst fränkisch
Stiegelbein, schweizerisch storeheini, französisch long-herry, belgisch
magerhein. Junius, nomenclator 470.
Man hat der Störchin einmal ihre eier weggethan und dafür hüh-
nereier eingelegt. Als die küchleiu ausschlüpften, erhob der storch ein
endloses geklapper. Darauf kamen alle storche der umgegend herbei,
betrachteten mitklappernd die ungebürliche bescherung und töteten die
Störchin als vermeintliche ehebrecherin.
Wenn .der storch des abends mit aufwärts gekehrtem Schnabel
klappernd im neste steht, so heisst es davon am untern lauf der Aare,
er spreche sein abendgebet. Damit stimmt ein satz aus C. Gessners
thierbuch überein (Von den vögeln, römisch 231): „die Storeken klopfend
mit jrem schnahel, vnd mit demselbigen getan verkündend sy den Som-
mer, grütsend damit jren eegemaJiel vnd sagend Gott loh vnd danck."-
DRE STORCH 249
üeberall galt des Storches frömmigkeit ; die Araber sagen von ihm, er
sei ein marabut gewesen (Maunhardt, mytheu 523), und nach Aelian
(naturgesch. der thiere 3, 23) verwandelt er sich auf den inseln des-
Oceans in einen frommen menschen.
In mehreren deutschen landschaften bestand im vorigen Jahrhun-
dert der örtliche brauch , dass der thurmAvächter die jährliche aukunft des
ersten Storches vom thurme herab anblies und dafür sein festgesetztes
trinkgeld empfieug. In einer bescheiniguug vom l.märzl7U4 heisst es:
dass uns beiden bei ankunft des Storches der Oberkellner zu vertrinken
zngestellet einen reichsthaler , bescheint: der thürmer und der schloss-
corporal. Bibra, Journal v. und f. Deutschi, 1784, 423. Diese sitte,
als eine in der stadt Zürich noch später üblich gewesene , schildert Hans
M. Usteri in seinem gedieht frühlingsboteu (alpenrosen , jahrg. 17,
s. 51):
Was schallt durch alle Strassen , horch !
Der storch, der storch!
Und stattlich tritt auf den altau
Der Stadttrompeter und fängt da an
Zu blasen aus wahrer herzenslust.
Es eilt sein weib im schnellsten sprung,
Zu holen den köstlichen ehrentrunk,
Den der stadtkellner seit alter zeit
Ihr für die frohe botschaft beut.
Für die städtischen schulen war dies zugleich der termin, den
Unterricht zu schliessen, der vormals nur über winter dauerte und mit
Ostern aufhörte. Die kinder verbreiteten die frülilingsbotschaft durch
die Strassen und empfiengeu dafür kleine geschenke. Wolfg. Franz in
seiner animalium historia sacra (Ämstelodami 1653, 271) führt das
gelegenheitssprüchlein an: Noteüir Homeri versiculus, quem solent reci-
tari , qui primi vident novam ciconiam , tempore veris :
Da mihi munus pro lato nuntio, quia venit ciconia verna.
Wir schliessen mit solchen kindersprüchen aus dem Aargau, in
denen das Mnd vom bauern roggen, vom müller mehl, vom becker
wecken dafür empfängt, dasf^ es die sträusschen und kränzlein umher-
trägt, die es dem frühlingsstorch gewunden hat.
Storch , storch , schnibelschnabel,
mit der lange ofegabcl,
flüg mer übers beckehüs,
nimm mer nu drü wecke drüs.
300
mir ei's, dir ci's
und de böse bliebe keis.
Storch, storch, schnibelschnabel,
wenn du wottist in himmel falire
hüt oder morn:
so bring e sack voll chorii.
wenn de rogge rifet,
wenn de müUer pfifet,
wenn de beck
keis brod meh hett,
so gang zum vetter und bäsli
und hau-ene ei's üfs näsli.
Store Store langebei,
trag mi uf der leitere hei!
säg mer, was der schuldig bi?
Drütüsig giildi.
Ha der fern es chränzli gmacht,
mach der hü'r es strüssli:
rolle rolle hüsli.
AARAU. E. L. ROCHHOLZ.
ORIGINAL LETTER BY RUD. WECKHERLIN.
(harl. ms. 7000.)
Mylord was at Theobalds with the King, and readie to take coach
to -goe to see liis Ladie in Siiffolke, wlien he received a pacqiiet from
you with an other enclosed for the Dutchesse of Tremouille. Therefore
having not leasure to write himself, he hath commanded me to acqiiaiut.
you with the cause, and from him to assure you that his Ma*'' is
very well content at your diligence, which, because his Ma**" takes
often the paines to see it himself in yo' Letters, Mylord will pray you
still to continue the more carefully. You will herewith receive a slight
relation of the Princes [Charles IIJ Baptisme, which though it passed
but very privatly, yet was it performed with much deceucy. But if
the relation is somewhat too dry , you niay know , that the Heraids have
not given us any better: And therefore your owne understanding can
easily mend this, and use it as yo'' discretion shall linde it fitt. Other
newes we have not, but tliat tlie King beginnes his progresse on Wed-
EIN BRIEF WECKHERKINS 351
nesday next, going then with the Queene to Nonesucli, where her Ma*"
inteuds to stay one moneth, and the King to goe further, the Prince
remaining at S* James , imder the care of the Coiintesse of Dorset (the
Queenes Lo'' Chamberlane his Ladie) and gard of some other persons,
so that there is no feare of danger, although the infection here doe at
this hote season rather increase then cease. The Dutchesse of Tre-
mouille is going a while into the Countrie, and Mons'' de Beaulieu,
with his Ma*^ leave , will keepe her Company. If yoii can finde me use-
full in yo"' Service, I pray you to command
Your very loving frend and servant
Weckherlin.
Whitehall, this 12 of July, 1630.
To Henry de Vie, Esq.
Der vorstehende brief Weckherlins ist nach der ansieht des herrn
William Brenchley Rye in London, der denselben copiert und mir zum
geschenk gemacht hat, „an excellent specimen of the very good com-
position and writing of this celebrated mau, and shows in what esti-
mation he was held at the Court of England in Charles I's reign."
„Mylord" — so fügt herr Rye zur erläuterung hinzu — „is Viscount
Dorchester (Sir Dudley Carleton) to whom he was at that time Secre-
tary. "
Bei der geringen zugänglichkeit kostspieliger englischer bücher wird
es hier am orte sein , einmal kurz die früher unbekannten thatsachen aus
Weckherlins leben zusammen zu stellen , welche durch herrn Rye in sei-
nem vortreiflichen buche „ England as seen by foreigners in the days of
Elizabeth and James the first, London 1865" zuerst bekannt gemacht
wurden.
Das wichtigste ist p. CXXV und CXXVI zusammengestellt:
„In the ,Calendars of State Papers,' we find him, in 1628, Secre-
tary to Lord Conway; in 1629^ — 1631, Secretary to Viscount Dorche-
ster (Dudley Carleton); and in 1633 — 4 Mr. „Wackerley" is named
Secretary to .Sir John Coke. On February 20, 1631, he presents a Peti-
tion to the King, in which he tj-usts his Majesty will vouchsafe him
some gracious acknowledgment of his Services , lest he undo himself and
his family thereby. Meanwhile he is enforced to crave some ,refreshing
in this hard time.' He therefore prays for a patent in reversion, for
thirty - one years , for printing certain books named , whereby he may get
some small recompense, as the footman did, by letting the same
grant to the Stationers' Company. His request was granted, for in
Rymer (VIH. pt. 3, p. 170), is printed a Special License and Privilege
under Writ of l*rivy Seal, 7\pril 5, 1631, to , George llodolphe Weck-
352 HfEPPNER
licrliu, esquire — to print or cause to he printed, utter, seil or sett
forth to sale theis Bookes particulaiiy mentioned, i. e. Catonis Disti-
cha; Pub. Terentii Comedie, Esopi Fabule, Pub. Virgilii
Maronis Opera, Ciceroiiis Opera, Ovidii Opera, Corderii
Colloquia, Pueriles Seutencie et Confabulationes, Lud.
Vivis Colloquia, Egloge Mantuani et Epistole Sturmii,
for the tenn of 31 j^ears, in consideration of the good and faithfull Ser-
vice of the Said George Rodolphe Weckherlin heretofore done unto us,'
In 1642 he was employed by Charles I in more serious and weighty
matters, for we find him receiving as much as f 20 ,for a forraiue
dispatch.' (Ashburnham's Narrative, vol. 2. Appendix XXVI.)"
Herr Rye hat diese sehr schätzbaren notizen durch ein wort
der aufklärung über die Stellung, in welcher unser dichter zur behand-
lung von „ more serious and weighty matters " gekommen , nicht vervoll-
ständigen wollen. Schon die datierung der amsterdamer ausgäbe der
gedichte von 1641 vom „letzten tag herbstmonaths an dem könig-
lichen hof in Engelland" weist auf eine vornehmere Stellung und
ein näheres Verhältnis zum könige hin, das aus der amsterdamer ausgäbe
von 1648, s. 650 genauer zu bestimmen ist. Hier nämlich begegnet
uns ein gedieht aus der feder des pfalzgrafen Carl Ludwig, womit dieser
herr im jähre 1646 den alten, um seine sache hoch verdienten dichter
unter Übersendung eines pokales begrüsste. Dieses gedieht, von dessen
Inhalt, wie bedeutend er auch die thätigkeit des dichters auf diploma-
tischem felde erscheinen lässt, wir hier ganz absehen dürfen, ist über-
schrieben: „An H. Weckerlin. beeder königreichen in Gross Britannien
rahts secretary." Nun war Carl Ludwig über beruf, rang und titel seines
alten Weckherlin sicher aufs beste orientiert und durch den abdruck
dieser adresse in der von ihm selbst besorgten ausgäbe der gedichte
liat- der dichter dieselbe über jeden zweifei hinaus beglaubigt. Zum glück
aber bedürfen wir kaum noch dieser erwägungen, denn aus den Original
Papers illustrative of the Life and Writings of John Milton . . . now first
published from Mss. in the State Paper Office . . by W. Douglas Hamil-
ton. Printed for the Camden Society 1859 ersehen wir, dass der „Rahts
Secretary" die stelle eines „foreign or Latin secretary to the Council of
State" inne hatte, dass er diesen posten , wenn nicht schon früher , sicher
mit einführung der republik verloren, dass ihm am 15. märz 1649
darin kein geringerer als der weltberülimte Milton gefolgt, und dass dem
letzteren bei seiner anstellung die ausdrückliche Zusicherung gegeben
worden, „that he have the same salary which Mr. Weckherlyn formerly
had for the same Service" (vgl. das genannte werk p. 15). In Miltons
lebensgeschichte aber erzählt man uns, dass das jährliche gehalt der
EIN BRIEF WECKHERLINS 353
stelle etwa 300 pfuud Sterling betrug und danach hat Weckherlin eme
höhe des äusseiiichen daseins erstiegen , wie nur gar wenigen seiner deut-
schen brüder in Apoll gelungen ist.
üeber Weckherlins Myrta, von der so viel sicher, dass sie eine
engländerin gewesen (vgl. meine schrift Weckherlins öden und gesänge
s. .30), macht herr Eye uns keine mitteilungen ; eine sehr dankenswerte
aber — dankenswert, weil auch sie uns den lebenskreis des interessan-
ten mannes verständlicher macht — über des dichters tochter Elisabeth.
Diese war, nach p. CXXXI des angeführten werkes, „the first wife of
William Trumbull, Esq. of Easthamstead , Berkshire, son of the Agent
for James I and Charles I in the Low Countries. She was mother to
the noted Sir William Trumbull, the friend of Pope." Sicherlich keine
gewöhnliche frau; in ihrer ersten Jugend nach des vaters eigenen werten
ein „Wunderkind," das drei jähre alt bereits lesen gekonnt (Gedd. amst.
ausg. V. 1648, s. 828).
Endlich hat herr Eye das verdienst, das datum von Weckherlins
tod festgestellt zu haben. Bisher hat hierüber völlige Unklarheit geherscht.
„But this date may be corrected by the inscription on Faithorne's fine
Portrait of the poet, which he engraved after a painting by Mytens , rea-
ding as follows :
„Georgius Eodolphus Weckherlin , an" aet. 50. Natus 14 Sept. 1584:
Denatus 13 Feb. 1653. Aet. 69."
On the top of the oval are bis arms — a beehive." (1. 1. p. CXXXII).
BRESLAU. E. ilOEPPNEK.
ZU SCHILLERS TELL.
Dass Schiller in seinem Teil Tschudis chronicon helveticum viel
benutzt und öfters stellen daraus fast wörtlich aufgenommen hat, ist
bekannt ; Joach. Meyer hat in seiner schrift , Schillers Teil auf seine quel-
len zurückgeführt u. s. w. Nürnberg 1840, das einzelne nachgewiesen.
Noch nicht bemerkt scheint aber, dass Schiller in der erzählung von
Teils rettung durch misverständnis von Tschudis werten ein neues woi't
geschaffen hat. Er sagt
schrie ich den knechten, handlich zuzugehu,
bis dass wir vor die felseuplatte kämen;
dort, rief ich, sei das ärgste übcrstaudeu.
Tschudis werte aber sind 1 , 239 : schry den knechten su dass sie hant-
lich ziigind, hiss man für dieselh Blatten käme, wann sie hauend
dann das lösist überwunden. Das object zu ziehen (nämlich : die rüder)
ZEITSCHK. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE, 23
354 J^NICKE, zu SCHILLERS TELL
ist hier zu ergänzen, wie Nib. 1503, 4 doch zoch vil krefteclkhe des
künic Günther es man. Etterlin, der mit Tschudi vielfach übereinstimmt,
weil beide den bericht über Teil aus der gleichen quelle schöpften (s.
Germania 13, 57), erzählt mit folgenden werten (Wackernagel leseb. III,
1 , 73) dass sy alle vast süyent hiss das sy für die hlatten hoement. Dann
wan sy dar für kcement, so hettent sy das hoest überwunden , Also zugent
sy alle vast.
Ein paar Zeilen vorher heist es
so ward ich meiner bände los und stand
am Steuerruder und fuhi* redlich hin.
Tschudi und Etterlin haben richtiger „Also ward Er uffgehunden, stund
an das Stürruder {an die stüre Etterlin) und für redlich dahin."
WRIEZEN. OSKAR JJENICKE.
MISCELLEN UND LITTERATUE.
BERICHT ÜBER DIE VERHANDLUNGEN DER GERMANISTISCHEN SECTION
DER XXVI. PHILOLOGENVERSAMMLUNG ZU WÜRZBURG.
ERSTE SITZUNG (aM 1. OCT. 1868 VORM. 9 — 12 UHR).
Prof. dr. D a h u aus Würzburg , der provisorisch das präsidium übernommen hatte,
eröffnete die Versammlung und schlug zum Vorsitzenden dr. Hildebrand aus Leip-
zig vor, und da dieser ablehnte, wurde prof. dr. Creizenach aus Frankfurt a. M.
gewählt. Zu Schriftführern wurden ernannt dr. A. Köhler aus Dresden und dr.
L. Bossler aus Darmstadt.
Der Vorsitzende leitete die Verhandlungen ein durch einen nachruf an
F. Pfeiffer und betonte hauptsächlich dessen Verdienste um einführung der germani-
stischen Wissenschaften in schule und leben: hieran knüpfte er die mahnung zur Ver-
söhnlichkeit zwischen den streitenden parteien, wozu dr. Hildebrand bemerkte,
dass nach Pfeiffers tode die vollkommene aussöhnung erfolgt sei.
Nachdem prof. dr. M a s s m a n n hieran noch einige persönliche erinnerungen
an Pfeiffer geknüpft hatte , berichtete er über die ergebnisse seiner letzten reise nach
Italien in bezug auf die von ihm dort eingesehenen handschriften des Vulfila in Mai-
land und Turin, von denen die letztere geringe bruchstücke der briefe an die Galater
und Colosser enthält, welche in dem einen codex in Mailand fehlen und jedenfalls
nach dem jähre 1461 aus demselben herausgerissen worden sind.
Nach einigen geschäftlichen mitteilungen sprach dann der Vorsitzende den
wünsch aus, dass die deutschen Wörterbücher künftig mehr rücksicht nehmen möch-
ten auf Urkunden , namentlich solche geschäftlichen stils. Da dr. Kaufmann aus
Wertheim und dr. Barak aus Donaueschingen die initteilung- machten, dass prof. dr.
Lexer mit bearbeitung eines solchen Wörterbuches beschäftigt sei, so wurde die von
dem Vorsitzenden aufgeworfene frage , ob die Versammlung zu einem derartigen unter-
nehmen ermuntere und direct dazu anregen wolle, in die zweite sectionssitzung ver-
wiesen.
PHILOLOGENVERSAMMLDNG ZU WÜIIZBURG 355
Hierauf sprach dr. Hildebraiul über den schon von Hebel in der vorrede zu
seinen gedichten erwähnten gebrauch des nominativs für den accusativ im alemannischen
dialecte und fand hierin, da Barak diesen gebrauch für das ganze alemannische
gebiet bestätigte, prof. dr. Holland aus Tübingen ihn aber für das eigentliche
Schwaben entschieden in abrede stellte , einen wichtigen unterschied zwischen schwä-
bischem und alemannischem dialecte. Dieselbe erscheinung, die sich nach prof. dr.
Koch durch eine gewisse erhärtung und erstarrung erklären lässt, findet sich auch
am Niederrhein und , wie prof. de Vries bemerkte, im eigentlichen Holland. Danach
einer von dr. M. Eieger gemachten brieflichen mitteilung sie auch in Oberhessen, im
Odenwalde und an der Bergstrasse zu hause ist, so erkannte dr. Hilde br and in dem
auffallenden gebrauche des nominativs anstatt des accusativs eine dem ganzen Ehein-
lande eigentümliche erscheinung , die vielleicht als ,, rheinischer nominativ " zu bezeich-
nen wäre. Was sein alter betrifft , so findet er sich schon in der Pariser handschrift
des Walther von der Vogelweide („hiure müezens beide esel wid der yoitch gelioe-
ren") und noch früher in einer von J. Haupt herausgegebenen erklärung des hohen
liedes aus dem 12. Jahrhundert. Erklären Hesse sich dieser gebrauch wol aus dem
regen verkehr auf dem Eheinstrome, wozu prof. Dahn noch bemerkte, dass ja auch
in den bestimmungen über eheliches güterrecht den ganzen Rhein entlang eine auf-
fallende gleichheit stattfinde.
ZWEITE SITZUNG (aM 2. OCT. VORM. ^/^Q — 11 UHR).
Nachdem die Versammlung einige geschäftliche angelegenheiten erledigt hatte,
machte studienlehrer Schmidt aus Schweinfurt mitteilungen über handschriften aus
Memmingen , Tambach , Stuttgart , Gotha , welche zum theil in den besitz des vor-
tragenden übergegangen sind.
Dann sprach dr. Grein aus Cassel über die arbeiten, mit welchen er jetzt
beschäftigt ist, nämlich 1) Untersuchungen über die quellen des Heliand, wobei sich
namentlich ergab , dass Windisch den commentar Beda's zum Matthäus und Johan-
nes nicht verglichen hat, dass ferner die parallelstellen des Hrabanus Maurus und
Alkuin sich wesentlich vermehren lassen, dass der Heliand älter als 825 ist, und
endlich dass der Heliand mehr mit der Casseler handschrift des Tatian aus dem
9. Jahrhundert als mit der Münchener stimmt. 2) Eine bearbeitung der lateinischen
grammatik desÄlfric, wobei das interessanteste ist, dass turbo (der Avirbelwind) durch
das ganz unerklärbare v^ort poden glossiert wird, für welches wohl voden (althochdeutsch
ivuotan) zu lesen ist. 3) Eine neue bearbeitung der Vilmarschen schulgrammatik,
von welcher sich die metrik als zweiter theil in Vilmars nachlass vollständig vorge-
funden hat ; dagegen muss die wortbildungslehre von dem herausgeber durchaus neu
bearbeitet werden. — Prof. Behringer aus Würzburg gab hierauf noch weitere
bemerkungen über das Verhältnis des Victor von Capua und des dichters des Heliand
zu ihren quellen.
Bibliotheksassistent Keinz aus München knüpfte alsdann an eine vorgelegte
karte von Oberbaiern aus dem 8. Jahrhundert bemerkungen über die benennung bai-
rischer Ortschaften, namentlich über die etymologie des namens Tegernsee, welchen
er mit dem mundartlichen werte ,,Tef)el" (blauer lehm) in Verbindung brachte und
dabei an den ort Tegerschlag, der nach der amtlichen beschreibung des oberamts
Tübingen in einer lehmreichen gegcnd gelegen ist, erinnerte.
Der Vorsitzende kam hierauf auf seinen Vorschlag in betreif der rücksicht-
nahme der deutschen Wörterbücher auf die Urkunden zurück, und der nun anwesende
prof. dr. Lex er aus Wiirzburg erklärte sich bereit, nach l;eendigung anderer arbei-
23*
,'^ri(i PIHLOLOGENVKRSAMMLVNG ZV WÜRZBÜEG
ten, diejenigen für ein urkundenwürterlmch oder archivalisches glossarium fort zu
setzen, wobei er auf Unterstützung seitens der germanisten hofft. Dann sjirach er
den wünsch aus, dass Weinholds granimatik der deutschen mundarten fortgeführt
und die fortführung von der germanischen scction unterstützt werden solle. Ein
hierauf bezüglicher antrag wurde einstimmig angenommen.
Dr. Hildebrand verbreitete sich über die sitte des hutabnehmens beim
grüsseu , und es ergab sich, dass diese sitte wie so manche unserer heutigen höflich-
keitsforraen aus dem lehenswesen stammt und ein zeichen der wehrlosmachung sei-
ner selbst , der vollständigen ergebung und ergebenheit ist. Damit stimmt denn auch
die anrede ,, mein herr" und die bezeichnung ,,Dirdiener" überein. An diese bemer-
kungen schlössen sich noch weitere mitteilungeu und anfragen über deutsche sitten
und gebrauche, welche aus dem lehnswesen stammen.
Endlich machte der Vorsitzende die Versammlung noch aufmerksam auf das
bedenkliche mancher neueren forschungen und die dadurch hervorgerufene Unsicher-
heit beim praktischen unterrichte.
DRITTE SITZUNG (AM 3. OCT. , VORM. 8 UHR).
Zuerst berichtete director Piderit aus Hanau über mehrere im nachlass von
Vilmar befindliche arbeiten , deren druck von der Versammlung für erwünscht erklärt
wii-d: es ist dies, neben mehreren kleineren Fischartiana , namentlich eine kritische
bearbeitung von Fischarts Bienenkorb und ein bis jetzt wahrscheinlich noch nicht
abgedrucktes, kleines weihnachtsspiel aus dem 15. Jahrhundert.
Nach einigen geschäftlichen mitteilungen des Vorsitzenden wird derselbe
mit den Verhandlungen in betreff des Präsidiums der section bei der nächstjährigen
Philologenversammlung beauftragt und glaubt für Kiel prof. Weinhold als Präsiden-
ten und prof. Bartsch als vicepräsidenten vorschlagen zu dürfen. Darauf besprach er
diejenigen persönlichkeiten des mittelhochdeutschen dichterkreises , die zu Würzburg
in näherer beziehung stehen , und zwar , ohne auf Walther und Konrad näher einzu-
gehen, namentlich den jüdischen arzt und minnesänger Süsskind von Trimberg. Zum
beweise , dass Süsskind wirklich ein Jude gewesen , betonte er den lebhaften anteil,
mit welchem die Juden vom 13. bis zum 15. Jahrhundert sich der deutschen dichtung
zuwanten , und wie schon der name auf jüdische sitte hinweist. Dabei entwickelte
er, wie die Juden des mittelalters viererlei uamen geführt, darunter auch neu gebil-
dete deutsche , sprechende namen wie Süsskind , Liebermann u. a. Das bild Süsskinds
in der Pariser handschrift zeigt die im mittelalter übliche kopfbedeckung der Juden,
und ßndlich kann man auch aus seinen liedern selbst ohne zwang die Stellung erken-
nen, welche er im leben einnahm.
Nach einer halbstündigen pause wurde die sitzung nach ' .ill uhr wieder fort-
gesetzt durch einen Vortrag des dr. Hildebrand über die jüdisch- deutsche schöne
litteratur. Namentlich machte derselbe interessante mitteilungen über ein im besitze
des herrn dr. H. Lotze befindliches , im 16. Jahrhundert zu Basel mit hebräischen
lettern gedrucktes buch , welches ein episches gedieht , eine poetische bearbeitung der
bücher Samuelis in der nibelungenstrophe des 14. Jahrhunderts enthält. Aus dem
druck ergibt sich, dass es ein für die Juden bestimmtes gedieht eines Juden ist, und
der daraus entspringende gewinn ist nicht allein ein litterarischer, sondern auch ein
nationaler. Dr. Hildebrand entnahm den mitteilungen dr. Lotze's, dass es eine sehr
ausgedehnte litteratur jüdisch- deutscher, mit hebräischen lettern gedruckter bücher
gibt, alle von acht deutschem geiste und altertümlichem deutschtum durchweht. Er
GERLAND ÜB. TOBLER , WORTZUSAMMENSETZUNG 357
sprach sich daun noch schliesslich dahin aus, dass die Juden im mittelalter recht
eigentlich die träger der deutschen cidtur nach osten gewesen sind.
Xachdem der Vorsitzende das ausharren und zusammenwirken der Versamm-
lung hervorgehoben und mit dem wünsche: auf wolergehn, auf zusammenstehn , auf
wiedersehn die Verhandlungen geschlossen, dankte dr. Hildebrand im namen der
mitglieder dem präsidium und dem secretariate , und die Sitzungen der germanisti-
schen section endeten gegen ^ A2 uhr für dieses jähr mit dem allseitigen wünsch
eines Wiedersehens in Kiel.
DARMSTADT , DEN 14. OCTOBER 1867. DR. LUDWIG BOSSLER.
Ueber die Wortzusammensetzung nebst einem anhang über die ver-
'stärkenden Zusammensetzungen. Ein beitrag zur philosophi-
schen und vergleichenden Sprachwissenschaft von Ludivig' Tobler.
Berlin, Dümmler 1868. VI, 143s. (1 thlr.)
,, Nachdem ich," beginnt herr Tobler sein Vorwort, ,, in einer reihe von abhand-
lungen in Kuhns Zeitschrift und in der von Steinthal und Lazarus ao. verschiedenen
Spracherscheinungen versucht habe , empirische detailforschung mit philosophischer
ergründung zu verbinden, lege ich hier eine etwas grössere selbständige arbeit dieser
art vor. Dass der gegenständ derselben gerade die Zusammensetzung ist, hat kei-
nen besondern grund der auswahl , da ich die Überzeugung hege , es könne und sollte
jene methode fast an jedem gegenständ der Sprachwissenschaft in anwendung gebracht
und durchgeführt werden. Meine versuche in dieser richtung möchten nur beitrage
sein zur lösung einer aufgäbe, an welcher unsere zeit auch in anderen richtungen
arbeitet, beitrage zu einer immer lebendigeren Wechselwirkung zwischen philosophie
und einzelwissenschaften , in der ich das höchste ziel und einzige heil beider erblicke."
Nach diesen Worten muss, da der herr Verfasser selbst das hauptgewicht auf die
sprachphilosophische behandlung seines gegenständes legt, auch eine beurteilung des
büchleins hauptsächlich die darin angewante methode ins äuge fassen. Gleich hier
aber werden jedem leser der eben angeführten worte schwere bedenken aufsteigen.
Denn wie kann man ein so reiches und schwieriges gebiet sprachlicher forschung wie
das der composition ,, ohne besonderen grund der auswahl" zur probe einer metho-
dischen behandlung herbeiziehen und noch dazu nach Ferd. Justi, ohne besonderen
grund? Auf der anderen seite aber, wie kann man eine methode aufstellen, von
der man gleich selbst das unbehagliche gefühl hegt, dass sie nur an fast jedem
gegenständ der sprachAvissenschaft, also keineswegs überall, brauchbar ist? Gleich
hieraus zeigt sieh, wie wenig treu der Verfasser seiner eigenen methode bleibt. Er
will also , — was übrigens die Sprachwissenschaft schon seit langer zeit will und viel-
fach glänzend ausgeführt hat; daher es mindestens seltsam ist, wenn der Verfasser
an einem beliebig, ohne besonderen grund herausgenommenen ersten besten bci-
spiele eine methode zeigen will, nach welcher schon Wilhelm v. Humboldt, Steinthal,
Pott, Ewald und so viele andere niänner erstes ranges seit jähren gearbeitet haben
— der Verfasser will also empirische detailforschiTng mit philosophischer begründung
verbinden. Wie aber, wenn von empirischer detailforschung durch das ganze
buch nicht die rede ist? wenn herr Tobler alles, was er uns bringt, namentlich .Justi
und Grimm, aber auch Steinthal und Pott u. a. verdankt? Und wenn er doch n\ir
zu der reichlichen ernte jener männer einige selbständig gesanmielte ährenbüschel
oder wenigstens einige fcldblumen hinzu gethan liätte — aber bis ins einzelnste hinein
ist referent mir dingen begegnet, welche bei jenen gelehrten schon behandelt waren
,'j58 OERLAND
iiiul keineswegs vom verfiisser bericlitigt oder iuicli mir irgeiulwie ergänzt worden sind;
vielmehr lallt durch das ganze buch ein inangel an material störend auf. Ja der
Verfasser liilft sich , und gerade hei den punkten , über die man von einem neuen
buche über die Wortzusammensetzung belehrung und aufklärung zu erwarten berech-
tigt ist, weil jene Vorgänger sie noch fraglich gelassen haben, ohne irgend welche
entscheidung nut einem „wir massen uns darüber kein urtheil an" (s. 36), „das mag
dahin gestellt Ijleiben" (s. 57), „wie dem nun sei" (s. 66) hinweg, oder er stellt
die verschiedenen meinuugen neben einander ohne sich für irgend eine zu entschei-
den, wie z. b. beim status constructus (s. 19 — 20). Wahrhaft naiv aber tritt dies
verfaliren auf, wenn herr Tobler in der vorrede (VI) sagt, er habe mit sich über die
frage , ,, in welchem sinne und niasse auch für spätere zeit noch lebendige Zusammen-
setzung anzunehmen sei, auch in primären sprachen," eine frage, „deren beautwor-
tung ihm entscheidend für die auffassung mancher damit zusammenhangenden punkte,
aber zur stunde noch sehr schwer scheint" — er habe über diese frage nicht mit
sich einig Averden können. Und wartete und studierte nicht, bis ers war? und
schrieb doch?
Also mu|ß ganz entschieden der springende punkt seiner abhandlung nicht in
der forschuug, sondern in der philosophischen ergründung zu finden sein. Auch gut.
Er nahm ein schon oft behandeltes thema, Hess absichtlich alles im einzelnen schAvie-
rige bei seite, denn durch die streng methodische, durch die philosophische betrach-
tung fand sich so manches neue, schien der gegenständ in einem so durchaus ande-
ren oder jetzt erst klaren, kurz so lehrreichen licht —
So kann es allerdings bei gründlicher philosophischer betrachtung geschehen ; was
hat nicht Wilh. v. Humboldt aus der lehre vom dualis gemacht, und doch hat er im ein-
zelneu nicht das mindeste neue gegeben. Haben wir einen solchen gewinn nun auch
vom Toblerschen buche? Wir haben ihn nicht. So schwer es uns fällt, dies urteil
auszusprechen, wir können es nicht ziirückhalten : das buch hat wie keine forschung
so auch gar keine methode ; es tappt und tappt und kommt nirgends zu einem festen
ziel; es ist taub und leer nach philologischer wie nach philosophischer seite.
Ein beitrag nennt es sich auf dem titel, ein bei trag zur philosophischen
und vergleichenden Sprachwissenschaft in beziehung auf die Wortzusammensetzung,
Das kann doch , wenn der titel kein bloss prunkender , sondern ernstlich gemeinter
ist, nur heissen: wie die menschliche rede im allgemeinen die Wortzusammensetzung,
anwendet und auf welchen psychischen vergangen diese letztere beruht, das soll an
einer reihe von sprachen untersucht werden; es wird sich dadurch zeigen, zunächst
was wirkliche coraposition ist , dann welche sprachen sie besitzen , welche nicht , oder
bloss scheinbar, und was sie dafür haben; warum ferner jene sprachen composita
haben, diese nicht; auf welche weise ächte composition entsteht u. s, w. Nmi ver-
steht sich ja von selbst, kein mensch kann alle sprachen kennen; es kann auch nicht
jeder ein Pott an gelehrsamkeit sein ; aber man wird für die linguistische betrachtung
aus genauer und selbständiger durchforschung auch nur einzelner besonders wichtiger
sprachtypen schon reicliliches material gewinnen. Wichtig sind solche durchforschun-
gen auch kleinerer gebiete in jedem fall, denn andere können aus anderen theilen
der weit ihre resultate ergänzend hinzufügen, und wer wirklich selbständig einzelne
distrikte durchforscht hat, wird auch auf richtige und kritische art die resultate
anderer in abhandlungen eines weiteren umfanges verwerten können. Zugleich wird
hierdurch die Sprachwissenschaft wirklich zur lösung der einen grossen frage der
anthropologie das ihrige Ijeitragen: ist der menschliche geist wirklich ein einheit-
licher? oder muss man, wie man einen qualitativen unterschied annimt zwischen der
ÜB. TOBLEB, WORTZUSAMMENSETZUNG 359
seele des aflfen und des faulthiers , der säugetliiere und der reptilien , so auch die
seele des Negers für qualitativ verschieden halten von der des Indogermanen ?
Allerdings nimmt man die generelle und vollständige einheit und gleichartigkeit bei-
der gewöhnlich ohne weiteres an, jedoch ganz unberechtigt den forschungen der
neuereu naturwissenschaft und manchen anthropologischen behauptungen gegenüber;
und gerade die Sprachwissenschaft, deren aufgäbe es wäre, hier aufs thätigste zuzu-
greifen und die wichtigsten gründe entweder dafür oder dagegen zu liefern, schlüpft
meist mit staunenswerter Unbefangenheit und Sicherheit über diese frage hin. Von
solchen forschuugeu ist indes im vorligenden buche nichts zu finden. Zwar redet der
Verfasser über chinesische lautgruppierung und über mexicanische einverleibung , aber
nichts anderes, als was ein jeder schon längst aus Steinthals Charakteristik kennt.
Und warum gerade über diese beiden sprachen nur? boten nicht eine menge andere
gleichfalls höchst wichtige erscheinungen? z. b. die kaflferidiörae, welche, da sie
fast jedes wort als compositum erscheinen lassen, die Zusammensetzung wol gar als
formbildendes princip der spräche verwerten? oder das malaiopoljaiesische (einschliess-
lich des melanesischen) , dessen zahlreiche composita so wenig wie die der kaiferspra-
chen in jenen chinesischen und mexicanischen Spracherscheinungen ihre erklärung
finden? Warum hat der Verfasser weder sie noch anderes erwähnt, sondern nur chine-
sisch und mexicanisch? Nur deshalb, weil Justi diese beiden an sehr hervorragen-
der stelle erwähnt? man kann, bei der gänzlichen u.nselbständigkeit des Verfassers in
beziehung auf nicht flectierende sprachen den verdacht kaum unterdrücken.
Vor dem dilettantismus , sobald er selbständig schaifeud auftreten will, kann
in Wissenschaft und kunst nicht dringend genug gewarnt werden. Besonders not
thut ein solches warnen aber auf dem felde der linguistik, das im Verhältnis zu sei-
ner ungeheuren ausdehnung noch wenig betreten, nur allzusehr demselben preisgege-
ben ist. Was ists auch für ein kunststück, aus irgend einer transoceanischen gram-
matik, oder gar von so bequem servierter tafel wie Steinthals Charakteristik, einige
fertige schusseln für das eigene gastmahl zu verwerten? Und was thut herr Tobler
anders? es geht aus seinem buche zur genüge hervor, dass er weder übers chine-
sische noch übers mexicanische irgend welche eigene forschungen gemacht hat, denn
sonst gab er wol irgend ein eigenes resultat; und doch zieht er beides herbei, doch
belehrt er über beides; noch über irgend eine andere spräche, denn sonst würde er
sie erwähnen ; und doch schreibt er eine sprachphilosophische abhandlung ! Nichts
aber setzt eine neue Wissenschaft mehr in miscredit, als solch dilettantisches wesen;
wie kann denn das eine Wissenschaft sein, fragt der im strengen dienst anderer dis-
ciplinen stehende, was der erste beste nach gutdünken verwenden und wo das ober-
flächlichste darüberhinstreifen schon zu resultaten führen kann? Nur solche spra-
chen — das sollte erstes und unumstösslichstes gesetz sein — darf man zu linguisti-
scher vergleichung herbeiziehen , die man selbst genau kennt ; alles andere ist wissen-
schaftlich wertlos, überflüssige, ja schädliche Spielerei. Was würde man sagen,
wenn ein botaniker pflanzen zusammenstellen oder von einander trennen wollte nach
ihrer äusseren gestalt , etwa wie man im gewöhnlichen leben alles stachlicht - fleischige
kaktus benennt ? Und kann man bei vergleiehungen aus sprachen , die man nicht
kennt, anders urteilen als nach dem äusseren schein? Und wie der Verfasser nichts
von den flexionslosen sprachen versteht , eben so wenig können wir seine vergleichende
methode auf indogermanischem gebiet loben. Denn wenn die vorrede (VI) die deut-
sche spräche als den mittelpunkt der betrachtung ankündigt, von welchem aus sich
die anderen indogermanischen sprachen in verschiedenen abständen gruppieren sol-
len : so bemerkt man auch hier von einer methodischen gruppierung der einzelnen,
•}tiO OKRT.AND
von wirklich scharfer auffassung der iiuliviclucllen /üge auch nur einer spräche, von
historischer schihlerunj; der indogermanischen coniijosition — nichts, gar nichts.
Wenden wir uns nun zu der philoso])hic des Verfassers. Da .derselhe stofflich
nichts neues zu bringen hatte, so wäre es methodischer gewesen, eben weiter nichts
zu bringen, als die philosophische erklärung der coraposita. So aber beginnt die-
selbe erst s. 77 und zwar mit der „logischen betrachtung" dieser sprachgebilde.
Indes was wir daselbst über logik und logisch lesen, das, wir bekennen es, ist uns
vollständig unklar geblieben. Aber uns nicht allein : dem Verfasser nicht minder.
Denn er gesteht ja selbst auf derselben seite 77, dass grammatische kategorien sich
,,aus der logik nicht ableiten, sondern nur von ihrer band ordnen lassen;" oder auf
s, 83_84: .,dass die spräche olme rücksicht auf die logik — je nach besonderer
ansieht und absieht wählen kann''; ja er sieht sich s. 86 selbst genötigt, weil eben
,, logische" auffassung nicht ausreicht, grammatische kategorien herbeizuziehen —
das heisst denn doch, zu sehen wie weit man auch ohne logische construction zurecht
kommt. Auch wundern wir uns, wie herr Tobler dazu kommt, die spracherscheinun-
gcn durch logische principien erklären zu wollen, er, der in Kuhns zeitschr. 9, 275
ja selber sagt, dass man von tag zu tag mehr zu der „sehr fruchtbaren erkenntnis"
käme von der „zwischen spräche und logik gähnenden kluft." Logik lässt sich, wie
schon so oft ausgesprochen ist, zur erklärung der sprachgebilde nie anwenden, da
dieselben nicht auf logischem wege zu stände kommen, wol aber lassen sich hernach
die Sprachkategorien an der logik messen, eine thätigkeit , welche für die beurtei-
lung einer spräche von wert, für ihre geschichte und erklärung ganz bedeutungslos
ist. Der Verfasser gebraucht logik und logisch, ohne es zu merken, in zwei bedeu-
tungen ; einmal ist ihm logik die lehre von der richtigen Verknüpfung der begriffe ;
dann aber versteht er unter logik der spräche das Verhältnis der begriffe zu einander,
wie es die spräche als solche aufweist. Wie unsicher herrn Toblers philosophischer
Standpunkt auch sonst ist, verrät sich überall, schon durch sein fast ängstliches
umhertappen. So springt er , da ihn logik und psychologie nicht befriedigen , s. 95
gar zur metaphysik über. „Natürlich, heisst es daselbst, nehmen wir dies wort nur
in dem sinne, wie es auf die spräche überhaupt anwendung finden kann, nicht als ob
diese die objective beschaffenheit der dinge irgendwie unmittelbar darzustellen ver-
möchte, sondern nur insofern als sie eine eigene objectivität der auffassungsweise
innerhalb des geistes selbst begründet." Das kann doch weiter gar nichts heissen,
als jede spräche ist ein Individuum für sich und hat ihre eigene individuelle auffas-
sung. Gehört denn das in die philosophie ? und zweitens , wozu für so ganz einfache
dinge solche dunkelen und geschraubten Wendungen '? und di-ittens , welcher wesent-
liche unterschied ist denn zwischen dieser metaphysik und jener logik der spräche?
Aber dunkelheit des ausdrucks liebt der Verfasser auch sonst. So lese man, was er
s. 55 sagt, „dass überhaupt durch Zusammensetzung nicht bloss neue Wörter als
ganze aus zwei bestehenden gebildet werden, sondern auch neue theilwörter,
deren existenz von der Zusammensetzung nicht schon vorausgesetzt, sondern eigent-
lich anticipiert, oder selbst erst neu geschaffen wird, so dass hier das ganze frü-
her als ein theil gesetzt ist oder der theil wenigstens erst zugleich mit dem gan-
zen" — ein satz, der an dunkelheit nichts zu wünschen übrig lässt. Und wenn er
dann fortfährt: ,, fassen wir die sache weniger philosophisch paradox sondern rem
grammatisch": so erscheint es fast, als ob er in derartigen dunkelheiten das philo-
sophische erst recht eigentlich suchte.
Alle diese fehler kommen daher, dass der Verfasser nirgends in der philosophie
sicher zu haus ist, am allerwenigsten in der für seine zwecke so ganz unentbehr-
ÜB. TOBLEE , WORTZUSAMMENSETZUNG 361
liehen psycliologie. Denn sonst Avürde er nicht die bekanntesten dinge, wie compli-
cation , association , Verschmelzung erst weitläufig mit citaten aus Herbart und Dro-
bisch und gar nach „mündlichen mittheilungen " von Lazarus auseinandersetzen;
denn sonst spräche er nicht s. 77—78 von psj-chologischen maasstäben („wollte man
unmittelbar mit psj'chologischen maasstäben an den Wortschatz der Zusammensetzun-
gen herangehen , so würde man in der fülle und mannigfaltigkeit der einzelnen
erscheinungen sich leicht verlieren") — was ist das für ein ding, ein psychologi-
scher maasstab? Sonst hätte er überhaupt das wirklich psychologisch schwierige in
den raittelpunkt gestellt und von anfang und von grand aus seinen gegenständ psy-
chologisch betrachtet; sonst und hauptsächlich hätte er nicht seine ,, psychologische
betrachtung" s. 90 folgendermassen angefangen: ,,Wir erheben nunmehr die frage,
ob sich irgend welche psychologische begriffe darbieten oder auffinden lassen,
mit deren hilfe wir tiefer in das wesen der Zusammensetzung eindringen können.
Da diese im allgemeinen eine Verbindung zweier Vorstellungen zu irgend einem grad
von eiuheit ist, so werden wir auf das gebiet der sogenannten association hingewie-
sen und es wird sich darum handeln , ob sich die verschiedenen arten von Zusammen-
setzung in hinsieht auf uiotive und resultat der in ihnen enthaltenen Vorstellungen
auf allgemeine arten von associationen zurückführen lassen."
Man traut seinen äugen und obren kaum. Also dort treten zwei zu eins und hier
treten zwei zu eins zusammen: folglich — der löwe ist ein thier, der regemvurm ein
thier, folglich? folglich ist der löwe ein regenwurm? oder der regenwurm ein löwe? oii
yivtrccL xarcupuTixög avXloyia/.(6s 6iä tovtov toü a/ri/nctTog {tov ^svt^oov). ctlka
Trccrreg arfQrjTty.ol y.al ot y.a&ölov xal ol y.ctTu ,«j'()o.- sagt Aristoteles. Aber es kommt
noch schlimmer. Denn herr Tobler ist zu diesem falschen schluss dadurch verleitet,
dass er sich unter complication etwas ganz anderes denkt als die psychologie mit
dem Worte bezeichnet. Nicht jede beliebige Verbindung zweier begriff'e oder Vorstel-
lungen durch willkürliches denken heisst complication; vielmehr gehören die compli-
cationen zu den ersten unvrlllkürlichen , rein naturgemässen und in so fern mechani-
schen thätigkeiten der seele , auf welche ja vom ersten augenblick des lebens von
einander total verschiedene nervenreize (z. b. licht und schall) eindringen , so dass
sie genötigt ist, dies verschiedene scheinbar in einem vorstellungsakt zu percipieren
und als untrennbare vorstellungsreihe festzuhalten. Der Verfasser führt selbst und
mit recht das ding mit vielen merkmalen als beispiel an. Also die begriffe frau,
haus kommen durch complication zu stände, nimmermehr aber der begriff haus -frau,
der auf sehr später, sehr lockerer und ganz willkürlicher Verbindung zweier Vor-
stellungen beruht, denn sonst müste mit der Vorstellung frau auch die Vorstellung
haus unmittelbar gegeben sein. Auch ist ja das Verhältnis der einzelnen demente
einer complication (wie z. b. bei haus die Vorstellungen dach, wand, thür, fenster,
zimmer u. s. w. die demente sind) ein ganz anderes , als das der einzelnen theile eines
compositums: denn jene treten nicht mehr gesondert auf, und stehen einander
wesentlich gleich , während im compositum der eine bestandtheil der vorwiegende,
der andere nur der modificierendc ist.
Doch nicht bloss comi)lication, auch Verschmelzung und association muss her-
halten, natürlich ohne alles Verständnis ihrer psychologischen geltiing. Auf Ver-
schmelzung beruht herrn Tobler (nach der fast unbegreiflichen Zusammenstellung s. 93)
die ,, eigentliche Zusammensetzung bis zu theilweiser einschmelzung (!) des einen Wor-
tes " ; auf complication die „ zusammenfügung und die daraus entstehende uneigent-
liche Zusammensetzung;" auf association ,,die blosse zusammenrückung in ausspräche
und Schrift! "
362 QERLAMC
Doch aucli noch auf ilie erkläruiig von Verschmelzung und association und ähn-
liche olenientart'ragen einzugehen , wie es allerdings die psychologischen kenntnisse
dos Verfassers verlangten, verbietet uns der räum und die rücksicht auf die leser
dieser Zeitschrift. Wir fragen nur, wo bleibt aber bei solchen misverständnissen die
pliilosophische methodeV man kann doch ohne holz und steine keine häuser bauen!
So sitzt denn die philosophie in dem ganzen buche sehr lose oben auf, wie ein rock
der nicht recht passen will. Der Verfasser verfährt mit der psychologie , auf welcher
sein ganzes gebäude ruhen muste, gerade eben so äusserlich wie Schleicher mit der
morphologie und den naturwissenschaftlichen analogien (letzteres in seinem heftchen:
die Darwinsche theorie und die Sprachwissenschaft). Gewis, jede spräche ist als
notwendiges product einer zahl gleich organisierter naturwesen (das betreffende volk
zur zeit ihrer entstehung) natürlichen gesetzen unterworfen und wird von den natur-
wissenschaften viel lernen, sowie umgekehrt diesen mancherlei lehren können. Aber
gerade Aveil sie auf solchen gesetzen beruht, deshalb ist mit blossen analogien gar
nichts genützt , wie jene abhandlung von Schleicher zur genüge beweist. Noch schlim-
mer ist aber ein solches spielen mit äusserlichkeiten in bezug auf die psychologie.
Denn nur in so weit die spräche auf psychologischem boden steht, fällt sie (mecha-
nisches der lauterzeugung abgerechnet) ins bereich der natui'wissenschaften imd der
Philosophie. Philosophische methode in der Sprachforschung kann also nur darin beste-
hen, dass man zunächst jede Spracherscheinung auf ihre psychologische grundlage
zurückführt: hieraus fliesst alles. Denn da zeigt es sich, ob die Vorstellungen klar
und rein oder verworren und gemischt sind: da zeigt es sich, ob es die spräche ver-
mocht hat , sich von rein materieller Stoffbezeichnung zu formaler abstractiou , von
rein mechanischen und unwillkürlichen retlexlauten zu freier geistigkeit zu erheben.
Da nun logische tüchtigkeit ohne klare Vorstellungen nun und nimmer zu erreichen
ist: so ist auch mit dieser psychologischen erforschung der logische wert einer sprä-
che , d. h. die grössere oder geringere Unterstützung , welche die logischen Verknüpfun-
gen durch die spräche ohne zuthun des Individuums empfangen , dadurch so gut wie
bestimmt.
Wollte also der Verfasser die Wortzusammensetzung philosophisch erklären, so
muste er den psychischen process aufdecken, durch welchen z. b. in den indoger-
manischen sprachen oft so heterogene demente Avie haus und frau, lach(en) und
taube u. s. w. zusammentreten und eine neue worteinheit erzeugen konnten. Diese
bildungen werden, nach allen von Justi aufgestellten, wol so zu stände gekommen
sein -(um einmal kühn vorzugehen), dass man zuerst Vorstellungen, die man äusser-
lich zusammengehörig fand, auch äusserlich zusammenstellte: bis dann nach langem
gebrauch dem sprachgeist die idee aufgieng, dass manche von diesen Zusammenstel-
lungen selbst wider einen einheitlichen , neuen begriff darstellten , welche erkenntnis
sich in der nun entstehenden neuen wortformation refiectierte. Dieser process konnte
sich an verschiedenen theilen des Sprachgebietes ereignen; er konnte längere zeit
brauchen zu seiner fixierung ; er konnte aber auch bei anderen sprachen als den indo-
germam'schen und flectierenden eintreten. Wenn gleich dies nicht wahrscheinlich ist,
so war eine Untersuchung um so notwendiger , als durch eine solche erst die indo-
germanische Sprachbildung ins richtige licht tritt. Ferner war nun auf die einzelnen
sprachen genauer einzugehen und psychologisch zu entwickeln , warum z. b. das
hebräische, die romanischen sprachen so wenig neigung zur composition, andere spra-
chen eine Vorliebe für dieselbe hegen; und jede spräche war in den verschiedenen
epochen ihrer entwickelung zu untersuchen, so dass man ein bild der entwickeluug
jeder einzelnen spräche und ilires Verhältnisses zu anderen nach dieser seite hin
ÜB. TOBLEB, WORTZUSAMMENSETZUNG 363
empfieng. Fürs deutsche bietet Jac. Grimms abliaudlung über das pedantische , wel-
che der Verfasser nur einmal (s. 103) erwähnt, nur allzureiches ps}'chologisches mate-
rial, welches durchaus zu benutzen war. Dann aber musten auch die einzelnen und
namentlich die besonders merkwürdigen erscheinuugen psychologisch erklärt werden,
denn philosophische m e th o d e bezieht sich doch auf die ganze auffassung der spräche
und sprachlichen dinge. Nur einige beispiele seien gestattet: wie ungenügend ist
das , was der Verfasser über den status constructus des hebräischen sagt , indem er
ihn nur durch die Stellung von der composition verschieden sein lässt (s. 19)! Justi,
Ewald, Dietrich geben viel wesentlicheres. Psychologisch scheidet ersieh scharf durch
die ,, straffere" form des ersten Wortes von der (indogermanischen) composition. Denn
diese modificierte form reflectiert den modificierten begriff: bayifl- ]jaus wird zu be.9
dawi')', weil es nun nicht mehr haus im allgemeinen, sondern mit modification dieses
begriifs ein bestimmtes einzelnes haus bezeichnet. Das modificierende wort, dessen
sinn keine Veränderung erleidet, erhält auch sprachlich ganz seine form. Die indo-
germanische composition aber lässt den modificierten begriff ganz unverändert; doch
setzt sie das modificierende vor, bet-haus, ra^i-aQxog u. s. w. Und hier kommen
wir zu einem zweiten punkt , welcher dui'chaus und sehr gründlich und mit allen aus-
nahmen hätte psychologisch erklärt werden müssen ; warum stellen denn die indoger-
manischen sprachen immer das bestimmende wort voraus, das zu bestimmende nach?
Psychologisch oder auch logisch notwendig war diese Stellung doch gar nicht. Es
war dem referenten höchst interessant, eine zeit lang ein anderthalbjähriges gut
begabtes kind zu beobachten, welches, obwohl von täglicher lebhafter Unterhaltung
umgehen , die composita auf die umgekehrte weise bildete und thür - haus für hausthür,
öl-mandel für mandelöl sagte. Der psychologische process bei dieser ausdrucksweise
ist klar: dem kinde schwebte zunächst der hauptbegriflf vor, den es also zuerst
durch das wort reflectierte und erst in zweiter reihe der bestimmende nebenbegriff,
der deshalb nachfolgte. Eine solche ausdrucksweise scheint so natürlich — warum
hat sie das indogermanische hartnäckig verschmäht? und hat es dieselbe immer und
zu allen zeiten verschmäht, oder Hessen sich vielleicht gar spuren auffinden, dass
diese art früher wenigstens ihm nicht ganz fremd war? Sollte man liier aus den
ausnahmen nicht vielleicht manches erschliessen können? Justi gibt den grund für
jene gewöhnliche Stellung wol richtig an , aber nur beiläufig : man wollte dem haupt-
begriif die wichtigste stelle geben und setzte ihn deshalb nach — ein gedanke, wel-
cher durchaus untersu.cht werden muste in einer philosophischen betrachtung des
gegenständes.
So wäre noch über eine menge von einzelnheiten zu reden; doch wir wollen
zum schluss kommen und deshalb auch nichts mehr über die oft ziemlich unpräcise
ausarbeitung des büchleins, die gar nicht selten zu ,, nachträglichen bemerkungen"
u. dergl. greift, sowie über das fast völlig überflüssige und doch sehr ausgedehnte
register sagen. Anhangsweise (von s. 104 an) gibt der Verfasser eine genauere
besprechung der verstärkenden Zusammensetzungen eigentlich nur des deutschen , denn
die übrigen sprachen kommen so kurz dabei weg , dass der Verfasser sie besser ganz
bei seite gelassen hätte. Und doch wäre gerade ein genaueres eingehen auf sie nach
dieser so wenig angebauten seite hin von gröstem interesse gewesen. Das meiste,
was wir sonst in diesem anhaug finden, haben wir schon in Frommanns Zeitschrift
band V gelesen, ja dort sogar reichhaltiger und wie uns däiicht frischer.
Wir haben uns eingehend mit dem büchlein beschäftigt und ohne rückhalt
unser urteil ausgesprochen. Wir hielten dies für unsere pfli cht, weil es sich hier um
grundlegendes, um die methode handelte; und hierbei kann man nicht streng genug
364 KOCH
sein. Gerade eben weil wir mit dem Verfasser in „einer immer lebendigeren Wech-
selwirkung zwischen ])hilosophie und einzelnwissenscliaften das höchste ziel und ein-
zige heil beider erblicken," gerade deshalb lag es uns ob, für die Wahrheit, wie wir
sie erkennen , nach kräftcn einzustehen.
MAGDEBURG. GEORG GERLAKD.
A Dictionary of the Old English Language compiled from Writings
of the XIII, XIV and XV Centuries by Francis Henry Stratmann.
Printed for the Author by Kramer and Baum. Krefeld 1867. (8 thlr. 10 sgr.)
Der Verfasser will den Sprachschatz des 13., 14. und 15. Jahrhunderts zusam-
menstellen , also eines Zeitraumes , in dem man drei perioden zu unterscheiden gewohnt
ist: das neuangelsächsische (bisher ohne jeden grund halbsächsisch genannt) von 1100
bis gegen 1250, das altenglische von 1250 bis gegen 1350, und das mittelenglische
bis gegen 1500. Wenn auch diese einteilung nicht nach jähr und tag bestimmt wer-
den kann, so ist sie doch wol begründet; denn jede periode trägt ein solches charac-
teristisches gepräge, dass sie nicht verkannt werden kann. Das neuangelsächsische
ist nur das angelsächsische in abgeschwächten formen, und die fremden demente,
die sich demselben beimischen, sind nicht zahlreicher als die lateinischen, die im
angelsächsischen vorliegen. Im altenglischen mischen sich sächsisches und norman-
nisches , die formen schwanken , die spräche verwildert. Das mittelenglische ist die
periode der reconstruetion : das deutsche dement befestigt sich in betonung , laut und
flexion, und beginnt gegen die fremden einflüsse nicht nur- zu reagieren, sondern
auch die fremden demente deutschem lautgesetze zu unterwerfen. Der Verfasser hat
diese einteilung nicht beibehalten und stellt die verschiedenen quellen und die den-
selben entnommenen formen ohne Unterscheidung neben einander. Man würde ihm
daraus keinen Vorwurf haben machen können, wenn er nur die zeit angegeben hätte,
der die einzelnen quellen angehören. Der leser muss sich deshalb anderswo unter-
richten, wenn er erfahren will, welchem Jahrhundert die betreffende form augehört.
Dieser kleine formelle mangel verschwändet vor der grosse der aufgäbe, die der Ver-
fasser sich gestellt hat. Es verdient die vollste anerkennung, dass er sich einer so
schwierigen und mühevollen arbeit unterzogen hat, und dass er im einzelnen vor-
treffliches geleistet hat, dafür gebührt ihm der dank aller derer, die sich über die
Sprache jener zeit genauer unterrichten wollen.
• Erst seit einigen jähren fliessen die quellen jener sprachperioden reichlicher,
besonders seit die publicatiouen der Early Text Society bewirkt werden. Die wissen-
schaftliche behandlung fällt sogar erst in die letzten jähre. Es ist daher nicht zu
verwundern, wenn der erste versuch eines solchen Sprachschatzes nicht ganz gelingt.
Zunächst vermisst man die erforderliche Vollständigkeit. Eine absolute Vollständigkeit
lässt sich allerdings nicht erreichen. Uns stehen ja überhaupt die englischen c[uel-
len nur in beschränktem umfange zur Verfügung. Die englischen philologen ferner,
welche das Interesse ihrer landsleute für die alte litteratur zu wecken und die kosten
zum dnacke zusammen zu bringen wissen, fördern mit seltenem fleisse und grosser
ausdauer zahlreiche werke von höchstem Interesse zu tage , so dass der Wortschatz,
der heuer zusammengestellt wird , schon nächstes jähr der ergänzung bedarf. Nur
eine relative Vollständigkeit lässt sich beanspruchen , die Zusammenstellung des sprach-
stofifs , der in den als benutzt bezeichneten quellen vorliegt. Und auch diese bietet der
Verfasser nicht in erwünschtem masse. Der deutsche sprachstotf ist fleissig gesauuuelt.
Vergleicht man die glossare von Layamon, Ormulum u. s. w., so fehlen wenig ein-
ÜBER STEATMANNS DICTIONARY 365
fache Wörter, wie rudere roder bei La3^, ags. hriöcr hrcoöer hruSer hryöer , urspr. (alt-
isl. 7w!<^;' Widder) der gehörnte, rind, ochse; lißssh {living), sM/ etc. bei Orm. ; andere
wie die Substantiven rosiny, runing, racning erklären sich aus den verben rosen , rwnen,
raeuen reaven. Auch die zahlreicheren compositionen , welche fehlen , wie hleo - men,
boe-runen, daed-siS, duyebe - cnihtes , freond-raese werden nicht vermisst, wenn ihre
elemente noch erkennbar sind und vorliegen. Ueberhaupt scheint das germanische
Clement mit Vorliebe behandelt, und vielleicht hat der Verfasser ursprünglich das allein
sammeln wollen, und erst später hat er seinen plan erweitert. Was die fremden
elemente betriift , so lassen sich diese sehr vervollständigen. Hinzuzufügen wären
aus Layamon: admirail admirel 27G68, apostolie 29624, astronomie 24297, atijr, ascapen
achapen sapien , barun 16922, lunrnn 1313, coriun 7002, chapel 26140, cheiscl 23761,
chevetayne , eastresse, folie, harsun, hostage 22792. Jmne 28978, latinier 14319, legat
24501, machune 15465, mahun mahum 230, munee munechene , munekien monakien, nonne
minne 1.5650, nonnerie 15637, paisien, pensiles 27183, primate 29736, scare 5835, sena-
tur 25337, temple 10711, timpe , tresiir 28834, truagc 25044, tumbe; — aus Eobert
Glocester: age 192, allur alur 3980, ambes 1187, anguissous 3314, anye 2247, armure
8363, bachilerie 1702, banour 7616, baptizen 1930, baronye 7320, beuerage Q22, bote-
lerye 3964, branche 3191, ealis 10193, cartre 1740, carpenter 11268, caronye 5528,
cas 206, cathedral 5972, caucion 10582, certeyn 1212, cirurg/en 12082, comete 8768,
constable 11310, corageons löhl , cosfiuotcs (falsch costinous) GL, costume 9815, contasse
3295, covetise 1077, eruel 1328, cortesie 1159, c/.a«mctf^er 9766, chaste 4548, cMualrye
1056, damasel 9069, dettc 9877, digne 2822, dosil 11390, dragon 2788, eritage 989,
euangelist 7317, feffen 7749, feintise 461 911, felon 9831, fermiment 1907, fynen 2973,
flour 9086, freire frere 10403, fundnment 2112, geand 3072, gent 564, gentris 1076,
gibet 10853, gleiue 4176, glotonye 6042, governyen 1040, gransyre 6509, greuous 4151,
{1i)abyt 2312, hasarderie 4023, hawtein 1510, holoier holer 625, honiage 1066, honouren
327, image 329, jyive gywe 1420, justice 10394, lampreye 9278, lance 2218, largesse
3760, lechour 2536, lecherie 2537, letre 639, leuour 2687, libel 11396, langage 2530,
mace 4230, maistrie 53, maynye 3758, maynprisen 3395, magnal 8294, marchion 10172,
marcheis 11296, mariage 729, marchandise 2206, matyns 1163 , matresche 7227, medicyne
3083, message 3656, menestrel 5667, miracle 1648, morsel 7184, tmde (afrz. niul, mulus)
3924, oZzMß 3996, oryson 4827, ordre 2309, outrage 990, paisen 12188, jsa^ey* 3954,
panter 3879, parlement 2314, part 701, pauelon 1121, partie 1451, passion 305, penance
5259, percen 392, peril 2213, fieician 1558, fysiek 3172, pytos 4191, playne {plangere)
3586, playnte 5203, plavete 2443, pleyn [plana] 155, plente 9, pauste 5762, porehe 5639,
porte 8589, poudre 7240, posterne 448, ^;o<«ye 8509, pouerte 786, poison 2612, preye
7893, pressen 2491, priorye hlhl , priuite 598, pure 185, quarcl 10252, quarry 8695,
quarter 11037, regnen 682, reson 6418, riuere 14, romance 10194, sacry 6921, sacri-
fisen 602, sailen 385, scarse 10776, seculer 5874, secunde 5882, sege 2822, semblant
2749, sepulture 3477, servage 249, signifien 3243, symple 825, seynore 3605, solas 371,
solacy 11672, souereyn 349, spicery 3172, spouse 603, stahlen 7536, stable {stabulum)
5822, stable {stabilis) 1253, state 1266, stränge 380, table 3892, tabernacle A&l , tavernc
4035, tempren 1629, tenipest 5030, tendre A20^ , terine 5933, torment 1826, travail
2214, troncheon, trossy 10139, toret 3636, unde 1342, tisage 3950, valey 1282, veage
4518, veyne 3182, venym 1014, veneson 5036, verdyt 2Q9ß , venymen 1015, vicarte ß89B,
viniter 11383, vinterye 11388, vertu 3087, vyse 4036, voys 5905; — aus Peter Lang-
toft oder Eobert Brunne: abbes 1401, acciotm 6740, altercand 161 \ , anguisen 3231,
arblastere 5031, archere 2289, arnmrie 4821, attere 3036, banerettc 7345, baptewe Aldi,
benyson 2S0d, bisket 4221 , brocken ßlOO, buger ie 7814, hurgeis blOl , cÄawo« 2383,
366 KOCH
cot-
ero-
cardinalle 3694, cage 3790, certißen 3829, clmnance 4624, clergie 589, cofin 3312,
ncn 5745, copie 7114, corseynt 1028, costage 2774, credance 6228, ereaiure 5220, -.
ni/kle 600, cruelte 1921, calpable 7367, champion 685, charite {carited SC. 1137, kari-
tap 0.) 2358, chcitife 4269, eskekere 2056 cheue 118, dan 1980, decane 1804, s?«/«»-«
1752, destrere 3033, dignite 1802, donjon 2969, dortoure 6184, dotcerie 3740, dowen
1914, {h)eisen 4766, estre 6382, >«s/<? 5955, feffemcnt 6007, /«•<?■« 618, >!«/;« 5541,
foree 22 , forcyn 7855 , forgen 3832 , fraternite 4679 , fratul 3153 , foundoure 2080 , jr^r-
/««rf 8083, gendrure 6101, (^es^e 92, guiour 82, governour 3598, un-gracious 7038,
grangc 7841, grantise 3188, grevance 2148, heretike 7811, heremite ^^2'i , hospüale 3311,
Joint 7423, Joli/te 1192, y««'y 5488, jugement 1533, labour 1795, kernel 7966, ^ec/w-
»•OMS 1603, ^tWe 621, lege-lord 1063, leysere 5616, Muerisoun 4895, liuere 3582, losen-
gere 6999, manauntie 7942, mayntencn 464, malison 1023, mmigre 3844, manage 1923,
man-fesour 5272, manace 1510 , manacen b02d, w««rm7934, marinere 2514:, marite blßl,
matere 7852, maumetrie 7812, mercien 2715, minystre 6902, misterie 4196, ministren
2000, mostren 5110, motoun 4330, mobles 3556, nacioun 5057, nauie 488, nicete 3005,
norture 4669, ordine 5517, ordinance 7366, paemie 3622, paen 3528, palmere 693, pan-
telere 733, panterie 731, parage 3784, passage 660, partyner 6469, pauiment 6525, pastxtr
4669, pencel 3938, pcdaile 3034, ^^ew-m 7642, 2^ois 4910, perilous blbi ■, peticiwm 7280,
pilgremage 11, plesen 1680, plentyuouse 2801, poraile 3081, popylle 1295, possessioxoi
5762 , Portionen 1236 , praiere 1808 , pres 336 , primate 1801 , ])rioure 1803 , pryve 942,
prouende 5214, ^^ro««V2ce 8102, psalme 7200, sauter 6762, pidpite 7348, pztpUsen 2190,
purißen 7564, rascaile 749, regante 1204, reame 61, regne 267, ribaud ribaudie 5402,
saufte 5707 , skrite 1269 , sermon 2620 , se^-vitour 1326 , serganz 1440 , so^fe» 1416 , speyre
(afrz. espeir, speres) 1267, spiritualle 6868, spiren 2714, stage 6236, Statute 3286,
stranglen 733, taliage 1024, tenement 768, tenaunt 4056, testament 3313, testimone 143,
tresorere 6793, tresorie 1937, tribidacioun 5058, trinitee 4234, totireiUe QQOQ , nnce 231A,
vacant 158, valiant 158, i'alue 2461, vassalage 2125, vavasoure 297, vengen 192, venge-
ment 4883, venquyse 6310, visiten 5082, voidcn 238; — aus Piers Ploughman : actif
4298, accidie 32(jQ , rt-// 5911, auditour 13884, avarice '^54. , audience 8SS2 , baieisen,
batant 9348, benefice 1997, brocage 1057, burgagc 1528, cahane 1739, canonisfre 4794,
c«joow2155, earpenfrie 5961 , cyvyllc 1014:, clikcten B13G , courbe 611 , corlew Sddl , coveite
59, creaunt 7810, curate Cr. 920, chalangeaUe 7199, cJiarme 8711, chapeleyn 7207,
cheyne 4539, chcynen 837, chibolle 4389, date 8571, dampnacioun 7618, dampnen 3429,
deyne 4417, destinee 4350, devyne 416, dozeine 2154, double 9226, edifien 1106%, equite
11917, faitous 1246 , faticon 3836, famtjn 4450, fantasie 71, Jamitc 42>68, felicite 14405,
feyse 145, festu 6183, ßamnbe 11845, ßoryn 1171, freel freie 1601, freletee 12280,
franehise 12280 , frenesie 14090 , frenetike 5607 , friiten 10875 , gainage Cr. 391 , garite
Cr. 423, gendre 11256, graffen 3746, houres 194, hostelcn 11604, hnmiUte 3749, jugge
259, Jubilacion 3428, laborer 442, langoure 88, hautet 1750, legistre 4491, ^e»r?»-e 219,
licence 196, logick 7953, losengerie 4082, magestee 5236, maundement 11371, mangen
(afrz. mangier, mandiicare) 4317, mangerie 6797, tnatrimonye 10106, memorie 3986,
mercyment 782 , merite 825 , mirour 6588 , mestier 4477 , mole (prov. moüe , modidus)
8651, »no;«// 3835 , mute 11024, nmsick 5688, notarie 1130, organye 12088, palsy 2630,
panel 2003, paimche 8211, paren 2958, parlen 12619, patrimonie 14393, parishen 178,
pacient 9420, pacienec 3752, pennone Cr. 1119, peeren 343, pendauntz 9601, penaunt
2348, pelure 89, pencif 4776, peeren 10456, perpetuel 6457, piersonage 8516, pestilenee
168, poisone 4398, prioresse 2785, prison prisoner 4523, 12190, purgatorie 1089, quiete
704, raye 2893, roynous 14087, rtisset 4900, sage 1542, salarie 3340, sapience 5677,
satisfaccion 8943, saueren 5116, scorpion 12389, seismatik 6815, seson 1, «W(7?<?«' 8599,
ÜBER STRATMANNS DICTIONARY 367
sobre Cr. 1287, Studie 360, surgenrie 11015, soutor 3300, taxour 3875, termyne 653,
teme 6790, torche 11789, tremblen 1353, usuren 4644, venymous venymouste 12339, vin-
dage 12820, virgmite 11215; — aus Wycliffe: alien Gen. 17, 27. arche 31, 36. argen-
tarie Deeds. 19, 24. auouter Lev. 20, 10. basinet 1 Kgs. 17, 5. barainte Gen. 26, 1.
benyngnyte Ps. 64, 12. bestayle beestaile Gen. 1, 24. bocherie 1 Cor. 10, 25. boterace
Ez. 41, 15. brosure brtisure Lev. 24, 20. cariage Gen. 45, 19. carkeys Ex. 21, 35.
eycer chyches 2 Kgs. 17, 28. cerymonye Ex. 12, 25. cene Apoc. prol. p. 638. clarioun
Lev. 25, 9. derete eierte Tob. 13, 20. clarifyen John 12, 28. eosinage Gen. 12,3.
coriour euriour Deeds 9 , 43. couertour Ex. 36 , 19. crese 4 Kgs 20 , 10. crious Prov. 9
13. cocodrille Lev. 11, 29. cucumere Bai*. 6, 69. cumyn commyn Is. 28, 25. euren Gen.
20, 17. curiouste Num. 4, 20. chaytiffe catyße Deut. 28, 41. chaufcn Esth. 1, 10.
chymeney Ex. 9, 18. dyme Gen. 14, 20. dyuynour Deut. 18, 20. doctrine Ex. 35, 31,
douty Ex. 12 , 24. doutous dotous Pref. ep. c. 9. Lev. 13 , 43. doulable doutance etc., dres-
sen Gen. 14, 8. dromedie Is. 40, 6. ydropsie Luk. 14, 3. eritagen Ps. 36, 11. fable
Deut. 28, 37. f abier Bar. 3, 23. fablen Luk. 19, 15. faculte Tob. 1, 25. /«««ce Judge
14, 15. /«wew Mth. 9, 31. famousiste Judith 2, 13. fantum Mth. 14, 26. f ardeis Judge
19, 17. fase (phase) Ex. 12, 21. fautour Job. 13, 4. feerte feerste Judge 5, 22. festete
festene Wisd. 8, 9. florischen ßur sehen Ps. 89, 6. foltisch foltes 1 Cor. 1, 26. 27. frount
Ex. 17, 9. fugitif Gen. 4, 12. gendren Gen. 5, 4. gilouse Col. 2, 8. gloterous Lev. 11,
30. glorißen Ex. 14, 47. ^ree/" Ecclus. 22, 15. groyne Is. 29, 4. hidousen Dan. 7, 15,
hoostesse hoostresse Ex. 3 , 22. iacynt Ex. 25 , 4. iacynctyne 39 , 20. ielouste gelouste Num.
5, 14. iocounde 1 Kgs. 25, 36. lacert liserd Lev. 11, 30. languishen Dan. 8, 27. latijs
latis Prov. 2, 6. lauourtoure lavatorye Ex. 38, 8. lionesse Gen. 49, 9. leprous 4, 7. ^«Vere
Is. 66, 20. letuse Ex. 12, 8. liveren Josh. 24 , 10. magnißen Gen. 12, 2. mergen Ex. 25,
24. merveilen Jud. 10, 7. minushen 4 Kgs. 23, 15. moneishen Josh. prol., moneyere mon-
yere John 2, 14. movable Gen. 1, 21. nmltynge 4 Kgs. 23, 23. neece Lev. 18, 10. neces-
sarye Gen. 42, 2. nurshement Is. 30, 33. noyouse Deut. 28, 66. odious 21, 15. odorament
Apoc. 18, 13. oj-^ow Gen. 14, 5. ^et^a^e Esdr. 4, 13. parßt Gen. 2, 1. phane Deut. 3, 29.
picoise 1 Kgs. 13, 20. pilgrimagen Gen. 12, 20. ^e«/«7 Ex. 16, 4. pleaunt Gen. 3, 24.
pouereshen 2 Esdr. 5, 18. i?roi?>-e Gen. 44, 32. prouable 2 Tim. 2, 15. prudence Ex. 28, 3.
sacrilege Num. 25, 18. saleiven {saluer, salutare) Mth. 10, 12. scryven Is. 36, 3. secoun-
darye Gen. 25, 6. servaimtesse Gen. 16, 2. seruyle Lev. 23, 7. serpent Gen. 3, 4. «jsom-
ses.9e Mtth. 25. 1. *j9o«7e spuyle Jer. 21, 9. stablete Wisd. 6, 26. temptacioun Deut. 9, 3.
traveilous Ex. 6, 6. ^r?i?</<? Gen. 49, 12. vagaunt^, 12. ■i'«>-«/e31, 10. vermycle Ex. Sl , 1.
vengeable Rom. 13, 4. vengeance 4, 24. volatüs Gen. 1, 26. violence 21, 25. ijo^/ä^c Ex.
10 , 13. vohiptuouste Eccl. 2 , 10. t^öwm Lev. 18 , 25. vowen Gen. 31 , 13. vowren Ex. 12, 9.
vowtur {vultur) Job. 28 , 7 ; — aus Sir John Maundevile : awmener 19 , annuelle 31 , «?•<»-
cle 10, aromatyk 16, auctoritee 10, bounte 19, Ärace 3, buscaylle 27, ealculacioun 22,
caconizacioun 16, caw« ca«e 19, camaylle 5, carboncle charboncle 22, charnelle 6, charete
charyot 22, cisterne 8, cendre cyndre 9, cora^e 13, coronal 29, co/w« 31, covetous 29,
creance 19, c>-y>«e 25, cristalle 2, crucyfyen 12, combraunce 28, curious 6, clutpelet 22,
daliance 31, dangerous 24, doctour 13, duchee 1, eglantier 2, eisement 19, epistle 4, «"«^t-
macioun 13, famouse 13, f amileer 12, fasceon 9, favour 28, felonous 6, ./«^'««•e 3, /or-
myot(r 12, formen 17, /osse 4, foundenh, fruetifien 5 , fonndacioun 7, generalle 19, gobetteb,
governance 5, gowte 31, gravelle 4, <7ree 20, habitacioun 6, hereniitage 8, hidous 4, Aom-
ceV^/e 28, honest honestee 20, oriloge 22, imaginen 17, »Vory 10, jonke 5, justifien 18,
j'uyce lö, jousfen 17, labouren 19, lamentacioun 9, lanyere 22, linage 8, letanye 16,
lunatyk 14, mansioun 5, mediterran 13, malencolye 14, melodie 16, mendynant 15, wer-
veylotise 3, marveyle 4, meridionelle 14, minnte \1 , mountance 5, mortelle SO, mevable 15,
368 KOCH
iniillitude b, »iitltiplyen 14, naperyc 23, naturelle 5, nygromancie 20, nonibre 13, oilc 2,
otjnement 10, ournement 8, onyon 13, ostriche 22, otttrageous 22, ^aZ>» pamne 5, paven 4,
perche 13, pynaclc 6, plesaimt pleyn 8, pollyshen 8. 14, preeious 2, principalle 1, sato«
miim j purgcn 14, quantitee 5, resonable 5, raueyne 15, royalle rycdle 8. 22, rcgulere 8,
r»/ofel, rymour b, sacrc22, sacerdofallcG, sacrcmentii, salutaciomi 10, s«^ra«o?«« 12, seynfB,
Script urc 2, sentiment 16, setifcnce, scrrant 16, synett 8, sclaimdren 9. 42, soicne» 27,
stature 19, *^o/7> 2, stranger 3, temporelle 3, tcnipte 8, trenchant 5, usurpen 13, i^ar^-
a«^ 10, vcni/moHs 6, vcrmyn 5, rictorie 2, vitaillc 8, vyaunde 18, vigerous 25, vynegre
23, t-y^rtw vülenous 8, f^/«« 5, vertuous 14, rjsayt' 2, ^)^■^J<;>•c 6, vowten 3; — aus Chau-
csr: egremoine 16268, «ye^ 2479, amorctte R. 4735, ardure Pers. , arsmetrike 1900,
aspre , auarous , aunfroics , avenfayllc d080 , basüicocJc Vevs. , bourdon ^. 34:01 , calcioiacionn,
cai-ilation , capitnive 12bl6 , claper {hz. clnpier) R. 1400, clergiel 16220, co«sfßito6(! 4950,
corbette F. 3, 214. cowardice 2782, crcvasse F. 3, 996. crosselet 16583, charmercsse F. 3,
171. chaunfc-clere, cJuitinte - pleure , cherisance ^. 3331 , chcvalrotts, diligent, domage'R. 4Si'db,
crrautit, faerie 6441, fame, ßottrette R. 891, ^oZe< R. 7096, Jmbiten 660, historial 3179,
hostilcments B. 2, 5. yo^«/ 3355, jupartie 16211, lettttarie 428, maistresse 12040, mantelet
2165, markisesse 8159, meselle, noblesse 8344, woi/e^ 8764, paillet F. 3, 290. i???c 9045,
rokette R. 1240, s«^ (afrz. se<f se, sedes) 14155, seurment, signißeaimee , sort 846, s/>o?<-
sflf'fe 7991, tasseled 3251, tcrcelet 10818, terrestre 9206, tretable , tretee 9566, troncheon
2617, wardeiv 3997, vermeile und manche anderen; — aus Wright's vocabularies :
acombler nr. 14, ancorysse ankrys 14, barbiir 13, baronys 14, barnacidle 11, i«ri7 11,
5«#c 14, blanket 15, blankyth 11, bolace 10, öowe^ 15, bretys bretasche 14, briiskette 14,
Äo^«/^ 8, schamelle 15, canvasse 7. 8, c/i«»- 11, 13, celerer 14, sydyre-tre 13, f«rc?t; 8,
clarett 13, clowtar 8, corperax 14, corperas 15, coverlyte 11, c>T>Me 7, ernymc 11, «-j-
/te< 10, curfew 15, cutcler 14, chalon 11, chaivnsylle 13, 14, cliesapulle 14, drapure 13,
duches 14, <?MÄe« 15,fagat 15, fawconer 14, fanone 13, ferrur 14, /ö>-ye 11. 14, /z<r-
M(Mse 13, für byar S, frobycher 14, ^ra^^m 8, gluton 14, ^of«/r 15, (7*-«yeZ 13, grefine 14,
grewylle 14, hachet 8. 11, hampere 13, hatrelle 13, hirchoun 10, juncte 11, Joynte 13,
jenupyr 11, launder , loryl-tre 14, /eia»-ll, leparde 13, leyterne 15, ^rywe»'14, te
^^M'se 15- 14, «i«y>" 14, makyrelle 13, mason 14, matras niatrys 15. 14, ntarchand 13,
myure 15. 13, myttyn 8, muskett 13, naprune 13, osere 13, oyster 11, payge 11,
j9a?m 10, pertrys partrys 10, patyn 15, pellicane 13, pentys 14, /e«»/s 13, pycke-
rylle 13, plovere 14, plomet 8, poptdere 11, jöore< 9, i?oswe</e 11 , postem 14, ^«7e 6,
pumege 14, raysyn 14, r«so>' 8, ra/o« 13, roicnce 13, secristoiin 14, sawsere 11,
salmon sawmone 13, «aM^sc 8, sawstere 14, scoZcr 14. 15, «^««'ewe 10, «ory^^er 14, specta-
kylle 14, spykket 11, spycere 13. 14, sqnyryllc 13, s/a?o« 13. 15, storion 13, te>'« 14,
tartlatys 8, ^tfrcci 7, tyssike 14, <>-0M?;e 14, rwre 15 u. a. Daneben fehlen zahlreiche
compositionen mit «, ai, «<^, «w<c, circum, con, contra, de, dis, e ex, in en, inter entre,
mes, op, per par, jirae pre , praeter preter , pro por , re , sub, super, trans.
Die einzelnen artikel sind ungleich gearbeitet: manche sind sehr dürftig , andere
reich an formen; aber in beiden ist auf die bedeutung nach ursprünglichkeit und
entwicklung zu wenig rücksicht genommen. Dem lateinischen «/;«>«; ist nur «^^cv aus
Orm. beigefügt , während es auch lautet «i«^«??- RG. 11276, Ch. 2294, PP. 2689, aw^ee»-
awtier M. 3, « naivter Wr. 11, altere PL. 1969. — Das aus Ritson's Metr. Rom. bei-
gebrachte ar6e>- nimmt der Verfasser in der bedeutung Obstgarten, also = arberye
M. 24. Doch bezeichnet es auch allgemein: garten e>-^fre Cr. 329, eingehegtes feld
Hall. 338. Es mischen sich in dem werte demnach arborca {terra) und herbarium. —
Arblaste ist nicht kriegsmaschine, Schleuder, sondern EG. 7919 der schleuderer =
arblaatere, und eine ausdeutung der form steht bei W^cl. 2 Kgs. 8, 18: arow- Master
ÜB. STEATMANNS DICTIONARY 369
(mlat. arcHbalistarms, at'rz. arbalentier). — Dem schwierigen boton , ne. bntton ist nur
afrz. boton beigefügt. Aber form und bedeutung ist mannigfaltig : boton {nodulus)
Wr. 33. 14. botoimis [^. = kvoppis k. faat'nijngeti^.) Ex. IG, 11. bothum (knospe, beson-
ders rosenknospe) Ch. R. 1721. Diez leitet afrz. boton bouton ab von einem germani-
schen Worte, und bringt es in Verbindung mit ahd. bozo pozo (bündel, Graif3, 233.
thür. ein botzen (klumpen) und vom flachse ein bosgen). Ahd. pözo würde einem
ags. böta entsprechen, und diesem wäre diminuierendes frz. on angetreten. Als
ursprüngliche bedeutung erkennt Diez etwas hervorstossendes , ausschlagendes. Letz-
teres würde an gäl. piU (schlagen) erinnern. Diefenbach will es von kymr. bot (runder
körper) ableiten. Wenn sich aber auch die verschiedenen bedeutungen vermitteln
lassen , wie ausschlagendes , knospe , runder körper , knöpf (s. Müller , etyra. Wörter-
buch), so mögen doch hier zwei ganz verschiedene Wörter zusammen geflossen sein
und die sich noch unterscheiden in gäl. putan {jibula) und buidheag (gäuseblümchen),
oder bret. baden (busch, gebüsch, strauss). — Bei engine fehlt die bedeutung kriegs-
belagerungsmaschine PL. 405(4. Deut. 20, 20. Gin ist Verkürzung. — ,,Caudrun, frz.
chmulron , ne. caldron " ist etwas zu knapp. Zu gründe liegt mlat. calidarimn calidaria
(eiserner kessel, um wasser heiss zu machen), it. calderone, afrz. caudnm Wr. 7. nfrz.
chaudron. Daher catvdrune Wr. 11. caudron Ex. 27, 3. cawdurne Wr. 15. caldron 13 und
bei Hall. 236: cawdron cawdurn cauderne, 242: chaudron. chaundron chawtJterne. Oh caw-
dron, das in The Boke of Kervynge s. 273 in der bedeutung von sauce zum gebrate-
nen schwan vorkömmt, hierher zu stellen ist, ist bedenklich, denn in dieser bedeu-
tung steht auch chau-don 152. 213. und chawdwyn 164. Es ist eher frz. vin chand,
oder frz. chaud zu sächs. win gefügt , das sich zu chawdun abschwächte und dann erst
gleichförmig mit chawdron wurde. — Bei bokel bokü bocul bocle fehlen die erweiterten
formen und die erklärung. Es steht bogyler (afrz. bouglier bucler) Wr. 8. buccler {scu-
tum) 15. boheler (jHirma) 15. bokylle 14. buckle [fibida). Zu gründe liegt buccida backen,
maul, (DC. umbo clypea, quia in umbone efßngebatur ut pluriimim vultus auf facies vel
viri vel animantis, cußis buccula seu os medium obtinebat), also eigentlich schildbuckel,
Schild, schildband; afrz. bucle boncle bocle buckel, mittelpunkt des bucler boclcr bou-
clier. — Bei citezein könnte stehen das zu gründe liegende afrz. citeain citien, sp.
ciudadano (mlat. vermutlich civitatanus , DC. civifatensis i;nd das gleichlautende cyte-
seyn Lev. 21 , 1. Dies verdrängt eine andere versuchte bildung : cyttenere Wr. 14. —
Zu pilehe ist pylchen Wr. 15 zu fügen. Obgleich Aelfr. ein ags. pylce hat, so ist doch
dieses, wie jenes, auf das romanische zurückzuführen, wie schon EttmüUer bemerkt. DC.
pellicea pcllicia pellitia {vestis) pclliceum {vestimcntum) , quoddaui indumentum , quod de pelli-
bus fit. Ital. pelliccia , frz. pclisse. Ferner ist hinzuzufügen : super -pellicium , frz.
surplis : surplees surplisse 1 Kgs. 2, 18. surpUsi^.. 16026. mrplys^x. 13. s'm-plcs Ib. —
Font ist in form und bedeutung mannigfaltiger. Lat. font-s, ahz.font: funnt (taufe)
0. 17205. fönte PL. 515. funte Wr. 15. fönt. 14- Daneben fun-sfoneRaW. 385. vant-stone
RG. 5118. bapteme of funte PL. 4791. — I'aicn (bezahlen etc.) ruht auf afrz. paier
paer, lat. pacare. Daneben aber liegt eine neubildung von pais (friede), die nur in
apeisen aus Ch. angegeben ist. Auch das simplex liegt vor: paisen (versöhnen) Lay.,
(befriedigen) RG. 12188. (versöhnen) 3382 = peucn 3295. (streit beilegen) 2363. —
Bei chasten fehlen die volleren und verlängerten formen: chasty (züchtigen) RG. 8998.
chastie Ch. R. 6993. chastise PL. 610. chastize PP. 2540. — Zu dem aus lat. blasphc-
mare verkürzten afrz. blasmer , ae. blamcn RG. 1554.* PL. 1568 ist das in voller form
eindringende blasfemen Lev. 24, 11 zu setzen. — Nicht nur baili liegt vor, sondern
auch bnaif RG. 9885. badlif PP. 1000. Luk. 16, 1. baiU Wr. 14. Zu gründe liegt bafa-
lus träger, das DC. in sehr verschiedenen bedeutungen aufführt; bujidia tatcla. Baja-
ZEITSCHU. F. DEUTSCHE PUILOL. 24
370 KOCH ÜB. STRATMANNS DICTIONARY
/«W waren bei den Johannitern die ritter, die den einzelnen zungen vorstanden , dann
ballivus überhaupt regent, ferner der in einer provinz uder in einer grösseren stadt
recht -iw sprechen hat.
Auf die etyniologie hat der Verfasser viel Sorgfalt verwant. Mit der behand-
lung des deutscheu Sprachstoffes wird wol jeder einverstanden sein. Da drei sprach-
perioden mitten aus der entwicklung der spräche herausgenommen werden und der
stott" derselben zur darstellung gelangt, so genügt es, die ags. formen und die der
verwanteu sprachen anzuführen: jene, weil sie zu gründe liegen; diese, aus gleichem
gründe , oder weil sie auf die nicht vorliegende ags. form schliessen lassen. Eine
weitere Zusammenstellung der verschiedenen sprachen erscheint nur dann nötig,
wenn die ags. form erst dadurch verständlich wird. Bei dem romanischen sprach-
stofi^e hätte der Verfasser die lateinischen formen anführen sollen. Die darstellung
wäre anschaulicher und lehrreicher geworden. Der Wechsel der formen und ihre Wei-
terbildung ist oft durch das lateinische bedingt. Für „bataile, afrz. bataüle, battle.
Oh." wäre wol besser: Batmjle (afrz. bataile bataüle, it. bataglia , mlat. batu-alia von
batuere, DC. batalia batala) RG. 207. PL. 41. bataüle Ch. PP. 2015. bataü batet Num.
26, 2. ne. battle, — Anschaulicher als „botelere Wr. 257. boteler botler Wycl." würde
sein: Botelere (afrz. bouteillier, lat. biiticularms) PL. 6980. boteler RGr. 3878 etc. —
Manche bekannte etymologien, sind übersehen. Bodkin, zu dem nur die formen aus
Pr. Parv. und Ch. beigebracht sind, ist auf gäl. biodag (dolch), boideaehan (ahle) zu-
rückzuführen. Letzteres ist offenbar bod-, bode-, boide-kin und in einer Urkunde von
1463 botkin. Die fühlbare diminutivbildung veranlasst bot , das Hall. 198 erklärt wird
mit » sword, a knife, any thing that bües or woiinds , eine erklärung , die offenbar auf
to bite , ags. bitan beruht. — Deinte und deintee stehen ganz allein , ne. dainty. Zu
gründe Hegt wal. dant (zahn), dantaidh (fein, lecker), bret. danta (beisseu) , gäl.
taidneadh (wolschmeckend). Die volle form dantythn (deliciae) steht Wr. 14 und deyntetke
(lecker , leckerbissen) Furn. 166. 316 , deyntee bei PP. Mit dieser form mischt sich
afrz. digniteit deinte (lat. dignitas) , me. deintee (wert, wertvolle sache). Ch. 4559. —
Das allein stehende , aus Ch. angefühi-te boket steht auch Wr. 8 und bokyt 14 ; afrz.
büket 7 konnte zurückgeführt werden auf gäl. bucaid oder mit Diefenbach auf corn. büket
(zuber). Dahin ist wol auch das von Bosw. und Ettm. aufgeführte büc (krug , was-
sereimer) zu verweisen. — Bei dem unsichern impen sind die deutschen und nordi-
schen formen angeführt; nur das vollere ndl. impotcn (einpflanzen) fehlt. Letzteres
beruht wol auf miaX. impotm (DC. propfreis) ; aber zweifelhaft ist, ob dies mit Wacker-
nagel auf ffj. -m'-To- v (eingepflanzt) zui-ückzuführen ist , oder auf imputare (ein-
schneiden. — Quilte aus Pr. Parv. steht ganz allein. Man findet auch quylte Wr. 8.
cowit Hall. 276. und kann es zurückführen auf afrz coltrc cotre coutre eoute , quilte Wr. 7.
lat. cidcita ciücitra. — Zu grauten ist nur das irre führende afrz. granter gesetzt,
während mlat. creantare grantare DC. (wahrscheil^ich aus credentare) , afrz. creanter
cranter mehr orientiert. — Zu kover - chevf ist zwar das afrz. wort gesetzt , aber ohne
erklärung. Es ist Imperativsatz (bedecke den köpf), und dieser wird zum substantiv-
begrifife köpf bedeckung , daher auch schleier, und in ■ John Russeis Boke of Nurture
p. 178 heisst night kerckeife nachtmütze. Aus der speciellen bedeutung geht die
allgemeinere (tuch) hervor, auch halstuch Rüssel p. 178. Diese veranlasst wei-
tere Zusätze mit neck, hand. — Bei abaten abatin abati fehlt afrz. a-batre (aus ab
batuere, DC. bat er e.) Es wird vielfach verwant; nicht nur in abaty (streit) bei-
legen RG. 1246 etc., sondern auch abate (lärm) mindern, beschwichtigen 6539,
(stolz) brechen PL. 1531. 6514. Ch. Pers., (mauer) abtragen M. 8, (übel) lindern
Gen. 41, 57 etc.
HEYNE ÜB. KOCHS ENGL. UKAMM. 'iM 1
Auch einige Verstösse haben sich eingeschlichen. Ae. öotel kömmt nicht von
mlat. botellus her. Letzteres wird afrz. boel bocle boiele buele (darm, schlauch) und me.
bowüle, ne. bowels. Jenes kömmt von mlat. buticula butella, frz. .bouteiUe her. — C'arol
weist die bedeutung weniger dem mlat. chorale zu als chorulus (Dz.) , afrz. carole tanz,
earoler und ÜC. charolare tanzen. Daher carole (tanz) EG. 1223. tanzen Hall. 233.
earouls DEF = dauncys A. queeris (aus chorus) B. 1 Kgs. 21 , 11. — Coveiten steht
mit unrecht unter den compositionen mit con. Es ist afrz. cuveiter corelter von ver-
mutlichem cupitare, ei'weiteruiig von cupere. — Robbare sollte nicht mit deutscher
bildungssilbe angesetzt sein, denn diese, später ere , er entwickelt sich erst aus roma-
nischem our, eour: robheoiir (von robe raub) EG. 8176. robbour PL. 1601. — Edish
ist mit recht als zweifelhaft unter die compositionen mit ed- gestellt worden. Es hat
mit ed nichts zu thun. Die ivurzel ist ad (essen), die bildungssilbe sha, das schon
im got. mit dem vorstehenden geschwächten vocal zu isk wird: got. at-isk{am eigent-
lich das essbare) saat, Saatfeld (vergl. lat ad-or dinkel, speit), ahd. ez-lsc, ne.
edish eddish grammet. Histor. gramm. der engl, spräche. HE a, §. 111. — Aundirin
ist nicht afrz. andier. s. bist. gr. III a. 207.
Trotz dieser mängel, die erwähnt werden musten , kann das buch allen empfoh-
len werden, die sich über die spräche jener zeit unterrichten wollen. Sie werden in
demselben vielfache belehrmig finden.
EISENACH. FR. KOCH.
Historische grammatik der englischen spräche, von C. Friedrich Koch.
3. band, 1. theil; die Wortbildung. Cassel und Göttingen 1868. XVI und
184 s. 8. (1 thlr. 10 sgi-.)
Seit dem jähre 1863, wo der erste band dieses werkes erschien, fördert der
herr Verfasser dasselbe mit unermüdlichem fleisse , zur freude aller freunde der eng-
lischen spräche. Dieselben Vorzüge , die die 1863 herausgekommene laut- und flexions-
lehre, sowie die 1865 erschienene satzlehie auszeichnen, sind auch diesem halbbande
eigen: wie wenige beherscht herr prof. Koch das ganze weite gebiet der englischen
litteratur von dem angelsächsischen an bis auf die gegenwart; wie wenige weiss er
das ungemein reiche grammatische material, was er in mühevollem eifer gesammelt,
uns gut und übersichtlich geordnet vorzulegen ; wie wenige aber auch versteht er es
uns mit diesem material das grammati^he gebäude der englischen spräche mit siche-
rer band, nicht nur in den hauptteilen, nein auch in reichem ausbau zu construie-
ren. Wenn ich in erfüllang einer angenehmen pflicht das buch hiermit anzeige, so
geschieht das nicht um das material und den bau des Verfassers fuss für fuss zu
controlieren , vor dieser belesenheit , vor dieser präsenz des Wissens wird mancher mit
mir die segel streichen; es geschieht, um auf das buch nachdrückhchst hinzuweisen,
es zur lectüre, zum studium allen denen zu empfehlen, die eine etwas tiefere kent-
nis der englischen spräche anstreben. Und ich könnte somit die anzeige schliessen,
aber, rccensentenart —
haben da und dort zu mäkeln,
an dem äussern rand zu häkeln,
machen mir den kleineu krieg.
Auf einige verfehlte nebensachen , die den wert des buches an sich nicht beein-
trächtigen , die man nur bei einer neuen aufläge des buches anders wüjischt , will
ich aufmerksam machen.
Der halbband bespricht die Wortbildung des germanischen sprachstofFes , des
angelsächsischen , mit den wenig zaldreicheu deutschen Wörtern ,, die entweder unmit-
24*
372 HEYNE ÜB. KOCHS ENOL. GRAMMATIK
tolbur aus dem altnordischen, der nieder- und hoclideutsclien spräche eingedrungen oder
durch das französische hindurcli gegangen sind , und die hiutnachahniungen. Die ein-
leitung liierzu erläutert kurz begriff und heschaffenheit der wurzel. Die fassung die-
ses abschnittes halte ich für keine glückliche; derselbe wäre am passendsten ganz
unterdrückt worden, da er ohnehin in der grammatik eines einzelnen deutschen dia-
lects nicht gesucht wird. Was ihm , abgesehen von anderem , schadet , das sind die
Schleicherschen gedanken, denen der Verfasser sich leider ohne rückhalt hingegeben
hat , und die ihren einfluss nicht nur auf diesen abschnitt , sondern auf die disposi-
tion und die ausführungen des ganzen buches geübt haben. Wir wünschten aufrich-
tig, dass der Verfasser vorsichtiger mit dem eitleren von sanskrit- und sogenannten
urindogermanischen Wörtern gewesen wäre (für du setzen s. 1 müste doch dhd , für
si liegen s. 2 müste ki stehen u. s. w.), wir wünschten, dass er der geistreichen
Irrlehre von der zwiefachen vocalsteigerung keinen einfluss auf sich gestattet hätte.
Es ist nicht wahr und muss ganz entschieden bekämpft werden, dass got. ai, au
aus früherem äi, du hervorgegangen ; es ist nicht wahr, dass got. ei , in Schwächungen
aus früherem ai, au seien; es ist nicht wahr, dass e die erste, 6 die zweite stei-
gerang von a sei. Es wird mir die gelegenheit werden, in diesen blättern aus-
führlicher darüber zu reden , hier nur eins. Ich bedaure , dass Verfasser einen auf-
satz von Holtzmann über das lange a (Germania 9 , 179 ff.) der berücksichtigung und
prüfung nicht für wert gehalten hat. Die hier zuerst entwickelte ansieht , dass die-
ses d, goth. e stets hervorgeht aus früherem kurzen a, wenn dahinter ein consonant
weggefallen ist , ergibt sich nach genauester prüfung als eine vollkommen richtige,
und lässt demnach die Schleichersche theorie nach dieser seite hin als irrtümlich
erscheinen ; dem Verfasser wären für die wortbildungslehre manche neue gesichts-
punkte daraus erwachsen. Es stellen sich nun für die germanischeu sprachen eine
reihe uominalbildungen mit jener ersatzlänge «, goth. e, ags. a dar, die als inten-
sivbegriffe von der reduplizierten und nachmals zusammengezogenen wui-zel mit kur-
zem a gebildet sind ; ags. far , ahd. vdra z. b. lässt sich nicht anders fassen als
gebildet von der reduplizierten wurzel fa-far, zusammengezogen fafr, fär, es bedeu-
tet eigentlich das widerholte nachgehen, das nachstellen, wie got. ferja nachstel-
ler der stets einem andern folgende ist; eben so sind anzusehen ags. vceg , ahd, icäc
woge , von der wurzel wag bewegen , ags. fcta fresser von der wurzel at essen und
viele andere. — Nicht zu billigen sind dig schi-eibungen got. rduds , Idus s. 33,
gäits s. 35 u. ö. , die der Schleicherschen theorie zu liebe gegeben sind und die den
leser verwirren; falsch ist, wenn s. 35 ags. hri/d auf got. hraiip-s zurückgefühi-t
■wird, ein got. hrüps ist ja durch das compositum brüp-fads bräutigam Luc. 5, 34.
35. ausdrücklich bezeugt; ein got. auhsiis ochse (s. 36) ist mindestens höchst zwei-
felhaft geworden, es fusst jetzt nur noch auf 1. Cor. 9,9, wo in der handschrift
der acc. pl. auhsuntis, wahrscheinlich ein Schreibfehler, steht, an allen andern stel-
len hat sich das schwache auhsa ergeben. Unter den uominalbildungen mit i s. 34
war ags. geard nicht mit aufzuzählen, auch im got. steht neben dem thema gardi
ein anderes gurdu, bezeugt durch gardu - valdands hausherr Luc. 14, 21.
Doch brechen wir ab mit dem aufzählen solcher kleinigkeiten. Nur noch eine
bitte möge mir auszusprechen gestattet sein im wahren Interesse des buches: es ist
die um correcteren di-uck. § 92 s. 53 beginnt: dieses bildet bei verhältniswenigen
verben — — statt verhältnismässig wenigen; in dem ersten absatze des § 129 s. 84,
der neun zeilen umfasst, finden sich allein nicht weniger als 5 druckfehler. Das sollte
bei einem so guten buche nicht vorkommen.
M. HEYNE.
HEYNe ÜB. UrPSTRÖM, COD. GOT. AMBROS. 373
Codices Gotici Ambrosiani, sive epistolarum Pauli Esrae Nebemiae
versionis goticae fragmenta quae iterum recognovit per lineas
singulas descripsit adnotationibus instruxit Andreas üppströin.
Holraiae et Lipsiae (1868). III und 124 s. fol. (5 thlr.)
Wer je mit dem gotischen sich beschäftigt hat, kennt auch den namen Upp-
ströni. Ohne die Verdienste der altern herausgeber des Ulfilas irgendwie schmälern
zu wollen , muss doch anerkannt werden , dass wir erst Uppströms bemühungen die
vollkommen sichere lesung der gotischen texte verdanken, auf der die forschung
fussen kann , ohne erleben zu müssen , dass auf lesefehler allerhand Schlüsse und folge-
rungen gegründet sind. Uppströms erste publication in dieser richtung war die aus-
gäbe des evangeliums Matthäi 1850 , ihr folgte 1854 die ausgäbe der vier evangelien
nach dem codex argenteus, in zeilengenauem abdruck; es war die frucht einer zehn-
jähi'igen eingehenden beschäftigung mit der nicht immer leicht zu lesenden hand-
schrift. Einen nachtrag zu dieser ausgäbe lieferte er 1857 : decem eodicis argentei
rediviva folia ; zehn blätter des codex waren von der bibliothek in Upsala weggestoh-
len worden, Uppström glückte es sie wider zu erhalten, in jenem nachtrage ver-
ötfentlichte er sie. Nachdem er so den gotischen Sprachdenkmälern, die in Upsala
aufbewahrt werden , die eingehendste fürsorge zugewendet hatte , muste er als der
berufenste erscheinen , auch die übrigen in Deutschland und Italien befindlichen goti-
schen Codices , die als palimpseste schwieriger zu lesen waren , einer erneuten revi-
sion und ausgäbe zu unterwerfen. Die Unterstützung wissenschaftlich interessierter
Privatleute ermöglichte ihm die erste reise nach Deutschland und Italien 1860, als
deren frucht die reste des evangeliums Matthäi nach dem Ambrosianischen codex , der
sogenannten Skeireins, und des Röraerbriefs nach dem Wolfenbüttler codex 1861
erschienen. Auf einer zweiten reise nach Italien 1863 unterzog er die in Mailand auf
der Ambrosianischen bibliothek aufbewahrten fragmente der briefe Pauli, des alten
testaments (buch Esdrae und Nehemiae) und eines gotischen calendariums einer
erneuten lesung, dieselbe liegt der gegenwärtigen ausgäbe zu gründe. Leider sollte
Uppström diese ausgäbe nur beginnen, nicht vollenden. Wenige bogen von ihr waren
gedruckt, da starb er am 21. januar 1865. Sein söhn, dr. Wilhelm Uppström
in Upsala unternahm es, die arbeit zu vollenden und hat diese aufgäbe in durchaus
würdiger weise gelöst.
So liegen uns durch Uppströms Verdienste die sämtlichen erhaltenen goti-
schen Sprachdenkmale, mit einziger ausnähme der Neapolitanischen und Aretiuischen
Urkunden, in neuen, zeile für zeile den handschriften folgenden, mit wertvollen kri-
tischen anmerkungen begleiteten abdrücken vor. Was die ausgäbe der paulinischen
briefe betrifft, die zu dieser anzeige anlass gegeben hat, so hat Uppström selbst die
zahl der durch ihn berichtigten textessteilen auf über 450 geschätzt. Diese einfache
Zahlenangabe allein beweist uns die eminente Wichtigkeit der letzten Uppströmschen
arbeit. Alle früheren ausgaben der gotischen Sprachdenkmäler sind nunmehr, was
die treue widergabe des handschriftlichen textes betrifft, antiquiert, eine neue hat
nur auf den Uppströmschen lesungen zu fussen.
Kritische Untersuchungen über die gotische bibelübersetzung von
Ernst Bernhardt, dr. phil. , gymnasiallehrer zu Elberfeld. Zweites heft. Elber-
feld, 1868. 32 s. 8.
Diese kleine schrift, die fortsetzung der im jähre 1864 erschienenen kritischen
Untersuchungen über die gotische bibelübersetzung desselben Verfassers, enthält eine
374 HEYNE ÜB. BERNHARIIT . KRIT. ÜNTERSUCHTJKGEN
roilio kürzerer, meist auf das cvangcliimi Lucä bezügliclier aufsätzc , uiul die probe
einer neuen, von dem Verfasser beabsichtigten ausgäbe der gotisclien bruchstücke.
In dem ersten aufsatze wird das Verhältnis zwischen dem codex argenteus und der
Itala besprochen; der zweite erörtert die frage: sind wir berechtigt mit Lobe das
eyangelium des Lucas im codex argenteus aus einer besondern receusion herzuleiten?
imd kommt zu dem resultate dass der erste theil des Lucas (bis cap. 10) aus einer
andern gotischen handschrift abgeschrieben zu sein scheine, als die übrigen bruch-
stücke im codex argenteus , einer handschrift , die sich von der vorläge , aus der das
übrige stamme, namentlich unterschieden habe durch häufige Interpolationen nach
einer handschrift (nicht dem codex Brixianus) der Itala , und durch weniger altertüm-
liche und weniger correcte Schreibweise, vielleicht auch durch die wähl abweichender
ausdrücke. Der dritte aufsatz spricht über mancipo Luc. 14 , 28 und viguiia v. 31 ;
manvipo wird mit Massmann als gen. plur. von »(«/(/'/^irt Vorbereitung , mit der bedeu-
tung res paratae , vorrat, genommen, aber herr Bernhardt zieht manvipo nicht wie
jener zu niu rahneip , sondern lässt es von dem folgenden hahaiii abhängig sein,
ein gedanke , dem unter anderem auch das bedenkliche entgegen steht, dass haban
nur in negativen sätzen mit dem genitiv verbunden erscheint , Job. 16 , 33 ist keine
beweisende stelle dagegen, du vigana v. 31 wird als dativ einer neutralen form vigan
krieg ,,oder noch lieber (!) vign" gefasst. Mit solchen tappenden Vermutungen soDte
man nicht sjnelen. Der vierte aufsatz schlägt das gotische medium , im laufe eines
Jahres zum vierten male , tot. Ich bitte auch nicht um sein leben ; komisch ist nur
die ängstliche hast, mit der das arme geschöpf der gelehrten in dieser kurzen zeit
in Pfeiifers Germania, in Kuhns Zeitschrift, von Scherer und jetzt ■\vider von Bern-
hardt zu tode gehetzt wird, von jedem auf eigene band, ohne von den gesinnungs-
genossen uotiz zu nehmen. Die mediumtöter hätten wenigstens doch sagen soUen,
dass Massmann bereits vor länger denn zehn jähren den grössern theil der hierher
gehörigen formen nicht als mediale anerkannt hat.
Als fünfter und letzter theil des schriftchens erscheint bruchstück und probe
einer neuen ausgäbe der gotischen bibelübersetzung. Diese ausgäbe soll sich von
den bisherigen dadurch unterscheiden, dass dem gotischen texte eine griechische
Version desselben beigegeben und in dieser der versuch gemacht ist, den griechischen
text herzustellen, dem Ulfilas bei seiner Übersetzung folgte. Der gotische text .,ist
wesentlich der Uppströmsche," Avas sich ganz von selbst verstehen muss. Dass die-
ser text durch senkrechte striche die Zeilenschlüsse des codex (es ist immer nur vom
codex argenteus die rede , von den andern nicht) anzeigt , ist ganz unnütz und gewährt
dem texte ein widerliches ansehen ; dass die interpunction des codex argenteus über-
all beibehalten , „ welche , so fehlerhaft sie oft sein mag , doch interessant und öfters
von bedeutung ist," kann in einer kritischen ausgäbe nur beklagt werden. Anmer-
kungen unter den beiden texten sind bestimmt, die Schreibfehler im codex argenteus
und die abweichungen von der Löbeschen ausgäbe anzugeben , ferner enthalten sie,
wo es nötig schien, eine erklärung des gotischen textes und beobachtungen über
den Sprachgebrauch; sodann sollen sie über das Verhältnis der gotischen zu den
griecMschen und lateinischen handschriften an jeder stelle rechenschaft geben. Der
])lan , wie ihn herr Bernhardt entwickelt , kann im allgemeinen , bis aiif die obigen
ausstellungen , beifall erwecken ; über die art der ausführung desselben wage ich noch
kein urteil. Die mitgeteilte probe Luc. 6, 1 — 36, die wenig kritische Schwierigkei-
ten enthält, legt die befähigung des herrn Bernhardt zu dieser arbeit, an der ich
aber in hinblick auf seine son.stigen leistungen keinen augenblick zweifele, noch nicht
an den tag; ein stück der Paulinischen briefe wäre hier instructiver gewesen. Die
E. H. MEYER ÜB. K. MEYER, DIE DIETRICHSSAGE 375
sprachlichen annierkungen sind sehr breit geraten, sie hätten bei etwas knapperem
ausdruck auf der hälfte des raumes platz gefunden; hinsichtlich ihres wertes gehen
sie eine goldene niittelstrasse , und sie würden selbst aus dieser noch nicht heraus-
kommen , wenn sie ein wenig mehr in die materie , über die sie belehren sollen , sich
vertieft hätten. m. heyne.
Karl Meyer. Die Dietrichssage in ihrer geschichtlichen Entwick-
lung. Basel 1868. 54 selten.
Die vorliegende schrift, die vom Verfasser der philosophischen facultät der
Universität Basel zur erlangung der venia docendi vorgelegt und Karl Simrock, dem
dichter des Ameluugenliedes, gewidmet ist, hat weniger die absieht, uns auf neuen
wegen durch einen der wichtigsten Sagenkreise unserer litteratur zu führen , als uns
eine gedrängte Übersicht über dessen hauptquellen und die demselben bisher zuge-
wanten Untersuchungen zu verschaffen. Die ansichten, welche seit W. Grimms und
Lachmauns denkwürdigen arbeiten später von W. Müller, Rieger, Simrock, Uhland
und Wackernagel, vor allen aber von Müllenhoflf über den Ursprung und fortgang der
gütischen heldensage zu tage gefördert sind, finden wir hier fast vollzählig gesam-
melt, klar dargelegt und sorgsam und verständig gegeneinander abgewogen, so dass
auch das minder geübte äuge die allgemeinen uinrisse des stattlichen sagenbaues jetzt
leicht überschauen kann. In diesem dankenswerten aufsatz erscheint gewissermassen
das erste Stadium der erforschung der Dietrichssage abgeschlossen.
Nun aber, nachdem nach den Nibelungenliedern und derKudrun auch die texte
der Thidrekssaga und unseres Heldenbuches einer schärferen kritik unterworfen sind,
muss notwendig das geschehen,' was MüllenhofF schon vor 14 jähren in Haupts Zeit-
schrift 10 , 146 forderte , eine erneute Untersuchung jener nordischen erzählung und
mhd. gedichte samt einer genauen betrachtung der ganzen geschichte könig Theo-
dorichs. Ja noch mehr! Unser Verfasser nimmt selber s. 16 an, dass in Dietrichs
gestalt das geschick seines ganzen Volkes durch die sage verkörpert sei. Gut! dann
muss aber auch das auf Theodorichs tod folgende menschenalter der ostgotischen
geschichte bis ins einzelne durchforscht werden. Man würde z. b. gefunden haben,
dass nicht nur ganze stücke der Eabenschlacht und der Flucht aus dem letzten Zeit-
raum der gotengeschichte herausgebrochen sind , sondern auch das gedächtnis könig
Theodahats und könig Vitigis in Diethers und Wittigs eigentümlicher sage fortlebt.
Andrerseits scheint mir zu wenig gewicht auf Theodorichs jugend, seinen langjähri-
gen aufenthalt in Constantinopel und überhaupt auf das unselige Verhältnis der Goten
zum Griechenkaiser gelegt zu sein. Ferner verdienen auch die späteren bewohner
Oberitaliens, dieses hauptschau])latzes der sage, die Langobarden, eine ganz andere
aufmerksamkeit, als ihnen bisher geschenkt worden. Bethmann ist der einzige, der
(im 10. bände des Pertzischen archivs) vortreffliche vorarbeiten für die langobardische
Sagenforschung geliefert hat. Ich glaube, dass man nach benutzung eines derartig
erweiterten quellengebietes nicht mehr mit MüUenhoff und dem geehrten Verfasser
den sagen von Hug - und Wolfdietrich austrasisclien Ursprung zuschreiben , sondern
darin die Verschmelzung der gotischen mit einer theilweis auf altarischem mythus
beruhenden langobardischen (meist friaulischen) sage erkennen wird, Avorauf auch
schon Vidsidhs altes Verzeichnis der Ermenrichsheldcn von v. 100 an hinweist.
Fast noch dringlicher aber als ein solches breiteres geschichtsstudium verlan-
gen wir ein tieferes eindringen in den heidnischen Volksglauben. Was der Verfasser
von den mythischen bestandteilen unserer sage meldet , ist etwas dürftig ausgefallen,
87(> .I^NICKE
und, ehe nicht ähnliche untersnchungcn angestellt sind, wie sie Müllen hoff vor cini-
jifcn Jahren dem Hartungcnmythus gewidmet hat, wird der hintergrund der sage nicht
wesentlich aufgehellt werden. Die grossen ergebnisse der vergleichenden mythenfor-
schung sind noch immer nicht genugsam verwendet für das studium unserer heldcn-
sage, auch scheint mir noch immer die lebendige volkssage , die ja so eifrig gesam-
melt ist, dafür zuwenig berücksichtigt, besonders aber auch die berg-, fluss-, orts-
und tlurnamenkunde. Eine tiefere erkenntnis '/. b. der Wielandssage ist nur dadurch
erreichbar, dass man Kuhns berichte von den indischen Eibhus mit genauer prüfung
der altern und Jüngern Wielandssage einerseits und andrerseits mit der bekanntschaft
westfälischer ortssage und Arnsbergischer geschichte und gegend verbindet. Dann
erst darf man sich an "Wielands söhn. Wittig, wagen, um seinen mythischen gehalt
vom geschichtlichen zu sondern. — Der Harlungenmythus liegt ferner noch so im
dunkeln, dass seine Verknüpfung mit der Dietrichsage nichts für den alemannischen
Ursprung der letzten beweist ; noch weniger aber kann die bemerkung K. Meyers,
kein volk besänge sein eigenes unglück, diese annähme stützen, da man von Germa-
nen weiss , dass sie es fertig gebracht haben , selbst ihrer götter Untergang im liede
zu verkünden. — Auch die Eosengartensage , die überhaupt meist als später aus-
■\vuchs unterschätzt wird, wird vom Verfasser nur obenhin berührt, obgleich ihr ohne
zweifei uralte mythische anschauungen zu gründe liegen.
Für die hier ausgesprochenen ansichten kann ich hier leider keine beweise bei-
bringen; doch hoffe ich bald gelegenheit zu finden sie vorzufüliren und hoffe weiter,
dass der Verfasser das betretene gebiet der forschung nicht so bald wider verlas-
sen werde.
BREMEN, 1. NOV. 1868. ELABD HUGO MEYER.
Das leben der heiligen Elisabeth vom Verfasser der Erlösung. Her-
ausgegeben von Max Rieger. Stuttgart 1868. 434 s. 8. (Bibliothek des
litterarischen Vereins XC.)
Eine vollständige ausgäbe vom leben der heiligen Elisabeth muss jedem will-
kommen sein, da man sich bisher mit den zwar ausführlichen, aber nicht ganz zuver-
lässigen auszügen Graffs im ersten bände der Diutiska behelfen muste. Eieger hat
nicht einen abdruck der besten handschrift mit gelegentlichen notizen über die andern
handschriften gegeben, sondern eine wirkliche ausgäbe geliefert, in der alles zur kri-
tik und erklärung erforderliche so genau und sorgfältig dargestellt ist , dass er uns
durch seine arbeit zu grossem dank verpflichtet, der nicht geschmälert werden kann
durch ein paar abweichende meinungen über eiuzelheiten.
Den vollständigen text erwartete man besonders , seit Bartsch in Pfeiffers Germa-
nia 7, 1 f. die von ihm 1858 herausgegebene Erlösung und die heilige Elisabeth , für die
ihm nur Graffs auszug zu gebate stand, einem dichter zugeschrieben hatte. Der titel
des buches zeigt, dass Eieger sich der ansieht von Bartsch anschliesst. Mit vollem
recht; er bemerkt s. 51, dass die schlechte Überlieferung der Erlösung die Überein-
stimmung mit der Elisabeth nicht immer deutlich hervortreten lasse : durch seine
genauen metrischen und grammatischen beobachtungeu bietet er den besten apparat,
um die Erlösung, für die sich nach Bartschs ausgäbe auch' noch handschriftliche
hilfsmittel gefunden haben, sicher zu emendieren. Die Elisabeth ist, wie zum ersatz
für die schlechten handschriften der Erlösung, in der Darmstädter handschrift (A)
vorzüglich überliefert: der herausgeber sagt s. 28: „wir sind nicht darauf beschränkt,
aus den reimen ein uuvollkonmienes bild der mundart zusammen zu setzen; eine in
Zeitalter und heimat dem dichter naliesteheude treffliche handschrift liefert uns die-
ÜB. ELISABETH . HPG. V. RIEOER 377
ses bild in solcher echtlieit , wie es von einer gescliriebenen Urkunde irgend erwartet
werden kann ," und zur grösten anschaulichkeit hat er p. 47 vier Wetterauer Urkun-
den von 1277—1381 abgedruckt. Die heimat des dichters (Oberhessen), seine zeit
(da die tochter Elisabeths , die äbtissin Gertrud , als gestorben erwähnt wird , nach
1297) und sein Verhältnis zu seiner quelle . Dietrich von A]iolda , sind mit voller Sicher-
heit festgestellt. Wenn Bartsch 18.58 die Erlösung um 1250 oder wenig später setzte,
so durfte er 1862 nicht mehr daran festhalten und die Elisabeth in dieselbe zeit hin-
aufrücken (Germ. 7, 35): siehe Kobersteins grundris 1, 161. Er hatte früher die
Himmelfahrt Marias (Haupts zeitschr. 5 , 515) dem dichter der Erlösung zuschreiben
wollen; in der Germania s}irach er manche bedenken gegen diese annähme aus, dass er
aber nun in der Himmelfahrt eine nachahmung der Erlösung und Elisabeth sah, führte
ihn mit zum festhalten jener falschen Zeitbestimmung. Rieger entscheidet die frage
über die Himmelfahrt so: sie ist nicht vom Verfasser der Erlösung und Elisabeth,
auch nicht diesen beiden gedichten nachgeahmt ; auf einen ,, schulmässigen Zusammen-
hang beider dichter" ist wegen der von Bartsch nachgewiesenen Übereinstimmungen
zu schliessen s. 53. Dazu passt, dass der dialect der Himmelfahrt auf die nähe von
Oberhessen weist; das gedieht wird älter sein als Elisabeth und Erlösung (die hand-
schrift soll noch aus dem 13. Jahrhundert sein); dass es aber in die zweite hälfte des
13. Jahrhunderts gehört, ist durch manche jüngere ausdrücke sicher.
Was die Benutzung der handschriften betrifft, so wird jeder mit dem heraus-
geber darin einverstanden sein , dass nicht alle abwcichungen aus den schlechten
handschriften unter den text gesetzt sind. In manchen fällen aber, wo es sich um
schwierige oder seltene ausdrücke handelt, hätte man gern die abweichenden lesarten
in die Varianten aufgenommen gesehen, da sie doch mit helfen können zur erklärung
oder auffindung des richtigen. Der herausgeber scheint auch selbst diese meinung
zu theilen , denn er hat im glossar noch manche lesarten nachgeholt , deren gebrauch
unter dem text bequemer wäre; siehe z. b. unter cht enstecUche (wo die angäbe über
aD. nicht ganz genau ist, siehe zu 9140), enplöhen gehesnitz smunzen ivider ivir-
ken. — Die grammatischen und metrischen abhandlnngen der einleitung entwerfen
ein klares und scharfes bild von den eigenheiten des dialectes und des dichters;
besonders die metrischen sind nicht nur für das vorliegende gedieht wichtig: man
sehe z. b. was über die gleitenden reime und zusamnienstossenden hebungen bei Gott-
fried und Konrad gesagt ist. Ein paar bemerkungen seien zugefügt. Der vers durch
Merhern zu Stire 389 (auf s. 13 steht von M.; Schreibfehler oder handschriftliche
lesart ?) ist kein Verstoss gegen die regel des dichters , dass von zwei zusammen-
stossenden hebungen die zweite nicht auf e fallen darf; S.Helbl. 8, 1084 und Otacker
s. 29''. 682''. 718'' reimen Merlucrcn : beivceren , also ist hier Merhern zu schreiben.
S. 23 werden als ausnähme drei fälle von wirklich klingenden vierhebigen verspaaren
angeführt. Es ist auffallend dass alle drei auf e ausgehen, sie Hessen sich daher
allenfalls durch apocope beseitigen, wie in einem vierten falle, den Rieger anführt,
die handschriften wirklich liez : hiez statt Ueze : hieze schreiben. Freilich apocopieren
nach s. 14 von verben nur die präteritopräsentia das e häutig ; aber da (s. 16 f.) der
dichter das e von Substantiven oft abwirft, auch im reim (vgl. zur Erlösung 5451),
so scheint es doch möglich, dass in den angeführten drei fällen lieber eine ihm nicht
geläufige apocoi)e anzunehmen ist als eine Verletzung seiner metrischen regel, die
doch mit auffallender Sorgfalt beobachtet wird. S. 32 wird bemerkt, dass oti keinem
Umlaut unterliegt; vorher steht „oi erscheint in froyde goyde abwechselnd mit ou."
Da aber nur an zwei stellen oy : oy, an einer dritten oy : ou und an vier andern
(6399. 7747. 9053. 10207) ou : ou in diesen Wörtern reimt, so war im text überall
378 WBINHOJLD, BOIE
(Hl ZU setzen. Niu- durch ein versehen wird s. 39 in allen fliz 5565 als dativ aufge-
führt, siehe granini. 3, 154.
Den text hat Rieger so herge.stellt, dass nichts erhebliches daran zu ändern
sein wird. Im glossar hat er, Avie er in der vorheiuerkung sagt, die auswahl des
Wortvorrats eher zu weit als zu eng greifen wollen. Dies ist um so mehr zu billi-
gen , als es ihm durch zweckmässige eiurichtung gelungen ist , auf massigem räume
die spräche des dichters genau darzustellen. Die ganze anläge , wie er das lateini-
sche original anführt, auf Vilmars und Bartschs arbeiten verweist und die heutige
volksmundart so \ne ältere dialecte heranzieht, verdient die vollste anerkennung.
Namentlich durch Vilmars vortreffliches hessisches idiotikon, in dem auch eine reihe
von stellen der Erlösung berichtigt und erklärt sind . ist das Verständnis des Hessi-
schen um ein bedeutendes gefördert. Dennoch bat Rieger einige Wörter ohne erklä-
rung lassen müssen; manches für die Elisabeth, die gerade viele ausdrücke des gewön-
lichen lebens enthält, wird sich fortgesetzter beobachtuiig ergeben. Ein paar kleine
notizen zum glossar seien hier noch gegeben. Jcurzebolt ist, wol nach dem mhd.
wb. , falsch erklärt „Schmucksache." Dass es ein kleidungsstück ist, ergibt sich aus
Ruther 4469 f.
dö zierede man [meyede] unde icif
mit vlize den iren lif;
si trögin kurzebolde
gelistet mit deme golde
xmd mit edelem gesteine
gewieret vile deine.
Die falsche erklärung des mhd. wb. scheint daher gekommen, dass man, wie
auch Eieger thut, kurzeholde zum vorhergehenden (schätz) zog statt zum folgenden
(gewand) an den stellen, wo von geschenken die rede ist. Die betreffende stelle der
Elisabeth (524 f.) muss noch eine Verderbnis enthalten , vielleicht in v. 527, den man
mit einer kleinen änderung lieber zum folgenden zöge ; und 530 scheint fletze unrich-
tig. Was soll der ,, geebnete fussboden" hier, wo doch ein gewand beschrieben wird ?
eine sichere Verbesserung zu finden wollte nicht gelingen. Für hutschuhe 3212 wird
trotz der im DW. 2, 278 angeführten späteren form hotschuh doch hunt schuhe zu lesen
sein, da die handschrift A ziemlich oft in- und auslautendes n weglässt, siehe z. b.
duget 64. hrachmat 4355. vngust 7240. magerlei 9336. pine : filgerine 1169. suze 1220.
hatte 1507. lauge : dauge 2321. herre 4369. megede 7251. liebe 7749. Im glossar
und in der einleitung s. 57 wird endrinnen 8358 erklärt ,, nicht umhinkönnen;"
diese bedeutung ist nicht belegt und scheint weniger passend als die gewöhnliche,
die zu Dietrichs worten qiiod progredi non valentes tanquam coacti redierunt stimmt.
Zu der form hcntsche (handschuh), die schwach decliniert wird, lässt sich zufügen
cirotece henschen Germ. 9 , 28 und hantsgin Atliis C* 74.
WRIEZEN. OSKAR J-älNICKE.
Heinrich Christian Boie. Beitrag zur geschichte der deutschen
litteratur im achtzehnten Jahrhundert. Von Karl Weinhold. Halle,
Verlag der buchhandlung des Waisenhauses. 1868. X. 389 s. 8. (1 thlr. 15 sgr.)
Eine selbstanzeige gibt dem Verfasser gelegenheit, sich nicht allein über die
absieht seines buches noch einmal zu äussern und auf den Inhalt desselben aufmerk-
sam zu machen, sondern auch durch zusätze und berichtigungen zu beweisen, dass
er dem gegenstände weitere pflege widmete und im stände ist, in der schärferen
betrachtung, Avelche für das gedruckte rascher als für das handschriftliche eintritt,
WEINHOLD, BOIE 379
sein eigenes verfahren genauer zu beurteilen. Wenn eine so gefasste selbstanzeige
mehr schatten als licht wirft, so darf der Verfasser doch hoifen, dass er gerade
dadurch einsichtige leser bestimmen wird, auch das licht anzuerkennen und zu
gemessen.
Ich- gieug zu der darstellung des lebens Boies , um mich von den anstrengen-
den grammatischen arbeiten meiner letzten zehn jähre zu erfrischen. Veranlassung
bot der nicht unbedeutende nachlass von briefen , welche der noch lebende älteste söhn
Boies, herr etatsrath Boie in Kiel, mir zur benutzung überliess. Das buch wuchs
unter der band. Grade bei Boie , dem mittler der litteratur in längerer zeit , konnte
sich der biograph nicht in engeren schranken halten. Wenn die arbeit daduixb
schwieriger ward, so gewann sie doch an allgemeinem werte und es werden voi'nem-
lich diese theile des buches sein, welche ilim eine bleibende bcdeutung für un>sere lit-
teraturgeschichte sichern. Aus bisher versteckten quellen habe ich zur keuntnis
von Schriftstellern und von litterarischen Unternehmungen Avichtige beitrage geben
können.
Mein werk zerfällt in sieben buch er. Das erste schildert Boies familie,
sein leben in Flensburg und Jena und scliliesst mit der immatriculation des rechts-
kandidaten in Göttingen 1769. — Ich bitte hier den leicht kennbaren druckfehler
s. 3 in dem Studienjahr des vaters Boie 1769 statt 1739 zu verbessern. — Das leben in
Göttiugen (1769 — 1776) behandelt das zweite buch. Hier grimdet Boie mit Got-
ter den musenalmanach , den er von 1771—74 allein fortführt und nachdem er ihn
für 1775 Voss zur besorgung überlassen , ganz fallen lässt. Während eines längeren
aufenthaltes zu Berlin im winter 1770 — 71 knüpft er wichtige bekanntschaften , von
denen die mit Eamler und v. Knebel die fruchtbarsten sind. Nach Göttingen zurück-
gekehrt , sammelt sich allmählich der Parnass um ihn , den er berät und leitet , so
schüchtern und bedenklich er bei den eigenen arbeiten bleibt. Ich hebe aus dem
ganzen die Berliner reise, das Verhältnis zu den englischen Zöglingen und den deut-
schen fremiden, namentlich zu Bürger, Voss, den Stolbergs und Hahn hervor, ferner
die freundschaft mit Auguste Stolberg, die reise nach den Niederlanden, die begeg-
nung mit Goethe und die gründung des Deutschen Museums mit Dohm.
Zu s. 45 trage ich nach, dass Miller im Verzeichnis zu seinen gedichten (Ulm
1783) s. 469 zu dem liede ,,Das ganze dorf versammelt sich" bemerkt, er sei dadurch
mit Boie und durch ihn ,,mit den übrigen theuren dichterfreunden in Göttingen"
bekannt worden. Miller fühlte sich zwar, wie ich erzählte, durch die abweisung sei-
ner romanstücke vom museum verletzt, indessen stellte er, wie ich später fand, im
frühjahr 1777 durch einen freundlichen brief an Boie das gute Verhältnis her. Den
30. sept. 1804 fragte dieser seine Schwester Ernestiue Voss theilnehmeud , wie sie den
alten freund in Ulm gefunden hätten, von dem wider zu hören ihn verlange.
S. 46 z. 9 V. u. lese man statt 1776 das richtige 1777.
S. 54 füge ich dem über Fr. Hahn gesagten zu, dass derselbe noch 1777 in
Göttingen sich aufhielt. Boie schreibt den 1. April 1777 an Voss: Hahn hat sich fest
in den köpf gesetzt, dass er (dem kürzlich verstorbenen) Closen bald folgen wird
und legt die bände nun vollends in den schoss und bekümmert sich um nichts. Ich
weiss das von Bürger." Den 21. octbr. d. j. theilt er Voss mit, dass Hahn noch
immer in Göttingen sein solle.
Bei s. 61 verweise ich noch auf das gedieht, welches Voss zur hochzcit von
Lieschen (Magdalene Elisabeth) Boie mit dem buchhändler Jessen den 17. december
1778 widmete und das ohne seinen namen mit der Überschrift .,An M. E, B***, den
17. decbr. 1773" in nr. 204 des Deutschen sonst Wandsbecker Bothen vom j. 1773
380 WKlNHOhlJ , liOlE
gedruckt ward. Es fehlt in den .s:uulun<,aMi der vossisclien j,'ediclite, stellt aber mit
Vossens nanien und der Überschrift an Elisa in seinem almanach für 1776. s. 78.
S. (54. Während des Gothaer besuchcs machte Boie die hochzcit eines jenischen
Studienfreundes mit und Hess dazu ebenso wie Götter vcrse drucken, nach einem
briete an Ernestine B. vom 28. ajiril 1774.
Die s. 73 erwähnten vermischten Schriften sollten, wie ich bei aberma-
liger durchsieht eines briefes an Voss vom 12. august 1775 erkenne, hauptsächlich
Übersetzungen kleiner englischer abhaudlungen bringen; so waren Hays essay on
deformitij und die DialcHjucs on heaiity dafür bestimmt.
Die jahrzahl der letzten zeile auf s. 76 ist in 1775 zu bessern.
Das dritte buch schildert Boies hannoversches leben, also die jähre 1776 —
1781. Die geselligen zustände der stadt Hannover, Boies verkehr mit Schröder und
seinen besten schauspielern, Höltys tod und die ausgäbe seiner gedichte, Boies
freundschaft mit der Stolbergschen faniilie und die reise nach Kopenhagen, welche
seine ansteUung in Dietmarschen vermittelte, treten besonders heraus.
Dem neuen herausgeber Höltj's' werden die s. 88 — 90 gemachten mitteilun-
gen von wert sein. Ich vei'weise hier noch auf die amnerkung, welche Voss im Ver-
zeichnis des almanachs für 1778 zu den Höltyschen gedichten machte und füge wei-
ter bei, dass Boie im april 1780, ehe er selbst nach Otterndorf kam, seinen ganzen
apparat zur ausgäbe Höltys, bestehend in den ,,bundesbüchern , seinen abschriften
von den gedruckten gedichten und den originalen dazu" an Voss vorausschickte, um
sich mündlich mit ihm darüber zu beraten. Voss behielt das ganze , obschon Boie
noch den 11. november 1782 ,, Höltys sachen" bis Weihnachten zurückverlangte. In
den nächsten wochen entschied sich Boies rücktritt von dem unternehmen.
Die vierte note auf s. 90 verlangt eine berichtigung , wie mir zuerst herr dr.
Redlich in Hamburg, ein gründlicher kenner der litteratur jener periode, bemerkte.
Die 14. nummer des Wandsbecker Boten von 1774 brachte nämlich drei Boiesche
gedichte: 1) die quelle der Vergessenheit ,, Verzehrt von Schwermut und liebe,"
welches ich aus einer abweichenden handschrift Boies in meinem buche s. 296 f. als
vermeintlich ungedruckt herausgab. Sodann 2) Amor ,,Wann oft der weise Damis
spricht," wider gedruckt unter der aufschrift Aegle im almanach für 1775. S. 99,
und 3) der tausch „Hier sollt ich sie erwarten," in meinem buche s. 302 aus dem
vossischen almanach für 1789. s. 215 mitgeteilt. Die ältere gestalt von 2 und 3
weicht im einzelnen ab.
Im vierten buche rollt sich Boies leben von seinem antritt in Meldorf
(april 1781) bis zu seinem tode, 3. märz 1806, ab. Seine freundschaft mit dem Nie-
buhrschen hause und die liebe zu der edlen Luise Mejer, die er nur ein jähr als gat-
tin besass, das Verhältnis zu dem Emkendorfer kreise, seine religiösen und politi-
schen ansichten, die püege seines reichen garten und die neu erwachte beschäfti-
gung mit der poesie werden die leser anziehen.
Zu berichtigen ist das datum in der untersten zeile s. 129: es muss 24. märz
1799 heissen.
Das fünfte buch behandelt Boies Stellung zu der litteratur seiner zeit. Es
ist jedenfalls für die litteraturfreunde der anziehendste theil. Auf den abschnitt über
Bürger (s. 198 — 215) und auf die drei ungedruckten Goethebriefe (s. 186.
1) Ueber die Vossische bearbeitung der gedichte HöUys. Ein beitrag zur deutschen littera-
turgeschichte von Karl Halm. (Aus den Sitzungsberichten der k. akademie der Wissenschaften zu
München). München 18fi8. 48 s. 8.
WEINHOLD , EOIE 381
187. 190) sei ein besonderer fingcrzcig erlaubt. Icli gebe nun einige nachtrage unrl
berichtigungen.
S. 140. Boie schickte den 28. decbr. 1783 Vossen auf dessen ausdrücklichen
wünsch ,,ein ding von Bodniern," das ihm auf der post zugeschickt und „viel-
leicht gar nicht in den handel gekommen ist." Es- war eine satire auf Voss. „Wie
sie dem eifersüchtigen greise geglückt ist, magst du sehen. Alle die letzten aus-
brüche seiner eifersucht thun mir wehe. Dies ist wahrscheinlich der letzte." Beleh-
rung über dieses pamphlet gegen den Horaertibersetzer wäre mir erwünscht.
S. 144. Aus einem briefe Boies an Heinrich Voss vom 30. septbr. 1804 ergibt
sich, dass er von J. G. Jacobi zu beitragen für das taschenbuch Iris allerdings ein-
geladen war und auch einiges schickte. Mag dasselbe auch für 1805 zu si)ät gekom-
men sein , so bleibt doch sehr auffällig , dass es Jacobi nicht in den folgenden Jahr-
gängen benutzte, zumal er dem abgeschiedenen alten freunde damit ein denkmal
setzen konnte. Erst 1810 bringt er sechs von Voss mitgeteilte gedichte Boies.
Die s. 149 erwähnte recension des Wielandschen Diogenes weist mir dr. Eed-
lich in der Hamburger neuen zeitung 1770. st. 65. 66. 69. 70 nach.
Zu der s. 155 note 2 ausgezogenen entgegnung Wieland s auf Vossens angriff
will ich hier die von dem vossischen lager kommende erwiderung aus dem Wands-
becker Boten 1775. nr. 93 nachholen: ,,Das einzige müssen wir hier doch anmerken,
dass H. Voss im Göttinger Musenalmanach wohl eine Ode, darunter er auch seinen
Nahmen gesetzt hat, nicht aber, wie s. 82 gesagt wird, Epigrammen wider Herrn Wie-
land gemacht habe, der übrigens in seinem Schreiben über die Bestimmung eines
schönen Geistes mit Herrn Voss nicht in demselben Fall, so wie mancher redliche,
die Tugend mit Enthusiasmus liebende Jüngling nicht grade ein junger unerfahrner
Neuhng in der Welt, und einer, der nicht mehr ein junger unerfahrner Neuling in
der Welt, noch lange kein Sokrates ist."
S. 156 habe ich mich über den Verfasser der merkurrecension vom vossischeu
almanach für 1776 uicht deutlich ausgelassen. Hält man s. 188 hinzu, so scheint es
allerdings, dass ich Wieland dafür ausgebe, wie Boie selbst vermutete. Ich trete
jedoch der mir brieflich mitgeteilten ansieht des herrn dr. Mich. Bernays bei, dass
Merck sie schrieb.
S. 161. Herr dr. Redlich wies mir das eine der beiden her der sehen
gedichte nach, welche Eamler änderte: es ist das mit M. gezeichnete lied : Ihr
kleinen sterne dort bei nacht (alm. 1772. s. 190), dessen verramlerung man in der
Lyrischen Bluhmenlese I. s. 209 lesen kann.
S. 163. Ein brieflicher verkehr zwischen Boie und Knebel hat wenigstens ver-
einzelt noch später bestanden. Den 24. aprU 1775 schrieb Boie an Voss: ,,An herrn
V. Knebel schreib ich heute wegen des jungen Offiziers, dessen Verse Sie mitgenom-
men haben."
S. 182. Dr. M. Bernays benachrichtigt mich, dass sich Boies briefe an Her-
der noch in Weimar befinden und im vollsten masse das von mir über seine theil-
nahme an den Volksliedern gesagte bestätigen.
S. 187. Z. 15 V. 0. lese man minder für wieder.
S. 190 erhält durch Goethes briefe an Schiller vom 19. october 1796 und
31. Januar 1798, worauf Bernays mich verwies, licht. Goethe hatte durch Eschen-
burg eine englische Übersetzung von Cellinis leben erhalten , welche Boie gehörte,
und die er zu behalten wünschte. Er nahm Schillers vermittelung in anspruch. Boie
willigte ein uiid darauf schrieb Goethe den brief vom 6. juni 1797 an ihn, welchem
die sechs bände seiner neuen sdiriften beigelegt waren. Als sicli Boie dafür nicht
f5S2 WEINHOTJ) . BOTE
bedankte, ersuchte Goetlie Scliiller, gelegentlicli .sich zu erkundigen, ob jener brief
und büelior erlialten liabe.
S. 192. Zu dem vcrkulir mit Lenz kann ich einen nachtrag geben. .Schon im
soramer 1775 bestund zwischen Boie und Lenz briefwechsel. Jener schrieb den 2. juli
1775 an Voss: „Ich habe Claudius heute allerley für den Almanach geschickt. Von
Lenz Epigramme, die sich schwerlich brauchen lassen, fast alle contra Wieland. Lenz
empfiehlt sich ihrer Freundschaft und schreibt , dass es ihm einerlei wäre ob sie
gedruckt würden oder nicht. Ein Ex. des Alm. müssen Sie ihm in jedem Falle
schicken." Zwei dieser epigramme erschienen bekanntlich im vossischen almanach für
1776: s. Iij2 und 170. Die briefe von Boie an Lenz sind im besitz des herm J. v.
Sievers, wie ich eben von demselben erfahre.
S. 196. anm. 1 habe ich irrtümlich den Strephon für ein unbekanntes stück
Lenzens ausgegeben. Es ist nur ein anderer name für Die freunde machen den phi-
losophen , in denen, wie dr. M. Bernaj^s mich erinnert, die hauptperson Strephon
heisst. — Zu anm. 4 l^ann ich nun ein zweites erhaltenes exemplar der ,, verth ei-
dig uug" im Dorer - Egloffschen bücherschatz nachweisen, in dessen katalog unter
nr. 1903 ,, vertheidigung des hen-n W. gegen die wölken von dem Verfasser der wöl-
ken" verzeichnet steht. Die auflösung Wagner für W. (Wieland) gibt der kata-
log falsch.
S. 218. Leisewiz hatte in Hannover noch keine anstellung, seine unschlüs-
sigkeit trug aber einzig die schuld. Boie schrieb den 21. octbr. 1777 an Voss: „Lei-
sewiz ist sehr hypochondi-isch gewesen. Ich fürchte dass er von hier und nach
Braunschweig kömmt, so gern er hier bliebe; aber es ist seine eigene Schuld, denn
er hat keinen Weg einschlagen wollen , der ihn hier zu was hätte bringen können." —
Ich will übrigens hier anmerken, dass das liedchen ,, Schone schone Philomele,"
welches Gödeke im grundris s. 705 Leisewiz beilegt, nicht blos im vossischen alma-
nach für 1776 s. 48 (nicht 4) unter Z. L. steht, sondern schon früher mit demz ei-
chen W — s im Wandsbecker Boten 1775. nr. 67 mit einigen andern lesarten gedruckt
war. P. G. Hagenbruch hat es zu einem ebenso beginnenden gedieht umgearbeitet
(P. G. H. Gedichte s. 61. Mühlhausen. 1781.).
Ueber Sp rickmann s. 218 f. fasste ich mich kürzer als meine mittel forder-
ten weil ich über diesen mustermenschen der geniezeit einmal ausführlicher zu han-
deln denke.
S. 221. Zu Fr. H. Jacob is verkehr mit Boie kann ich nachtragen, dass
Dohm der eigentliche mittler für das museum war, wie sich schon aus den gedruck-
ten briefen (F. H. Jacobis auserlesener briefwechsel 1 , 326. 350. 358) ergab. Jacobi
hatte mancherlei an der leitung auszusetzen und stund deutlich auf Dohms seite.
In einem briefe vom 31. Januar 1788 an Boie, den mir jüngst herr Eud. Zoeppritz,
der künftige biograph Jacobis, mitteilte, greift er dessen verhalten bei den artikeln
über die geheimen gesellschaften sehr scharf an. Indessen scheint Boies freundschaft
für den Düsseldorfer weisen dadurch nicht gestört, denn nach einem briefe an Voss
vom 10. august 1789 freute er sich auf Jacobis besuch in Holstein. Freilich konnte
ich keine spur finden , dass er Jacobi damals oder später hier zu lande sah.
Was ich s. 226 über die Hamburger gegenxenien sagte, bedarf einer
berichtigung , die von herrn dr. Eedlich stamt. Die probe von Asmus , welche Bolen
den appetit verdarb, war der Urian in der anzeige des Hamburger Correspondenten
vom 21. decbr. 1796 von Urians uachricht von der neuen aufldärung, der gegenschrift
des Wandsbecker Boten (Boas Xenienkampf 2, 87). Ebenfalls am 21. decbr. 1796
brachte die Neue Zeitung . ein vom (^!orres]tondenten verschiedenes Hamburger bhitt.
WEINHOI.D, ßOIE 383
jene berühmte disticlieiireceusion des Schillerschen almanachs, deren vei-fasser nach
Eedlichs forschungen unzweifelhaft Ebeling war. Zum beweise genügt ein brief des
wol unterrichteten Hennings au v. Halem (21. decbr. 1796, gedruckt im anhang zu
Halems Selbstbiographie), worin es heisst: ,,die rccension in der Neuen Hamburger
Zeitung ist von Ebeling. "^^ Ein andres gleichzeitiges zeugnis fand dr. Redlich in den
Vertrauten Briefen aus Holland im frühjahr 1797 (Lübeck, Niemann); und ein späte-
res in Audr. Willi. Craraers hauschronik (Hamburg 1822). Dadurch bestätigt sich
also Varnhagens angäbe und berichtigt sich die von Boas in seinem Xenienkampf 2,
26 gethane Vermischung des Correspondenten und der Neuen Zeitung, so wie meine
Vermutung über Claudius Verfasserschaft der distichen , die ich aus einer misverstan-
denen brieflichen äusserung Boies schöpfte.
Im sechsten buche wird Boies leitung des Göttinger Musenalmanachs und
des Deutschen Museums behandelt. Ausser der geschichte dieser zwei wichtigen Unter-
nehmungen kam es auf feststellung der mitarbeiter an, die zum theil hinter allerlei
willkürlichen buchstaben versteckt sind , die zuweilen selbst der herausgeber nicht
kannte und die immer von ihm als geheimnis behandelt wuj'den. Es ist daher hier
eine schwierige aufgäbe zu lösen , bei der versehen leicht begegnen köimen , und auch
ich blieb nicht verschont davon.
Gehen wir die einzelnen Jahrgänge von 1770 — 74 durch.
Bei dem Almanach für 17 70 (s. 233 ff.) ist zu erwähnen, dass ausser den
mit A bezeichneten Boieschen gedichten auch das unbezeichnete Daphnis und Chloe
,, Kleine braune, die ich liebe" s. 27 ihm gehört, welches verändert, mit chiffer B im
vossischen Almanach für 1789 s. 77 wider gedruckt ist. Knebel machte in einem
briefe vom 15. juni 1771 ausstellungen an diesem gedieht.
Unter den chiffern , die ich früher noch nicht bestimmen konnte, gehört Th
Gotter; in F vermutete Raraler nach einem briefe vom juli 1772 Flügge; das unter
K s. 78 stehende gedieht an Elisen: „Elise küsse küsse mich nicht so oft" soll von
Klopstock sein und ist in neuere ausgaben aufgenommen, während der dichter selbst
es ablehnte.
Ferner muss ich bessern , dass nicht fünf, sondern vier stücke der Neuen Ham-
burger zeitung entnommen sind, von denen drei (Avar stirbt und vermacht s. 42, Du
diebin mit der rosenwange s. 148 und Hier lieg ich schwach und siech s. 44) Lessing
gehören.
In dem Müller im Leipziger Almanachkalender auf 1770, den ich nicht
bestimmen konnte (s. 235), vermutet dr. Redlich K. W. Müller, einen mitarbeiter der
Bremer Beiträge. A^'on demselben erschien namenlos eine samlung gedichte , unter
dem titel Versuch in Gedichten. Leipzig 1755.
Zu den chiffern des Göttinger Almanachs für 177 1 (s. 244) habe ich fol-
gende aunierkungen , wobei ich dr. Redlichs hilfe wider erwähnen muss.
Das zeichen G theilt sich unter Gleim und Gotter: G. s. 68 ist Gleirn, G.
s. 175 Gotter. — Von N. E. D. g. v. W. ist nicht Döring, sondern verbirgt Ram-
ler, vgl. dessen Poetische Werke (1800) II, 8. — N. Z. bedeutet Neue (Hamburger)
Zeitung, woraus das damit bezeichnete gedieht Lessings der widerruf: „Zum henkcr!
fluchte Stolt zu Veiten" genommen ist. — P ist sicher Boie. Eine spätere Umar-
beitung des gedichta: Umsonst soll mir der saft der reben s. 168 brachte der vossi-
sche Almanach für 1790. s. 142 (mein buch s. 339). — Von S. war ein freund Kne-
bels, vgl. Knebels nadüass 2, 79. 82. — Z. steht unter dem von Boie ganz umge-
stalteten gedieht eines jungen menschen auf Gellerts tod s. 6 und unter dem von mir
s. 294 als ungedruckt mitgeteilten epigramm auf einen hexanietristen (s. 42).
384 WEINHOLD, noiE
Den druckfeliler Kraus l'ilr Kraut s. 244. z. 14 v. o. wolle man verbessern.
Zu s. 245 anni. 1. Boie stund schon 1771 mit Götz in jiersönliclier )>eziehung,
wie Knebels naclilass 2 , 101 lehrt.
Für tlen Almanacli von 177 2 s. 246 fanden sich folgende zusätze und berich-
tigungen :
Herder gehört nicht blos 0, sondern auch M an, welches ich Boien von 1771
her zuschrieb. Die drei gedichte ,,Ihr kleinen sterne dort bei nacht," ,,Wer grübe
sich nicht selbst sein grab " und ,,Wie so blass und bleich , o Jüngling " sind also
aus meinem Verzeichnisse zu streichen. Das erste , die bearbeitung eines englischen
in Percys samlung, steht etwas geändert (Du kleines sternenheer bei nacht) in Her-
ders Volksliedern. Für das zweite (Süsser wahn) zeugt ein brief von Herders braut
in Dünzers samlung aus Herders nachlass 3, 198. — J. ist nicht L. H. Nicolay, son-
dern Fr. Nicolai. — Das Kr. bezifferte epigramra s. 88 ist von Kretschmann (sämmt-
liche werke 2, 270. 1784). — Der mit L bezeichnete träum (s. 64) erinnert zwar in
der Überschrift an Millers gedieht, s. 105 seiner samlung, allein im übrigen sind es
nach meiner ansieht ganz verschiedene gediclite. — Zu Nais erwähne ich , dass
meine quelle ein brief Kretschmanns an Boie vom 24. april 1771 ist, worin er schreibt:
„Noch muss ich bemerken, dass das Gedicht Nais an Kleou wirklich ein verdienst-
liches P'rauenzimmer zur Verfasserin hat, deren Freund zu seyn ich das Glück habe,
aber ich bitte , verschweigen Sie in Ihrem Musen - Almanach , dass ich dieser Kleon
bin." Vgl. dazu Knebels nachlass 2 , 99. — Frhr. v. N. ist v. Gemmingen ; S. ist
Fr. Schmit, vgl. das lied: ,,Euch darf ichs sagen, stille haine" s. 195 mit dessen
gedichten, Nürnb. 1779. s. 11. — Ur. ist L. Aug. Unzer , vgl. dessen Versuche in klei-
nen Gedichten s. 17. Unzer hatte eines seiner gedichte Boieu zugeschrieben, Knebels
nachlass 2 , 132. — Die mit A bezeichnete romauze Phidile ist nicht aus dem Wands-
becker Boten entlehnt, wie anm. 2 ungenau steht. Als Verfasser ward nach einem
briefe Eamlers an Boie vom juli 1772 damals Flügge genannt; möglich also dass der
erste entwurf von diesem war, den Claudius umgestaltete.
Zu den zeichen des AI man ach s für 1773 s. 248 kommen nachstehende anmer-
kungen.
Ar ist , wie mir di*. Eedlich zuerst angab , J. L. Huber. Das morgenlied eines
gefangenen „Früh steigt zu gott" steht in seinen Versuchen in reden mit gott s. 183
(Tübingen 1787). — G. v. H. kann Göckiug sein, welcher unserm Boie 1772 epi-
gramme für den almanach schickte , Knebels nachlass 2 , 132, — Kr. ist nicht Käst-
ner , sondern Kretschmann , vgl. dessen werke 2 , 248. — L. M. (im register des
almanach J. M,) für Gleim beweist ein brief Knebels an Boie vom 11. decbr. 1772. —
Frh. v. N. ist Gemmingen. — Z ist Herder, vgl. Ursinus bailaden und lieder 352. —
Td , Teuthard , habe ich den bisherigen deutungen entgegen auf grund einer stelle in
Voss brieten 1, 114 Stolberg (es wäre nicht Christian, sondern Fritz) zugewiesen.
Dennoch muss Millers zeugnis für Hahn in seinen gedichten s. 37. 41 aufrecht bleiben,
und ich nmss dr. Redlichs Vermutung, dass die Überschrift an Teuthard von s. 114
vor das gedieht s. 113 zu versetzen sei, als ansprechend erkennen.
S. 249 anm. 2 ist die Seitenzahl der Verweisung , 143 , ausgeblieben.
Der ausführung über den Almanach für 17 74, s. 251 , kann ich beifügen,
dass BR Brückner und Frh. v. N. , wie früher , v. Gemmingeu bedeutet. S ist Miliern
zu nehmen und Voss zu geben: das lied „Der holdseligen sonder wank" steht in
dessen sämmtlichen gedichten 4, 24 (1802). Das aus dem Wandsb. '^.oten (1772 nr. 81)
entlehnte kleine gedieht ,,Mcin herz ist stahl, spricht Adellieide' (s. 130) ist von
Friedr. Schmit. (Gedichte 188).
WEINHOLD , BOIE 385
Die geschichte des Almanachs für 1775 und der fortsetzung durch Voss
berührte ich s. 253 f. im ganzen l>urz. Voss trat auch hier ziemlich anmasslich und
trutzi^ auf. Er redete Boien vor , dass er sehr wenig von ihm für den 75er almanach
erhalten habe , bis dieser es friedfertig zugab (brief an Voss , 3. august 1774). Ein
ähnlicher ton spricht aus der anküudigung seines almanachs, die Voss vom 15. mai
1775 ausgehn Hess und u. a. im Wandsbecker Boten vom 16. mai d. j. n. 77 veröf-
fentlichte. Auch die briefe. welche er im frühjahr 1775 in sachen seines almanaclis
schrieb, fand Boie ,, an manche ein wenig zu peremtorisch gerathen." (Brief vom
14. mai 1775).
Den mitteilungen über das Deutsche Museum s. 255 — 276 weiss ich bis
jetzt nichts beizufügen. Leider sind die redactionspapiere dieser Zeitschrift längst
vernichtet. — S. 255 z. 1 v. u. bitte ich die falsche zahl 98 in 91 zu bessern.
Ich komme nun zu dem siebenten buche, Boie als dichter. Nach einer
allgemeinen Schilderung des poeten gab ich hier eine auswahl von gedichten und ein
Verzeichnis der anfange der gedichte , die ich ihm zuschrieb , nebst bibliographischen
nach Weisungen.
Bekanntlich gelangte Boie niclit zum di-uck seiner mehrmals fertig geschriebe-
nen samlung, und auch Voss hat die ausgäbe später nicht besorgt. Mit ausnähme
der Avenigeu, nach Boies tode von Jacobi und von A. Schreiber in ihren taschenbü-
chern gedruckten gedichten , trägt kein einziges den vollen namen des dichters. Boie
versteckte sich stets hinter Chiifern , als welche , abgesehen von den einzeln gebrauch-
ten A. M. P. Y. Z. aus den eigenen angaben Boies B und X erhellten. Indem
sich nun die richtigkeit dieser zeichen an vielen gedichten erweisen Hess, so schloss
ich auf die Vaterschaft Boies für alle mit B bezeichneten gedichte in den ersten Göt-
tinger und sämtlichen vossischen almanachen , so wie für die mit X bezifferten wenig-
stens seit 1773.
Zwar zauderte* ich bei gar manchen, ehe ich sie als boiesch verzeichnete. Aber
ein inneres kriterium fehlte; denn obschon Boie im ganzen jenen ton hat, den ich
den weisse - götzischen nennen möchte, so schlägt er doch auch einen ganz abwei-
chenden an , und überdies bearbeitete er meist fremde vorlagen. So gehört er unleug-
bar zu den poeten ohne ausgeprägte eigentümlichkeit , ohne persönlichen geruch.
Einen äusseren Wegweiser verhiessen nun jene chiffern ; allein sie haben nicht selten
irre geleitet und ich muss jetzt bedauern, dass ich, ermüdet von der jagd nach den
englischen und französischen originalen, die zeitraubende und dabei oft aussichtlose
durchforschung sämtlicher anonj-mer almanachsgedichte für die beigäbe, als welche
ich das siebente buch nur betrachtete, scheute. Ich lege das geständnis ab, dass
ich viele gedichte als boiesch bezeichnete , die es nicht sind.
Voran mögen briefstellen über die chiffern B und X stehn, zum schütz,
nicht zum trutz.
Den 26. octbr. 1772 schrieb Knebel an Boie über den Almanach für 1773: „X,
das ich bald unter den Buchstaben B mitstecke, hat sehr niedliche Dinge. — Wis-
sen Sie schon, dass Ihr schönes Lied, das Gewitter, in die Lieder der Deutschen
kommt?" — Knebel schrieb also Boien beide chiifern zu, und doch gehören in jenem
almanach von den X- gedichten drei entschieden Boie nicht, wie ich jetzt weiss.
Den 14. mai 1775 schrieb Boie an Voss: „Herr X schickt Ihnen ein ganz
Paket zum ausfüllen. Was Sie von X seinen Sächelchen brauchen wollen, zeigen Sie
mir an. Wo Ihnen was besseres einfällt, sagen Sies getrost." — Am 22. juni 1775
an denselben: ,Da ist schon wieder ein Brief und ein Blättchen Verse. Nicht als ob
ich alles das ZwUg gedruckt haben wollte. Es ist blos zum aussuchen. Was ihnen am
ZEITSCUK. F. ]>EUTSCHii PHI1.01.0O1K , ^5
386 WEINHOLD, BOIE
besten gefüllt, aber nur ein paar Sti'icko, lassen Sie unter B, das andre unter X
drucken. Manche und vielleicht die meisten der ei)igrajnnie sind nachgealnat , ol) ich
gleich von den wenigsten sagen kann woher."
Am 29. märz 1776 , als ihm daran liegt , in Hannover nicht für einen poeten
zu gelten, bittet BoieVossen: ,,Was Sie von mir noch haben, wenn ja was darunter
ist, was Sie brauchen können und wollen, lassen Sie nicht unter B drucken. Ich
habe meine Ursachen, weshalb ich hier nicht gern Poet seyn möchte." Und den
23. juli 1776: ,, Auch einige Kleinigkeiten von mir zum ausfüllen, die Sie vielleicht
alle schon haben. Nur nicht mit B oder X. Ich habe Localursachen , weshalb ich
nicht mehr als Reimer genannt sein will."
Neun jähr später, den 7. aug. 1785, schreibt er Vossen: „Ich habe seit Jahren
nichts gereimt und wo noch manche alte Stücke, die allenfalls unter X figuriren
mögten , sind, weiss der Himmel." Den 22. octbr. 1787 widerum: ,, Hier lege ich
Dir — lache nicht! — einige alte Eeimereien von mir verbessert, wenigstens verän-
dert, bei. Die bezeichneten sind, so viel ich weiss, noch gar nicht gedruckt, und
wenn Du im Mangel besserer sie unter X verstecken willst, habe ich nichts dawider."
Schreiten wir nun zur ausscheidung des fremden , so weit mir dasselbe bis
jetzt erkennbar ward.
Dass die im Almanach für 1772 mit M bezeichneten gedichte nicht Boien son-
dern Herder gehören , ward schon erwähnt.
Die chiffer B hat sich mir im ganzen zuverlässig erwiesen ; nur im vossischen
Almanach für 1779 versagte es die probe. Die vier unter B Mer gestellten gedichte
gehören nämlich Brückner , wie ich ausdrücklich in einem briefe Boies an Voss vom
30. novbr. 1777 für das lied „Auf ritter lasst die gläser klingen" angegeben finde.
Die übrigen drei „Ich bin, sprach herr von Pilz, vom ältesten geschlechte," ,,Ihr
dirnen die ihr spröde thut," ,, Warum der pastor oft mit tiefem compliment," sind
augenscheinlich vom selben Verfasser. Man begreift zwar leicht , weshalb der mekleu-
burgische dorfprediger sich grade unter diesen gedichten ungern genannt sah, aber
versteht nicht warum Voss die bekannte chiffer Boies denselben gab, und versteht
dies um so weniger , wenn man in jenem eben erwähnten briefe Boies liest , wie der-
selbe Vossen widerrät, sie mit Brückners nanien drucken zu lassen, und die frage
hinwirft: „Soll sie nicht lieber Ahorn gemacht haben?" Vossens wähl des buchsta-
ben B. erhält dadurch einen unangenehmen beigeschmack.
Schlimmer als um B sieht es um X aus , das keine feste , obschon oft benutzte
chiffer Boies war, sondern eine allgemeine, worunter allerlei volk sich findet. Von
den durch mich irrtümlich Boien zugeschriebeneu gedichten mit X gehört eines
Weisse, eines Gotter, zwei Bürger, eines Fr. L. Stolberg, eines Brückner und eine
grössere zahl Voss. Spätere funde sind dabei noch möglich, wie die Verhältnisse
einmal sind.
Das Weissesche gedieht ist: ,,Ich nenne dich, ohn es zu wissen" Alm. 1775.
s. 144; vgl. Weisse kleine lyr. gedichte 1, 130. Das Gottersche steht Alm. 1773.
s. 217 „Noch vom süssen Schlummer überschattet." Die beiden Bürgerschen sind
„Amors pfeil hat widerspitzen" Alm. 1773 s. 213 und das schöne gedieht gegenliebe
,,Wenn ich wüste dass du mich." Zur Vergütung dieses meines ärgsten Versehens
will ich mitteilen, dass Bürger dies lied ganz wie es im Alm. f. 1775 s. 22 gedruckt
ist, schon den 19. ajiril 1773 an Boie schickte. Das Stolbergsche gedieht, das unter
X im Almanach für 1774 s. 104 erscliien , ist der Irrwisch (Spiele nur immer gaukeln-
der betrüger), womit Boie die von ihm 1779 herausgegebenen gedichte der brüder
Stolberg eröffnete.
WEINHOLD , BOIE 387
Brückner gehört das epigramni auf dr. Stauzius „Das meine herren brüder ist"
(Voss alm. 1778 s. 65. Mein Boie s. 331) ; vgl. Brückner, gedichte. Neustrelitz 1803.
s. 245.
Die zahlreichen Vossischen gedichte sind meist epigramme. Nicht dieser gat-
tung gehören das lied „Schliesst euch endlich augenlieder" (umgearbeitet: Hell
umschwebt die augenlieder, Voss sämtl. ged. 4, 18), das trinklied „Trinkt brüder
der reben entflammten saft" (Voss 4, 16), das madrigal „Dir klaren heitern äuge-
lein" (6, 160), die triolette „Bewachen herd und herz" (6, 99) und „Schöne Schwe-
stern, von euch dreien" (6, 100).
Die epigramme sind folgende :
Als am höheren kreuz gekreuzigt — Alte dichter allein und tote lobst du —
Aufrichtiger den fehler hasst — Bist du arm, mein lieber, so schicke — Das Sprich-
wort saget falsch — Deinen geburtstag feiert als gast — Dein lied ist morgenthau —
Dein redseliges buch lehrt — Der pöbel hält gemahl — Du sprichst bei allen schlecht
von mir — Ferne von menschen zu sein — Finden mag was jeder verlangt — Fröh-
lich schmauste mit uns Andragoras — Gehe dies grab nicht vorbei — Hätt ihn sein
böser stern — Heiliger Pluton nimm den Dämokritos — In dickem rundem krau-
sem kragen — Interpret was ist das — Komm hervor aus der flasche — Lächelnd
wog in der band — Lebend ward ich versteint — Mein herr barbier hat eigne gaben —
Mein ist jenes gedieht — Mein lied gefällt, was meister Feil — Mit einem lorbeerkranz
geschmückt — Nackt hat Paris mich nur — Nicht aus gunst erhob das geschick — Nicht
die guten zu loben — Nicht Venus Sol Merkur — Potz sprach die zeit zu Kakadu —
Eeichthum hast du des reichen — Eolf rüge doch des setzers fehler nicht — Schweige
von dir unkluger — Still ohne pracht doch sicher — Unsern marmornen Zeus —
Verse schüttest du hin — Wandrer mich tötete nicht der medicus — Wart , ich werde
mich rächen — Warum Signore Veit — Warum trägt frau Cäcilia — Was ist die
bibel? ein buch — Weder vertrau dir zu viel — Wer hastig alles glaubt — Zwan-
zig söhne erzeugte — Zween tiefsinnige freunde.
Sie sind alle von Voss in seine sämtlichen gedichte (1802) aufgenommen.
Von diesen epigrammen ist indessen ,,Du sprichst bei allen schlecht von mir"
zweifelhaft. Bürger schrieb es, als er den Almanach für 1778 las, aus seiner erin-
nerung Bolen zu; Voss selbst stellte es unter P. W. Henslers Sinngedichte s. 57 und
Hess es doch auch unter den seinen drucken. Dies eine beispiel veranlasst zu man-
chen bedenken.
Ferner hebe ich hervor, dass zu einer nicht kleinen anzahl dieser epigramme
Voss nur die form, Boie den Inhalt gab. Ich lernte dies aus erst jetzt gefundenen
briefstellen. Den 21. octbr. 1777 schreibt Boie dem schwager mit bezug auf den 78er
Almanach: ,, Ein paar Kleinigkeiten hat X meisterhaft übersetzt. Sobald ich einmal
Zeit oder Lust habe, will ich ihm mehr von der Art aufsuchen, woran er sich üben
kann." Den 30. novbr. 1777 schreibt er: ,,Ich nehme die englischen Kleinigkeiten aus
meiner eignen Samlung, die noch immer unausgesucht, aber sehr vermehrt da liegt.
Verwerfen Sie also nichts, zeichnen sich aus, was Sie etwa brauchen und schicken
mir bald alles zurück." Und den 10. febr. 1778: „Die verdeutschten Ejjigramme sind
gut, besonders das von Frau Cäcilie. — Da hab ich allerlei für Sie zusammenge-
schrieben, daraus einige gute Epigramme genommen werden können. Ich habe mehr
auf Einfälle gesehen , die ich im Deutschen noch nicht kannte. Wenn Ihnen nur ein
Paar so gut glücken als die Frau Cäcilie , so soll mich diese Mühe nicht dauern."
;388 WEINHOLD. BOIE
Meine beichte ist mir nicht Iciclit geworden. Kh will nicht flariiuf verweisen,
(lass auch andern , welche im übrigen Sorgfalt und kenntnis bewiesen , ähnliches niis-
geschick begegnete. Die beste sühne ist die gewonnene erkenntnis und der schon
in ausführung begriffene vorsatz , die anonyme und Pseudonyme des Göttinger und
des Vossischen almanachs aufzuspüren und das ergebnis der allgemeinen benutzung
zu sichern. Dabei wird die eigentümliche Schwierigkeit dieser Untersuchung eine
nähere beleuchtung erfahren. Man nahm es mit dem geistigen eigentum damals
nicht so streng, weil vieles überhaupt nur formal erworben war, und manche dich-
ter schwankten später selbst über das , was ihnen gehörte. Das zwischen Goethe
und J. G. Jacobi streitige sommerlied „Wie feld und au so blinkend im thau" gibt
das bekaimteste beispiel.
Ich hoffe das Boiesche eigentum sicherer als in meinem buche geschah , fest-
stellen zu können und kann nur wünschen, durch eine zweite aufläge gelegeuheit zu
erhalten , die neu gewonnenen ergebnisse glatt vorzulegen.
KIEL, NOVEMBER 1868. K. WEINHOLD.
Deutsche elementargrammatik für höhere lehranstalten, gymua-
sien, lyceen und real schulen. Von Ch. Friedrich Koch. Vierte verb.
aufläge. Jena, Haukes Verlag (Hermann Dufft). 1868. VIIT , 66 s. 8. l^l^ sgr.
Ein sehr verständiges und geschicktes buch, das sich durch kürze und meister-
hafte klarheit auszeichnet. Auf nicht mehr als 4 bogen bewältigt es die ganze laut-,
flexions - , wortbildungs - und satzlehre , mit dem ausgesprochenen zwecke , den in den
unteren klassen an die lectüre anzuschliessenden grammatischen stoff genügend dar-
zubieten , und nach dem richtigen grundsatze , däss in den unteren klassen an und in
der nmttersprache allein gi-ammatische Verhältnisse erläutert werden können, weshalb
auch, eben so richtig, durchgehend die lateinische terminologie angewendet ist. Es
beschränkt sich auf das neuhochdeutsche , beruht aber durchaus auf gedigener wissen-
schaftlicher historischer grundlage. Sein Standpunkt ist im wesentlichen der der
Grimmschen grammatik , deren mängel auch grossenteils noch beibehalten sind. Abge-
sehen davon haben sich fehler oder Irrtümer nur sehr spärlich eingeschlichen, wie
z. b. s. 17 ein Infinitiv däuchen, den Grimm WB. 2, 835 mit recht ,, unerhört"
nennt, obschon er im 16. Jahrhundert vereinzelt vorkomt , (vielleicht ist es nur dnick-
fehler für das zwar auch selten, aber doch selbst bei Göthe und Schiller vorkom-
mende däuchten), oder s. 22 ein nicht hochdeutsches masc. der eidechs, neben
dem allein hochdeutschen fem. die eidechse.
HALLE. J. ZACHER.
Leitfaden für den deutschen Sprachunterricht in höheren knaben-
und mädchenschulen von A. Eng'elien. Für die Unterklassen. Zweite,
■ verbesserte aufläge. Berlin 1868. Verlag von Wilhelm Schultze. 15 sgr.
Gott sei dank! Endlich einmal ein elementarbüchlein nach vernünftiger methode,
so dass die anschauung an sehr geschickt ausgewählten und abgestuften zusam-
menhängenden prosaischen wie poetischen lesestückchen und zwischengestreuten grup-
pen einzelner sätze vorangeht, und dahinter erst die definition und die regel
nebst deren ein Übung an reichlich und zweckmässig gegebenem und mit klaren
anleitungen begleitetem materiale nachfolgt. Das büchlein gibt hauptsächlich
eine elementare satzlehre in der üblichen aus der lateinischen grammatik überkom-
menen gestalt. Das notwendigste der Orthographie , interpunction und tiexion ist
geeigneten ortes zwischengeschoben , aber dabei doch etwas zu kurz und die wissen-
schaftliche historische grammatik noch nicht zu ihrem rechte gekommen. Ablaut,
Umlaut . starke und schwache flexionsform u. dgl. lassen sich aber auf dieser elemen-
tarstufe sehr wol behandeln; ja richtig behandelt regen sie sogar mächtig an und
tragen reiche frucht. Der Verfasser würde, wenn er diesem mangel abhelfen wollte,
den wert seines trefflichen büchleins nur noch erhöhen.
HALLE. J. ZACHER.
NOEDISCHER LITTERATURBERICHT.
I.
Wenn ich, aufgefordert von der redaction dieser Zeitschrift, einen
bericht zu geben versuche über die arbeiten auf dem gebiete der nordi-
schen oder nordgerraanischen philologie im skandinavischen norden, so
sei es mir gestattet an einen kleinen vertrag, den ich im jähre 1863
über denselben gegenständ hielt und drucken liess , anzuknüpfen und auf
ihn hier zu verweisen,^ um, was ich dort zur allgemeinen Orientierung
bemerkt , hier nicht noch einmal zu sagen. Es sind seitdem fünf jähre
verflossen und während dieser zeit eine ganze anzahl von hier in frage
kommenden Schriften erschienen , unter ihnen mehr als eine , die ihrer
bedeutung nach wol verdiente, zum gegenständ besonderer und ein-
gehender besprechuug gemacht zu werden. Einer von ihnen, Rdf.
Keys er s altnorwegischer litteraturgeschichte , ist ja eine solche bereits
in dieser Zeitschrift zu theil geworden , und dennoch angesichts der Wich-
tigkeit der Sache konnte sie es nur einzelnen partien derselben. Gleich-
wol einerseits die uns hier gebotenen räumlichen grenzen, andrerseits
der wünsch nichts wesentliches zu übergehen, lassen es zweckmässig
erscheinen auf solch eingehendere besprechung für diesmal wenigstens
zu verzichten, um so eher dürfen wir es später thun, wenn der bericht
statt wie diesmal über ein lustrum, sich nur über ein oder ein paar
jähre zu erstrecken hat.
Nur ein werk macht eine berechtigte ausnähme und nötigt uns zu
längerem verweilen: Sophus Bug g es ausgäbe der Saemimdar Edda,
nicht allein weil sie an sich zu den wissenschaftlich hervorragendsten
leistungen gehört, sondern auch weil entschieden- kein werk der gesam-
ten altnordischen litteratur uns Deutschen in dem grade nahe steht und
von jeher unsre theilname , ja auch unsre mitarbeit so lebhaft in anspruch
genommen, als jene samlung alter lieder nordischer götter - und helden-
sage. Bugges ausgäbe derselben steht aber nicht allein; theils unabhän-
gig von ihr, theils durch sie angeregt, ist gerade in den letzten jähren
1) lieber die altnordische philologie im skandinavischen norden. Ein vor der
germanistischen section der philologenversamluug zu Meissen gehaltener vertrag.
Leipzig 1864.
ZEITSOHR. F. DKUTSCHE I"HII.OI,, 26
390 Möniüs
SO viel im norden für die Ssemundar Edda gearbeitet und herausgegeben
worden, wie lange zeit nicht. Sehen wir von mehreren arbeiten ab,
welche kritik und erläuterung der eddalieder mehr oder minder mittel-
bar gefördert, so vor allem von Sveinbjörn Egilssons wertvollem
Wörterbuche über die altnordische dichtersprache , war seit der Muuch-
Ungerschen ausgäbe der Sa^mundar Edda im jähre 1847, der wir aller-
dings die treffliche und höchst schätzbare bearbeitung von Herm.
Lüning (Zürich 1859) zu verdanken haben, im norden bis in die sech-
ziger nichts nennenswertes erschienen. Heute haben wir neben Bugges
ausgäbe nicht allein noch eine zweite textesausgabe von Svend Grundt-
vig, sondern auch drei Übersetzungen eddischer lieder von A a r s , Gjes-
sing, Jessen zu verzeichnen, zwei Schriften über eddische syntax von
Nygaard und Wisen, von letzterem wie auch von Hazelius com-
mentare über einzelne lieder, zwei über die metrik der eddalieder von
Eosenberg und Jessen, dazu die betreffenden abschnitte in N. M.
Petersens und Kdf. Keysers altnordischen litteraturgeschichten und
namentlich Svend Grundtvigs, wie die höhere kritik der eddalieder
überhaupt, so insonderheit die heldensage betreffende Untersuchungen.
Die Ssemundar - Edda ist nun allerdings auch eine litterarische
erscheinung, die der betrachtung so viele und mannichfaltige selten dar-
bietet, wie kaum noch eine andere. Der fragen der niedern wie höhern
kritik , über ort und zeit der samlung einerseits , wie andrerseits der ein-
zelnen lieder, deren ausbreituug und Verhältnis zu den späteren Folke-
viser, über ihre innere geschichte, d. h. ihre Umformungen und Vermi-
schungen mit andern noch während der mündlichen tradition und auch
nach derselben, über ihren Inhalt, den mythologischen wie den helden-
saglichen, über ihre form, die sprachliche wie die metrische — sind so
viele, und die beantwortung der einzelnen ist eine der art gegenseitig
bedingte , dass wohl noch eine geraume zeit darüber hingehen möchte,
ehe — so weit überhaupt ein wissen auf diesem gebiete möglich ist —
dieses überall an die stelle eines blossen vermutens treten darf. Weit
entfernt, die sehr hohen Verdienste unterschätzen zu wollen, die sich
um die lösung jener fragen seit Arne Magnussen (f 1730), der auch
hier wie anderwärts unverlöschliche leuchten angezündet, sowol nordische
als deutsche gelehrte erworben haben, glauben wir doch angesichts des
buches, das uns zu diesen bemerkungen veranlasst, nichts paradoxes zu
behaupten, wenn wir sagen, dass eine sichere, zuverlässige gruudlage
für texteskritik der eddalieder, und widerum hiermit das fuudament für
alle sich an diese anknüpfende mythologische, litteraturhistorische,
sprachliche forschung — eben jetzt erst durch und mit Bugges ausgäbe
geschaffen worden.
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. T. 391
Um zunäclist das biicli nach umfang und inlialt zu beschreiben,
so bildet die ausgäbe der texte den wesentlichen bestand s. 1 — 376,
dem ausser titel, Verzeichnis des Inhaltes und der abkürzungen eine vor-
rede von 76 selten vorausgeht, und dem ein namenregister s. 377 — 87,
Zusätze und berichtigungen s. 388 — 450 und druckfehlerverbesserungen
s. 451 folgen; beigefügt ist dem auf gutem papier mit scharfen und
gefälligen typen gedruckten buche, eine tafel mit 2 facsimüestreifen , der
Hauksbök (Völu spä) und des codex ßegius.
Der titel des buches, der vor allem dahin strebt die bezeichnung
Saemundar Edda zu beseitigen (s. pag. LXIX der vorrede) und' zugleich
des herausgebers urteil über die heimat der lieder sowol, als auch der
samlung ausspricht , lautet: „Norroen fornJcvceäi. Islandsh Säm-
ling af folJcelige Oldtidsdigte om Nordens Guder og Heroer,
almindelig Jcaldet Scemundar Edda hins fröäa. üdgiven
af SopJius Bugge. Cliristiania, Mailing. 1867.^''
Die vorrede enthält in ihrem hauptbestande (p. I — LXX) einmal
einen nachweis der handschriftlichen quellen und Dires gegensei-
tigen Verhältnisses , andrerseits eine geschichte der unter dem namen
der Sseraundar Edda bekannten liedersamlung. Diese samlung im
engern sinne umfasst die in den beiden membranen , cod. Regius und cod.
Arna-Magnaanus, enthaltenen lieder, dagegen im weiteren — und diese
lediglich in papierhandschriften seit dem 17. Jahrhundert — ausser den
liedern des R. und AM. noch eine anzahl diesen nach form und Inhalt
verwanter lieder, von denen die einen vereinzelt auch in membranen,
die andern nur in papierhandschriften erhalten sind. Die hier in
betracht kommenden membranen sind sonach die beiden der samlung,
R. und AM., und die für einzelne lieder: die Hauksbök für Völu spä,
die Ormsbök der Snorra Edda für die Rigsmäl, die Flateyjarbök für die
Hyndluljöd, der Reg. der Snorra Edda für den Grottasöngr; dazu die
verschiedenen membranen der Snorra Edda, dei* Völsunga saga, des
Norna-gests-I)ättr — die durch die mehrfach in ihnen entweder voll-
ständig mitgeteilten oder in prosa umgesetzten Strophen aus verschiede-
neu eddaliederU; zum theil sogar aus jetzt verlornen, ein wichtiges hilfs-
mittel eddischer kritik darbieten. Alle die hier angeführten membranen
werden sorgfältig und mehr oder minder ausführlich beschrieben und
gewürdigt, vorzugsweise jedoch die ersten beiden, R. und AM., und von
diesen , wie zu erwarten , in eingehendster weise der Reg. , * dessen
beschreibung wol eine erschöpfende sein möc^ite; zunächst sein Inhalt
(lied für lied, mit, soweit noch erkennbarer, Überschrift, nach seite und
zeile der handschrift) , darauf über die art seiner widergabe durch den
26*
392 MÖBix^s
druck, endlich — auf 10 selten — eine detaillirte darstellung seiner
Orthographie und abbreviatureu ; dassell)e , nur etwas kürzer , über AM.
Beide niembranen sind aus graphischen gründen unzweifelhaft isländische,
und rücksichtlich des alters: der Keg. vom ende des 13. Jahrhunderts,
der AM. aus dem beginne des 14. Für die bestimmung des genealo-
gischen Verhältnisses, in welchem beide membranen zu einander stehen,
ist ausser den sonst hierbei in betracht kommenden kriterien von wesent-
lichem gewicht die mehreren liedern zur eiuleitung , ergäuzung usw. bei-
gefügte prosa, wie ja diese in der Ssemundar Edda, um dessen gleich
hier zu gedenken, nicht allein für die niedere kritik, sondern auch für
die beurteilung des Verhältnisses der lieder zur samlung ein in gleichem
grade bedeutsames kriterion gewährt. Ein gedieht, das mehrere einst
mündlich vernommen und dann ein jeder von ümen für sich aufgezeich-
net hat, wird in diesen verschiedenen, von einander unabhängigen auf-
zeichnungen, vermöge seiner gebundenen und festen form im wesent-
lichen ganz dieselbe gestalt zeigen ; ein stück prosa dagegen , in gleicher
weise vernommen und aufgezeichnet, in folge seiner losen und flüssigen
form — nimmermehr: Übereinstimmung der prosa in mehreren exem-
plaren beruht schlechterdings auf unmittelbarer oder mittelbarer abschrift
und zwar eines bestimmten, individuellen, einem bestimmten verfasser-
individuum angehörigen schrifttextes. Das gedieht gestattet meh-
rere mündliche quellen, die prosa fordert eine schriftliche —
wenn diese , wie jenes , als dieselben in mehreren handschriften befunden
werden. So ist denn auch im vorliegenden falle die prosa, wie sie uns
auf den erstmaligen aufzeichner und samler als solchen hinweist , dadurch,
dass sie im ß. und AM. dieselbe ist, ein untrügliches kennzeichen
dessen, dass beide handschriften — selbst wenn nicht gemeinsame
lücken und fehler es verriethen — auf ein ihnen gemeinsames, schrift-
Kches original, auf einen archetypus zurückgehen. Wenn dagegen AM.
-^ bekanntlich nur ein fragment, bez. zwei fragmente von 6 blättern —
gleichwol von R. vielfach abweicht, nicht nur in den lesarten, sondern
auch durch die andre reihenfolge seiner paar lieder und durch ein ihm
eigenthümliches (die Vegtamskvida) , so erklärt Bugge dies dahin, dass
AM. durch anders geordnete und reichere mittelglieder auf den archety-
pus zurückgeht, als R.
Nach den membranen wird die nm- in papierhandschriffcen enthal-
tene Überlieferung der vier gedieh te, Grögaldr, Fjölssvinnsmäl, Sölar-
Ijöd, Hrafnagaldr Odins besprochen, anhangsweise über die in den spä-
tem samlungen auch wol beigefügten gedichte aus der Hervarar saga
und den Gunnarslagr, als dessen Urheber nach Gudbrand Vigfiissons
mitteilungen wie hier (s. XLIX) von Bugge , so neulich von Konr. Mau-
NOEBISCHER LITTEBATURBERICHT. I. 393
rer (Pfeif. Germania XIII, 72. 284) der 1793 verstorbne Gunnarr Päls-
son nachgewiesen wird. — Nach dem erörterten befund von R. und AM.
kann es fiir die kritik der in ihnen enthaltenen eddalieder kaum ein ande-
res ziel geben, als mit hilfe derselben — nicht etwa: das jenseits schrift-
licher aufzeichnung nur gesprochene original des betreffenden liedes errei-
chen und herstellen zu wollen , sondern : den ihnen gemeinsamen schrift-
lichen archetypus aufzufinden , diesen als basis zu gewinnen und bei den
wenigen auch im AM. vorhandenen liedern unter Zugrundelegung des
Reg. die abweichungen des Jüngern AM. dahin zu prüfen, in wie weit
sie gieichwol dem archetypus näher stehen und in diesem falle denen
des Reg. vorzuziehen seien. Und hiermit würde die aufgäbe der „recen-
sio" erfüllt sein. Nun sind uns aber, wie bekannt, seit dem 17. Jahr-
hundert, eine ganze reilie von papierhandschriften der samlung überlie-
fert , die die im R. (und AM.) enthaltenen lieder theils in anderer folge,
theils mit mancherlei ergänzungeu und ausfüUungen mangelhafter Stro-
phen, theils endlich vielfach mit andern lesarten bieten. Welchen wert
haben diese neben den membranen für die ki-itik der Lieder -Edda? Man
kannte sie bisher, die kopenhagener aus der Arnamagnaeanischen aus-
gäbe, die Stockholmer aus Rasks ausgäbe — doch diese wie jene nur
nach sehr dürftigen und mangelhaften angaben, die es denn doch nicht
zur entscheidung kommen Hessen, in wie weit Arne Magnüssons behaup-
tung , dass alle papierhandschriften der samlung nur abschriften des Reg.
seien, sich halten lasse oder nicht, — um so weniger als immer von
zeit zu zeit und selbst noch neuerdings nachrichten von dem einen oder
andern ganz vortrefflichen und unabhängigen chartaceus auftauchten.
Da hat sich nun Bugge der überaus mühseligen, doch — selbst abge-
sehen von dem gewonnenen resultate — , um so dankenswerteren arbeit
unterzogen (XLIX — LXIII), nicht nur die genannten, sondern sämtliche in
Kopenhagen vorhandene papierhandschriften zum gegenständ sorgfältig-
ster Untersuchung, bezügl. vergleichung mit den membranen zu machen.
Auf grund derselben hat er, was Arne Magnüsson zuerst aussprach,
wirklich erwiesen: dass die vorhandenen papierhandschriften samt und
sonders theils mittelbar theils unmittelbar unter benutzung von AM.
und der membranüberlieferung einzelner lieder — Völu spä in der Hauks-
bök und der heldenlieder in Snorra Edda, Völsunga saga, Norna gests
pättr — gefertigte abschriften des Reg. und nur des Reg., und zwar
des schon damals defecten Reg. seien; dass ferner ganz ähnliches
von den der samlung in R. und AM. beigefügten liedern gelte, von:
Rigsmäl, Hyndluljöd, Grottasöngr, die gleichfalls auf keine andern
membranen, als die auch uns vorliegenden (s. oben) zurückgehen —
dass sonach, was uns auch anderwärts auf dem gebiete der altisländi-
894 MÖBIL'S
sehen , noch viel häufiger , wie bekannt , auf dem der griechischen und
römischen litteratur begegnet, die gesamte Überlieferung eines Schrift-
werkes auf dem günstigen zufalle, der eben eine membrane erhielt,
beruht, dass sie mit dieser so zu sagen steht und fällt. Schliesst sich
Bugge hierin Arnes behauptung an, oder vielmehr, hat er zuerst sie
wirklich begründet, so geht er in sofern über ihn und Munch noch
hinaus , wenn er behauptet , dass alle einzelne Strophen und verse , die sich
nur in papierhandschriften finden , samt den diesen eigentümlichen lesar-
ten, bei den liedern, die zugleich in den membranen überliefert sind, spä-
tem Ursprungs , und nicht etwa aus für uns verlornen membranen stammen
— bis auf eine einzige ausname : die (9) schlusstrophen der Sigrdrifumäl.
Wie bekannt, ist im cod. Reg. zwischen fol. 32 und 33 eine lücke;
wie viel blätter abhanden gekommen, wissen wir nicht; schon längst hat
mau an ihrer statt eine läge von 8 leeren pergamentblättern eingeheftet.
Durch diesen defect fehlt, wie hinter ihm der anfang der einen Sigur-
darkvida, so vor ihm der schluss der Sigrdrifumäl; einen solchen ent-
halten aber nun papierhandschriften, zwar auch die spätem der ganzen
samlung, doch zunächst einige ältere, und zwar diese nur in Verbin-
dung mit Sigurdarkvida I. und Gudrüuarkvida L, auch Hävamäl. Wäh-
rend Munch sie für unächt und vom Gunnarr Pälsson, dem Verfasser
des Gunnarsslagr unter benutzung der Völsunga saga verfasst hielt
(Ssem. E. vorr. p. XI), hält sie Bugge aus Innern gründen für acht
(s. 234—236 und L — LET); einmal, was hätte den dichter zu str. 36
veranlassen sollen, für die sich nichts entsprechendes in Völsunga saga
findet ? ferner : weil der ton dieser Strophen von achtem und altem gepräge
und in genauer Übereinstimmung mit dem der andern Strophen steht
(so namentlich im vergleich , bezüglich gegensatz der ächten und unäch-
ten Strophen der Vegtamskvida) , auch in bezug auf metrische freiheiten,
wie sie ein späterer dichter sich kaum erlaubt hätte; endlich: weil die
in str. 34 erwähnte begräbnissitte der einsargung in der hista der Atla-
mäl str. 103 ihre bestätigung findet. (Wir möchten als kriterium für
die ächtheit dieser Strophen noch hinzufügen, dass ihnen allem anscheine
nach der schluss mangelt, an dem es ein nachdichter doch sicherlich
nicht hätte fehlen lassen). Indem Bugge sonach diese Strophen für
ursprüngliche, integrierende bestaudteile der Sigrdrifumäl hält, sucht er
wahrscheinlich zu machen, dass jene papierhandschriften, in denen sich
dies lied am frühesten findet und in denen die beiden eddalieder (Sigur-
darkv. I. und Gudrunarkv. L), zwischen denen jenes steht, untrügliche
spuren ihrer herkunft aus dem cod. Reg. aufweisen, zu einer zeit aus
demselben abgeschrieben wurden , als er noch vollständig war. — üebrigens
berichtigt Bugge die angäbe, dass die schlusstrophen der Sigrdrifumäl
NOBDISCIIER LITTERAXÜEBERICHT. I. 395
im commentar des Björn von Skardsä sich fänden, da derselbe sich nur
über die 5. — 19. str. erstrecke.
In dem nachweise, dass die sämtlichen papierhandschriften ihre
quelle in den uns noch vorliegenden membranen und nur in diesen
haben , dass sie diesen gegenüber trotz ihrer oft verständlicheren lesar-
ten und ihrer ergänzungen keinen selbständigen wert, vielmehr keinen
andern als den von material und mittein für die conjecturalkritüi besitzen,
dass hiernach die membranen das alleinige object der diplo-
matischen kritik bilden — , in diesem nachweise haben wir ein
ganz wesentliches verdienst Bugges um die Ssemundar Edda zu erblicken.
Bugge wendet sich (XLIII ff.) zur samlung, als solcher. Für
die zeit ihrer entstehuug kann zunächst nicht massgebend sein der
in dem hergebrachten titel Seemundar - Edda genannte Ssemundr inn frödi
Sigfüsson (f 1133). Gegen Ssemund als samler spricht nicht allein des-
sen Zeitalter, dem solche Interessen, wie sie diese liedersamlung voraus-
setzen, gänzlich fern liegen, sondern auch der umstand, dass Snorre
Sturluson in seiner Edda (in der Snorra Edda) in keiner weise des Sse-
mundr imd einer von ihm veranstalteten liedersamlung erwähnt, obwol
doch eine solche jedenfalls sich in der bibliothek seines pflegevaters , des
Jon Löptsson, des enkels von Ssemund, befunden und in diesem falle
sicherlich von ihm weder unbenutzt noch unerwähnt geblieben wäre;
liegen doch andrerseits — worauf namentlich Bergmann (Poemes de l'Edda)
aufmerksam machte — spuren vor, dass die Edda Snorres (f 1241) von
jenem, uns unbekannten samler benutzt worden. Hierzu kommt aber,
dass wir jetzt auch wissen, wie überhaupt der bischof Brynjölfr Sveins-
son dazu kam, auf die abschrift, die er sich von dem cod. Reg. fertigen
liess, den titel: Edda Scemimdi midtiscii zu setzen, und hiermit dieser
samlung nicht nur den namen Edda zu geben, sondern auch diesen in
Verbindung mit Ssemund zu setzen. Schon aus Maurers artikel: Grägäs
in der Hallischen Encyclopädie (Sp. 98'' — 99**) — und Bugge fusst hier
auf denselben mitteilungen Gudbr. Vigfüssons — erfahren wir, dass, um
nur das wesentlichste hier hervorzuheben , der genannte bischof Brynjölfr
Sveinsson in der Überzeugung, dass die bis in seine zeit allein bekannte
Edda des Snorre Sturluson nur der auszug eines verloren gegangenen
Werkes jenes durch die spätere sage so hochberühmten Ssemund sei, nun-
mehr, als ein günstiger zufall, wie so manche andere kostbare membra-
nen, so auch den cod. Reg. ihm zugeführt hatte, er eben in letzterem
jenes längst vermisste Ssemundische originalwerk für die Snorra Edda
gefunden zu haben glaubte, und sich hierdurch für berechtigt hielt, die
in ihm enthaltene liedersamlung nicht nur Edda (nach dem namen des
39G MÖBius
Siiorreschou werkes), sondern auch die Edda des Saemund als ihres
eigentlichen Urhebers zu benennen. Hiernach beruhte der titel Ssemun-
darEdda, Avie so mancher andere (s. Maurer) nur auf subjectiven ausleb-
ten und hypothesen gelehrter Isländer des 17. Jahrhunderts; nicht so,
wenn die bereits in der edit. AM. der Sfemundar Edda (I., vit. Ssera.
p. IX) augeführte aussage des Thormod Torfseus eine grössere giltigkeit
beanspruchen dürfte. Arne Magnüsson — seine eignen Worte theilt uns
Bugge nach Jon Sigurdssons genauer abschrift des originales mit —
schreibt: „Thormod Torfason" (geb. 1636) „als ein mann um die sech-
zig, erzählt, er habe in seiner Jugend seinen vater etwas aus der „Sae-
mundar Edda" eitleren hören, die dieser, wie er sagt, vor langer oder
vor kurzer zeit" — A, Magnüsson selber stellt beides als unentschieden
untereinander — „ gelesen ; so behauptete Thormod ganz bestimmt ; man
kann daraus sehen, dass man schon damals von diesem buche gewusst
und es lange, bevor Brynj. Sveinsson in seinen besitz kam, so (nämlich
S^emundar Edda) benannt habe." Abgesehen von Ssemund — beruhe nun
seine nennung auf gelehrter hypothese einzelner oder auf mündlicher
tradition unter den leuten — lässt sich doch von anderer seite her eine
Zeitbestimmung der samlung finden. Bugge gewinnt sie mit hilfe der
beiden membranen K. und AM. einerseits, der Yölsunga saga und des
Norna gests {)ättr andrerseits; er schliesst: da E. , ssec. Xni. ex., und
AM., ssec. XIV. in. , wegen der gemeinsamen prosa auf einen archetypus
zurückgehen, doch nicht unmittelbar, sondern, wegen der mancherlei
quantitativen und qualitativen Verschiedenheiten, nur durch je mehrere
mittelglieder , so dass mindestens mehrere jahrzehende zwischen archety-
pus und R. und AM. liegen, — da Völsimga saga und Norna gests
]}ättr, denen beiden die samlung der lieder zur benutzuug resp. para-
phrasierung vorgelegen, der zweiten hälfte des 1.3. Jahrhunderts angehö-
ren, und diese benutzung ebenfalls einen längern Zeitraum beansprucht,
und da widerum von der andern seite die samlung nicht füglich dem
Snorre, als er seine Edda verfasste (um 1230) vorgelegen haben kann
(eher umgekehrt, s. oben) — so scheint die samlung um 1240
zu stände gebracht zu sein; aufzeichnungen einzelner lieder (Völu
spä, Hävamäl, Vegtamskvida u. a.) mögen dabei schon früher vorhanden
gewesen und der samlung einverleibt worden sein. — Was den ort der
samlung betrifft, so kann mit hinblick auf ihren allgemeinen htterari-
schen Charakter, da ähnliche werke der norwegischen litteratur ganz
fremd sind , so wie auf das unzweifelhaft isländische gepräge der betref-
fenden membranen der samlung , wie auf das gleiche der Völsunga saga
und des Norna gests pättr, so wie endlich auf das Verhältnis der Snorra
Edda zur Saemundar Edda, eben nur Island in betracht kommen , nicht
NOEDISCHER LITTERATÜRBEEICHT. I. 397
Norwegen, wo jede spur einer bekanntscliaft mit der samluug fehlt;
denn, die allein dergleichen zu verraten scheint, eine stelle aus dem
prolog der Thidrekssaga , worauf Bugge unsers wissens zuerst aufmerk-
sam macht, ergibt sich -~ da nur in den isländischen handschrif-
ten der saga vorhanden — als isländische fassung. — Schliesslich
(LXIX) macht Bugge noch auf zweierlei aufmerksam; einmal: wie,
wenn schon cod. AM. und die Völsunga saga und Norna gests l3ättr, so
in noch höherem grade Snorra Edda, in je ihrem Verhältnisse zu der
uns in K. überlieferten redaction der samlung auf das ehemalige Vorhan-
densein von mehreren andern, unter sich verschiedenen redactionen
bestimmt hinweise; sodann: wie irreführend der, ohnedies ganz unbe-
zeugte name: Saemundar Edda für die uns überlieferte samlung aller
lieder dadurch sei, dass er die durchaus irrige Vorstellung von
der samlung als einem in sich geschlossnen und einem in
sich gleichartigen ganzen erwecke, während doch die mytholo-
gischen, namentlich aber die heroischen — was ja in den papierhand-
schriften seit dem 17. Jahrhundert auch wirklich geschehen ist — noch
mit manchen andern, für eine derartige samlung gleichberechtigten sich
vermehren Hessen , und während doch andrerseits die mythologischen lie-
der nichts weniger, als von demselben Innern Charakter, nichts weniger
als von denselben grundanschauungen ausgehen.
Wenden wir uns zur ausgäbe selbst, so zeigt sie im vergleich
zu der letzten, der Munchischen (Christiania 1847) mancherlei abwei-
chungen, nicht sowol rücksichtlich des Innern umfanges oder der zahl
der aufgenommenen lieder, als vielmehr in deren reihenfolge, benen-
nung und graphischen form. Dieselben lieder, die bei Munch,
finden sich auch bei Bugge, nur dass letzterer die von Munch (vorr.
VIII — X) gesammelten fragmente eddischer lieder in Snorra Edda und
Völsunga saga um einige übersehene aus Snorra Edda vermehrt hat;
Munch gibt (aus Snorra Edda) 5, Bugge 14, und sowol diese wie die
aus Völsunga saga nach den quellen und neu bearbeitet. — Die Eei-
henfolge der lieder bei Bugge weicht insofern von Munch ab, als sie
genau die des Reg. ist, nur dass — wie dies auch schon in allen frü-
hern ausgaben der fall — die AI vis sm dl (im Reg. unter den helden-
liedern, zwischen Völundarkvida und Helgakvida Hundingsbana I.) unter
die mythologischen (bei Bugge zwischen J)rymskvida und Vegtamskvida),
und dass die Helgakvida Hj örvardssonar, im Reg. zwischen
Helgakvida Hundingsbana I und 11, vor diese beiden gesetzt ist; —
beide Umstellungen durch den Inhalt der betreifenden lieder hinlänglich
gerechtfertigt. Die dem AM. eigentümliche Vegtamskvida lässt Bugge
398 MöHius
den mytliologisclien lietleru des Keg. folgen. Mit vollem rechte hat Bugge
in den V ö 1 s u n g e n 1 i e d e r n (vom zweiten Helgi - Hüudingsbani - liede an
bis zu den Hamdismäl) ihre folge im ß. beibehalten; es mochte Manch,
der die 5 lieder: Sigrdn'fmndl bis Gudrünarkvida I umgestellt hat und
in der folge von a d b e c aneinander reiht, entgangen sein, dass der,
welcher sie sammelte und aufzeichnete und sie dabei durch prosaische
einsätze unter sich verband und ergänzte, sie für den leser als ein in
sich zusammenhängendes ganze vorstellen wollte. (Man denke
sich rücksichtlich des quantitativen Verhältnisses von vers und prosa eine
gewissermassen umgekehrte Völsunga saga (Bugge vermutet sehr anspre-
chend , dass die im Norna gests l}ättr citierte Sigurdar saga diesen zwei-
ten theil der liedersamlung bezeichnet). Diese Intention mindestens des
samlers, mochte sich auch der Schreiber von E. derselben nicht mehr
so klar bewusst sein, scheint uns, abgesehen von der chronologischen
Ordnung des liederinhaltes, zweierlei zu verraten; einmal der Charakter
der Strophen, deren lieder nicht in extenso mitgeteilt sind, andrerseits
die Überschriften, resp. deren Stellung. Jene nämlich sind so gut wie
ausschliesslich — nicht erzählenden Inhaltes, sondern es sind redestro-
phen, monologisch oder dialogisch in oratio directa — ganz ebenso, wie
mit äusserst wenigen ausnamen die sämtlichen (c. 440) Strophen , die wir
in den Fornaldar sögur aus alten liedern im kviduhattr oder Ijödahättr
ausgehoben finden; was das lied erzählte, das wird in prosa wider-
gegeben. Die Überschriften aber mit ihrem „/Va — " oder auch „capi-
tidnm'-' — obwol nicht immer genau, d. h. umfassend genug, meist nur
nach dem anfange des berichtes gebildet — tragen nicht weniger das
gepräge der capitelüberschriften in den Sagas; hat das betreffende lied
schon von alters her einen eignen namen, so wird dieser unmittelbar vor
den beginn des liedes gesetzt, z. b. zweimal Gudrünar kvida, kvida Sigur-
dar, Atla kvida (Atlamal hin grönlenzku), Gudrünar hvöt, Hamdis mal;
sonst Überschriften mit frä — . So stellt sich uns denn diese lieder -
saga von den Völsungen in zwei grossen abteilungen dar: I. Sigurds
geschichte bis zu Brynhilds tod, und IL Untergang der Nibelungen, mit
Zusätzen der sage; oder besser noch in folgenden fünf abschnitten, mit
den Überschriften des ßeg.: 1. frd Völsungiim, enthält die geschichte
von Völsung, Sigmunds söhn, dem Helge Hundingsbani , dem Stiefbru-
der Sigurds ; die in Hundingsbana II vorkommenden Strophen sind durch-
gängig reden, mit ausnähme von 14 und 15 aus dem „alten Völsungen-
lied." 3. frä dauäa Sinfjötla, enthält die geschichte von Sinfjötle,
von Sigurd, semem verkehre mit Regln, tötung des Fafnir, bis zur auf-
findung der Bryuhüd (Sigrdrifa); darin die vollständige Gripisspä, als
Überblick des ganzen; darauf bericht, erst über Fafnir, dann über Fafnii's
NORDISCHER LITTERATURBEBICHT. I. 399
tod mit einer anzalil nur dialogischer Strophen; sodann auffindung der
Brynhüd (Sigrdrifa) , ausser einzelnen herausgehobenen , n u r dialogischen
Strophen, folgen nun die Sigrdrifumal: die runeusprüche der Sigrdrifa.
•^- Ittcke — schluss eines unparaphrasierten Sigurdliedes ; 3. frei dauäa
Sigurctar, diese Überschrift offenbar verstellt, da sie schon über dem
epilog des vorausgehenden steht, statt erst über dem prolog der folgen-
den , zweier vollständiger , unparaphrasierter lieder : Gudrunarkvida I. und,
nach kurzer überleitender prosa, Sigau'darkvida III. oder des „kurzen
Sigurdliedes" [Sollten in diesem unserm längsten Sigurdliede nicht zwei
lieder, das „kurze" und ein anderes, ungehöriger weise vereinigt sein?]
4. Brynhildr reiä um helveg; nach kurzer prosaischer einleitung,
anknüpfend an den eben erzählten tod der Brynhüd, folgt das vollstän-
dige gedieht „ Helreid Brynhildar " ; darauf endlich 5. drei}) Nif hing a,
dessen prosa als einleitung für alle folgenden lieder dient, da sie den
inhalt auch der zwei letzten berücksichtigt; darauf, nach besonderer ein-
leitung : Gudriinarkvida II, ; es folgen vier abschnitte , jeder mit beson-
derer Überschrift und einleitung, die ersten zAvei (a. b.) mit je einem,
die andern zwei (c. d.) mit je zwei vollständigen liedern: a. Capitu-
lum {Herhia het anibött usw.), Gudrunarkvida III. 1). frd Borgnyju
oh Oddrünu, Oddrünargrätr. — c. daiiäi Atla, die beiden Atli-
lieder; d. frd Gudrünu: Gudrünarhvöt und Hamdismäl, hier wie dort
(bei d. , wie bei c) je zwei verschiedene dichtungen über denselben gegen-
ständ. (So wertlos von der Hagens im einzelnen vielfach fehlerhaf-
ter abdruck des Reg. in den „Altnordischen liedern usw." (Berlin 1812)
heutzutage erscheinen mag, so leistet er doch, was keiner der übrigen,
selbst Bugges nicht: dem leser, sobald er nur vorher mit hilfe der Bug-
gesehen ausgäbe die nothwendigen correeturen vorgenommen , ein anschau-
liches bild des eben besprochenen Verhältnisses der betreffenden lieder
im cod. Reg. zu gewähren.) — Im Anhange hat Bugge die Sölarljöd
dem Hrafnagaldr Odins vorausgehen lassen , während Munch mit jenen
schliesst.
Die benennung der lieder bei Bugge ist zum theil die übliche,
zum theil eine neue, bezüglich alte und aus den verblassten spuren des
Reg. restituierte oder von Bugge selbst gebildete. Wenn ein lied zwei
titel führt, einen mit angäbe des Inhaltes (z. b. Skirnisför, (Egisdrekka,
Hamarsheimt, Baldrsdraumar usw.) und einen mit der liedesform (genet.
obj. der person mit mal, kvida usw.), so zieht Bugge in der regel den
letztern vor, wie er andrerseits die benennungen mal nur für die lieder
im IjöäahdUr und kvicta für die im hvidulidttr geltend macht. Hiernach :
Skirnis mal (mit AM., Skirnis för Reg.); Loka senna (mit Reg.),
während (Egisdrekka (in den papierhandsehriften) nur für die einlei-
400 M()BnTs
tende prosa passt; dasselbe gilt von J)rymskvida (mit R.) statt
Hani arslieimt der papierliaudsclirifteii. Dagegen gehört Vegtamskvicta
(statt Baldrs draiimar in AM.) den papierhandscliriften , Rigsl)ula wird
(402°) als der altbezeugte titel dem — ohnehin für ein episches gedieht
nicht passenden: Rigsmäl vorgezogen. (Doch sind die Atlamäl nicht
auch vorwiegend episch? kann eine „piila" trotz des citates in Snorra
Edda strophisch sein?) Ganz vortrefflich wird (408*) für Helgakvida
Hundingsbana I aus den schriftspuren des R. eruiert: her hefr upp
Tivceäi frd Helga Hunäings hana [oh] peira HöäfhroddsJ, in
Übereinstimmung mit Saxo Grammaticus, der den Helge gleichfalls, als
besieger des Hunding und des Hödbrodd, zweifach benannt sein lässt.
Ferner in den Völsungliedern : Völsunga kvida hin forua, als
benennung der zweiten Helga kvida Hundingsbana, auf grund dieses
namens in der prosa zwischen str. 13 und 14 des liedes; ferner: frä
dauda Sinfjötla (mit R.), statt Sinfjötlalok der papierhandschriften ;
die benennungen Sigurdar kvida I und H (nicht imR.), da Jcviäa, unge-
hörig für lieder in JjöäaJiättr, zu verwerfen, und statt des ersteren das
eben auch übliche Gripis spä, statt des andern das neue (durch ein
r — im Reg. angedeutete) Reginsmäl vorzuziehen, während der titel
Sigurdark vida mit dem zusatze hin skamma (im Reg.) allein für
das dritte, gleichwol in unserer Überlieferung längste, Sigurdlied aufzu-
bewahren. Dem im R. nach der lücke folgenden und deshalb seines
anfangs und titeis beraubten liede gibt Bugge statt des üblichen „brot
af Brynhildarkvidu " den titel: „brot af Sigurdar k vi du," worauf
eine anführung in Völsunga saga zu führen scheint. Das zweite Gudrun-
lied benennt Bugge auf grund des prosaschlusses in jenem bruchstück:
Gudrünarkvida hin forna. Das prädicat „grönländisch" vin-
diciert Bugge (433") trotz des R. , worin es beide AtKlieder führen, nur
den Atlamäl , von denen es vom Schreiber irrthümlich auch auf die Atla-
kvida übertragen worden, und bezieht es nicht, wie Munch u.a., auf die
norwegische landschaft Grenland, (d. i. Höhlenland), dessen adjectiv
grenzk lautet, vgl. Haraldr grenzki, Olafr grenski, sondern mit Bene-
dict Gröndal auf das amerikanische Grönland (d. i. Grünland, deshalb:
grisn-lenzkr). Die beiden gedichte: Grögaldr und Fjölsvinnsmäl , die
Bugge ja bekanntlich als theile eines, noch in dänischer - schwedi-
scher nachdichtung erhaltenen Volksliedes, der Svendalsvise (beiGrundt-
vig II , nr. 70) schon früher erkannt hatte , führen jetzt bei Bugge den
gemeinsamen titel: Svipdagsmal, I und IL Das letzte gedieht der
Buggeschen samlung führt die beiden titel: Forspjalls Ijöd edaHraf-
nagaldr Odins, indem Bugge (Vorr. p. XLVI ff.) nachzuweisen sucht,
dass das gedieht, ein product mythologischer gelehrsamkeit des 17. jähr-
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 401
hunderts, von demselben Verfasser herrühre, der die Vegtamskvida durch
eine anzahl stropheu ergänzte, und diesem liede in dem seinigen noch
eine einleitung (d. i.: Forspjallsljöd) hinzudichtete, beiden aber, dieser
einleitung und der von ihm erweiterten Vegtamskvida, als gemeinsamen
titel: Hrafnagaldr Odins, wenn nicht vielmehr Hraeva-galdr Odins vor-
setzte.
Die form der lieder selber, soweit sie unabhängig von texteskri-
tik und von der metrischen einteiluug in strophen und verse, ist die
der betreffenden membranen, deren Schreibweise die ausgäbe so genau
widergibt , als es die Übertragung geschriebener buchstaben und worte in
gedruckte, der graphischen form in die typische gestattet; normalisiert
sind nur (ausser dem Buggeschen texte der Völu spä, nr. I.) die in
papierhandschriften überlieferten gedichte: Grögaldr, Fjölsvinnsmäl, Sölar-
Ijöd, Forspjallsljöd und die ergänzungeu der Vegtamskvida, — während
die Schlussstrophen der Sigrdrifumäl , zwar auch nur in papierhandschrif-
ten erhalten, doch von Bugge als einstiger bestand des K. nachgewie-
sen , in dessen Schreibweise recoustruiert sind, • — Den liedern allen ist,
unterhalb des textes in kleinerer schrift, ein commentar beigefügt, der
für jedes einzelne gedieht durch die „zusätze und bemerkungen"
(s. 388 — 450), bei einigen gedichten, unmittelbar an deren ende, durch
excurse oder längere anmerkungen, noch besonders ergänzt worden ist.
Der commentar ist ein fiberwiegend kritischer; er enthält einerseits die
im texte verlassenen lesarten, die der membranen vollständig, der papier-
handschriften mit auswahl , so wie Bugges eigne und andrer besserungs-
vorschläge, andrerseits — wenigstens in den meisten fällen — mehr
oder minder ausführliche rechtfertigung und begründung der wähl; nur
ausnahmsweise finden sich von der texteskritik unabhängige erläuterun-
gen — doch in beiden fällen, hier wie dort, nicht ohne einen reichen
schätz sprachlicher wie metrischer belehrung darzubieten; als ein für
kritik wie für erklärung gleich schätzbarer bestandteil der anmerkungen
erweisen sich die ausgeschriebenen stellen von Snorra Edda, Völsunga
saga und Norna gests Imttr.
Wir haben vorhin Bugges verdienst um die kritik der Söemun-
dar Edda dahin zu constatieren gesucht, dass er den Innern, den genea-
logischen Zusammenhang der handschriftlichen Überlieferung nachgewie-
sen, dass er diese gesichtet und geordnet und damit eine sichere richt-
schnur für ihre benutzung und Würdigung gezogen. Diesem Verdienste
gesellt sich nun in der herausgäbe der lieder selbst, in ihrem texte in
Verbindung mit dem kritischen commentar und den betreffenden abschnit-
ten der vorrede, ein zweites: der ebenso vollständigen als genauen dar-
402 Mömcs
leguug jener Überlieferung. Bugge hat die hier in betracht kommen-
den liandscliriften sämtlich (mit wenigen imtergeordneten ausnahmen)
selber gelesen, mit "besonderer Sorgfalt die membranen, zu wiederhol-
ten malen den cod. Keg. Jeder, der isländische membranen gelesen,
weiss, was es besagen will, diesen vom russe meist tief gebräunten
blättern die vielfach blass und unscheinbar gewordenen buchstaben zu
entlocken und wie es immer widerholter, zugleich von besonders gün-
stigem tageslichte abhängiger besichtigung bedarf, um überall mit Sicher-
heit über die wirkliche lesart zu entscheiden. Bugge hat in folge wider-
holter lesung manche angäbe der handschriftlichen lesart des Keg. im
texte oder commentar , hinten in den nachtragen zu berichtigen , manche
anfangs übersehene hinzuzufügen gehabt. Möglich hiernach allerdings,
obwol nach dem Buggeschen aufwand von zeit und mühe kaum sehr
wahrscheinlich, dass hier und dort doch noch eine der wesentlichen
lesarten des E. einem andern äuge vorbehalten geblieben. Dafür ist es
aber andrerseits seinem bemühen, dem sich keines der frühern leser des
R, au ausdauer und intensivität zur seite stellen kann, allerdings auch
gelungen, nicht nur vieles richtiger zu lesen, sondern auch mehr
als seine Vorgänger (z. b. das bisher ganz übersehene hyri in Hamd.
21^, ferner Häv. 11 ^"~^ die Umstellung von Häv. 62 und 6.3, die üble
stelle in Völu spä der Hauksbök, abgesehen von mehreren kleinem
correcturen, zeichen usw.) Indes was für einen gewinn hätte eine noch
so sorgfältige und genaue Untersuchung der Wissenschaft gebracht,
wenn sie nicht eine dem entsprechende, objective mitteilung ihrer resul-
tate zur freien und selbständigen benutzung für andere gefunden. Und
dies ist nun hier mit einer Vollständigkeit geschehen, wie sie auf die-
sem gebiete nur etwa von Gislasonschen drucken übertroflfen werden
möchte; positiv und negativ: jenes durch die bis in das geringste detail
eingehenden angaben über das, was in der handschrift gelesen wird,
dies durch die ausdrücklichen berichtigungen falscher angaben seitens
der früheren herausgeber. Indem nur auf solcher, in dieser weise ver-
mittelten und gesicherten basis genauester und umfassendster keuntnis
der handschriftlichen Überlieferung erspriessliche texteskritik geübt wer-
den kann, wird man es nur anzuerkennen haben, wie Bugge mit völ-
ligem verzieht auf subjective entscheidung von bedeutendem und unbe-
deutendem in gewissenhafter treue auch nicht das mindeste verschwiegen
hat, was ausserhalb des blos gTaphischen liegt. So viel ist sicher, dass
mr von der ohne alle frage wichtigsten handschrift, dem stäten aus-
gangspunkte für die kritik der Saemundar Edda , dem cod. Reg. erst jetzt
ein so durchaus klares, treues und vollständiges bild erhalten, ein bild
das vor einer photographischen widergabe des ganzen codex, woran ja
NOKDISCHER LITTERATURBEKICHT. I. 403
heutzutage der gedanke so nahe liegt , deshalb den entschiedenen vorzug
verdient, weil in ihm die für den wissenschaftlichen gebrauch notwen-
dige Scheidung des für die kritik wesentlichen und unwesentlichen bereits
vollzogen ist.
Bugge hat (p. LXX) die herstellung einer solchen zuverlässigen
grundlage für die in der Ssemundar Edda auszuübende kritik , die niedere
wie die höhere , als das nächste und wichtigste ziel seiner ausgäbe bezeich-
net; gleichwol hat er sich nicht begnügt, nur andere zur ausübung die-
ser kritik zu befähigen, als er sie auch selber durchgehends bereits
geübt hat.
Die aufgäbe der Texteskritik ist in den liedern der Ssemundar
Edda, wie anderwärts in solchem falle, dadurch eine erweiterte, dass
die form des textes eine gebundene , metrische , und dazu eine strophische
ist. Hat sich jene einem fortlaufenden prosatexte gegenüber in den mei-
sten fällen nur auf das einzelne wort zu beschränken, gilt sie hier nicht
nur dem werte , sondern auch dem verse und der strophe. Dazu kommt:
die betreffenden gedichte sind nicht von ihrem dichter niedergeschrie-
bene , sondern schriftlos gedichtete , und zum theil viele generationen , ja
Jahrhunderte hindurch mündlich überlieferte. Wird auch während dieser
mündlichen Überlieferung die Integrität des verspaares zum theil durch
den Stabreim gesichert, ist doch der strophe nicht ein gleicher schütz
vor Umstellung, ausfall oder zudichtung verliehen. Hiernach quantita-
tive wie qualitative entstellung des ursprünglichen, während der münd-
lichen Überlieferung nicht minder als während der schriftlichen, und
zwar nach beiden selten hin , nach der sprachlichen und nach der metri-
schen. Wenn dann in vielen fällen die sprachliche form zu der metri-
schen oder auch diese zu jener in so inniger Wechselbeziehung stehen,
dass die emendation des fehlers den forderungen beider formen zugleich
gerecht wird, geschieht es doch nicht minder häufig, dass eine strophe,
als solche, in allen ihren theilen völlig correct der wortkritik vollauf zu
thun giebt, wie umgekehrt ein correcter und klar vorliegender Inhalt in
metrisch unzulässigen versen oder Strophen überliefert ist. Der metri-
schen kriterien, der Innern wie der äussern, sind aber in vorliegendem
falle nicht viele, und diese wenigen keineswegs der art, dass sie überall
zu sicherer entscheidung führen. Wir bedürfen nicht erst des gegen-
satzes zum sübenzählenden , durch Stabreim wie Innern silbenreim , je an
bestimmter stelle im verse, fest gefugten clröWcvcett, schon der ver-
gleich mit den dichtungen im fornyräalcu) der spätem Skalden genügt,
um sich zu überzeugen, welcher freiheit die form des kviäuhdttr und
des IjöäahdUr hier in diesen liedern fähig ist, welchen Spielraum sie
404 MÖHTÜS
dem Stabreime und seiner Stellung, dem umfang des verses und der
maJfyUlng gestattet. Die äusseren kriterien, d. li. die, welche wir aus
der handschriftliclien Überlieferung gewinnen, und die sich überdies nur
auf das quantum der strophe und ihrer theile beschränken, sind ebenso
wenig ausreichend und zuverlässig. Bekanntlich ist, was uns nur von
altnordischen gedichten in membranen überliefert ist — jedenfalls wegen
der kostbarkeit des pergaments — in fortlaufender rede, wie prosa,
geschrieben. So auch die lieder der Ssemundar Edda; nur dass der
beginn der Strophen, theilweise auch der halbstrophen durch initialen
und vorausgesetzte punkte gekennzeichnet ist. Ist hiernach zwar das
maas der strophe, bezüglich der halbstrophe, gegeben, ist doch das der
verspaare und der emzelnen verse lediglich der bestimmung des heraus-
gebers überlassen.
Bugge hat sich nicht veranlasst gesehen, die gesetze, die ihm für
die regelung der metrischen form maassgebend gewesen, zum gegen-
ständ einer besondern darstellung zu machen, ausser dass er (vorrede
p. LXXI) sich im gegensatz zu Keyser und Munch, und in Übereinstim-
mung mit ,,N. M. Petersen, Jessen u. a." ausdrücklich zur acht zeiligen
strophe des kviäuMtfr, als der ursprünglichen bekennt, deren grösserer
oder geringerer umfang in der handschriftlichen Überlieferung , wie durch
zndichtung und erweiterung dort, so hier durch vergessen eines oder
mehrerer verspaare (und in folge dessen widerum zusammenziehung der
Strophenreste zu überzähligen Strophen) — theilweise gewiss schon wäh-
rend der mündlichen Überlieferung — zu wege gebracht worden sei.
Gleichwol lässt eine vergleichung seines textes mit dem Munchischen so
wie sein commentar zur genüge erkennen , wie er der metrischen herstel-
lung der lieder eine ganz besondere, ihnen bisher in dem grade nicht
zu theil gewordene Sorgfalt zugewendet. Umstellungen von Strophen
und verspaaren, deren Bugge mehrere mit überzeugender richtigkeit
vorgenommen, kommen hier nur bedingungsweise in betracht; sie gehö-
ren nur insofern in das gebiet der metrischen kritik, als der unrechte
platz, an den die einen oder andern geraten, durch die metrische form
derselben sich erklärt, als kleiner, in sich formell abgeschlossener und
bis auf einen gewissen grad selbständiger theile, die deshalb leicht von
den übrigen trennbar und innerhalb des ganzen leicht verschiebbar waren ;
das hierbei giltige kriterium ist vorwiegend der Inhalt, bezüglich der
innere gedankenzusammenhang , weniger ihre metrische form. Wol aber
gelten dieser einmal die mannichfaltigen bemerkungen im commentar
über den Stabreim (z. b. den vocalischen, über consonantisches und voca-
lisches V, über wegfall oder zusatz von h vor r und vor vocalen usw.)
so wie einzehie durch ihn bedingte emendationen , oder doch zu ihnen
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 405
hinleitende conjectureu , andrerseits die öfteren abweichimgen im Stro-
phen - nud versuftifang theils von der handschriftlichen Überlieferung,
theils von den früheren herausgebern ; an vielen stellen ist das vertänd-
nis durch letztere wesentlich gefördert worden.
Die von Bugge geübte wortkritik des textes im engern sinne
und so weit sie von dessen metrischer form unabhängig sein konnte, ist
eine vorherrschend conservative. An vielen stellen hat Bugge die von
den frühern herausgebern verlassene lesart der handschrift im texte behal-
ten und zu rechtfertigen gewusst, nur an verhältnismässig wenigen
eigne Verbesserungen in den text aufgenommen und auch von diesen
widerum mehrere in den l)erichtigungen (388— 44'J) zurückgenommen;
in den nur in papierhandschriften überlieferten gedichten ist er freier
verfahren. Nicht gering dürfen wir es anschlagen , dass Bugge zu wider-
holten malen auf verderbte stellen hinweist, über die man bisher hin-
weggelesen, und die von ihm aufgedeckten Schwierigkeiten auch durch
conjectur zu beseitigen gesucht, während für die mehrfachen ergänzun-
gen durch eigne zudichtung Bugge wol selbst kaum einen andern , als
exegetischen wert beanspruchen möchte.
Versuchen wir es nun , was wir bisher über Bugges behandlung
der eddalieder im allgemeinen bemerkt haben, durch ein näheres ein-
gehen auf dieselbe in einzelnen liedern anschaulicher zu machen
und zu begründen. Wir beschränken uns dabei auf die sechs ersten:
Völu spä, Hävamäl, Vaf|trüdnismäl, Grimnismäl, Skirnismäl, Här-
bardsljöd.
Yölu spä , eines der ältesten, durch seinen Inhalt das umfassendste
der mythologischen gedichte, und in vielfacher beziehung das bedeutsam-
ste, in seiner gestalt, im ganzen wie im einzelnen, ganz vorzugsweise ent-
stellt, durch reichere membranüberlieferung vor jedem der übrigen ausge-
zeichnet — wie es wegen vollständiger mitteilung der letztern in vorlie-
gender ausgäbe den grössten räum einnimmt, hat es auch zur herstellung
seiner ursprüngliclien form die durchgreifendste Veränderung erfahren.
Es erscheint hier in vier-, bezügl. fünffacher form; denn, wie bekannt,
ist Völu spa theils vollständig ausser dem lieg, auch in der Hauksbök,
theils fragmentarisch (etwa die hälfte des gedichts) in Snorra Edda (Gryl-
faginning) und zwar in deren drei haupt - membranen , dem cod. Keg.,
dem cod. Worm. , dem cod. Upsal. uns überliefert worden. Demnacl)
finden wir Völu spa hier I. in der Buggoschen gestalt, 11. nach dem
cod. Reg., III. nach der Hauksbök, IV. nach Snorra Edda; IL und III.
in litteralem abdrucke der betreffenden membranen, begleitet mit anmer-
ZKITSCHK. F. DEUTSCHE l'HILOLOGIK, 27
406 MOBIUS
kuiigeii. die sich lediglieh auf die omierung dessen, was in der hand-
schrift steht und auf seine darstelluug durch den druck beziehen ; IV. gibt
die in Snorra Edda aufgenommeneu strophen nicht in vollständigem
abdruck, sondern theils die Varianten ihrer drei membranen zu dem text
unter nr. I , theils diejenigen prosaischen stellen der Snorra Edda (Gyl-
faginning) , in denen entweder strophen der Völu spa paraphrasiert, oder
die in anderer beziehung für deren kritik von irgend welchem belang
sind; die auch hier beigefügten anmerkungen beziehen sich vorwiegend
auf das Verhältnis der Völu spa in Snorra Edda und in jenen beiden
membranen.
Die Buggesche form (L), d. h, die durch Bugges kritik bestimmte,
ist in normalisierter Schreibweise , nicht sowol einer dem mutmasslichen
alter des gedichtes entsprechenden, wie sie z. b. Konr. Gislason in sei-
ner ausgäbe der Völu spa (Pröver s. 534 — 544) gegeben und wie sie Bugge
selbst für eine spätere ausgäbe (vorr. LXXI— LXXII) in aussieht stellt, son-
dern in der jetzt allüblichen. Die unter dem texte befindlichen anmer-
kungen (in Verbindung mit den nachtragen und berichtigungen : 388 —
392), wie die unter allen übrigen gedichten, vorwiegend zwar kritischen,
doch — hier häufiger als anderwärts — auch sachlichen und gramma-
tischen Inhaltes, unterscheiden sich gleich wol dadurch von denen zu den
übrigen liedern, dass sie zwar conjecturen und emendationen der frühern
herausgeber sorgfältigst verzeichnen, auch besprechen, indes, wunderbar
genug! von jeder vollständigen angäbe der handschriftlichen lesarten
abstehen. Wenn auch die handschriftlichen quellen nachher eine jede
theils in extenso, theils in Varianten mitgeteilt sind, und sonach dem
leser die gelegenheit geboten ist, sich über den handschriftlichen befund
überall , wo er es wünscht , zu unterrichten , hätte doch unsers erachtens
in keiner weise eine solche angäbe der handschriftlichen Varianten, sei
es nun unmittelbar unter dem text, wie bei den übrigen gedichten, oder
besser, wegen der hier viel grösseren anzahl der Varianten, gesondert
von ihm, unterbleiben sollen; weder die änderungen, so weit sie buch-
staben und werte, noch so weit sie zahl, umfang, folge der strophen
betreffen, finden sich angegeben, und bleibt es dem leser überlassen —
abgesehen von den betreffenden mittheilungen in der vorrede, nament-
lich s. XXIII — durch eigne vergleichung der verschiedenen formen sich
einsieht und urteil theils über ihr gegenseitiges Verhältnis, theils über das
von I. zu n — IV. zu bilden. "Wenn sich der herr herausgeber nicht zu
einem excerpte nur der wichtigeren, der sogenannten „eigentlichen" Varian-
ten entschliessen mochte, so hielt ihn das gewis sehr richtige bedenken
ab , wie sehr schwierig es sei , überall entscheiden zu wollen , was hier
bloss orthographische und was eigentliche Variante sei. Indess Avie sehr
NOBDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 407
man auch eiueu so scbeiubar neutralen text, wie den unter nr. I. gege-
benen, hätte geeignet halten mögen, um ihn zur folie für die eigentüm-
lichkeiten der einzelnen handschriftlichen quellen zu machen und jene
an ihm übersichtlich erkennen zu lassen, — • jedenfalls wurde mit ihm
ein \äel wichtigeres und würdigeres, rein wissenschaftliches ziel erstrebt.
Welches war dies? Bugge selber hat sich nirgends darüber ausgespro-
chen; doch, vergleichen wir den text von I (natürlich ganz abgesehen
von der zu blos practischem zwecke normalisierten Schreibweise) mit II,
III, IV, so hält sich I sowol in den einzelnen lesarten, als auch bezüg-
lich der Strophenfolge in dem grade an die im R. (II) überlieferte form
des gedichtes, dass I in allem wesentlichen als eine kritische bearbei-
tung eben dieser zu gelten hat. Die abweichungen der vers - und stro-
phenfolge des Buggeschen textes , von dem des lieg. — um zunächst nur
diese hervorzuheben — beschränken sich darauf, dass str. 49 K. (== 48
B.) zwischen 45 und 46 R. (= 47 und 49 B.) gesetzt ist, dass in 45 R,
(= 46 und 47^ — * B.) die verse 11 — 12 vor 9 — 10 zu stehen kom-
men, dass endlich die verszahl der strophen bei B. hier und da anders
bestimmt (d. h, theils vergrössert , theils vermindert ist) als im R. (Abge-
sehen von den kleineren , meist gemeinsamen änderungen folgen sich die
Strophen des R. bei Bugge so: 1 — 45. 49. 46 — 48. 50 — 62, dagegen
bei Munch: 1 — 20. 29—31. 21 — 28. 39 — 42. 32 — 38. 43 — 48. 50.
49. 51 — 62.) Der in dies'ör weise unter I. gegebene kritische text des
R. tritt jedoch nichts weniger als mit dem anspruche auf, den ächten,
ursprünglichen des gedichtes zu geben. Einmal bezeugt dies die aner-
keunung der -beiden andern Überlieferungen, derHauksbök und der Snorra
Edda, aus denen Bugge nicht nur einzelne lesarten, sondern auch die
ihnen beiden eigentümlichen verse in I. aufgenommen hat, sodann und
in noch viel höherm grade die in einem besondern excurse (s. 33 — ^42)
statuierte strophen Versetzung, die darauf ausgeht — wenigstens nach
einer bestimmten richtung hin — jene ursprüngliche, ächte form wieder
zu gewinnen.
Diese Umstellung, die den Charakter des ganzen gedichtes nicht
unwesentlich modificiert, betrifft die ersten 30 strophen, von denen sie
str. 1—20 R. in sicli unberührt lässt, dagegen die übrigen folgender-
massen ordnet:
23. 29^—^ 30. 1 — 20. 29 C^"^) ^^^^. 28. 21 — 22. 24—27.
31 ff.
Während man bisher das gedieht, vollständig von anfang bis zu
ende, als die prophetische rede einer Völva aufzufassen gewohnt war,
bestimmt es Bugge genauer dahin , dass diese rede von einer bestimmten,
benannten Völva, nämlich der Heid, und zwar in folge einer bestimm-
27*
408 MüKius
ton auffordorung diizii diircli Odin, aiicli au diesen gerichtet sei, und
dass dies wie jenes in einer epischeu einleitung von mehreren strophen
aucli wirklich ausgesprochen sei, dass die Völu spä sonach in dieser
he/ieliuug ganz der Yegtauiskvida gleiche , in der ebenfalls Odin , wie in
ihren ersten strophen erzählt wird, sich zu einer Völva begibt, und von
dieser sich seine fragen ül)er Baldr beantworten lässt. Sonach beginnt
Bugges Völu spd mit: Heid hiess eine Wahrsagerin usw. (str. 23 II. vgl.
s. 393"). Odin besucht sie, und seinem forschenden blicke stellt sie die
frage entgegen: was willst du von mir wissen? (str. 29 ^~^ E.) Odin,
um sich von ihr belehren zu lassen , beschenkt sie mit kostbarkeiteu , da
blickt sie erst weit umher (str. 30 E.) und beginnt dann die von Odin
begehrten mitteilungen mit den werten: Hljöäs hiit ek allar usw. Und
nun so fort — in oratio directa — bis zum letzten verse der letzten
strophe : 7m man hon söl'JirasJc „nun mag sie (d. h. ich) versinken."
Niemand wird der sinnigkeit dieser Buggeschen auffassung und
anordnung des gedichtes und dem Scharfsinne, womit er sie begründet
hat, seine freudigste und aufrichtigste anerkennung versagen können.
Sv. Grundtvig in seiner ausgäbe, Aars, Gjessiug, Jessen in ihren Über-
setzungen sind ihr ohne weiteres gefolgt, und haben die Yölu spa in
obiger strophenfolge ediert und übersetzt. Wenn wir unsrerseits uns den
genannten nicht sofort anschliessen können, so hindern uns daran fol-
gende bedenken. Abgesehen davon , dass in fien von Bugge zur epischeu
einleitung bestimmten drei strophen (23. 29 ^~^. 30 E.) manches nur
auf grund der vorausgehenden Buggeschen erklärung verständlich sein
möchte , ohne dieselbe aber dies nicht ist (wie namentlich str. 3 B.) und
davon, dass str. 29 (^ ^■*) E. , die hier getrennt wird in 29 ^~^ E.
(= 2 B.) und 29»-^^ E. (= 24 ^^ B. mit selbst hinzugedichteter
ergänzung von 24 ^~"^), in der Zusammengehörigkeit und Unteilbarkeit
ihrer zweiten hälfte (29''^^^ E.) durch das ganz unabhängige zeugnis
der Snorra Edda (I, 70) geschützt wird, — scheint uns das Verhältnis
dagegen zu sprechen, worin sich von den drei handschriftlichen Überlie-
ferungen der Völu spii, cod. Eegius, Hauksbök, Snorra Edda, die bei-
den ersten zu einander befinden. Zugegeben - wofür Bugge , Fort.
XXIII — XXIV, unwiderlegliche beweise bringt — dass cod. Eegius und
Hauksbök einander näher stehen, als beide der Snorra Edda, können
wir doch deshalb (trotz einiger dem cod. Eegius und der Hauksbök
gemeinsamen fehler) nicht zugeben , dass cod. Eegius und Hauksbök auf
eine gemeinsame schriftliche quelle zurückgehen. Die Verschiedenheiten
in auzahl, umfang, reihenfolge der strophen sind namentlich in dem
mittleren theile des gedichtes in beiden handschriften zu grosse , als dass
wir sie nicht für von einander unabhängige niderschriften der mündlichen
NORDISCHER LITTERATUEBERICHT. I. 409
Überlieferung — sei es nun der unmittelbaren, oder einer durcb andre,
für uns verlorene band Schriften vermittelten — halten müssten. (Die
Strophen des cod. Kegius folgen in Hauksbok und mit deren Zählung so:
1 -21. 26 — 29. 22—24. 30 ^-\ 34 — 35. 25. 32 — 33. 31. 37 — 40
1-4. 42 — 44. 41. 45 — 4G. 48 — 49 (? unleserlich = 52 — 53 R.) 50 —
57. 59 und es fehlen sonach der Hauksbok: 29 — 35 i—^. 36 des cod.
Kegius; andrerseits folgen die Strophen der Hauksbok im cod. Eegius
und mit dessen Zählung so: 1 — 20. 26 — 28. 39—40. 21 - 25. 3b^~\
43. 41 — 42. 37 — 38. 44 — 45. 49. 46 — 48. 50—51. 52 — 53 (?).
54 — 61. 62 und es fehlen sonach dem cod. Eegius 30^— 4. 36. 4.0^—^.
58 der Hauksbok; dazu fehlen einzelner verspaare und andere folge der-
selben in der Hauksbok ebenso wie im cod. Regius; wie lassen sich,
ganz abgesehen von der discrepanz derlesarten, dergleichen Verschieden-
heiten auf einen schriftlichen archetypus zurückführen? — ) Ist dies
aber der fall, so sehen wir nicht ab, wie es möglich, dass trotz sol-
cher Verschiedenheit gleichwol in jener abweichung von der ursprüng-
lichen, ächten (d. h. der von Bugge angenommenen) gestalt eine so
wesentliche Übereinstimmung beider stattfinden konnte. Beide, cod.
Regius und Hauksbok, beginnen gleichmässig mit liljoäs hkt ch und
haben die ersten 20, bezüglich 21 strophen in gleicher folge gemeinsam;
während aber die 2. und 3. der diesen zwanzig von Bugge vorgesetzten
epischen strophen (29 ^ ^ und 30 R.) der Hauksbok ganz fehlen, steht
gleichwol die 1. derselben: Hekti (hana) lu'iu (23 R. und 27 Hb.) in
beiden handschriften zwischen denselben vorhergehenden und nachfol-
genden strophen. Welcher ganz sonderbare zufall müsste gewaltet haben,
dass die beiden mündlichen traditionen der Völu spä, wovon die eine im
cod. Regius, die andere in der Hauksbok ihre schriftliche fixierung fand,
gerade in dieser gemeinsamen weise von dem einst gemeinsamen origi-
nale abwichen? — Endlich sei auch noch ein bedenken gegen Bugges
erklärung der bei ihm 4. (sonst 1.) strophe: liJjöäs biet ek usw. nicht
verschwiegen. Bugge erklärt: „Andacht heisch ich von den menschen;
du verlangst, Odin (Valfö(tr)l dass ich die alten künden der menschen,
so weit ich mich ihrer nur erinnern kann, wol (vel) dir vorerzähle."
Sollte Valföär des R. wirklich nicht den genitiv Valföitur, auf den
doch der unzweifelhafte genitiv Yalfiklv^ in der Hauksbok hinweist,
ausdrücken können? darf das in seiner bedeutung hier doch so unter-
geordnete vel den höfuäsfafr bilden und, wenn auch sonst im sing,
nicht nachweisbar, nicht gleichAvol irl sein? Warum sollen ferner niclit
erst Valföctnr vel, und dann f/ra for}is]iöll erwälnit werden — erst
der Inhalt des berichtes und dann seine quelle? und die zweifache
anrede in derselben strophe, erst an die menschen, sodann, sei es an
410 MÖ13IUS
einen ungenannten, oder, wie Biigge will, an Odin, bleibt auch bei letz-
terer annähme bestehen (denn vilclu: volebant, ist natürlich ganz unstatt-
haft). — Noch eines zweiten Vorschlages Bugges zur restitution der
ursprünglichen form des gedichtcs sei gedacht, der sich s. 8 (zu str. 4!), I)
findet, und wo Bugge auf veranlassung des stef: geyr Garmr mjök usw.,
und zwar, in Übereinstimmung mit Grundtvig, der ganzen strophe, nicht
bloss der halben (s. s. 301'' der Buggeschen ausgäbe), eine einteilung der
zweiten hallte der Völu spa in stefjanidl unternimmt. Er gewinnt durch
Versetzung, trennung, zusammenziehuug der betreffenden Strophen in der
Hauksbök vier: 32 — 35 | 37 — 41 | 43 — 46 | 48 — 50 und im cod.
Regius drei: 44 — 45 | 47. 48. 50. 51 | 52 — 54. Weiter freilich als
auf diese, Eagnarökkr und seine Vorzeichen behandelnden theile würde
sich eine derartige anordnung kaum ausdehnen lassen ; obwol das andere
stef im ersteren theile „ßä gengu regin öU" (4mal im Reg.) nicht min-
der zur restituierung der betreffenden stcfjamdl aufzufordern scheint. Wir
unsrerseits vermögen in diesen unzweifelhaften spuren der einstigen stcf-
jamdl , wenn es überhaupt dessen noch bedürfte , nur einen weiteren,
triftigen beweis dafür zu erkennen, in wie ganz zerrütteter gestalt das
gedieht uns überliefert worden , und — wie sehr doch dadurch der glaube
an sein hohes altertum erschüttert werde.
Rücksichtlich der einzelnen lesarteu schliesst sich der Bugge-
sche text (I), so v/eit jene nicht handschriftlich sind, im ganzen den
früheren herausgebern an ; von eignen Verbesserungen hat Bugge nur sehr
wenige in seinen text aufgenommen, um so reicher an Verbesserungs-
vorschlägen ist der kritische commentar (s. 1 — 11 und 388 — 392).
Wir heben von jenen oder auch den vertheidigungen der handschrift-
lichen lesart hervor , 5 ^ (B.) : die sonne legte ihre rechte auf (um) die
himmelskante — um himin jöitur (statt — jddi/r oder — jödi/r); von
der am horizont aufgehenden sonne? die sonne verbreitete ihren schein
über den ganzen horizont? 10—16 ds^s dvergatal , dessen constituierung
wie den einzelnen namen Bugge eine besondere Sorgfalt zugewendet.
22 ^ seid hon hugleihinn {seip hon leihin R. seid hon huglcikin Hk.)
so dass seid als verbum, hugleihinn als adjectivischer acc. sing. masc.
genommen und das subst. sciä dazu ergänzt wird: seiä hon hugleihinn
(seid), wie sofa swtan (svcfn). 24^ horävegr (R. — statt horäreggr
Hk.) die zinne der asenburg; hordrcgr , wie man aus Fritzner ersieht,
bedeutet den das verdeck eines schiffes umgebenden raud; 24 ' Die Vanen
betraten — nicht : das den krieg vorausahnende (cigspd) sondern — wie
auch Egilsson vermutete: vigshd das durch krieg feindlich bedrohte fehl.
27^: sie sieht einen fluss aus Mimers quelle sich ergiessen mit hcfti-
NORDISCHER LITTEEATIEBERICHT. I. 411
gern stromfall aurgiini forsi, d. i.: örguM = öräcjum (vgl. shurgoä und
shirägoct) nicht: mit lehmicLtera , aargiim, Hb. hat nämlich qrgum
(ebenso 4^ hjqätim, weshalb Bugge nicht mit Muuch liest: hjöäam, son-
dern mit Kask undGislason: hjöäam montibus); 31^ die Völva erblickte
im voraus das dem Baldr bestimmte geschick , ihm , nicht : dem bluti-
gen, sondern dem herrlichen gotte; Uoctgum — nicht abzuleiten von
hJM: sanguis, sondern von Uöctr, gen. hldäar (vgl. z. b. Pöll — Pdls,
Ost — dstar, amhött — amhdttar usw.) = ags. Uced (ahd. j^^dt, lat.
flatus) dignitas , . gloria. Allerdings scheint auch mit Bugge Hund. I, 9
der junge held, der noch nicht im kämpfe gewesen, blödreldnn nicht
sowol: sanguine tinctus (vgl. dreyr -reh'mn) , als vielmehr: gloria? Stu-
diosus, d. i. : UoCt (= Udä) - rehimi {= rceklnn) zu sein; 42'^ der
harfenspielende riese heisst: Eggper mit R. (nicht Eggäir mit Hb. und
den ausgg.), vgl. Hjalntjjer , SigPer (und SigMr); -per = ags. -peoi\
sonach l^ggpcr = ags. Ecgpyeöv (z. b. Beovulfs vater); 42*^ der schöne
rothe hahn kräht den Eggper an nicht im gänse-walde {gaglvUtl R.),
sondern im, auf dem galgenbaume (gdlgviäi Hb.), d. h. Odins gal-
gen oder der weltesche Yggdrasill, gleichwie (Fjölsvinnsm. 23. 24) der
hahn Vidofnir in den zweigen des Mimameidr sitzt. 46 ^~^ LeiJca
Minis synir, en mjötuctr hyuäkh at inu gamla Gjallarliorni — ,,aber
Yggdrasill verbrannte beim (schalle vom) alten dut-horn," so überall
verstanden, obwol — was Sv. Grundtvig zuerst hervorhebt — Yggdra-
sill in der nächsten atrophe noch steht (asJcr standandi) und hin und
her schwankt ; auch nirgends sonst erwähnung jenes brandes. Grundtvig
erklärt demnach mjötuär (nicht = injöt-viär, d. i. : Yggdrasill, wie
Völu spä 2', sondern) = ags. nieotod schöpfer, schicksalsbestimmer, hier
vom Heimdali, und Jcyndish nicht von hyndasJc, sondern (praBt. von) Av/n-
nasJv: Heimdall erkannte sich an dem, d. h. erkannte, d. h. fand wider,
sein altes hörn. Bugge — und wie uns scheint mit recht — hält mjö-
tuär == dss = Heimdall für unzulässig, aber — ob mehr zulässig? —
findet in nijütnctr : schicksalsbestimmer, — begränzer (sogar = tod Snorra
Edda H, 494^''), eine bezeichnung von ßagnarökkr, und erklärt: aber
(dass) Eagnarökkr (bevorsteht) erkannte man (doch wol dann: erkennt
hynnisk?), oder Hess sich erkennen am usw. Ueberdies behält Bugge
das gaUa des li. (gamla Hb.) und es vergleichend mit galla-hrd (SE. I,
306^—2) deutet er: bei dem schallenden gjallarhorn. 59^ die Völva
sieht die erde aus der flut sich erheben, als: ktja, grmna^ d. i. rena-
tam, viridem, vom adj. *i(lr, nicht als: idja-groena, recenter oder novo-
viridem — trotz des so passenden, von Bugge angeführten holl. etgrocu
und engl, edgrew? 64* der selige wohnsitz der neuen menschen findet
sich nicht auf: Gimll, wie in den Ausgg., sondern auf: Gimle K.
412 Mnmrs
{GlwJr IIb. und SE. rWU.) <1. li.: (ihuhir, auf der Gim(?)-rube;
hierdurch wird auch dorn metruiu f^'euüg'o yetlian. Schliesslich hat Bugge
von den zwei in der Hauksbök unlcsorliclien stropheu der Völu spd (sti.
48 und 40) — die betreffende stelle der handschrift ist im facsimile (l)
iiiitgoteilt — sowol etwas mehr, als auch zum theil in anderer weise zu
ontziflern vermocht, als Thorsteinn Helgason (Ssem. E. AM. III, p. ll.U)
und Gudbrand Vigfüsson (S?em. E. Leipz. s. 271); er bezieht die zu
lesenden werte von str. 48 , wie Thorsteinn, auf die midgardsschlange
(SE. AM. I, ISS^" fgg.).
HslYa null (s. 43 — 64. 393 — 395. XXVIII — XXIX). Im allge-
meinen unterscheidet sich Bugges text von dem Munchschen dadurch,
dass die länge nicht der strophen, wol aber der einzelnen verse sehr
vielfach anders bestimmt ist und dadurch das Verständnis der betreffen-
den lehrsätze u. dgl. nicht wenig gewonnen hat; ferner dass str. 63 vor
str. 62 gesetzt ist, und zwar nach eigner, bisher übersehener bestim-
mung des E. , ohne dass übrigens , so weit wir sehen , das Verständnis
der betreffenden strophen, weder jeder für sich, noch gegenseitig, dadurch
alteriert würde; die halbstrophe in den sogenannten Loddfäfnismäl :
rdäimik Jier usw. bei Munch nur 12 mal, hier nach K. 8 mal mehr.
Das gedieht sondert sich bekanntlich in 3 theile, die eigentlichen Häva-
mal (str. 1 — HO), die Loddfäfnismäl (str. 111 — 137), den Rünatals
bättr (str. 138 — 164), (nur der erste name durch die letzte strophe, wie
durch die Überschrift in E. bezeugt). Bugge bezeichnet nun die 111.
Strophe als einleitungsstrophe nicht blos zu den Loddfäfnismäl, sondern
auch zum Eünatals pättr, indem sich str. 162 noch einmal die anrede
an den Loddfäfnir findet. Ich glaube, dies ist für die relativ ursprüng-
liche gestalt des gedichtes nicht massgebend, denn die drei letzten stro-
phen des gedichtes, str, 162. 163. 164 verraten zu deutlich die absieht
des spätem compilators, auf grund und mit liilfe einiger ächten, aber
unvollständigen reste das gedieht abzurunden und zum abschluss zu brin-
gen. Nachdem bereits dem 17. Ijöd (str. 162 i—^) eine vollständige , für
die sämtlichen Ijöd passende schlusstrophe angefügt ist, kommt höchst
überraschend str. 163 noch ein 18, Ijöd, das der dichter — ohne seine
heilkraft anzugeben — nur seiner Schwester oder gattin sagen will, das
aber nochmals eine directe Schlussbezeichnung enthält: ßat fijlgir Ijöäa
loJcum. Endlich str. 164: ein hauptschluss , der den ganzen Hävamäl,
auch seinem ersten theile, gelten soll. Es scheint hierdurch sowol die
ursprüngliche Selbständigkeit jedes der drei theile , als auch ihre , wenn
auch ungeschickte zusammenfügung in gleicher weise bestätigt zu wer-
den. — Im einzelnen: Bugge behält die von Munch verworfene vierte
NORDISCHER LITTERÄTURBERICHT. I. 413
zeile in str. 1 unter liinweis auf ähnliche Zusätze anderwärts; so z. b.
Hävaraäl 74 ebenso : a b c c , a b c oder wie im galdralag ebendaselbst
str. 105: abc, abcc und anderwärts. 19^ haldit niaär d heri erklärt
Bugge: niemand halte den becher zurück, d, h. man nehme den gebo-
tenen becher und trinke daraus (aber mit mass usw.); können aber die
Worte: „niemand halte am becher" — was sie doch zunächst heissen —
so viel sein, als: „niemand weise den (dargebotenen?) becher zurück?"
Allerdings hat K. die negation, und der durch das folgende (aber mit
mass) bedingte sinn möchte wol eher sein: „niemand halte zu sehr
am — , zu viel auf den becher, d. i. : das trinken." 2G^ der thor bildet
sich ein alles zu wissen, wenn er für sich sitzt — i vd, d.h. im winkel,
vd = vrd, wie vönguni = vröngum, doch per lapsum calami, nicht,
wie Gudbrandr will, als phonet. Übergang (cf. Eyrb, vorr. L.). 33^ „man
frühstücke und mache nicht ohne (dies getan zu haben) einen besuch*'
ne dn , wie Bugge liest, statt des mit dem Inhalte der zweiten halb-
strophe unvereinbaren nema des K. 36 und 37: „eine wohuung, wenn
auch nur ein huhot: eine baracke, ist besser (nämlich: als gar keine)";
so conjiciert Bugge statt des überlieferten lUit, wofür hikot (Fms. VI,
327^^) jedenfalls anschaulicher. 60^ „seines bedarfs an brenn- und schin-
del-holz kennt jeder gute hauswirt — mjöt: das mass" (so conjiciert
Jon Jönsson), -wie mjöt mala: modus verborum in der Höfudlausn; doch
Bugge, auf grund von miotvctc des K. : mjötuct (vergl. mit goth. mifap
modum). 72'* „nur verwante setzen uns bautarsteine." Bugge belehrt
uns, dass haufarsteinn nur haiitactar-steinn, genetiv von einem hautuär
sein, dies aber nicht c(esus, sondern nur ccesor bedeuten könne; sonach
hautarsteinn: der stein (zum andenken) eines kriegers. — Str. 88 ver-
mutet Bugge sehr wahrscheinlich nach 89, da die dative der str. 85 — 87
und 89 im fornyrdalag nicht von dem verbum (trüa) einer strophe (88)
im Ijödahättr abhängen können. 107^ ^ „Ich habe gar wol vorteil
gehabt von meiner Verwandlung (in eine schlänge), von meiner woler-
worbenen gestalt vel keypts lUar" — warum bedarf es mit Bugge der
Wandlung des litar in lutar (d. i. Jdutar): von meinem wolerworbenen
anteil (nämlich am meth)? — 148*^ „ich vermag meiner feinde schnei-
den so stumpf zu machen , dass weder ihre waffen noch ihre velir ver-
wunden,'" warum velir: insidise, und nicht velir: baculi, was sowol in
Bari. 137^^ (veirtt-veler, nach bogen und köchern erwähnt) als auch
nach Yngl. c. 6 (vgl. Bugges vorrede s. XXIX) , wo geradezu vcndir dafür
gesetzt ist, das nächstliegende ist? — 155^ die hexen in der luft fah-
ren in der irre herum — p<r>r villar, wie Bugge jedenfalls mit recht
sich Pfeiffers eraendation des peir vilUr im K. anschliesst. Conrad Hof-
414 MÖBIDS
inaiiii suchte letzteres neulich zu verteidigen; vgl, Bugges gegeubemer-
kungen, vorrede LXXIV, anmerkung.
Yafpnutiiismitl (65 --74 und .'595 --396). 1^ das unerhörte o/V«',
das Egilsson und Bugge (s. 66) durch dfrd erklären, ist im Keg. selber,
wie Bugge erst später erkannte (s. 395 — 396), zu dem gewönlichen frd
corrigiert. — 28*—*' die antwort in str. 29 setzt in str. 28 die frage
voraus: wer waren die ältesten abkömmlinge von den riesen? Aber
Odin fragt: wer war dies von den äsen oder riesen? Bugge conji-
ciert (statt dsa) jötna und erklärt das eäa: sive (nicht: aut) durch
Vafjyr. 6*^ und 34^; sollte aber der nicht minder auffällige, unter allen
den verschiedenen fragen (abgesehen von dem eigentümlichen livi — vitir
in str. 42) allein stehende conjunctiv yritl die berechtigung der ganzen
halbstrophe hier in frage stellen? 38^ „woher kam Njörd unter die
äsen?" — statt mect dsa sonum, worin die allitteration zu Njörd fehlt,
vermutete Kask: d Nöatihmm, darauf Bugge: til Nöatdna. — In
str. 49 (wo Bugge verbindet : drei hauptflüsse strömen über das Jwr2}
[land , wohnstätte ?] von Mögthrasis töchtern) — hat Bugge der lesart
des AM. Jj(Er er vor dem Jjeirra des Keg. und der ausgaben den vorzug
gegeben; soll der sinn sein: obwol riesentöchter, sind sie doch schutz-
geister der menschen und zwar die einzigen ? was soll pcer er : ese quse ?
mau darf doch kaum konstruieren : (Mögthrasis töchter) pcer er i heimi erii
liamingjur einar ? — eher schiene zu theilen : liamingjar einar Jjcer \ er
i heimi eru „sie, die alleinigen schutzgeister , die in der weit sind."
Orimuisiuäl (75 — 89 und 396 — 397). Bugge vermisst, wie auch
N. M. Petersen und Lüning , die innere einheit des gedichtes , meint aber,
dass diese nicht erst durch spätere zusätze gestört worden, sondern die-
ser mangel an einheit sei vielmehr gleich bei der entstehung des gedich-
tes vom dichter selbst durch aufnähme älterer und fremder Strophen ver-
schuldet worden. Gegen Lüning insbesondere, der zwei gedichte mit
etwa gleicher einkleidung annimmt, das eine (str. 1 — 25. 36. 42? 45 —
54) von der herrlichkeit der Äsen, das andere (26 — 35. 37 — 44) kos-
mogonischen Inhaltes, bemerkt Bugge, dass in dem ersteren str. 26 nicht
von 25 getrennt und str. 42 nicht weggelassen werden dürfe, dass ande-
rerseits das zweite vielmehr als eine reihe von Strophen verschiedenen
Ursprungs und nichts weniger als ein gedieht für sich zu betrachten sei.
Kücksichtlich der 20. strophe , die Lüning ganz aus den ursprünglichen
Grimnismäl ausscheidet, so dürfe sie, obwol im wesentlichen identisch
mit str. 21 der Vafprüdnismäl , eben so wenig (weil eng verbunden mit
str. 41), aus diesen entlehnt gelten, noch umgekehrt, sondern müsse wol
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 415
einer gememsameii dritten quelle angehören. Ausser der lierstellung und
theilweisen erldärung mehrerer namen, Grimnir , Sdga, Vidi (s. 397''),
Bilslciniir, Svcifnir (?), Hroäv'dnir , Vdfuär , Baleygr (d.i.: Böl-ei/gr),
Ratatoskr, Lcerud, Geirönul , ausser den metrischen bemerkungen zu
23-4, 2^-8, 36*-S 424 , (Jeu sprachlichen über vcla, Iwdd (= liord
im Heljand), eshi-mey und esMs-mey, skaplicr und skaptker (jenes
durch das skaklcer der MorkinsMnna noch gerechtfertigt) , über die mit
ragna-röJc und -röMr analoge Verwechselung Yon Bilröst imd Bifröst —
heben wir von conjecturen und emendationen hervor 17 4; Vidar sprang
nicht vom pferde (lezJc af mars halü) , sondern schwang sich auf das-
selbe (hlesli ä mars hak) , wie dies allerdings trefflich passt zum fol-
genden verse: um (in den kämpf zu ziehen und) seinen vater zu rächen.
21*^ las man: valgJaumi (dat.) und verstand die leichenschaar, welcher
der ström zu mächtig zum durchwaten erschien. Bugge nennt diesen
Strom Valglaumnir , den Valhöll umfliessenden , und liest: drsfraumr
Jyylikir ofnUJcdl | Valglaumni at vada, wol in dem sinne (?): die fluss-
strömung (prolepsis: des Valglaumnir) erschien zu stark, um ihn (näm-
lich: den Valglaumnir) zu durchwaten. In 25 ^ und 26 2: er sfcndr höUic
d Herjafödrs streicht Bugge das störende, wol durch das unrichtige
BüsJcirni von str. 24 veranlasste Herjafödrs und liest beidemal (mit
nachgesetzter präposition): er stendr MIlii d. Str. 33^ vier hirsche _^eirs
gnaga af liefingar d: „welche nagen ab die sprossen" am (Yggdrasill) ;
auf diese weise sind alle Veränderungen unnötig (s. Lüning). 37*^ Die
götter setzen unter die buge der sonnenpferde : isarnJcol; so die ausga-
ben ; isarn \ Jwl die handschrifteu ; was Bugge unter annähme eines adj.
hol (ags. cöl) übersetzt: kühle eisen; mit recht bemerkt Svend Grundt-
vig dagegen, dass dies auf wafifen hindeuten würde.
Skiriiism<il (90 — 96 und 398). Bugge verdächtigt die schlussworte
der einleitenden prosa , welche str. 1 in den mund von Freys mutter , der
Skadi, legen, weil weder die entsprechende stelle in Snorra Edda noch
die 1. str. selber dies rechtfertigen ; gleichwol möchte ich sie nicht strei-
chen , da sie von dem at yhrmn syni (euer beider söhn) in Skirnis ant-
wort, str. 2, bedingt erscheinen. Str. 1^ „oJc galcli [sl'jött] at heida,^'
Bugge, um dem fehlenden Stabreim zum vorausgehenden Skirnir genüge
zu thun. 1*^ ofreidl, was Egilsson in ofreidr ändern will, gerechtfertigt
durch ähnliche Wechsel wie -ölvl und -ölvr, -vani und -vanr; afi von
Lüning als avus bezweifelt, von Bugge durch goth. aha, av)JQ, gerecht-
fertigt. 8 ( — 9) ^^2 die prädicate der waberlohe (um myrkvan, visan
vafrloga) visi durch die gleiche Verbindung (risum vafrloga) in Fjölsv.
31^, myrküi theils ^hndkkdmi (sordidus) im Bergbüa I)ättr, theils durch
41G MÜBIUS
die Worte der Yölsuiiga saga (Sigiird reitet in die wabcrlolie , gleichwie
in die tinsternis) erläutert; doch visi — nach Fibigers erklärung zu
Fjölsv. — : verzaubert, magisch, dämonisch? — 10* sehr ansprechend
widerlegt Bugge Jnirsa (A. J)i/rj(i K.) Jtjöä i/fir , und conjiciert: Jntrsa
J)jöäar HL IT-"* cikhui fiir yfir: über das rasende feuer; cikinn, adj.,
von *eika, dies mit cdyig (sturmwind) und cuyiuiv (stürmen) in Verbin-
dung gebracht; und für (nicht für) als ältere form, vgl. ahd. fmr.
29^ Bugge vergleicht sus- in silsbreka mit ags. süsel, Labor, cruciatus.
30^ tramar (in verschiedenen formen noch in den übrigen nordischen
sprachen): teufel, böse geister. 31* Bugge entscheidet sich (31)8'') für
pik gcä gripi : dein gefühl soll dich überwältigen , und ändert das pitt
der handschrift mpil-; sollte sich aber di,\\ch pitt {= piJc) nicht eben so
halten lassen, wie in Hävam. 12<j^: siär pitt um heiUi hulir, ne viri
fasciuent tuum, i. e. te? freilich ist pik an beiden stellen das einfachere
und natürlichere. 33-* cn firinilla mcer! Du ungeheuer schlechte dirne!
Bugge nimmt das furin der handschrift für firin. 42*^ bericlitet (398'')
Bugge zwar, dass liynoit wie imE., so auch im Worm. der Snorra Edda
gebraucht, dagegen im Keg. der Snorra Edda als ein wort geschrieben
sei; aber kein wort, was er darunter versteht.
Harl>ar{ts]j6(t, oder vielmehr, wie Bugge schreibt und deutet:
Härbards (d. i. graubart) s. 97 — 104 und 398 — 399. AUitteration und
vers stellt Bugge in 12 2 — 3 q^i ,,^^^,^ ^^ foräa fjörvi minn fyr slikum
sem pü erf) treffend so her : J)a nmn ck fyr slikum sem pil ert \ foräa
fjörvi minu. 13^ „über die fürt zu dir zu waten und dabei nass zu
machen meinen — ögur'' (R.)? Bugge vermutet sehr ansprechend
dögiirä: mein frühstück, vgl. str. 3. 29*^ treffend scheint Bugges Ver-
mutung (statt: gagni urän peir Jw litt fcgnir): gagni uränt pcir litt
fegnir „sie freuten sich zwar sehr ihres sieges, doch — " nun der
erforderliche gegensatz. Ebenso, zur herstellung der allitteration 44^
(und 45^): / heimis (nicht: sJiogiim, sondern:) liangnm ^ was überdies
auch der sinn fordert. 58-'^ „du wirst dein ziel erreichen, erwidert Här-
bard dem fragenden Thor, mit arbeit und mühe: at upprennandi sohl
er ek get pdna^'' liest Bugge ohne komma vor er, und das folgende Jwna
(mit Sveinbjörn Egilsson): thauen; sonach jedenfalls er als nachgesetzte
causale partikel. (cf. Bugge s. 51" zu Hävam. dl^): denn ich meine dass
es bei aufgang der sonne thauen werde; doch kann dies wol das vU ok
erfidi begründen ?
Wir knüpfen an die besprechung von Bugges ausgäbe der Ssemim-
dar Edda sogleich die seiner ausgäbe der Völsunga saga und des
NORDISCHER LITTERATÜRBERICHT. I. 417
Norna-gests-pättr. Beide sagas stehen mit den heldenliedern der
Saemundar Edda durch, die paraphrasierung , die diese in jenen erfahren
haben, in zu enger heziehung, als dass das eingehende Studium, was die
letztern zum zweck einer kritischen bearbeitung erfordern , nicht eben auch
jenen sagas zu theil werden und in demselben grade, in dem es für die
betreffenden lieder aus den sagas gewinnreiche resultate erzielt, nicht auch
widerum für jene sagas gewinnbringend sein sollte. Wenn Bugge die
fruchte seiner der Völsunga saga und dem Norna gests pättr zugewau-
ten arbeit in der form von kritischen ausgaben derselben verwertet
hat, haben wir dies um so dankbarer anzuerkennen, als man sich für
beide bisher mit den ziemlich kritiklosen abdrücken in den Fornaldar
sögur (I. 1829) — um der früheren ausgaben ganz zu geschweigen —
begnügen muste.
Norna gests pättr (in Verbindung mit Halfs saga) erschien
1864, Völsunga saga 1865 — jener als erstes, diese als zweites heft
eines bandes von „altnordischen Schriften sagenhistorischen Inhaltes,"
in den publicationen der „Norsk Oldskriftselskab (nr. VT und VIII)."
Sie enthalten Ngl). s. 45 — ^79 und Völs. s. 81 — 192, den kritisch
berichtigten text in normalisierter form, mit untergesetzten Varianten
und am ende (Ng|). s. 81 und Völs. s. 193 — 1!J9) eine oder ein paar
selten erklärender anmerkungen. Noch felilt der schluss des bandes und
damit auch die vorrede. Dagegen hat Bugge die an solcher stelle zu
erwartenden mitteilungen bereits in der vorrede seiner S^emundar Edda
gegeben, wo er sich (p. XXXIV — XLIV) über das Verhältnis sowol von
Snorra Edda als auch von Völsunga saga und Norna gests pattr zu den
betreffenden liedern und den wert, den sie für deren texteskiitik darbie-
ten, in eingehender weise auslässt.
Hiernach ist unsere Völsunga saga, verschieden von der den
Völsungsrimur (Leipzig 1860) zu gründe liegenden recension derselben,
uns nur in einer membrane vom ende des 14. Jahrhunderts überliefert,
dem cod. Reg. 1824'', 4". Diese handschrift liegt dann auch, nach einer
sehr sorgfältigen vergieichung, der Buggeschen ausgäbe zu gründe. Die
saga selbst, unzweifelhaft isländischer herkunft, mag der zweiten hälfte
des 13. Jahrhunderts angehören, nicht aber, wie P. E. Müller annimmt,
dessen anfang. Das verbietet das frühere alter der Didreks saga, die
selber dem beginne des 13. Jahrhunderts angehört und aus der sich meh-
rere stellen in Völsunga saga benutzt finden , wie sich aus dem abstände
des toues ergibt, den jene stellen zu dem der vorausgehenden und nach-
folgenden wol in Völsunga saga, nicht aber in Didreks saga bekunden,
(lene stellen sind: Didr. ed. Unger kap. 185 = Völs. ed. Bugge kap. 22,
Didr. .301^2 25 c^i 3()p^ _ Völs. 158 i' ^.^ Di^],.^ ;,jq2 i9 23 ^
418 MÜBIUS
Völs. lG-211 l^ Didr. 3099-23 _ y5ig 16910-1^ Didr. 1^^^ = Völs.
lOG'^ •'"'). — Kücksiclitlich des verliältnisses , worin Völsunga saga zur
Su'inuiidar Edda steht, so benutzte sie wol die auch uns vorliegende
aufzeichnung und samlung der heldenlieder , ohne dass diese doch nach
inhalt und umfang durchaus dieselbe sein konnte. Die, wenn auch
sonach nur thcilweise gleichheit der dem Verfasser der Völsunga saga
und der uns vorliegenden liedersamlung ergibt sich aus der fast wört-"
liehen Übereinstimmung der Völsunga saga mit den betreffenden prosa-
stücken mehrerer lieder (der Sigurdarkvida IL und der Fafnismäl) , die
Verschiedenheit aber daraus, dass Völsunga saga theils lieder benutzt
hat, die unsere samlung im Keg. vermissen lässt, theils widerum
mehrere der letzteren offenbar nicht gekannt zu haben scheint, als:
Helgakvida Hundiugsbana II, Sinfjötlalok, Gudrüuarkvida I, Helreid
Brynhildar, Gudriinarkvida III, Oddrünargrätr , dräp Niflunga, einlei-
tung zu Gudrünarkvida IL Benutzt von Völsunga saga sind : Helgakvida
Hundingsbana I, Sigurdarkvida II, Gripisspä, Fäfnismal, Sigrdrifumäl,
Brynhildarkvidu brot, zum theil wenigstens Sigurdarkvida III, die bei-
den Atlelieder und Hamdismäl. Da eine vergleichung des letzteren mit
Völsunga saga lehrt, wie nahe und genau ihr paraphrast sich an diese
ihm in einer nicht nur älteren, sondern zugleich auch reineren und cor-
recteren gestalt vorliegenden lieder gehalten, würde dies allein den
hohen wert von Völsunga saga für die kritik der betreffenden lieder
bestimmen können, auch wenn wir nicht durch Völsunga saga allein in
den stand gesetzt würden, uns mit ihrer hilfe den inhalt der für uns
durch die lücke in Eeg. verlorenen lieder zu reconstruieren.
Norua gests pättr ist bekanntlich keine selbständige saga, wie
Völsunga saga, sondern bildet eine der zahlreichen episodien in der
grössern saga des norwegischen königs Olaf Tryggvason. Diese, und
somit Norna gests J)ättr, ist uns in zwei, nicht unwesentlich von ein-
ander verschiedenen membranen überliefert, in AM. G2, fol. nach der
mitte des 14. Jahrhunderts und in der Flateyjarbök vom ende dieses
Jahrhunderts. Erstere , als die auch fehlerfreiere, hat Bugge unter stä-
ter vergleichung der Flateyjarbök seiner ausgäbe zu gründe gelegt. Norna
gests Jiättr ist jedenfalls später verfasst, als Völsunga saga, wie es
scheint im beginne des 14. Jahrhunderts, Von seinem Verhältnisse zu
den betreffenden eddaliedern gilt ähnliches, wie von Völsunga saga; sein
Verfasser benutzte eine der unsrigen nahverwante, wenn auch nicht die-
selbe samlung, nur dass er ausserdem, wenn nicht aus eigner erdicli-
tung, so jedenfalls aus der mündlichen volkssage mancherlei hinzugefügt
zu haben scheint.
NORDISCHER LITTERATURBERIC'HT. I. 419
Die erste ausgäbe der Saemundar Edda, die der Buggescheu
gefolgt und auf der in ihr gebotenen grundlage ruht, ist die von Svend
Gruudtvig, dem bekannten und verdienstvollen herausgeber von Dan-
marks gamle Folkeviser. Grundtvigs ausgäbe, die den titel führt:
„ Smmmdar Edda Jiins fröäa. Den (ßldre Edda. Kritisk Händudgave
ved Svend Grundteig. KÖbenli., Gyldendal 18G8" (XYI, 220), erschien
fast unmittelbar nach Bugges, da sie zum bei weitem grösten theile
nicht erst nach vollendetem drucke der letzteren, sondern während des-
selben, der sich über volle G jähre hinzog, unter benutzung der bereits
fertigen bogen von Bugges ausgäbe gearbeitet und gedruckt worden ist.
Zwei hefte (I, s. 1 — 72 und II, s. 73 — 120) erschienen schon 1864 und
18G5 (?), obwol nur als manuscript für Grundtvigs Vorlesungen an der
kopenhagener Universität.
Grundtvigs ausgäbe enthält den blossen text der lieder, dem jedoch
am ende des buches ein besonderer anhang (s. 185 — 217) beigefügt ist,
worin theils die im texte verlassenen lesarten der membranen , theils die
Urheber der an ihre stelle gesetzten emendationen , mit ausführlicherer
begründung der eignen, verzeichnet sind; ein namenregister — leider —
fehlt, dafür eine vergleichungstabelle der strophenfolge der einzelnen
lieder in Bugges und der vorliegenden ausgäbe (s. 218 — 220). Grundt-
vigs Ssemundar Edda unterscheidet sich von der Buggeschen zunächst
dadurch, dass sie die liederfragmente in der Snorra Edda und Völsunga
saga, sowie den Hrafnagaldr und die Sölarljöd weglässt, dass sie die
mythologischen lieder unabhängig vom Eeg. und nach ihrer Innern form
ordnet, dass sie den text nicht in der Orthographie der liandschriften,
sondern in normalisierter form gibt. Rücksichtlich der kritischen gestal-
tung, die die lieder in Grundtvigs ausgäbe erfahren, darf man ihr Ver-
hältnis zu Bugges im allgemeinen dahin bestimmen , dass nicht nur,
was Bugge emeudiert, sondern auch zunächst nur vorgeschlagen, von
Grundtvig in seinen text fast durchgängig aufgenommen, bezüglich aus-
geführt worden ist. Sie ist dadurch ein sehr nützliches complement für
die Buggesche ausgäbe, womit man sich am leichtesten orientiert über
das , was durch letztere in textkritischer beziehung geleistet und erstrebt
worden ist. Nichts weniger jedoch, als dass hiermit die Grundtvigsche
arbeit und ihr selbständiges verdienst irgendwie geschmälert werden
sollte. Einige der trefflichsten emendationen und conjecturen, die sich
sei es auf einzelne werte oder Umstellungen von versen und Strophen
beziehen , und die man bereits aus Bugges commentar und besonders aus
den nachtragen zu seiner ausgäbe kennen gelernt, sind diesem während
des druckes von Grundtvig mitgeteilt und auch von Bugge überall an
den betreffenden stellen und noch besonders in seiner vorrede als Grundt-
420 Mömus
vigs eigeiituiu ausdrücklicli bezeicLuet Avorden. Der wesentliche unter-
schied zwischen Bugges und Grundtvigs texten besteht vielmehr darin,
dass Grundtvig • abgesehen von seiner mehrfach abweiclienden beurtei-
liing, bezüglich wähl der fraglichen lesarten und von öfter verschiedener
Strophenteilung — in der aufnähme der zu gutem theil gemeinsamen
Verbesserungsvorschläge in den text freier zu werke gegangen ist, als
Bugge; es ist dies namentlich, wie dies Grundtvig auch selber in der
vorrede erwähnt, von der Atlakvida an geschehen; hat doch Grundtvig
kein bedenken getragen, ganze verse und verspaare, ja strophen eigner
oder Buggescher dichtung in den text aufzunehmen — ein verfahren,
das allerdings durch cursiven druck , klammern und besondere kennzeich-
nung in den Schlussanmerkungen den Vorwurf einer Interpolation von
sich abzuwenden vermag. — Wenn Grundtvigs ausgäbe für ein einge-
henderes Studium entschieden nicht ohne die Buggesche gebraucht wer-
den kann , empfiehlt sie sich doch für den handgebrauch und wegen ihres
correcten druckes und auch des niedern preises (^/.^ thlr. pr.) insonderheit
für academische Vorlesungen.
Von den ausgaben der Ssemundar Edda gehen wir über zu den
Schriften, die sich an sie als Übersetzung oder als commentar
auschliessen oder sie nach irgend einer seite hin zum gegenständ der
Untersuchung gemacht haben. Von mehreren derselben gilt, was von
Sv. Grundtvigs Saemundar Edda, dass ihre Verfasser von Bugge noch vor
der Vollendung seiner ausgäbe mit den bereits fertigen bogen versehen,
einen grösseren oder kleineren theil derselben für ihre arbeit benutzen
konnten.
Der Übersetzungen sind drei, sie alle in der stabreimenden
form des Originals und in dänischer spräche, die beiden ersten von zwei
Norwegern, die jüngste von einem Dänen; sie erstrecken sich nicht über
die ganze Ssemundar Edda, sondern nur ü])er eine grössere oder kleinere
zahl von liedern ; ihnen allen liegt Bugges ausgäbe , so weit sie bereits
gedruckt war, zu gründe.
Zuerst erschien die Übersetzung von J. Aars unter dem titel:
„Udvalgte norske oldhvad"' usw.: ausgewählte altnorwegische gedichte,
als beitrag zur kenntnis von religion und leben unserer vorfahren mi
heldenzeitalter. Kristiania, Cappelen 1864 (IV, 119 ss. 8°). Der Ver-
fasser, bereits vorteilhaft be*kannt durch seine altnordisclie formenlehre
(1862) und eine kleine abhandlung (in der kopenhagener zeitsclirift für
Philologie und pädagogik I, 1860, 326--344) darüber, dass die nordische
mythologie keine ewigen strafen nach dem tode kenne hat Thryms-
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 421
kviäa, Vegtamskvicta , Völu spä, Rigsmäl und Helgakvida Hundingsbana
I. uud n. übersetzt und sowol mit einleitung als erklärenden aumerkun-
gen begleitet, am ausführlichsten die Völu spä, deren Innern gedanken-
zusammenhang er auf grund der Buggeschen restitution s. 56 — 69 ent-
wickelt.
Die Übersetzung von A. Gj es sing, demselben, dem man die über-
aus fleissige und ausführliche darstellung vom stände der unfreien im
alten Norwegen (Annal. for nord. Oldk. 1862, s. 28 — 322) verdankt,
erschien unter dem titel: Den cddre Edda, norrce.ne Oldkvad (sie) I.
als Schulprogramm zu Kristianssand 1866 (IV, 80 ss. 8^) und umfasst die
mythologischen lieder, einschliesslich der Rigsmäl und der Hyndluljöd.
Indem beide Übersetzungen, die von Aars und von Grjessiug, Buggeschen
beirates sich noch im besondern zu erfreuen hatten, dürfen sie zugleich
als eine willkommene ergänzung zu Bugges erklärungen in seiner eignen
ausgäbe betrachtet werden.
Die Übersetzung des dänischen grammatikers E. Jessen bildet den
hauptbestand seiner ,, kurzen nordischen götterlehre" (Kopenhagen, Gyl-
dendal 1867 IV, 128 ss. 8*^), die, indem sie nach kurzer Übersicht der
nordischen mythologie und besprechung der quellen durch diese selber
lehren will , wie aus Snorra Edda abschnitte von Gylfaginning und Skäld-
skaparmäl , so auch aus Ssemundar Edda die mythologischen lieder sämt-
lich enthält, obwol von Hävamäl nur ein paar Strophen und aus den
Hyndluljöd die sogenannte Völu spä hin skamma (d. i. str. 29 — 44).
Sie ist, wie sich das von Jessen gar nicht anders erwarten Hess, eine
ebenso geist-, als kenntnisreiche Übersetzung, und unterscheidet sich von
den genannten nicht allein durch eine meist freiere, kritischere Stellung
dem Buggeschen texte gegenüber , sondern auch in sprachlicher beziehung
durch einen ebenso specifisch dänischen ausdruck, als jene durch ihre,
obwol im vorliegenden falle sehr wol berechtigten Norvagismen. Eine
kleine, aber wertvolle zugäbe sind das namen- und Wortregister (s. 116
-124 und 125 — 127), dies ein erklärendes Verzeichnis der dem wort-
vorrat der älteren spräche entlehnten und für die Übersetzung verwen-
deten ausdrücke, jenes der im buche vorkommenden, zum theil auch
gedeuteten eigennamen. Ein eigentümliches verdienst des letzteren: die
in den meisten fällen zum ersten male dem Charakter der dänischen
spräche gemässe widergabe, resp. nachbildung, der altnordischen namen,
werden Jessens landsleute in höherem grade zu würdigen haben , als der
Nicht -Däne; uns Deutschen, die wir zu gutem theil gemeinsam mit den
Dänen meist Öhlenschlägersche halb - altnordische , halb -dänische, halb-
lateinische formen jener namen verwenden, wäre eine analoge nachbil-
ZEITSCHK. F. DEUTSCHE PHII.OL. *8
422 MüBius
diing für unsere Übersetzungen altnordischer originale nicht minder wün-
schenswert.
Von erläuternden Schriften liegen zwei vor, von Thd.
Wisen. dem professor der altnordischen litteratur an der Universität zu
Lund, und von dem candid. magist. Arth. Imm. Hazelius, beide in
schwedischer spräche.
Wisens commentar („HjcUesängerne i S(enmndar Edda, for-
Marade af Th. W. L Hüft.'' Lund. 1805. IV, 104 ss. 8«) erstreckt
sich über drei lieder : Völuudarkvida , Helgakvida Hjörvardssonar , Helga-
kvida Hundingsbana I; eine kurze einleitung über Ssemundar Edda über-
haupt, so wie vor einem jeden gedichte über dessen Inhalt und sage
geht voraus; der commentar selber ist unter fleissiger benutzung der
früheren ausgaben (Grimms) und commentare usw. usw., namentlich von
Sveinbjörn Egilssons lexicon und Luuds altnordischer syntax ein vorwie-
gend lexicalisch - grammatischer ; eigentümlich sind die öfteren verglei-
chuugen mit der schwedischen spräche.
A. Imm. Hazelius gibt in seiner ,, Indledning tili Rdvamdl euer
Odcns sang,'' einer doctor - dissertation der Universität Uppsala (1860.
VI, 39 ss. 8°) im wesentlichen eine inhaltsübersicht der ersten 138 Stro-
phen des gedichtes (s. 17 — 39), dereine bibliographische einleitung und
einige bemerkungen über das metrum der Hävamill, über den Ijodahättr
(s. 1 — 16) vorausgehen. In jener Übersicht, die durchgehends auch
auf unsere deutschen arbeiten von Dietrich , Simrock und Lüning rück-
sicht nimmt, sind einzelne stellen ausführlicher besprochen.
Die spräche der eddalieder steht im allgemeinen nicht in ent-
sprechendem Verhältnisse zu deren mutmasslichem alter. Sie kann es
auch nicht, da, wie in allen ähnlichen fällen, die sprachliche form des
mündlich überlieferten mit den Veränderungen parallel geht, welche die
])etreffende spräche überhaupt erfährt, und diejenigen, die diese lieder
zuerst aufzeichneten, nicht weniger, als die, welche diese aufzeichnun-
gen durch abschreiben fortpflanzten, dies eben in der ihnen selbst zeit-
genössischen, von der ursprünglichen abweichenden sprachform ausführ-
ten. Wir haben eine anzahl isländischer Schriften, die, weil ihre mem-
branen früher datieren, als der Keg. der Ssemundar Edda, eine in dem
masse auch ältere sprachforra zeigen ; und , weisen auch , trotz späterer
Überlieferung, die ältesten skaldengedichte (9., 10. jh.) gleichwol eine in
vielem betracht ältere spräche, als die zum theil vielleicht noch älteren
eddalieder, so erklärt sich dies aus dem strengen gefüge ihres dröttkvaett-
metrum, das eine änderung der ursprünglichen sprachform ebenso sehr
NOEDISCHER LITTERATDRBERICHT. I. 423
verhinderte , als das um so viel freiere fornyrdalag der eddalieder eine
solche gestattete. So steht denn auch die spräche unserer eddalieder
im ganzen in Übereinstimmung mit der der übrigen altnordischen, d. h.
hier vorzugsweise altisländischen litteratur des 13. Jahrhunderts, und um-
spuren sind es, die uns in den eddaliedern auf ihre ursprüngliche, jen-
seits der handschriftlichen Überlieferung liegende sprachform hinweisen,
meist eine solche nur erschliessen lassen. Die Stabreime — da alle in-
und auslaute vom forn5-rdalag unberührt bleiben — erweisen vocalischen
gebrauch des anlautenden j und v, des consonantischen v vor den w-voca-
len und beibehaltung des v vor r, letztere gleichwol nur sehr verein-
zelt. Die flexion zeigt kaum etwas eigentümliches, solten wir nicht die
jedenfalls durchgängige synkope des ek und ßü in : hafäak und haßu
usw. (wie pars und Jimrs) hierher rechnen. Die syntax bietet etwas
mehr; häufiger gebrauch der negativen suffixe — «, at, gi , widerum
der seltene einerseits des suffigierten reflexivums am verbum in wirklich
passiver bedeutung (wenn auch um so öfter in medialer nebst den spä-
ter nur selteneren formen auf umli) , andererseits des suffigierten artikels,
der, wie er sich in den eddaliedern eigentlich nur auf die Harbardsljöd
beschränkt, ebenso selten auch in der skaldisclieu dichtung erscheint,
wie er denn seiner natur nach ohnehin der poetischen rede widerstrebt;
dazu der häufigere gebrauch des starken adjectivums statt des schwachen
mit vorausgehendem artikel, die nicht selten noch selbständige kraft der
fiexionsformen des verbums wie des nomen, jener ohne die hilfe des
Personalpronomen, dieser ohne die von präpositionen , u. a. m. Reicher
und mannigfaltiger allerdings als auf grammatischem gebiete treten die
eigentümlichkeiten der eddasprache auf dem lexicalischen hervor; wir
meinen hiermit nicht die henningar, deren von den ungefähr dreissig
gedichten nur drei gänzlich entbehren, und die wol nur deshalb bei der
Charakteristik der eddasprache weniger betont zu werden pflegen, Aveil
sie vor dem gegensätzlichen reichtum der skaldischen dichtung an sol-
chen fast ganz zurücktreten — denn sie gehören zur poetischen Stilistik
und darstellungsweise; sondern die einfachen liciti und überhaupt den
wertschätz dieser lieder; wie manches aira^ l€y(')f.i£vov, wie viel veral-
tete, wie viele uns ganz unverständliche ausdrücke, deren bedeutung
wir nur aus dem zusammenhange erraten , ohne sie etymologisch begrün-
den zu können — wenn auch gerade in dieser beziehung die heutige
durchforschung der nordischen dialecte, namentlich des norwegischen,
uns manche rätsei gelöst hat.
Kehie dieser selten ist bis jetzt zum gegenstände einer eingehenden
Untersuchung und darstellung gemacht worden. Nicht als ob die gram-
matischen, lexicalischen und stilistischen eigentümlichkeiten der edda-
28*
424 MÜBITJS
spräche unbekannt geblieben wären. Jac. Grinim in allen seinen gram-
matischen Schriften — wie vieles ist es denn (und konnte es auch
damals sein!), was er zur erkenntnis und beurteilung der altnordischen
Sprache ausser den liedern der Saunundar Edda in der Raskischen aus-
gäbe benutzt hat? — Lünings grammatik (nur laut- und flexiouslehre)
vor seiner ausgäbe der Sa;mundar p]dda, und das ihr beigefügte glossar
beziehen sich zwar eben nur auf diese; indes jene eigentümlichkeiten,
sollen sie nicht nur bekannt, sondern auch als solche erkannt werden,
erfordern eine durchgehende berücksichtigung und hervorhebung des
abweichenden im ganzen oder doch den hier zunächst in betracht kom-
menden theilen der altnordischen litteratur und ihrer spräche. Unbewust
dieses gegensatzes finden wir, die wir unser altnordisch theilchen meist
nur der lectüre der eddalieder verdanken, manches in diesen sehr leicht
und erklärlich, woran gelehrte Isländer, die das ganze ihrer litteratur
beherschen, gerechten anstoss nehmen und — für sehr schwierig zu
erklären sich befugt halten.
Jedenfalls höchst schätzbare vorarbeiten, namentlich insofern sie
auf eine reiche beschaffung von belegstellen bedacht, sind für eine gram-
matik der eddalieder und zwar ihrer syutax die beiden Schriften von
T h d. W i s e n und M. N y g a a r d ; beide erschienen unabhängig von ein-
) ander. Wisens schrift, unter dem titel: „07n ordfogningen i den äldre
Eddan'' eine akademische abhandlung in schwedischer spräche, Lund
1865, 83 SS. 4*^, umfasst in übersichtlicher, wenn auch keineswegs
erschöpfender darstelluug das ganze gebiet der syntax. Es geschieht dies
im anschlus an und mit öfterem verweis auf die altnordische syntax von
Geo. Lund (Köbh. 1862), nur dass Wisen nicht allein die von diesem
behandelten kapitel rücksichtlich der eddalieder mehr ausgeführt, son-
dern auch gleich zu anfang (s. 1 — 16) eine eigne besprechung über das
geschlecht der substantiva und über den substantivischen gebrauch der
adjectiva, participien, pronomina usw. hinzugefügt hat. Die arbeit von dem
Norweger M. Nygaard, adjuncten der kathedralschule in Kristianssand,
erschien in zwei programmen dieser schule, unter dem titel: „Edda-
sprogefs Sijntax" (Bergen, I. 1865 VI, 103 ss. und IL 1867 (IV), 67 ss.
in 8^) in dänischer spräche. Nygaards syntax behandelt nur einzelne
kapitel, I: accusativ, genetiv, dativ, artikel, reflexive oder mediale ver-
balform, conjunctiv, relativ; im anhang: ein Verzeichnis der verba trans-
itiva, der stammverben (und der abgeleiteten); II: indicativ praesentis
und praeteriti, passiv, imperativ, Infinitiv, negationen. Sind hiermit
auch die wichtigsten und interessantesten punkte der eddischen syntax
bereits besprochen, so können wir doch nur wünschen, dass der Verfas-
ser seine bei aller benutzung der vorarbeiten (so auch des vierten bau-
NORDISCHER LITTERATURBF.RICHT. I. 425
des von Grimms grammatik) durchweg selbständige und kritische, über-
dies bereits auf einem guten theil der Buggeschen ausgäbe basierende
Untersuchung weiter führe und zu einer vollständigen eddasyntax aus-
arbeite.
Die metrische form der eddalieder, das fornyrdalag, bean-
sprucht unser Interesse nicht blos um dieser selbst willen , sondern aucli
im hinblick auf unsere deutsche litteratur und deren früheste Schöpfun-
gen. Denn jene , ausschliesslich auf accent und Stabreim beruhende form
ist nicht eine eigentümlich nordische, sondern germanische, sonach
älteste und uns Deutschen mit den Skandinaven gemeinsame. Während
wir aber zur erkenntnis ihrer natur und gesetze in der eignen litteratur
nur auf ein paar dürftige fragmente angewiesen sind, tritt in der nor-
dischen uns eine reiche fülle von mehr oder minder vollständigen dich-
tungen entgegen ; denn dass wir ausser den liedern der Ssemundar Edda
nur höchstens vier bis fünf vollständige gedichte im fornyrdalag besitzen
und der weit überwiegende reichtum der dichtung dieser form in einer
durch die ganze sagalitteratur (bei weitem nicht blos in den Fornaldar
sögur) zerstreuten anzahl einzelner Strophen besteht, kommt hier nicht
in betracht.
Abgesehen von Rasks und Munchs gelegentlichen besprechungen
in ihren grammatiken und von N. M. Petersens abhandlung über Völu
spä und hier und da in seinen grammatischen und litterarhistorischen
arbeiten, war die bei uns so vielfach behandelte älteste metrik seitens
nordischer grammatiker nicht gegenständ einer besondern darstellung
gewesen. Dies ist nun neuerdings in zwei dänischen abhandlungen
geschehen: die eine von Carl Rosenberg, dem Verfasser einer abhand-
lung über die Chanson de Roland (Köbh. 1860), erschien 1862 als sepa-
ratabdruck aus Nord, üniversit. - Tidskr. VITI, 3, 1 — 70 unter dem
titel : Beitrag zur geschichte unserer wichtigsten versmasse , T : die rhyth-
mische beschaffenheit des fornyrdalag; — die andere von dem bereits
genannten E, Jessen in der Kopenhagener zeitschr. f. philol. u. pädag.
IV (1863), s. 249 — 292 unter dem titel: die metrischen gesetze im Alt-
nordischen und Altdeutschen („OldnordisJc, og oldtysh verselag"). Gemein-
sam ist beiden Verfassern der gegenständ: das auf accent und stabreim
ruhende fornyrdalag, gemeinsam ferner die durchgehende berücksich-
tigung der arbeiten unserer deutschen metriker, Lachmanns sowol als
Dietrichs, Simrocks, Riegers, Schneiders usw. usw.; während jedoch
Rosenberg sich auf das nordische beschränkt und einmal die historische
begründung der dänischen metrik des mittelalters , sodann die bestim-
mung des einflusses verfolgt, den diese dänische metrik von deutscher
42G Mömus
öoite inöglichenveise ertahren , behandelt Jessen die südgermanisclie (ahd.
ags. alts.) ebenso wol als die nordische gleichmässig und zwar nnter
Zugrundelegung der ersteren.
Die bisher besprochenen arbeiten hatten es mit der Sscmundar Edda in
textkritischer und exegetischer, in grammatischer und metrischer beziehung
zu tliun ; die von der handschriftlichen Überlieferung unabhängigen fi-agen
über die heimat der eddalieder und die zeit ihrer entstehung, ihr
Verhältnis zur sage, ihre entwicklung, bez. Veränderung und
ihre Verbreitung, ihre innere form und deren ästhetische Wür-
digung — alle diese fragen der höheren kritik blieben hierbei unberührt.
Sie sind, zum theil wenigstens, in zwei kleinen Schriften von Svend
Grundtvig erörtert, über die wir schliesslich noch mit wenigen Wor-
ten zu referieren haben. Die eine gibt eine „ TJdsigt,^'' einen überblick
über die heroische dichtung der nordischen vorzeit in drei Vorlesungen,
Kopenh. 1867, 105 ss. 8^; die andere „(Jm Nordens ganüc Uteratur"
ist -- wie sie sich selbst auf dem titel bezeichnet — eine „ankündi-
gung" von N. M. Petersens altnordischer und von Kdf. Keysers altnor-
wegischer litteraturgeschichte und „einspräche" gegen die letztere, Kopen-
hagen. 1867, 120 SS. 8". Beide schritten, wie schon der umfang verrät,
freilich mehr andeutungen als ausführungen , überdies die eine durch die
form von Vorlesungen , die andere durch die der polemik nicht unwesent-
lich bedingt, geben vielfaches zeugnis von des Verfassers Scharfsinn,
combinationsgabe, poetischem sinn und wissen. Wir stehen nicht an,
sie zu dem besten zu rechnen, was auf diesem gebiete in neuerer zeit
erschienen und meinen , dass sie niemand , der sich au der lösung obiger
fragen beteiligt, ungelesen lassen darf. Ein gelehrter, der sich durch so
jahrelange, eingehende, umfassende beschäftigung mit nordischer, wenn
auch späterer , Volksdichtung eine solche reiche anschauung ihres wesens
und Werdens zu erwerben vermochte, wie der herausgeber von Danmarks
gamle folkeviser, der wird und muss auch jener frühern der eddalieder nicht
nur neue, sondern auch richtigere gesichtspunkte der beurteilung abzu-
gewinnen wissen, und man würde der mannichfaltigen anregung, die die
lectüre dieser schritten in Wahrheit bietet , noch froher werden , wenn nicht
ein so entschieden skandinavistischer parteigeist mit seinem pro und
contra und wenn nicht, ausser den üblichen ausfällen auf uns Deutsche,^
1) Mancher leser, dem Svend Grundtvigs sclirift „om Nordens gamle Litera-
tur" bereits bekannt ist, mag sich vielleicht wundern, dass wir hier kein wort der
entrüstung übrig haben, wenn der gelehrte Däne (s. 111) von der „raubgierigen poli-
tisierenden deutschen Wissenschaft" spricht, oder (s. 113) „sinn für freiheit und Wahr-
heitsliebe" als etwas ,,nnsern südlichen nachbarn fremdes" (!!) bezeichnet. Diesen
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 427
namentlich der gehässige, höhnische ton, den er sich gegen den hocli-
ehrenwerten, verstorbenen Normann Kdf. Keyser erlaubt, den leser
stellenweise geradezu anwiderte.
Die drei Vorlesungen der „ Udsujt" handeln die 1. (s. 1 30) ü))er
das wesen der heroischen dichtuug im skandinavischen norden und ihre
quellen, die IL (s. 30 — 66 und 66 — 75) über ihren Inhalt, die 111.
(s. 75 — 105) über ihre form und die in jener dichtung hervortretenden
ideen. Im gegensatz zur mythisierenden und idealisierenden auffassung
der deutschen forscher , zur historisierenden und realisierenden der däni-
schen und der norwegischen, vermöge deren jene in der sage überall
mythus wittern, diese sie nur als entstellte geschichte betrachten und
nur nach ihrem eventuellen historischen ertrage zu würdigen im stände
sind, legt Grundtvig bei der bestimmuug des wesens der sage alles
gewicht auf ihr poetisches moment, und will sie ganz vorzugsweise oder
vielmehr nur als dichtung, als erzeugnis des dichtenden volksgeistes
betrachtet wissen; nur der „litterarische" Charakter — so Aveit auf
ungeschriebene productionen der ausdruck der litteratur anwendbar ist —
sei der massgebende, und sage und die sie zur darstellung bringende
dichtung sei eins und untrennbar. Diese dichtung nun, weder entstellte
mythe, noch verdrehte geschichte, ist eine poetische Schöpfung, worin
der volkgeist seine betrachtung des menschlichen lebens , überhaupt seine
Weltanschauung ausspricht, und nicht mythen sind es, und nicht liisto-
rische ereignisse , die man in ihr zu suchen hat , sondern poetische ideen,
die durch sie ihre Verkörperung gefunden haben ; die personen und bege-
benheiten der dichtimg gehören bereits der vorzeit an, aber die auffas-
sung, gruppierung, die ganze darstellung dem dichter. — Die quel-
len, so weit sie von dem einst überaus grossen, doch zu gutem theil
verlornen sagenreichtum mehr oder minder vollständige mitteilungen ent-
lesern diene zur antwort, dass wer, Avie ref. , nun seit einer laugen reihe von jahreu
es tagtäglich mit dänischen büchern zu thun und somit tagtäglich die ausfälle der
dänischen Schriftsteller auf alles, was deutsch ist, zu lesen hat, — dass dieser sich
anfangs denn auch immer weidlichst entrüstet hat, endlich aber — damit aufgehört,
seitdem er erkannt, dass, wem es nur in „Kongens Köbenhavn" um den beifall der
nation zu thun ist, seine Schrifterzeugnisse notwendig mit dergleichen gewürze lecker
zu machen hat; namentlich die hh. pastoren (z. b. Johannes Kok, Hans Dahl) sind
gute conditoren ! — Solche schamlose rohheit freilich , womit Jacob Grimms nameu
in den Aarböger 1867 s. 177 beworfen und er mit haaren worten geradezu eines
„dicbstahls" bezichtigt wird, — diese Avird ganz sicherlich auch in Kopenhagen
wenig beifall finden, und wir beklagen es aufrichtig, dass die königliche gesellschaft
für nordische altertümcr zu Kopenhagen, der Jacob Grimm einst als mitglied ange-
hörte , ihre Jahrbücher in dieser weise hat beschmuzcn lassen.
428 MOBIUS
halten, sind viererlei, 1. die liedcr der Sffimimdar Edda; II. die pro-
saischen Paraphrasen alter lieder (mit oder ohne belassene theile dersel-
ben), z. B. Sinfjötklok , Völsunga saga (ausser k. 22 und 43), Hälfs saga,
die erzählungen in Snorra Edda (Skaldskaparmäl), Saxo I — IX,- III. die
in eigentliche sagas umgestalteten und hierbei mannichfach ausgeschmück-
ten und interpolierten erzählungen, z. b. Sögiibrot, Norna gests pättr, Örvar-
Odds saga usw. usw. (Fornaldar sögur), und aus den zehn ersten büchern
des Saxo was nicht zu IL gehört; IV. hinweisungen auf die sage in
der skaldischen dichtung, in den historischen sagas, in erzeugnissen der
technik (liolzschnitzerei , tapeten usw.) ; zu diesen noch als ausserordent-
liche quellen, einmal: Beovulf, Vidsid, Nibelunge, Gudrun, usw. usw.,
andererseits viele Chroniken des mittelalters , in denen ja die sage histo-
risch betrachtet und berichtet wurde. — Ihrem Inhalte nach sind
die nordischen sagen, wie anderwärts, wesentlich geschlechtssagen , nur
dass im norden vom beiden und seinen vorfahren, nicht wie anderwärts
vom beiden und seinen nachkommen die rede ist. Ihre dichtung , um das
menschliche Schicksal zur darstellung und veranschaulichung zu bringen,
bedarf nicht nur eines so vielgiiedrigen und mannichfaltigen , sondern auch
eines sich entwickelnden ganzen, wie es im vergleich zu einem einzelnen
menschen eben nur ein ganzes geschlecht von mehreren generationen
darbietet. Hat dann eines seiner mitglieder die volle ausprägung des
geschlechtscharakters erlangt, sei es hier nach der guten, dort nach
der schlimmen seite, und kommt, was steigeiungsweise in einzelnen
früheren geschlechtsgenossen sich bereits offenbarte, in ihm zur voll-
ständigsten, zur höchsten geltung, — dann schliesst mit ihm die sage;
solche beiden, in denen die sage gipfelt, sind: Rolf, Halv, Ingjald, vor
allem Sigurd , der nur als höchste stufe der früheren , Sinfjötle und
Helge, erscheint. Die sagen und Sagenkreise, die Grundtvig bespricht,
sind: die Völsuugensage , die der Ynglinger, von Ivar Vidfadme , die der
Arngrims - söhne oder vom Tyrfingschwert (Hervararsaga), die der Skjol-
dunger (dänisch), von Halv (norweg.), die der Siklinger (Hagbard und
Signe), von Harald Hildetand, von Regner Lodbrok, und besonders aus-
führlich zuletzt über Starkad, nicht wie man ihn gewönlich auffast, ein
ideal des nordischen heroentums, als vielmehr vikingtumes, und aben-
teuerlicher repräsentant von dessen roher und wilder kämpenkraft. —
Unter allen diesen dichtungen die umfänglichste und bestbewahrte ist
die sage von den Völsungen; bei ihr, die uns allein an dieser stelle
angeht, hat denn auch Grundtvig vorzugsweise verweilt und namentlich
zweierlei ist es, was wir aus seinen bemerkungen über dieselbe hervor-
heben möchten. Einmal: es treten in der ganzen Völsungensage meh-
rere der unheilwirkendeu Ursachen und hebel hervor , das gold , Brynhilds
NOKDISCHEB LITTERATURBERICHT. I. 429
eifersucht, das schwert Gram, diese jedoch nur tlieilweise, gemeinsam
aber wird das ganze von der, auch in andern sagen ersichtlichen idee
durchzogen: dass dasjenige geschlecht, das sich mit andern durch Ver-
heiratung verschwägert, durch diese und zugleich mit diesen, die es im
falle nach sich zieht, seinen Untergang findet; dass es ferner mit rück-
sicht auf den eigentlichen heros des geschlechtes, also in diesem falle
Sigurd , in der natur desselben liege , wie er vermöge seiner kampftüch-
tigkeit unbesiegbar für andre und zugleich wegen seiner arglosigkeit nur
durch list und betrug zu überwinden, in dieser weise eben von denen
gestürzt wird, die sich mit ihm durch schwägerschaft verbinden und
insofern zwar formell mit ihm gleich stehen, dennoch aber durch ver-
rat sich reell das übergewicht zu verschaffen und hierdurch seinen
Untergang herbeizuführen wissen. Sodann: die ganze Völsungensage
theilt sich in die eigentliche Völsungensage, in die Gjukungeusage oder
geschichte von Gudruns räche, und in die beiden anbänge der Jarmun-
reks- und der Aslaugssage, des einen durch Sigurd -Gudruns toch-
ter Svanhild, des anderen durch Sigurd - Brjmhilds tochter Aslaug ver-
mittelt. Einen beweis nun für die anorganische Verbindung dieser bei-
den anhänge, und auch diesen durch analogie anderer sagen gerecht-
fertigt, findet Grundtvig in dem parallelismus , in welchem die personen
und ereiguisse jedes anhanges sich zu dem zweiten theile der sage befin-
den, die in jenen gewissermassen eine widerholung finden. (Eücksicht-
lich der Jarmunrekssage verweisen wir noch auf Grundtvigs andere schrift:
om Nordens gamle Litt. s. 88 ff.). — Von der form der Sagendichtung
im allgemeinen bemerkt Grundtvig, dass die ältesten uns erhaltenen
dichtungen zugleich diejenigen sind, in denen jene den möglich höchsten
punkt ihrer entwickelung erreicht hat, und dass die späteren nur einen
verfall, ein herabsinken von demselben bekunden; letzteres motiviert
durch den eintritt des rohen vikingertumes seit dem 8. und 9, Jahrhun-
dert und hiermit den vorläufigen rückschritt in der bereits erreichten
cultur. So kulminiert die Völsungendichtung in ihrem uns in den edda-
liedern erhaltenen theile , der Gjukungensage , während die Jarmunreks-
sage zwar noch innerhalb des Zeitraumes der eigentlichen Sagendichtung
entstanden , dennoch einen mebr äusserlichen , unharmonischen zusatz bil-
det, die Aslaugsage dagegen ganz ausserhalb desselben liegt und ihre
entstehung der nachheroischen zeit verdankt, als es nur darauf ankam,
die späte Eagnarssage mit der alten, berühmten Völsungensage in Ver-
bindung zu bringen. Die form der dichtung ist aber eine zweifache,
eine epische und eine lyrische ; beiden gemeinsam der Wechsel von erzäh-
lung und rede, doch in der epischen jene, in der lyrischen diese vor-
hersehend, dort eine reibe von begebenheiten , hier nur ein einzelner
430 MÖBIÜS
auftritt oder wesentlich handlunf^slose Situation. Welche die ältere, ist
fraglich , da sowol die ältesten (z. b. Völundarkvida) , als auch die jüng-
sten (z. b. die beiden Atlilieder) , in gleicher weise die epische form liaben ;
für uns, denen ein blick auf die vorausgehende entwickelung versagt ist,
erscheinen beide formen als gleichalterig, epische, wie die Helgelieder
und Sigurdarkvida IH, und l3aische, wie Fafnismäl, Sigrdrifumal, Gudru-
narkvida I, wobei die sachlichen abweichungen (z. b. über Sigurds todes-
art) auf Verschiedenheit der dichter , der heimat , vielleicht auch der zeit
hinweisen. Ueberarbeitung verrät der erzählende monolog in Gudrünar-
kvida n, ähnlich in Oddrünargrätr (14 — 34) und Gudrünarhvöt (10 — 21);
hier wie dort- weist er auf ursprüngliche epische form zurück und ergibt
sich, theüs durch diesen gegensatz, theils durch sein öfteres vorkommen
in der spätem dichtung auch innerhalb der eddalieder als kriterium einer
späteren form. — Unter den ideen der nordischen Sagendichtung, die
Grundtvig zuletzt bespricht, versteht er gewisse allgemeine typen, die,
wenn auch mannichfach modificiert, dennoch den verschiedenen sagen
gemeinsam sind. Vor allem ist es der begriff des nordischen beiden,
den er zu bestimmen sucht ; er ist nicht ein wilder kämpe , wie Starkad,
mit seinen gewalttateu, seiner Verachtung oder rohen behandlung des
weibes, aber eben so wenig ein „halbgott," der dem begriffe wie der
Überlieferung nach dem nordischen altertume gänzlich fremd ist, seine
idee entsteigt vielmehr dem boden religiöser anschauung, die mit tiefem
ernst das ganze gebiet der alten Sagendichtung durchzieht, dem eigen-
tümlichen Verhältnis, in dem der Skandinave wie sich selber, so auch
seine beiden seinen göttern gegenüber fühlt. Der nordische held ist der
von Odin zum immer noch bevorstehenden kämpfe in Kagnarök erkorne,
der eingedenk dieser einstigen hohen bestimmung sein irdisches leben,
d. h. kämpfen , nur als Vorbereitung für dieselbe betrachtet. So erscheint
au^ch das weib, und vor allem das liebende, als Valkyre, und ehre und
nachruhm ist der mächtige grundgedanke , der das leben des beiden
unausgesetzt beseelt.
Die kritik, die Svend Grundtvig in der schrift „om Nordens ganile
Litferatur" nicht auch an N. M. Petersens, sondern nur und ausschlies-
lich an Rdf. Keysers litteraturgeschichte übt , ist eine negative und eine
positive; jene bekämpft Keysers norwegische, diese erkämpft alt-
nordische, südskandinavische, dänische ansprüche an die alte
litteratur. Keysers buch, und zugleich welcherlei ansprüche es, nament-
lich auf kosten Islands, für den norwegischen bestand der altnordischen
litteratur erhebt, ist den lesern aus Konr. Maurers besprechung in die-
sem bände der Zeitschrift s. 25 — 88 bekannt, und indem wir auf sie
NORDISCHER LITTERATURBEKICHT. I. 431
verweisen, beschränken wir uns hier nur auf den die Seemundar Edda
betreffenden abschnitt in Grundtvigs schrift (s. 61 ff.).
Keyser vindiciert den liedern der Sfemundar Edda norwegische her-
kimft aus vier gründen: Avegen der spräche , wegen des mythus vom
Bahlr und der sage vom Jarmunrek, wegen der naturschilderungen , wegen
des Epitheton „grönländisch" und der geschlechtsreihen in den Hyndlu-
Ijöd. Die spräche erscheine in der form , in der sie nicht mehr auch
schwedisch - dänisch , sondern bereits speciell norwegisch sei. Der Baldr-
mythus und die Jarmunrek - sage trage in den darstollungen der eddalie-
der einerseits, des Saxo andrerseits ein so verschiedenes gepräge, dass
jene unmöglich dänische herkunft, wol aber im hinblick auf die Überein-
stimmung zwischen den eddaliedern und der übrigen norwegisch -islän-
dischen litteratur in beiderlei beziehung norwegische verraten. Die natur-
schilderungen zeigen auf das felsenland Norwegen, nicht auf das ebnere
Schweden und die dänischen inseln und haiden. Wenn die Atlamäl die
grönländischen genannt werden, so sei damit ihre heimat in der norwe-
gischen landschaft Grönland erwiesen, und endlich die geschlechtsre-
gister in den Hyndluljöd seien so vorwiegend norwegische , dass dies lied
nur in Norwegen entstanden sein könne. — Grundtvig erwidert jeden
dieser punkte, obwol in der folge, dass er zunächst den 1., 3., 4. und
dann erst den 2. in einer längern erörterung bespricht. — Die sprach-
liche form solcher dichterischer productionen , die schriftlos ebenso wol
erzeugt als viele generationen hindurch überliefert werden, scliliesst sich
den Veränderungen, welche die betreffende spräche überhaupt während
dieses Zeitraums der Überlieferung erleidet, dermassen an, dass sie in
allen übrigen fällen nur wenig entscheiden kann, im vorliegenden aber
um so weniger, als — selbst Keysers annähme einer bereits eingetre-
tenen sprachsonderung des altnordischen zugegeben — die eigentümlich-
keiten des altnorwegischen und andrerseits des altschwedischen und alt-
dänischen zu gering waren, als dass die eddalieder nicht eben so gut
in Dänemark oder Schweden gedichtet sein konnten; ja eine reihe von
fällen, in denen das dänische vr — (im gegensatz zum norweg. r — )
durch die allitteration als das ursprüngliche sich ergebe, spreche sogar
gegen norwegische heimat und für dänische. — Die naturschilderungen
in den mythologischen eddaliedern sind so allgemein, dass sie ebenso
gut auf Schweden und Dänemark passen, — Das epitheton „grönlän-
disch" beziehe sich einmal laut der angäbe des Reg. nur auf die beiden
Atlilieder, und sei deshalb nicht auch massgebend für die übrigen, fer-
ner weise es nicht auf die norwegische landschaft Grönland, in welchem
falle es grenzk heissen müsse , sondern , wie die form grvenlcnzk besage,
auf das amerikanische Groeuland (s. oben , s. 400) ; die Hyndluljöd aber,
482 MÖBius
die ja übrigens den liedcni im Keg. erst von den lierausgebcrn aus der
Flateyjarbök beigefügt sind, enthalten neben den norwegischen geschlecb-
tern ebenso gut auch eine aufzählung von dänischen und schwedischen,
wenn es auch seinem ganzen Charakter nach (eine art register zur nor-
dischen heldensage) als eines der jüngsten lieder, wol in Norwegen gedich-
tet sein könne. Eücksichtlich endlich des Baldr-raythus und der Jar-
munrek-sage und ihrer abweichenden darstellung in den eddaliedern und
bei Saxo — einer begründung der norwegischen herkuuft der eddalieder,
die man bereits aus P. A. Munchs vorrede zur schwedischen ausgäbe sei-
ner altnorwegischen grammatik (1849) kenneu gelernt — , so hebt Grundt-
vig zunächst hervor, dass jene berufene Übereinstimmung der älteren
eddalieder mit der übrigen späteren altisländischen und altnorwegischen
skalden - und saga - litteratur deshalb nichts beweise , weil ja die letztere
auf jenen ersteren basiere. Ferner: die eigentümlichkeiten der darstel-
lung des Baldr-mythus bei Saxo treten nicht im vergleich — worauf
es doch hier ankomme — zu den liedern der Saemundar Edda hervor,
die statt einer vollständigen darstellung jenes mythus sich nur auf audeu-
tungen seiner hauptzüge beschränken, sondern im vergleich zu Snorres
Edda, die jedoch eine theils durch isländische skalden, theils durch
gelehrte und allegorische behandlung so vielfach beeinflusste tradition
darbiete, wie die dem Saxo vorliegende nicht erfahren hatte, so Avenig
auch dessen, dem Charakter seines Zeitalters gemässe, euhemeristische
auffassung und darstellung geleugnet werden solle. Nicht das, wenig-
stens nicht alles, was Saxo, sondern was Snorra Edda und die islän-
dischen berichte im Baldr-mythus mehr enthalten, sei als zudichtung
und späterer Zuwachs zu betrachten. Wie bei Saxo zwischen seiner
historisierenden prosa und den alten mythischen liedern, muss auch zwi-
schen diesen und Snorre eine heroische dichtung angesetzt werden, deren
gestalten (z. b. Hermod) in Snorres mythendarstellung aufgenommen wor-
den. Ueberdiess können abweichungen innerhalb der darstellungeu eines
mythus keine nationalen Verschiedenheiten begründen; denn wie sollte
dies z. b. rücksichtlich der isländisch - norwegischen darstellungeu der
nordischen einwanderuugssage in Kimbegla, in Tnglinga saga, in der
upsaler vorrede zur Snorra Edda einerseits und im Fundinn Noregr ande-
rerseits geschehen können? Sonach gibt Saxo statt eines Zeugnisses für
eine speciell dänische göttersage vielmehr ein solches für die einheit der-
selben im ganzen norden , wie wir ein gleiches für dieselbe in der über
den ganzen norden verbreiteten Volksdichtung, in den Ksempeviser haben. —
Ahnliches gilt von der Jarmunreksage , durch deren abweichende darstel-
lung bei Saxo Munch und Keyser die norwegische herkunft der Ham-
flismäl und der Gudrünarhvöt begründen. Während in dem, was sowol
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 433
diese beiden lieder als auch Saxo berichten, der unterschied nicht ein-
mal so gross ist, als der sich zwischen andern eddaliedern selber zeigt,
seien die wirklichen unterschiede , einmal : dass Saxo die betreifende sage
nicht mit der Yölsungensage verknüpft, ferner: dass Saxo sie viel rei-
cher und ausführlicher als jene lieder erzählt, dahin zu erklären, dass
Saxo jene ankuüpfung unterlassen, da ihm die Völsungensage für die
dänische geschichte bedeutungs- und beziehungslos erschien, dass ihm
andrerseits — jedenfalls neben den Hamdismäl , und zwar diesen in voll-
ständigerer gestalt — offenbar mehrere und umfänglichere quellen zur
Verfügung standen. Sonach auch hier keine zwingende notwendigkeit,
jene lieder Norwegen zu- und Dänemark abzusprechen. — Nach die-
ser wiederlegung von Keysers ansieht über die heimat der eddalie-
der wendet sich Grundtvig in einem besondern, zugleich dem letzten
abschnitte des buches, zur darleguug seiner eignen. Sie lautet dahin:
dass zwar nicht alle , doch die meisten und besten unter den mythischen
und heroischen eddaliedern nicht nur nicht in Norwegen gedichtet sein
können, sondern im südlichen Skandinavien, vor allem in Dänemark
gedichtet sein müssen. Er geht hierbei von dem satze N. M. Peter-
sens aus : „ die grundlage der litteratur ist die kultur ; die geschichte
beider muss band in band gehen ," d. h. die litterarische production eines
Volkes ist mit dessen cultur überhaupt so innig verbunden, dass, wo die
statte der letzteren, notwendig auch die der ersteren sein müsse. Da
nun die cultur des skandinavischen nordens in der zeit, welche für die
entstehung der eddalieder allein in betracht kommen könne, nämlich jen-
seits der mit dem 8. und 9. Jahrhundert beginnenden Yikingerperiode,
nicht im obern, nördlichen theile der halbinsel ihre heimat und blute
gehabt, sondern im südlichen theile, in Süd- und Ost- Schweden, auf
den dänischen inseln , an den küsten des Kattegat und der Ostsee , über-
haupt unter den dänisch -gautischen Völkern, so sei auch die entstehung
der eddalieder eben nur hier und nicht anderwärts zu suchen; hierher
und in die „südlicheren länder," (niehtwahr, den Khein?) verlegen die
eddalieder selbst den Schauplatz ihrer begebenheiten, hierher weise der
ags. Beowulf, von hier aus sei bereits seit dem 11., 12. Jahrhundert
auf dem grund und boden der alten mythen- und heldendichtung die
dichtung ihrer directen nachkommen, der dänischen, schwedischen und
norwegischen Ksempeviser ausgegangen. Dass Grundtvig bei solcher
beüfründunff seiner ansieht von der südskandinavischen lieimat der edda-
lieder notwendig auch gegen Munchs und Keysers besiedelungstheorie des
skandinavischen nordens entschiedenen Widerspruch erhebt und die frü-
here und allgemein geltende zu der seinigen maclit, versteht sich von
selbst.
434 MÖBIDS
Diese, wenn aucli nur wenigen, doch lioffentlich correcten mittei-
lungeu aus Grundtvig's scliriften können nur andeutungen ihres inhaltes
sein; zu vollständiger Icenntuisnahme, bezüglich prüfung müssen wir den
leser auf sie selber verweisen. Wenn sich uns allerdings manches
bedenken bei der lectüre aufgedrängt, schien es uns doch eine unbil-
ligkeit gegen den Verfasser, dies hier auszusprechen, ohne damit eine
eingehende prüfung seiner behauptungen wie die begründung unseres
Widerspruches gegen ihn zu verbinden.^ Es sei uns jedoch gestattet
zweierlei hier auszusprechen, was sich uns bei dem lesen von Grundt-
vigs Schriften zu widerholten malen aufgedrängt. Einmal: wie haltlos
doch alle diese ansichten und meinungen über ort und zeit der lieder
der Sa^mundar Edda bleiben müssen, so lange man sich nicht die mühe
genommen , jedes einzelne lied in beiderlei beziehung nach allen hier in
betracht kommenden kriterien zum gegenständ einer besondern Unter-
suchung zu machen; wie wären so einseitige urteile möglich, nach denen
hervorstechende eigentümlichkeiten des einen liedes zugleich massgebend
1) Eins wie das andere ist der Grnndtvigsclien „einspräche" gegen Keyser
durcli eine neue ,, einspräche " gegen ihn selber von seiten seines landsmannes
E. Jessen zu theil geworden, in einem artikel der unter dem titel „Smaating usw.
Kleinigkeiten über altnordische gedichte und sagen , , eine einspräche ' in der historisk
tidsskrift" (3. reihe, bd. VI, s. 226 — 284. Kopenhagen 1868.) erschien. Zu unserm
bedauern konnten wir ihn erst erhalten, nachdem wir obiges geschrieben, dürfen
aber nicht unterlassen , den leser ganz besonders auf ihn aufmerksam zu machen , als
er mehrere behauptungen Grundtvigs als durchaus irrtümliche nachweist und zugleich
eine anzahl momente hervorhebt, für dereu Würdigung Grundtvig von seinem Stand-
punkte aus ganz unzugänglich scheint. Jessen liefert den klaren , bündigen und über-
zeugenden nachweis, einmal: dass die von Grundtvig zu gunsten der ,, dänisch -
gautischen '' lieder der Sseraundar Edda behauptete Verschiedenheit der mythologischen
darstellung in diesen und in den isländisch - norwegischen erzählungen der Snorra
Edda schlechterdings nicht vorhanden sei, in dem sich vielmehr jene darstellung auf
grurid der in Snorra Edda benutzten und noch in den alliterationsspuren nachweis-
baren lieder auch für diejenigen mythcn , die uns nicht in besondern liedern der
Saemundar Edda überliefert sind, als eine völlig in sich gleiche und übereinstim-
mende ergebe; sodann: dass die in den heroischen liedern der Samundar Edda
dargestellte Wielands- und Völsungensage , ihrer speciell - nordischen zudichtung ent-
kleidet, deutschen Ursprunges sei, und wahrscheinlich im 10. Jahrhundert von Nord-
deutschland aus , kaum wahrscheinlich über Dänemark , vielmehr direct nach Norwe-
gen und Island gelangt sei; endlich: dass in Uebereinstimmung hiermit die lieder
selber auf grund ihrer iunern wie äussern form (spräche , metrik) , weit entfernt eine
südskandinavische heimat zu bezeugen , fast alle vielmehr in Norwegen und auf Island
gedichtet sind. — Möchte doch der Verfasser , dem wir uns auf dem gebiete altnor-
discher und dänischer philologie bereits für so manche belehrung dankbar verpflich-
tet fühlen, sich veranlasst sehen, obigen artikel unter benutzung von Bugges nun-
mehr vollständig vorliegender ausgäbe einer neuen und ausführlicheren bearbeitung
zu unterziehen und ihn dann besonders erscheinen tm. lassen.
NORDISCHER LITTEEATUEBERICHT. I. 435
für zeit- und Ortsbestimmung aller der übrigen sein sollen, und zugleich
so widersprechende , wonach z. b. die Helgelieder dem einen Zeitgenos-
sen des dritten Sigurdliedes sind, dem andern producte der möglich
jüngsten zeit , wonach die Yölu spä hier jung genug erschien , um die
form einer stefja-dräpa als ihre ursprüngliche zu bestimmen, dort bereits
das 5. Jahrhundert für ihre entstehung angenommen wird! — Zweitens:
wie doch die annahmen, dass rücksichtUch der heimat nur der skandi-
navische continent, nicht auch Island, und rücksichtlich des alters nur
das 9. Jahrhundert und die ihm vorausgehenden, nicht auch die nach-
folgenden in frage kommen können , einen fast axiomartigen Charakter
erhalten haben und sich der allgemeinsten Zustimmung erfreuen. Und
in der that, die entscheidungen über ort und über zeit der eddalieder
bedingen sich ja insofern gegenseitig, als diese, wenn auf Island gedich-
tet, das erst seit ende des 9, Jahrhunderts (870 — 930) seine besiede-
lung erhielt, nicht vor dieser zeit gedichtet sein können, wie andrer-
seits, wenn ein späteres alter für die einen oder andern nachweisbar
wäre, nur dann erst isländische herkunft überhaupt in betracht gezogen
werden könnte. Die herschende ansieht ist eben die, dass alle diese
lieder spätestens vor Haraldr härfagri (seit 861) gedichtet sein und sonach
Norwegen, Schweden, Dänemark angehören müssen, dass sie von hier
aus nach Island durch dessen besiedler gelangt und , nachdem sie bereits
in der festländischen heimat zum theil mehrere Jahrhunderte alt gewor-
den, nun auch hier auf Island noch voUe drei Jahrhunderte hindurch (!)
sich in mündlicher Überlieferung erhalten , bis sie — die altersmüden —
endlich mitte des 13. Jahrhunderts in schriftlicher aufzeichnung beige-
setzt wurden! Isländische herkunft der lieder wird nicht sowol durch
die anspräche auf norwegische, schwedische, dänische seitens der resp.
gelehrten bestritten, als vielmehr auf grund jenes alters -axioms gera-
dezu für undenkbar, für ganz indisputabel erklärt. Und worauf
stützt sich dies axiom? Einmal auf Inhalt und form der lieder, sodann
auf ihre anonyme citierung in Snorra Edda. Der heidnische Inhalt,
behauptet man, weist auf die vorchristliche zeit des skandinavischen nor-
dens; die germanische, nicht speciell nordische, altertümliche und ein-
fache form, namentlich diese im gegensatz zu der schon im 9. Jahrhun-
dert so künstlichen skaldik, lässt sie jenseits derselben erscheinen; der
umstand endlich , dass Snorre in seiner Edda jene lieder ohne namen je
ihres dichters anführt, während er von den übrigen gedichten, die er
citiert, die dichter kennt und diese bis in das 9., ja 8. Jahrhundert hin-
auf namentlich angibt, weist darauf hin, dass, wären die namen der
dichter jener lieder nicht durch ihr gar hohes altertum in der erinnerung
der menschen ganz verblasst, Snorre sie gewiss ebenso sorgfaltig ange-
436 MöBius
l'iilirt lüitte, wie die übrigen diesseits des 8. und 9. Jahrhunderts. Zu
diesen argumenten möchten wir folgendes bemerken : Sei auch der inhalt
theils ein ausgesprochen heidnischer, theils jedweder spur des Christen-
tums baarer, müssen sie deshalb der heidnischen zeit angehören, d. h.
müssen sie deshalb vor der einführung des Christentums im skandina-
vischen norden, also vor dem ende des 10. Jahrhunderts datieren? Nein;
denn wenn auch zur angegebenen zeit das Christentum in Norwegen und
auf Island verkündet und gesetzlich eingeführt war, so fehlte doch noch
viel, dass alle Norweger und Isländer Christen in dem grade geworden,
dass sie innerlich, in ihrem dichten und denken, nicht noch lange zeit
hindurch heidnisch geblieben; ferner, wenn auch das Christentum ein
allgemein verbreitetes war, konnte dies die zu wirklichen, Innern Chri-
sten gewordenen dichter nicht hindern , für skaldischen gebrauch , d. h.
für die bildung der auf mythe und heldensage beruhenden kenningar,
lieder solchen Inhaltes und in dem entsprechenden Charakter zu dichten
(vgl. Alvissmäl, Grimnismäl, Yaf|)rüdnismäl, das zwergenregister in der
Völu spd). Die form, zunächst die metrische, ist an sich die älteste
nordische, weil germanische, d. i. nordisch - deutsche ; sie ist jedenfalls
vor dem speciell nordischen, dem dröttkvsett, aber sie besteht auch
neben ihm bis in das 13. Jahrhundert; gilt jedoch, was vom fornyrda-
lag, auch vom nicht- germanischen Ijödahättr? Die spräche, obwol in
mancher beziehung grammatisch , wie noch mehr lexicalisch , eine sehr
altertümliche, dennoch in ihrem wert als eines kriterion für das alter
durch die handschriftliche Überlieferung des 13. Jahrhunderts bedingt,
bezüglich geschwächt; die einfachheit des stiles und der ausdrücke (man
denke, abgesehen von den vielen kenningar in den eddaliedern selber,
an die zahlreichen kenningar im ags. Beowulf in einer handschrift bereits
des 10. Jahrhunderts!) im gegeusatz zur skaldischen dichtung ist eben
die der söguljöd, wie auch in den meisten übrigen dichtungen im for-
nyrdalag. Kücksichtlich endlich der anonymen anführung in Snorra Edda,
so werden darin im ganzen aus sieben mythologischen liedern Strophen
citiert aus Völu spä c. 28, aus Hävamäl 1, aus Vatprüdnismal 8, aus
Grimnismäl 22, aus Alvissmäl 2, aus Lokasenna V2 V2 1 ^^^^ Skirnis-
mäl 1 , aus den heldenliedern , nur aus Fäfnismäl 3. Mit ausnähme von
den im Skäldskaparmäl citierten Grimnismäl str. 43 und 47, Alvissmäl
21 und 31 und Fäfnismäl 32 — 33 — stehen jene übrigen citate in Gyl-
faginning , der mythologischen abteilung von Snorra Edda. Wenn Snorre
diese lieder ohne angäbe ihres dichters citiert , so ist dies unseres erach-
tens nicht sowol und nicht zunächst ein zeugnis für ihr hohes altertum,
sondern für die eigentümliche natur dieser lieder, in folge deren sie —
mindestens zum teil — eben als producte der sagen- und Volksdichtung
NORDISCHER LITTERATURBERICHT. I. 437
keinen bestimmten dichter haben und gar nicht anders als anonjan
citiert werden können. Solleu die so vielen anonymen visur in den
historischen sögur, welche die eine oder andere kundgebuug von volks-
poesie enthalten, deshalb so alt sein? Sollen es die sögur selber, die
sögur des 13. (und 12.) Jahrhunderts, die samt und sonders anonym
citiert werden, und, wenigstens die Islendinga sögur, wegen ganz ana-
loger cntstehunsf auch nur so citiert werden können? Ferner: wo
Snorre den nameu des dichters anführt, geschieht es, um die persönliche
auctorität eines höfud-, eines pjöd-skald für die form des betreffenden
dichterischen ausdruckes geltend zu machen; wo er aber jene lieder
anführt, thut er es nicht wegen der form, sondern in den bei weitem
meisten fällen nur ihres Inhaltes wegen, dessen überlieferndes organ,
der dichter, hier eben so wenig in betracht kommt , wie, wenn eine saga
die andere saga um ihres Inhaltes willen und nur deshalb citiert, der-
jenige genannt wird , der sie geschrieben. Und endlich sind es eben nur
ein paar, nur 7 (8) lieder, die von Snorre citiert werden; soll man nun
dies , sehr schwache kriterium widorum auf alle 30 in bausch und bogen
anwenden? — So wenig wir gewillt sind dem skandinavischen fest-
lande, namentlich Südskandinavien und insonderheit Dänemark, eine
reiche Sagendichtung abzusprechen , müssen wir doch die uns in den
eddaliedern erhaltenen denkmäler derselben in der form und der gestalt,
iu der sie uns eben erhalten sind, so lange für isländische, zum theil
auch norwegische, diclitungen aus den letzten Jahrhunderten vor ilirer
aufzeichnung betrachten, als wir nicht durch stringente beweise vom
gegenteile überzeugt werden.
KIEL. TIID. MÖBIUS.
BEMERKUNGEN ZU OTFRID.
1. Verbindung des verbunis im singrular mit dem substjintivum im plural.
Nicht selten zeigt sich 1)ei Otfrid der singularis des verbums mit
dem pluralis des substantivums verbunden; die beispiele sind von Grimm,
gramm. IV, 196 ff. nicht vollständig aufgezälilt. Zunächst zeigt sich
diese Verbindung beim plur al 'abstracter substantiva:
IV, 4, 25 thcn io lluto dätt so scuno gilicrcti.
I, 23, 62 noli tliili däti tJiind in ewon ni pmö.
IV, 6, 11 ivio ouli thio mein dätt nihein irharmeti.^
1) Ich halte meindäÜ für den nom. , nihein {\\\ den acc. , construction wie
IV, 2 , 28 inan thiu nrwimi'i iiiilif irbarmeti.
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOOTK,
29
438 EKDMANTSf
V, 25, 39 si tJiin, tJmz gnati sine thes thiu haz, liiar seine.
Sal. 13 ni thaz, yninö äohti giwerkon thaz, io mohti.
II, 12, 46 joh ivanana thih rme thio Jioldün Jcunfti sine;
so mit demselben verbum auch ein concretes substantivum:
I, 25, 6 tha^ thih henti mhie ze doufenne hirine.
(vgl. in ähnlicher Verbindung- den singular IV, 11, 24.).
In allen bisher angeführten beispielen kann die mehrzahl leicht als
einheit aufgefasst werden; überall könnte ohne änderung des gedankens
für den plur. der sing, desselben oder eines ähnlichen substantivums ein-
gesetzt werden.
Fortfallen würden jedoch alle diese fälle, wenn man bei den im
reime stehenden conjunctivformen ab fall des den plural unter-
scheidenden n annehmen wollte. Otfrid, obwol sein reim weder
ungleich cousonantischen noch selbst ungleich vocalischen auslaut scheut,
vermeidet es sorgfältig, cousonantischen auslaut mit vocalischem zu bin-
den; das einzige beispiel einer ausnähme ist IV, 4, 32 racJia: lachan.
Dieses stammhafte n konnte nicht wol abgeworfen werden , leicht jedoch
jenes der pluralendungen. Auch sonst scheint die annähme , dass ein
endconsonant zur herstellung eines genauen reimes abgeworfen sei, gar
nicht zu umgehen. Denn
III, 26, 61 nu Hernes thes thenken joh emmiz,igen tvirken,
thaz, imo io liehe zi themo höhen hlniilriche
lässt sich Uche nur höchst gezwungen (mit Kelle) als 3. sing. , leicht und
einfach als 1. plur. für liehen erklären; ebenso wird Otfrid firsivige
III, 19, y als 1. plur., nicht als 3. sing, gefühlt haben. Dass endlich
scoiio (: giloiibo) I, 18, 7 als conjunctivform mit abgeworfenem s (für
scouös), nicht als imperativ aufzufassen ist, ist mir durch vergleichung
der parallelstelle V, 23, 227, wo an hisconö zwei verse weiter xmt joh
der klare couj. scouds angeknüpft ist, noch gewisser geworden.
So blieben als sichere belege nur noch zwei stellen , an denen beide-
mal der sing, des verbums dem plur. däii vorangeht:
IV, 12, 15 in muate was in thräti thio egislichün däti.
IV, 25, 9 zeinöt ouh thio däti.
Ausserdem ist einigemal der singular des verbums mit dem plural
eines substantivums mit beigefügtem zahlwort verbunden. Einmal geht
er voran:
III, 7, 23 thes sarphen iviz,ddes not hi zeinöt thisu finf hröt;
einmal folgt er:
IV, 6, 27 bedu thisu hüidi so meinit thio irö fravili.
Dagegen IV, 28, 3 tvanta irö wärun fiarl , thie in therii däti tväri
nehme ich bei der klar liervortretenden vielheit von personen abwerfung
BEMERKUNGEN ZU OTFRID 439
des pliiral-r^ (wäri für tvärin) an. Die von Grimm noch angeführte
stelle I, 17, 28 fällt nach Kelle's lesart fort.
Was die erklärung dieser construction betrifft , so darf man , glaube
ich , nicht überall , wo diese Verbindung des sing, mit dem plur. erscheint,
eine dem bewustseiu des redenden als einheit vorschwebende vielheit her-
auszupressen suchen; besonders bei vorangestelltem verbum — der bei
weitem häufigere fall, wenn wir die zu anfaug angeführten beispiele als
unsichere belege betrachten — kann man sagen, dass der Schriftsteller,
als er das verbum setzte , die numerale beschaffenheit des subjects über-
haupt unberücksichtigt und unbezeichnet liess und deshalb dem prädicat
die einfachere und zunächstliegende form des singularis gab. Dies gilt
von den mittelhochdeutschen nicht weniger als von den- griechischen
beispielen,^ wie viel mehr von dem noch mit mühe in grammatische
erkenntnis sich hineinarbeitenden Otfrid.
2. Umselireibuug- zusammeugresetzter zaiileu.
Charakteristisch für Otfrid ist die unbehülflichkeit im ausdruck
zusammengesetzter zahlen, bei deren Umschreibung er manchmal wun-
dersame Umwege macht; klares und schnelles überblicken der zahlenver-
kältnisse mochte seine stärke nicht sein. 12 wird umschrieben ziviro
selis I, 22, 1; 200 ist zivtrö selianzug II, 8, 32; 300 daneben thriz,ug
sttmton zeliimi, obwol Imnt ihm ebenfalls zu geböte stand (II, 4, 3);
153 ist iliria stunton finfmig ... ouh thri (V, 13, 19); 38 wird durch
subtraction dargestellt als 40—2: III, 4, 17 ivanda zwem, ih sagen
tliir tliaz,, tJierd järd fiarzug ni tvas ; 40 tage werden umschrieben als
960 stunden II, 4, 3; zum eitleren des 21. psalms werden IV, 28, 19
nicht weniger als drei langzeilen gebraucht. Wo ein substantivum unmit-
telbar beim zahlwort steht, wird es meist im genitiv vom zahlwort
abhängig gemacht; so an den angeführten stellen und I, 14, 12 fiar-
zuy dagö. II, 11, 38 therö järd ... fiarmig iiiii sehsii.
3. Über die amveuduiig' des refrains in Otfrids eyaiig-elienbuche.
Während in den übrigen erhaltenen althochdeutschen denkmälern
des 9. Jahrhunderts der refrain sich beschränkt auf das dem schluss der
Strophe angefügte Jci/rie eleison (lied vom heiligen Petrus. Erwähnung
im ludwigsliede v. 47) , hat er bei Otfrid grössere ausdehnung und kunst-
mässige Verwendung gefunden.
1) Vgl. über diese meine aliliaiKlIuug de Pindari rtsu syntaciico. Halle 18G7.
S. C ff.
29*
440 KRDMANN
Die regelrechteste, durcbgearbeitetste form des refrains erscheint
in einigen abschnitten, in denen in gleichen abständen je zwei langverse
widerkehren, dem gedanken, zu dessen bestätigung alles in den dazwi-
schen liegenden versen gesagte dient, immer von neuem ausdruck ver-
leihend. Diese abBchnitte finden sich in den eingangscapiteln des zwei-
ten und fünften buches. Im ersten (II, 1, 13 — 32) ist durch 20 verse
regelmässige responsion durchgeführt: je zwei verse bilden den Vorder-
satz, auf den der beständig widerkehrende, ebenfalls zwei verse umfas-
sende nachsatz folgt:
so was er io mit imo sär, mit imo ivornlder iz, tliär,
so was scs io gidatun, sie iz, aJlaz, saman rietun.
Die verse kehren allemal ganz ohne abweichung wider.
Ebenso kehren im eingangscapitel des fünften buches (de utititatc
crucis) von v. 17 bis zum ende fünfmal, nachdem jedesmal in vier lang-
versen eine neue , bedeutungsvolle eigenschaft des kreuzes angeführt wor-
den ist, zwei verse wider, die den aus dem vorhergehenden sich erge-
benden grundgedanken aussprechen :
nist wiht in themo homne, tlmz, friuntiUh giloube,
tlies manniUh giwis st, thaz, tliur nhh7ga§ st
Hier sind die verse nicht ängstlich genau in derselben form widerholt,
sondern in der anknüpfung {hi tliiu nist 29. 41. nist avur 35.) zeigt sich
einige abwechselung ; nhhnjaz, und der partitive gen. uhMgcs wechseln.
Eine zweite klasse bilden diejenigen stellen, an denen mehrere
verse ganz oder teilweise widerkehreu, aber nicht in genau gleichen
abständen sich zeigen, sondern nach längeren oder kürzeren abschnitten
widerholt der erzählung oder betrachtung ruhepunkte darbieten , au das
vorher gesagte erinnern, und so nicht gerade den vers, wol aber den
gedankengang gliedern. Sie finden sich säramtlich im fünften
buche.
V, 8, 31. 32 wird die bedeutung der namentlichen anrede aus dem
munde Christi hervorgehoben:
sama so er zi iru quati : irJcnäi mih hi noti
in muate läz, tliiriz, hei§, ivanta ih tlünan namon weiz,.
Diese verse werden ziemlich genau zweimal widerholt, nachdem zur
erläuterung einmal das beispiel des Moses , das zweite mal das der Eva
angeführt ist, Y, 43 f. 53 f.
Dazu noch mehrere beispiele aus den an den schluss gestellten
abschnitten über das jüngste gericht:
V, 19, 11 — 14 ward ivola in then thimgon iliie sclhun mcnnisgon
thie thär tlioh higonöto sint siclior irö dato,
BEMERKUNCEN ZU OTFKID 441
in thie tJioh tihil thanne nlst tviht 21 scUenne
mit tliiu sih tJioh biwerien joh cfeswio ginerieu.
Die zwoi ersten verse kehren unverändert wider 19. 20; alle vier,
jedoch mit Umstellung der reimenden werte des ersten, 41- — 44; wider
die ZAvei ersten 55. 56; und wider alle vier am schluss des abschnittes,
mit abschliessend motivierender anknüpfung
63 — 66 hl th'm ist tvola ff'.
Durch den langen, mit besonderer kunst und teilnähme gearbei-
teten abschnitt V, 23 ziehen sich häufig widerholt neben einander zwei
stücke von je 4 langzeilen; der eine enthält das gebet um Vermeidung
der höllenstrafen , anknüpfend an deren Schilderung, so wie an die Sün-
den und unvollkommenheiten des irdischen lebens (11 — 14. 79 — 83
mit geringer, im folgenden widerkehrender abweichung. 95 — 98. 105 —
108. 115 — 118. 145 — 148. 157 — 160.); der andere, noch häufiger und
oft mit dem ersten abwechselnd widerholte, enthält, anknüpfend au die
Schilderung der ewigen freuden, positiv die bitte, ihrer einst gewürdigt
zu werden. (27 — 30. 57 — 60. 129 — 132. 171 — 174. 183 — 186.
193 — 196. 205 — 208. 219 — 222. 231—234. 241—245. 255 — 258.
269 — 272. 283 — 286. 295—298 [schluss des abschnitts]).
Endlich zeigt zum schluss des ganzen werkes V, 25, 03 ff. die
schwungvolle rede anfang zu künstlicher strophischer gliederung. Vier
langzeilen enthalten das lob gottes:
93 — 96 tliemo si guallicM uhar allaz, sina^ ricM,
ubar allö wordlti si diuri stn io wonanti;
in eräu joh in Jiimile, in abgrunte oiili Mar niderc,
mit engilon joh mannon , in etvinigen saiigon !
Nach einem abstände von widerum 4 langzeilen werden die beiden
ersten jener verse dem gedanken nach , die beiden letzten wörtlich genau
widerholt.
Als dritte, unvollkommenste form endlich, gewissermassen nur als
ansatz zum refrain, können einige stellen bezeichnet werden, an denen
sich nach längern Zwischenräumen derselbe gedanke, das vorhergehende
zusammenfassend, mit einigem anklang an die werte, in denen er das
erstemal ausgedrückt war, widerholt.
So ebenfalls im fünften buche:
V, 6, 31 gilouhent sie thaz, hr uzt joh selben kristes wiz,i,
joh eiguu ouh giivisst thas, sin irstantnissl.
49 giwisso iz, ivircUt thanne, thaz, sie g iloubent alle,
tha^ sie af'ter themo guate sint rdz,agemo muate. ^
67 giloubent sie thie dätt, thoh i§ wese spdti,
joh irJcennit thas, muat, wio selbo druhtin irstuant.
442 IIILDEBRAND
Vgl. V, 20, 37. 43. 53; V, 10, 27. 28 und 35. 36, wo dieselben
gedanken in umgekelirter rcilienfolgo widerliolt werden; und noch ein
beispiel aus einem andern buche II, 11, 11. 12. 13. 19. — Dagegen
sind V, 15, 3. 13. 26 die drei fragen und antworten, die zu refrain-
artiger widerliolung hätten anlass geben können, jedesmal verschieden
ausgedrückt.
Es zeigt sich also der refrain bei Otfrid in verschiedenen graden
der Vollkommenheit , und zwar fast ausschliesslich im fünften buche , beson-
ders in den Schlussabschnitten. Wir sind wol berechtigt, ihm die aus-
bildung dieser kunstform als eigentümliches verdienst zuzuschreiben , ohne
die einwirkung der muster, die er an den geistlichen hymnen gehabt
haben mag, allzuhoch anzuschlagen.
GKAUDENZ. OSKAR ERDMANN.
EIN WUNDERLICHER RHEINISCHER ACCUSATIV.
Wer alemannischen boden betritt oder mit einem Alemannen ver-
kehrt in vertraulicher stunde, wo er sein Deutsch mehr nach laudesart
gehen lässt, der kann hören, wie da statt des masc. accusativs merk-
würdiger weise der nomiuativ gesetzt wird. Mir war die sache wol
bekannt, z. b. aus Hebels alemannischen gedichten, der sie auch in der
vorrede (s. 5 der ausg. 1820) als grammatische regel anführt, der tag
z. b. sei zugleich der und den tag;
der tag verwacM im tanne-wald, er lüpft
alsgmach der umJiang ohsi (über sich, in die höhe). S. 190.
Aber es ist ein grosser unterschied, ob man dergleichen nur in einem
buche sieht oder lebendig hört. Wertvoll wurde mir dies der als accu-
sativ erst, ja ich möchte sagen erst glaubhaft, als es aus dem munde
auch gebildeter an mein ohr schlug; vorher war es mir höchstens eine
verdriessliche unbegreiflichkeit, die man nicht an sich kommen lässt,
nun reizte es meine neugier, zumal seit ich es aus dem munde emes
deutschen philologen von fach hörte, von dem kürzlich verstorbenen
Franz Pfeiffer; auch aus Franz Mich. Felders munde könnte ich aufge-
zeichnete beispiele anführen. ^
1) Kenscht der da? fragte er mich z. b., indem er mir eine Photographie
zeigte. Auch von Pfeift'er doch ein beispiel, es wird glaubhafter damit: der Bartsch
kenn ich seit .... äusserte er in Heidelberg im herbst 1865. Also betont wie
unbetont.
EIN BHElNISCHEß ACCUSATIV 443
Wie alt ist dieser wunderliche acciisativ? und wie in aller Avelt
sind die Alemannen darauf gekommen ?
Auf die erste frage kann ich einige antwort geben, er lässt sich
bis ins 14. Jahrhundert und weiter /.urück nachweisen.^ Als ich in
J. Grimms auftrag den vierten band der weistümer beim drucke philolo-
gisch besorgte (es muste eilig gehen) , fielen mir fälle auf wie folgende :
des vordret er und hat sin (d. i. zum fürsprechen vor gericht) Wernher
Jans von Bar. der stalt sich zu im und hat der rieht er iimh ein rat ze
erlouhen, s. 364, trat zu ihm hin und bat zunächst den richter um
die erlaubnis einer besprechuug (mit seinem dienten); ivenn es daran
Ichomt (zum gericht), so sond si der stah von inen gehen, s. 365,
„unsere herren von Capell" sollen den richterstab dann abgeben; beide
stellen sind aus einem Zuger weistum vom jähre 1381, In einem Lucer-
ner weistum vom jähre 1346: item ist von alter har homen, dz> man
daselhs alle jar vier setzen sol (d. i. eine behörde aus vier männern beste-
hend), des glt die herschaft ze dem ersten dar den ersten (sie hat dabei
den ersten zu „präsentieren," dar zu gehen) ^ und nimpt der seih, die
gchursami nit, ein andern, ebenda s. 385, lässt denselben die bauer-
schaft nicht gelten. Auch bei der allein, als relativ: ein hanivartampt
sol och lihen ein prohst dem, der meijer und die gnoszen kiesen, s. 378,
aus Lucern und der ersten hälfte des 14. Jahrhunderts. Auch einer für
einen: item iveri dz, ein ivirt ivin hetti (von solcher art) das einer
hedüchti (dass er) einem tvimden man oder einem kranken mönschen
nit zu gehörti (nicht zuträglich wäre) ... s. 385. Es sind wol der bei-
spiele genug, dass niemand dies der u. dgl. m. für schreib- oder druck-
fehler halten wird; jene merkwürdige grammatische ersch einung von heute
ist damit bis in die mhd. zeit zurückversetzt. ^
Aber sie muss noch älter sein. Ein beispiel aus dem 12. Jahrhun-
dert bietet das von Jos. Haupt 1864 herausgegebene Hohe Lied: an disen
drin worhten mugin ir den vater unde den sun . . irchennen. wände
da wirf genemmet daz, houhet unde daz, golt da^ houhet daz, hezeche-
not der gewalt, daz, golt hezechenot den wistüm. 77, 30 (geivalt gott
der vater , tvtstuom gott der söhn , s. K. Köhler in der Germ. 8 , 25).
Damit tritt denn auch das fragliche der gouch in Lachmanns Wal-
ther 73, 31 in das rechte licht, das nicht vocativ sein kann:
1) Weinhold alem. Gramm, s. 4G0 fg. hat nichts davon.
2) In den vielen alemannischen weistümern des ersten baudes ist mir noch kein
beisi)iel aufgcstossen. Aber der umstand wäre als gegenbeweis nicht brauchbar. Denn
es sind spuren da (s. z. b. meine anmerk. zu 4, 21G), dass J. Grimm die texte dort
in solchen kleinigkciten zuweilen in der älteren gemütlichen weise behandelt hat,
stillschweigend bessernd. Mau muss das für philologischen gebrauch der texte wissen.
44-1 iur,j)i;uRAND
Mure müiiiens beide esel und der gouch
(jcharen v si enhi^yen sin;
wie die heidelborger liandschrift äai goach gibt, so ist auch der gouch
von dem Schreiber der pariser handsclirift als accusativ gemeint, den ja
der sinn verhingt. Dass diese der, einer bloss vereinzelt auftreten , mit-
ten zwischen riclitigeu accusativen, macht sie doppelt merkwürdig;
entweder waren sie damals wirklich erst im aufkommen und verbreiten
begrißen , oder die mundart lag beim Schreiber im kämpfe mit dem regel-
rechten hochdeutsch, wie noch jetzt bei gebildeten. Genauere beobach-
tung würde bestimmteres zu tage fördern.
Allein der närrische accusativ ist nicht einmal bloss alemannisch.
Man hört ihn auch in Köln. Ich habe von einem ohrenzeugen ein bei-
spiel, der dort kindern zusah, die einen frosch zu tode zu schlagen
beflissen waren und endlich oft widerholt riefen : jets gitt er der geist ufl
In dem köbiischen liede vom eiuzug der Franzosen im jähre 1794 (Sol-
tau bist, volksl. 569, Weyden köln. Volkslieder s. 4) kommt vor:
do han mer auch der dag erläv (erlebt),
dat mer dat geld met pap (kloister) gehläv;
sc ginge dornet wal ümer der Rein.
Auch in Aachen: ivic liee der herg reet hesog, wie er den borg recht
besah, op der herg, auf den berg, siehe Müller und Weitz, Aachener
mundart s. 274; mehr beispiele von dort in Frommauus mundarten 2,
546, darunter eins für den dativ, der ja im leben längst im accusativ
aufgegangen ist: en schref der här derselven dag , und schrieb dem bauer
denselben tag s. 545. Ebenda s. 556 ff. beispiele aus dem Elsass, wie:
dr gluzzer (schlucken), der i A«,
der winscJi i mim schätzle -n-ä ;
„unsere mundarten kennen keinen accusativ" A. Stöber ebeudas. s. 561.
Also oben und unten im Kheinlaude. Einer meiner bekannten aber will
es von einer Mainzerin gehört haben. (Frankfurt hat nichts davon).
"Weiteres aufmerken von solchen, die gelegenheit dazu haben, wäre zu
wünschen; denn die erscheiuung hat wert für die innere und äussere
geschichte unserer spräche im westen und für die geschichte der leben-
digen berührungen der stamme unter einander. Zunächst liegt darin
wahrscheinlich wieder einer der züge vor, in denen sich das gesammte
Kheingebiet bis in alte zeit zurück als ein ganzes für sich darstellt, in
dem quer durch die verschiedenartigsten grundstoffe hindurch das reiche
verkehrsieben Rhein ab Rhein auf eine art neuer einheit hergestellt hat,
bis in die schweizerischen Alpenthäler hinein.
Wie entstand aber diese grammatische ausartung? Eine triftige
antwort könnte nur das ergebuis einer sehr mühsamen geschichtlichen
EIN ßllEINISCHßE ACCUSATXV
445
Untersuchung sein. Aufs vermuten angewiesen denkt man zuerst wol an
französisclien einfluss ; dass wirklich auch in solchen grammatischen klci-
nigkeiten, die von hundert menschen kaum einer beachtet, eine wechsel-
Avirkung zwischen deutsch und französisch , ein zusammengehen beider in
ihrer entwickelung , und zwar durch den einfluss des lebens, nicht der
bücher, von jeher statt hatte, das ist durch thatsachen bezeugt (s. z. b.
Grimms wörterb. 5, 546) mid verdiente einmal eine gründliche darstel-
lung. Allein notwendig ist gerade hier der französische einfluss nicht.
Denn ganz ausser seinem bereiche, in niederdeutschen mundarten lebt
eine entsprechende ausartung, nach der man beim masc. umgekehrt den
accusativ mit für den nominativ braucht, auch das schon mnd. , wie
jenes alem. der schon mhd. (s. z. b. Lübl)ens Rein. Vos s. 236 und
s. XVIII). Beides sind äusserungen des allgemeinen und uralten stre-
bens, aus der überlieferten formenfülle, die dem rascher werdenden den-
ken und sprechen hinderlich ist, heraus zu grösserer einfachheit zu kom-
men. Liegt doch beim fem. und im plur. die einheit des nom. und
acc. schon seit Jahrhunderten , beim neutr. seit Jahrtausenden vor. Aber
der accusativ mit als nominativ gebraucht ist doch etwas weniger merk-
würdig (er ist ja auch z. b. französisch, englisch), als der nominativ
für accusativ und dativ. Letzteres sieht so schulmässig aus, wie von
den Schulbänken stammend , wo man das wort in der form des nominativs
sich einzuprägen angewiesen wird in folge alter Überlieferung, weil ihn
die griechischen grammatiker den andern casus vorangestellt haben als
den subjectscasus, der den einfachen satz anführt.
Der aufsatz war geschrieben , als sich gelegenheit fand , in dSr
nähe des betreffenden Sprachgebietes aus lebendigen quellen ergänzungen
zu schöpfen. In Würzburg in der deutschen abteilung der diesjährigen
philologenversamlung fiel mir ein, über die sache vorzutragen was ich
wüste, und nach weiterem zu fragen. Und da war denn genug leben-
dige künde glücklich beisammen, um das bild der sache zu einem leid-
lichen ganzen abzurunden. Sie ist wirklich im ganzen und grossen eine
eigenheit des gesamten Kheinlandes in dem erweiterten sinne, von den
Schweizerbergen bis hinunter zu den Niederlanden, diese eingeschlossen,
wie ich schon vermutet hatte.
Wenn fürs Elsass schon Stöbers zeugnis vorlag,^ so wüste für den
Breisgau Lexer^ aus Freiburg davon zu berichten, wie es z. b. bis in
1) Ein älteres zeugnis z. b. bei Keisersberg : der ()cifer sol man nit müschen
unäer das blüt Christi, postille 1 , 24''.
2) Vergönnen mir die herrcn, sie für ilire niiindliclien beitrage in derselben
lairzon form zu citiercn , wie es geschähe, wenn sie gedruckt mitgeteilt wären.
44(3 niLDEBBAND
soiu haus, zu seinen kiudern vorgedrungen sei. Für Würtemberg konnte
Holhuul die angäbe machen, dass da im Süden die erscheinung genau
bis zur gränze des Alemannischen reiche, darüber hinaus im Schwä-
bischen aber aufhöre.^ Für die Niederlande andererseits war De Vries
aus Leiden als zeuge da, dass dort in der lebenden spräche im masc. der
nomiuativ und accusativ gleich seien (de man) wie beim fem., obwol er zwei-
fei hegte, ob darin der nomiuativ und nicht vielmehr der accusativ zu
erkennen sei , da dort jedes schliessende n unbetonter silben beim sprechen
wegfalle , sodass auch den man im sprechen zu de man wird. Mir scheint,
der zweifei müsse sich geschichtlich erledigen lassen , ich meine aus einer
beobachtung des aufkommens der erscheinung; denn wie sie im Ober-
lande, um in der älteren spräche des Rheinlandes zu reden, bis in die
mhd. zeit zurück sich finden Hess, so wird sie auch im Niederlande in
frühere Jahrhunderte zurückgehn, sicher auch am Niederrhein. ^ Aus
dem flämischen sprachge])iete machte übrigens Heremans aus Gent die
angäbe, dass man da den noch erkennbaren accusativ des masc. mit als
nomiuativ brauche ; auch das ist aber dem übrigen Rheinlande nicht
fremd, davon nachher.
Noch aber fehlt der Mittelrhein, das bindegiied. Dafür lag nur
eine biiefliche mitteilung Riegers aus Darmstadt vor. Danach ist unser
rheinischer accusativ zwar nicht darmstädtisch, auch nicht wetterauisch
(nach den sprachproben bei Kehrein auch nicht rheingauisch) , blüht aber
an der Bergstrasse , im Odenwalde , auch weiter in Oberhessen , ist übri-
gens auch in Darmstadt bei den kindern selbst gebildeter häuser nicht
hintanzuhalten, eingeführt durch dienstboten aus den genannten gauen.
So zeigt sich denn doch am Mittelrhein eine lücke, aber mehr in der
ebene, als im berglande; sollte das von jeher so sein? oder ist die form
da nur ausgestorben? Dafür geht sie aber hier im berglande ziemlich
weit ins binnenland hinein, bis in die gegeud von Hersfeld, wie in
Würzburg bezeugt wurde. Man sagt in Oberhessen z. b. mach der kaf-
fee, hring mir der scJdüssel; aber auch das nicht ohne ausnahmen, denn
es heisst z. b. sets das ufn tisch (wie in Thüringen und weiter nach
Osten), aber merkwürdig wider bei betouung des artikels uf der tisch.
Man sieht, da ist noch viel zu beobachten, um der erscheinung nach
ihrer Verbreitung, ihren regeln und ihrem geschichtlichen Ursprünge auf
1) Genaueres nun bei Birlinger, die alem. spräche rechts des Eheins s. 153,
„die benachbarten Schwaben heissen das irrtümlich judeusprachc."
2) Mir steht vor der band nur eine spur davon zu geböte. In der pilgerfahrt
des Arnold v. Harif vom jähre 1496 (herausg. von Groote. Köln 1860) heisst es
s. 141 , 34 : vf dem Jwifjen altaer tzoynt (zeigt) man sent Thomas apostel rech-
ter arm.
EIN RHEINISCHER ACCÜSATIV 447
den gruud zu kommen. Die beobachtung würde aber zugleich der volks-
geschichte des westeus selbst zu gute kommen. Besonders auch die lücken,
die sich wahrscheinlich weiter finden , könnten wichtig Averden , um den
wegen, die die erscheinuug nahm, oder andern einflttssen auf die spur
zu kommen. Die einheit der sache im ganzen über das Rheinland hin-
unter wird durch die lücken schwerlich gestört werden. Geht doch eine
solche neugeschaffene einheit auch in andern lebensgebieten durch das
Rheinland , wie denn bei der besprechung in Würzburg prof. Dahn gele-
genheit nahm, aus dem rechtsleben anzuführen, dass sich im ehelichen
güterrechte eine art einheit im Rheüigebiete herausgebildet habe von oben
bis unten, also in einem ganz wichtigen stücke des häuslichen und
gemeiudelebens.
Zu dem accusativischen nominativ gibt es aber dort auch das
gegenstück, den masculinen accusativ als nominativ gebraucht, der mit
jenem sich kreuzt. Wie er aus dem Flämischen schon oben auftrat, so
hat ihn auch die Aachener mundart; bei Müller undWeitz, Aach. mund.
271, heisst es z. b. : (solche dinge) weess ich tvie enen Öcher jong, wie
irgend ein Aachener kind. Und die Luxemburger, denn Ganglers lexi-
con der Luxemb. Umgangssprache s. 107 gibt z. b. „dcsen, dieser, die-
ser hier," und s. 101 „dee\ vor einem vokal und vor d, h, t, z deeti,
derjenige, der wer," z. b. deoi et läng holt, dee' lesst et läng lienken,
wer lang hat lässt lang hängen. Aber auch der Mittelrhein, denn in
Darmstadt sagen dieselben kinder und dienstboten, die jenen nominativ
brauchen (z. b. wo ist mein stock? leih mir einmal deiner) — eben
auch z. b.: unsern vater , unsern herr ist ivider gekommen, oder: den.
mann, wo gestern da war, ist wider da; auch aus Oberhessen wurde
das bezeugt. Vielleicht geht das aber nicht weiter nach oben, denn es
schliesst sich geographisch au die gleiche erscheinung auf niederdeut-
schem gebiete an, die oben erwähnt wurde.
Überaus merkwürdig ist aber die gleichzeitigkeit der beiden gegen-
theiligen erscheinungen auf nieder- und mittelrheiniscliem boden. Man
sieht daran recht das tastende suchen des Sprachgefühls nach befreiung
aus dem unbequemen formenreichtum , und — dass das Rheinland der
älteste culturboden Deutschlands ist, wo die allgemeine bewegung sich
am weitesten vorgeschritten zeigt. Das kann wol zugleich eine tröstende
betrachtung für die väter und lehrer dort sein, die täglich ärger darüber
zu verschlucken haben. Das vereinsamte masculinum^ will durchaus auch
1) Auch beim fem. ist übrigens die herstelluiig der einheit mit dem nom. ver-
sucht worden , den man mit als acc. benutzte , z. b. in einem bairischen beichtspiegel
aus dem 13. Jahrhundert: da§ ich oft und dikk . . hon gesmekt und kort gut edeleu
speis, suses edeles trinken, suseu speis \\. s. w. Mono, schausp. des mi.tt. 2, 113.
■14S
IIU.UEHUAND
auf iloii fuss treten, auf dem seine gescliwister , das neutrum und fcini-
uinuni, schon lauge stellen. Denn auch im femininum und im ganzen
plural ist die gesuchte einheit in der Volkssprache längst hergestellt,
grundsätzlich wenigstens, wahrscheinlich durch ganz Deutschland. Der
grundsatz, der da durchzuführen erstrebt wird, ist der, für alle casus
mit die auszukommen , z. b. mit die leute hmn ich nicht aushommen,
hei die hitse Imuh ieJis nicJd aushalten; dergleichen sagt man in Sach-
sen wie in Preussen und in Baiern und glaub ich auch in der Schweiz,
obwol auch das seine Iticken und ausnahmen hat; man braucht z. b. in
Leipzig dies die fast nur im falle der betonung, sonst lieisst es meist
hein leiden und dergl. Ob aber der letztere fall nicht jenem nachfol-
gen wird?
An solchen grammatischen, kleinen und doch besonders wichtigen
dingen lässt sich übrigens recht sehen und empfinden, was das hoch-
deutsch ist — eine kunstsprache , die sich dem naturgesetzlichen zug
und ström des lebens entgegenstemmt, schon seit Jahrhunderten. Ganz
so stemmte sich einst das lateiu den volksmuudarten entgegen, vergeb-
lich, wie man weiss. Unser hochdeutsch wird geschichtlich jetzt etwa
auf dem punkte stehen, wo das latein im dritten Jahrhundert n. Chr.
stand. Aber es wird sich nie so vom boden weg in die luft drängen
lassen zu einer blossen stuben - und büchersprache , wie es dem latein
geschah : die lebensbedingungen der neuzeit sind ganz andere als die des
altertums waren.
LEIPZIG, OCTOBER 1868. R. HU.DEBRAND.
DIE BEDEUTUNG DER KRYPTA.
Was bei den kirchenbauteu des mittelalters die krypta , diese kirche
in und unter der kirche, für sinn und zweck gehabt habe, ist, so viel
ich weiss, noch nicht völlig glaubhaft ermittelt. Wenn zuerst, in der
altchristlichen zeit, ein unterirdischer räum mit christengräbern , beson-
ders mit märtyrergräbern , wie in den katakomben zu Rom, so hiess,
dann auch ein solches märtyrergrab unter dem altar einer darüber errich-
teten kirche, so ist doch nicht klar, warum man die krypta z. b. in
Deutschland fortführte und besonders in der romanischen stilperiode zu
einer ganzen kirche erweiterte. Angegeben werden zwar mehrerlei
zwecke , es ist aber keiner darunter , der volle Überzeugung zu erwecken
vermöchte; das habe ich kürzlich von einem manne vom fache selbst
ge Wissermassen amtlich aussprechen hören. Eben das gibt mir den mut,
DIE BEDEUTUNG DER KR^TTA 449
mit privatgedankcn darüber lierauszurückeu , die mir niclit aus fachstu-
dien, zu denen icli nicht die zeit habe, sondern bei der philologischen
beschäftigung mit dem leben unsrer vorfahren beiläufig gekommen- sind.
Ich will sie gleich auch so vorführen, wie sie mir eben gekommen sind,
dass sie sicli selbst rechtfertigen.
Als ich mit der bearbeitung des zweiten hunderts von Soltaus
historischen Volksliedern zu thun hatte, fiel mir in einem kirchlichen
streitliede aus Solothurn vom jähre 1533 auf, dass sich die katholischen
aus der pfarre des heiligen Ursus als dessen kinder bezeichnen:
sie sprachend: wir sind saut Ursen kmd,
die von den Lutcrischen verraten sind,
sin kilcli wend {wollen) wir behalten {behaupten). Soltau 2, 147.
Die reformierten wollten nämlich die kirche für sich Iiaben und refor-
mieren; dagegen sträubt sich das gefühl, so zu sagen das pfarrgefühl der
altgläubigen , und das sucht seinen ausdruck eben in dem ivir sind (und
bleiben) S. Ursen hinder ! Also der pfarrheilige war der herr und vater
seiner „pfarrkinder," ganz wie im ausserkirchlichen leben ein kleiner
landherr z. b. seine Untertanen als kinder anredete (Grimms Wb. 5, 721),
sie ihn als herr und vater ansahen; denn vater und herr war unserer
Vorzeit ein begriff", der söhn nannte seinen vater auch seinen herren
(Gudrun 611, 3), redete ilm herre rater an (Helmbrecht 1192). Jenes
kirchliche Verhältnis muss mit diesem weltlichen in den gedanken der
gläubigen vnrklich so zusammengeflossen sein, denn z. b. die „himmels-
königin" Maria wird im 1 7. Jahrhundert und noch jetzt in einem geist-
lichen volksliede aus Franken ausdrücklich zugleich als hcrzogin su
Franken gegrüsst, mit ausdrücken wie von einem weltlichen herscher:
0 himmlische frau königin,
durcli alle weit ein herscherin!
du {zugleich) hcrzogin zu Franken bist,
das herzogthum dein eigen ist u. s. w.
Ditfurth , fränk. Volkslieder 1 , 47.
Besonders die letzten worte machen deutlich genug, dass hier von mehr
als einem sogenannten poetischen bilde die rede ist, an das wir bei
unserer art der erziehung und ausbildung zu denken angemesen sind;
dass hier nicht die hübsche erfindung eines einzelnen dichters (d. h. stu-
bendichters) vorliegt, hinter der kein ernst ist, sondern die äusserung
einer tief und weit greifenden massenüberzeugung , ein stück Wirklichkeit.
Die Vorstellung des pfarrverhältnisses als einer kindschaft dem heiligen
gegenüber gilt übrigens noch in katholischen landen; im märz dieses
4r)0 IIILDEBRANl')
Jahres, als in Orleans die Verpflichtung der jungen leute zur neugegrün-
deten (lardr n/ohilc nach pfarreien statt hatte, unter grossem widerstre-
])en der hetroftenon, da zogen die aus der pfarrei S. Nicolas mit einem
trutzliede durch die Strassen, in dem es u. a. hiess:
I.a garde mobile n'aura pas
les onfauts de Saint Nicolas!
So hatte denn der heilige eine art lebendiges gemütliches Verhält-
nis zu seinen pfarrkindern wie zur ganzen pfarre. Den gläubigen Avar
er aber auch selber wirksam gegenwärtig, ja das erhöhte gefühl empfand
ihn gewiss wie lebendig gegenwärtig, vertreten durch seine gebeine oder
doch etwas von ihnen. Dort, unter dem hochaltar, lag ja sein leib,
seine seele aber stie^' für die gläubigen vom himmel nieder und erfüllte
gleichsam den heiligen räum. Wer die kirche betrat, kam zu ihm wie
zu gaste, und auch der verfolgte Verbrecher trat da aus dem rechts -
und gewaltkreis des weltlichen gerichts in die gewalt des heiligen über.^
Das ungefähr war mir in folge jener liedstelle deutlich geworden,
als ich bei Ebernand von Erfurt auf ein wort stiess , das mich von einer
neuen seite daran erinnerte. Er erzählt von einem dom und will seinen
heiligen namhaft macheu:
der furste iu himelriche,
der ist wirt über den tuom
(e^ ist ein erzebistuom) —
seute Micliahele,
der meister ist der sele,
dem ist die selbe kluft (eine höhlenkirche) gewiet.
Heinrich und Kunigunde 2763.
Das wirt über ... stellt den erzengel als herrn und eigner des doms
dar, der wol darin wie zu hause ist, aber doch für gewönlich eine noch
höhere andere wohnung hat; es ist wie mit einem weltlichen fürsten
und einer einzelnen seiner vielen bürgen. Aber ein kleinerer unter den
heiligen wohnt geradezu in seiner kirche, nur das kann in dem Imsivirt
ebenda v. 1127 liegen; es heisst von der heiligen Kunigunde, sie
1) Welche kluft scheidet diese gedanken unserer vorfahren von unseren , wenn
wir z. b. von Thoniaslcirche , Tliomaskirchhof, Nicolaikirche, Nicolaischule u. s. w.
reden! oder wenn jetzt noch für eine neue protestantische kirche der nanie eines
heiligen ausgewählt wird. Wenn freilich Viluiar in seinem Idiot, von Kurhessen
s. 219 einen artikel beginnt: Kör ein, einer von den heiligen, welche vorzugsweise
ihre namen zu fluchen und schwüren musten misbrauchen lassen , Sanct Quirinus —
so waren ihm die heiligen offenbar wider lebendig vorhanden; es gieng ihm eben
mit ihnen wie Schillern mit den eöttern Griechenlands.
DIE BEDEUTUNG DER KRYPTA 451
büte ein muuster wol getan,
dar wart sente Stephan
hüswirt der niertelere.
Also die Mrclie ist dem heiligen , was z. b. einem grafen seine bürg , sein
1ms, dessen wirt er ist (vgl. noch jetzt gottesJiaus) , die pfarrei aber ent-
spricht dem hörigen burggebiete mit seinen Insassen. Wo aber in der
Mrche wohnte der heilige? Die kirche gehörte ja zugleich der gläu-
bigen menge und den priestern an, ungefähr wie eine herrenburg zu-
gleich den mannen und Untertanen des herrn dienen muste.
Als ich nun die erwähnte äusserung von der Unsicherheit über die
krypta hörte, mit einer Schilderung der Naumburger krypta, und mir
aus allem der eindruck kam, dass die krypta gleichsam das allerheiligste
in der kirche sein müsse, da wüste ich auf einmal, wo der heilige seine
Wohnung hatte : eben in der krypta. Sie war dem hüsivirtc der kirche,
was einem herreu in seiner bürg seine besondern gemacher, seine Jcamere,
wie das hiess (vgl. hinimcr in Grimms Wb. 5, 112),^ wozu nicht jeder
aus der menge zutritt hatte, nur die vertrauten und nächsten diener,
d. i. dort die priester. Sie war in der kirche, als der innerste und
wichtigste räum derselben (ganz wie die Jcamere auf bürgen), und doch
zugleich halb getrennt davon für sich; aber wider in der vollen form
einer kirche, weil sie wol ursprünglich eben der Verehrung des heiligen
diente; zugleich aber in der form einer gruft, weil ja der heilige nun im
grabe lag. Denn da unten ruhte der heilige oder was von ihm übrig
war, in leiblicher anwesenheit. Der altar der krypta war wol ursprüng-
lich zugleich das grabmal des heiligen. So in Kom zu St. Peter, wie
z. b. Hermann von Fritzlar im 14. Jahrhundert erwähnt: sente Pefers
geheine und sente Paulus ligen undcr dem Itohcn alter sente Peters (der
kirche selbst) in der Mtift,^ vermuret under denie altäre (d, h. der
krypta), und da tar mman messe singen ivan der hähist aJleine. Myst. 1,
123. Der altarplatz der krypta ist nämlich meistens genau unter dem
hochaltar der kirche, sodass letzterer wie der Vertreter von jenem für
die menge erscheint, wie ihr wol die kirche selbst den heiligsten räum,
die krypta vertrat. In kirchen ohne krypta sind die reliquien des heili-
gen , so viel ich weiss , oft wenigstens in oder unter dem hochaltar der
kirche selbst niedergelegt. Baute man etwa krypten nur da, wo gleich
zu anfang von dem erwählten heiligen aucli die gebeine zur hand waren?
oder wo man doch sie zu erwerben hoffte? So würde sich erklären,
1) Ein vocab. des 15. jahrliuiulerts erklärt cripta als ein camer under der erde,
und is in den Icerken. Dieienbach nov. gloss. 120"^.
2) khift eine U7iiforniuiio- von crypta (vfic firuft ancli) , s. Orininis wb. 5, 1265.
452 K()TILKR
warum iliese gruftkirche nicht gcrado ein notwendiges stück eines kir-
i'lionbaues war. Hokannt ist übrigens, welche mühen und kosten man
aufwante, sell)st list nicht scheuend, um für eine kirchc die gebeine ihres
heiligen, oder, wo das nicht möglich war, doch etwas von ihm herbei-
zuschatten. Denn dies erst verbürgte den gläubigen die anwesenheit des
gewühlten scliutzheiligeu in der kirche und pfarre, und auf diese anwe-
senheit kam alles an. Daher erklärt sich wol auch mit die häufige dop-
pelheit, ja mehrheit derselben reliquien an mehreren orten. Der ursprüng-
liche gedanke von der notwendigkeit der reliquien muste ja ins gedränge
kommen durch das weit grössere bedürfnis darnach, er muste also not-
wendig so zu sagen abwege einschlagen. Aber noch jetzt gilt in katho-
lischen landen der grundsatz , dass für gründuug einer kirche wenigstens
irgend eine reliquie überhaupt, im hochaltar niedergelegt, unumgänglich
nötig ist; so wurde mir wenigstens im Bregenzerwalde von bauern ver-
sichert bei gelegenheit der einweihung einer kirche. Auch das ist nur
begreiflich als das letzte endchen gleichsam von dem oben entwickelten
gedankengange.
LEIPZIG. ß. HILDEBRAND.
CORNELIUS.
EINE ERGÄNZUNG ZUM DEUTSCHEN WÖRTERBUCHE.
An Rudolf Hildebrand in Leipzig.
Du fragst, lieber freund, im neuesten K-heft des deutschen Wör-
terbuchs im artikel korneile: „Hängt damit zusammen die merkwürdige
angäbe bei Rädlein 179": Cornelius im köpf, rappelköpfisch , martel
en tete?" Es ist Dir also ein eigentümlicher gebrauch des wortes Cor-
nelius entgangen, welcher im letzten viertel des 16. Jahrhunderts, wie
es scheint, aufgekommen, durch das ganze 17. Jahrhundert hindurchgeht
und, wie deine auführung aus Rädleins wörterbuche lehrt, bis ins 18.
Jahrhundert reicht. Wenn Dir dieser gebrauch entgangen ist, so wird
er gewis auch sehr vielen andern fachgenosseu unbekannt sein. Es sei
mir daher verstattet, Dir hier öffentlich mitzuteilen, was ich darüber —
zum grösten teil schon seit jähren — gelegentlich gesammelt habe.
Es gibt zwei lateinische komische disputationen , welche eigens de
Cornelio handeln. Die älteste mir bekannte datierte ausgäbe dereinen
disputatio befindet sich in den F a c e t i se F a c e t i a r u m , o. o. , 1627,
4",^ mit folgendem titel:
1) Künigl: l)ibliothek zu Berlin.
CORNELIUS 453
Disputatio de Cornclio Et Ejiisdem Natura ac Pro-
prietate. Cujus Positiones Sub Priesidio Anipliss. Famosiss. Clariss.
Spectatiss. et celeberrimi Yiri, Du, Vespasiaui Caridemi omnium faculta-
timi Doct. In illustri Gaudecapeusium Academia i)ublice proponit Zach^eus
Pertiuax Hierosolj'mitanus. Habebitur disputatio in coUegio medio ad
fontom Arethuste, quoties lubet,
Vincere enim et vinci prfefracti militis Usus.
IG [Holzschnitt: Vier Disputierende.] 27.
[Hinten ein Erhängter.]
Gremerstadj Apud Chrysippum Grillomaunum , sumptibus Lippoldi Olu-en-
krätzers.
In der späteren ausgäbe der Facetise Facetianim, Pathopoli,
1645, 12^,^ stellt ebenfalls die disputation, aber mit dem kurzen
titel: Disputatio de Cornelio et ejusdem Natura ac Pro-
prietät e. Sie findet sich ferner mit dem obigen ausführlichen titel in
den Nugse venales, o. o., 1642, 12«, s. 200 — 222.2
Aus den in dieser Disputatio aufgestellten 41 theses heben wir fol-
gende hervor. In thesis 11 heisst es: putamus Cornelium esse spirituni
corporeum , ex atra bilis copia conflatum , qui certis exacerbatus causis
hominem inquietat. Nach thesis 12 kömmt Cornelius her a grseco v.oqho,
id est, satio seu saturo, et vtjh/^g, id est, immisericors seu crudelis,
dicaturque Cornelius quasi •ao(jhoi' vijUiog, id est, crudeliter satians.
Testatum enim experientia fecit, eos qui hac peste onerantur, ita inhu-
maniter excipi, ut per unicum modo diem laborantes jam tum ceperit
Cornelii satietas. Schon vorher (th. 10) ist die ansieht der philosophi
verworfen, welche glauben, Cornelium esse nomen inane sine re, ortum
ex festivitate quapiara : cum enim in comico ludo quidani Cornelii nomine
Conscientife personam sustinuisset , isque ex scenis prodiens semper la?tum
inveutum, subinde digrediens tristem ac moerore plenum reliquisset,
abiisse has affectuum vices in proverbium , ut quoties quis solito moestior
esset, diceretur Cornelium habere.
Th. 14. Pro varietate autem temporum et locorum, persoiuirum,
item circumstantiarum aliam atque aliam matrem agnoscit Cornelius. In
1) Grossh. bibliothuk zu Weimar.
2) Grossh. bibliothek zu Weimar. Die k. bibliothek zu Berlin besitzt luuii
gefälliger mitteilung des hemi dr. J. Schrader eine ausgäbe der Nug;e venales, o o.,
Anno XXXTI, 12", 3 bogen, welche nur die fragen der Nugaj venales enthält. In
demselben bände aber befinden sich, ohne jähr, aber unzweifelhaft aus derselben ofti-
cin, also auch wol aus demselben jähr, mit besonderer paginierung, einige derjeni-
gen Schriften , die in den späteren ausgaben mit den Nugai venales vereinigt sind,
darunter mit dem ausführlichen titel die Disputatio de (!ornelio.
ZBITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIK. '30
4'A KÖHLER
his eniin est ex defectu pöcunicT: in aliis ex amore: in aliis ex crapula:
in aliis ex verberibus: in aliis ex chartis lusoriis: in aliis ex melanclio-
lici liumoris ebullitione etc.
Tli. 15. Sic nonnullos Cornelius invadit tempore matutino, cum
surgendum est, quo tempore etiam meditationes suscipi consueverunt de
soloecismo pridie per vinura commisso: quosdam vespertino tempore, cum
caupo se diutius potum daturum renuit: alios post meridiem, quando
amica in horto relicta ad urbem redeundum: alios media nocte, cum ad
caveam , seu ut Eomani loquuntur ad carcerem migrandum.
Th. 16. Pari ratione quidam in conclavi suo Cornelium sentiunt,
dum labores , libros , prasceptores , et id genus aliud nugarum iuveniunt,
nullos autem compotores aut confabulantes ; quidam in templo , dum con-
eio nimium protrahitur; quidam
Nach th. 17 ist auch gekränkte eitelkeit, nach th. 18 eine böse
trau (fumus in domo) , desgl. ein in uichtstun und liederlichkeit verbrach-
tes akademisches leben, nach th. 19 geiz Ursache des Cornelius.
In den folgenden thesen wird über die materia, die forma, ^ den
finis, das objectum, die effectus, die remedia des Cornelius und dann
noch über einige dubia gehandelt, denen sich noch 15 CoroUaria an-
schliesseu.
Die zweite thesensamlung de Cornelio oder vielmehr, wie der
Verfasser einer gemachten etymologie zu liebe schreibt: de Curnelio,
liegt mir in dem exemplar der k. bibliothek in Berlin vor, nachdem mich
herr dr. J. Schrader auf sie aufmerksam gemacht hat. Sie ist undatiert,
aber mit einer ausgäbe der Theses de Cochleatione vom jähre 1593 zu-
sammengeheftet und kann wol derselben zeit angehören. Der titel lau-
tet vollständig: Theses de Curnelio bestia crudeli et noxia.
f3ub Divi Harpocratis Prasidio. A Secundo Philosopho Silentij candi-
dato ad disceptandum propositse in celeberrima Pythagoreorum Acroasi.
Disputabuntur ad calend. Grsec. •; A $ ^ Typis Cornelij Taciti Typo-
graphi Pythagorsei. 4".
Das schriftchen wird mit einer widmung eröffnet, deren aufang
also lautet:
1) Bei dieser gelegeiiheit (tli. 21) heisst es : alii versaiitur qiiideni cum inor-
talibiis sed taciturni, cernui, morosi , quibus dici solet. eos calendaria compo-
nere, aut speculari in divinis, aut claves quserere, aut Cornelium habere, quo-
rum postremum prioribus tribus verius nos existimamus. Weiter unten (CoroUaria 2):
falsum est quod vulgus dieitur, nos habere Cornelium. Nos enim Cornelium
non habemus, sed Cornelius nos habet. Mehrfach werden die mit dem Cornelius
behafteten in der disputatio Corneliosi genannt.
CORNELIUS 455
Revorendo Patri
C. Mutio Trophouio Silesio, delecto Abbati atque Proesuli in
coeuobio Ordinis Silentis, Patrouo suo summe colendo.
S. D.
Crebro hacteuus agitatum inter bonannn disciplinarum studiosos
de Cnruelio sermone adagium est, paucis tameu medullitus , quo ad ori-
giuem , cognitum : Nonnulli enim de Cornelio illo Tacito , uou muto certe,
sed rerum scriptore eloquentissimo , deductiim censent. At quam errent
de toto scilicet coelo terrave, logicum illud axioma notatioui proprium
declarat graphice: Cui videlicet notatio non couveuit, eidem nee uomeu
convenire. Verität! igitur cousulturus liascce tliemata in medium pro-
ferre volui sub litterario iucude producenda etc.
Von den IG thesen hebe ich folgende aus:
I. Curnelius, de quo hie quaästio instituitur, bestia est tristis et
squalida , macilenta ac paliida , mortalium mentes vel casu aliquo immer-
gente sinistro, vel ex defectu pecunise, ve'l prava actione exagitans, curis
variis discutiendo.
IL Dictus putatur a nomine cura, coniunctione ne et graco verbo
Ivoj, quod solvo significat, y.ciT avriqQaaiv , hoc est, quis curam minime
solvens, sed subinde adaugens.
XII. Causa efficieus , praeter superius (I) enumeratas , est vinum
vel cerevisia , vesperi nonnihil largius pota , atque ad tales actiones impel-
lens, quaä in ipso quidem actu arrident atque placent, veruntamen mane
Curnelio in memoriam nos revocante atque exaggerante, vehementer dis-
plicent, unde a Germanis Rewel dicitur.
XIII. Materia ex qua est temeritas et incogitantia.
XIV. Materia in qua est mens humana.
XV. Cognata sunt tristitia, dolor, ira, poenitentia, pudor.
XVI. Pugnant cum liac teterrima bestia atque ex diametro adver-
sautur gaudium, la3titia.
Es folgen nocli di-ei Qusestiones und zum schluss die Kelegatio
Cornelii, worin es u. a. lieisst: Eam igitur ol) causam te Cornelium,
Pessimum quietis et gaudii pertubatorem matutinique soninii interrupto-
rem suavissimi, qui tot nobis molestias et dolores revocatione eorum in
mentem, qua3 per nocturnam compotationem gesta fuere, creas atque
infers, in perpetuum relegamus.
Ich lasse nun einige stellen aus lateinischen Schriften folgen,
in welchen dei' Cornelius oder iibleitungen davon gel(\geutlich vor-
kommen.
30*
450> KÖHLER
lu den T lies es de Hasione et liasibili qualitate, deren
erster theil wenigstens je<lentalls nucli dem letzten viertel des IG. Jahr-
hunderts angehört,^ lautet die 22. thesis des ersten theils:
Symptomata harum hasibilitatum sunt omnes his affines qualitates,
Cornelius, Ciglio, Eulenspigelius, Paul cave tibi, Papa de calvo
nionte,^ Claus stultus,^ oranis ignoraatia, superbia, amor, cochleatio,
helluatio, scurrilitas , impudentia, beanitas in uno plus, in altero minus.
Summa totus cursus cum avundine longa.*
In der 30, these des zweiten theiles werden unter mittein gegen
die hasibilitas augeführt: vexatio, tribulatio, explosio, Cornelizatio,
Pamphy.
In der Disputatio de Iure et Natura Pennalium^ lesen
wir in der 84. these: pacis public» turbatio, cuius po^na est Bannum,
quod parit multos et miserabiles Cornelios in cerebeUo.
In der Disputatio lus potandi breviter adumbrans,
Oenozythopoü 1626, (in den Facetia? Facetiarum, 1645, s. 56 ff.) heisst
es in der 60. conclusio von einem, der ein gelage bei sich gehalten hat:
surgens et musreum intrans videns omnia depopulata, Cornelium
suspirat maximum, introspiciens crumenam deprehendit eam vacuam.
Und weiter unten: Invento ex re consilio discutiuntur frontis ruga3 et
dissimulatur, quam vis adhuc aliquid segritudinis inhaereat, idque propter
Ij Vgl. meine ainiierkung zur kirnst über alle künste s. 233 f. Die theses —
und zwar beide theile — stehen auch in den Nuga' renales, 1642, s. 127 ff. und in
den Facetise Facetiarum, Pathopoli 1645, s. 511 ff.
2) Pfaff von Kahlenberg. Schon bei Murner in übertragener sprichwörtlicher
bedeutung. S. Gödeke Grundriss 1 , 116.
3) Claus Narr. S. Gödeke I, 421. Zu Ciglio und Paul cave tibi weiss ich
nichts erläuterndes zu bemerken.
4) ,,Mit der leimstange laufen," im 16. und 17. Jahrhundert gleichbedeutend
mit ,,ein geck, ein phantast sein." Vgl. z. b. herzog Julius Schauspiele 525, 651,
673 (wie leuft der kerl so sehr mit der leimstangn und keutzchen her), 675. Auch
neuere niederdeutsche Wörterbücher (Strodtmann Idioticon osnabruc. 126, bremisch -
niedersächsisches Wörterbuch III, 73, Dähnert plattd. Wörterbuch 278) kennen die
redensart. Vgl. auch Prutz, L. Holberg s. 299, anm. 44. In Wellers Annalen I, 350
ist eine 1594 zu Erfurt erschienene schrift „ Rennplatz der Haasen mit der Leimstan-
gen" verzeichnet. B. Armatus (d. i. J. Rist) fingiert in seiner „Rettung der edlen
teutschen Hauptsprache" (E VIU) einen herrn Liebhold von Hasewitz, herrn zur
Leimstangen, H. Reinhold (d. i. G. W. Sacer) in seiner schrift „Reime dich,*oder
ich fresse dich," Northausen 1673, s 78, einen Monsieur Charlatan Windsprecher,
Herrn zu Leimstangen. Auch die worte leimstenger und leimstengler kommen im
16. und 17. Jahrhundert für geck und narr vor.
5) In den Nugie venales, 1642, s. 166 ff. , in den Facetiie Facetiarum. 1645,
s. 305 ff.
coRNELirs 457
aliorum vexationes, quae solent esse certissimae , si quempiam videant
C 0 rn e 1 i z a n t e ni.
In Albevt Wichgre vilis im jähre 1600 geschriebener komödie
„Cornelius relegatus sive Comoedia nova festinssima depingens
vitam pseudostudiosorum " fragt der rector in der 5. scene des 2. actes
den Cornelius, der sich zur immatriculation meldet, nach seinem namen,
und sagt, als er hört, dass jener Cornelius heisst:
— illud nomeii liic clarissimum
a conscientia mala, tu roddito
illud felicius ut in omen exeat.
J. Sommer liat in seiner deutschen Übersetzung des Cornelius rele-
gatus (Magdeburg 1605) diese stelle so übersetzt:
Seht das ihr euch was guts befleist,
der namen ist zwar wol bckand
hier und im ganzen deutschen land,
und wird gemeinlich denen gebn,
die im bösen gewissen lebn.
Seht, halt euch also früh und spat,
das ihr es nicht seid mit der that.
Und hiermit gehen wir zu den übrigen mir bekannt gewordenen
stellen aus Schriften in deutscher spräche über. Ich beginne mit der
ältesten, halte mich aber dann nicht weiter an die Zeitfolge.
Lieben und nicht geliebt werden bringt den Cornelium Corne-
1 i 0 r u m.
Sätze von der leffelei sampt derselben eigenscliaften und unterschiedlichen
gattungen , davon ... zu disputiren gesinnet ist Süssemunda Schön.-
fleisch von Haneshause^i , o. o., 1593, 4^ [auch abgedruckt in Scheib-
les Schaltjahr IIl , 039 ff.] , satz XXXVI.
Endlich mus man auch betrachten die prognostica, zufclle und zeichen
dieser krankheit [der leffelei]., Prognostica seind diese , als
item, mitesser oder nebenleffler, wenn einer ein schön engclchen zum
bulen hat, den Cornelium halten, wenn einen ein finsterer und
schwartzer kobbclt zu geweist ist.
Sätze von der leffelei XXXIX.
Wie kompts, dass du so betrübt stehest? Hastu den Cornelium?
Ja, freilich hab ich den Cornelium, aber dcinenthalben dass du so
frech und wild bist.
Englische Comedien und Tragedien, o. o. , 1624, G ?y ''.
458
Er hai heftig den Com diu in und beklaget sich, dass er nichts
mehr gcldt hat.
Englische Comedien J vij ''. *
Ich habe gar einen Corneliuiii, nnd zwar gar einen grossen. Wolt
ihr wissen, wo er her kompt, hört ein wenig zu.
Englische Comedien Cc if.
So soltu wissen , dass ich dadurch den C o r u e I i u ni b e k o m m e n habe
und derhalben so störrisch für mich hin gieng.
Englische Comedien H ij '\
Meine äugen sahen jetzt rot nnd triefend aus wie eines achtzigjährigen
weibes, das den Cornclium hat.
Simplicissimus ^ hgg. v. Keller I, 563, v. Kurz /, 380.
Als er nun siht, er sei betrogen,
kömpt Cornelius eingezogen,
ist [nemlich: er, der bctrogne] der bekiünmerniss ganz voll.
Olorinus Tragoedia von gescJuvinder toeilerlist ., in Hollands ausgäbe
der Schauspiele des Herzogs Heinrich Julius s. 561.
Diess geschähe nun zum öftern , bis endlich mein beutel ziemlich abzuneh-
men begunte, und Herr Cornelius sich anfieng bei mir einzu-
finden. Wie mir aber nie kein traurcn das herz abgestosscu, so
war es auch dazumals mit mir bewand.
Simplicissimus , hgg. v. Keller II, 1032, Kurz II, 297.
Fürwar dieses muss einen treflich sanft ankonnnen, wann mau also ohne
arbeit kan reich werden und zwar so plötzlich ; aber wenn man auch biss-
weilen eine gute summe geldes verlieret, ja wol gar naMvend zu hause
geht, so muss denn auch Herr Cornelius redlich furnieren.
Rist Das friedeivünschende Teutschland , hgg. v. SchJetterer ., s. 53.
Ein solcher [alter mann], mit dieser marterhafteu seuche [d. i. einer
jungen buhlerischen frau] behaftet, wann er seines zustandes gedenken
höret, da ist dominus Cornelius geschäftig, machet in seinem
gehirn wunderseltzame possen.
Herrlicher Triumph-Wagen s. 39 [„Herrl. Tr.^^ ist der columnmtitel
eines im besitz der grossh. bibliothek zu Weimar befindlichen titellosen,
mit hupfern gezierten bikhleins in 12^ , jedenfalls aus dem 1!7 . Jahrhun-
dert , loorin die hanreischaft in versen und prosa behandelt ist.]
Es niüstc dann gar ein sauer -topf und ungesaltzener stocklisch sein, der
ohne unterlass in dem C o r u e 1 i o s t u d i r t e.
Simplicissimiis , hgg. v. Keller I, 202.
Emplastrum Cornelianum, heilpflaster auf die melancholische wunden und
Cornelius stich, durch Huldericuni Theandrum , 1605. 8", augeführt in
CORNELIUS 459
G. Draudins Bibliotheca librorum germaniconim classica p. 623. Vgl.
Gödeke Grundriss I, 431, iir. 32.
Drei croditoren kommen zu haiif
und seiner kleidcr ihn spolirn,
das macht 4lni ret'lit Cornelisirn.
J. Sommer im deutschen arcjimientiun des 4. actes seines deidschen.
„Cornelius relegaius.''''
Gelobet sein die himlischen unsterblichen göttcr all in gemein, dass mein
Cornclisiren ein ende und mir an dessen stat freude
Englische Comedien Hh iiij.
Cornelius ist nach allem mitgeteilten also gleichbedeutend mit
übler laune, unmut, Verstimmung, ganz besonders auch so\äel wie reue,
schäm, gewissensbisse. Er schliesst zugleich alles ein, was wir heutzu-
tage mit katzenjammer bezeichnen, sowol den physischen als den mora-
lischen.
Wie aber der name Cornelius zu dieser bedeutung gekommen
ist, darüber wüste ich — ausser der von dem Verfasser der theses de
Curnelio abgewiesenen herleitung vom Cornelius Tacitus — keine Ver-
mutung aufzustellen.
WEIMAE, MÄRZ 1869. REINHOLD KÖHLER.
EIN SCHLECHTES TÜCHLEIN SEIN.
Es ist ein stehender zug unsrer oberdeutschen gesindeordnung, dass
sich die dienstboten zu ihrem jahreslohn und dem auf Weihnachten und
Ostern üblichen trinkgelde auch ein leinenhemde und ein paar schuhe
einbedingen dürfen. Diese dreingabe trifft zusammen mit dem jährlich
widerholten geschenke des pathen an sein pathenkiud; mögen nun die
gaben modisch noch so sehr schwanken, so besteht das pathengeschenk
bei der taufe immerhin noch im westerhemde oder im taufmäntelchen
fort, und schliesslich bei der confirmation im communionshemde. In
Franken nennt die volksrede das pathengeschenk „ pathenhosen. " Es
sind dies die letzten Überreste aus der von dem geld- und lohnsystem
der gegenwart ganz verschiedenen cameralistischen praxis unserer ahnen,
deren haushält in frieden und krieg, in kirche, schule und familie auf
naturalbezüge gegründet war. Wie die Avebende hausfrau des Germanen
ihre dienstleute zu kleiden hatte und im mittelalter der fürst den Vasal-
len bei feierlichkeiten hofkleider austeilen liess, so erstreckte sich der-
460 ROCHHOLZ
selbe brauch iiaclimals auf alle dieiier und läte eines liofes und gab
hier, seitdem die färbe des kleides dem fürstlichen wappen gemäss gewählt
wurde, den ontstehungsgrund 7.u den hoflivreen und soldatenuniformen.
Und gleichwie der soldat seine montur „fasst," so drückt auch das
französische livree die gewöhnliche ablieferung aus. Wissenschaftliche
Corporation en machten hievon keineswegs eine ausnähme. Die Wiener
universitäts - Statuten vom jähre 138 t) bestimmen bei erteilung der juri-
dischen doctorwürde, der doctorand habe dem präses bei der disputation
14 eilen tuch, die eile zu 2 gülden zu geben, dem pedell 6 eilen ä
1 gülden. Kaumer, gesch. der pädagogik 4, 28. Unter den taxen eines
Juristen aus der Ostschweiz zu anfang des 14. Jahrhunderts, mitgeteilt
von P. Morell im German. anzeiger 1865, nr. 12 sind diese hosen bereits
mitberechnet: item D. Nicolaus de Ezjingen 1 par caligarum. Dieser
Esslinger Nikolaus scheint noch dazu eins zu sein mit dem l)ekannten
Nikolaus von Wile von Bremgarten im Aargau, dem Verfasser der Trans-
lationen. Nachfolgende mitteilungen , fast durchweg aus oberdeutschen
quellen geschöpft, liefern den nach weis, dass in dem bürgerlichen leben
unsrer vorzeit das linnen- und wollentuch als besoldungsquote gedient
hat, dass es hierauf die üblichste prämiengabe wurde bei Wettrennen,
Schützenfesten und schulprüfungeu , und in foim einer örtlichen schul-
stiftung auch jetzt noch fortbestehend, das sprichwörtliche sittenprädicat
erklären hilft: „ein schlechtes tüchlein sein."
Beginnen wir mit den von der obrigkeit verabreichten ehrenge-
schenken, um von ihnen auf die festgaben und prämien überzugehen.
Vom rat der stadt Basel wird dem dortigen schultheissen Cuntz für
seine arbeiten in der gesetzesredaction „von der nüwen gesatzt wegen"
1 pfund 5 Schilling gegeben für ein paar hosen. Basel im XIV. Jahr-
hundert, s. 99. Wir erfahren hier den damaligen preis des tuches; Avie
viel eilen aber zu einer knapp auf die lendeu geschnittenen kniehose
gehörte, dies erhellt aus Satzung 10 der wollenweberordnung der mark-
grafschaft Baden vom jähre 1486, abgedruckt in Mones oberrheinischer
zeitschr. 9 , 149 : „ YecjUch rot oder grün ende (Tuches) soll heJialten
(messen) ^ivo ein minder ein fiertel einer ein uf den scJieertisch , damit
das eim yeglichen gemeynen mann tiss siveien ein ein par Jiossen möge
iverden." Der armbruster, den die stadt Kheinfeldeu hielt zur ausbes-
serung der waffen der armbrustschützen, war im jähre 1430 meister
Peter; sein gehalt bestand in 5 gülden, freier wolmung und von zwei
bis drei jähren in einem neuen rock. Hans von Küdlingen, ein ähn-
licher zeugmeister der stadt, trat in dienst des markgrafen Wilhelm
von Hochberg um jälirlich 20 fi. nebst einem solchen hofrock „als der
graf pflegt den andern sinen dieneren und knechten zu geben."' C. Schrö-
EIN SCHLECHTES TÜCHLEIN SEIN 461
ter, Die scliützeugesellschaft in Rlieinfelden. Als 1533 die Aarauer
Jünglinge die liistorie der Liicretia vor vielen aus den nachbarstädten her-
beigekommenen gasten s]nelten , schenkte der Stadtrat demjenigen , der
den gaugelmanu (platznarr) gespielt , ein paar hosen. Ölhafen , Aarau.
Chronik. Das alte ratsbuch der stadt Brugg, genannt das rote, besagt
bd. 2, fol. 351 folgendes wörtlich: „1567 vff Zinstag 3 Jtini liat Con-
rat Wyss der iveyhel (ratsdiener) MHHerren gehätten, jme sinen rock
ze nikveren, dann das mg sye verschinen (abgeschossen). Und so uil
den roch antrifft, sind 3IHHn. giitivillig gesijn. Als er aher ein paar
Hossen yets dar zu hegert, hand sy jm yetzmal oucli nit abgeschlagen,
doch derwil solichs hisshar nit im hriich gsyn, ^vellend sy oiich nit daran
gebunden syn." Jeder vom stifte Muri auf eine pfarre neugesetzte leut-
priester muss jedem der drei hofdiener des stiftes ein paar hosen geben,
laut artikel vom jähre 1572. Aargau. Beitr. 501. Die zehen orte (kan-
tone), als obrigkeit der altgrafschaft Thurgau und ihrer drei städte,
verfügen dass laut vertrag von 1555 ihren amtleuten und landgerichts-
knechteu je zu zwei jähren einem jeden tuch zu einem rock gebüre ; item
dem nachrichter, wenn er einen menschen zum tode richtet, gehört für
strick und handschuhe 5 Schilling und ebenfalls tuch zu einem rocke.
Handschriftliche samlung der Aargauer histor. gesellsch. bd. 37 , „Thur-
geuw" s. 117 und 119. Von der jährlichen neuwahl der obrigkeit zu
Luzern berichtet J. Simmler (regiment der eidgenossensch. 1722, s. 511)
folgenden brauch. An beiden sanct Johannistagen, wo die bürgerschaft
ihre schultheissen samt raten wählte, ernannte ebenso die jüngere
bürgerschaft denjenigen zu ihrem ammann, der im laufenden jähre den
lächerlichsten streich gemacht hatte. Ein solcher hat weder sitz noch
stimme im rate, wird aber bei obrigkeitlichen festanlässen und mahl-
zeiten gleich einem ratsherrn gehalten und ausgezeichnet. Bei seiner
wähl lässt er das ammanns])rod unter das volk auswerfen und zehrpfen-
nige auf die zunftstuben vertheilen; dagegen erhält er von der stadt
einen rock und von jedem im laufenden jähre sich verheiratenden orts-
bürger ein paar hosen.
Die gewohnheit, kleidungsstücke zu obrigkeitlichen schützengaben
zu bestimmen, ist weit älter als der gebrauch der feuerwaffen. Dies
beweist ein Zürcher ratsbeschluss , 30. juui 1673: von den 21 paar
Hosen und 28 Wammis , so bisher die Bogenschützen auf dem
Lindoijiof verhurziveilet , sollen den Musketen- und Stückschützen nun-
mehr je 7 Hosen und 8 Wammis zugetheilt sein, „in Ansehung dass
das Schiessen mit Stucken und I)oj)pdmusketcn zu diesen Zeiten höchst
notwendig." Seit 1659 wurden der städtischen scliützenzunft daselbst
jährlich ausgeteilt 61 stück tuch, jedes zu einem paar hosen, und
462 ROCIIHOLZ
52 stück barclicnt, jedes fünf eilen lajig, zu einem wamsel. Die Züricher
seckelanitsrechnung vom j"3hrß 1795 verausgabte 12,608 pfund an die bücli-
sen- und armbrustscliützeu auf der landscliaft und verzeichnet noch die
600 stück barchent dazu, die das seckelamt jährlich zur Verteilung bedurfte.
Zürcher neujahrsblatt der feuerwerker 1851, 38. Auf dem Züricher
freischiessen von 1465 waren folgende preise ausgeboten: Ein halbschwar-
zes tuch von Arras, drei eilen rot lündisches tuch (von Lund), ein
halb schwarz schürlitztuch , eine eile grün welschtuch , drei eilen schwar-
zer Herrentaler (Brabant), eine eile lündisches weisstuch, sechzehn eilen
weisser scherter (schettcr, steifleiuwand). Solothurner Wochenblatt 1845,
s. 144. Die Kheinfelduer vorhin erwähnte Schützenordnung lässt um die
herrengabe schiessen, bestehend in barchent und schürlitztuch zu fünf
eilen: „Welichcr den harchet einmol gewinnt, sol jn dasselbig jor nit
mer geivinnen." Die stahlbrust- und büchsenschützen der reichsstadt
Esslingen, deren Zunftordnung 1537 erneuert ist, schiessen „um der her-
ren barchent und ein paar hosen.'.' Pfaflf, gesch. der reichsst. Esslingen,
136. Ein paar hosen ist der preis in der Schützenordnung von Würz-
burg von 1470, und ebenso zu Elsass - Zabern von 1479, Mone, ober-
rhein. zeitschr. 6, 189. Die thalleute von Engelberg in Unterwaiden
lassen 1580 das gesuch an die tagsatzung gelangen, jedes der drei
schirmorte möchte ihrer schützenzunft drei paar hosen zu verschiessen
geben. Eidgenössische abschiede bd. lY, abth. 2 , s. 1449. Heute noch
tragen in den Urkantonen die für Schützenfeste bestimmten geldgaben
ihren von diesem preistuche herstammenden namen. Da der beste schuss
mit ein paar hosen , der zweitbeste mit einem wams belohnt wurde , so
heisst der erste preisschütze in üri der hosenmann , der zAveite der wam-
mismann. Noch 1854 setzte der landrat des kantons Uri fest, dass
die hosengelder an die schiessstände der gemeinden nicht mehr wie
bisher von dem betreffenden bezirke, sondern vom kanten zu bezahlen
seien. Und im kanten Zug , wo die landesregierung statt des hosentuches
nachmals schützeuwein austeilen Hess, entstand der eigentümliche name
hosenwein. Im Berner Oberlande galt ebenso der name schürlitzgeld.
Dorten hatte die regierung seit 1616 das geschenk an schürlitztuch in
geld verwandelt, wobei die hose imi 2^2 krönen, das stück schürlitz-
tuch um 2 krönen 14 batzen veranschlagt wurde. Eodt, Berner kriegs-
wesen (1833) 2, 95. Trafen benachbarte landschaften auf den anbe-
raumten tag zusammen zu kämpf- und Avettspielen , zum ringen und
steinstosen, wobei dann auch die weiber und knaben thätigen anteil
nahmen, so versteht es sich von selbst, dass nur uaturalprämieu zur
Verteilung kamen: käse, liunen, schafe. Vom schwinget, das die Ober-
länder bezirke des Frutigen- und Haslithales im sechzehnten jahrhun-
EIN SCHLECHTES TÜCHLEIN SEIN 463
derte feierten, sagt das gleichzeitige Volkslied in meiner eidgenössischen
liederchronik (Bern 1835, s. 410):
Nun weud ihr aber losen,
Was sie ausgeben band?
Vier paar leinige hosen
Gab das Fruttigerland.
Dies führt uns auf den ausdruck , ums tuch laufen , wie noch ein fang-
spiel bei unsrer kinderweit genannt ist. Der österreichische dichter Sei-
fried Helbling (in Haupts zeitschr. 4 , 84) redet III , vers 35 gieichnis-
weise vom wettläufer und berechtigt damit den schluss, dass das Wett-
rennen nach einem preis - Scharlach nicht erst, wie man sonst angenom-
men, unter Albrecht III. 1382, sondern schon neunzig jähre früher unter
Albrecht 1: in Oesterreich üblich gewesen ist. Damit aber hört es zugleich
auf, ein aus Italien entlehntes spiel zu sein , weil hier erst papst Paul IL
(Pietro Barbo, ein Venezianer) es war, der das friedensjahr 1468 damit
begieng, dass er den Römern zuerst die Corso - rennspiele zum besten
gab und um die sogenannten pallii rennen liess, um teppiche und Sei-
denstoffe. An jedem der acht caruevalstage liefen damals abwechselnd
pferde, esel, büffel, greise, Jünglinge, kinder, zuletzt die Juden Eoms.
Letztere musten von jener zeit an alljährlich den wettlauf zum römi-
schen carneval allein übernehmen. Zwar ist dorten jetzt nur noch das
Pferderennen mode, doch auch heute noch leisten die Juden am ersten
fasnachtstage auf dem capitol die huldigung, indem sie die pallien für
die römischen rennpferde überreichen, damit erinnernd, dass an ihrer
stelle nun die pferde das römische volk belustigen. Die stadt Nördlin-
gen liess sonst während der jährlichen messe auf der dortigen reichs-
wiese von der Rieser - bevölkerung ein Wettrennen um den Scharlach
abhalten, wobei sich namentlich die weiber beteiligten, während die män-
ner turnierten. Sebastian Münster in seiner cosmographey , Basel 1567,
giebt s. 846 eine abbildung davon , und Ph. Ulharts chronika von Augs-
burg, gedruckt 1538, verzeichnet zum jähre 1442 darüber folgendes:
„Dcsselbigen jars, In der Mcss zu NörcUingen, dieiveil man vnib den
Scharlach randt, da hdt sich gerüst Ansshehn von Eyhtrg mit sihen-
hundert pferdten, nid tvolten alles volcJc aiiffhehcn vnd himvcg füren,
vnd kam auff die keysenvisen. aber das rennen tvas schon für vnd das
volck tvas fast vergangen" Fischart gedenkt dieser volkssitte öfters, so
im Gargantua 51: „Noch vil minder vergass die lieh Grandgnrgel die
ordenliche kirchiveihen , die messfug, die jarmärkt; da lindiert er, kel-
heriert er, dorfariert er, kegelt, sprang umb die hosen, jagt nnd> den
harchat" Ebenso sagt er im bienenkorb (ausgäbe von Eiselein 2, cap. 18):
464 ROfHHOLZ
Nun hin, (1((ss dir chorscJiiiler komiihcii ini4 tapfer um den hnrchent
singen. Verwante stellen aus Baldes deutschen gedichten sind in Schmel-
lers l)air. Wörterbuch angeführt. Der Zürcher ('. Murer stellt in seinem
poetischen hilderwerlce Emhlcuutta (Zürich 16l'2) im IX. hilde drei kna-
i»en dar, die zu dritt iliren ahlauf von einer am hoden liegenden stange
nehmen gogen das ziel, das unter fernen bäumen ein drehljalkeu ist,
an welchem das preistuch herab hängt. Diese sitte ist unsern schäfern
in Franken und Schwaben verblieben. In Markgröningen wird zu Bar-
tholomäi der schäferlauf, in Urach am Annentag der schäfersprung abge-
halten. Ledige mädchen und bursche laufen barfuss über ein Stoppel-
feld, an dessen ende der preishammel bekränzt in einer zeine steht, in
welche die ans ziel kommenden läufer hinein springen müssen. Der
Stadtpfleger ist dabei zu pferde und zieht, sobald der lauf beginnen
soll, ein rotes tuch aus der tasche. Meier, SchAväbische sagen 2,
s. 437.
Schliesslich kommen wir zu der in Basel noch üblichen Verteilung
des Schülertuches. In dieser stadt sind Stiftungen zur bekleidung der
armen schon vor dem grossen erdbeben nachweisbar, das hier 1356 am
Lukastage den 18. Oktober losbrach und kaum hundert häuser unbeschä-
digt Hess. Der rat ordnete sodann eine alljährlich auf diesen tag abzu-
haltende prozession an, wobei alle angesehenen bürger in grauen rocken
zu erscheinen hatten, die man darauf an die armen verschenkte. Sie
hiessen Lukasröcke oder das Luxentuch. Hieraus entwickelte sich eine
besondere Stiftung, aus welcher bis jetzt gegen 280 stadtarme alljähr-
lich auf Lukastag neugekleidet werden. Zur zeit der kirchenreform
gestattete man sich einen theil der Stiftung zu gunsten der schulen zu
verwenden uud so wurde mit dem 17. Jahrhundert die Verteilung des
luxentuches an arme schüler üblich. Hiefür besteht nun ein eigner fond,
fiscus vestiendorum , der auf 12,000 francs alter Währung angewachsen
ist. Aus den Zinsen und dem almosen, welches noch immer am gedächt-
nistage eingesammelt wird, kleidet man die dürftigen des gymnasiums,
der realschule und der vier elementarschulen. Die zahl der jährlich hie-
durch gekleideten soll sich bis auf tausend belaufen. Sind die in den
kirchen eingesammelten beigaben hinreichend, so erhalten die kinder ein
ganzes, sonst nur ein halbes kleid, unfieissige und ungesittete sind aus-
geschlossen. Bei der austeilung haben sie in ihren älteren kleidern zu
erscheinen. Burkhardt, der kantou Basel 1 , s. 7. Der Basler gymna-
sial- und realschul -katalog vom jähre 1846 berichtet s. 37: „Leider
konnte das tuch nicht allen schülern, welche sich gemeldet, verabfolgt
und manchem muste es auf besseruug zurückgelegt werden. Wegen all
zu grossen unfleisses und schlechten betragens konn\;e es 21 schülern
EIN SCHLECHTES TÜCHLEIN SEIN 465
gar nicht gegeben werden/' Hier sind also die misratenen schüler, die
eigentlichen liederlichen tüchlein, in directeu Zusammenhang gebracht
mit dem grauen prämientuche.
Wicherns Rauhes haus zu Bremen soll seinen namen von einem
angeblichen erbauer oder besitzer Rüge ableiten und aus Ruges haus in
ein rauhes haus entstellt worden sein. War der Lukasrock zu Basel
ursprünglich jenes graue grobe tuch, nach welchem der arme fahrende
im mittelalter der bruder Graurock und Graumann hiess; sind die kna-
ben des Berner Waisenhauses auch jetzt noch conform grau gekleidet;
wie ja auch die sage vom schlichten graurock, worin Odin umherwan-
dert , und die legende von unseres herrn unscheinbarem gräwen roc berich-
tet; so lässt sich aus dem namen des rauhen hauses wol ein ähnlicher
schluss ziehen. Das Hamburger Waisenhaus kleidet seine kiuder blau,
weshalb ein fürst von der Hamburger mildthätigkeit zu sagen pflegte:
diese kinder sind der stadt blaue garde. Antiquarius des Eibstromes
1741, 751.
AAEAU. E. L. ROCHHOLZ.
ZWEI NIEDERLÄNDISCHE LIEDER
ADS DEM JAHRE 1593.
Die nachfolgenden beiden lieder sind einem fliegenden blatte ent-
nommen, welches sich im hiesigen archive gefunden hat. Das erste ist
ein trinklied voll soldatenhumors , das zweite bericlitet von kriegerischen
ereignissen des Jahres 1593.
Graf Wilhelm von Nassau , der niederländische Statthalter in Fries-
land, machte damals einen versuch Groningerland den Spaniern zu ent-
reissen. Ohne zweifei von Koevorden her drang er durch das Wester-
woldingerland vor, dessen hauptfestung Wedde sich am 11. August ihm
ergab. Auch Wiuschoten im Groninger oldamte und sogar Slochtern im
Duirswolde fielen bald nachher in seine band. So meldet das lied, wel-
ches die bürger von Groningen aufruft, mönche und pfaflfen zu verjagen.
AberVerdugo, der spanisclie Statthalter, behauptete sich. Erst im som-
mer des nächsten jahres 1594 gelang es dem grafen Moriz von Nassau,
dem ruhmreichen vetter des grafen Wilhelm, die stadt Groningen zu
erobern , und aufs neue die ganze provinz mit den freien Niederlanden
zu vereinigen.
An der orthograpliie des fliegenden blattes ist liicn- durcliaus niclits
geändert. Ob nicht der text des ersten liedes hin und wider (z. b. heb-
4G(.J
LEVEKKUS
hcn (jchrcle für liouäen van gehreJcen) einer kleinen correctur bedürfe,
überlasse ich anderen zu entscheiden.
OLDENBURG, IM FEBRUAR 1868. W. LEVEUKUS.
Eeu uieu clucliticli fraey Liedekeii van
Wy syn een sober Bciide,
Wy hebbcn pant iiocli gelt,
Wy comou vau broocls ende ^
AI üuer Bysterveldt.
Ous Brieuen buuden van gebreken,
Om dat wy bet wercken \\ie\\,
Wy vieren die gantse weke.
Wy sullen niet bedyen,
Dat seggen ons de Lien.
Wy syn Jan t acbters Rinderen,
Wy en bebben gbeen tribuyt.
Die dus baer goetken minderen,
Die willen nae siute Reyn uyt.
Daer isser veele vooren,
Wy sullen volgben naer.
Gby suiter noch nieer affbooren,
Leeft gby noch seuen Jaer,
Dat seggbe ick v voorwaer.
Lact ons met blyden Geeste
Die Pot boudeu by der bandt.
Weerdiune tapt ons teerste,
En scbi-jit bet an de wandt.
AI syn wy wat verdoruen,
Wy en sjti noch niet verdwaeb,
Waer ons goet tboe verstoruen,
Cales beiule, Op die wjse alst begiut.
So wordt gby wel betaelt.
In dien dat niet eu faelt.
Wy en willen noeb niet trueren,
Op dat ons faleu sal.
Daer vallen veel auontueren.
Wie dat betalen sal.
Wil ons die weerdt niet borgben,
So weeten wy daer toe raet,
Wy drincken dan tot morgben,
AI spreeckt die Vrouwe quaet,
Wy naeyen onsen naet.
Laet die weerdinne sorgben,
Die ons gbehuldicb is.
Men sieter niemandt verworgben,
Om dat by sclmldicb is.
Haelt ons een volle Cruycke !
Wy en drincken niet eeu baer,
Wy drincken by den buycke
Het geldt gbelyck hier naer
Oft ouer hondert Jaer.
Laet ons al int gbemeyne
Bidden den goeden Sant,
Dat by ons a\11 verleenen
Syn Imlp en syn bystandt.
1) Der witz reisender gesellen und fuhrleute hat manchen wh-tshäusern au
der landstrasse vor alters einen eigennamen geschöpft, der bis heute gebliehen ist.
Öfter widerkehrende nameu dieser art sind im nördlichen Deutschland Kriipin (Ivriech
hinein), Krupunder (kriech hinunter) , Stocerfc/er (halte noch einmal) , Natlorst (uach-
durst) und andere. Schon im jähre 1018 wird im Hildesheimischen Brodesende genannt,
ein noch beute unter dem namen „Brodesender krug'- oder „ Brosender krug " bekann-
tes Wirtshaus im kirchspiel Lamspringe; s. Förstemann, namenbuch n. 297 und
1615. Der name ladet ein, den leeren reisesack wider mit brod zu füllen. Anders
freiUch verwendet ihn unser duchtich liedeken, etwa so als ob der ort geheissen
hätte — mit einem sehr o-ewöhnlichen wirtshausnamen — Letztenheller.
ZWEI NIEDERLANDISCHE LIEDER
467
Wy waeren naeckt ghebortni,
Wy sehe}' den naeckt von hier,
Wy en waren noyt te voren,
AI syn wy nu by stier.
Weerdinne haelt ons een bier!
Wy biddcn ousen beere
AI door syn gratie soet,
Dat by syn Jonste keere
Op sinte Reyniiyts bloet,
En dat by sie verliebte
Met duysent Nobeb_'n roodt.
Wandt die dit Liedeken dichte,
Certeyn, by baddes noodt.
Van gelde so was by bloodt.
Prince : ^
Gby Princelycke Geesten,
Die geerne drinckt en poydt.
Die minsten met den meesten
AI syt gby wel beroyt.
Wilt altydt triunipberen
Op sinte Reynuyts dach.
Want Calis moet fioreren
Ende blyuen by tgbelacb.
So lang als byt vermach.
FINIS.
Een nieu Liedeken vau die Beleg-heringe ende het Innenien van dat Huys tho
Wedde, ende Avat meer iu (xi-oning-herlandt is g-hebeurt. Op die wyse: 0 Heer
wanneer sal eoomeii, eenuen Peys ende vreede liiei* na.
Hoort toe ende belpt my singen
Mit lusten een niew Liedt,
Van t gene dat kortelingen
In Groninger landt is gheschiet,
En noch daegelycx voorwaer,
Twelck men siet voor Oogen ciaer,
In dit dryentneghentichste Jaer.
Graeff Willem van Nassouwe,
Een Crychshelt wel gbemoet,
Mit syn Crycbslieden gbotrouwe,
Ruyters en Soldaten vroedt,
En veel Heeren cloeck int verstandt,
Is ghecomen seer triuinpbant,
Mit gheweldt in Gronigerlandt.
Seer sterck syn sy ghecomen
Voor wedde al in dat Veldt,
Ende hebben sonder schromen
Haer Gheschut daer voor gbesteldt.
Men liet haer vraghen metter daet,
Oft sy wenden met cort beraet
Haer opgeuen al in ghenaedt.
„Maer ist dat gby wilt streuen
Met wreueligen moet,
So halt sonder sneuen
V costen Lyff ende goet.
Want ons Gesehnt staet ghelaen,
Sehieten w'y cenen scheut daer aen,
Seer qualycken salt v ouerghaen."
Tot s morgens tc negen vren
In Augusti den elfften dach
So badden sy baere eueren,
Oft sy wenden met verdrach
1) Der hier redend eiiigelülirte jn-iiiz ist offenbar der jirinz (oder graf) Wilhelm
von Nassau - Oranien , derselbe welcher im vorhergehenden verse onse lieer genannt
wird. Die sänger des liedes also, mite JRcymiyts hloet , sind seine landsknechte.
Der letzte vers wurde natürlich mir von einem einzelnen gesungen , in dramatischer
weise.
4G8
Dat Ifuys tlio wvMc wcl bekandt
OpuliciuMi in Nassouwos liandt.
Twflok is een sloutel van dat Landt.
Maer doon sy lu-hbcn vcnionuni,
Wat haer was tlioc bercydt,
Begonden sy to schronien,
Ende on hobbent nict verbcydt.
Thot negen uyr was liaer besot,
Maer Jan Papaw die wist wel bet,
Sy en haddeu geen lust an dat bancket.
Sy hebbent op gliegouen
In Angusti den elfften dach,
Doen s morgens de Clock sloecb seuen,
AI sonder schoot oft slach.
Als Campionen onversaecM
Hebben sy Lyif ende goet ghewaecbt.
Zy en hebben daer niet nagevraecht.
Dus syn sy daer äff ghetogben,
Met goede seer onbelaen,
Also men daer sach voor Ooghen,
Mosten sy nae Groninglien säen,
Ende daer met ghew-eerder bandt,
Den Vyandt oock doen wederstandt,
Voor Groningen die Stadt playsant.
Doen dit hebben vernomen
De Soldaten in winschotcn cloeck,
Begonden sy te schromen,
Dat sy veesten van angst in de broeck.
Doen smeerden sy oock seer net
Haer schoenen wel met Haese vet,
Om dat sy souden loopen des te bet.
Zy syn daer oock wt gheweken
AI op den seinen dach,
Ende nae Groningen ghestreken,
Zy en maeckten gheen verdrach.
Sy waeren haer seinen seer ghetrouw,
Plunderdt'n t'winschot man en vrouw,
Ende vreesden graeff Willem van nas-
souw.
Dees tydinghe is oock gheconicn
Tot Slochtern also ras,
Dat wedde was in ghenomen,
Ende winschoten verloopen was.
Doen worden sy cleyn ende groot
Met angst bevreest en grooter noot.
Want sy verwachten ooc den seinen '
stoot.
Seer corts na wej-nich daghen
Zyn sy glietogen voordt
Na Slochtern, hoort myn gewagen.
Verdugo was seer gliestoordt,
En is mit. syai Crychsluyden säen
Op Slochtern ghetogben aen,
Om die Geusen altsamen te verslaen.
Maer doen hy is ghecomen
By Slochtern oft daer ontrent,
Heeft hy onraet vernomen,
Ende heeft weder ghewendt
AI na die Stadt met snellen yl.
Want geen beter wapen voor een pyl
Dan een Borstweer van een myl.
Doen ginck Nassouwes volc stellen
Haer Gesehnt voor Slochtern ras,
Om die Kercke neder te vollen,
Daer die Vyandt sterck in was.
Maer sy gauen met flaeuwen moet
Slochteren in Nassouwes belioet,
Ende naemen Pasi)ort ouder de voet.
Dus syn nu de beste Schanssen
Int gantse Groninger landt
Met noch meer verloopen canssen
AI in Nassouwes handt.
Noch sullen sy worden metter tydt
Den Pas op die Boertange quydt,
Hoe seer dat ghy Nassouw benydt.
Waerom Avilt ghy hem baten
Die V so seer bemindt?
Want het is tot uwer baten,
ZWEI NIEDERLANDISCHE LIEDER
469
Als gliy dit recht versindt.
Want men siet wel in schynender daet,
Dat gants v Laudt te niete gaet,
AUeene deur uwor Papeu raet.
0 Groningen, ghy sclioone stede,
De Perrel al in Yrieslandt,
Hoe niaeckt ghy dus veel onvrede
Ende verderft v schoone Landt?
Denckt ghy niet, dattet Godt verdriet,
Dat sulcken quaet door v gescliiet,
Des Landts weluaert brcngt tc nietV
Ghy Burghers int ghemeyne,
Die binnen Groninghen syt,
Ick rade v groot en cleyne,
Maeckt v Monicken en Papen (juyt,
En siet v eyghen weluaert aen,
Ghelyck v Nabueren, wilt verstaen.
Want het moet int eynde syn gf daen.
En laetet v niet beswaeren,
0 Groninghen seer net,
AI ist V al ontuaeren
Daer ghy om hebbet ghewedt.
Fortuyne gheeft nu solck eenen keer,
Daerom raed ick, en wedt niet meer
Met Nassonw die goede Heer.
Wedde heeft hy nu ghewonnen,
Daer ghy v op verliet.
Haddet ghy v wel versonnen,
Dit en waere v niet gheschiet.
Doet noch nae vwer Vrienden sin,
En dat om v eyghen ghewin.
So laet Nassouw comen in.
So meught ghy noch fioreren.
Als V Nabiieren fyn.
In neringhe triompheren,
En V Landt ghebruyckende syn.
Neempt Exempel vroech en laet
An HoUandt en Vrieslandt dehcaet,
Hoe Godt almachtich haer bystaet.
Oorloff ghy Princen reyne,
Ghy Heeren triumphandt,
Crychslieden alleghemeyne
Hier in dit Nederlandt,
Vreest Godt den Heer tot aller stont,
En biddet hem wt horten grondt,
Dat hy Nassouwe spaer ghesondt.
ANCELMUS SCAL DE PASSIO HETEN.
Vgl. 0. Schade, geistliche gedichte des XIV. und XV. jarlmuderts vom Niderrhein.
S. 237 fgg.
Durch die zuvorkommende freuuMlichkeit des lierrn oberbiblioiliekavs
dr. Merzdorf bin ich mit einer auf der oklenburg-ischeu bibliothek befind-
lichen liandschrift in niederdeutscher spräche bekannt g-evsrorden, welche,
auf papier geschrieben (2( » bl. 8.) , denselben Inhalt mit dem von Schade
nach einem alten drucke lierausgegebenen gedichte „Anseimus hoich"
hat. Und zwar hat sie nicht blos denselben Inhalt, sondern sie ist mit
gröster Wahrscheinlichkeit das original; der druck ist meiner meinung-
nach nur eine Übersetzung aus dem Niederdeutsclien in das Niedeirhei-
nische. Dies ist erstens aus den reimen ersiclitlicli. Die uno-enauio-kei-
ten des reinies, welche die niederrheinische fassuug bietet, sind in der
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE l'HILOLOGIK.
31
470
niederdeutsclieii liaiulsclirift völlig
sächlichste neben einander:
Druck.
3. 495. gewiien : befe^en
34. niei : hericM
41. wi%en : geleden
84. guede : voi%e
217. wiste : hoirste
2 AI. 697. grifen : sleiven
261. vur : oir
309. ghein : zien
670. irre : sere
689. genießen : heilen
837. gereichen : stechen
857. gehueren : hoeren
875. leloifen : droppen
1063. mirhen : kirchen
1083. zo en : hein
verschwunden. Icli stelle das haupt-
Handschrift.
wetten : bcfefen
nicht : Bericht
wetten : befeten
ghoyde : voete
wüste : brüste
grepen : ßepen
vore : ore
neyn : teyn
ere : sere
neten : heten
reken : stehen
boren : hören
belopen : dropen
merken : Icerken
tein : bein
lopen : ropen
1163. gelaufen : roifen
Oder es ist im druck durch die wähl eines anderen ausdrucks eine
Unreinheit entstanden, während in der h^ndschrift alles in Ordnung ist.
So z. b. hat der druck 945: ind he heisch in allen vergeven |j want ß
niet en wisten, wat ße deden. Die handschrift: He hat, daf he one
wolde vorgeuen || Se en tvisten nicht, wat dat fe dretien. Der druck 1121:
dat ivir Jefus moegen hegraven [| Sin moder is stvairlich dair umh
hedragen. Die handschrift: Dat tue Jhesuni grauen moten ! Sin schone
moter wel vorwoten. Der druck v. 237: Bie joeden quamcn dae her
getreden \\ mit fakelen mit colven und mit (werden. Die handschrift:
dit moste sin || Dattu mi scoldest aldiis vorraden \\ De jodden quemen
her getvaden || mit luden vnde mit fcharjien fperen ] Min sone sprah:
.wene soJce gi heren. Der Übersetzer scheint in den beiden letzten bei-
spielen einigen Wörtern, weil sie am Mederrhein nicht in gebrauch
waren oder vielleicht anfiengen zu veralten, aus dem wege gegangen zu
sein, eine erscheinung, die sich auch noch an andern stellen zeigt und
für die Originalität des niederdeutschen beweist. So vermeidet er z. b.
cleinlik (tener) handschrift: min leve föne [j De was so cleinlik
vnde so schone. Der druck: 510 der da was so licht und so schoin;
ferner 472: tiodute! als weheruf : Tyodute vnde ivaphen \ wu jamer-
liken Ustu gescapen! (Fehlt ganz im druck); ferner deger. 664: Ik
wil mi degher dar na prisen. Der druck: so wil ich vort an dich
prisen. 1227: Dit fcoltn vil degher fcriven. Der druck: Dit faltu vil
ganz in din herze schriven; ferner gral. 635: Do repen de jodden
altomale \\ Mit einem mycheliken grale. Der druck: mit eime gemeinen
ANCELMUS SCAL DE PASSIO HETEN
471
schal. Ferner rügende. 782: Bo Pilatus dat vornam || dat al dat
Volk rügende quam. Der druck: dat dat volJc gelaufen quam u. a.
Zuweilen fehlen im druck einige verse oder sie sind so umgeän-
dert, dass der sinn oder das nietrum wesentlich darunter leidet. Durch
gegenüberstellung wird dies am besten in die äugen springen.
Druck.
37. Anseimus viel neder up die erde,
al levende fpraich hei defe rede.
48. die ewangelisten Jiaint ouch hefchre-
ven
alle vier (ich dat hegein)
ahomail loat fi haut gefein.,
fi fint geioest zo und an.
dair umh soe enwei?, ich ghein man^
der mir die wairheit moege sagen.
das dair umb leitet hier einen ganz
falschen schluss ein.
107. Maria, wat fprach din son do he
diz wort
van fent Peter hadde gehoirt?
241. ich hin hie!
soe halde als he dai hadde gefprai-
chen, vielen si
neder zo dem mail zo der erden.
Min fon sprach zo dem derden mail
soecM ir mich, fo lai^ min jwn-
geren gaen.
624. He hadde so groi%e dinge gevraeget,
hedde in min son des hericht.,
so en were he gedoedet nicht,
he weulde umh des minschen willen
die rede gerne stillen.
722. eine kröne hadden si gemacht ran
dorne ;
als fi in wail hadden geslagen mit
J'tangen,
tmd die druckde fi em doe in sin
Wangen.
Dass Christo die dornenkrone auf
die wango gedrückt wurde, ist doch
gegen die heilige geschichte.
Handschrift.
Ancelmus de vel vp de Jene.,
Eme was wol unde eme was we,
Eme was leue unde eme was lede,
Vil weinende sprah he deffe rede.
De ewangelisten hehhet ge screven
Malle wat he hat geseyn^
Mer se en draghen nicht ouer ein,
Se hehhet gewefen to vnde van,
Dar vmme so en iveit ilc neinen man etc.
hier hat das
berechtigung.
dar umme seine volle
Maria, wat sprah vnfe Jiere
Do fe vor salceden aldus fere
Vnd do he disse groten word
Van funte Peter hadde gehör d?
Se sprah: ih hin it, do v eilen fe
Iwige vp de erden dale.
Min sone sprali to dem dridden male,
Sohe gi mi, so vat mi an
Vnde lotet mine jungheren ghan.
So en were he ge dodet tiicht,
So en hedden fe ome neine not
to dreuen,
So loere de mynsche vor loren
hleuen,
He wolde dor des mynschen loillen etc.
Eine cronen maheden se van dorne,
Do fe one hadden ser geslaghen,
De dnccheden fe ome want an fin hra-
ghe n.
31*
472
745. — doedet in na wen ewen,
Jo geJ'eJniit uch tir wille even.
ICHS gefeze verhuit uns, fprechen
die joeden,
dat wir nieman Jollen doeden.
7 07. doe sich Pilatus der gewalt vermoet
in dej'en reden proeven ick goit.
800. sie 7iamen an der selver stunde
einen man der droich vur dat cruize.
ind doe worpen in die hindere,
do was nianiche vrouiv weinende fere.
842. du l'alt ouch vurwair wi%efi,
dat eme Jcrachden alle Jin lenden,
och zohi^en eme die zende
die zonge in finem munde.
Hatte Christus mehi- leiiden als an-
dere menschen?
865. van der wunde dat hloit ran
längs dat cruize und woulde up die
erde gain.
872. des waren min cleider van Meide roit
ind die zo voren toi^ tcaren.
(ich fagen dir dat zwarenj
jemerlich was icli heloifen
van fines hiligen hlodes drofpen.
Dodet one na jiiwer E.
Altohant do repen se:
JVei/n, de JE vorhut vns joden,
Dat loe nemende moten doden.
Do sik Pilatus des vor niat.,
An diffen reden ilc prove dat etc.
Se nenien an der fuluen ftunde
Eine^i man de droch dat crufe vore,
De kinder worpen one m it höre
Itlike vroiveti de loeindm sere.
Ome knalceden alle fine fenen.
OTc toletten ome de tenen
Sin tunghe an dem mvnde.
Vt finen wunden quam dat blot
Entlangh dat crufe nedder vleten
Vnde wolde etc.
Do worden mine cleider rot
De vore hadden wit ge wefen,
We mi an sach, deme mochte
grejen ,
So jamerliken -was ik be lopen
Mit etc.
Ich könnte noch mehreres der art anführen, aher dies mag als
probe genügen ; sie wird für die behauptete Originalität der niederdeut-
schen handschrift nicht ungünstig ausgefallen sein. Indem ich nocli hin-
zufüge, dass die eingestreuten paränesen (173 — 17(3. 251 — 54. 521-24.
587~-590. 647 — G50. 911 — 914. 1105 — 1110.) so wie das ende
1235 — 1242 dem Übersetzer vom Niederrhein angehören, dass v. 733
statt gerucM die handschrift richte, 968 statt genoit, das sinnlos ist,
die handschrift vot (= vodet , genährt) hat, und 401 statt Peter die
handschrift richtiger Maria Magdalene setzt , schliesse ich diese notizen
mit der widergabe eines im drucke fehlenden grossen Stückes am ende
des gedichtes.
Anseimus fragt 1195. Hastu jenge not hefeten,
Do me one graf, dat loolde ik xvetten.
Darauf antwortet Maria nach der handschrift so:
Ancelme^ dat fcoltu vor stan,
De grote not de jtüt noch an.
Do fe one grauen wolden,
Ik l'prak: ik weide one heholden,
ANCELBIUS SCAL DE PASSIO HETEN
473
Jk weide dot bi ome hliuen,
Se fcolden mi dar er vntUuen,
Er he worde mi ge nonmi^
He en vjere mi so nicht ane komen.
Do iohes dit vor nam,
Vil drade he to mi quam.
He sprak : maria , ik bidde di,
Datht ivillest staden mi,
Bat ik graue mineti heren,
We motten leider sin vnberen,
Du weist it vele bat wan ich,
Dat he suluen icolde sich
In diffem daghe laten doden
lämerliken van den jodden.
Ok loestu, dat he wel up ftan
Vn wel vns nicht vor derve lan.
Dar vme fo lat on an de erde
Grauen, dat he vns nicht ge nome werde.
Maria, nv ivolde ik fin be rieht
Twidestu iohes icht?
Ich antworde vp fine rede,
Ik fprak: wes deistu mi dus lede,
Johannes, lat de rede bliuen
Vn lat mi mine kvmber driuen
Du most mi wol mit vrede lan,
Mi is doch en noch to lede dan.
De jügere qaeme alle here
Vn beden mi so rechte sere
Dat ik to lesten orlof gaf^
Hier beginnt auch der druck
OLDENBUECt, JULI 1
Dat fe one legheden an dat graf.
Do he an dem graue lach,
Ik vor dar to ome vn sprach:
Gi here , latet jv ir barmen
Vn grauet mi vil armen
Bi min kint , des dot mi not,
Ik sterue doch van ruwen dot.
Do dit do was ouer langh^
Se togheil mi do an mine dangh
Vä dem graue ane were.
Do weinde ik so rechte sere,
Se worpen ome den ftein vp fin Uf
Do weinde ik vn fprak : ik arme wif,
Latet mi noch eines one fein,
Er de ynichelike stein
Werde vp min kint gelecht.
Ander wa/rue leip ik echt
Vp dat graf, do en sach ich nicht
It was leider al berich.
Maria iw berichte 7ni,
JVu langhe bleuestu dar bi.,
Dar din föne grauen wart,
Vorteghestu siner mit der va/rt?
Ancelme , höre , wu ik dede.
Ik gingh ligghen vp de ftede
Dar min sone vnder lach,
Vil Jämerliken dat ik sptrach :
Gi heren., ik bidde iv alghemeine etc.
wider.
A. LÜBBEN.
ZUR TEXTKRITIK DES LUDWIGSLIEDES.
In meiner besprechung der neuesten ausgäbe von Pischons leitfaden
zur geschichte der deutschen litteratur habe ich bei erwähnung des Lud-
wigsliedes (oben s. 247) bemerkt : „ In der litteraturangabe zum Ludwigs-
liede wäre ... die Verweisung auf den druck in Lachmauns spedmina
linguae francicae wol schon deshalb nicht überflüssig, weil Lachmann
dort bereits statt der grammatisch anstössigen und deshalb verdächtigen,
und bei Müllenhoff- Scherer wol nur aus versehen ohne anmerkung auf-
genommenen lesart jah in v. 55 aus dem verlesenen Sab der editio
princeps durch feine emendation die unanstössige form gab, gewon-
nen hat."
474. ZACHER
Grund und zweck dieser bemerkung beruhen in den textgeschicht-
liclien thatsaclien, mit welchen es, soweit sie lüerfür in betracht kom-
men, folgende bewandnis hat.
Die erste ausgäbe des Ludwigsliedes, text, lateinische Übersetzung
und lateinischen commentar auf 72 quartseiten befassend, lieferte Schil-
ter zu Strasburg 1G06. Den text nebst einer beigefügten summarischen
lateinischen Übersetzung hatte sich Schilter abgeschrieben aus einer
abschrift, welche der lüneburgische rat von Eyben um das jähr 1689 als
ein geschenk Mabillons aus Frankreich mitgebracht hatte. Mabillon aber
hatte das lied aufgefunden in einer handschrift der abtei Elno oder St.
Amand, wie er selbst berichtet Annal. ord. S. Benedict! 3, 229: ,,Beperi
olim in codice Elnonensi germaniciim rythmum antiquum Ludodco regi
Francorum victori Nortmannorum acclamatum." Nun war zwar Mabil-
lon, dem wir ja die begründung der wissenschaftlichen urkundenlehre
und handschriftenkunde verdanken, vielleicht der beste handschriftenken-
ner seiner zeit, so dass man voraussetzen darf, er selbst werde unmit-
telbar aus der handschrift eine verhältnismässig genaue und fehlerfreie
abschrift angefertigt haben : allein bei dem widerholten durchgange durch
mehrere aufeinanderfolgende abschriften hatte sein text arge Verderbnisse
erfahren. Deshalb sandte Schilter 1692 eine abschrift des textes nebst
einer von ihm angefertigten lateinischen Übersetzung an Mabillon, mit
dem ersuchen, ihm eine coUation dieser abschrift mit der handschrift
selbst, oder wenigstens mit der ursprünglichen Mabillonschen abschrift
zu verschaflen. Im nächsten jähre erhielt er darauf den bescheid, in
folge eines erdbebens sei das deckengewölbe der bibliothek in St. Amand
eingestürzt und die bibliothek dermassen m Unordnung geraten , dass der
bibliothekar die betreffende handschrift noch nicht habe widerauffinden
und also auch die collation nicht habe ausführen können. So blieb denn
Schilter auf seine sehr mangelhafte abschrift beschränkt, deren fehler,
soweit er sie erkannte, er zwar bei der herausgäbe mit redlichstem
bemühen zu verbessern suchte, was ihm jedoch nach dem damaligen
stände germanistischer kenntnis nur in beschränktem masse gelingen
konnte.
Durch 117 jähre begnügte man sicli mit dem Schilterschen texte.
Schilter selbst widerholte den text samt den lateinischen anmerkungen
und dem lateinischen conmientare 1727 in seiner zweiten ausgäbe im
zweiten bände seines Thesaurus. Sogar Mabillon gab nicht den text
seiner eigenen m-sprünglichen abschrift, sondern beschränkte sich darauf,
1706 im dritten bände seiner Annales ordinis S. Benedicti (s. 684—686,
vgl. s. 229) den text und die lateinische Übersetzung Schilters zu wider-
holen, wobei noch ein paar druckfehler unterliefen. Und noch an ver-
ZUR TEXTKRITIK DKS LUDWIGSLIEDES 475
scMedenen orten erschienen Widerabdrücke oder Übersetzungen des Schil-
terscben textes, von denen in der Hallischen litteraturzeitung 1839
nr. 52 einige aufgezählt werden.
Die uns hier zunächst angehende stelle lautet im Schilterschen
texte :
Gilohet sl tlila Godes kraft,
Hludwig uuarth sighaft.
Sag allin Heiligon tlianc.
Sin toarth ther sigikamf.
Zu sag aber ist im commentare bemerkt: „Sic enim legendum iwo
eo quod scriptum SahJ'
Die erste durchgreifende textesverbesserung unternahm Do cen, und
veröffentlichte sie in einer zwei octavblätter befassenden, nicht in den
buchhandel gekommenen und deshalb sehr seltenen einzelausgabe , Mün-
chen 1813. Diese ausgäbe macht den wohlthuenden eindruck einer gereif-
ten arbeit, bekmidet durchweg den gründlichen kenner und besonne-
nen kritiker, und verdient, dass sie nicht in Vergessenheit gerate, son-
dern in ehrendem andenken erhalten werde. Die Docenschen textverbes-
serungen waren nicht nur sehr zahlreich, sondern trafen auch das rich-
tige meist so glücklich, dass sie später durch die wideraufgefundene
handschrift bestätigt wurden. Abgesehen von der herstellung alter sprach-
formen und von blos orthographischem erfuhren solche bestätigung die
folgenden nach der reihenfolge der langverse aufgezählten Docenschen
Verbesserungen, denen ich jedesmal die entsprechende fehlerhafte lesung
des Schilterschen textes in klammern beifüge : 1 her (Jierr) , 3 sar (sehr),
9 geendot (geendist), god (god i^J, 11 her (der), se (sie), 22 her (herr),
29 thie sin (thesin), 30 Quadim al (Quad: Hin cd), 33 Joli — gebod
(doh — genod), 38 hinavarth (hina 'imartli), (Ji)er giwalt (giuuaht),
44 lang — Northman (lango — Northmamwn), 50 vaht (raht), 54
we (h)in (uuehinj. Die uns zunächst angehenden verse lauten in Docens
texte :
Gilohet si thiu godes kraß!
lÜudvuig vuarth sighaft;
Sag (?) allin heiligon thanc.
Sin cnarth ther sigi- kämpf.
Docen hat also die Sclültersche conjectur sag durch ein beigefügtes
fragezeichen beanstandet , ohne jedoch etwas anderes an ihre stelle zu
setzen.
Zwölf jähre nach Docen gab Lachmann eine recension des Lud-
wigsliedes auf s. 15 — 17 seiner. Specimina linguae francicae, BeroL 1825.
Die Docenschen Verbesserungen nahm er gröstenteils auf, und fügte
■i7f> ZACHER
dazu noch eine wertvolle nachlese neuer, eigener, vortreflicher verbes-
sorunn'eii , -welche obeiifnlls meist durch die später wider aufgefundene
haudschrill bestätigt Avurdcn. Solche Lachmannsche Verbesserungen sind:
3 h'uo^ 0>oß), 20 Icidhcr des hufdd i^ (leid her thes ingaldiz, mit der
Übersetzung: permisit hcuic fi/ndiiiideiii), 34 gefuhti (gefurtl) , 43 tvär
crrcdiclwu (iiuarer rahehon). Die uns zunächst beschäftigenden verse
lauten im Lachmannscheu texte:
gilohct si thiu godes Jiraft; Hliidwig ivarth sighaft,
Gab allin heiligön thaue; sin tvartli tlier sigiTicmipf.
Lachmann verwarf also die Schiltersche conjectur sag, und bildete, dem
richtigen und fruchtbaren grundsatze seiner methodischen kritik mit
gewohnter strenge nachkommend, eine eigene neue conjectur gah, die
sich so genau als irgend möglich an dasjenige anschloss, was nach
angäbe der Schilterschen anmerkung die handschrift selbst darbieten sollte,
an das similose Sah.
Im jähre 1830 nahm H. Ho ff mann von Falle r sieben das
Ludwigslied in den ersten theil seiner „Fundgruben"' auf, und zwar gab
er auf s. 6 und 8 den „urkundlichen text,'' d. h. den des Schilterschen
druckes, auf den gegenüberstehenden selten 7 und 9 einen „hergestell-
ten text." In diesem „hergestellten texte" behielt er die Verbesserun-
gen Docens und Lachmauns gröstenteils bei, an einigen stellen jedoch
kehrte er zum Schilterschen texte zurück: 1 herro ßerr), 11 sie (sie),
20 leid her thes , (her) ingaldiz, (leid her flies ingahliz). Neue Verbes-
serungen oder Vermutungen bietet dieser Hoffmaunsche „hergestellte
text" nicht dar, weder eigne noch fremde, so Avie er überhaupt nichts
enthält, was nicht aus einer der drei genannten quellen. Schilter, Docen,
Lachnianu, geschöpft wäre. Es sagt zwar Willems, Elnonensia (1837)
s. 12: „M. Hoff'mann de Fallerslehen , avant cTavoir retrouve le texte
original, avait restitiie, lignc 29, the sin heidodun pour thesin
Ijeidodun, ligne 38 , her gi u ualt, pour g i ii ti a h t ; aber diese ))eiden
Verbesserungen finden sich, wie wir eben sahen, schon 1813 in der
Docenschen ausgäbe , und sind folglich nicht Hoffmanns , sondern Docens
eigentum.
Die uns zunächst beschäftigenden verse lauten in Hoffmanns „her-
gestelltem texte":
Gelohet si thiu godes kraft! hluduuig uuarth fighaft.
fag alliu Jieiligon thane! [in miarth ther figilwmf.
Hoffmann hat also die Lachmannsche conjectur gah ver-
worfen und ist hier ebenfalls zu der Schilterschen conjectur sag zu-
rückgekehrt.
ZÜK TEXTKKITIK DES LUDWIGSLIEDES 477
Nim darf man aber nicht übersehen, vielmehr muss als ein für
die textffeschichte und für die kritik des 56. verses bedeutsamer umstand
hervorgehoben werden, dass auf s. 345 desselben bandes der Hoft'manu-
schen Fundgruben sich folgende „berichtigungen" finden:
„7, 20. [d. i. V. 20] lies: Jeidher! tJief ingaldis,.
9, 46. [d. i. V. 45] gode loh fageta her ßt tJws her gercda (obschon
sich kein ähnlicher satz im Hede findet, wo die zum verbum der
einen reimzeile gehörige person in die folgende zeile hinüber gezo-
gen wird).
9, 58. [d. i. V. 56] iah allin heiligon thanc, fin uuarth Hier ßgiJcamf,
Jo dar dbur hluduuig Jcuning uuas falig — "
Die erste dieser drei „berichtigungen" findet sich, wie wir gese-
hen haben, schon im Lachmaunschen texte von 1825, ist also Lach-
manns eigentum. Die zweite (v. 45. sU ., statt des schon von Docen
durch ein beigefügtes fragezeichen beanstandeten Schilterschen ^^'^i^) würde
nach einer mir in doppelter fassung vorliegenden schriftlichen notiz eben-
falls eine ältere Vermutung Lachmanns sein; doch kann ich das jetzt
nicht gedruckt nachweisen, und lasse deshalb die eutscheidung dahinge-
stellt. Es bliebe sonach nur die dritte ,,berichtigung," v. 56. iah, als
unbestrittenes, von niemandem sonst in anspruch genommenes eigentum
Hoffmanns übrig, welches auch Willems, Elnonensia (1837) s. 12 als
solches aufführt („ et enfin M. Ho ff mann de FaUerslehen , avant d'a-
voir retrouve le texte original, avait resfituc .... et Ugne 56, Iah,
pour sag.^'
So haben wir also durch eine chronologische überschau der text-
geschichte des Ludwigsliedes die historische thatsache aufgefunden und
festgestellt: in vers 56 des Ludwigsliedes ist iah eine aus
dem jähre 18 30 stammende coiijectur Hoffmauns von Fal-
lersleben, und zwar höchstwahrscheinlich die einzige,
die er selbst zum Ludwigsliede gemacht hat.
Wegen ihres sell)ständigen wertes ist noch hervorzuheben die aus-
gäbe W. Wackernagels von 1835 in der ersten (mir jetzt nicht zu
geböte stehenden) aufläge seines lesebuches, die sich widerum durch
einige neue, theils von Jacob Grimm, theils von Wackernagel selbst
herrührende Verbesserungen auszeichnet, welche ebenfalls später durch
die wider aufgefundene handschrift bestätigt wurden, wie v. 12 manoii
sundiöno (niannon sin diono vgl. Grimm, gr. 4, Hb.), v. 18 fol loses
(falloses). Li v. 56 nahm Wackernagel die Lachmannsche Verbesserung auf:
gab allin heiligon fliaiie.
Im jähre 1837 erwarb sich Hoffmanu von Fallersleben das
grosse verdienst, der verschollenen handschrift nachzuspüren und sie in
•178 ZACILER
Valencieunes wider auf/Aifiiuleu. Seine aus ihr entnommeue ueiio abschrift
des Ludwigsli^des übergab er seinem freunde Willems, der sie, nebst
dem aus derselben handscbrift geschöpften lateinischen und dem franzö-
sischen liede auf die heilige Eulalia, dem unscliätzbaren ältesten deuk-
male altfranzösischer poesie, mit hinzufügung seiner eigenen erklärenden
beigäbe, unter dem titel Elnonensia 1837 zu Gent herausgab (34 s. 4.).
Nach angäbe dieser neuen Hoffmaunschen abschrift sollen nun die bei-
den verse 55. 56 in der handschrift selbst lauten:
Gilohot ß tliiu godcf kraft. Hliiduig uuarÜi ßgihaft.
Iah allen lieiUgon tlianc. Sin uuarth, thcr ßgikamf.
Ob Hoflfmann sich irgendwo öffentlich darüber ausgesprochen habe, wie
er diesen Wortlaut des 56. verses tibersetzt und erklärt wissen wolle,
ist mir unbekannt. Seinen freund Willems scheint er wenigstens vor der
herausgäbe der Elnonensia nicht darüber belehrt zu haben. Denn in den
beiden von Willems hinzugefügten Übersetzungen lauten die betreffenden
verse folgendermassen:
in der vlaemischen:
Geloofd zij de godeskraclit,
Lodewyh werd zeeglmftig.
Zeg allen heiligen dank;
Zyn iverd de zegekamp.
in der französischen:
Dieu soll loue, Louis fut vainqueur.
Gloire ä toiis Ics saints, la victoire fut ä lui!
Augenscheinlich hat Willems hier nicht nach dem neuen texte der
Hoftinannschen abschrift, sondern nach dem alten des Schilterschen
druckes übersetzt. Ob diesem mangel in der zweiten ausgäbe der Elno-
tiensia (1845) abgeholfen worden ist, vermag ich nicht zu sagen, weil
dieselbe mir jetzt hierorts nicht zu geböte steht.
Unsere textgescliichtliche ermittelung hat also herausgestellt, dass
in beziehung auf das erste wort des 56. verses im jähre 1837 vorhan-
den waren
zwei von einander abweichende angaben über die Schreibung dieses
Wortes in der handschrift selbst, nämlich:
Sah, nach der Mabillou - Schilterschen abschrift von 1696,
Iah, nach der Hofl^'mannschen abschrift von 1837,
und drei conjecturen, nämlich:
sag, die conjectur Schilters von 1696,
gab, die conjectur Lachmanns von 1825,
jah, die conjectur Hoflfmanns von 1830.
ZUR TEXTKKITIK DES LUDWIGSLIEDES 479
Sehen wir iiiui zu, wie die germanisten sich diesen angaben und
conjecturen gegenüber verhalten haben.
Sah, die handschriftliche lesart nach Schilters angäbe, ward von
dem scharfsinnigsten und umsichtigsten kritiker, von Lachmann, gewür-
digt und zur bildung seiner conjectur verwertet.
Sag, die conjectm- Schilters von 1696, ward 1813 von Docen
beanstandet, 1825 von Lachmann verworfen, dann 1830 von Hoffmann
nochmals hervorgezogen, aber auch von ihm alsbald wider verworfen,
und blieb seitdem verschollen.
Jah, die conjectur Hoffmanns von 1830, ward, so lange sie
sich als blosse conjectur gab, d.h. zwischen 1830 und 1837, so-
viel mir bekannt, von keinem namhaften germanisten aufgenommen und
vertheidigt.
Gal), die conjectur Lachmanns von 1825, ward von Wackernagel
1835 in sein lesebuch aufgenommen, ward von Jacob Grimm 1837 ganz
unbedenklich, und so selbstverständlich als stünde sie in der handschrift
selbst, im vierten bände seiner grammatik (s. 599) unter die belege des
mit gehen verbundenen accusatives eingereiht („gehen ... (jah allen
heiUgdn tlianlv. Ltulw. licd"), ward von Graff im althochdeutschen Sprach-
schatze unter dem worte dam sogar noch 1840, ebenfalls so selbstver-
ständlich als stünde sie in der handschrift selbst , als ein beleg aus dem
Ludwigsliede angeführt (5, 167: „gah thanc. Lu."). Also: die nam-
haftesten germanisten, die gewiegtesten kenner des Althochdeutschen,
W, Wackernagel, Jac. Grimm, Graff, männer, von denen es absurd
wäre zu sagen, sie hätten damals Hoffmanns conjectur jah nicht
gekannt, — sie alle haben die Lachmannsche conjectur gah als unbe-
denklich und selbstverständlich aufgenommen, und sich in dieser aner-
kennung durch die Hoffmannsche conjectur jaA so wenig irre machen
lassen, dass sie dieser letzteren gar nicht einmal gedenken.
Als aber jah 1837 in der ersten ausgäbe der Elnonensia erschien
und sich dort in der neuen, unmittelbar aus der handschrift genomme-
nen abschrift Hoffmanns als die Avirkliche, echte lesart der hand-
schrift selbst gab: von da ab freilich fand j«A fast überall eingang
und aufnähme, indem man sich ziemlich allgemein der autorität der
handschrift unterwarf. Deshalb erscheint seit 1837 die Lachmannsche
emendation gah nur noch vereinzelt, wie 1840 in der schon augeführten
stelle des Graffschen Sprachschatzes (5, 167), und 1862 in Schades alt-
deutschem lesebuche (s. 56).
Wie verhielt sich denn aber Lachmann selbst dieser Hoffmann-
schen entdeckung gegenüber? Da seine methodische kritik ja priucipiel
die handschriftliche Überlieferung zu ihrer festen grundlage nimt, und
480 ZACHER
sich (lieser su luilie als möo-lich anschliesst, — beugte nicht auch er
sich vor der iiutoritüt der haiidschrift? zog er nicht seine conjectur
zurück und setzte statt deren die handschriftliche Überlieferung in ihr
recht ein?
Ich bin in der läge , hierüber bestimmte auskunft geben zu können.
In den vierziger jähren bin ich mit Lachmann in seiner studier-
stube, wo er mir in freundlichem gespräche seine treffliche belehrung
gern und eingehend zu spenden pflegte, auch auf das Ludwigslied zu
reden gekommen. Von dem was Willems zur ausgäbe der Elnonensia
beigesteuert hat, war er gar wenig erbaut. Aber auch gegen die Zu-
verlässigkeit der Hoifmannschen abschrift erhob er ernste und gewichtige
zweifei. „Wer haudschriften richtig lesen will," so sagte er, „muss
genau wissen , was dastehen kann und nicht dastehen kann." Und so
bezweifelte er namentlich, dass Hoffmann den anfang des 56, verses rich-
tig gelesen habe , und hielt dem jah der Hoffmannschen abschi-ift gegen-
über seine eigene alte Verbesserung gah aufrecht. Und jetzt, indem ich
nachblättere in einem hefte, welches mein verstorbener freund Emil Som-
mer, einer der tüchtigsten schüler Lachmanns, in einer Lachmanuschen
Vorlesung über die geschichte der älteren deutschen poesie im sommer
1841 nachgeschrieben hat, finde ich, dass Lachmann sich auch in der
Vorlesung in ähnlicher weise ausgesprochen hat. Die betreffende stelle
lautet in Sommers hefte wörtlich: ,,Ein grosses verdienst von Hoffmann,
dass er den codex wieder aufgefunden hat. Von ihm herausgegeben
unter dem titel: Elnonensia etc. par Hoffmann et Willems. Doch ist
Hoffmanus text noch nicht befriedigend; z. b, [Wackernagels
leseb,] 110, 1 |=- v, 56] jah nllcu hcillgon thanc sicher eine con-
jectur Ton Hotfmaiiii, für g-ah. Die construction sprachwidrig; jeJien
c. gen." Dass aber Lachmann diese seine ansieht in seinen letzten
lebensjahren geändert hätte, davon ist mir nichts bekannt worden, auch
kann ich es durchaus nicht für wahrscheinlich halten.
Es ist aber meines bedünkeus auch gar nicht so schwierig, die
gründe aufzufinden, welche solche bedenken, wie die von Lachmann
gehegten, erwecken und rechtfertigen.
Erwägen wir zunächst den diplomatischen Sachverhalt.
Das Ludwigslied reicht in der handschrift von der rückseite des
141. bis auf die Vorderseite des 143. blattes, und zwar beginnt die letzt-
genannte Vorderseite grade mit vers 56 , und ihre drei ersten verse stel-
len sich im Hoffmannschen drucke folgendermassen dar:
143'' Iah allen IteiUgon thanc. Sin imartli ther ßgiJcamf.
. . . Holar abiir hluduig. kuning uu . . . falig.
. . . garo fo fcr hio uuaf. So uuar fo fef tlmrft uuaf.
ZUR TEXTKRITIK DES LUDWIGSLIEDES 481
Dazu bemerkt Hoffmann selbst s. 4: „Lc commencemenf des lignes
57 et 58 manque , commc ayant eU arrache du manuscrit , et ä la ligne
57^, derriere uu, est une fache qui a enlcve deux ä trois lettres." Es
befinden sich also die ersten drei zeilen dieser seite in ziemlich schlech-
tem stände, und namentlich sind die gegen den rückenfalz hin liegen-
den Zeilenanfänge übel zugerichtet. Die ersten Wörter der 57. und 58.
zeile sind durch zerreissen des pergamentes gänzlich verloren gegangen;
und wenn zwei abschriften das erste wort der 5G. zeile so abweichend
widergebeu , so lässt sich um so mehr vermuten , dass auch dies wort
nicht unbeschädigt geblieben sein werde. Waren aber die buchstabeu
dieses wertes durch verblassen, durch abreibung oder sonst irgendwie
beschädigt und undeutlich geworden, so ist doch ganz natürlich, dass
der an sie herantretende leser dasjenige aus ihnen herauslas, von dem
er schon seit jähren glaubte und sich überzeugt hielt, dass es dort ste-
hen müsse. Wenn also vor 1<S0 jähren der voraussetzungslos herantre-
tende Mabillon ein ihm unverständliches Sab dort erblickte und unbefan-
gen in seine abschrift übertrug, so ist doch gar nicht zu verwundern,
dass Hoffmann , mit seiner conjectur jah im köpfe herantretend , mit der
einzigen, die er selbst zum Ludwigsliede aufgestellt hatte, der zu liebe
er die besserungsvorschläge seiner Vorgänger verworfen hatte, die er
also gleichsam wie ein eigenes und einziges kind liebte und bevor-
zugte , — dass Hoftmaun seine eigene conjectur in den zügen der hand-
schrift wider zu erkennen glaubte , und sie dem gemäss in seine abschrift
aufnahm. Es ist das um so natürlicher , da ja die züge der handschrift
selbst sich ganz leicht und bequem darein zu fügen schienen. Denn ver-
gleichen wir die Mabillonsche lesung und die Hoffmannsche, so finden
wir beiden gemeinsam den vocal a, der wol am wenigsten verkannt und
verlesen werden konnte, so dass wir ihn als richtig annehmen dürfen.
Als endconsonanten bietet Mabillon ein 6, Hoffmann ein li. Es sehen
aber grade h und h, wie das den Elnonensia beigegebene facsimile aus-
weist, einander in den zügen der handschrift so ähnlich, dass der gering-
ste ausfall der schwärze im untersten theile des bügeis ausreicht, um
aus dem h ein li zu machen, so dass selbst bei einer nur unbedeuten-
den beschädigung des ersten wertes das h des Schreibers gar leicht als
ein h gelesen Averdeu konnte. Die anfangsbuchstaben der verse endlicli
sind in der handschrift mit uncialen geschrieben. Uncialen dieser schrift-
gattung sind aber schon an sich nicht immer auf den ersten blick leicht
und sicher zu lesen und zu unterscheiden, wie vielmelir wenn sie durch
eine beschädigung undeutlich geworden sind. Daher darf es widerum
nicht befremden, wenn Mabillon dieselbe unciale als S, Hoffmann dage-
gen als I las und abschrieb. — Soll nun aber der kritiker unter die-
482 ZACHER
seu beiden von einander abweichenden angaben eine entscheidende wähl
troffen , so wird er , nach dem alten bewährten kritischen gruudsatze,
die an sich richtige, correcte und leicht verständliche, aber in diesem
znsammenhange sehr befremdliclie form jah znrückstehen lassen hinter
der sinnlosen form sah, welche eben deshalb, weil sie sinnlos ist, nicht
eine Avillkürliche und absichtliche änderung des abschreibers sein kann,
sondern höchst wahrscheinlich nur eine durch einen lese- oder Schreib-
fehler verursachte entstellung des richtigen und echten enthält , und wird
aus ihr durch beseitigung dieses fehlers das echte und richtige herzu-
stellen suchen. Mit je geringerer änderung der Überlieferung ihm das
gelingt , um desto glaubwürdiger wird einerseits die Überlieferung erschei-
nen, und um desto zuversichtlicher darf er andrerseits annehmen, dass
er sell)st mit seiner besserung das richtige getroffen habe. Genau in
diesem falle findet sich aber die Mabillou - Schiltersche Überlieferung sah,
und die besserung gah der Lachmannschen kritik.
Es bedarf wol kaum der erinnerung, dass diese darlegung nicht
im entferntesten die absieht hat, die gewissenhaftigkeit Hoffmanns zu
verdächtigen und sein verdienst herabzusetzen, sondern dass sie lediglich
bezweckt, den hergang als einen sehr natürlichen und kaum vermeid-
lichen zu erklären, und zugleich zu zeigen, wie eine methodische und
besonnene kritik, wie sie Lachmann geübt und gelehrt hat, in solchem
falle verfährt, um unter anwendung bewährter grundsätze und kunstre-
geln das richtige mit möglichster Wahrscheinlichkeit zu ermitteln.
Doch hiermit wäre die sache noch niclit endgiltig erledigt. Es
muss noch die aus der spräche nachzuweisende begründung bestätigend
und abschliessend hinzutreten.
Der Hoffmannsche text der Elnonensia jah allen heiligon tlianc
construiert das verbum jelian mit dem dativ der person und dem
accusativ der sache. Einen accusativ des objectes neben jehan hat man
bis jetzt, so viel mir bekannt, auf dem gesamten gebiete der althoch-
deutschen litteratur nur an drei stellen nachgewiesen, welche alle drei
bei Graff (1, 582) verzeichnet stehen, und von denen die eine zugleich
auch den dativ der person neben dem accusativ der sache darbietet.
Die erste dieser stellen, auf s. 73 der von Jac. Grimm 1830 herausgege-
benen hymnen (26, 1, 2) lautet: ihili truMnan geJiemcs, und ist eine
Übersetzung von: te dominuin confitcmur, oder der zweiten zeile aus
dem sogenannten Ambrosianischen lobgesange Te deum laudanms. Das
ist ja aber eine interlinearver sion, d. h. eine solche Übersetzung,
deren eigentlicher zweck ist, jedes einzelne wort des lateinischen tex-
tes so treu als möglich einzeln widerzugeben. Thili ist also hier nur
die Übersetzung von te, gcliemes nur die Übersetzung von confitemur,
ZUR TEXTKRITIK DES LUDWIG SLIEDES 483
und ebenso ist auch die construction tlilh gchoiws nur die beibehaltene
lateinische te confitemur; grade so wie in str. 8 desselben hyninus
suanari [za] kelaupannc pist tmesan clmmftiger
judex crcderis esse venfurus
wort für wort des lateinischen textes widergegeben wird mit einer con-
struction und Wortstellung, die niemals weder deutsch gewesen noch
geworden ist. Das tliih gcJiemes dieser stelle der hymnen (in welcher
übrigens tliih ein accusativ der person wäre), kann also als ein bewei-
sendes Zeugnis dafür, dass eine construction \on jehan mit dem accu-
sativ der deutschen spräche gemäss gewesen sei , nicht angezogen
werden. — Die zweite stelle, bei Hattemer, Denkmahle des Mittelalters
1, 44: ulnliu siniu helitaniu .... cote gelian ist eine Übersetzung von:
mala sua praeterita .... deo eonfderi. Das ist ja aber wider eine
interlinear Version, eine zeile aus der dem Kero zugeschriebenen
interlinearversion der benedictinerregel. Sie ist also genau eben so wenig
beweisend , wie die erstgenannte stelle aus den hymnen. — Endlich die
dritte stelle, aus dem Notkerschen katechismus, lautet bei Müllenhoff"
und Scherer, denkmäler etc. s. 195 im texte B allerdings: uuanda sl
elliu sament ein gloubit unde ein gihlt; dagegen ebendas. s. 190 im
texte A: uuanda si dlliu sament ein gelouhet unde eines jlehet. —
Es bleibt uns also für die construction von jelian mit dem accusativ
aus der gesamten althochdeutschen litteratur nur ein einziges,
verhältnismässig spätes, und noch dazu schwankendes zeugnis. Die
noch späteren Zeugnisse aber aus der mittelhochdeutschen litteratur sind
so spärlich und so untergeordneten vorkonmiens, dass Wilhelm Müller
im mittelhochdeutschen Wörterbuche 1, 513 sich bewogen fand zu sagen:
„Entscheidende belege für den accusativ der sache bei j('//6«i finden
sich , meines wissens , in der älteren spräche durchaus nicht , und selbst
in der späteren gehören sie wol mehr den abschreibern an als dem
urkundlichen texte." Jedenftxlls ist die construction von jelian mit dem
accusativ der sache selbst in mittelhochdeutscher spräche nicht „ legitim,"
wie Lachmann das zu nennen pflegte, d. h. nicht so üblich und unan-
stössig, dass jeder schriftsteiler sie unbedenklich gebraucht hätte, und
dass man sie folglich auch jedem unbedenklich zumuten könnte; sondern
im gegenteil bleibt sie sogar noch im mittelhochdeutschen vereinzelt und
auffällig.
Doch gesetzt auch die construction jah allen heiUgon thanc
wäre zulässig; Aväre dann damit dem verse geholfen? Wie stünde es
dann um die bedeutung? Wie sollte man dann den vers verstehen
und übersetzen?
484 ZACHER
ZAvar vermag icli etymoloo-ie und gTundbedeutung von jclinn, nicht
anziigebon, weiss aueli nicht, dass jemand sie bis jetzt befriedigend dar-
getan hätte; aber die hauptbedeiitung des wertes, und diejenige, aus
der die übrigen sich gar wol ableiten lassen , ist doch , so viel ich sehen
kann, nicht „sagen" oder „sprechen," sondern „aussagen, be-
k e n n e n ," wie denn auch jehan weit überwiegend zur Übersetzung von
fafcri , confiferi verwendet . wird. Soll denn aber der sinn des verses
sein: „König Ludwig sagte aus, bekannte, dass alle heiligen dank ver-
dienen, oder dass er ihnen dank schulde?" Oder muss der sinn nicht
vielmehr sein: „König Ludwig brachte allen heiligen dank dar; er sprach
ihn aus" (durch dankgebet, lobpreisung, gelübde u. s.w.); aber nicht:
er sagte ihn aus?
Beherzigen wir die wolbegründete Lachmannsche forderung: „wer
eine handschrift richtig lesen will, muss genau wissen, was dastehen
kann und nicht dastehen kann ! " und fragen wir demgemäss : welche aus-
drucksform des aus dem zusammenhange erkennbaren gedankeus würde
wol der damaligen deutschen spräche gerecht gewesen sein? Den rich-
tigen weg zur beantwortung dieser frage zeigt uns ganz anschaulich ein
beispiel. In der Vulgata heisst es bei erzählung der darstellung Christi
im tempel (Luc. 2 , 28) von Simeon : et ipse accepit eum in ulnas suas
et henedixit De um, (Luther: da nahm er ihn auf seine arme und
lobte gott). Das lautet in der Übersetzung Tatians (cap. VIL p. 9. ed.
Schmeller): licr tliö iirpfieng inan in sine arma, inti lohota got.
Dagegen im Heliand 475 fg.
thö sagäa he waldande tlianh,
al-nuüdigon godc, fhcs he ina mid is ögun gisah,
geng im fho fegegnes endi ina gerna antfeng,
ald mid is armuri.
Wir lernen aus diesem beispiele, dass lobön und dankön im sinne
des kirchlichen henedicere schon dem neunten Jahrhunderte S3monym waren,
wie sie es uns noch heut sind, und dass sie für einander eintreten konn-
ten. Dem entsprechend dürfen wir von vorn herein erwarten, für beide
auch parallele ausdrucksformeln und constructionen zu finden; und diese
Voraussetzung wird denn auch durch die thatsachen bestätigt.
Die einfachste, der deutschen spräche gemässeste, und daher auch
am häufigsten vorkommende ausdrucksweise ist die durch das einfache
verbum lohon und dank du. So entsprechen sich: (hat sie thes himi-
lisJcan fader lobön. Hei. 1404 und: Sie thanhmt es mit ivorte Kriste.
Otfr. 2, 10, 18. — Die aus den Substantiven loh und danc und einem
verbum zusammengesetzten formein scheinen sich hauptsächlich in uach-
büdung lateinischer ausdrücke, wie hene-dicere , laudem darc, gratias
ZUR TEXTKRITIK DES LUDWIGSLIEDES • 485
agere, grutiam reddere eingestellt zu haben. Ihr vorkommen ist ein
migleichmässiges , und zum tlieil nur ein spärliches oder vereinzeltes und
vorübergehendes. Die herscheude forme! für ,, danken" in der Vulgata
ist „gratias agere." Das wird im texte der Fragnienta theotisca
noch widergegeben durch einfaches danJidn; dagegen herscht im texte
des Tatian schon durchgehend die formel danc tiion. So z. b. lauten
die werte der Vulgata Math. 26, 27: et accipiens calicem gratias egit,
in den Fragm. theot. (s. 11 der ausg. v. 1841) noch: Enti nam clieliJi,
dancJiöta; dagegen bei Tatian (ed. Schmeller c. 156. p. 125) bereits:
Intfieng tho tJien kelih, thanc tcta. (Vgl. Luc. 18, 11. und Job. 11, 41.
gratias ago = thanc tuon, Tat. c. 118, u. c. 135; Matth. 15, 36. gra-
tias agens = thanc tuoiiti, Tac. c. 89; Luc. 17, 16. gratias agens =
thanca tuonti. Tat. c. 111; Job. 6, 23. gratias agenie Domino = thanca
tuonte truhtine, Tat. c. 82 etc.). Dass aber diese formel danc tuon aus
der lateinischen formel gr(dias agere, oder doch unter deren eiuflusse
entstanden ist, dafür scheint auch zu sprechen die glosse: gratiarum
actio: dancho-tät (Nyerup Symb. 207). Diesem danc tuon gegenüber
finden wir ein loh tuon in der Notkerscheu Psalmenübersetzung 15, 7:
Loh tuon ih cote , als Übersetzung des Bencdicam Dominum der Vulgata.
— Wie wir aber eben sahen, dass das henc-dicere, das aussprechen
des lobes oder dankes, im Heliand (475) durch thanh seggian ver-
deutscht wurde, so finden wir auch wider diesem gegenüber ein loh
sagen in unserm Ludwigsliede selbst v, 45: gode loh sageda. — Die-
selbe deutsche formel thö sagdun sie lof gode begegnet im Heliand 3584
als Übersetzung des Vulgataverses (Luc. 18, 43) et omnis pM)S dedit
lau dem deo. Enger an die formel dedlt laiidem des lateinischen origi-
nales schliesst sich aber die Verdeutschung derselben stelle bei Tatian
(ed. Schm. c. 115. p. 85): inti al taz, folc gah gote loh. Und hiermit
sind wir auf die dritte formel gekommen, auf loh geh an, dem gegen-
über auch ein dank geh an zu erwarten wäre. Wenn nun die formel
daoic gehan bis jetzt aus der übrigen althochdeutschen litteratur nicht
nachgewiesen worden ist, so wäre es doch ein ganz unlogischer schluss,
daraus die allgemeine behauptung zu folgern, sie sei in der deutschen
spräche des 9. und 10. Jahrhunderts überhaupt nicht vorhanden, oder
wol gar unmöglich gewesen. Im gegenteil, wenn die lateinische formel
gratiam reddere bereits in der alten lateinischen litteratur gangbar war,
wenn sie im Vulgärlatein Galliens so allüblich gewesen sein muss, dass
daraus die französische redensart rendrc gruee(s) liervorgieng, so ist
doch fast undenkbar, dass sie, namentlicli in der gegend , in welcher
das französische gediclit auf Kulalia aufgezeichnet wurde, niclit auch
hätte eingang in die deutsche spräche finden sollen. Allgemeine veibrci-
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOL. 32
4S6 ZACHER
timg unil dauernden bestand brauchte sie deshalb eJjen so wenig zu
gewinnen als die dem lateinisclien gratias agcrc entsprecliende forniel
danc tuon, für welclie doch reichliche belege aus Tatiau zu entnehmen
sind. Jedenfalls konnte der dichter des Ludwigsliedes, der ja doch die
gelehrte bildung eines geistliclien besass, nach analogie der deutschen
formel lob geban und der lateinischen gmtiam rcddere eine deutsche
formel danc geban anwenden oder auch selbst zuerst bilden, ohne der
deutsclien spräche die geringste gewalt anzutun , und ohne zu besorgen,
dass seine zuhörer den geringsten anstoss daran nehmen würden.
Der dichter des Ludwigsliedes konnte also den gedanken, welchen
er aussprechen wollte , folgendermassen ausdrücken :
thancoda allen lieiligon
oder sageda allen heüigon tlianc
oder ded allen lieiligon tlianc
oder gab allen lieiligon tlianc.
Für den auftact des verses taugten natürlich nur die beiden letztgenann-
ten einsilbigen formen ded und gab. Möglich wäre sogar, dass der
dichter den bedeutungsunterschied zwischen gratiam reddcrc und gratias
agere gekannt, und deshalb absichtlich die formel gab danc gewählt und
der für gratias agere anderweit belegbaren formel deda danc vorgezogen
hätte. Er hätte dann andeuten wollen , könig Ludwig habe den heiligen
den dank für ihre siegeshilfe nicht bloss in werten, sondern auch durch
thaten, etwa durch erbauung und ausstattung der vor und während der
Schlacht ihnen gelobten kirchen u. dgl. abgestattet.
Da nun die formel gab danc nur den einzigen zufälligen und unwe-
sentlichen mangel hat, dass ihr kein belegendes beispiel aus der übri-
gen althochdeutschen litteratur zur seite tritt, während sie doch an sich
durchaus nicht sprachwidrig, sondern im gegenteile ganz correct gebil-
det ist und auch dem sinne vortrefflich entspricht, so ist klar, mit wie
gutem rechte die vorzüglichsten kenner des althochdeutschen , Lachmann,
Jacob Grimm, Wackernagel, Graff sie aufgenommen und anerkannt
haben.
So sprechen also die gewichtigsten gründe für die Wahrscheinlich-
keit, dass in der handschrift selbst zu anfange des verses 56 nicht jali,
sondern gab zu lesen sei. Über die Vermutung freilich und über die
Wahrscheinlichkeit können wir mit unseren gegenwärtigen kritischen hilfs-
mitteln nicht hinaus. Gewisheit könnte uns hier nur eine zuverlässige
neue collation geben. Wenn aber eine solche collation -— denn möglich
bleibt ja doch auch das unwahrscheinliche — dennoch bestätigte, dass
wirklich ;a/?, wie Hoffmann gelesen hat, in der handschrift selbst stehe,
ZUR TEXTKRITIK DES LUD\^^GSLIEDES 487
dann hätten Avir doch wol ein vollkommen sicheres beispiel für die
bisher bezweifelte construetion von jnh mit dem accusativ der sache,
und mttsteu uns dem Zeugnisse der handschrift unterwerfen, die für das
gedieht einer Originalaufzeichnung des Verfassers gleich zu achten wäre?
Der unbefangene und behutsame kritiker wird sich nicht zu einer so
raschen Schlussfolgerung verlocken lassen; er wird vielmehr urteilen:
dann blieben alle die aufgezeigten bedenken, nicht blos hinsichtlich der
construetion , sondern auch hinsichtlich des sinnes , nach wie vor in kraft,
und wir hätten dann eben nur eine anstössige und verdächtige stelle
mehr zu registrieren zu den verschiedenen anderen mislicheu und bedenk-
lichen stellen, die das gedieht enthält, und auf Avelche Lachmann als
ein scharfer, feiner und tiefeindringender kritiker und exeget auch nicht
ermangelte, seine zuhörer aufmerksam zu machen. Denn das war ja
eben auch eine haupttugend der feinfühligen und auf den grund dringen-
den Lachmanuschen kritik und exegese, dass er an den Schwierigkeiten
nicht schweigend vorübergieng, sondern dass er grade im gegenteil die
Schwierigkeiten hervorhob, wo der zuhörer sie übersehen haben würde,
dass er sie aufdeckte, wo der zuhörer sie nicht einmal erkannt haben
würde, dass er sie erklärte und löste, so weit er es vermochte, dass er
endlich da, wo er sie nicht zu heben im stände war, offen aussprach:
„das weiss ich nicht." Abgesehen von unklar ausgedrückten versen, wie
V. 13 sume sär verlorane wurdmi sumcrlioranc und v. 43 tvoldcr war
errahcliön stna ividarsaliclion , oder von orthographischen und metrischen
mangeln , wie v. 20 tvas crholgan Krist (wo man Lachmanns urteile bei-
stimmen wird , dass die Wackernagelsche ergänzung imo „ wegen des
verses und sinnes notwendig" sei), oder v. 38 will her statt wili er, —
welches alles Lachmann zu i-ügen nicht verabsäumte, — lesen wir z. b.
V. 2. Ih tvei^ her inios lonot mit der üblichen genitivischen construetion,
dagegen v. 40 genau dieselbe redensart III g'doudn inio^ mit unüblicher
und anstössiger accusativischer construetion, und umgekelirt v. 21 die
auffällige genitivische construetion Tlioh erharmedes got statt der übli-
chen accusativischen crharmcdc^. In den versen 44 — 47
TJw ni was i^ huro lang, Fand her thia Northman.
Gode loh sage da, Her sihit thes her gereda.
Tlier huning reit kuono, Sang lloth fräno,
Joh alle sanian sungun „Kyrrie leison."
würde das praesens historicum sihit sogar nocli nach mittelliochdeut-
scher ausdrucksweise höchst auffällig sein, geschweige nach althochdeut-
scher, und gar noch mitten unter lauter präteritalformen , tvas, fand,
sagrda, reit, sang, sungun. Durcli dergleichen anstössigkeiten , die
32*
48S ZACHER, Z. TEXTKHITIK P. MIDWIGSLIEDES
mimöglicli alle erst der HoÖniauuschen abschrift zur last falleii köuiiou,
■wird luisore nu'immg von der Genauigkeit und Zuverlässigkeit des sclirei-
bers der haudschrift selbst ziemlich herabgestimt. Wir haben deshalb
vollen grund den verlust der Originalhandschrift ernstlich zu bedauern,
da sie uns durch eine so mangelhafte aufzeichnung , wie die in dei- haud-
schrift von Valeuciennes , doch nur unvollkommen ersetzt wird ; und end-
lich ist die kritik vollberechtigt, einer so mangelhaften aufzeichnung
gegenüber, entschiedener aufzutreten und einzugreifen.
Ziehen wir nun aus alle dem die summa, so erhalten wir folgen-
des eudergebnis:
Der Hoffmannsche text des Ludwigsliedes, wie er in der ersten
ausgäbe der Eluonensia vorliegt, zeigt so bedenkliche und anstössige
stellen, namentlich zu anfange des 56. verses , dass der zweifei aufsteigt
und berechtigt erscheint, ob Hoffmann überall richtig gelesen und abge-
schrieben habe.
Wenn die neueste ausgäbe des Ludwigsliedes in den Denkmälern
deutscher poesie und prosa von Müllenhoff und Scherer im wesentlichen
den Hottmannschen text widergibt und in dem beigefügten commentare
die bedenken unerwähnt und unbesprochen lässt, so wird — und zwar
um so mehr, weil dieses werk nach der kritischen wie nach der exege-
tischen Seite hin so bedeutendes geleistet hat und mit recht ein so
hohes ansehen geniesst — derjenige, der in diese Studien nicht schon
tiefer eingeweiht ist, gefahr laufen, zu der meinuug zu gelangen oder
in ihr bestärkt zu werden , dass mit dem Hoffmaunschen texte die kritik
des Ludwigsliedes erledigt sei.
Deshalb muss der litteraturhistoriker und der litterarhistorische kri-
tiker • — nicht um die herausgeber zu hofmeistern, denn eine gesunde
und anständige kritik hat es mit den Sachen, nicht mit den personen zu
thun — sondei'n um der Wissenschaft nach bestem vermögen zu dienen,
diejenigen, welche davon gebrauch machen können und wollen, darauf
aufmerksam machen,
Dass mit dem Hoffmaunschen texte die kritik des Ludwigsliedes
noch nicht erledigt ist,
Dass eine neue, ganz genaue und zuverlässige collation der haud-
schrift wünschenswert, ja unerlässlich erscheint,
Dass die Lachmannsche ausgäbe des Ludwigsliedes von 1825 noch
keineswegs antiquiert ist, sondern schätzbare fiugerzeige für die kritik
enthält, welche noch jetzt ihre volle und fruchtbare bedeutung haben,
und diese auch für die beurteilung und Verwertung einei neuen collation
der haudschrift niclit minder Itehalten werden.
JACOB GRIMM , LEBENSÄBRISS 489
Durcli diese ausfülirlichere darlegimg und besprecliimg des Sachver-
haltes in beziehuug auf die textkiitik des Ludwigsliedes , und namentlich
in beziehung auf den beanstandeten anfang des 56. verses, hoft'e ich den
o-eneigten leser in den stand gesetzt zu haben, dass er selbst auf grund
einer genügenden kenntnis der thatsachen sich ein eigenes selbständiges
urteil bilden kann. Dabei bot sich auch gelegenheit zu zeigen, wie eine
so methodische, eindringende, feine und umsichtige kritik, wie Lacli-
mann sie übte und lehrte , in solchem falle verfuhr. Zugleich meine ich
hiermit die in Haupts Zeitschrift für deutsches altertum 14, 556 fg.
geäusserten bedenken ausreichend erledigt zu haben.
HALLE. J. ZACHER.
MISCELLEN UND LITTEEATUR.
Ein Lebeiisabriss Jacolb Oriiums.
Die mitteilung der nachstehenden eigenhändigen aufzeichnung Jac. (Jrimms
verdanken mr der gute des herrn buchhändlers dr. S. Hirzel in Leipzig. Diese
kurze, frische und charakteristische selbstüberschau eines langen, arbeits- und segens-
reichen lebens fügt zu den im ersten bände der ,, kleinen schriften Jacob Grimms"
mitgeteilten lebensuachrichten eine willkommene ergänzung und wird den freunden
und Verehrern desselben um so schätzbarer sein, da zusammenhängende autobiogra-
phische aufzeichnungen aus seinen letzten lebensjahren nicht bekannt worden sind.
RED.
Jacob Gri-imm, geb. 4. Jan. 1785. Den ersten rohen Unterricht ertheilte ihm
Präceptor Zinkhan zu Steinau an der Strasse (Abhandl. der Berliner Akad. der Wis-
sensch. 1849 s. 165), hernach auf dem Casseler Lyceum (unter Eichter) gebildet, stu-
dierte er seit 1802 die Rechte. 1805 folgte er einer Einladung seines Lehrers Savigny
nach Paris, dem er dort bei litterarischen Arbeiten half; Savignys wohlthätigen Ein-
fluss auf ihn hat er geschildert in der Zueignung der deutschen Grammatik und in
einer Glückwünschungsschrift zu dessen Jubilaeum (das Wort des Besitzes. Berlin 1850).
Nach Hessen 180G zurückgekehrt wurde er 1806 Kriegsseki-etär und die ihm vom
lästigen Amt sparsam gegönnte Müsse machte ihm die ersten Schritte im Studium der
Literatur und Dichtkunst schwer, wozu er sich bereits in Paris gewendet hatte. Als
Hessen feindlich überzogen und ein Königreich Westfalen errichtet war , erhielt er auf
Johannes Müllers Empfehlung die Aufsicht über die schon vom Kurfürst angelegte
Bibliothek zu Wilhelmshöhe und wurde später daneben nochStaatsrathsauditor, bewahrte
aber unter dem französischen Rock sein deutsches Herz und liess in den begonnenen
Forschungen nicht nach. Bei des Kurfürsten Rückkehr folgte er 1814 dem hessischen
Gesandten als Sccretär ins Haupt(|uartier der Verbündeten , auch später nach Paris und
zum Congress nach Wien, wo er bis Juni 1815 verweilte. Einen Monat darauf, im
Auftrag der Preussischcn Regierung nochmals nach Paris gesandt, um die aus ver-
schiednen Gegenden dort zusammengeschlei)ptcn Handschriften zu ermitteln und zu-
rückzufordern, hatte er daneben auch einige Geschäfte des Kurfürsten zu besorgen,
nach deren Vollziehung, entschlossen diese öffentliche Laufbahn zu verlassen, er ISlö
400 JACOB GRIMM, LEBENSAHßlSS
als zweiter lübliothccar in ('assel angestellt wurde und nun in glücklicher, heilsamer
Kühe eine Reihe von Jahren seinen Arbeiten obliegen und deren Ertrag dem Publikum
allmälich vorlegen konnte. Als nach Volkels, des ersten Bibliothekars Tod ihm nun
Rommel vorgezogen wurde, ertrug er diese Ungerechtigkeit nicht, und nahm 1830
den Ruf nach Göttingen als Professor und Bibliothekar an , hielt sieben Jahre hindurch
Vorlesungen über deutsche Sprache , Rechtsalterthümer und Geschichte der Literatur.
Kaum aber war das Jubilaeum der Universität im Jahr 1837 feierlich hegangen, so
fand er sich unter den sieben Professoren, die gegen Aufliebung des Staatsgrundge-
setzes Einsprache thaten , wurde im December seines Amtes entsetzt und mit Dahlmann
und Gervinus Landes verwiesen (vgl. Jacob Grimm über seine Entlassung. Basel 1838.)
Die nächsten Jahre lebte er , am altgewohnten Orte , zu Cassel in stiller Zurückgezo-
genheit und ^vurde im Jahr 1841 nach Berlin berufen, wo er als Mitglied der Aka-
demie zugleich Vorlesungen an der Universität zu halten berechtigt ist. Zweimal
zum Vorsitzenden der Germanistenversammlungen zu Prankfurt 1846, zu Lübeck 1847
gewählt, sass er 1848 in der Nationalversammlung zu Frankfurt und tagte 1849 mit
zu Gotha. Was ihm in seinen äusseren Stellungen je Leids geschah ist ihm stets zum
Heil ausgeschlagen. Als er Hessen mit tiefem Schmerz verlassen muste (und wie
möchte er heute in das unglücklich gemachte Land wiederkehren?) gieng ihm statt
der beschränkten Lage ein ehrenvolles, reicheres Leben zu Göttingen auf, nach dessen
Sperrung er in Berlin noch freier und geförderter sich seiner angeborueu, ungeschwäch-
ten Arbeitslust hinzugeben im Stande ist.
Er betrachtet als für sein Leben und seine Wirksamkeit entscheidend, dass die
vom früh verstorbnen Vater selbst noch ausgegangne Vorausbestimmung zur Rechts-
wissenschaft ihn abgehalten hat, sich der classischen Philologie , avozu wol Trieb und
Anlage in ihm gewesen wäre, enger anzuschliessen, an deren Platz nunmehr unver-
merkt die Neigung festwurzeln konnte , vaterländischen Forschungen alle Kraft zu wid-
men. Durch die Gunst der Verhältnisse gelang die Losreissung vom zerstreuenden
Geschäftsleben und die feste Anknüpfung des Verkehrs mit Büchern und dem Alter-
thum. Das deutsche Studium, fühlte er wol, muste ihm Hauptaufgabe werden und
bleiben , nicht bloss nebenbei getrieben werden , denn es fordert den Mittelpunkt. Es
kam darauf an, einen fast ganz brach liegenden, unabsehbaren Boden in raschen
Angriff zu nehmen und die Früchte wuchsen nicht karg auf. Für seine deutsche Gram-
matik konnte er alle Vorgänger von Ikelsamer bis auf Heyse , Adelung mit einge-
. schlössen, ungelesen lassen und seine Mythologie gieng hervor im sichern Gefühl, dass
Rössig und Gräter lauter leeres Stroh gedroschen und eine ganz verkehrte Weise befolgt
hatten. Er hat nicht zuviel geschrieben, ausser vier Bänden der mehrmals umgear-
beiteten, dennoch unvollendeten deutschen Grammatik, deutsche Rechtsalterthümer
(1828), die grosser Erweiterung fähig und bedürftig wären, deutsche Mythologie
(1835. 1844) und eine Geschichte der deutschen Sprache (1848). Versiegte Quellen
wieder aufzuthun lag ihm sehr am Herzen, doch, so hoch er die Critik achtet und
an Geistern, die für sie ausgerüstet scheinen, bewundert, ihm galt es mehr darum,
in dem flutenden wasser zu baden, als die hineingefallenen Halme und Spreuer weg-
zuschaifen, die sich entweder von selbst ausstossen oder von tapfern Fegern fortge-
bracht werden. Beim Reinhart Fuchs (1835) lag ihm weit mehr an Entfaltung des
wunderbaren Wesens der Thierfabel, dieser Reinhart und die mühsam zusammenge-
brachten, noch nicht genug erkannten Weisthümer (1840—42) sind ihm seine lieb-
sten Bücher. Für sein bestes hält er (vielleicht mit Widerspruch mancher Leser) die
Geschichte der Sprache , obgleich sie, zu schnell niedergeschrieben , an mehrern Stellen
der Nachhülfe bcdarl'. In Haupts Zeitschrift und in den Abhandlungen der Berliner
A. KÜHN, ÜBER HUGO MEYER, ROLAND 491
Akademie findet sich vielerlei von ihm. Eine Vorrede zu Merkels lex salica behandelt
die Malbergische Glosse ausführlich (1850). Gemeinschaftlich mit Wilhelm hat er
die Kindermärchen und Sagen gesam)uelt , die sich zum Verdienst anrechnen das Feld
eröffnet und eine Menge ähnlicher Sammhuigen in Deutschland wie ausserhalb, her-
vorgerufen zu haben, durch welche es nun möglich geworden ist, die reiche Fülle
solcher Überlieferungen zu erschauen und fruchtbar zu bearbeiten. In alter Gemein-
schaft mit dem Bruder soll auch die umfassendste Arbeit ihres Lebens, wenn sie, wie
sie nun begonnen hat, zur Vollendung gedeihen kann, das weitaussehende deutsche
Wörterbuch erscheinen.
Eoland von dr. Hugo Meyer. Osterprogramm der hauiitschule zu Bre-
men. 1868. 22 s. 4.
In meist überzeugender weise sucht der Verfasser statt der bisher versuchten
historischen anlehnung der Rolandsage mythischen niederschlag in derselben nachzu-
weisen und fasst aufs. 13 das resultat seiner Untersuchungen dahin zusammen , ,,dass
der fränkischen Eolandssage ein mythus von einem gotte Hruodo oder Bodo zu
gründe liegt, der ums jähr 800 etwa diese form hatte: Der Sonnengott Hruodo , Ber-
thas söhn, ausgezeichnet durch sein schwert und sein hörn, wii'd vom altfeinde der
götter , Gamalo , verraten , von seinem bluts - oder bundesbruder , Oller , dem schild-
gott , dessen Schwester er liebt, wider dessen willen tötlich verwundet und endet so
im kämpf wider die unholde im dornental unter dem weltbaum. Die sonne bleibt
nach seinem tode still stehen, die steine weinen um den verstorbenen, die geliebte
folgt ihm in den tod."
Er sagt dann weiter: „Es liegt mir hier nicht ob, diesen mythus auf die natur-
anschauungen zurückzuführen ; niu- so viel wird sicher sein , dass hierin dargestellt
ist der kämpf des lichtes und des dunkeis während der Sonnenwende oder vielleicht
noch besser während der herbstlichen tag- und nachtgleiche."
Im folgenden schliesst er dann daran noch weitere bestätigungen aus einzelnen
sagen und gebrauchen, die ihn zu den Eolaudssäulen und -bildern, von denen er
ausgegangen , zurückführen und ihn in Roland, Irmin und Ziu nur verschiedene namen
des einen Sonnengottes erkennen lassen.
Wir können auch in diesem abschnitt den resultaten des Verfassers im ganzen
nur zustimmen, die auf dem gründe sehr richtigen Verständnisses der mythensprache
ruhen, Avie sich in vielen einzelnen punkten auch aus der mythologie der verwanten
Völker nachweisen Hesse.
Soviel über die arbeit im allgemeinen; hier noch einige einzelheiten. Wenn
der Verfasser glaubt, dass auch in dem namen des wilden Jägers Herodes oder Rods,
der doch wol in christlicher zeit aus Hrodo entstellt sei, derselbe Sonnengott stecke,
so kann ich dem nicht beistimmen nach dem, was ich in dieser Zeitschrift I, 89 ff.
als den grundcharakter des wilden Jägers nachgewiesen zu haben glaube. Dagegen kann
der blosse name, der doch nichts weiter besagen wird als der berühmte, ja sehr
wol zwei ganz verschiedenen göttern zugestanden haben , wie z. b. Indra und Agni bei
den Indern oft dieselben beinamen tragen; wie beide z. b. Vritrahan , Vritratöter und
sahasvant, siegreich heissen. — Zu dem umdrehen des Rolands bemerke ich, dass
dieselbe sage auch in Stendal geht (mark. sag. s. 5) , wo man auch erzählt, der
Roland sei verheiratet und der zu Buch (in der Altmark) stehende sei seine frau!
(ib.). — In bezug auf die erklärung der form Tiodute bemerke ich, dass zu ihr,
4U2 A. KUHN
was (las broiiior würtcrbudi bietet, doch niclit auwrciclit; es luit kein (inte, sondern
(hitfe, und zwar mit der bedeutung „ein pHock, zai>fen.'' Daye<,'cn bieten Scham-
baeli- Müller, niederdeutsches wörterb.: „(hit (?sin<;-. un^-ebr.), [>\.(lutten, subst. def. —
Nur in der redeusart in (hiticn (jän in triunnier ^eheu, zu gründe gehen und in
iluttcn slän in trlünnier zerschlagen," woraus sich Avol die bedeutung pfähl einiger-
niassen rechtfertigen lässt, zumal wenn man den truneus ligni des Rudolf von Fulda
(myth. 106) als bezeichnung der Irmensäule dazu hält.
Durch Ziutar , Zeter scheint mir die annähme, dass der weltbaum auch nach
Zin genannt sei, hinlänglich gesichert, zumal ja die ursprüngliche bedeutung nur
,, hiuimelsbaum " besagt. Mir scheint aber auch, dass zwei sagen aus Nordjütland
weiteren beweis dafür liefern, die Sv. Grundtvig in seineu gamle dansTce minder 3,
137 nr. 96-97 mitteilt:
Troset paa Tis- Eng ^
(Fra Thy)
[96] . A. Der sJcal vcere et sted, de Icalder „Tis' Eng " og der staar et trce
med tre grene, og det er saa forfmrdelig stört, at dct ser ud , som det var „sJcy-
fcest." Det er spaat ovi , at det skal tre danslce Iconger binde deres lieste ved, naar
slaget er saa hardt, at der er ikkun tolvaars dreiige og Jcvindfolk til at liriges.
Nogle siger , at det er Icongcrne uf Dunmark, Norge og Sverrig , der skal binde
deres heste ved det trce.
[97]. B. Paa „Tids Enge" skal der staa et trce, som liar voeret savet af
mange gange, men som ultid er grot op igjen, og om det hur Sybille spaut, at der
skal det engang gaa gruelig til: der skal staa et Jiaardt slag. Dunmurk skal da
ticere i krig , och fjeiulerne komme her ind i landet sonderfra og loegge det rent ode.
Den sidste rest af den danske hcer skal saa samles paa Tids- Enge og fjenden staa
ligeoverfor den, og saa kommsr den danske konge ridende paa sin hvide liest og
staar af og binder den ved det trce, og da begynder slaget. Det skal gaa Dans-
keryie imod , for de er saa faa, og de skal blice slaaede ihjel hver mand. Men saa
kommer Holger Danske („Olgjer Dalmsk") og samler edle tolvaars drenge og tre-
sindstyveaars moend , og med dem gaar han mod fjenden, og da skal Dansken vinde
sejer. Men det er ogsaa det sidste slag der skal stau , for saa er dct forbi med
baade venner og fjender , og det er Dommedag, da al Verden bliver odelugt.
Der er andre, som siger, at det slag, hvor Holger Danske skal komme, det
skal staa paa Kronens Mark norden for Tliisted; og de siger ogsaa, at naar det
slag skal begynde xkiu Tis -Enge, saa skal Lindormen i Kloo-BaJcke bryde ud og
gjore det af baade m^ venner og fjender , saa ikke een bliver tilbage; men det kan
ogsau vosre det summe, for da er det Dommedag.
Ich denke Grundtvigs Vermutung ist so wahrscheinlich, dass sie kaum des
Ijeweises bedarf; doch würden lagerbücher und Urkunden älterer zeit vielleicht den
vollen beweis liefern, dass Tis Eng nichts sei als Tirs Eng und somit von Himin-
vängr himmelsfeld nicht verschieden; der himmlische bäum und das himmlische feld,
auf dem er steht, sind also nur irdisch localisiert, doch so dass der bäum noch him-
mel und erde verbindet, denn er reicht bis in die wölken (skyfcest). Der könig auf
weissem ross , der dasselbe an den bäum bindet , möchte dagegen hier nicht Tyr,
sondern Odin sein, doch ist der zweite kämpfer Holger Danske (Olgjer Dahnsk) für
J) Man kan jo herticd luinke paa det Tise, der er Annex til yreiidsted i Vc.ndsi/ssel ; mvn Jra
Jörst "J har man doy nok tdinkt paa Gudens (Tirs) orj ikke paa Stedets Navn.
ÜBER HUGO KEYER, ROLAND 493
uns von Wichtigkeit, Ja in ihm der Olivier der Eolandssage, wie üin Meyer aufge-
fasst hat, nicht mehr verkannt werden kann. Nach dänischer sage Avar er als geissei
bei Karl dem Grossen und zog mit ihm in den krieg gegen die Saracenen, nachher
zog er mit dem kaiser nach Indien, wo er eine frucht zu essen bekam, welche sei-
nen körper unsterblich, machte, so dass er, obgleich er nachher in Frankreich starb,
sich doch an verschiedenen stellen noch sehen lässt. Auch sagt man, dass er, so oft
die dänische kriegsmacht in kämpf und gefahr ist, sich voran sehen lässt mit dem
rothen schilde, um sie zu ehre und rühm zu führen (Thiele, Daum, folkes. I^ 18.).
Grimm, mj'th. 913 sagte: ,,Die Dänen wandten alte mj-then auf Olger , der gar nicht
ihnen, sondern den Niederlanden gehört, und derselbe Ogier (Otger, vielleicht Ota-
cher) soll im Ardennerwalde umgehen und einmal widerkommen." Jetzt werden wir
wol nicht anstehen , im Olger = Olivier den OUerus des Saxo mit Meyer zu erken-
nen, da er ja als Skjaldaräss durch seinen roten schild unverkennbar ist. (Vgl. Mej^er
s. 13). Nur das scheint mir einzuräumen, dass die romanische namensform wol auf
die dänische eingewirkt habe und dass Ogier, der in den romanischen Überlieferun-
gen der Däne heisst , in der dänischen sage mit Olivier zusammengeflossen sei. Oder
wäre es etwa umgekehrt und wären sowol Olivier als Ogier erst aus dem einen Oller
hervorgegangen? Ich unterlasse übrigens auf die klar und auf der band liegende
naturauffassung weiter einzugehen.
Zum schluss will ich noch einen umstand beibringen, der die auffassung der
rolandssäulen als der des ,, berühmten*' erklären helfen und eine interessante parallele
zum eddischen mjiihus vom weltbaume bieten möge. Im l'üUtinya-hräJimanav/ird unter
den zur ausrüstung der opferstätte nötigen hölzern auch der parna aufgeführt, der,
wie ich an einem andern orte ausgeführt habe (herabkunft des feuers s. 126 ff.),
himlischen Ursprungs sein soll. Da heisst es nun I. 1. 3. 10: „Im dritten himmel
von hier war der soma ; den brachte die [fthjatri her , ein blatt (parna) davon wurde
abgerissen, das wurde der j)rtr««-(baum) , das ist (fids, parna parrM-\\.Q\t. Wer ein
opferrequisit von parnaholz hat, der Avird des somatranks teilhaftig. Die götter
unterredeten sich beim Brahman, das hörte der parna, Siigraväs (ruhmvoll) heisst
er ja mit namen; wer ein opferrequisit von parnaholz hat, erlangt heiligkeit." ^ Zu
diesen Worten gibt Säyana folgende erläuterung: ,,Als die götter einst an einsamer
statte sich im schatten des jJrt^äfrtbaunies niedergelassen und mit dem höchsten Brah-
man Zwiesprache pflogen, hörte das alles der dabei stehende palägahaum, und weil
er so treftliche dinge gehört, erhielt er den namen Suprwüs." Vgl. ib. I, 2, 1,
5 — (i, wo dieselbe erzählung widerkelu't und nur etwas bestimmter erzählt wird,
dass die götter dort heilige reden geführt hätten (demnäm hrahmavädam vadatäm
yad upägrinoh) . Die götter halten also unter dem schatten des himlischen paläqa
Zwiesprache und führen heilige reden, wie die Äsen unter der esche Yggdrasil rat
und gericht halten. Der bäum führt den beinamen Surraväs (wörtlich = svxktrjg),
was sowol heisst: ,,der treffliclies gehört hat" als auch ,,von dem treffliches gehört
wird, ruhmvoll." — Icli lasse die frage dahin gestellt, ob diese genauen Überein-
stimmungen bereits gemeingut der urzeit oder nur gleiche Weiterbildungen aus glei-
chen grundlagen seien; im einen wie im anderen falle sind sie von hohem interesse.
1) triüyasyäm ito diin soma dsU. tarn (jdyatry dharat. tasya parnam accliid-
yata , tat parno'bhavat. tat parnasya parnatvum. yasya parnamayah samhhnro hlia-
vati, somaintliam evä' varunddhe. devä väi hr alimann avadanta, tat parna vpägri-
not. sugravä vai ndma. yat parnamayah mmhhärn hhavati, hrahmnvarcasam evä'
varunddhe.
494 GERLAND
Bemerkt iiuif,' nur nocli werdeu, 'dass gravas von derselben wurzel tjru, klii stamt,
wie yJ.t'os und Hruodo.
BEIILIN. A. KUHN.
Altgriecliische inärchen in der Odyssee. Ein beitrag zur verglei-
chenden mythologie von dr. Georg' Gerland. Magdeburg, Creutzische
bucbbandlmig 18G9. 52 s. 8. (10 sgr.)
Unsere gesamte märcbenlitteratur zerfällt in zwei grosse theile : erstens in
jüngere märcben , welche fast alle, wie Benfey nachgewiesen hat, aus Indien stam-
men und dorther einerseits von Arabern und den europäischen Völkern entlehnt, ande-
rerseits mit dem Buddhismus, dessen litteratur sie zum grossen theil angehören,
nach Tübet und der Mongolei gekommen sind. Ausser diesen gibt es aber noch eine
sehr grosse anzahl älterer, ja uralter erzählungen, welche man als frühes ureigentum
des indogermanischen stamvolkes betrachten muss. Diesen satz sucht vorgenante
Schrift zu beweisen und zwar zunächst an märchen, welche in Indien von den Vid-
yädhareu, halbgöttlichen wesen der späteren litteratur, aber von sehr hohem alter,
in Griechenland von den Phäaken und Amazonen, in Deutschland von den Walküren
und Lichtelben (Titania) erzählt werden; wie denn auch alle jene wesen, die Vid-
yädharen, Phäaken, Walküren u. s. w. zu identificieren sind. An diese märchen
haben sich und schon in ältester zeit andere angeschlossen: zunächst das von den
blutsfreunden oder dem treuen diener, sodann aber der mythos von den toteninseln
und der fahrt zu ihnen und endlich von den Schwarzeiben, welche sich im späteren
Deutschland als Hexen, in Indien, als Yakshas und in Griechenland in einzelnen
dämonischen wesen widerfinden, wie in Kirke, Medea u. s. w. Nachdem bei dieser
gelegenheit noch über den ström und fels vor der unterweit (leukadischer fels , dille-
stein der helle , lapis manalis) geredet und derselbe aus der geographischen beschaf-
fenheit der ursitze des indogermanischen stamvolkes abgeleitet ist, werden jene
Schwarzeiben und verwante als plurale Personifikation des abends , der nacht , die
Lichtelben als eben solche des morgens gedeutet — beide mögen entstanden sein aus
dem flockigen gewölk des abend- und morgenhimmels , welches dort immer dunkler,
hier aber sich immer goldner und heller färbt. Der kern der behandelten mythen,
das hinaufsteigen zum himmel , das herabsteigen zur unterweit enthüllt sich als ural-
ter sonnenmj'thos. Einen solchen hat man auch in der sage des Odysseus zu sehen,
dessen gleichstellung mit Hennes dadurch fällt.
Ich habe mir von der verehrten redaction dieser Zeitschrift den räum für eine
selbstanzeige hauptsächlich deshalb erbeten, weil ich dem schriftchen, das in mög-
lichster eile als festgruss geschrieben und gedruckt war , noch einige nachtrage anfü-
gen wollte. Zunächst eine kleinigkeit, welche indes nicht ganz ohne Interesse ist.
Hermes gibt dem Odysseus das kraut moly mit milchweisser blume und schwarzer
wurzel und es ist bekannt, gegen welche gefahi- es den Odysseus persönlich gegen
die schon besiegte Kirke schützen soll. Seite 36 wird über die ähnliche Wirksamkeit
des deutschen allermannsharnisch u. s. w. geredet. Wie kommen diese harmlosen
blumen zu einer solchen kraft? Auf diese frage lässt sich, wie es mir scheint, eine
ganz erschöpfende antwort geben. Sie ist folgende. Die uranfäugliche medicin nicht
blos der Indogermanen , sondern der sämtlichen Völker der weit, wenigstens der
Afrikaner, Amerikaner, Malaien und Australier bestand zum theil darin, dass man
gleiches mit gleichem vertrieb: „ gelbholz wurde gegen leberkrankheiten, eine schlan-
genähnlich gewundene wurzel gegen schlangenbiss , pflanzensaft, der eingetrocknet die
MÄKCHEN IN D. ODYSSEE 495
gestalt von würmern annahm, gegen Spulwürmer angewendet — jedenfalls die älteste
art der homöopathie " (Waitz, anthropol. 3, 391 von brasilianischen Völkern nach
V. Martins). Man braucht weiter keine beispiele; hat sich doch im deutschen aber-
glauben vieles der art erhalten, wie man z. b. den saft von brennesselblättern gegen
brandwunden anwendet u. s. w. So verlieh man auch den zwiebeln jener pflanzen,
welche meist eine grobfaserige hülle (so allium Vietorialis , gladiolus) und entweder
runde oder länglich gezogene gestalt haben , wegen ihrer ähnlichkeit mit dem gefähr-
deten theil ihre gefahrabwendende heilkraft. Auch die milchweisse blute ist viel-
leicht nicht ohne bedeutung. Spuren ältestes heil Verfahrens haben sich übrigens auch
sonst noch bei uns erhalten: wenn wir unsere kinder zu grosser beruhigung der lei-
denden an stellen wo sie sich gestossen oder sonst verletzt haben, unter einem
kindischen verschen anblasen: so thun wir jetzt im scherz, was alle naturvölker noch
heute im ernst thun, was unsere vorfahren vor Jahrtausenden gleichfalls im ernste
thaten und dass nur nicht in jenen sinnlosen verschen alte heidnische bannformeln
stecken! Auch der aberglaube, man dürfe ein kind nicht anblasen, der z. b. in
Hessen ganz verbreitet ist, beruht auf derselben anschauung. Zauber lösende kraft
hat das anblasen auch im märchen von den sechs schwanen, Grimm 1, 247.
Doch wir sind abgeschweift und kommen zu unserem heftchen zurück, zu
ernsteren dingen. Auch die sage, welche dem Nibelungenlied zu gi-unde liegt, ist
in demselben behandelt und Brunhild als lichtelbin, Günther und Sigfrid als held
und treuer diener gedeutet, welche die himlische zu erwerben ausziehen; der ganze
mythus also erscheint als andere Version der geschichte von Hettel Wate und Hilde.
Allein in jener erzählung der Nibelungen ist vieles zusammengeflossen. Sigfrid ist
ursprünglich eine personification des lichtes , des tages , der sonne ; sein tod durch
Hagen mag das absterben des sommers, der lichtzeit darstellen. Von dem sonnen-
helden aber giengen noch andere mythen: er zog zum himmel hinan um eine göttin
zu freien und stieg wie die abendsonne zur unterweit in das reich der Nibelungen
hinab. So erscheint auch Sigfrid als freier und gewinner der Walküre Brunhild und
seine leuchtenden walsungaugen , wie sie ihn der göttin kenntlich machen , verraten
auch uns seine ursprüngliche sonnennatur. Später gab man ihm den freund zur
Seite, der ihm half und noch später verschob man das ganze, indem jetzt der leuch-
tende Sonnengott, ui-sprüngUch der hauptheld, zum gezwungen dienenden helfer wii'd :
sei es aus Interesse am pathetischen, denn durch seine Verschiebung erhält freilich
erst der mythos jenen hohen tragischen reiz ; oder sei es , und dies ist wahrschein-
licher, aus rein naturalistisch -mythologischen gründen, denn freilich ist im norden
der leuchtende gott der sonne die längste zeit im dienstc des kalten , unfreundlichen
nebelreiches des mnters. Alle diese demente sind im Nibelungenlied vereint und so
wie wir eben aufgezählt, scheint die reihenfolge jener Verschmelzungen gewesen zu
sein. (Vergl. Simrock, deutsche mythol. 73 — 75).
Dafür , dass die Walküren den Vidyädharen gleich zu setzen sind , lässt sich
noch anführen , dass , wie jene wunschmädchen heissen und schätze spenden , so in
den gärten der Vidyädharen der wuuschbaum steht, der alle wünsche, die man ihm
ausspricht, erfüllt (Somadcva, herausg. von Brockhaus, Tar. 22, 18; Brockliaus übers.
117). Dieser wunsclibamn lebte aucli in der deutsclien mythologie: er ist erhalten
(nicht entlehnt) in dem bäumchen, welches auf Aschenputtel gold und silber herab-
wirft, obwol sich hier eine andere mythologische anschauung eingemischt hat, näm-
lich die von dem segen spendenden einfluss abgeschiedener verwanten. Denn das
weisse vögelchen, welches die gaben herabwirft, ist der geist der mutter, welche
sich ihi-es verlassenen und gcmishandclten kindes erbarmt. Er ist erhalten ferner in
40G GERLAND
(Ifv wi'iiiscliclnito, wi'K-lic iiioist, Avio jener bäum iuit' dem grabe, eine liasel ist; erhal-
ten ferner in der liasel im volksliedc , welche ein junges mädchen dureh ihre klugen
Warnungen vor t'ehltritteii behütet. Auch ist es begreiflich, warum die schatzhiiten-
den sehlangen und drachen auch ,, haselwurni " hcissen. Weil sie sich gern unter
haselnusstaudeu auflialten, heisst es bei Frisch; natürlich, sie liegen auf den
schätzen , welclie die hasel spendet. Unbegreiflich aber ist es , warum die eigentüm-
liehkeiten des indischen wunschbaumes gerade auf den haselstraiich übertragen sind,
der sich weder durch hohen wuchs noch durch blütenpracht auszeichnet und dessen
fruchte man gewiss nicht so hoch hielt, dass durch sie jene Übertragung gerechtfer-
tigt ist. Die buchnüsse schätzte man mindestens ebenso hoch, ja höher, wie aus
der beschränkung des gotischen aJcran auf die fruchte der buche, die buch-eckern,
hervorgeht. Dieser bezug der hasel zu gold und schätzen muss einen andern grund
haben: er muss im namen liegen. Im sanskrit heisst der wunschbaum Tcalpa , d. i.
bewirker, geber, oder manorathadäyalca , wunschgeber; ahd. hasal leitet Ben-
fey gr. WL. 2, 154 von sanskr. gas springen ab und erklärt es ,,die kleine sprin-
gende nuss." Hierbei ist aber nicht abzusehen, warum sich mit der hasel die uralte
Vorstellung des wunschbaumes vereinigt hat; und wenn jene etjonologie richtig ist,
so möchten wir sie eher so deuten , dass hasal die springrute bezeichnet , welche dem
Schatzgräber aus der band springt , um schätze anzuzeigen. Allein auch diese erklä-
rnng schliesst sich zu sehr einem späteren , nicht ursprünglichen gebrauch an. Man
stellt hasal gewönlich zu lat. corylus , corulus, griech. xoQvXog und xüqvot , wel-
ches letztere Benfey zu sanskr. Jcaralca schale der kokosnuss stellt und es deshalb
von corylus hasal ti-ennt. Und mit recht: denn ahd. s verlangt auch s im sanskr.
Hätten Avir ein recht, anzunehmen, dass ahd. s sanskr. r vertreten könnte, wie
nach Lottuer in Kuhns zeitschr. 7, 190 viridis (welches wort gevviss mit Benfey
und Bopp zu sanskr. liarit gestellt werden muss) und althochd. wiso zusammenge-
hört , so ergäbe sich als wurzel zu corulus und hasal sanskr. hri bestreuen , begaben,
anfüllen, was auf den wunschbaum treiflich passen würde. Allein das s widersteht
dieser erklärung; auch scheint corulus im lat. keine beziehung mehr zum Icalpa der
Indier zu haben ; und die deminutivform in allen drei sprachen ist zu beachten. Wii*
kommen also zu keiner bestirnten entscheidung ; doch scheint uns die geltung der
hasel als wunschbaum aus den augeführten gründen wichtig genug, die bisher auf-
gestellten etymologien anzuzweifeln, i
Ob aber nicht noch eine andere spur der Vidyädhareu in unserem deutschen leben
und zwar dem alltäglichsten weiterlebt? Es ist etwas ganz gewöhnliches in den
indischen märchen , z. b. besonders bei Somadeva, dass Vidyädharen und andere
halbgöttliche wcseu als menschen geboren werden, welche sich dann gleich von frü-
her Jugend an durch ausserordentliche begabung auszeichnen und schon früh den
verdacht erwecken , dass sie eigentlich nicht dieser weit angehören. Auch in Deutsch-
land herschte ein ähnlicher glaube meistens von schlechten geistern , welche ihre kin-
der mit menscheukindern vertauschen und sie als Avechselbälge in die wiege legen.
Wird aber der wechselbalg durch etwas als göttliches wesen erkannt, so muss er
Avider in seine heimat zurück. Mit den guten geistern Avar es früher avoI eben so.
Dafür sprechen eine menge märchen, in denen kinder ganz Avie scliAvan Jungfrauen
oder Vidj'ädharen pUHzlicli in vogelgestalt entrückt und nur durch äusserste mühe
Avidererlangt werden; dafür auch das eintreten ähnlicher halbgöttlicher wesen in
1) über die hasel vgl. Kuhn, die herabkunft des feucrs und des göttertrankes. Berlin 1859
s. 227 fgg. Red.
M.VKCHEN IN D. ODYSSEE 497
menschliche Verhältnisse (Melusine, Staufenbergers frau u. s. w.), welche verschwin-
den müssen, sobald man ihre wahre natur erkannt hat. Auch sie zeichnen sich durch
besondere Schönheit oder sonstige gaben aus. Nun sagen wir im täglichen leben
scherzhaft: ,,er ist zu gut für diese weit;" allein unsere ahnen mögen das, was jetzt
nur noch abergläubische kaffeeschwestern , wie z. b. die bewohnerinnen Ostraus bei
Freitag Soll und haben cap. 1, ernsthaft nehmen, wirklich so aufgefasst haben, dass
allzugut begabte frühreife kinder solche wechselbälge im guten sinne seien und daher
stammt jene redensart, als deren ältestes vorkommen mir die stelle in Shakespeares
Eomeo und Julie , wo die amme von ihrem verstorbenen kinde spricht , bekannt ist.
Gewis aber gibt es ältere belege. Weder christlich ist diese Vorstellung, noch zur
heidnischen moral gehörig, denn das heidentum fasst die weit als ganz glückseligen
aufenthalt der lebenden auf und das Christentum hält alle menschen für sünder. Sie
kann sich also nur entwickelt haben aus einem solchen eingreifen überirdischer
mächte, wie ihn das heidentum auch in Deutschland mannigfach annahm.
Doch wii- sind immer noch nicht mit den Walküren und ihren verwanten fer-
tig. Wie sich bei Ariost das amazonenmärchen erhalten hat, so finden wir bei ihm
auch eine merkwürdige spur unserer deutschen Brunhildsage , und zwar scheint es,
als ob wir hier eine einwirkung des Nibelungenliedes hätten, wie sie selten genug
in romanischen landen sein dürfte. Ariost erzählt nämlich (32, 51 f.) von einer
unendlich schönen königin, die im tiefsten norden auf der ,, verlorenen insel" oder,
wie diese insel von einigen genannt wird, auf Island thront und weil sie sich nur
mit dem ersten beiden der weit vermählen will, an Karl den Grossen als den höch-
sten richter ritterlicher dinge einen reichen goldschild (also auch hier die beziehung
auf den reichtum) schickt mit der bitte , diesen dem ersten ritter als ehrengabe und
ihr diesen ersten ritter als gemahl zu bestimmen. Diese erzählung ist merkwürdig
genug; wie es denn überhaupt eine ebenso schwierige als verdienstliche arbeit wäre,
die quellen des Ai'iost nachzuweisen, eine arbeit, welche für die geschichte der mär-
chen und mythen, ja für die entwickeluug des romanischen Volkslebens von gröster
Wichtigkeit sein würde.
In meiner abhandlung bin ich ausgegangen von der vergleichung der geschichte
des Saktideva mit der des Odysseus, deren ähnlichkeit mir aufgefallen war, als ich
vor einigen jähren den Somadeva behuf eines anderen Zweckes durchlas. Professor
Brockhaus hat seine Übersetzung, welche den schluss seiner ausgäbe bildet, auch als
selbständiges buch erscheinen lassen (Leipzig , Brockhaus 1843) , welches ich erst
kennen lernte , als es mir die Brockhausische Verlagshandlung mit dankenswerter
gefälligkeit für meine arbeit zusante. Leider aber hab ich die einleitung jener Über-
setzung erst gelesen, als meine abhandlung gedruckt und ausgegeben war, und so
trage ich hier nach, was ich sonst im texte erwähnt haben wäirde: seite XVII jener
.einleitung weist Brockhaus gleiclifalls darauf hin, dass Saktideva sowol wie Odys-
seus in die gefahren der Charybdis geraten und beide auf ähnliche art gerettet
werden.
Wie es nun wol in märchen geschieht, dass der held desselben nach mancher-
lei wunderbaren wegen und abenteuern schliesslich vor ein ehernes thor kommt, das
hinter sich eine neue und erst recht wundervolle weit der wunder birgt, die er zwar
ahnt, aber noch nicht erkennt: vor ein ähnliches ehernes thor sieht sich schliesslich
auch der leser meiner abhandlung gefülirt, hinter welchem er von wunderbar über-
einstimmenden malaiisclien, polynesisclien , amerikanischen und nach Jülgs neuesten
entdeckungen mongolischen mytlien und märclien hört, deren Übereinstimmung unmög-
lifli auf Zufall oder cntlehnung Ijcrulien kann , ohne dass er erfährt, was es mit ihnen
49S OERLAND
und ilirci- yloiclilioit, für (miic bowaiitnis liabo. Zwar ist os in den märehon oft
<;-ot'iilirlioli , wenn ein solches thor zu früli oder gar von unbefugten bänden eri)ft'net
wird: allein wir wollen es dennoch zu öffnen wagen, wenn wir aucli in den geheim-
i\isv(illen räum dahinter iiiclit eintreten. Ja denn: alle diese niythen halte ich für
unentlelmt, für gemeinsames erbgut dieser so ganz verschiedenen Völker , welche viel-
leicht in unvordenklichen zeiten nicht so geschieden waren , wie jetzt. "Wie aber und
woher diese genieinsamkeit gleicher mji:hologeme zu erklären ist, das hoff ich später
in einem besonderen buche ausführen zu können , für jetzt weise ich nur auf ähnliche
Übereinstimmungen hin, welche ich in meinem , .Aussterben der naturvölker" (20 f. 77 f.
34 f. 40 f. 4G. 42 u. s. w.) nicht ohne absieht zusammengestellt habe.
MAGDEBURG, 16. MAI 1869. GEORG GERLAND.
1. Kalmückische Märchen. Die märchen des Siddhi-kür oder erzäh-
lungen eines verzauberten todten. Ein beitrag zur sagenkunde
auf buddhistischem gebiet. Aus dem kalmückischen übersetzt
von B. Jülg-. Leipzig. Brockhaus 1866. (24 sgr.)
2. Mongolische Märchen. Die neun nachtragerzählungen des 8iddhi-
kür und die geschichte de s Ardschi-Bordschi Chan. Eine fort-
setzung zu den kalmückischen märchen. Aus dem mongolischen
übersetzt mit einleitung und anmerkungen von prof. dr. B. Jülg".
Insbruck, Wagnersche universitäts - buchhandlung 1868. (1 thlr.)
Die vorstehenden märchensamlungen haben auch für den leserkreis einer Zeit-
schrift für deutsche philologie nach mehr als einer seite hin grosses interesse. Zu-
nächst sind sie für die geschichte des deutschen märchens nicht nur, sondern für die
märchenforschung überhaupt so wichtig, dass für jeden, der auf diesem gebiete thä-
tig sein will, beide gleich unentbehrlich genannt werden müssen, denn sie werfen
ein helles licht in so schwer zugängliche räume, von denen doch für die geschichte
des märchens selbst mancher aufschluss geholt werden muss. Fast jede erzählung
beider samlungen gibt material zu wichtigen vergleichungen mit deutschen oder sonst
abendländischen märchen an die band , worauf Jülg in den anmerkungen zu den mon-
golischen märchen vielfach selbst hinweist; und Benfeys in seinem Pantschatantra
ausgesprochene behauptung, dass unser deutscher märchenschatz grosse bereicherung
aus indischen quellen durch mongolische vermittelung bekommen hat, bewährt sich
durch diese vorliegenden Übersetzungen , die zugänglicher und getreuer sind , als ihre
verschiedenen Vorgängerinnen , vollkommen. Andere erzählungen aber weisen , und
das ist besonders merkwürdig, auf eine gemeinschaft des märchenstoffes hin, die,
wenn sie auf entlehnung beruht, auf einer ausserordentlich frühen und lange vor.
Buddhas auftreten erfolgten beruhen muss ; wie z. b. (mong. märch. s. 46) die vom
könig mit den eselsohren , die ganz genau zu der erzählung vom könig Midas , wie
sie Ovid gibt, stimmt und welche ein so wenig griechisches gepräge hat, trotz der
einmischvmg des musengottes, dass man schwerlich glauben wird, sie sei aus dem
abendland nach Indien herübergenommen. Noch merkwürdiger ist die vom klugen
hasen (ebd. 44) , denn ganz dieselbe Stellung . welche die indische mythologie dem
hasen gibt, und sein Zusammenhang mit dem monde findet sich bei den Hottentot-
ten wider in Bleeks Beineke the fox in South- africa. Genauer auf diese bezüge
einzugehen verbietet der räum; die Wichtigkeit der Übersetzungen Jülgs beweisen sie
zur genüge.
ÜB. MÄRCHEN U. SPRACITWISSENSCHAPT VON JÜLG 499
Es ist gewiss nicht leicht, aus einer altaischen spräche getreu und doch geniess-
bar zu übersetzen : allein die vorliegenden niärchen sind so schön , so frei und leicht
deutsch erzählt, dass nur ein ge"\visser fremdartiger localton. der dem ganzen einen
neuen reiz gibt, an ihren fernen Ursprung erinnert. Einzelne theile der samlung sind
geradezu musterstücke. ■v\de man übersetzen muss — und kann. Jülg, der bekannt-
lich auch den grundtext beider märchensamlungen herausgegeben hat, ersteren mit
kalmückisch- deutschem Wörterbuch, letzteren mit kritischen noten, beide mit Über-
setzung, ist einer der ersten kenner mongolischer sprachen in Deutschland, deren
Studium, wie Ewalds abhandlung ,,über den nordischen sprachstamm" beweist, von
ganz specieller Wichtigkeit auch für die geschichte der indogermanischen sprachen
ist, mag man sich nun für Ewald, oder wie bis jetzt wol die mehrheit der Sprach-
forscher, gegen ihn erklären. — Hiermit verbinden wir die anzeige eines anderen werk-
chens desselben Verfassers:
Jülg, B. Über wesen und aufgäbe der Sprachwissenschaft mit
einem überblick über die hauptergebnisse derselben. Nebst
einem anhange sprachwissenschaftlicher literatur. Insbruck, Wag-
ner 1868. 63 ss. (12 sgr.)
Herr Jülg gibt in diesem Vortrag einen überblick über das gesamtgebiet der
Irnguistik. Nachdem er kurz die verschiedenen gesichtspunkte besprochen hat, nach
denen man die sprachen betrachten kann und , will mau ihnen nach allen selten
gerecht werden, betrachten muss, geht er näher ein auf die resultate, welche bisher
die Wissenschaft in beziehung auf die form der sprachen sowie ai;f ,, die sprachliche
ethnographie (s. 7)" aufzuweisen hat. Auf jeder seite der abhandlung zeigt sich in
knappster form eine wahrhaft staunenswerte fülle der reichsten gelehrsamkeit : auf
dem ungeheuren gebiet der linguistik aller weitteile , überall ist der Verfasser gleich-
massig zu haus, überall weist er nach, was schon geschehen, was noch zu thun ist,
überall sondert er aufs umsichtigste das sichere von dem noch nicht feststehenden
oder als unrichtig erkannten, ohne auch dies letztere zu übergehen: so dass allen
denen, welche sich auf dem lockenden aber schwierigen felde der linguistik orientie-
ren wollen, seien es nun anfänger im Sprachstudium oder seien es gereifte, aber auf
ein anderes gebiet concentrierte fachmänner, das büchlein nicht genug empfohlen werden
kann. Auch für den ethnologen ist es von Wichtigkeit und man denke nicht, dass
der linguist von fach leer ausgienge: denn wenn auch Herr Jülg zunächst nur die
ergebnisse anderer zusammenstellt, so ist doch die wissenschaftliche ansieht, die er
selbst vom wesen und Zusammenhang der sprachen hat, scharf und bestimmt zwi-
schen den Zeilen zu lesen imd das ganze empfängt dadurch wie bestimtheit und
halt, so sicher fördernde kraft auch für die linguistik als solche. Sehr wertvoll für
letztere ist ferner der reiche anhang sprachwissenschaftlicher litteratur, der um so
dankenswerter ist, als er in bestimmter anordnung sich auf das gesamtgebiet der
Sprachwissenschaft bezieht. Der herr Verfasser war für eine solche arbeit freilich
ganz besonders legitimiert, da man ihm die Umarbeitung und ergänzung der Vater-
seben litteratur der grammatiken aller sprachen der erde verdankt. — Wenn es der
räum verstattete , so möchten wir allerdings über manche punkte , wo wir anderer
meinung sind, mit herrn Jülg rechten: so über die art. in der er mit Schleicher die
Darwinsche lehre für anwendbar auf die spräche hält (s. 6), wobei doch nichts als
eine rein äusserliche analogie und ähnlichkeit heraus komt; so über manches ein-
zelne in bezug auf Polynesien , Melanesien und Australien , und insbesondere über die
ausdehnung , welche er der agglutinierenden sprachform (s. 9. f.) gibt , unter welche
500 fiERLAND, ÜB. JÜLG , SPRACHWISSENSCHAFT
er niilit nur, ;iusser den altaisclieu , <lic mahiiopolynesischen , sondern auch alle afri-
kanisflion, alle amerikanischen sprachen unterordnet. — Da das hüchlein sehr anre-
ij^end und fesselnd geschrieben ist, so empfiehlt es sich noch einem weiteren leser-
kreis . bei welchem eine recht weite Verbreitung desselben sehr Avünschenswert wäre :
jeder gebildete laie wird es ohne mühe mid mit grossem genuss lesen, da es im
edelsten sinne populär ist. Die uaturwissenschaften stehen mit deshalb heute in so
grosser und allgemeiner achtung , weil der moderne geist, um sich eine sichere,
freie und selbständige Weltanschauung zu bilden , sie bei diesem bestreben zu gründe
legt: nicht minder aber sollte man sich zu diesem zAvecke an die so nah verschwi-
sterten Avissenschaften , die ethnologie und die linguistik wenden, ja an diese — was
bis jetzt noch keineswegs geschieht — vorzugsweise , da sie wie keine andere Wissen-
schaft den menschen über den menschen und seine Stellung in der weit aufzuklären
im stände sind.
MAGDEBURG, JANUAR 1869. GEORG GERLAND.
^ Druckfehler.
s. 18 z. 15 statt 56 lies 60
paruti lies parut
98 Ues 88
swcere lies swa;re
pvaefatio lies praefatio
poden lies poden
Tegerschlag lies Degerschlacht
Bartsch lies Möbius
viererlei lies vielerlei
1867 lies 1868
verkältnisse lies Verhältnisse
- 144
- 28
- 153
- 19
- 229
- 6
- 276
- 3
- 355
- 34
- 355
- 45
- 356
- 26
- 356
- 33
- 357
- 9
439
- 20
I. SACHEEGISTER.
Äditj'a, ädityas 97. 115.
aife. im märchen u. in der
fabel 188 ff. , in der me-
dicin 191.
Agni 97.
A 1 e X a n d e r s a g e. brucli-
stück aus Jul. Valerius u.
dessen epitome 119 ff.
allermanusharnisch 494 f.
alliteration nicht vier-
fach 307.
altnordisch, spräche,
isländischer urspr. d. altn.
schriftspr. 46 if. , dialect-
bildung in Norwegen 44 ff.
syntax 424. metrik 425.
— 1 i 1 1 e r a t u r. norwegi-
sche auffassung derselben
25 ff. isländischer , nicht
norwegischer , Ursprung
46 ff. 57 ff. quellen, In-
halt , form , ideen der hel-
denlieder 427 ff. poesie
57 ff. Jurisprudenz 60 f.
geschichtschreibung 61 ff.
nichtgeschichtliche sagen
79 ff. sonstige litteratur-
zweige 80 ff. fremdlän-
dische Stoffe 82 f. verfall
in Norwegen früher als
in Island 83 ff. — Alt-
nordischer litteratur-
bericht 389 ff.
altsächsisch, spräche,
altsächs. dialektische ein-
flüsse im Hildcbrandslicd
298. im Wessobrunner ge-
bet 298 ff. — littera-
t u r. alttestamentliches
gedieht 291 ff. anfang
hochdeutsch erhalten im
wessobrunner gebet 294 ff.
andhakä sternbild 112 ff.
angelsächsisch, sprä-
che, eiuflüsse auf d. abre-
uuntiatio diaboli und die
zweite Basler arzneivor-
schrift 298. — vocale.
eä = got. äu 339 f. —
litter atur. gedichte.
rätsei 215 ff. epilog zu
Elene 219. 314. 331. von
erscheinung des kreuzes
313. gebete 319. reimge-
dicht des cod. exon. 321.
bi monna cräftum 323.
bi monna vyrdum 223.
Wanderer 324 ff. Seefah-
rer 330 ff. Gudlac 325
anm. 331. spruchdich-
tung 331 ff.
Angirasas 97. 115.
Apollo i'uy.Tl koiywg 100.
seuchenseudend 115.
ärdrä sternbild 113.
Ari hinn frodi 46. 62. 67.
Augustijnken v. Dordt 174.
Bähu sternbild 113.
bauernwenzel -wetzel -wä-
schel 309.
Beatrijs 166.
Bernkes jachte s. jagd.
Bhrigu, Bhrihaspati97. 115.
bliscap, d, eerste v.Marial76.
boec V. d. houte 170.
Böddcnjäger s. Jäger.
Boie, H. Chr. .378 ff.
Boudewijn v. d. Lore 175.
ZEITSCHR. F. DEUTSCHE PHILOLOGIE.
brahmanas, ihr wert für
mythologie 119.
Brandaen 162.
Bugges ausg. der Edda 391
ff. 417.
bürzel, burzel, perczel 22 ff'.
312. Ganser 23.
Calfstaf 166.
Carel ende Elegast 164. 166.
177.
casus. accusativer ge-
brauch des nom. und no-
minativer des acc. 355.
442 ff.
Catoen, dietsce 166.
CläwsBür verfasst von Bado
214.
c 0 n s 0 n a n t e u. lautver-
schiebuuglff. 126. 129 ff.
auslautend t nach n ab-
gefallen 127. auslautend
n, s abfallend bei Otfrid
438. Wechsel zwischen str.
und scr. 233 anm.
Cornelius im Sprachgebrauch
des 16., 17 jh. 452 ff.
coqueluche 22.
Cynevulf. leben: 217 f.
2l9ff 313ff. 317ff 327f.
gedichte: von erschei-
nung des ki-euzes 313 ff.
bi monna cräftum, bi
monna vyrdum 323 ft".
Wanderer 324 ff. Seefah-
rer 330 ff. gnomische ge-
dichte 331 ff. — zu un-
recht ihm zugeschrieben:
ein gebet 319. ein reim-
gedicht des cod. exon. 321.
33
')02
T. SArTTREOISTKR
dank tnon . snjrr-n. fijobaii
4H-).
D i a 1 c c t e. deutsche, alt-
niederfränkischer V. Wer-
den 288. schlesischer
199 ff.
Diederic van Assenedo 165.
Doctrinael. dietsce 171.
Eber = sonne 115 ff. ohne
herz 184.
Eburdrung sternbild = Ori-
on 114.
Edda Saemnndar 389 ff.
name 395. Ursprung ih-
rer lieder 431 ff. 435 ff.
zeit und ort ihrer sam-
lung 395 ff. handschrif-
ten 391 ff'. reihenfolge
der lieder 397 ff. benen-
nung der lieder 399 ff.
textkritik 403. 405 ff.
spräche 422 ff. quellen,
Inhalt, form, ideen der
heldenlieder 427 ff. ■ —
ausgaben: von Bugge
389. 391 ff. von Grundt-
vig 419. — Übersetzun-
gen von Aars, Gjcssing,
Jessen 420 f. — c om-
ni entare von Wisen,
Hazelius 422 f. sjntax
von Wisen , Nygaard 424.
— metrik von Eosen-
berg, Jessen 425.
Edda Snorra älter als
Saemundar Edda 395 f.
Englisch. romanischer
Wortschatz des mittel-
englischen 365.
esel. im märchen, ohne
herz und obren 189 ff.
Esopet 166.
Ferguut 165.
fiebcr durch genuss von
affenfleisch geheilt 192.
Floris u. Blancefloer 105 f.
177.
freischütz 91 ff. graf Otto
92.
PrejT , Frö = hirscli (ober)
= Sonnengott 106 f. 115 f.
= Frode 106.
frostapingslög 47 f.
Ganser s. bürzel.
Gheraert, minderbroeder
173.
Gielis V. Molhem 162.
Gillis de Wevel 173.
Go'i s. Jäger.
Grägäs 47. 51.
I Grimbergsche oorlog 171.
Grimm , Jac. , leben 489.
Hackelberg s. Jäger.
Iiasel 495 f.
Heimelijcheit der heimelij-
cheden 170.
Hein van Aken oder von
Brüssel 172.
Heinric van Alkmaer 177.
Heinrich v. Veldecke 160 ff.
Heliand 273 ff. 291 ff.
Helljäger s. Jäger.
Herakles spannt den bogen
auf Helios 117.
Herodis s. Jäger.
herz, gegessnes (märchen)
181 ff. fehlendes 182. 184.
188.189. heilmittel 190ff.
hirsch (binde), in mythos,
sage , aberglauben und
Symbolik 195. = sonne
108. frönhiru:; 107. ohne
herz 182 ff. vermummung
in hirschlarven 109 ff.
Historien bloeme 173.
Hodenjäger s. Jäger.
Holger Danske s. Olivier.
Holt)- 380.
Hooden s. jäger.
horion 22.
Hossejavoren s. jäger.
Hubertus , st. , s. jäger.
Hultheimische liedersam-
lung 175.
Jagd, wilde 89 ff. Bern-
kes j achte 90. engelske
jagd 90. nachtvolk 102.
jagd am sonn- od. f eiertag
89. jagd auf einen hasen
89. auf einen hirsch mit
crucif. zw. d. geweih 90 ff.
auf rindvieh 101 ff. schafe
103.
jehen. construction 482 f.
bedeutung 484.
jäger, wilder 89ff. Ha-
ckelberg 89. 115. Bödden-
jäger, Weltschjägerle,
Buchjäger, Hodenjäger,
de Joe 89. Türst 90. 102.
Nachtjäger 90. 99. Sträg-
gele 90. Goi 90. König
Odhin 90. 93. Oen 93.
Freischütz 91 ff. St. Hu-
bertus 91. 100. 114. 117.
gi-af Otto 92. ritter Tils
93. Hooden 100. HeU-
jäger 101. Vollmer 102.
Eanzenpuffer 102. Hero-
dis 102. 103.491. rinder-
hütender riese 103. Hos-
sejaveren (horsejageren)
103. 116 ff.
Jan I , herzog von Brabant
(miunesinger) 170.
Jan Boendale, de clerc 171.
Jan Cnibbe 175.
Jan V. Heelu 171.
Joe, de, s. jäger.
Johann v. Soest 177.
Kalkoffens Comoedie 214.
Keyser, Rud. 25. 430.
ki-j-pta. deren bedeutung
448 ft\
kukuk 33G. anm. 53.
y.vvi]yiu sternbild 113.
y.viov sternbild 113.
Ladendo 22.
Lanseloot 165. 175. 177.
Latewaert 173.
1 autverschieb uug, s.
consonanten.
leimstange. mit der 1. lau-
fen 456 anm. 4.
Lienhout, Gheraert v. 173.
lob tuon , sagen , geban 485.
Lodewijc v. Yelthem 169.
I. SACHREGISTER
503
lubdhaka sternbild 112.
Luclwigsliod, textkritik 4781
Maerlant, Jae. v. 165. 167 ff.
märga9irsha , monat 118.
marienlied latein. u. afrz.
178 ff.
Martijn v. Thorout 173.
Maruts 99.
Mathijs de Castelcyu 176.
Mellibeus 172.
/Lidiilv 494.
mric^a 104.
mvigayavas sternbild 113.
mrigavyädha sternbild 112 ff.
mriga^irsha , mriga^iras
sternbild 111 f.
Mums, Mumhart 311 f.
Musenalmanach , Göttinger
383 f.
Nachtjäger s. Jäger.
Nachtvolk s. jagd.
Niederländische litte-
r a t n r. übersieht der mit-
telniederl. 157 ff. zwei
niederländische lieder aus
d. jähre 1593 465 ff.
Noregs konünga sögur is-
länd. urs]n-ungs 77.
Noydekijn 166.
Odhin s. Wuotan u. jäger.
Oen s. Jäger.
Olivier = Holger Danske =
Ollerus (Ullr) 493.
Orion sternbild li2 ff.
Orthographie, deutsche,
äusserungcn J. Grimms
227 ff. angelsächs. 338
anni.
Otfrid tilgt auslautenden
cons. (n , s) 438. verbin-
det sing, des verbs mit
plur. des subst. 437. um-
schreibt zusammenge-
setzte zahlen 439. rcf'rain
bei 0. 439.
Otto, graf s. Jäger.
Parthenopeus und Melior
165 f.
passio Ansclmi 460 ff.
Philip utenbroeke aen den
dam 169.
Potter, Dirk 174.
praepositionen. mit c.
acc. 306 ff.
Prajäpati 95 ff. 105 ff. 111 ff.
= Savitar 105 ff.
Prajäpater hridayam, stern-
bild 112. "
7TQOXV10V sternbild 113.
pronomen. got. hva nicht
plural 24.
Eanzenpuffer s. Jäger.
rechtsaltertümer. aus
der Gudrun 257 ff. va-
sallenvcrhältnis 257 ff.
thronfolgeverhältnis 264
ff. einfluss d. heerschilds-
ordnung auf die Vermäh-
lung 267 ff. Verlöbnis und
ehcschliessung 270 ff.
Eederijkers 176 f.
reduplication im prae-
teritum 125.
refrain bei Otfrid 439.
reim, abfall eines auslau-
tenden consonanten (n, s)
bei Otfrid 438. reime in
angelsächs. gedichten 321.
reimen tein mwcstf. 214.
Eeinaert 162. 173. 177.
Eibhus 116.
ri^ya 96. 104 ff.
riese , rinderhüteuder s. Jä-
ger.
rind = wölke und sonne
116. rinder des Helios
116.
rohini sternbild 112 ff.
rohit 96. 104.
Eoland 491 ff.
ross = sonne 116.
Rudra 95 ff. 112 ff Eudras
99.
Saehrimnir 116.
Savitar 105 ff.
Saxo Grammaticus. behand-
lung der altnord. helden-
satre 432.
Schiller, zu Toll IV, 1. 353.
Schimmelreiter s. Jäger.
schuss. auf die sonne 92.
94 ff. auf den mond 92.
94. auf den hirsch mit
crucifix 90 f. auf die ho-
stie 92. auf gott 94. auf
Prajäpati in gestalt einer
ri^ya 96 f. Auf Freyr in
hirschgestalt 106.
Schwabenspiegel. abfas-
sungszeit 273 f.
Seghere Dieregodgaf. 166.
Sirius 112 ff.
speien, abele 175. van sinne
176.
Stoke, Melis 170.
storch im schweizerischen
Volksglauben 344 ff.
Sträggele s. Jäger.
Superlativ comparativisch
304 ff.
syntax. singular des ver-
bums mit plural des Sub-
stantivs bei Otfrid 437,
Tac, le 22.
Theodorich der erste norwe-
gische geschichtschreiber
49 ff.
Tils, ritter s. Jäger.
Tiodute 491 f.
Tishya 118.
tuch als besoldung imd be-
lohuung 459 ff
tüchlein , ein schlechtes 459
ff. 465.
Türst s. Jäger,
Ushas 96. 115,
Veldecke s, Heinrich.
Vergi, burggräfin 172.
Vidyadharcn 494. 496.
vikslulras sternbild 113.
vocale. iibluut 124 ff.
Vollmer s. Jäger.
Völuspä 405 ff.
Völsungasaga. abfassungs-
zcit und Verhältnis zur
Sacmundar Edda 417 f.
grundgedanke 428 f.
33*
504
IT. WORTREGISTER
Walewcin 165 f.
Wapono Martiiii lOO IT. 170.
172. 177.
wechselbälge 496 f.
Weckherlin. Ge. Riul. 350 ff.
Woort. Jan de 172.
woltbauni 492 ü.
AVoltschjägcrle s. Jäger.
Willem, leben der Lutgar-
dis 173.
Willem van Delft 174.
Willem V. Ilill.'gacrsl.orcli
175.
Willem V. Oringhcn 164.
W u () t a n Wodan Odhin. =
Rudra 99 f. in den ge-
bräuclien der zwölften 110.
(als naclitjäger) den son-
neneber vernichtend 115.
vgl. 119.
Xenien. berichtigung zur
xenienliteratur 382.
Zahl 0 n. nmsrlircilning zu-
samniengesetzter bei Ot-
frid 439.
zeter 492.
Ziegenpeter 310.
zwölfgötter, die deutschen
229 ff.
zwölften , erlegung des son-
nenthieres 117 f.
pidi-eks saga. ihr alter 417.
Jjorgeirr afrads kollur 65.
i poroddur runameistari 46.
IL WORTEEGISTER
1. Ootiseli.
abrs 14.
af, afar 146.
aflifnan 148. 155.
afskiuban 135.
agg\Tis 4.
agis 4.
ahana 133.
ahjan 133.
absei 133.
alima 133.
ahtau 133. 142.
ahva 20.
aihan 133.
aihva 19.
airknipa 149.
akrs 149.
alheis 105.
alhs 133.
alpeis 140.
anabiudan 9.
anaks 150.
anpar 140.
anut 142.
arbi 14.
aquizi 137.
at-pinsan 138.
äugo 133.
anhns 133.
A. Deutsche sprachen.
auhsa 133.
auhsus 372.
aukan 150.
bagms 11.
bai 11.
bairan 13.
bairgahei 5.
bairgan 5. 12. 13. 154.
bairhts 13.
balgs 12.
balvjan , balveius , balva-
vesei 12.
banja 12.
bansts 12.
batiza, batists 12.
baurgs 5.
beitan 15. 153.
bidjan 12.
bifaihön 143.
bigitan 4.
bindan 9. 154.
biraubon 14.
biudan 14. 154.
biugan 5. 14.
bium 14.
uf-blesan 13.
blöp) 13.
brikan 150.
brinnan 13.
bropar 14. 140.
büc 14.
ydad 128.
daddjau 7.
dags 154.
dars 7.
danbs 7. 14.
dauhtar 8. 154.
dauhts 8.
dauns 8.
daur 8.
deigan 5. 154.
dis\'iuj)jan 141.
doms 8.
dragan 6. 137.
drunjus 8.
dugan 8.
dulps 9.
dumbs 7. 14.
fadar 143. 155.
faginon 155.
fagrs 143.
fahan 133. 143.
faheps 143. 155.
faian 143.
faihu 133. 143.
fairguni 143.
fairzna 143.
falpan 133. 140. 143.
fana 144.
faran 144.
fastan 142. 144.
faps 140.
n. WORTREGISTER
505
faur, faura 144.
favei 144.
lidvor 155.
fijan 143.
filleins 144.
filu 144. 146.
filu-faihs 143.
fimf 144. 147.
finpau 140. 144.
fisks 136.
flahtoni 138. 145.
flekan 145. 150.
fona 146.
fotus 145. 153.
fraihuan 133.
frafi 140. 145.
frijon 145.
frius 145.
fulls 146.
füls 146.
gadeds 8.
gahamOu 16.
gairnei 4.
gaits 3. 153.
garedan 10.
gaskapjan 15.
gasts 3. 142.
gatairan 152.
gatamjan 152.
gatimau 152.
gaj)airsan 139.
gavigan 7.
gistradagis 3.
giutan 4. 153.
gods 154.
grabau 14. 154.
gram Jan 4.
gredus 4. 154.
greipan 15.
gretan 137
grids 154.
gulj) 4.
guma 4.
liafian 16.
hahan 16.
haifsts 16.
haihs 16.
hails 16.
liaims 16.
153.
haü-da 9. 16. 17.
hairtö 18. 153.
hairus 18.
haldan 10. 16.
hallus 16.
hals 16.
halts 16.
hana 17.
haupr. 17.
hardus 17.
haubil» 17.
liaurn 17.
heivafrauja 17.
hilpan 17.
liimins 16. 17.
lilaibs 155.
lilaifs 18. 146. 155.
hlains 18.
hlaiv 18.
hlifau 18. 146.
hliuma 18.
lilutrs 18.
Imaivs 18.
Imeivan 18.
hraiv 18.
liramjan 18.
lirukjan 18.
huljau 19.
hund 19. 155.
liunds 19.
hva 20. 24.
hvairnei 20.
livaiteins 19.
liveits 19.
itan 153.
jüggs 133. 155.
jühiza 133. 155.
juk 150.
jünda 133.
kalbo 148.
kalds 148.
kaun 148.
kaurjös 148.
kaum 148.
kaurs 148.
kinnus 7. 149.
kiusan 149.
kiiiu 149.
kuui 149.
laggs 5.
laibos 148. 155.
lauhiimui 134.
laus-qiiiprs 14.
leihts 6.
leihvan 20.
ligan 6.
ligrs 6.
lipus 140.
Hubs 14.
liudan 10.
liubap 134.
mag 6.
midjis 10.
mikils 7. 150.
miluks 150.
mimz 10.
mil) 140.
mizdö 10.
munps 140.
nadrs 155.
nahts 134. 142.
naquaps 150.
nehv 20.
nimandci 24.
uipjis 140.
6g 4.
paida 154.
quaii-nus 151.
quairus 137.
queiis 151.
quiman 151.
quino 151.
quipau 137.
quipus 140. 150.
quius 151.
ragiu 6.
raihts 142.
rakjan 150.
rauds 10.
reiks 150.
rign 7.
riquis 151.
sads 155.
saihs 134.
saihvan 20.
saps 141. 155.
sibja 15.
sidus 10,
50G
11. WOIITBKGISTER
sigis 7.
sitaii 153.
skiiilus 135. 154.
skaidar 135. 154.
skal 135.
skaiiiau sih 135.
skatts 138.
skauns 136.
skilja 136.
skip 136.
skiuban 15.
spai - skukb-s 136. 154.
s])eivaii 147.
spinnan 147.
Stabs 15. 141.
staius 141.
stairiio 141.
standan 141.
stautan 141. 154.
steigan 7. 141.
stigquau 141. 151. 154.
stilau 142.
stiur 142.
straujan 142.
striks 142.
strit 142.
sutis 154.
svaihra 134.
svistar 142.
tagr 152. 155.
tahjan 134. 152.
taihsvs 134. 152.
taüiuii 134. 152. 155.
taikns 134. 137. 141.
tarhjan 134. 152.
teihan 134. 153.
tekan 142. 150.
tigus 155.
timrjan 152.
tiuhan 8. 134. 153.
triu 153.
triggvs 11. 153.
tuggo 7. 153.
tunfus 141. 153.
tvai 153.
pa- 138.
Imgkjan 138. 150.
Itahan 135. 138.
I)aho 138.
Iiairh 138.
J)aurban 138. 155.
paurmis 138.
paurp 138. 154.
I)iuda 139. 155.
pius 139.
piul) 139.
prafstjan 139.
pragjan 139.
preihan 135. 139.
preis 189.
prutsfill 144.
pu 139.
pulan 139.
pm-s 139.
pusuudi 139.
ufpaiijau 138.
untila - mulsks 136.
us-skavs 13G.
us-stiggan 141.
us-priutan 139.
vadi 11.
valisjau 135.
vaii-pau 147.
vairpau 141.
vait 154.
vakan 151.
vato 154.
vaurd 11.
vaurkjan 151.
vaui-ds 11.
veilis 135.
veitvüds 154.
viduvo 11.
vigs 7.
vikau 137.
vinds 141.
vipön 141.
vraiqvs 137. 151.
vulfs 148.
wunscan 136.
2. .Uthochdeutsch.
ahsa 133.
anko 149.
blao 13.
b6?o 369.
chalp 148.
dat für da? 298.
dl'hsala 133.
claho, clho 105. 133.
cnti 304.
enteo ni wentco 304.
ero 300.
fahs 143.
falo 143.
faran 144.
fesa 144.
flrahim 299.
firiwizzo 300.
firswige 438.
fixzu 145.
fiuhta 145.
flur 146.
flins 145.
flöh 145.
friudil 145.
frö 107 ff.
frönhiru? 107.
furh, furhi 146.
füst 146.
gafregiu 299.
galla 3.
gans 3.
gelo 3.
hahsa 16.
hamar 16.
hasal 496.
herti 17.
hua?:5a 78.
hof 18.
houbit 17.
lu-abaii 18.
hün 19.
huosto 19.
igil 5.
knoto 153.
liehe 438.
lik-hamo 16.
mareo 302.
manno miltisto 304 ff.
miskaii 136.
iiagal 6.
nebul 14.
liest 153.
niftilä 146.
ninohheinig 301.
niwiht 303.
U. WORTKEGITTER
507
sahs 134.
sciluf 136.
skiura 135.
scouö 438.
spannau 144. 147.
sparon 147.
speliön 134. 147.
striunau 333 aum.
strouiii 142.
üfhimil 301.
wäri 439.
zehä 134.
3. Mittelhochdeutsch.
büc 13.
bürzel, perczel 22 if.
mitte kl. kurzebold 378.
rät 10.
tauuewctzel, tanabeczl,
taunweczschl, tanawä-
scliel 22 flf.
vert 144.
visellin 145.
4. Neuhochdeutsch.
arg 5.
bansch 12.
birke 13.
brauen 13.
bremse 13.
dämmer 138.
deich 5.
düne 8.
feim 144.
finster 138.
gelb 3.
lialm 16.
hinken 135.
kebsc 149.
küeben 149.
mumme 312.
nabel 15.
quäl, quälen 151.
scheit 135.
schreiben 154.
spreu 147.
springen 147.
Volk 146.
weben 15.
Weidmann 11.
5. Altsächsisch.
anbiodau 9.
bedriogan 5.
bodm 2. 13.
calf 148.
fepara 144.
här 17.
höbit 17.
höhn 18.
klioban 149.
liudi 10.
malsk 136.
nebal 14.
qualm 151.
qnäla 151.
skakan 135.
skap 135.
skio 135.
torht 134.
pegn 139.
penian 138.
pim 138.
pinsan 138.
vebbi 15.
6. Niederdeutsch.
hillc 19.
hüd 19.
fries. liäved 17.
altndd. kela 149.
altudd. kranc 149.
mwestf. de reimen tein
214.
7. .Aug-elsächsisch.
ad 9.
älf 14.
beän 12.
beard 9.
bifian 13^.
bog 5. 13.
böc 13. 150.
breav 14.
bryd 372.
cealf 148.
cleofan 149.
cü 149.
cvcahu 151.
dynjan, dynnan 9.
eolh 105.
fäm 144.
fearn 144.
fülm 145.
gifre 333.
gelagu 336, anm. 64.
hälfest 17.
hän 16.
lieäfod 17.
heorot 17.
hläder 18.
hlin-bed 18.
hnit 18.
holm 18.
hräv 18.
hrioder 18.
hveol 20.
livösta 19.
hyd 19.
hydan 10.
medu 10.
nacod 150.
päd 147.
reötan 153.
screon 333.
sculdor 135.
scyndan 154.
spie 147.
sporn 147.
spovan 147.
stearn 141.
streönan 333 anm.
tä 134.
täcor 152.
Tivesdäg 153.
pävan 138.
preägan 139. 154.
udcr 10.
veder 11.
vrence 151.
8. Altenglisch,
Englisch.
arber 368.
arblastc , arow - blaster 368.
baili bailif 369.
batayle 370.
bodkiu 370.
508
II. WOBTREGISTER
bokel bokil bocul bocle 369.
boket 370.
botel 371.
boton butouus botluim 369.
carol 871.
caudruii cawdrou 369.
citezeiu 369.
CO Veiten 371.
cleinte deintce 370.
edish 371.
iie. foaiu 144.
fout 369.
iie hat 135.
impen 370.
iie. hindlc 136.
kover-checf 370.
paien 369.
paiseu 369.
pilche 369.
(juilte 370.
robbare 371.
9. Altnordisch.
afl 415.
älfr 14.
baiui 12.
bautarstciuii 413.
blüdigr 411.
blödrekiiin 411.
brim 13.
brünn 13.
Eggper 411.
eikinn 416.
olgr 105.
für- 416.
gas 3.
gorn 3.
hafela 17.
hafr. 15. 146.
haiiir 16.
hefna hefnd 16.
hein IG.
höfud 17.
höttr 135.
hryggr 5.
hulistr 19.
hulundi 19.
hväsa, hv89sa 19.
hvila 20.
kalla 148.
154.
kefsh- 149.
kringla 137.
kyiida 137.
kyndisk 411.
iiiergr 154.
iiijötudr 411.
iiaiu 65.
ofreiflr 415.
rök 151.
skald 135
sofa 146.
sped 147.
styiija 142.
süsbreka 416.
sveiti 154.
tivar 153.
pekga 150.
pior 139. 142.
J)röask 139.
I.imur 138.
vä 413.
vekta 11.
velir 413.
B. Griechisch.
f(y()6g 149.
ut!flor 11.
«i'5^w 9.
ÜXfKOV 16.
dlaly.ah' 133.
aXy.ai. 105.
uXifiog 14.
dl<fc'cvoj 14.
(cuelyu 150.
l(f^(fOJ 11.
avakrog 140.
«|wr 133.
-an- in Mtoac'cncoc 20.
dnö 146.
c<oy)]s 149.
«o/oj 6.
(cancci()üj 147.
äaTt\u(frr]; 15.
darriQ 141.
av^dvw 135.
((//jg 4.
ßuivw 151.
ßuiTt] 154.
ßccQ^g 148.
ßiog 151.
^/ßoq 149.
ßovg 149.
ß()t\u(iv 13.
ßof^M 7.
ßoitpog 148.
ßoovTrj 13.
yuar^Q 140.
yevvg 149.
ysQavog 149.
yevta'fci 149.
yr;()ug 148.
yrJQvg 148.
yiyvofJ.(ci, 149.
yiyv(i}0>:(i) 148-
yövv 149.
yqiufiHV 14.
yvQtg 148.
3(d]n 152.
ddy.Vü) 134.
^äy.ov 152.
(y('(y.TL').og 134.
öauäio 152.
Ö^hog 134.
Sity.vvui 134.
<Uy.a 134.
ätutiv 152.
(ff'oyoucd 134.
t)Vooj 152.
*J!fog 153.
ih'y.,] 134.
Sohyög 6.
(Jo/^o? 152.
Sönv 153-
Jo?? 153.
Jl'o 153.
lyyvg 4.
«(fo) 153.
Uog 153.
n. WOKTREGISTEK
509
t»og 10.
ixctröv 19.
txvnog 134.
lla/vs 6.
iv 140.
'ivsyxaiv 20.
U 134.
enoficti, 20.
fQSßog 151.
iQvd-QÖg 10.
/;ifa'Off 5.
JiQy- 151-
*/axw 137.
*AJ- 154.
JOV/M i.
ioimuv 147.
^evyvvf^c 150.
ZTu^of 150.
^ntQonaviiv 146.
jjd'y? 154.
d^aXia 9.
iiciQöog 7.
iyeCviD 12.
■&rjG&ca 1.
&tyyävtü 5.
;?^t? 8.
d^QTjVog 8.
&o6og 8.
■9-vyccTi]Q 8.
dvöay.oog 135.
•öl' (3« 8.
id/w 154.
trfpw? 154.
iTinog 19.
lOTtjUl 141.
y.üXcifxog 16.
zwAd? 16.
xulia 19.
X ((V ci Coj , xavHyri 17.
xt'cvvaßig 17.
xccTiQog 15.
/f«o« 20.
xc.Qäia 18.
XKQTlog 17.
xiT^ui 17. 20.
XilQCO 18.
ZiOKf 17.
xfifuh] 17.
XTJnog 18.
xXiTlTO} 18.
xXi\ua§ 18.
xi.Cvri xlivo) xliGia 18.
;<^i;foj 18.
xri6r] 18.
xvCaaa 18.
zofw 135.
zoAwrd? 18.
xovig 18.
zd^«^ 18.
xoxojvrj 16.
XQaviov 20.
Zjpai/yjj 18.
XOfKS 18.
XQ8fXC(fJ.Ul XQijuäwv/J^C 18.
zu5^- xevfHi) 10-
xvxXog 20.
;ct'ft) 19.
xwvog 16.
xojx/j 16.
Xtiyja 6.
Aei'TTw 20. 148.
^fi'zd? 133.
Af/off 6.
Aijxo? 148.
fj.eyag 150.
[itaaog 10.
|U£r« 140.
fxiyvvfxt, 136.
[xiGyiu 137.
fiiod^ög 10.
yff'w 18.
ve(fog 14.
j/i'? 134.
oßQifj-og 14.
dd"oi'? 141.
oixog 135.
otJ« 154.
d;fTW 133.
(ixvog 16.
GfA-iptiXog 15.
6Vy| 6.
ÖQeyo) 150.
6()(fav6g 14.
oaaeadta 133.
ov^a() 10.
oipQvg 14.
oyhofxtu 7.
TtaXäfir] 145.
nccrrjQ 143.
7ic(/vg 11.
nai'w 144.
nixog 143.
TTfZOJ 143.
TTs;.;.« 144.
äol. n^uTis 144. 147.
ntvO^tQog 9.
TTfVrf 144. 147.
TTfO? 145.
tisqÜo) 144.
ntoöouat, 145.
nt'Qvac 144.
TTSVxfj 145.
7T7jyVV/Llt. 143.
Tifjvog 144.
7ij]/vg 5.
TiXtxii} 133.
nXriaaii) 145.
TiUv&og 145.
noixilog 143.
noXiög 143.
ttoAl? 144.
Troff/? 140.
TTOl'? 145.
mtQva 143.
TtTiaacü 144.
TTTüW 147.
TTi'civog 12.
TTvyfir'] 146.
TTLiiy^- nvv!iavoy.ai 9.
Tiv&ixriV 2.
nvx^o) 146.
TTi-jj 146.
nvQQÖg nvQöög 145.
71VQO8L0) 145.
QKißög 151.
qä/ig 5.
^i'i/; 136.
Ziavffog 136.
axüifri, axuffog 136.
axeSävwfxi 136.
Gx^TiTOfica 134.
ffzt'« 135.
OxvTog 19.
anäü) 147.
yff(5ii 142.
OTi'yo) 150.
aretQcc 141.
510
II. WORTBEGISTER
arti/jo 7.
oi('uß(u 15.
OTtQt'tO 142.
ajiK 141.
ariCco, öTiyfici 141.
aio()fvPi\ui 142.
o}(iC(o 135.
aiouK 10.
rnvQog 142.
r*yo? 150.
rffVw 138.
ret^rog 5.
TexT(ov 133.
T^XVOV 139.
Tfono) 139.
TSQaOfACCl, 139.
TfTßJ'WJ' 142.
Tf>i'?; 133.
rjyjfw 138.
ri]TKo/j.ni 142.
Tlü^>)f.ll 8.
Tkfivtd 139.
To- 138.
T()fr? 139.
TQt'/ü) 139.
Ti;' 139.
Tii()yS^ 138.
Ti'QarjVos 139.
rv<fX6g 7.
i/Jw^ 154.
vnvos 146.
vifaivü) 15.
(pfßofxni 13.
^*y- 12.
^^(icü 13.
(ftvyco 5.
tmyög 13.
(fiUyio 13.
(fQc'iaoo} 5.
ff(>((irj(> 14.
ij.Qvyu} 13.
(fQvvri 13.
«f j;w 14.
/«tpw 4.
^/■«rtJ'Krw 4.
/ärj 4.
/'i»^ 3.
Z^ö/j, /).ioq6s 3.
;^^£? 3.
/o7o? 3.
^QOfiudog 4.
XQvßög 4.
i/'«^» 141.
\pvlka 145.
1. Lateinisch.
acus, eris 133.
acus, udis 137.
acutus 137.
aedes 9.
ager 149.
ala 133.
albus 14.
alces 105.
alere 140.
ambo 11.
anas 142.
angustus 4.
anser 3.
aqua 20.
arguere 149.
artus 140.
arx 133.
augeo 150.
axis 133.
barba 9.
bos 149.
caesaries 17.
caecus 16.
calamus 16.
calculus 16.
Campus 18.
C. Italische sprachen.
candeo 137.
canis 19.
cannabis 17.
cano 17.
capio 16.
capra 15.
Caput 17.
caro 18.
carpo 17.
caveo 135.
cella 19.
celsus 18.
centum 19.
cerebrum 20.
cicur 137.
claudus 16.
depo 18.
clinare 18.
cloaca 18.
cluo 18.
coUis 18.
Collum 16.
coniveo 18.
cor 18.
cornu 17,
corvus 18.
coxa 16.
cribrum 18.
crocire 18.
cruor 18.
cunctari 16.
cuneus 16,
curtus 18.
altl. dacruma 152.
decem 134.
dens 141.
dexter 134.
dico 134.
digitus 134.
altl. dingua 7.
distinguo 141.
d Omare 152.
domus 152.
ducere 8. 134. 153.
duo 153.
edere 153.
emiuere 140.
equus 19.
faba 12.
fagus 13.
fero 13.
findo 13.
fingo 5.
flare 13.
flavus 13.
fores 8.
U. WORTKEGISTEE
511
frater 14.
fregi 125.
fremitus 13.
frigo 13.
frui 150.
fugio 5.
fu- 14.
fulgeo 13.
fumus 8.
ftindo 4.
fundus 2.
fungi 150.
gelidus 148.
gena 149.
genu 149.
gigno 149.
gnosco 148.
granum 148.
gravis 148.
grus 149.
gula 149.
gurges, gurgulio 149.
gustare 149.
haedus 3.
liaruspex 3.
helus 3.
heri 3.
liomo 4.
hostis 3.
instrumentuni 142.
iungo , iugum 150.
lendes 18.
levir 152.
levis 6.
übet 14.
lingo 6.
linquo 20. 148.
lupus 148.
lux 134.
magnus 150.
inedius 10.
nieutum 140.
miscco 137.
mulgeo 150.
nanciscor 20.
nidus 153.
nodus 153.
nox 134.
nubes 14.
nudus 150.
nuo 18.
octo 183.
orbus 14.
paciscor 143.
pallidus 143.
palma 145.
pannus 144.
parcere 147.
paucus 144.
paulus 144.
pauper 144.
pecto 143.
pecu 143.
pedo 145.
peior 143.
pellis 144.
penis 145.
pes 145.
pessinius 143.
pinso 144.
piscis 136.
plaiigo 145.
plecto 133.
plico 133.
plus 144.
porca 146.
porta 144.
postis 142.
potis 140.
precor 133.
prehendo 4.
procus 133.
pruina 145.
prurio 145.
Prurigo 145.
pugnus 146.
pulex 145.
püs 146.
quiesco 19.
quinque 144. 147.
rego 150.
rcx 150.
rigare 7.
robur 10.
ruber 10.
rudo 153.
satis 154.
satur 154.
scabo 136.
scelus 135-
scindo 135.
scirpus 136.
scutuni 19.
secare 134.
sedere 153.
sequi 20.
sex 134.
socer 134.
somnus 146.
sopor 146.
soror 142.
specto 134.
spuma 144.
spuo 147.
stare 141.
stabilire 15.
Stella 141.
sterilis 141.
sterno 142.
altl. stlis 142.
strigilis 142.
stringere 154.
struo 142.
sturnus 141.
suavis 154.
sudare 154.
taceo 135.
tango 142.
taurus 142.
tegere 150.
tendere 138.
tenebrae 138.
tergere 142.
texere 133.
altl. tongere 138.
torrere 139.
torquerc 135.
torvus 139.
ose. tovto 139.
tu 139.
tuli 139.
tundo 141.
turba 138.
turgeo 139.
umbr. tutu 139.
tres 139.
tribus 138.
512
n. WORTBEGISTER
tnulo 139.
über 10.
umbilicus 15.
uuila 154.
iniguen, uuguentum 119.
Tiiiguis {].
vacliiiioniuia 11.
valgus 151.
vcgco 150.
vehere 7.
vcnari 11.
venire 151.
vertere 141.
vicus 135.
Video 154.
viduo 11.
vigil 150.
vivere 151.
2. llomaniscli.
af'rz. Anne 180.
afrz. Aube jonrnee 180.
afrz. boton boutou 360.
afrz. eliartres 180.
afrz. enchartre ISO.
afrz. poeste 180.
afrz. virgc für vierge 180.
1. Sanskrit.
akslia 133.
akslii 133.
ajra 149.
afij 149.
anjasä 149.
ad 153.
antara 140.
apa 146.
apara 146.
amblivina 14.
arj 150.
arjuna 149.
arbhaka 14.
arh 6.
a9 137.
aQna 133.
afniau 16.
a9va 19.
ashtan 133.
ahäm 7.
äjya 149.
är^a 105.
idh 9.
i9 133.
ukshan 133.
ud 154.
ubhäu 11.
üdhan, üdliar 10.
righäy 5.
ribhii 14.
rifya 133.
edha 9.
kakubli 17.
kaksha 16.
D. Arische sprachen.
katu 17.
kapäla 17.
kalama 16.
kalja 16.
kalp 17.
kavi 136.
käs 19.
küi-d 16.
kesara 17.
ki-aud 137.
kravis 18.
kravya 18.
kni9 18.
kshubh 15. 136.
khaja 135.
kliaöj 135.
khala 19.
ygabh 149.
gam 151.
gar 148.
gariyans 148.
gardh 4.
garbha 148.
gala 149.
gir 148.
guru 148.
guh 10.
go 149.
grabh 15.
cakra 20.
eand 137.
candra 137.
chad 135.
chandas 135.
chard 136.
cha 134.
chid 135.
jathara 140.
Jan 149.
jani 151.
jantu 149.
jar 136. 148. 151.
jala 148.
janu 149.
jihvä 7.
jiv, jiva 151.
jush 149.
jnä 148.
jranibh 149.
jval 151.
jvar 151.
ta 138.
ytak 139.
taksh 133.
tau 138.
tanias 138.
tar 141.
tark 135.
tarj 139.
tarp 139.
tarsh 139.
taiis 138.
tära 141.
täyu 142.
tij 141.
tiryak 138.
tu 139.
tud 141.
tu9 135.
tul 139.
trina 138.
tri 139.
II. WORTREGISTER
513
tva 139.
tvar 139.
dakslia 134.
danta 141.
dam 152.
dama 152.
dar 152.
dar9 134.
darli 11.
da^an 134.
dilni 153.
*diglivä 7.
divas 153.
di9 134.
dih 5.
dirgha 6.
dur 8.
duh 8. 153.
duMtar 8.
devar 152.
dru 153.
druli 5.
dva 153.
dvära 8.
dhanvan 8.
dharsh 7.
dhä 7. 8.
dliätri 7.
*dhugliatar 8 anm.
dhuiii 9.
dhü 8.
dliüma 8.
dhriti 9.
dliraj 6.
dhran 8.
dhvan 9.
nakta 134.
nagua 150.
napti 146.
nabhas 14.
na?, 20.
nfibhi 15.
iii(,'rayani 18.
nicja 153.
paiica 144. 147.
pat 145.
pati 140.
pattra 144.
l>atli 145. 147.
päd 145.
par 144.
parut 144.
parc 133.
parjanya 143.
pard 145.
parna 144.
palita 143.
pa(;u 143.
pa^.upati 101.
pasas 145.
pastya 142.
päni 145.
päda 145.
pädu 145.
pärslini 143.
pävaka 146.
pä^a 143.
pitar 143.
pi(? 143.
pi9una 143.
pish 144.
piy 143.
puras 144.
purä 144.
puru 144.
pü 146.
pürna 146.
prach 144.
pra9na 133.
priya 145.
pri 145.
prush 145.
plusli 145.
phciia 144.
bandh 9.
bablu-u 13.
barh 5.
barhis 12.
bahu 11.
baiih 11.
baliii 5.
budh 9.
bhadra 12.
bhaii 12.
bhaiid 12.
*bhaiidh 9.
bhar 13.
bhargas 13.
*bhardli 9.
bhaiisas 12.
bhid 13.
bhi 13.
bhugna 5.
bhiij 5. 14. 150.
bhudiia 2.
bhur 13.
bhü 14.
bbürja 13.
bhrajj 13.
bhram 13.
bhramara 13.
bhi-ätar 14.
bhrü 14.
majjan 154.
madhu 10.
madhya 10.
mabant 7.
mäüsa 10.
miksh 136.
miyedha 10.
mi9ray 136.
mürkha 136.
medha 10.
yabh 149.
yavishtha 134.
yaviyans 134.
yuj 150.
yün 134.
raksh 133.
rajas 151.
rabh 14.
raj 149.
-räj 150.
rädhas 10.
ric 20. 148.
ruc 134.
rud 153.
rudhira 10.
rub 10.
laghu 6.
laUgh 6.
lih 6.
lubh 14.
loha 10.
vaksh 135.
vadh 11.
514
IT. AVORTREOISTER
vadhas 11.
vabh 15.
vart 141.
vah 7.
vanch 136.
vid 154.
vidhava 11.
vrika 148.
\Tijina 151.
vyadli, vyädha 11.
^akuna 16.
^ank 16.
9ata 19.
^anam 17.
9ap, ^äpa 16.
9ar 18.
9arkarä 16.
^ardhas 9.
9! 17.
(^iras 20.
91 20.
9rapay 146.
9rä 146.
9ri 18.
9ru 18.
9van 19.
9va9ura 134.
9vas 19.
9vi 19.
9vit 19.
shash 134.
shthiv 147.
sac 20.
sad 153.
san 141.
sabliä 15.
sahas 7.
skandhas 135.
skabh 15.
sku 19.
skhad 136.
skhal 136.
stan 142.
stabh 15.
Star 141. 142.
staras 141.
stari 141.
stäya 142.
stigh 7.
149.
stona 142.
sthatr 150.
stha 141.
sthüra 142.
spar 147.
spa? 134. 147.
spliar 147.
sphäy 147.
sphigi 147.
smat 140.
sru 142.
svadhä 10.
svap 146.
svasar 142.
svädu 154.
svid 154.
han 12.
banu 7.
haiisa 3.
bar 4.
hari 3.
bätaka 4.
biranya 4.
hii-ä 3.
bu 4. 7.
yiirad 137.
bva 7.
2. Zend.
ae9ma 9.
aklisb 133.
ap 20.
apa 146.
arez 6.
a9pa 19.
a9inan IG.
ukbsban 133.
uba 11.
qa9ura 134.
qaiibar 142.
kbsbvas 134.
gam 151.
grab 15.
gram 4.
gbeiia 151.
cakhra 20.
jafitu 149.
jivya 151.
zan 148.
zaranya 4.
zaredbaya 18.
zusb 149.
zairi 3.
zbiiu 149.
tan 138.
tarsbna 139.
temanh 138.
tbvi 139.
dafitan 141.
daregba 6.
dare9 134.
daresb 7.
da9 134.
da9an 134.
dasbina 134.
da 8.
dugdbar 8.
dunman 8.
derezran 11.
altpers. drafiga 6.
dru 153.
druj 5.
dvan 9.
dvara 8.
napti 146.
nabi 15.
patar 143.
pare9 133.
l/pa9 143.
päsbna 143.
pisb 144.
pistra 144.
pukbdba 144. 147.
pü 146.
perena 146.
paiti 140.
pouru 144.
fri 145.
band 9.
bar 13.
barez 5.
barezis 12.
bäzu 5.
bi 13.
bud 9.
bü 14.
1
11. WORTREGISTER
515
brätar 14.
räz 149.
9cid 135.
brvat 14.
ruc 134.
9tar 142.
madhu 10.
rud 10. 153.
9tare 141.
maclhema 10.
vakhsh 135.
9paeta 19.
marez 150.
vadare 11.
9par 147.
mizhda 10.
varez 151.
9pa9 134.
maidhya 10.
vid 153.
9pä 19.
myazda 10.
vehi-ka 148.
hac 20.
yavau 133.
9ata 19.
had 153.
yuj 150.
^aredba 9.
hazänh 7.
rädaiih 10.
91 17. 20.
hizii 7.
E.
Lettisch -slavische sprachen.
lett. klaips 146.
lett. sa'lds 154.
1. Litauisch u. s. w.
klepas 146.
sapnas 146.
lett. abbi 11.
lett. kuest 18.
lett. sapnis 146.
äntras 140.
lengvas 6.
sedmi 153.
aszis 133.
medüs 10.
sesu 142.
äuga 150.
miszti 136.
lett. skaida 135.
lett. azs 133.
nägas 6.
skola 135.
balavojüs 12.
lett. nägs 6.
sotus 141.
lett. ba'rda 9.
naktis 134.
sparus 147.
barzdä 9.
lett. nakts 134.
lett. spe'rt 147.
bijaü 13.
lett. liest 18.
lett. spet 147.
blussa 145.
nügas 150.
spiäuti 147.
dantis 141.
pälvas 143.
spirti 147.
lett. darva 153.
päts 140.
lett. stabs 15.
deveris 152.
lett. peda 145.
stegiu 150.
diriü 152.
lett. pehrkoüs 143.
lett. stigga 7.
du 153.
altpr. peku 143.
szeimyna 16.
dukte 8.
penki 147.
szelpiü 19.
edmi 153.
perkunas 143.
szimtas 19.
lett. fa'rna 3.
lett. pe'rdu 145.
szü 19.
altpr. gana 151.
pesta 144.
tamsä 138.
gävsas 148.
pilnas 146.
tasyti 138,
gerve 149.
lett. pist 145.
lett. tauta 139.
glindas 18.
plytä 145.
trüdnas 139.
grebti 15.
prantti 140.
tu 139.
gyvas 151.
praszaü 133.
tukstantis 139.
ilgäs 6.
lett. präts 140.
vartyti 141.
lett. ilgi 6.
prtitelius 145.
vetyti 141.
jjiunas 134.
prötas 140.
vilkas 148.
jimgas 150.
lett. pulks 146.
lett. wa'rds 11.
kainiyuas 16.
puszis 145.
altpr. widdevu 11
kälnas 18.
püti 146.
zarna 8.
kariü 18.
lett. put 146.
zirnis 148.
kartüs 17.
raudä 153.
zmü 4.
lett. käset 19.
lett. ruds 10.
kemas IG.
saldus 154.
516
n. WORTREfilSTER
2. SlsiYiscli.
Kussisch unbezoiclinot.
bogll 5.
bcrioza 13.
bob 12.
boiat'sia 13.
borodä 9.
budit' 9.
ksl. bradä 9.
brat 13. 14.
ksl. bregü 5.
brov' 14.
hjt' 14.
ksl. deveri 152.
doit' 7.
dolgi 6.
ksl. domü 152.
dotsch 8.
ksl. drüva 153.
ksl. düva 153.
dver 8.
dyt 8.
ksl. gnezdo 153.
golod 4.
gost 3.
ksl. govQdo 149.
ksl. grabiti 15.
grebsti 15.
gremet' 4.
gus' 3.
ksl. hlebu 146.
bau 151.
ybar 13.
ben 151.
beo 151.
biu 151.
ir. blä 13.
brot. boden 369.
bolg 12.
kymr. bot 369.
bräthair, brathir 14.
gäl. buidheag 369.
ycan 18.
böli ni. linida 18.
inj 5.
k s 1. jnini 134.
kamen 16.
krrov' 18.
liägu 6.
liogki 6.
liubit' 14.
liud 10.
lizat 6.
mejdu 10.
miaso 10.
miod 10.
mizda 10.
ksl. mleko 150.
mogii 6.
ksl. niozgu 154.
ksl. nagü 150.
nebo 14.
oba 11.
ksl. osi 133.
ksl. peua 144.
ksl. pero 144.
slav. Perun 143.
ksl. pQsti 146.
piät 144. 147.
ksl. plesiia 143.
ksl. pleta 133.
polk 146.
ksl. postü 142.
ksl. prijati 145.
rodif 10.
F. Keltisch.
altir. criathar 18.
cride 18.
cü 19.
cuic 16.
daur 153.
dess 1.34.
det 141.
dorus 8.
drog 5.
fich 135.
hveger 134.
ithim 153.
ksl. rydati 153.
serdtze 18.
ksl. sestra 142.
ksl. statu 141.
stegät' 141.
ksl. stenati 142.
ksl. streti 142.
ksl. struja 142.
ksl. svekru 134.
ksl. sytü 141.
ksl. taiati 138.
ksl. taiti 142.
tern 138.
terpet' 138.
ksl. tima 138.
ksl. tri 139.
ksl. trudü 139.
ksl. tvoriti 139.
ksl. ty 139.
ksl. tysassta 139.
uzki 4.
vdova 11.
ksl. videti 154.
ksl. vlükü 148.
ksl. voda 154.
zlato 4.
ksl. znati 148.
ksl. zrüno 148.
ksl. zena 151.
ksl. zivö 151.
ksl. zrebe 148.
ligim 6.
ymalg 150.
necht 146.
nochtcbenn 150.
glil. put, putau 369.
ir. quem 151.
ysad 153.
sid 10.
temel 138.
cymr. treb 138.
aitir. tuath 139.
Halle, Di-nck der Waisenlmiis-Biirlidr
Halle ^/s. Buchliandlung des Waisenhauses. Mai 1868.
PROSPECTUS.
In dem unterzeichneten Verlage erscheint:
Zeitschrift
für
deTit solle Pliilologie
herausgegeben von
Dr. Ernst Höpfner, und Dr. Julius Zacher,
Oberl. am Wilhelm sgymnas. zu Berlin. Prof, au der Universität zu Halle.
Seitdem die Wissenschaft der deutschen Philologie über den enge-
ren Kreis gelehrter Forscher hinausgediehen ist , und das Bedürfniss wie
die Neigung zur Beschäftigung mit den Schätzen unserer Sprache und
unserer älteren Litteratur fortwährend wächst, besonders aber seit die
deutsche Philologie officiell unter die Forderungen des preussischen Ober-
lehrerexamens aufgenommen worden ist, macht sich je länger je mehr für
den Lehrenden wie für den Lernenden der Mangel an guten Hilfsmitteln
für ein methodisches Studium empfindlich fühlbar.
Soll sich namentlich der deutsche Unterricht, wie es dem Wesen
der gelehrten Schulen entspricht, und in ihrem eigensten Interesse liegt,
fortan auf der wissenschaftlichen Grundlage deutscher Phüologie aufbauen,
dann wii'd nur der wirkliche Kenner derselben, wenn er zugleich das
nöthige praktische Lehrgeschick besitzt, auch wirklich segensreich wir-
ken, der dilettantische Halbwisser dagegen wird fast unvermeidlich mehr
Schaden als Nutzen stiften.
Leider aber hat noch nicht jeder Studierende ausreichende Gelegen-
heit sich auf der Universität die zu einer wirklichen Kennerschaft erfor-
derlichen Grundlagen zu erwerben , und selbst die dargebotene Gelegen-
heit hat gar mancher nicht richtig ausgenutzt; will er aber dann Ver-
säumtes nachholen oder Begonnenes weiterführen, so gebrechen ihm die
geeigneten Hilfsmittel für das Selbststudium.
Deshalb ist die unterzeichnete Verlagshandlung gern bereit gewe-
sen den an sie ergangenen Aufforderungen zu entsprechen, und Avird
die schon seit längerer Zeit sorgsam vorbereitete Herausgabe einer ger-
manistischen Handbibliothek nach Kräften zu fördern suchen.
Zu diesem Zwecke beabsichtigen wir erstens unter Redaction des
Herrn Prof. Dr. Zacher eine Reihe von commentierten Ausgaben wich-
tiger altdeutsclier Sprachdenkmäler 7ai veröffentlichen, welche,
von erprobten Gelehi'ten bearbeitet, gedrängte litterarische Einleitungen,
berichtigte Texte , erklärende , technische und kritische Anmerkungen und
einen zweckdienlichen kritischen Apparat darbieten sollen. Zunächst
bestimmt für das wissenschaftliche Bedürfniss des Lernenden, sollen sie,
soweit es die Xatur der Sache erlaubt, durch ihren wissenschaftliclien
Charakter auch dem Fachmanne noch augenehm und durch ihre Fas-
sung auch dem Laien noch zugänglich und verständlich zu werden
suchen.
An diese Texte, von denen zuförderst die Gedichte Walthers
von der Vogelweide, Gudrun, Parzival, Tristan und das
Nibelungenlied für den Druck bestimmt sind, soll sich, mit glei-
chem Zwecke und Charakter, zweitens eine Reihe von Handbiicliern
anschliessen , welche in gedrängtem und doch fasslichem und ansprechen-
dem Vortrage eine dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft eutspre-
chende zusammenhängende und abgerundete Darstellung der einzelnen
Disciplinen der deutschen Philologie darbieten werden. Aus dieser Abthei-
lung werden demnächst, gleichfalls von bewährten Forschern verfasst, ein
Handbuch der deutschen Grammatik und ein Handbuch der
deutschen Metrik erscheinen.
Haben diese Bücher wesentlich die Aufgabe , den Zugang zur Wis-
senschaft der deutschen Philologie zu erleichtern und zu fördern, so
gesellt sich ihnen drittens eine Zeitschrift für deutsche Philologie,
redigiert von Herrn Prof. J. Zacher in Gemeinschaft mit Herrn Ober-
lehrer Dr. E. Höpfner in Berlin, welche sich die Aufgabe stellt, den
Fortschritt der Wissenschaft zu begleiten und so gleichsam den stets leben-
digen und pulsierenden Mittelpunkt für unsere Bestrebungen zu bilden.
■ Dem erweiterten Bedürfnisse der Gegenwart entsprechend will diese
Zeitschrift alle Gebiete der deutschen Philologie, die sprachlichen wie
die sachlichen und die technischen , einschliesslich der neuereu Litteratur
und der lebenden Sprache, Schriftsprache wie Mundarten, und der noch
lebenden Volksüberlieferung in ihren Bereich ziehen. Weder auf beson-
dere , durch bereits bestehende Zeitschriften vertretene Zwecke und Rich-
tungen sich beschränkend, noch die erschöpfende Vollständigkeit eines
Repertoriums erstrebend , will die Zeitschrift den Forschern und Kennern
einen Sammelplatz darbieten, wo sie Originalforschungen, Mittheilungen,
Uebersichten und Kritiken zur Kenntniss der Fachgenossen und der
Freunde der deutschen Philologie bringen können; und andererseits will
sie den Pflegern und Freunden der deutschen Philologie, und darunter
namentlich auch den Praktikern des Lehramtes, das Bemühen erleichtern.
sich in laufender Kenntniss des Fortschrittes der Wissenschaft zu erhal-
ten. Muss zwar die Erörterung concreter Fragen und Aufgaben der
Schulpraxis grundsätzlich ausgeschlossen und den Gymnasialzeitungen und
pädagogischen Journalen überlassen bleiben, wohin sie recht eigentlich
gehört, so soll doch, um der nothwendigen und heilsamen Einwirkung
der Wissenschaft auf Schule und Leben gerecht zu werden, die Aufnahme
gediegener wissenschaftlicher Erörterungen wichtiger Principienfragen der
Praxis nicht gänzlich abgelehnt werden. Und lassen sich andrerseits
Gebiete und Behandlungsweisen, die von bereits bestehenden Zeitschrif-
ten vertreten werden, schon deshalb nicht ausschliessen , weil sie inte-
grierende Theile des Ganzen bilden, so ist die Wissenschaft der deut-
schen Philologie doch nachgerade so sehr erstarkt und die Zahl ihrer
Pfleger und Freunde so angewachsen , dass wir wohl nicht besorgen dür-
fen, anderweite heilsame und bewährte Bestrebungen hierdurch zu schä-
digen oder gar ernstlich zu gefährden.
Demgemäss soll die Zeitschrift enthalten : Originalabhandlungen aus
allen Gebieten der deutschen Philologie; Texte und Textesbruchstücke,
jedoch nur in beschränkterem Umf^inge; geeignete Mittheilungen aller
Art, auch aus wichtigeren aber minder verbreiteten oder schwerer
zugänglichen gedruckten Werken; periodische Uebersichten über die ger-
manistischen Leistungen auf einzelnen Gebieten und in einzelnen Län-
dern; Anzeigen und Recensionen.
Die Haltung anlangend wird die Zeitschrift einen möglichst objec-
tiven Charakter zu tragen, allem Partheitreiben fern zu bleiben und in
ihrem Tone und ganzen Wesen jederzeit die Würde der Wissenschaft zu
wahren trachten. Jede wissenschaftliche Ansicht soll sich in ihr frei
aussprechen dürfen, sobald solches in wirklich Avis sen schaftlicher Weise
geschieht.
Wie weit es gelingen werde, den hier angedeuteten Plan zu ver-
wirklichen und dem vorgesteckten Ziele nahe zu kommen, das wii'd
wesentlich von der freundlichen Unterstützung und 'Theilnahme abhän-
gen, welche Redaction und Verlagshan dluug bei den Pflegern und Freun-
den der deutschen Philologie zu finden hoffen , und welche sie sich ebenso
angelegentlicli als vertrauensvoll erbitten. Die geneigte Mitwirkung und
fast ausnahmslose Zustimmung, welche die liedaction bis jetzt überall
bei den •Fachgenossen gefunden hat, lässt uns hofl'en, dass auch das
Publikum unseren Unternehmungen eine wohlwollende Theilnahme zuwen-
den werde.
Die Zeitschrift erscheint in Heften von durchsclmitlich 8 Bogen in
dem Formate und der Ausstattung dieses Prospectes. Jedes Heft wird
25 Sgr. kosten, und je 4 Hefte werden einen Band bilden. Das erste
Heft, welches bereits gedruckt vorliegt, enthält Beiträge von den
Herren Delbrück. AVeiiihold, Leo Meyer, Konratl Maurer, A. Kuhn und
W. "Wackernagel. Für die nächstlblgenden Hefte liegen Mittheilungen
druckfertig vor von den Herren Anschütz, Delbrück, Gildemeister, Heyne,
Leverkus, Martin, Rieger, Rochholz, Rückert , Schröder, W. Wacker-
nagel , Weinhold , Woeste , und weitere Zusendungen , namentlich auch
Berichte über die germanistischen Bestrebungen in Skandinavien, den
Niederlanden und England sind uns von verschiedenen Seiten her freund-
lich verheissen. Das zweite Heft befindet sich bereits unter der Presse
und wird binnen wenig Wochen vollendet sein ; ihm werden die weiteren
Hefte so rasch folgen als es ohne Beeinträchtigung des Gehaltes der
Zeitschrift geschehen kann.
Zusendungen von Manuscripten , Büchern , Programmen u. s. w.
erbitten wir uns entweder über Leipzig auf buchhändlerischem Wege
oder direct franco mit der Post.
Bestellungen nehmen alle Buchhandlungen entgegen.
Biicliliaiidlimg des Waisenliauses.
Ihre tbätige Mitwirkung an dieser Zeitschrift haben bis jetzt freundlich
in Aussicht gestellt die Herren:
Prof. Dr. Anschütz in Halle.
Dr. M. Bernays in Bonn.
Privatdoe. Dr. Delbrück in Halle.
Prof. Dr. Dietrich in Marburg.
Prof. Dr. Friedberg in Halle.
Oberl. Dr. Gerland in Magdeburg.
Prof. Dr. V. Giesebrecht in Müncben.
Prof. Dr. Gildemeister in Bonn.
Archivar Dr. Grein in Cassel.
Dr. Helfenstein in Oxford.
Privatdoe. Dr. Heyne in Halle.
Oberl. Dr. Hildebrand in Leipzig.
Prof. Dr. C. H o f m a n n in München.
Archivar Dr. J a n i c k e in Magdeburg.
Oberl. Dr. .J ä n i c k e in Wriezen.
Prof. Dr. Koch in Elsenach.
Oberbibl. Dr. Köhler in Weimar.
Prof. Dr. Kuhn in Berlin.
GR. Prof. Dr. Leo in Halle.
Staatsrath Dr. Leverkus in Oldenburg.
Prof. Dr. Lex er in Freiburg.
KoUab. Dr. Lübben in Oldenburg.
Prof. Dr. Lucae in Marburg.
Privatd. Dr. Martin in Heidelberg.
Prof. Dr. K. Maurer in München.
Prof. Dr. Leo Meyer in Dorpat.
Dr. E. H. M e y e r , Lehrer an der Han-
delsschule in Bremen.
Prof. Dr. Möbius in Kiel.
Prof. Dr. Moltzer in Groningen.
Prof. Dr. Max Müller in Oxford.
Oberl. Dr. Palm in Breslau.
Prof. Dr. Pott in Halle.
Prof. Dr. V. Räumer in Erlangen.
Prof. Dr. Regel in Gotha.
Dr. Rieger in Darmstadt.
Prof. Dr. Roch holz in Aarau.
Prof. Dr. Rückert in Breslau.
Privatd. Dr. Rumpelt in Breslau.
Prof. Dr. Schade in Königsberg.
Privatd. Dr. Seh er er in Wien.
Oberl. Dr. Schiller in Schwerin.
Prof. Dr. S c h r ö d e r in Bonn.
Prof. Dr. S c h w e i z e r - S i die r in Zürich.
Prof. Dr. Sigwart in Tübingen.
Prof. Dr. Ueberweg in Königsberg.
Prof. Dr. de Vries in Leiden.
Prof. Dr. W. Wackernagel in Basel.
Prof. Dr. Weigand in Giessen.
Prof. Dr. Wein hold in KieL
Gymn.-Lehr. Dr. Wilma nns in Berlin.
Fr. Woeste in Iserlohn.
Prof. Dr. Zarncke in Leipzig.
Prof. Dr. J. Zingerle in lusbruck.
Gymnasial - Lehrer Dr. Z u p i t z a in
Breslau.
Halle. Iiruck der Waisdilmns-Kuchdr'
Litterarische Anzeigen.
@runt>tt^ ^ct tniiicU)od)^c\ü^A)cn f^^0tmcnUi}tc,
füv ^(nfänger bearbeitet oon ßa r l 35artf)cl. 15 i^gv.
Auswahl der
Minnesänger
lür voilesuugeu uiid zum schulgebrauch mit eiueui wörterbuclie und einem abrisse
der mild, formeulehre herausgegeben von dr. Karl Volckmar. 1 Tblr. 10 Sgr.
Partiepreis für Schulen nur 25 Sgr.
Gothischhoclidentsche Wortlehre.
Herausgegeben von Adolf Ziemann. 15 Sgr.
Altdeutsches Lesebuch.
Herausgegeben von Adolf Ziemann. Zweite Ausgabe. 1 Thlr.
Mittelhochdeutsches Wörterbuch.
Herausgegeben von Ad. Ziemann. Herabgesetzter Preis : '6 Thlr. lu Sgr.
S^. g. Mafemann: ®ejd)i(f)te
Tiebft uoflftänbigcv Citcvntur be§ ©pieteö , fotoie ^bbilbungcn uub 3{egi[tern. 1 %i)\.x. 20 *gr.
§. ^. Ma^mann:
ÄÄifet l^tic^vtd) im ^tf?J)äufcr»
gSortvag, gel)altcn am Stiftungsfefte bev 58erltniid}en ®cjeUfct}aft für bcut|d)c ^pra^c
(17. Januar 1850). 10 @gt.
Sonft. 53latt^iä:
^\c ®ctttfd)c ^pta^c
unb bie^eutjd^en ©deuten. Sin 5gcitrag jur ä^erftätibigung über ben Xcutirf)cn Untcrrid)t.
20 Sgr.
ISittf^ilt: 2BiAtifl£ett, 9}ktliobe uiib ^ertiijvm;ieu bcä tciit(d)cn UittciTtc^tö , iicbft iSeincrlitiuieu itbcv
iSrf)veib- unb Spvacijleljvc", ®i)vac()mcugevci , Ucbcvfc^uiiacii, ■)JJau>jclbafti()tcit iiu}evcö öffentliAcu ^tili3, ü)hiftcv
ftücfc imb btc bciitjc^e ©rammatit öoit (Stfeleiit.
S» S»* ^* aWcincfcJ .s>rnbtt}Drterbuc() ber SWctvlif , in beionbever 33e5iet)ung auf ^<x^ eigen»
t^ümUd)c bcrjctbeu in ber bcutjdjcn 3prari)C. 1 J^Ir.
% ^. ^* 9Äcinc(c: T)ic «Bcr^futtft ber Seutjdien, nu§ ber 5]atur be§ iKI)l)tf)mu§ ent»
»idclt, in ikrgleid)ungcn mit ber gried)ifd)=römifd)en. gum ^S^n(gebraud) , roic auc^
für iiebt^aber ber Sic^ttunft unb für 5)htfifcr. 2 2:()cilc. 2 Jtjlr. 2t » Sgr.
2 üb tu. aSill^i. ©(i^raber: S>ie ©agc üon ben
unb bereu (^ntftcl)en in üDrc^riftliri)cr S^it burd) bie 5ycref)ritng be§ a)ieIt)tH-»95 unb ber
Srau .f;>ol(e. 10 3gr.
ENGLA AND SEAXNA SCOPAS AND BÖCEKAS.
Auglosaxüimui poetae atquc scriptores prosaici, quoruiii partim integra o])era , partim
loca selecta colligit, correxit, edidit Ludov. Ettm iillerus. 1 Thlr. 20 Sgr.
Velin -Papier ä Thlr.
VOKDA YEALHSTOD ENOLA AND SEAXNA.
Lcxicon aiiglosaxonicum ex i)octarum scriptorumque prosaicorum oiteribus nee non
lexicis anglosaxonicis coUectum, cum synopsi gramraatica edidit Ludov. Ettmül-
lerus. 4 Thlr. 15 Sgr. Velin -Papier 5 Thlr. 10 Sgr.
Altdeutsche Dichtungen.
Aus der Handschrift herausgegeben von Dr. N. Meyer und E. G. Mooyer.
25 Sgr.
Inhalt: 1) Legende vom heiligen Alexius. 2) Dis ist der busant. 3) Dis ist
der ritter vnderm zuber. 4) Von eyme gewerbe eins vnd einer. 5) Dis ist der kunig
von franckrich. 6) Dis ist der schuler von paris. 7) Dis ist ein hubisch spruch von
liebe. 8) Von ej'me truncken hüben.
SBci ©♦ j^ivjel in lSei|)3i9 evfc^ien Joeben:
® o ö 95 f o t
im
Spiegel fd)mei^erbcutfd)er ÖolkBfpradje mib Sitte.
Scfc jc^njci5crifrf)cr (Scöärfnamcu.
^u§ bcn papieren be§ f(f)ti)eijerifd)cn Sbiotifon§.
gr. 8. 5|3ret§: 1 Stljlr.
Sm 3?evtage Don f^* Xcmp^tt) in ^Väö ift erf^iencn unb burc^ aQe a3u(!^f)anblun=
gen ju bestehen:
über bie
@ntnbmat)r^eiten öer SSiffenfcljaft
SUOlcid) in i^rcv ^^c^ictjuuö 5« öcm ßcöcn.
fjür ©ebilbete au§ ollen ©tänben.
SBon
(Erfler ßanli : friiciitc ticnninfllirifik.
2. t)ermet}rte ^luflage.
20 V4 93Dgen gr. 8. ^reiö 2 %i)h.
2)affelbe au* unter bein Sttel:
(Erneute t) e r n u n f t k r i t i k.
3>oit
ÄrtrI crrjtlftian ?^ticötrt<J) Ärattfc.
2. üerme^rte 2Uiflage. 20 V4 53ogen gr. 8. 5ßvei§ 2 S^aler.
Sm S?erlage üon 21» 9lcif e)t>i% in ©^l^cln iyt foebett erfc^ienen :
eittfüljntncj
in ba§
3um 5rlbrtuntfind)t für jcbrii ©fbilktcii.
3>Dn Dr. ^nU 3uVl%<>» ©4. 10 ©gv.
Verlag von 0. Emil Barthel in Halle,
durcli jede Buchhandlung zu beziehen.
Shakfpere - Eorscliiiiigeii
von
Benno Tschiscliwitz,
Dr. pliil., College a. d. Realschule des Waisenhauses zu Halle a/S.
Drei Theile.
1868. kl. 8. brochirt. 2 Thlr. 20 Sgr.
I. Auch unter dem Titel:
Sliakfpere's Hamlet , vorzugsweise nach historischeu Gesichtspuncten
erläutert. 1868. kl. 8. 15 Bogen, brochirt. 1 Thlr. 10 Sgr.
II. Auch unter dem Titel:
Naclikläiige geruiaiiiselier Slytlie in den Werken Shakfpere's. Zweite
vermehrte Ausgabe. 1868. kl. 8. 9% Bogen, brochirt. 24 Sgr.
III. Auch unter dem Titel :
Shakfpere's Staat und König'tliiim , nachgewiesen an der Lancaster-
Tetralogie. Zweite Ausg. 1868. kl. 8. 6^8 Bogen, brochirt. 16 Sgr.
Shakspere's sUmmtliche Werke.
Englischer Text,
berichtigt und erklärt
von
Dr. Benno Tschischwitz.
Nebst historisch -ki'itischen Einleitiiug-en.
Shakspere's Hamlet, Prince of Denmark. Englischer Text, berichtigt
und erklärt. Nebst einer historisch - kritischen Einleitung. 1869.
gr. 8. 15 Va Bogen, brochirt 1 Thlr.
Prospect auf der Eückseite des Umschlagtitels.
ARTICULI DETERMINATiyi
ANGLICI HISTORIA
AUCTOR
BENNO TSCHISCHWITZ
DR. PHIL.
MDCCCLXVII. gr. 8. 2 Bogen, brochirt. 10 Sgr.
Aristotelische Forschungen
von
G-ustav Teichmüller,
Dr. phil. , ord. Professor a. d. Universität zu Basel.
I. Auch unter dem Titel: ^
Beiträge zur Erklärung der Poetik des Aristoteles. i867. gr. 8.
I8V2 Bogen, brocliirt. 1 Thlr. 25 Sgr.
n. Auch unter dem Titel:
Aristoteles Philosophie der Kunst erläutert. 1869. gr. 8. 30 Bogen,
brochirt. 3 Thlr.
Wird fortgesetzt.
Bei Goors" Reimer in Berlin ist cLen erschienen nnd durch jede Bucliliand-
luug zu beziehen :
I W E I N
eine Erzälilunp
V o n FI a 1* t ni a n n a- <> n Aue
mit Anmerkungen
von G. F. Benecke und K. Laehmann
Dritte Ausg-abe.
2 Thlr. 15 Sgr.
Verlag von Ferdinand Scliöningh in Paderborn.
Bibliothek der ältesten deutsclieii Litteiatiirdeiikmäler,
lierausgegeben von IVIoritz Heyne, Dr. pliil. , Privatdocent
in Halle.
Band I. ülfllas oder die uns erlialtenen Denkmäler der gotlii-
sclien Spraclieu. Text, Grammatik mid Wörterbuch. Bearbeitet
und herausgegeben von Fried. Ludw. Stamm , Pastor an St. Lud-
geri in Helmstedt. Vierte Auflage, besorgt von Dr. Moritz
Heyne, Privatdocent in Halle. Iö6'j. gr. 8. 380 Seiten, geli.
1 Thlr. 20 Sgr.
Band II. Altniederdeutsche Denkmäler, l. Theil: Heiland. Mit aus-
führlichem Glossar herausgeg. von Dr. Moritz Heyne. 18G5. gr. 8.
.388 Seiten, geh. 2 Thlr.
Band III. Beovulf. Mit ausführlichem Glossar lierausgegeben von
Dr. Moritz Heyne. Zweite verbesserte Auflage. 1868. gr. s.
292 Seiten, geh. 1 Thlr. 10 Sgr.
Band IV. Aitniederdeutsclie Denkmäler. 2. Theil: Kleinere altnie-
derdeutsche Denkmäler. Mit ausführlichem Glossar herausgegeben
von Dr. Moritz Heyne, gr. 8. .208 Seiten, geh. 1 Thlr.
Kurze Grammatik der altgermanisclien Spraehstämme. Gothisch,
Althochdeutsch , Altsächsisch , Angelsächsisch , Altfriesisch , Alt-
nordisch. 1. Theil: Kurze Laut- und Flexionslehre der altgerma-
nischen Sprachstämme. Herausgegeben von Dr. Moritz Heyne.
1862. gr. 8. 342 Seiten, geh. 1 Thlr. 10 Sgr.
lieber die Lage und Construction der Halle Heorot im angelsäch-
sischen Beovulf liede. Nebst einer Einleitung über den angelsäch-
sischen Burgenbau von Dr. Moritz Heyne. 1864. gr. 8. 64 Sei-
ten, geh. 10 Sgr.
BeoTulf. Angelsächsisches Heldengedicht, übersetzt von Dr. Moritz
Heyne. 12". 135 Seiten, geh. 13 Va Sgr.
Walther Ton Aquitanieu. Heldengedicht in zwölf Gesängen, über-
setzt mit Erläuterungen und Beiträgen zur Heldensage und Mytho-
logie von Franz Linnig. 12**. 160 Seiten, geh. 10 Sgr.
lUlle, Druck der Waiieilliau-Blichdruokerei.
Band XXIL: DYOCLETIANUS LEBEN von Hans von Bühel.
Herausgegeben von Adelb. Keller.
Preis: 1 Thlr. 15 Sgr. Velinp. 1 Thir. 25 Sgr.
Band XXIIL: GESTA RÖMANORUM das ist der Ra3mer Tal.
Herausgegeben von Adelb. Keller.
Preis: 1 Thlr. 10 Sgr. Velinp. l Thlr. 15 Sgr.
Band XX] V.: DER JÜNGERE TITÜREL. Herausgegeben von
Karl August Hahn. Preis: 2 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 3 Thlr.
Band XXV.: MJE¥iE VON SENTE ANNEN, Erzebiscove ei Kolne
bi Rini. Von neuem herausgeg. von Dr. H. E. Bezzenberger.
Preis: 1 Thlr. Velinp. 1 Thlr. 5 Sgr.
Band XXVI.: lacob Ruffs ADAM UND HEVA. Erläutert und her-
ausgegeben von Herrn. Marc. Kottinger.
Preis: 1 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 2 Thlr.
Band XXVIL: THEOPHILUS, der Faust des Mittelalters. Schau-
spiel aus dem vierzehnten Jahrhunderte, In niederdeutscher
Sprache. Erläutert und herausgegeben von Ludw. Ettmüller.
Preis: 20 Sgr. Velinp. 25 Sgr.
Band XXVIIL: ENGLA AND SEAXNA SCÖPAS AND BÖCE-
RAS. Anglosaxonum poetae atque scriptores prosaici, quorum
partim integra opera, partim loca seiecta collegit, correxit, edi-
dit Ludov. Ettmüllerus. Preis: 1 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 2 Thlr.
Band XXIX.: VORDA VEALHSTÖD ENGLA AND SEAXNA.
Lexicon anglosaxonicum ex poetarum scriptorumque prosaicorum
operibus nee non lexicis anglosaxonicis coilectum, cum synopsi
grammatica edidit Ludov. Ettmüllerus.
Preis: 4 Thlr. 15 Sgr. Velinp. 5 Thlr. 10 Sgr.
Band XXX. : DER WÄLSGHE GAST des Thomasin von Zirclaria.
Zum ersten Male herausgegeben und mit sprachlichen und ge-
schichtlichen Anmerkungen versehen von Dr. Heinr. Rückert.
Preis: 3 Thlr. Velinp. 3 Thlr. 15 Sgr.
Band XXXL: DAT SPIL FAN DER UPSTANDINGE. Gedichtet
1464. Mit Einleitung und Erläuterungen herausgegeben von
Ludw. Ettmüller. Preis: 25 Sgr. Velinp. 1 Thlr.
Band XXXII. : DAS PASSIONAL. Eine Legenden- Sammlung des
dreizehnten Jahrhunderts. Zum ersten Male herausgegeben
und mit einem Glossar versehen von Fr. Karl Köpke.
Preis: 3 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 4 Thlr. 15 Sgr.
Band XXXIIL : Des Fürsten von Rügen WIZLÄW'S DES VIER-
TEN SPRÜCHE UND LIEDER in niederdeutscher spräche.
Nebst einigen kleineren niederdeutschen Gedichten: Herrn Eiken
von Repgöwe Klage, — Des Kranichs Hals und Der ThiereRath.
Erläutert und herausgegeben von Ludw. Eltmüller.
Preis: 20 Sgr. Velinp. 25 Sgr.
Band XXXIV.: Bruder Philipps des Carthäusers MARIENLEBEN.
Zum ersten Male herausgegeben von Dr. Heinr. Rückert, Pro-
fessor extraord. zu Breslau.
Preis: l Thlr. 20 Sgr. Velinp. 2 Thlr.
Rand XXXV: KARL DER GROSSE von dem Stricker. Heraus-
gegeben von Dr. K. Bartsch.
Preis: 2 Thlr. 15 Sgr. Velinp. 3 Thlr.
y«rl«f voa Q. Sause in Qaedlinburg.
Band XXXVl: LOHENGRIN. Zum erstenmale kritisch heraus-
gegeben und mit Anmerkungen versehen von Dr. Heinr. Rückert.
Preis: 1 Thlr. 15 S^r. Vclinp. 1 Tlilr. 20 Sgr.
Band XXXVIL: DIE ERLOESÜNG. Mittelhochdeutsches Gedicht,
mit einem Anhange geistlicher Lieder. Herausgegeben von
K. Bartsch. Preis: 2 Tlilr. 15 Sgr. Velinp. 3 Thlr.
Band XXXVIIL: ALBRECHT VON HALBERSTADT und Ovid
im Mittelalter. Herausgegeben von K. Bartsch.
Preis: 4 Thlr. Velinp. 5 Thlr.
Band XXXIX.: HEINRICH UNO KUNEGUNDE von Ebernand
von Erfurt. Zum ersten Male nach der einzigen Handschrift
herausgegeben von Dr. Reinh. Bechstein.
Preis: 1 Thlr. 25 Sgr. Velinp. 2 Thlr. 10 Sgr.
Zweite Abtheilung.
Band l: SRonc, Untctfu^ungctt jur ©cfc^ic^tc bct bcutf^eti ficl-
bcnfagc» «pvei^: 2 Zi)h. 10 ggr. ajetinp. 2 Z\)h. 20 ©gv.
Band IL: @an = 9KaTtc (Qt. €rf}urj), S)ic Mtt^nt - Ba^t Uttt» t»ic
SÄä^r^ctt bcö rotten S3u(^cö öon ^crgcjl,
^rci^: 2 2^Ir. 93ennp. 2 Zi}lx. 10 ®gr.
5anrf ///.; ®an = 2)1 arte (^li. <Sc!^uIj). — ^Seiträge jur bretonifc^en mit
ccitifci; = gcrmanifcf)en ^elbenfoge»
«Prei^«: 1 J^fr. 15 ©gr. Jßdiiip. 1 3:t)[v. 25 €ijv.
Band IV.: ®an=9J?artc (Q(. @c6utj), But SSaffcnfunbe t>c§ tttteren
tCUtfd;Ctt fStitUlaltn^, «Preiö: 2 Zi^lx. 20 egr. 55eHin.\ 3 Z1)lx.
Dritte Abtheilnng.
5an(i /.; MITTELHOCHDEUTSCHES WÖRTERBUCH. Heraus-
gegeben von Ad. Ziemann. Herabgesetzter Preis: 3 Thlr. 10 Sgr.
Band IL: REIMREGISTER zu den Werken Wolframs von Eschen-
bach. Von Dr. A. Schulz (San-Marte).
Preis: 1 Thlr. Velinp. 1 Thlr. 5 Sgr.
Bei dem unterzeichneten Verleger sind ferner erschienen:
Gothischhochdeiitsche Wortlehre.
Herausgegeben von Adolf Ziemann. gr. 8. Preis: 15 Sgr.
Altdeutsches Lesebuch.
Herausgegeben von Adolf Ziemann. Zweite Ausgabe, gr. 8.
Preis: 1 Thlr.
Altdeutsche Dichtungen.
Aus der Handschrift herausgegeben von Dr. N. Meyer und E. G.
Mooyer. gr. 8. Preis: 25 Sgr.
Inhalt: 1) Legende vom heiligen Alesius. 2) Dis ist der busant. 3) Dis
ist der riUer vnderm zuber. 4) Von eyme gewerbe eins vnd einer.
5) Dis ist der kunig von franckrich. 6) Dis ist der schuler von paris.
7) Dis ist ein hubisch Spruch von liebe. 8) Von eyme truncken buben.
Quedlinburg, im November 1868.
Cr. Sassesche Buchhandlung.
Gedruckt bei G. Basse in Quedlinburg.
PHILOLOGISCHE LITERATUR
im Verlage von Gr. Baisise in Quedlinburg.
Drei dem C. Pedo Albiuoranus zugeschriebeue Elegien,
nebst einem Fragmente dieses Dichters. Der latein. Test nebst einer metri-
schen Uebersetzung und Anmerkungen von J. H. F. Meineke.
17i Sgr. =: 1 Fl. 3 Kr. rhein. ~ 88 Kr. österr.
9trc{)iniel>eö: lieber t(ie ^JU-nj^e teö Sant'c^, otcr ^credmung t>ev ®rü§c fcer
Söelt in ®an^fin•nern. 9Ui?" tm ©riedjifd^cn libei-fe^t i^cn 5. %. Jlriiiger.
10 <BiT,t. — 36 ilr. rhein. = 50 Rx. oficvr.
©runbrif t»er mittel^oc^bcutfc^ett gormenlc^te,
für 5(nfdufler bearbeitet von Äart SBartbei.
$reiö: 15 ©^r. z: 54 j^v. rbeiii. = 75 ^x. öjterr.
Rieh. Bellt! eil !>otae atqiie Einendatioues
in Q. Horatium Flaccum integrae. Nunc separatim usui critico diligen-
tissime typis exscriptae. Cum ipsis indicibus Bentleianis. Curante Jo. Fr.
Sachse. 1 Thlr. 25 Sgr. =: 3 Fl. 18 Kr. rhein. — 2 Fl. 75 Kr. österr.
Besseres Papier 2 Thlr. 2^ Sgr. =: 3 Fl. 45 Kr. rhein. = 3 Fl. 13 Kr. österr.
Yelinp. 2 Thlr. 15 Sgr. — 4 Fl. 30 Kr. rhein. — 3 Fl. 75 Kr. österr.
6bi»nU''i'flion'?5i9eac:
2Hjbitt)Utt9 «nb SScfilmbung
feö nud) $ariö gefdjafften Cbeli^'f foii 8iii;or. ^Udj Un 3cid}iutiiiV'n wnb f;ant«
fcl)riftlid)en SBcmerhinflea gbiii'iVoUiün'e ^ee' ^iiiiöern. 3hi? tem j^ranjö-
fifdien. ' 5[IUt 2 2afe(n ^IbbüMiiUjen (in 4. imb ■gel).
15 Sgr. zz 54 Ar. rf)eiu. ir 75 jlr. üfierr.
(Sf)aniVüniou'ö teö ^üniicru
Briefe auö 2tegi)^ten mt ^ubictt,
gefitriebeu in ten Sabren 1828 un^ 1829. aScflftäut>iAC, mit frei 3lbbanMuiigen
unt' mit 2tbbiI^u^c)en' i?erfebene 9(u^ivit'f- ?^"^^ ^f"' g-ranjöft|d)cu iiberfe^t Pen
ßucien x>. önttfdnnit'.' ^it 7 lafeln Jlbbiltuuijcn.
1 Sbfr. l"5 egr. =: 2 %{. 42 ilr. rbein. =: 2 gl. 25 Jir. ofierr.
Sit <rmnf)nten brct 3f(>l)ünMiingcn £ntt)alttn: l) J?iitjcr Äbrip bcr ägtjftifc^Jii ©e.-
fd^tt^tc. 2) eingäbe, wegen ert)iiltiing bcr Senf malet JfegiUJteng. 3) SJioljammebS, 53Jü;
inurS ober a3orf}cI)er§ con Za\)ta , SBrief« an GtjampeUion.
9tömifcf)C ©cf^idpfe,
yind) «Riebubr, ^leeren, 3©ad)ömutb, €d)(i^ffer nnt' Sintern. 9lnö tem (^-nglifd^en
üon %x. 03 au er «nt Dr. ^HMnr. 2>ih-ing. 2 93änfc. 2 at;(r. 15 ©gr. —
4 ?^(. 30 ilr. rfjein. = 3 gl. 75 Ar. ollerr.
9)Jori|j ®raf i'cn ©ör^^aiU-iöbcnj:
Sßörtcrbu^
über bic (2d)anerigfeiten Iicr tieutfc^en ©pradie. Oter bequemet 9Jad)f^Iaflebud),
um ftd) in fd)anerigen gdllen [cwo^l bi"M}t'ict) ^f»-' @prad?lebre, alö and) bcr
JKed;tfd)rcibung unt» tcr grcmb; unb [iuniienvanbtcn 2Börtcr dlüH ju er{)oIen.
H Zi}U: = 2 gl. 42 Jlr. rbciu. = 2 gl. 25 ^r. oftcrr.
©efc^it^tc bcö ^incjtfd)cn 9Jei^c6»
aScn Sari ß^üMaff. ?lu!i bcm (fngli|"d}en von gr. 33 au er. 2 SSbe.
2 Jblr. 15 egr. = 4 gl. 30 Rx'. rtjein. = 3 gl. 75 Kx. cftcrr.
gr. ^aupt: Seidite SUifgaben jum
Ucbcrfe|en auö km S)cutfc^cn in'6 ßatcinifd)C»
3Uö SBcifpiele ju bcn fiintattifd)cn ^Hegeln ber tleincn örober'[d)en ÖH-ammatif für
bie untern illaffcn wn ®elel}rtenfd)ulcn. ^\vt\k V'Cxmd^xU Sluflaöc.
10 ©ijr. — 36 i\x. rbein. — 50 Mx. öjlierr.
C. H e i n e c li e 's Andeutungen
über das Princip der Vcrmittclung im homerischen Götter- und Helden-
Dualismus, n Thlr. — 2 Fl. 24 Kr. rhein. = 2 Fl. österr.
Hesiodi quod fertur Scutiim Herculis ex recognitione et cum animadver-
sionibus Fr. Aug. Wolfii cdidit C. Ferd. Ranke. Accessit apparalus
crilicus et dissertalio editoris. 1 Thlr. 25 Sgr. — 3 Fl. 18 Kr. rhein.
~ 2 Fl. 75 Kr. osterr.
©cfc^id^tc ©icilicnS
in 6cr fn'ibmu 3nt lIll^ im a)}ittclafter. IUmi Dr. 3. ®. i?on .^ot^cr.
2 a:i)(r. 10 ®j]r. = 4 gl. 12 .ffr. vljcin. = 3 %L 60 .ftr. öficrr.
Jacob, C. G., Prof. Port.: Ouaestiones epicae seu symbolae ad grarama-
ticam latinam poeticam. f Thlr. 15 Sgr. — 2 Fl. 42 Kr. rhein. — 2 Fl.
25 Kr. iJsterr.
Lucani, M. Annaei: Pharsaliae libri X. Ad meliorum librorura fidem
recensuit scholiisque inlerpretatus est et iudicem adiecit Carolus Her-
mannus Weise. 1 Thlr. 20 Sgr. = 3 Fl. rhein. — 2 Fl. 50 Kr. österr.
Velia-Papier 2 Thlr. 10 Sgr. zz 4 Fl. 12 Kr. rhein. — 3 Fl. 50 Kr. österr.
L. Lucilius Jun.:
Aetna.
Ein Lehrgedicht, nebst dem Bruchstücke eines Gedichts des Cornelius
Severus, von dem Tode des Cicero. Der lateinische Text, nebst einer me-
trischen Uebersetzung und Anmerkungen, von J. H. F. Meineke.
17.1 Sgr. — l Fl. 3 Kr. rhein. — 88 Kr. österr.
Macrobii Ambrosii Theodosii v. c. et inl. Opera quae supersunt. Excus-
sis exemplaribus tam manu exaratis quam typis descriptis emendavit:
prolegomena, apparatum criticum, adnotationes, cum aliorum selectas tum
suas, iüdiccsque adiecit Ludovicus lanus. — Volumen I. Prolego-
mena: Ciceronis somnium Scipionis cum commentariis Macrobii: Ex-
cerpta e libro de diffcrentiis et societatibus graeci latinique verbi. 2 Thlr.
— 3 Fl. 3(5 Kr. rhein. — 3 Fl. österr. Velin -Papier 2 Thlr. 15 Sgr.
— 4 Fl. 30 Kr. rhein. — 3 Fl. 75 Kr. österr.
— Volumen II. Saturnaliorum libri VII. et Indices. 3 Thlr. 10 Sgr. —
6 Fl. rhein. — 5 Fl. österr. Velin -Papier 4 Thlr. ZZ 7 Fl. 12 Kr. rhein.
— 6 Fl. österr.
te SWarleö:
©cfc^ic^te ber SJlarie ^tnavt,
iliMiigin von ©cf;ottIant. 20 ©äv. — 1 gl. 12 Jlv. rtjctn. zz 1 %L öfJevr.
^;\ g. SDJai^mann: 65f[d)icl)tc
ht^ mitUlaltnli^m, tjorjugö weife feeö beutf^en B^a^^pkU^.
9ltb\t vollftcintigev unt> fortlaufcntcv gitcvatur teö Spicicö, fonnc Slbbiltungcn
lIn^ gjfgiftnn. l Jljlr. 20 ©gr. z: 3 %l. xljdn. — 2 g(. 50 ^x. öftcrr.
^p. g. 9[)Ja§mnnn:
^aifer ^ricbric^ im Äijf Käufer»
SJortraj, gehalten am Stiftungfifcfte ^el■ Serlini|djen ©cfcHfctjaft für t>cutfd;e
©pracfje (17. Januar 1850).' 10 Sgr. = 36 Jtr. rt)cin. — 50 JTr. öftcrr.
J^onft. »KittHci:
©ie S)eutfc^e ^pxa^t
unt) Mc 2)cutf^cn ®d)ulcn. {?iu Scitrag jur äjerftäntiignug über t>cn SDentfcljcn
llnterricljt. 20 ®gr. = 1 %L 12 ^v. rtjein. = 1 gl. öficrr.
ÜDJeinctc, 5. ^. g. : Seic^tfa§lid)c Cfnhvicfclung fcr waf^ren SÄ^^t^'n^lt in
Un gricd)ifd)en S5er8artcn tee -Cunaj, finpct)! im Originale, alö in ihren
reutfcl)en 9?ac^lntl»ungen. giir ©diülcr in l)6t)ern '2ct)ranftalten. 12i (Sgr.
n 45 .Rr. rl)etn. ~ 63 Jlr. ijfterr.
— .'panl!tt)c>rterDucl) ter SWctrif, in befontcrer 58c3ie{)ung auf tiaö (ftgent^üms
{id)c tcrfclben in rcr fcutfd;en «aprad^c. 1 5£()lr. ~ 1 gl. 48 Jtr. rt)ein. ~
1 gl. 50 Six. ofterr.
— 5Dic SSctSfunft tix ©eHtfd)en, auS ^er 9iatur t>ci SRljDt^muö entiricfclt, in
3Jcrglcid)ung mit itx flried)ifd) = rünufd)en. 3Min ^d)\üo,ibxcivid) , wu axiä} für
lHebf)al'er f'cr !Did)tfunft nn^ für SJluftfer. 2 Iljeilc. 2 S^lr. 20 €gr. —
4 gl. 48 Ar. r^cin. = 4 gl. öftcrr.
©efc^t^te beS btitift^cn Sttbien«
Sßon 3aiucö 9)1 iU, (£fq. dUd) tcr tritten cnglifd)en CriginabSluflagc üOcrfe^t.
6 Sänfce. 9 Xi)lx. = 16 gl. 12 Sit. r^ein. z=. 13 gl. 50 Six. öjlerr.
Yerlagr von G. Basse in Qnedlinbnrg.
mibllotliek
der gesammten deutschen
MTrONAL-LITERATlR
von der ältesten bis auf die neuere Zeit.
gr. 8. 1835 — 1867.
Erste Abtheilung.
Band 1.: KUTRUN. Mittelhochdeutsch. Herausgegeben von Adolf
Ziemann. Preis: l Thir. 15 Sgr. Velinp. 2 Thlr.
Band IL: THEUERDANK. Herausgegeben und mit einer histo-
risch-kritischen Einleitung versehen von Dr. Carl Hallaus.
Nebst 6 lith. Blättern. Preis: 2 Thlr. 10 Sgr. Velinp. 3 Thlr.
Band III.: DEUTSCHE GEDICHTE DES XH. JAHRHUNDERTS
und (ier nächtsverwandten Zeit. Herausgegeben von Prof. Dr.
Massmann. 2 Theile (in 1 Bande).
Preis: 1 Thlr. 25 Sgr. Veliup. 2 Thlr. 12i Sgr.
Tkeil I. : Die strassburg-mulsheimische Handschrift: 1) Glouben des ar-
men Hartmann. 2) Letanie. 3) Alexander des Pfaffen Lamprecht.
4) Pilatus.
Theil IL: 1) Kunic Rother. 2) Diu Buochir Mosis. 3) Von Tieren unde
von Fogilen. 4) Heinrich von des todes gehugde.
Band IV.: Der keifer und der kunige buoch oder die sogenannte
KAISERCHRONIK, Gedicht des 12. Jahrhunderts von 18,578
Reimzeilen, Nach 12 vollständigen und 17 unvollständigen
Handschriften, so wie anderen Hülfsmitteln, mit genauen Nach-
weisungen über diese und Untersuchungen über Verfasser und
Alter, nicht minder über die einzelnen Bestandlheile und Sa-
gen, nebst ausführlichem Wörterbuche und Anhängen zum er-
sten Male herausgegeben von Hans Ferd. Massmann.
Erster Theil. Preis: 3 Thlr. 10 Sgr. Velinp. 4 Thlr. 10 Sgr.
Zweiter Theil. Preis: 3 „ 10 „ Velinp. 4 „ 10 „
Dritter Theil. Preis: 4 „ 25 „ Velinp. 5 „ 25 „
Band V.: HERBORT'S VON FRITSLAR LIET VON TROYE.
Herausgegeben von G. K. Frommann.
Preis: 1 Thlr. 25 Sgr. Velinp. 2 Thlr. 12i Sgr.
Band VI: ERACLIUS. Deutsches und französisches Gedicht des
12. Jahrhunderts (jenes von Olle, dieses von Gautier von Arras)
nach ihren je beiden einzigen Handschriften, nebst mittelhoch-
deutschen, griechischen, lateinischen Anhängen und geschicht-
licher Untersuchung. Zum ersten Male herausgegeben von
H. F. Massmann. Preis: 3 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 4 Thlr. 10 Sgr.
Band VII: DIE KLEINEN SPRACHDENKMALE des VIU. bis
XII. Jahrhunderts. Herausgegeben von H. F. Massmann.
Preis: 1 Thlr. 5 Sgr. Velinp. 1 Thlr. 12^ Sgr.
Inhalt: Die deutschen Abschw'öriings-, Glaubens- , lieieht- und BctJ'or-
meln vom achten bis zum zwölften Jahrhundert, nebst Anhiingcn und
Schrifinachbildungen.
Band VIIL: LIEDERBUCH DER CLARA HÄTZLERiN. Heraus-
gegeben von Dr. Karl Hallaus.
Preis: 2 Thlr. 10 Sgr. Velinp. 3 Thlr. 10 Sgr.
Verlag von G. Baase in Quedlinburg.
Band IX.: SANCT ALEXIUS LEBEN in acht gereimten mittel-
hochdeutschen Behandlungen, Nebst geschichtlicher Einleitung,
so wie deutschen, griechischen und lateinischen Anhängen.
Herausgegeben von H. F. Massmann.
Preis: 1 Thlr. 15 Sgr. Velitip. 1 Thlr. 25 Sgr.
BandX.: DEUTSCHE INTERLINEARVERSION DER PSALMEN
aus dem XII. und XIII, Jahrh. Herausgegeben von E. G. Graff.
Preis : 3 Thlr. 25 Sgr. Velinp. 4 Thlr. 25 Sgr.
Band XIa.: DEUTSCHE PREDIGTEN des XII. und XIII. Jahr-
hunderts. Herausgegeben und erläutert von Dr. K. Both.
Preis: 25 Sgr. Velinp. 1 Thlr.
BandXIb.: DEUTSCHE PREDIGTEN des XHI. und XIV. Jahr-
hunderts. Herausgegeben von Dr. Herrn. Leyser.
Preis: 1 Thlr. Velinp. 1 Thlr. 7J Sgr.
Band XIL: FLORE UND BLANSCHEFLUR. Eine Erzählung von
Konrad Fleck. Herausgegeben von Emil Sommer.
Preis: 2 Thlr. Velinpap. 2 Thlr. 15 Sgr.
Band XIII.: KEISER OTTE MIT DEM BARTE. (Konrad's von
Würzburg sämmtliche Werke, dritter Band ) Herausgeg. von
A'. A. Hahn. Preis: 25 Sgr. Velinp. 1 Thlr.
Band XIV.: Jacob Buffs ETTER HEINI uss dem Schwizerland
sammt einem Vorspiel. Erläutert und herausgeg. von Herrn.
Marc. Kottinger. Preis: 1 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 2 Thlr.
BandXV.: AUSWAHL DER MINNESÄNGER für Vorlesungen und
zum schulgebrauch mit einem wörterbuche und einem abrisse
der mhd. formenlehre herausgegeben von dr. Karl Volckmar.
Preis: 1 Thlr. 10 Sgr. Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr.
(In grossem Partieen nur 25 Sgr.)
Band XVI.: Heinrichs von Meissen des Frauenlobes LEICHE, SPRU-
CHE, STREITGEDICHTE UND LIEDER. Erläutert und her:
ausgegeben von Ludwig EUmüller.
Preis : 2 Thlr. 10 Sgr. Velinp. 2 Thlr. 20 Sgr.
Band XVIL: DAS NARRENSCHIFF von Dr. Sehast. Brant. Neue
Ausgabe, nach der Original -Ausgabe besorgt und mit Anmer-
kungen versehen von Adam Walther Strobel, Professor am Gym-
nasium zu Strassburg.
Preis: 1 Thlr. 25 Sgr. Velinp. 2 Thlr. 121 Sgr.
Band XVIIL: KLEINERE GEDICHTE VON DEM STRICKER.
Herausgegeben von Karl August Hahn.
Preis: 1 Thlr. Velinp. 1 Thlr. 7^ Sgr.
Band XIX.: HEINRICHS VON KROLEWIZ UZ MISSEN VA-
TER UNSER. Herausgegeben von G. Ch. Fr. Lisch.
Preis: 1 Thlr. 20 Sgr. Velinp. 2 Thlr.
Band XX.: GEDICHTE des XII. und XIII. Jahrhunderts. Her-
ausgegeben von Karl August Hahn.
Preis: l Thlr. 5 Sgr. Velinp. 1 Thlr. 10 Sgr.
Inhalf: 1) Anegenge. 2) Tundalus. 3) Kintheit Jesu. 4) Urstende. 5)
Jüdel.
Band XXL: 2irtfcÜtf^C ®d)auf^tcle» ^§errtuäi3C3cBen (itnb mit einem
©loffar bcrfc^en) üon %xan^ 3of. ÜJi o n c.
«ßrciö: 1 3:i)Iv. 10 @äv. 33ctiiiv. 1 ZUx. 15 ©gr.
3nf}a(t: Ü}Jam ^immelfiut, 6f)villi Sluferjtc^ung, gronleirfjnom.
Verlag von G. Basse in Quedlinburg.
Melanthonis, P. : De vita Martini Lutheri narratio. Ad pie tnemoranda
recuperatae fidei et reipublicae sacra saecularia a. d. 31. Octobris 1817
celebrata Gymnasiorum alumnis recudi curavit J. F. Saxius. 7J 9gr.
— 27 Kr. rhein. — 38 Kr. österr.
Pfau, J. A.: Meditationes criticae de oratioilibus TIlUCydideis. 12^ Sgr.
— 45 Kr. rhein. ~ 63 Kr. öslerr.
^faii, 5- 91.: (Elemente t'cr gviccliifcltcu unt vömifd^cu SSJfctrif. f^üx mittlcvc
unt obere ©timnafiatflaffen l>arijcftctlt iint» mit Ccu nötfjkjcii {'cfeüiMiiiiicii i'ev^
[eben. 17» Si^r. — 1 %l. 3 Jlr. rbeiii. — 88 ^v. öilcrr. — 3» '^iivticcn nur
121 (ggr. :zz 45 Sir. vbein. — 63 i\x. öftcvr.
Pfau, J. A.: De numero Saturnio conimentatio. 20 Sgr. ~ 1 FI. 12 Kr.
rheiu. zi 1 Fl. österr.
Plauti Coinoediae et comoediaruni fragmenta. Cum ictil)us melricis, lectioue
ad optimos libros emendata, edidit C. H. Weise. Editio minor, uno
Yolumine, notis omissis. 2 Thir. 10 Sgr. — 4 Fl. 12 Kr. rhein. — 3 Fl.
50 Kr. österr.
^Uiuitiio ßuftfpiele. Ja eiiicv. luctrifd^cii llcbcvfc^uiuv
IflcS 58ün^(i)en entlii'ilt: Ser Jiirtl)a(i«t. — Sa^ -^nuggcfpftift. — '2tc6 58('inbc^ni: Ser
ptal)[etif(^e ^Rtiegämunn. — T(t («eijl)iil^.
ä Sänfd)cii 10 Sgv. — 36 ilx. t()cin. ~ 50 .ftr. öfterr.
C. ¥. Rauke: Pollux et Luciauus.
Coraraentatio. 25 Sgr. — l Fl. 30 Kr. rhein. — 1 FI. 25 Kr. österr.
Dr. Alb. Schmidt:
Latinae liiiguae Tocabula
aut iisdem aut similibus sonis facile fallentia. Handbüchleiu der gleich-
und ähnlich lautenden Wörter der lateinischen Sprache. Zum Gebrauch für
Anfänger beim Schul- und Privatunterricht.
7J^ Sgr. zz 27 Kr. rhein. zi 38 Kr. österr.
Ziitw. ©ilf). ©cbratev: SDie ®a<ne i^ün ticn
unt) tereu Kutfie^en in i.'orcl)viftIid)er Qät tiivcf) tte ä5evcbviitii\ teö SlJelvbogs; imb
tev g-rnu 4>onc. 10 @inr. zz 36 Ar. vbein. — 50'jlr. i>\tcxx.
?..<?. (y. ©eiDlcr'ö SWijt^ologtC tev alten i^ölfer, f)>niptfädifid) lex Jnt^ev,
Skijitpter, ©liedjen unD Olömcr. '^üv bie ijcbilrcten ©tänrc, inc-bcfonrcre für
l»ic ftncirence 5ity}''»t! ltn^ anl^e[)en^e Jtünftfcr. 2 Steile uiiJ) 9(tlcisi mit 20 Ja«
fein 5lbbiltun.]en. 2 2blv. 25 ©gr. zi 5 gl. 6 Jlr. rliein. ::: 4 gl. 25 ^r. öftcrr.
2. 51. ©eneca: lieber ^as i^erbältnip ter
Wiffcnf^aftlid^cn S^ilbung pr ftttlic^cn,
ofer ^ei'[en 88|ltev ©rief, übevfe^t nn^ erläutert \>on Dr. ß. (S. 30. ßetimann.
7i ©gr. = 27 S{x. vbein. z: 38 jlv. öfterr.
©cf^ic^tc Ut (gi-oberung tion 9Äcj:ifo.
9tuö tcnt Spanifd)en teö Don 9lntonio ^e ®oli? ü[iev|'e|jt von ?. &. göv*
fler. 2 Sänre. 2 Jljlv. 25 @gr. — 5 gl. 6 ilv. vbein. — 4 gl. 25 ^x. öfterr.
C. Corn. Taciti: De origine, nioribus ac situ
(ieniiauorum
libellus. Omnium codicuni hucusque cognitorum lectionc accuratissime
subinnotata nee non de libelli fatis et codice ceterorum omnium fönte
quaestione addita. Cura loau. Ferd. Massmann. Smaj. 1 Thlr. 15 Sgr.
ZZ 2 Fl. 42 Kr. rhein. = 2 Fl. 25 Kr. österr.
Varronis, M. Terent. : Saturarillll Meilippearum reliquiae. Editit Franz
Oehler. Praemissa est commentatio de M. Terenlii Varronis Satura
Menippea. 1 Thlr. 20 Sgr. — 3 Fl. rhein. rz 2 Fl. 50 Kr. österr.
Velin -Papier 2 Thlr. z: 3 Fl. 36 Kr. rhein. =z 3 Fl. österr.
Virgilii (Publii) Maronis Acneis. In usum scholarum annolatione per-
petua illustravil God. Guil. Gossrau. 3 Thlr. 10 Sgr. — H Fl. rhein.
ZZ 5 Fl. österr. Velin -Papier 4 Thlr. 10 Sgr. = 7 Fl. 48 Kr. rhein.
Z= 6 Fl. 50 Kr. österr.
ajirgil'^ 2ebvgetid)t oom ßaitbBau. 3n einer getreuen, metvifcl^en llebcrfe|jung
oon g. 2B. ®(cntl)c). 15 ogr. z: 54 S{x. rtiein. zz 75 Ar. öfterr.
Verlag Von G. Bass« in QuedUnbnrg.
Atlas aiitiquus.
Schul -Atlas der alten Welt. Nach d'Anville, Mannert, Kruse, Reichard u. A.
bearbeitet. N'ebst einem kurzen Abrisse der alten Geographie von C. Herrn.
Weise. 11 iMatt in i^rof? Clucrfolio.
1 Iblv. 15 S^x. zz 2 31. 42 Rx. x\)(i\\. zz 2 %l. 25 Stx. öftovr.
Corretthcit, ©aubcrteit lln^ fBoaftfl'nbigfeit }ci(i)iicn bicfcn ontiqunrifcf)cn t£rf)u[:2fttrtg
in l)D()cm ©tnbc ous ; ivclilmlb bcrfclbe in lUi'Icn @clef)rtcn:S(biikn GiniViUil gcfunbcn Init.
(St cnrbält: 1) Orbis terrarmn. 2) Hi^ipania. ?0 Gallia. 4) Iialia superior.
5) lialia inferior. 6) Germania. 7) Graecia. H) Asia minor ei Syria. 9)
Palaesiina- 10} Aegypius ei Arabia pelraea. W) Ailienae cum Piraeo. 12)
AcropoÜs. 13) Roma. Mens Capilolinii.s, 14) Campus Mariius. Giiict 8?ecenr
)"icn im Sitcvaturbtttttc 1835. @. 595 ifl fotgcnbe ©teUc enthoben: „1(Ue 14 iBlött« finb
mit rielem @cfd)ict cntmerfon :c., bic ®ct)tift ift bcutlid) iinb i'ibercU leobar; nud) läpt rid)
nic^t oecfcnncn, bii^ bic auf bem Sitelblotte genunnten .ipiilf^mittcl mit Um|ii-i)t bcnugt rcor;
bcn rmb. Surc^ bie ajcifiigung bct leptcn 4 »[ättcr, iüclrt)C bcn mciflcn Unternebmungen
bcr ^tt fefjlcn, l)iit jugtcic^ ber .^eruuggcbcr bct Swaf"'' ein i^oUfommcncS Wittcl bnrgcbc:
tcn, fid) tim niihcrc Äcnntniji ton 2ttl)en unb Sfum ju envcvbcn jc."
C. H. Weise:
Die Kouioedien des Plaiitiis.
Kritisch nach Inhalt und Form beleuchtet zur Bestimmung des Echten und
Unechten in den einzelnen Dichtungen, gr. 8. 1860.
1 Thlr. — 1 Fl. 48 Kr. rhein. — 1 Fl. 50 Kr. österr.
C. H. Weise:
Lexicou Plaatiiiiini.
8maj. 20 Sgr. = 1 Fl. 12 Kr. rhein. = 1 Fl. österr.
H. Weise:
Plautus iiud seine ueuestcu Diorthoten.
Philologisch -kritische Abhandlung. 15 Sgr. — 54 Kr. rhein. — 75 Kr. österr.
®ci[c, ß. Cv: ©af^ alte @rietf;cntanb. (Mcivjvapbifd), biftorifd) uut vo(itifd)
favaeftcüt. (Jin i^inDtnid) fiii" ric thl^il•cll^c ^itsUn^- 5J(it 1 Sparte unt)
2 45fä»cn- 1 Zijlx. 15 Bc^x. = 2 gl. 42 Äv. .r^cin. zz 2 %l. 25 jtr. öftevv.
Weise, C. H.: Der Saturnische Vers im Plautus, und an sich, nach den
Zeugnissen der Grammatiker. 12i Sgr. zz 45 Kr. rhein. — 63 Kr. österr.
Dr. 3üf). ?^-r. Xb. SBob Ifart (i: 65efd)id)te l>eö gefammtcn
®r5ic^un9ö= unb 8^ulttJcfcnö,
in bcfonbcver aiiicfiuljt auf ftc gcj^einvävtiäc Bcit imt i()re 5LH-i'cnini3en. g-üv
®Äuliiuffef)er , @cift(icf)e, 2ef)rcv, (ji^icbcr iiut^ cjctnitcte (s-Ücvn. 2 SBäntc.
4 Zi)lx. 15 B$x. zz 8 Jyl. 6 Ar. vl)cin. zz 6 %l 75 Mx. oikxx.
XE>OPHO>'S A^ABASIS.
Zum Schulgebrauche mit Erläuterungen herausgegeben, sowie mit einem
Wörterbuche und grammatischen Anhange versehen von Konst. Matthiä.
1 Thlr. := 1 Fl. 48 Kr. rhein =: 1 Fl. 50 Kr. österr.
Z i e m a n n
in Deiuosthenem de bello Philipp! Olyuthico
commentatio. Edidit et epistolam adiecit C. F. Ranke.
20 Sgr. =: 1 Fl. 12 Kr. rhein. zz 1 Fl. österr.
AnKclsächsisches Lesebuch. Von Prof.^ Dr. Ludw. ^Ettmüller. — Unter
dem Titel: EXGLA A\D SEAXXA SCOPAS AXD BOCERAS. Anglosaxonum
poetae atque scriptores prosaici, quorum partim integra opera, partim
loca selecta collegit, correxit, edidit Ludov. Ettmüllerus. 1 Thlr.
20 Sgr. z: 3 Fl. rhein. ZZ 2 FI. 50 Kr. österr. Velin -Papier 2 Thlr. =
3 Fl. 36 Kr. rhein. = 3 Fl. österr.
Angelsächsisches Wörterbuch. \on Prof. Dr. Ludw. Ettmüller. — Unter
dem Titel: VORDA VEALIISTOD EXGLA AXD SEAXX.A. Lexicon anglosaxo-
nicum ex poetarum scriptorumque prosaicorum operibus nee non lexicis
anglosaxonicis collectum, cum synopsi grammatica edidit Ludov. Ett-
raiillerus. 4 Thlr. 15 Sgr. — 8 Fl. 6 Kr. rhein. zz 6 Fl. 75 Kr. österr,
Velin -Papier 5 Thlr. 10 Sgr. zz 9 FI. 36 Kr. rhein. ZZ 8 FI. österr.
Druok von Q. Basse in Quedlinburg.
Verlag von F. C. ^f. Yog'cl in Leipzig,
Soeben erschien und ist durch jede Buchhandlun>,^ zu beziehen:
I>ie liis torisclxeii "%^ollisliodLer
der Deutschen
vom 13. — 16. Jahrhundert.
Herausgegeben
durch die historische Oommission bei der Königl. Akademie der Wissenschaften
in München.
Gesammelt und erläutert
von
K. y. Lilieneron.
Vierter (Schluss-) Band.
Lex. 8. 650 Seiten, geh. 3 Thlr. 15 Sgr.
Das nunmehr complete Werk kostet 13 Vs Thlr. Dasselbe ist vollständig
oder in einzelnen Bänden zu beziehen.
Diese Sammlung der deutschen historischen Volkslieder und politischen Gedichte
(1243^1554) bietet nicht nur dem Historiker und Sprachforscher, sondern
allen Freunden der Litter atur eine Fülle des interessantesten Stoffes über die
Geschichte und Litteratur unseres weitesten Vaterlandes.
Wörterbiicli
zu
Dr. Martin Luthers
Deutschen Schriften.
Dritte Lieferung.
(Dach — Fahren).
4. 30 Bogen, geh. 1 Thlr. 14 Sgr.
U e b e r
Otfrid's Versbetonung
von
Dr. Eichard Hügel.
gr. 8. S^/g Bogen, geh. Preis 10 Sgr.
Neuer Veilag der Biichliaii(lliiii.g: dos Waisenhauses vom Jahre 1869.
Walther Yon der Vogelweide,
herausgegeben und erklärt
von
W. Wilmamis.
251/2 Bogen gr. 8. geh. 1 Thlr. 15 Sgr.
Auch unter dem Titel:
Germanistische Handhihliothelt,
herausgegeben von
Prof. Dr. Jul. Zacher, l. Band.
Im Verlage des Unterzeichneten ist erschienen und in allen Buchhandlungen
zu haben :
Bibliothek der ältesten deiitsclieii LittcratiirdeiikmiUer. Her-
;iu8ge£,^ebeii von Moritz lloyiie, Dr. pliil., Priviitdoceut in Halle.
1. Band. Ulfilas oder die uns erhaltenen Denkmäler der gothisohen Sprache.
Text, ({ranuiiatik und Wörterbuch. Bearbeitet und herausgegeben von Ferd.
Ludw. Stamm, Pastor an St. Ludgeri in Helmstedt. Vierte Auflage,
besorgt von Dr. Moritz Heyne, Privatdoocnt in Halle. 1869. gr. 8. 380 Sei-
ten, geh. 1 Thlr. 20 Sgr.
Diese 4. Auflage ist sowohl im Texte (durch Benutzung von Uppströms
Analekten) , als im Glossar , das ganz neu gearbeitet und aufs Doppelte und mehr
erweitert ist, wesentlich verbessert und vermelirt.
n. Band. Altniederdeutsche Denkmäler. 1 . Theil : Heiland. Mit ausführlichem
Glossar lierausgegeben von Dr. Moritz Heyne. 1865. gr. 8. 388 Seiten,
geh. 2 Thlr.
TTT- Band. Beövulf. Mit ausführlichem Glossar herausgegeben von Dr. Moritz
Heyne. 1868. gr.,8. 288 Seiten. Zwe ite Auf läge, geh. 1 Thlr. 10 Sgr.
IV. Baud. Altniederdeutsche Denkmäler. 2. Theil : Kleinere altniederdeutsche
Denkmäler, Mit ausführlichem Glossar herausgegeben von Dr. Moritz Heyne.
208 Seiten. 8. geh. 1 Thlr.
Alo grammatisches Hilfsmittel reiht sieh diesen Bänden an:
Kurze Grammatik der allgemeinen Sprachstämme. Gothisch, Althochdeutsch,
Altsächsisch . Angelsächsisch , Altfriesisch , Altnordisch. 1. Theil : Kurze
Laut- und Flexionslehre der altgermanischen Sprachstämme. Herausgege-
ben von M. Heyne. 1862. gr. 8. 342 Seiten, geh. 1 Thlr. 10 Sgr.
Die Arbeiten M. Heyne's, der auch neuerdings wieder als Mitarbeiter an
Grimm's deutschem Wörterbuche seine glänzende Fähigkeit , Glossare zu verfassen,
bewiesen hat, sind von der gelehrten Welt als vorzüglich anerkannt.
Ferner erschien:
Waltlier von Aqnitanien. Heidengedicht in 12 Gesängen übersetzt
und mit Erläuterungen und Beiträgen zur Heldensage und Mythologie
versehen von Franz Liiiiiig'. 160 Seiten. 8. geh. 10 Sgr. hübsch
cartonirt 12 Sgr.
Paderborn. ^^^^ Ferdinand Schöningh.
Neuer Verlag von Breitkopf & Härtel in Leipzig.
^Wanclg-ernälcle der vom Vesuv verschütteten Städte
Campaniens, beschrieben von Wolfg'aiig HelMg". Nebst einer
Abhandlung über die antiken Wandmalereien in technischer Beziehung
von Otto Donner, Mit 3 eingefügten Tafeln und einem Atlas von
23 Tafeln gr. 8. geh. 8 Thlr.
Genaue, auf Autopsie beruhende Beschreibungen der erhaltenen antiken Wand-
malereien , mit beigefügtem , wissenschaftlichem Apparate , einer Eeihe kunsthistori-
scher Untersuchungen und drei Eegistern. Die Abhandlung von 0. Donner enthält
eine eingehende Untersuchung ilires Gegenstandes, der Atlas Darstellungen unpubli-
cirter und besonders wichtiger Bilder.
In meinen Besitz ist der gesammte Auflagerest von
H. B. Ch. Brandes. Das ethnographische Verhältniss der Kelten
und Germanen nach der Ansicht der Alten und den sprachlichen
Ueberresten. Leipzig 1857.
übergegangen. Um den Absatz dieses anerkannt tüchtigen, wissenschaftlichen Wer-
kes möglichst zu befördern , habe ich den Ladenpreis desselben von 2 Thli-. auf 25 Sgr.
herabgesetzt, und ist es zu diesem Preise sowohl — gegen Francoeinseudung des
Betrags — von mir direct, als auch durch alle Buchhandlungen zu beziehen.
Halle a/S. Emil HeriMiaiiii.
Neuer Verlag der Bncliliaiidluiig: des Waisenhauses vom Jahre 1869.
Das natürliche System der Spraclilaiite
und dessen Verliältnis
ZU den wichtigsten Cultursprachen , mit befonderer Kückficht auf
deutsclie G-rammatik und OrtliograpMe
von
Dr. H. ß. Rumpelt.
15 Bogen gr. 8. Text. 1 gedr. u. 4 lithogr. Tafeln , geh. 1 Thlr. 15 Sgr.
Le besant de dien
von
Cruillaume, le clerc de Normandie.
Mit einer Einleitung über den Dichter herausgegeben von Ernst Martin.
11 Bogen gr. 8. geh. 1 Thlr.
Visio Tniagdali
edidit
Oskar Schade,
phil. Dr. Univ. Eegün. Prof. P. 0.
4 Bog. gl-. 4. geh. 15 Sgr.
Liber de infantia Mariae et Christi Salvatoris
ex codice Stiittgartensi descri^^sit
et enarravit
Oskar Schade.
6 Bog. gr. 4. geh. 20 Sgr.
Sedulii Scotti
carmiiia quadragiiita
ex codice Bruxellensi
edidit
Ernestus Dümmler.
4 ',2 Bog. gr. 4. geh. 15 Sgr.
Elementar-, Laut- und Formenlelire
der
lateinisclien Sprache
von
Dr. Heinrich Schweizer -Sidler,
Professor am (»yinuasiuiu uail an der Universität zu Zürich.
10 Bog. gr. 8. geh. 12 ',2 Sgr.
N(MHM- y<Ml!i}^' der niicininiidliinn- dos Waisoiilians(>s vom .Inhic isdl).
Büclisonsehütz, Prof. Dr. 15., Besitz und Erwerb im Griechischen
Alterthume. oO Bog. gr. 8. geh. 3 Tlilr.
Coiizo, l'rof. Dr. A., Beiträge zur Geschichte der griechischen Pla-
stik. Mit XT Tafehi , meistens nach Abgüssen des archaeologischen
Museums der Köuigl. Universität Halle -Wittenberg gezeichnet und
lithograpliirt v. H. Schenck. 2. Aufl. 5 Bog. Text, hoch 4. geh. 3 Thlr.
T. Hciiiemaiiii. Dr. C. , (Oberbibhothekar in Wolfenbüttel) , Lothar der
Sachse und Konrad IIL 17 Bog. 8. geh. 25 Sgr.
Hess, trcor^', (Direktor des Gymnasiums zu Oels), Erzählungen aus der
ältesten Geschichte Eoms. Bd. I. Rom unter den Königen. lO Bog.
8. geh. 10 Sgr., geb. 16 Sgr.
Jäü'er, Oskar, (Direki;or des Friedricli Wilhelms- Gymnasiums zuCöln),
Die punischen Kriege nach den Quellen erzählt. I. Bd. Rom und
Karthago. 9 Bog. 8. geh. 10 Sgr.
IL Bd. Der Krieg Hannibals. 18 Bog. 8. geli. 20 Sgr.
complet, elegant in Leinen gebunden. 1 Thlr. 10 Sgr.
Kalisclier , Dr. S. , De Aristotelis Rhetoricis et Ethicis Nicomacheis
commentatio. 572 Bog. gr. 8. geh. 15 Sgr.
Kreiizwald, Friedrieh, Ehstnische Märchen, aus dem Ehstnischen
übersetzt von F. Löwe , ehem. Bibliothekar an der Petersburger Aka-
demie der Wissenschaften. Nebst einem Vorwort von Anton Schief-
ner, und Anmerkungen von Reinh. Köhler und A. Schiefner.
22V2 Bog. 8. geh. 1 Thlr. 7V2 Sgr. geb. 1 Thlr. 15 Sgr.
Kurseliat, Friedrich, (Kgl. Professor, evangel. litt. Prediger und Diri-
gent des litt. Seminars bei der Universität zu Königsberg in Pr.),
Deutsch - littauisches Wörterbuch. 1. Lieferung. 10V2 Bog. Lex. 8.
geh. 25 Sgr.
Merx , Dr. Adalh. , Grammatica Syriaca , quam post opus Hoffmanni
refecit. Particula secunda. ca. 30 Bog. geh. 3 Thlr.
Opitz, Oberlehrer Dr. E., Ueber die Sprache Luthers, Ein Beitrag
zur Geschichte des Neu -Hochdeutschen. 3^2 Bog. gr. 8. geh. T^o Sgr.
Piatos Kratylus im Zusammenhange dargestellt und durch kritisch -
exegetische Anmerkungen erläutert von Dr. Hermann Schmidt,
Gymnasial - Dir. a. D. 7 Bog. gr. 8. geh. 15 Sgr.
Sehröder, Dr. Paul . Die Phönizische Sprache. Entwurf einer Gram-
matik nebst Sprach- und Schriftproben. Mit einem Anhange, enthal-
tend eine Erklärung der punischen Stellen im Pönulus des Plantus.
22 Bogen. Lex. 8. Nebst 22 lithogr. u. authogr. Tafeln, geh. 4 Thlr.
Thiemaiin, Dr. C. , Heliodori colometriae Aristophaneae quantum
superest una cum reliqnis scholiis in Aristophanem metricis. 9 Bog.
gr. 8. geh. 25 Sgr.
Wolf, Fr. Aug. , Kleine Schriften in lateinischer und deutscher Sprache.
Herausgegeben von G. Bernhardy. 2 voL 77 V2 Bog. gr. 8. geh.
4 Thlr. 15 Sgr.
PF Zeitschrift für de-utschQ
3003 Philologie
Z35
Bd.l
PLEASE DO NOT REMOVE
CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET
UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY
'h.^ ä*
At ' ^^
Ktipi.;
^St.*i
►«Ig^.
w*
^1
*J^
^w% '^■#
* »^
• :«l
m